Erfahrungsaustausch hinter Gittern

Aufzeichnungen aus Lukaschenkas Gefängnis

Ich schreibe diese Zeilen am Montag um 23 Uhr. Wenn es klappt, gelangen sie noch vor Redaktionsschluss zu den Kollegen. Das Licht ist erloschen, aber das Gefängnis schläft nicht. Es rauscht wie ein nächtlicher Dschungel. Aus den Zellen dringen Gesprächsfetzen und Lachen, das teilweise zu einem Dröhnen anschwillt. Geräusche wie in einem Jugendsommerlager. Tagsüber wird hier Schach gespielt, mit aus Brot geformten Figürchen, oder man spielt Gruppenspiele, wie auf Partys, manche spielen auch Schiffe versenken oder ziehen sich mit ihren Kreuzworträtseln zurück. Nach dem Zapfenstreich kommt immer die Zeit der Wortspiele. Das ganze Gefängnis erinnert sich an die Soldaten und Offiziere der Spezialeinheit, an die Begleiter der Gefangenentransporte, macht bissige Witze über den Diktator und seine Kamarilla, die Radiokommentatoren und Sergeanten; letztere sind gruppenweise aus der ganzen Hauptstadt hierher getrieben worden, um Wache zu halten. “Bisschen leiser, verdammte Scheiße!” fordern sie wütend, aber das Stimmengewirr nimmt nicht ab. Durch das Fensterchen über der Tür fällt das Licht einer Lampe. Sie spendet mir Licht zum Schreiben.

Der Wächter hat vor einer Stunde den jungen Männern aus der Nachbarzelle gesagt, dass noch dreihundert neue Gefangene auf dem Weg hierher seien. Eine geradezu fantastische Zahl, wir glauben nicht daran. Solche Späßchen machen sie hier nach einer Woche ständiger Verhaftungen. Der letzte große Gefangenentransport kam am Samstag. Zuerst machte das Gerücht die Runde, dass fünfzehntausend Demonstranten zu unserem Gefängnis zögen, nach zwei Stunden wurde es von Innenminister Navumau im Staatsradio bestätigt, und die Gefangenen begrüßten seine Worte mit dem Oppositionsslogan “Zyve Belarus – Lang lebe Belarus!”, dazu das Klappern von allen möglichen und unmöglichen Gegenständen auf den Heizungen. Die Heizungen sind nicht sehr warm. Tagsüber werden sie ganz abgeschaltet.

Wir sitzen in dem Neubau des Gefängnisses, der noch nicht fertig gestellt ist, aber bereits überquillt mit Gefangenen. Menschen, die auf dem Oktoberplatz oder in seiner Nähe aufgegriffen wurden. In einer Fünfmannzelle sind wir zu acht und versuchen, durch Hochrechnen zu überschlagen, wie viele wir insgesamt sind. Wir wissen nicht, wie viele Zellen der alte Gefängnisbau hat. Im Neubau sind es etwa vierzig. Wie viele sind wir dann wohl? Beim Mittagessen müssen wir unsere Unterschriften hinter eine Nummer setzen: 327, 328 … sechshundert? Achthundert? Das belarussische Staatsradio, die einzige Informationsquelle, teilt die Zahl der Verhafteten nicht mit. Ein sicheres Zeichen, dass es sehr, sehr viele sind.

Ich stand mit den Händen hinter dem Rücken und dem Gesicht zur Wand in der Aufnahmeabteilung des Altbaus und hörte hinter den Stahltüren die Stimme von Alescha Janukevic,1 der mir etwas zurief. Mit ihm sitzen Jura Sidun2 und Andrej Ceraschkou3 in einer Zelle – insgesamt elf Personen. Im Altbau ist es wärmer als bei uns, dafür riecht es nach Obdachlosen und man hat keine Einzelbetten. Während ich mich für die Leibesvisitation anstelle, höre ich Anatol’ Ljabed’ka4 in Zelle Nr.4, er verlangt etwas von seinem Wächter. Und da, aus der medizinischen Aufnahmestelle – ist das nicht der Bariton des Philosophen Akudovic?

Am Samstag bekommen wir Päckchen von unseren Verwandten zugeschickt – zusammen mit der neuen Ausgabe von Nascha Niva, wir schneiden sie vorsichtig mit der Zahnpastapackung auf,5 und ich wundere mich, als ich Akudovics Überlebenstipps für Zeltlager lese. Habe ich wirklich die Stimme meines Bruders im Geiste gehört?

Die beiden Gefängnisbauten sind restlos überfüllt. In den Zellen stinkt es. Aber politisch aktive Bürger haben sich ans Gefängnis gewöhnt. Keiner verfällt in Depressionen. Die neuen Gefangenen erzählen uns von den Massenprotesten zum Unabhängigkeitstag. Das Gefängnis applaudiert den Menschen, die “Schämt Euch!” und “Es lebe Belarus!” vor dem Gefängnistor rufen. Die Kameraden besprechen, wie man die Arbeitskollegen zu Solidaritätsaktionen ermuntern könnte, die nach folgendem Prinzip ablaufen könnten: Sie essen nur zwei Mal täglich, wie die Gefangenen, bis der letzte Gefangene wieder frei ist. Die Kameraden lesen die Kolumne des Intellektuellen Valer’ Bulhakau in Nascha Niva: “Seid zu allem bereit, aber lasst euch nicht unterkriegen.”

Stolz nehmen wir unsere Päckchen von den Familien entgegen. Unsere Frauen haben sich nicht die bequemsten Männer ausgesucht. Es beruhigt, dass auch die Leute von außerhalb der Hauptstadt Päckchen bekommen. Es hat uns auch beruhigt, als während der Gerichtsverhandlungen die Menschenrechtler und die Anwälte da waren. Sie waren machtlos – aber sie waren wenigstens da.

Gefängnis verbindet. Wir sind viele, und wir beobachten, wie unser Optimismus die Wärter ansteckt. Die neuen unter ihnen starren uns an, beginnen mit uns zu reden. Einige machen zum Abschied das “Victory”-Zeichen durch das Guckloch. “Na, Jungs, ist es hart hier?”, fragt einer von ihnen. “Guckt mal, drüben bei den Mädels in der Zelle gibt es Spritzen und Pornozeitschriften”.6 Wir biegen uns vor Lachen.

Lieb Vaterland mein

Wir hören Radio. In Frankreich, heißt es da, beginne eine soziale Krise, in Schottland seien Pubs geschlossen worden, deshalb gebe es nun 1200 Arbeitslose. Wir feiern, dass der oberste Garant der sozialen und wirtschaftlichen Stabilität unseres Landes sich bereits eine ganz Woche in Schweigen hüllt. Anscheinend haben die “Orangenen” in der Ukraine gesiegt, das lässt sich an den Meldungen des Staatsradios erkennen: Die Staatsjournalisten behaupten, dass in einer Reihe von Wahllokalen Chaos herrsche. Die Jungs spüren, dass auch wir unseren Teil zu diesem Sieg beigetragen haben. Denn die Ukrainer haben rechtzeitig erkannt, was die Kumpels von Symanenka und Witrenka7 machen, um an der Macht zu bleiben. Ungefähr neun Mal am Tag hören wir, dass das belarussische Außenministerium sich wütend gegen die Einmischung von USA und EU in die inneren Angelegenheiten unseres Landes wehrt, und wir wissen: Man versucht, uns rauszuholen. Die Kameraden haben dem Regime den “eleganten Sieg” verdorben. Deshalb schweigt Lukaschenka. Bis zum März schien es mir, als würde die Republik der Lügen ihren Schöpfer überleben. In der Arrestzelle habe ich den Glauben daran gefunden, dass alles viel früher vorbei sein kann. Ich habe die Kraft der Moral unterschätzt, die jene beseelte, die protestierten, aber auch das breite soziale Fundament der Proteste. Im Unterschied zu 1996 und 2001 wussten jene, die in diesem Frühjahr auf den Oktoberplatz gegangen sind, wofür sie es taten.

Wer sitzt hier mit mir? Vor allem Menschen, für die es der erste Gefängnisaufenthalt ist. In erster Linie junge Menschen zwischen 18 und 35. Ein Minsker Programmierer, geboren in Braslau; ein DJ aus Mahilou; ein Händler vom Minsker Stadionmarkt (ein ethnischer Russe, Sohn eines Soldaten, der mit 17 nach Belarus gekommen ist). Sie alle sind der lebendige Gegenbeweis gegen die stumpfen nationalistischen Stereotypen vom gleichgültigen Durchschnittsbürger. Außerdem gibt es noch einen Geschäftsmann im Kaschmirmantel, er ist gleichzeitig Pastor einer evangelischen Kirche; einen Arbeiter und Musiker aus Homel; den Journalisten Vadzim Aleksandrovic von der unabhängigen Zeitung Belarusy i rynok; einen Minkser Klempner, der bereits eine leitende Position in der verbotenen Jugendorganisation “Junge Front” inne hatte und auch schon amerikanische Zeichentrickfilme auf Belarussisch übersetzt hat.

Persönlichkeiten

Die Zellen im Akrescina-Gefängnis sind von einem eigenen, intensiven Seelenleben erfüllt. Wahre Gläubige predigen von den Prüfungen, die Joseph auf Gottes Geheiß bestehen musste, Dissidenten mit zwanzig Jahren “Berufserfahrung” erzählen von einer längst vergangenen Zeit. Die Jüngeren wissen nichts vom Frühling 1996.8 Die Jugendorganisation “Zubr” (“Wisent”) ist unsere Spezialeinheit, das habe ich im Gefängnis erst richtig kennen und schätzen gelernt, wo sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zeigen. Hier herrscht keine Schwermut, keine Angst. Nur das Gefühl, seine Pflicht getan zu haben. “Wer, wenn nicht wir?” fragt ein Manager aus Harodnja. Er hatte den Kofferraum seines Ford mit teurem Schweinefleisch, Käse und Mandarinen beladen. Er wollte den Demonstranten im Zeltlager eine Freude machen und fuhr damit am 21. März um sechs Uhr nach Minsk. Er kam bis zum Oktoberplatz. Dort nahmen sie ihn fest.

Ich selber wurde früh morgens am 21. festgenommen, nach der ersten Nacht der Demonstrationen auf dem Oktoberplatz. Im Gefangenentransporter war ich nicht allein: Die Männer von der Spezialeinheit trieben weitere Menschen hinein, die aus dem russischen Fernsehen oder dem Internet von dem Zeltlager erfahren hatten. Die erste Reaktion war Solidarität. Nur einer brachte ein Zelt und eine Angel mit, an der eine Flagge angebracht werden konnte (ein immer wiederkehrendes Motiv aus den Gefängniswitzen). Die anderen hatten Lebensmittel dabei. Eine Frau brachte acht Brötchen und eine Thermoskanne mit Tee, ein junger Mann vierzig Schoko-Quark-Teilchen. Ich kenne ihn, er wohnt bei mir gegenüber. Wir sind einander oft begegnet, haben uns aber nie gegrüßt. 1996 musste man eine Geldstrafe zahlen, wenn man sich mit der Spezialeinheit gerauft hatte. Heute, im März 2006, müssen Mädchen für eine Kanne Tee sechs Tage im Gefängnis auf einer Pritsche schlafen.

Wenn der erste Schock vorbei ist, werden diese Mädchen zweistimmig das melancholisch-sehnsüchtige Rocklied “Luftballon” singen9 und sogar die Gefängniswärter necken, indem sie die Zellenglocke läuten und “Es lebe Belarus” rufen. Die Mitgefangenen erzählen, dass diese Mädchen am Abend des 21. März riefen: “Wir bleiben”, während der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Kozulin vorschlug, das Lager abzubauen, Milinkevic schwankte, und die Männer schwiegen.

Ein Artikel in der letzten Ausgabe von Nascha Niva hieß “Der erste Tag der Revolution”. Es war aber keine Revolution. Es waren Protestaktionen. Ich hatte den Eindruck, dass sie eher moralischer als politischer Natur waren. Und wenn unter den Machthabern wenigstens ein nüchterner Beobachter ist, dann kann er nicht ignoriert haben, dass zwei von drei Autos, die am Oktoberplatz vorbeifuhren, zum Zeichen der Solidarität hupten. Es wird erzählt, dass vom 21. März an die Verkehrspolizei die Autokennzeichen der Huper per Funk an die Kollegen zwei Blöcke weiter durchgab. Dort mussten die Autofahrer dann Strafe zahlen. Nicht auf dem Oktoberplatz, wo die Staatsmacht ihre demokratische Fassade präsentierte.

Abgeschottetes Territorium

Ich sitze auf einer langen Holzbank. Auf ihr schlafe ich auch. Sie ist 28 Zentimenter breit – das habe ich mit einer Streichholzschachtel ausgemessen. Meine Mitgefangenen liegen wie Sardellen nebeneinander, Kopf neben Fuß, Fuß neben Kopf; sie ziehen ihre Jacken über die Beine, krempeln die Ärmel runter. Denn die Kälte kriecht aus dem vergitterten Fensterchen mit dem Feuermelder, das zwischen Zelle und Korridor angebracht ist, es zieht durch den vergitterten Fensterrahmen, wo anstatt normalen Fensterglases eine milchige, splitterfeste Scheibe eingesetzt worden ist. Aus so einem Glas wurden in der späten Sowjetzeit die schicken Türen in den Wohnblöcken gemacht. Das Gefängnis ist endlich zur Ruhe gekommen. Auf den Heizungen trocknen Socken. In dem Aschenbecher, der aus einem Stück Brot geformt ist, dem einzigen vorhandenen Material, liegen ausgedrückte amerikanische Zigaretten der Marke “Kent”. Die braune Decke reflektiert das Licht einer Lampe, im Flur hustet der Wachposten, an den blechbeschlagenen Türen tritt die Essensluke hervor, durch die uns zwei Mal täglich das Essen gereicht wird. Wenn man keine Klaustrophobie hat, ist es hier auf eine eigentümliche Art ruhig und still. Man ist versorgt und muss sich um nichts kümmern.

Gefängniszeit ist wie Schwangerschaft: Besonders schwer ist es ganz am Anfang und gegen Ende. In den Zellen wird besprochen, auf welche Provokationen wir uns “am Ausgang” gefasst machen müssen, wenn wir frei kommen. Fast jeder hat hier einen Bekannten, der aus politischen Gründen angeklagt wird. Besonders weh tat es, von Sjarhej Salasch10 – den sie eine Nacht vor der Gerichtsverhandlung zu uns sperrten – zu hören, dass dem Museumsmitarbeiter Kastus’ Schyklouski in Braslau Drogen untergeschoben wurden. Von diesen Machthabern kann man alles erwarten. Wir sind zu den schlimmsten Praktiken der Sowjetunion zurückgekehrt, gleichzeitig wurde der repressive Apparat sogar noch aufgeblasen.

Aufgeblasener Apparat

Die Sowjetunion bereitete sich auf einen Krieg mit äußeren Feinden vor und gab viel Geld für komplizierte Raketensysteme aus. Das Lukaschenka-Regime gibt alle Mittel für den Kampf mit dem inneren Feind aus und hat deshalb die Spezialeinheiten aufgestockt – und außerdem die präsidiale Leibgarde und den KGB. Über ihnen steht der Sicherheitsrat mit Lukaschenkas Sohn Viktar, der dem Apparat die Befehle erteilt. Die Sicherheitskräfte sind im Vergleich zur Sowjetzeit um ein vielfaches angewachsen. Man hat den Eindruck, dass sie alle gemeinsam auf dem Oktoberplatz eingesetzt werden.

Die Verhaftungen sind unterschiedlich abgelaufen. Von einem Studenten habe ich gehört, dass die Spezialeinheit die Menschen auf dem Janka-Kupala-Platz im Zentrum eingesammelt hatte, zusammenschlug, ordentlich in den Transportern aufschichtete und in unser Gefängnis brachte. Ich weiß nicht, ob diese Darstellung übertrieben ist. Die “Wisente” und einige regionale Aktivisten wurden bei Telefongesprächen abgehört. Sie wurden als “besonders gefährliche Kriminelle” festgenommen, in der Straßenbahn oder in Wohnungen, die sie für ein paar Tage in Minsk gemietet hatten.

Insofern ich das aus persönlichen Gesprächen einschätzen kann, scheint sich das Regime auf die Tausenden Elitekämpfer seiner Spezialeinheiten so lange verlassen zu können, wie es genug Geld haben wird, sie zu bezahlen. Diese Soldaten werden im Geiste absoluter Gehorsamkeit gegenüber ihrem Vorgesetzten erzogen, die Einhaltung der Gesetze ist zweitrangig. Sie fühlen sich durchaus wohl dabei, wenn sie eine nachweislich falsche Zeugenaussage zu angeblichem “Fluchen in der Öffentlichkeit” abgeben, auf deren Basis die Demonstranten in der Regel für einige Tage weggesperrt werden.

Das repressive System ist sorgfältig ausgebaut worden. Die “ideologische Vertikale” ersetzt die Parteistruktur. Sie koordiniert die Indoktrination und kontrolliert das Verhalten der Menschen. Die Vertikale schmiegt sich eng an die Geheimdienste (die Verantwortlichen für Ideologie in Staatsinstitutionen sind oft gleichzeitig verantwortlich für die Personalpolitik). Gemeinsam organisieren und fälschen sie die Pseudo-Wahlen. All das geschieht unter Begleitung des staatlichen Medienorchesters. Proteste werden durch Sicherheitskräfte unterdrückt, bevorzugt präventiv, gleichzeitig bestätigen Gerichte und Wahlkommissionen einfach die von der Staatsführung getroffenen Entscheidungen. Die günstige wirtschaftliche Konjunktur erlaubt es den Mitarbeitern des Systems, an dessen Ewigkeit zu glauben, und, was nicht unwichtig ist, an seine Gerechtigkeit. Es scheint, dass das Lukaschenka-System, wie das sowjetische, grenzenlose seelische Korruption und propagandistischen Idiotismus hervorbringt. Und bei jenen, die materiell davon profitieren und eine gewisse ideologische Sicherheit genießen, ruft es geradezu totalitäre Hingabe hervor. Das lässt sich an Lidzija Jarmoschyna beobachten, der jahrelangen Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission.

Geheimnisvolle Besucher

Wir, die Bewohner von Zelle Nr. 13, haben dieses Phänomen der totalen Regimehörigkeit an einem anderen Menschen beobachten können. Wer er war, konnten wir nicht mit endgültiger Sicherheit sagen. Warum er kam – ebenso wenig. Er erschien am Freitag, den 24. März, abends. In der Nacht vom 23. auf den 24. räumten die Sicherheitskräfte gerade das Zeltlager.

Zwei Männer in Zivil kamen zu uns in die Zelle. Sie wurden von den Gefängnischefs begleitet, hochgestellten Polizeibeamten. Der eine war blond, auf dem Kopf trug er eine Mütze aus Nerzfell. Wenn er uns ansah, blinzelte er nicht und er hatte den durchdringenden Blick eines SS-Manns in Sowjetfilmen. Wir sollten unsere Berufe nennen. Denn angeblich schreite er die Zellen ab, um zu sehen, “wer hier diese Unruhen angezettelt hat”. “Ich und der stellvertretende Bildungsminister nehmen uns euch noch gesondert vor!”, verkündete er dem Jüngsten unter uns. “Was fehlt dir denn? Bekommst du zu wenig Geld?”, fällt er über den Programmierer her. Das Gespräch mit dem DJ endet in einem kurzen Vortrag, aus dem wir erfahren, dass

– Kozulin ein Verräter sei und dass niemand hinter ihm stehe, außer den dreißig Leuten, die ihn bei seinem Besuch im Palast der Eisenbahner am zweiten März begleitet hatten.11 In Kozulins Wahlprogramm zeige sich, dass ihm Belarus nichts bedeute;

– Milinkevic ein Muttersöhnchen sei;
– wir ausgenutzt würden, um Geld, viel Geld zu verdienen. Und dass Milinkevic, während wir froren, mit seiner Familie in der Kneipe gesessen und ein Weinchen getrunken habe;
– in Belarus ein Staat für das Volk geschaffen werde, und niemand das Recht habe, den Willen von 83 Prozent der Wähler anzuzweifeln;12
– alle Protestaktionen niedergeschlagen würden.

An dieser Stelle wandte er sich an den zweiten Mann in Zivil, den er uns vorstellte als “Freund von der Uni, der heute in Russland arbeitet”. Die beiden wurden allerdings unsicher, als der Journalist Vadzim Aleksandrovic begann, mit ihnen auf Belarussisch zu diskutieren. Der russische “Kollege” fragte den Chef des Zellentraktes: “Welche Sprache spricht dieser Gefangene?” “Belarussisch”, lautete die Antwort.

Als die Besucher gegangen waren, begannen wir zu überlegen, wer das gewesen sein könnte. Wir fragten den Wärter: “Das war der stellvertretende Minister”, sagte er. Aber Haltung und Manieren wiesen nicht auf einen stellvertretenden Innenminister hin, eher auf einen Mitarbeiter der Geheimdienste. Oder einer Spezialeinheit. Des Rätsels Lösung entdecken wir in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Unser Sport, die auch zusammen mit den Päckchen von unseren Familien kommt. Der Mann sitzt zwischen Aljaksandr Lukaschenka, Premierminister Sergej Sidorski und dem Minsker Bürgermeister Mikola Paulau bei dem Tennismatch Belarus gegen Spanien. Ja, da sitzt er: Luschnikau, der Chef der Leibgarde des Präsidenten. Aber was hatte ein russischer Geheimdienstler neben Luschnikau verloren? Heißt das etwa, dass bei den Ereignissen vom 19. bis 25. März in Minsk einer oder mehrere russische Berater anwesend waren? Interessant.

Was bedeutet dieser Besuch? Möglich, dass der russische Geheimdienstler einfach einmal mit eigenen Augen die “Kriegsgefangenen” sehen wollte. Wer sind die, die es wagen, das Imperium herauszufordern? Mehr als alles andere freute uns an seinen Worten die Nachricht, dass niemand das Zeltlager vor dem Sturm verließ, “außer unseren Leuten”.

Opfergang als Therapie

Draußen wird es hell, also wird die Zelle Nr. 13 bald erwachen. Ich muss schnell fertig werden: Es ist unmöglich zu schreiben, während die sieben Mitgefangenen reden, rauchen oder ihre physischen Bedürfnisse befriedigen.

Das Land hat sich einen Schritt weiter von der Normalität entfernt. Aufgrund der Massenverhaftungen herrschte vor den Wahlen eine angespannte Atmosphäre von Terror und Repression. Es ist im heutigen Belarus unwichtig, ob man das Gesetz bricht oder nicht. Man kann von der Hochschule fliegen, entlassen, zusammengeschlagen, eingesperrt werden – es reicht aus, Dinge zu tun, die als oppositionell gelten könnten.

Das Regime wollte das Zeltlager durch Blockade ersticken, es moralisch und physisch aushungern. Es zeigte sein wahres Gesicht bei den Verhaftungen von Demonstranten, die auf die Toilette gehen wollten, bei den Verhaftungen von Mädchen mit Thermoskannen und mit den Plakaten mit dem Aufdruck “Für ein blühendes Belarus”, die an den Polizeibussen mit den Verhafteten hingen. Für dieses Regime sind Fernsehbilder wichtiger als alles andere. Die Machthaber ließen alle festnehmen, die ihrer Meinung nach als potentielle Organisatoren von Protesten in Frage kamen, danach nahmen sie alle fest, die die Proteste trotzdem organisiert hatten. Dann geschah das Unglaubliche – für jeden Festgenommenen kamen drei neue. Und die Menschen versteckten Lebensmittel unter ihrer Kleidung. Auf Fotos ist das glückliche Gesicht eines Jungen zu sehen, der seine Jacke auszieht und dabei mehrere, um seinen Körper gebundene Würste zum Vorschein bringt.

Die Existenz des Zeltlagers hat Tausende von Menschen zu heldenhaften Taten angespornt, junge wie alte. Sie werden diese Taten auf Jahre hinweg nicht vergessen, und die Erinnerung daran wird ihre Herzen wärmen.

Aufopferung als Selbsttherapie einer Gesellschaft – das waren die Proteste im Frühjahr 2006. Die Machthaber begriffen, dass sie verloren hatten. Auf ihre schwerfällig-plumpe Art vernichteten sie das Zeltlager. Das half nichts, deshalb griffen sie beim Unabhängigkeitstag auf völlig primitive Provokationen zurück. So sehe ich das Bild jener Tage, die ich mehrheitlich hinter Gittern verbrachte. Wenn ich Unrecht habe, korrigiert mich.

Aljaksandr Milinkevic verkündete, dass nach dem 19. März Belarus als anderes Land erwachen würde – mutig und frei. Ich war mir nicht sicher, ob das keine propagandistische Phrase gewesen war. Ich weiß nicht, was dort bei euch in der Freiheit abläuft. Ich weiß nicht, wer überhaupt noch frei ist. Ich verbringe diese zehn Tage mit Menschen, die durch ihr Opfer eine Therapie durchgemacht haben; es sind wunderbare Tage mit wunderbaren Menschen. Möglich, dass sich Milinkevic nicht getäuscht hat.

23 Uhr, 27. März – 6 Uhr, 28 März 2006

Alescha Janukevic ist stellvertretender Vorsitzender der oppositionellen "Belarussischen Volksfront" (BNF).

Jura Sidun ist einer der Aktivisten der oppositionellen "Union Belarussischer Studenten".

Andrej Ceraschkou, Politiker der BNF.

Anatol' Ljabed'ka ist Vorsitzender der oppositionellen "Vereinten Bürgerpartei".

Nascha Niva erscheint im Tabloid-Format, die Seiten müssen am oberen Rand aufgeschnitten werden.

Spritzen und Pornozeitschriften" spielt auf die Berichterstattung des belarussischen Staatsfernsehens über das Zeltlager auf dem Oktoberplatz an. Das Fernsehen zeigte Bilder von Spritzen und Pornozeitschriften in den Zelten, um die Protestierenden zu diskreditieren.

Petr Symanenka, Vorsitzender der Kommunistischen Partei der Ukraine, und Natal'ja Vitrenka, Vorsitzende der Progressiven Sozialistischen Partei der Ukraine, sind pro-russisch und treten beide für eine Annäherung der Ukraine an Russland und Lukaschenkas Belarus ein.

Zeit der Massenproteste gegen das Referendum, mit dem Aljaksandr Lukaschenka die gesamte Staatsmacht in seinen Händen konzentrierte.

"Pavetrany schar" ist eine der Hymnen der regimekritischen Rockband "N.R.M."

Sjarhej Salasch, BNF-Aktivist aus Barisau.

Kozulin hatte versucht, sich auf dem staatlich inszenierten "Allbelarussischen Kongress" als Delegierter registrieren zu lassen. Er wurde zusammengeschlagen und festgenommen.

83 Prozent war das offizielle Ergebnis für Aljaksandr Lukaschenka bei den Präsidentschaftswahlen.

Published 13 June 2007
Original in Belarusian
Translated by Melanie Blume

Contributed by Arche © Andrej Dynko Eurozine

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