Die dehnbare Bibliothek

Bücherdigitalisierung und daran anknüpfende Kunstprojekte

26 August 2013
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In allen Bibliotheken der Welt schwelt ein Konflikt. Erfahrene, effiziente und anerkannte BibliothekarInnen alter Schule werden von Chefs, die mit schwerwiegenden Budgetkürzungen konfrontiert sind, mit dem Wörtchen “digital” bedroht, das als Allheilmittel für jegliche Raum- und Geldnot gilt. An anderen, weniger traditionellen Orten werden gleichzeitig massiv Bücher digitalisiert, um virtuelle Bibliotheken zu schaffen, die um vieles größer sein werden als die alten. Dieses Phänomen der Massendigitalisierung zur Schaffung eines öffentlich zugänglichen Wissensstocks hat die Grundfesten der Bibliothek als Wissensquelle erschüttert. Ganz offensichtlich ist es nicht bloß die physische Sperrigkeit von Büchern, die heute fragwürdig erscheint. Es geht um die entscheidende Frage, ob wir im Zeitalter des Internets überhaupt noch einen zentralen Ort brauchen, an dem Wissen gelagert, erhalten, indiziert, verliehen und geteilt wird.

Books vs. tablet

Tablet-PC on hardcover book. Photo: Anton Kudelin. Source: Shutterstock

Dabei darf man aber nicht vergessen, dass auch heute noch traditionelle (öffentliche und private) Bibliotheken die Erhaltung und den Zugang zu einer Unzahl noch nicht digital verfügbarer Texte sicherstellen. Außerdem erzählt ein Buch einen Teil seiner Geschichte oft über seinen Erhaltungszustand, ganz zu schweigen vom Leseerlebnis in einer echten Bibliothek. Dennoch ist es offensichtlich, dass wir derzeit die größte Digitalisierungswelle aller Zeiten erleben, die nur mit dem vergleichbar ist, was zu Beginn des Jahrhunderts Napster für die Musik bedeutete. Diesmal aber laufen so viele Bemühungen diverser “Institutionen” parallel ab, dass wir alle Augenblicke hören, kleinere wie größere Bibliotheken hätten schon wieder neues historisches Material zugänglich gemacht. Die größten Unternehmungen in dieser Hinsicht sind Google Books (Privatwirtschaft) und das Internet Archive (Non-Profit).

Google behauptet offiziell, eine “Universal Library” im Privatbesitz aufzubauen, die im April 2013 angeblich bereits 30 Millionen digitalisierte Bücher umfasste.1 Das Internet Archive digitalisiert währenddessen eine große öffentliche Bibliothek aus Büchern mit Creative-Commons-Lizenz. Durch diese Umgehung von Urheberrechtsproblemen umfasst das Archiv bis heute beinahe fünf Millionen Bücher.

Beide monumentale Unterfangen kämpfen mit ein und demselben Problem, nämlich mit der zur Digitalisierung notwendigen Zeit. Dabei passieren naturgemäß auch Fehler, wie The Art of Google Books2 von Krissy Wilson beweist. Auf dieser Website, die zugleich Kunstwerk und Blog ist, veröffentlicht Wilson täglich (absichtliche und unabsichtliche) Digitalisierungsfehler, die Google Books unterlaufen. Diese Scanfehler können rein materiell sein (Kritzeleien und Anmerkungen, Abbildungen der Hand von scannenden Angestellten, getrocknete Blumen etc.) oder auch sprachlicher Art (inhaltliche und drucktechnische Fehler, herausgerissene oder fehlende Passagen). Sie alle werden von Wilson gewissenhaft kommentiert.

So sehr dieser zugegeben kleine Ausschnitt an physischen Fehlern, die gezwungenermaßen durch die Technik entstehen müssen, auch vorhersehbar sein mag, so sehr verweist er doch auf einen speziellen Aspekt der gesamten Entwicklung. Die institutionelle Scan-Maschinerie ist nämlich nur eine Seite der Medaille. Die andere ist das private Digitalisieren und Austauschen von Büchern. Auf Basis so großartiger Open-Source-Tools wie dem DIY-Bookscanner,3 gibt es derzeit verschiedene technische und planerische Bemühungen, digitale Spezialbibliotheken aufzubauen. Ein Vorbild hierfür ist das Monoskop von Dusan Barok.4 Barok digitalisiert seine riesige Privatsammlung diverser Medien (zu den Themen Gegenwartskunst, Kultur und Politik mit Schwerpunkt Osteuropa) und speichert sie in einem frei zugänglichen und regelmäßig aktualisierten Internetarchiv. Seine Auswahl ist beachtlich und kann trotz eventueller Urheberrechtsbeschränkungen frei kopiert werden. Monoskop ist ein extremes und zugleich exzellentes Beispiel für eine digitale Privatbibliothek, die öffentlich zugänglich ist.

Heute kann jede Sammlung, ob groß oder klein, leicht zugänglich gemacht werden. Dazu dient Calibre,5 eine frei entwickelte Software, mit der man private Bibliotheken effizient im Netz verwalten kann. So entstehen temporäre oder permanente autonome Zonen, in denen ganze Bibliotheken mit FreundInnen oder Freundeskreisen geteilt werden können.

Auch der Hacktivist und Programmierer Marcell Mars,6 hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Zusammen mit Tomislav Medak und Vuk Cosic organisierte er 2012 in Ljubljana das Festival HAIP,7 auf dem routinierte Softwareentwickler zusammen an einem komplexen Interface für die Suche und den Download aus großen privaten E-Book-Sammlungen arbeiteten, die dadurch wenigstens zeitweilig öffentlich zugänglich werden. Ein aufschlussreicher Slogan von Mars lautet: “Wenn alle Bibliothekare sind, ist überall Bibliothek.” Dieser Slogan umreißt die Auswirkungen der unendlich rekursiven Dezentralisierung von privaten Digitalbuchsammlungen sowie die Rolle, die das Digitale bei der Verbesserung des medialen Zugangs im Allgemeinen spielt.

Der verbesserte Zugang rückt indessen auch die Fragilität der Digitalisierung in den Vordergrund, ist diese doch völlig abhängig von der Stromversorgung, von funktionierenden Netzwerken, der Integrität von Speichermedien sowie neuester Hard- und Software. Was Bücher anbelangt, haben sich zu dieser Tatsache bislang nur wenige KünstlerInnen geäußert. Einer davon ist David Guez, der mit seiner Humanpédia8 eine exzentrische Art von “zeitbasierter Kunst” geschaffen hat.

Humanpédia ist von Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 inspiriert, worin eine Gesellschaft geschildert wird, in der die Benützung von Büchern streng verboten ist und eine kleine Gruppe im Geheimen ganze Bücher auswendig lernt, die mündlich weitergegeben werden. Guez wendet dieselbe Methode auf Wikipedia an, indem er Leute bittet, freiwillig einen ganzen Wikipedia-Artikel auswendig zu lernen. Damit verweist er indirekt darauf, dass er unser Gehirn für ein besseres Speichermedium hält als Computer.

Welche Rolle spielt die gute alte Bibliothek also noch? Paradoxerweise könnte sie, wenigstens potenziell, der beste Ort sein, an dem man Bücher zu digitalisieren oder auch vergriffene Werke auszudrucken und zu binden lernt. Davon unberührt bleibt die Tatsache, dass Bibliotheken zum geschützten Gemeinbesitz gehören, aus dem man sich auch Zukunft bedienen wird können.
Ein aktuelles Kunstwerk zu diesem Thema ist The SKOR Codex.9 Unter diesem Namen hat die Künstlergruppe La Société Anonyme, der Dusan Barok, Danny van der Kleij, Aymeric Mansoux und Marloes de Valk angehören, ein Buch veröffentlicht, das Binärcodes von Texten, Bildern und Klängen zusammen mit einer visuellen Anleitung, wie man diese decodieren kann, enthält. Ein Exemplar wurde per schriftlichem Vertrag der französischen Nationalbibliothek gestiftet. Tatsächlich funktioniert The SKOR Codex wie eine Zeitkapsel, die Informationen enthält, die auch in der Zukunft verwendet werden können. Jedenfalls ist sicher, dass dieses Buch (mit seinem digitalen Inhalt) viele Jahre da sein wird, um dereinst vielleicht aus einem Regal genommen zu werden.

  1. Vgl. http://www.nybooks.com/
  2. http://theartofgooglebooks.tumblr.com/
  3. http://www.diybookscanner.org/
  4. http://monoskop.org/log/
  5. http://calibre-ebook.com/
  6. http://protopage.com/kiberkomunist
  7. http://2012.haip.cc/
  8. http://www.humanpedia.fr/
  9. http://societeanonyme.la/#codex

Published 26 August 2013

Original in English
Translation by Thomas Raab
First published in Springerin 3/2013 (German version); Eurozine (English version)

Contributed by springerin
© Alessandro Ludovico / Springerin / Eurozine

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