Möglichkeiten einer transnationalen Literaturkritik

Literaturkritik im engeren europäischen Wortsinn – also die kritische Auseinandersetzung mit den jeweils aktuellen Neuerscheinungen – ist heute eine ausgesprochen nationale Angelegenheit. Fast jedes Buch, das in Tages- oder Wochenzeitungen und Zeitschriften besprochen wird, wurde in dem Sprachraum veröffentlicht, in dem auch die Besprechung erscheint. Buchrezensionen oder allgemeine Überblicksdarstellungen von noch nicht übersetzten Werken, die in anderen Teilen der Welt geschrieben wurden – das betrifft Gedichte, Kurzgeschichten und Romane gleichermaßen –, sind außerordentlich selten.

Das war nicht immer so. Es ist noch nicht sehr lange her, dass Zeitungen und Journale regelmäßig über zeitgenössische Literatur außerhalb der jeweiligen Landesgrenzen berichteten und sie einer kritischen Betrachtung unterzogen. Viele Printmedien hatten ihre “literarischen Korrespondenten” in Paris, Rom und Madrid (oder New York, Moskau und Berlin). Natürlich standen vor allem die “größeren” Literaturen und Sprachen im Fokus – die französische, deutsche, spanische, italienische und englische –, aber man war zumindest bemüht, den Horizont eines gebildeten und interessierten Publikums zu erweitern.

Die Auseinandersetzung mit der fremdsprachigen Literatur war zu manchen Zeiten und an manchen Orten sogar so ausführlich und angeregt, dass dieser Umstand für das Verlagsgeschäft mitunter zum Problem wurde. So klagte etwa Åke Runnquist, Herausgeber von BLM, einer der einflussreichsten literarischen Zeitschriften Schwedens, 1953 darüber, dass die Tageszeitungen zu viel und zu früh über fremdsprachige Bücher schrieben. Deren Besprechungen, notiert er, würden oft bereits zeitgleich mit dem Erscheinungstermin des Originals veröffentlicht. Die Kehrseite dieser aufmerksamen Wahrnehmung bestehe darin, so Runnquist weiter, dass die öffentliche Diskussion bei Erscheinen der Übersetzung – und die meisten wurden übersetzt! – bereits abgeklungen sei, was zur Folge habe, dass sich die Übersetzungen nicht so gut verkauften, wie sie hätten können oder sollen.1

1955, zwei Jahre später, wiederholte Runnquist seine Klage, stellte aber nicht ohne ein gewisses Maß an Genugtuung fest, dass einige der großen Tageszeitungen begonnen hätten ihre Verantwortung wahrzunehmen. Wichtige fremdsprachige Werke würden nun zwei Mal besprochen: zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung in der Originalsprache und erneut, wenn die Übersetzung erscheine.2

Heute ist ein solcher Ausblick fast gänzlich auf gelegentliche Themenhefte oder Themenschwerpunkte literarischer Zeitschriften beschränkt. Doch auch in diesem schmalen publizistischen Segment ist die Situation alles andere als zufriedenstellend. Die Kontinuität ist verschwunden. Und wenn ein Schwerpunktheft oder eine Themenausgabe vorgestellt wird – die oft 50 oder 100 Jahre der Literaturgeschichte eines Landes umfasst –, gilt das Hauptaugenmerk den literarischen Texten. Falls Literaturkritik überhaupt zu Wort kommt, befasst sie sich in der Regel mit einem bestimmten Autor. Beiträge, die ein größeres Bild zeitgenössischen Schreibens zeichnen, bleiben die Ausnahme.

Die Situation ist nicht überall gleich schlecht. In Deutschland und in der Schweiz lassen sich gelegentlich – selbst in den Kulturteilen der größeren Tageszeitungen – gut informierte Besprechungen oder zumindest Kommentare zu Neuerscheinungen in beispielsweise Polen, der Ukraine oder Russland finden. Gelegentlich. In den meisten anderen Teilen Europas gibt es schlicht und einfach nichts.

Für diese Entwicklungen können mehrere Gründen ausgemacht werden: der sinkende Stellenwert von Literatur in der Gesellschaft, Veränderungen im Verlagsgeschäft und – paradoxerweise – selbst “die Globalisierung”. Aber welche dieser Begründungen auch immer besonders hervorgehoben wird, die Schlussfolgerung bleibt die gleiche: Es besteht der dringende Bedarf – sowohl im ideellen als auch im praktischen und professionellen Sinn – nach einer “Re-Transnationalisierung” der Literaturkritik.

Die Situation, die Herausgeber Åke Runnquist in den Fünfzigerjahren beklagte, scheint heute – nur fünf Jahrzehnte später – paradiesisch. Welcher zeitgenössische Verleger hätte nicht gerne die Probleme, die Runnquist beschreibt? Seine Interpretation dessen, was er als Hauptdilemma ansah – dass die öffentliche Auseinandersetzung mit fremdsprachigen literarischen Arbeiten zum Zeitpunkt des Erscheinens der Übersetzung bereits vorüber war – mag überempfindlich gewesen sein, zeigt aber sehr gut die Bedeutung der Kontextualisierung und Vermittlung für das Übertreten des Schreibens von einer Literatur in eine andere.

Die Kritik und die öffentliche Diskussion fremdsprachiger Literatur in Zeitungen und Zeitschriften dient üblicherweise nicht nur einer breiten Leserschaft als Information und Orientierung, sondern auch den Personen innerhalb der “Branche”, Verlegern und Autoren.3 Wenn diese Auseinandersetzung verschwindet oder die Perspektiven verliert und einseitig wird, hat das Folgen für die Literatur als ganze.

Die Nationalbibliografie der Königlichen Bibliothek aus dem Jahr 2004 – um das schwedische Beispiel fortzusetzen – gibt an, dass ungefähr 75 Prozent aller ins Schwedische übersetzten literarischen Werke aus dem Englischen übersetzt wurden (7 Prozent aus dem Norwegischen; 3,6 Prozent aus dem Französischen; 2 Prozent aus dem Deutschen beziehungsweise dem Dänischen; 1,2 Prozent aus dem Russischen; alle anderen Sprachen liegen bei einem Prozent oder darunter). Die Tendenz dieser Statistik gilt nicht für Schweden allein. Solche Größenordnungen lassen sich mutatis mutandis in den meisten europäischen Ländern zeigen.4 Für gewöhnlich ist die Reaktion auf diese Zahlen, dass mit dem Finger auf die Verlage gezeigt und die Schuld fahrlässigen und geistlosen Ökonomen zugeschrieben wird, die ein Geschäft an sich gerissen haben, das einst Hochburg des Kosmopolitismus und Garant eines freien Verkehrs von Wörtern und Ideen war. Das ist, im besten Fall, nur ein Teil der Wahrheit. Verantwortlich für die gegenwärtige Situation ist ebenso eine Literaturkritik, die ihren Blick nach außen verloren hat – und die Medien, in denen dieser Blick vorgestellt werden kann. Zu einem Zeitpunkt, an dem Verlage zu ihrer Orientierung mehr als je zuvor des gesamten Arsenals des Kritikers und der Kritikerin bedürften – ein Zeitpunkt, an dem deren Urteile und deren Urteilsvermögen, deren Einsicht und deren Umsicht tatsächlich etwas bedeuten könnten –, an diesem Punkt schafft die Kritik es nicht zu liefern.

BLM, die Zeitschrift, in der Åke Runnquist das Schicksal der Übersetzungen bedauerte, wurde 2004 liquidiert, lange nachdem sie ihre Ambitionen aufgegeben hatte, einen Überblick über die europäischen Literaturen zu bieten. Und das Interesse und die Aufmerksamkeit, die Runnquist den Tageszeitungen attestierte, haben sich in ihre Gegenteile gekehrt. Die Kulturseiten von ansonsten ambitionierten Zeitungen scheinen Literaturen aus dem Ausland, so sie nicht englischsprachig sind, a priori als “exklusiv” zu definieren und somit kaum der Mühe wert.

Durch das Auftauchen neuer Genres und Medien wie etwa literarischer Webseiten und Blogs kommt fremdsprachige Literatur, die von den großen Medien vernachlässigt wurde, heute wieder mehr ins Gespräch. Der individuelle Enthusiasmus allerdings, der diese neuen literarischen Foren tendenziell prägt, ist nicht unproblematisch: Häufig ist die Herangehensweise unkritisch-affirmativ statt kritisch-forschend, empfehlend statt analysierend, aufzählend statt kontextualisierend. Darüber hinaus sind diese informellen und oft kurzlebigen Räume für Literatur und den semi-kritischen Diskurs darüber Teil einer allgemeineren Entwicklung, in deren Verlauf aus einer vormals gemeinsamen Öffentlichkeit mehrere kleinere und isoliert voneinander stehende Teilöffentlichkeiten werden.

Einer der ärgsten Feinde der grenzenlosen “literarischen Fremdbestäubung” – wie sie gerne genannt wird, die aber mehr als Möglichkeit denn als Tatsache existiert – sind weiterhin die allergischen (Nicht-)Reaktionen einer breiteren literarischen Öffentlichkeit, die an allem Fremden und Auswärtigen zunehmend uninteressiert ist. Die beste Abhilfe in solchen Phasen kritischen Asthmas ist die Wiedererfindung einer transnationalen Literaturkritik.

Die Serie “Literarische Perspektiven” ist ein Versuch in diese Richtung.

Bonniers Litterära Magasin, 8/1953, S. 563­566.

Bonniers Litterära Magasin, 10/1955, S. 771­774.

Literaturkritik ist weit mehr als eine Informationsquelle ­ aber sie ist auch eine Informationsquelle.

So ergeben etwa die Erhebungen für die deutsche Sprache laut Deutscher Nationalbibliografie 2006 folgendes Bild: 65,6 Prozent der Übersetzungen wurden aus dem Englischen übersetzt, 10 Prozent aus dem Französischen, je 2,8 Prozent aus dem Spanischen und Niederländischen, 2,4 Prozent aus dem Schwedischen, 1,5 Prozent aus dem Russischen; alle anderen Sprachen liegen bei einem Prozent und darunter. Basis dieser Zahlen sind die Erstauflagen. Zitiert nach: Buch und Buchhandel in Zahlen 2007. Herausgegeben vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Frankfurt/Main 2007.

Published 20 May 2008
Original in English
Translated by Andrea Zederbauer
First published by Wespennest 151 (2008) (German version)

Contributed by Wespennest © Carl Henrik Fredriksson / Wespennest / Eurozine

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