Das Land. Der Krieg. Die Liebe

Excerpts from the Donetsk Diary

Donezk, 1. März 2014

Kann man genau bestimmen, wann man sich verliebt hat? Zum Beispiel, Samstag, 19.22 Uhr?

Ich dachte immer, die Uhrzeit auf den Geburtsbescheinigungen der Krankenhäuser sei nur eine Formalität. Eine Freundin hat mir jedoch gesagt, das sei wichtig für’s Horoskop. Nicht nur das Geburtsdatum, sondern auch die Stunde und sogar die Minute der Geburt hätten Einfluss auf das Schicksal eines Menschen. Davon, wo die Sonne bei der Geburt steht oder nicht steht, hängt das ganze Leben ab.

Willst du die Vernunft ausblenden, musst du ein Kind zur Welt bringen.

Die Ziffern in der Geburtsbescheinigung zeigen dir genau, wann du dich verliebt hast.

Vielleicht ist das nicht bei allen so. Aber wer sich noch erinnern kann, weiß, was ich meine.

Du nimmst dieses kleine Wesen auf den Arm, schaust ihm in die Augen und kannst gar nicht anders als in grenzenlosem Glück zu schwimmen.

Erst später denkst du an die kleinen und großen Sorgen und die schlaflosen Nächte, die dir die Kinder bereiten. Denkst darüber nach, dass sie nicht geworden sind, was du dir erhofft hast und du von ihnen kein Quäntchen Dankbarkeit zu erwarten brauchst. Dass du zwischen Windeln und Wundpflaster die besten Jahre verschenkt hast und sie dich im Alter verraten. Dass sie keinen Schluck Wasser und kein Krümel Brot für dich übrig haben. Und wenn sie überhaupt jemanden grenzenlos lieben können, dann nur ihre eigenen Kinder, deine Enkel …

Mit der Zeit erfüllen sich fast alle Weissagungen, die Hoffnungen jedoch nicht. Fast nicht. Es ist alles nicht mehr so intensiv und klar und rein wie beim ersten Mal. Aber du kannst nicht mehr anders.

“Das sind die Hormone”, sagt ein befreundeter Arzt. “Bei Männern ist das anders”.

Schön, dass es bei Männern anders ist. Deshalb werden sie auch größenwahnsinnig und spielen Napoleon oder Batman.

Mich hat aber jetzt auch der Größenwahn gepackt und zwar noch um einiges gewaltiger.
Am Samstag, um 19.22 Uhr, hielt ich die Ukraine in meinen Armen. Es war eine schwere Geburt. 23 Jahre hat die Ukraine sich Zeit gelassen.

Ich hielt sie in meinen Armen, schaute ihr in die Augen und war verzaubert. Meine Kleine, mein Goldstück, mein ein und alles. Mein Tollpatsch. Ich war so voller Freude.

Jetzt wechsle ich Windeln, habe schlaflose Nächte und bin gereizt. Manchmal hört sie nicht auf mich. Doch würden wir alle ungezogenen Kinder zur Adoption frei geben, welchen Sinn hätte das Leben dann noch?

Also küsse ich sie auf die Wange und atme tief ihren Geruch in mich ein. Ich bin verliebt. Manchmal schläft sie nachts sogar schon durch.

Mein Vaterland ist ein Kind. Keine Mutter.

Irgendwie so …

16. Mai 2014

“Titus Andronicus” gilt als Shakespeares schlechtestes Stück. Es ist so schlecht, dass man sogar daran zweifelt, dass Shakespeare der Autor ist.

In diesem Stück gibt es zu viel tumbe Boshaftigkeit und es fehlt nahezu jegliche Logik. Titus rächt sich an der Gotenkönigin Tamora. Die Gotenkönigin rächt sich an Titus. Alexander Anixt hat einmal zusammengezählt: “Vierzehn Morde, vierunddreißig Tote, drei herausgerissene Arme, eine abgeschnittene Zunge …” Hinzu kommen Vergewaltigungen, Kindsmorde und sogar die Tötung von Neugeborenen.

Und all das scheinbar ohne ersichtlichen Grund. Ein sinnentleertes Treiben, bei dem jeder Schritt zu noch mehr Blutvergießen führt. Bis das Blut von sich selbst berauscht zum Dirigenten des Geschehens wird. Blutvergießen, damit Blut vergossen wird. Und damit ein Dritter lacht. Ein unheilvoll irres Lachen …

Selbst für das 17. Jahrhundert erscheint diese Gewaltorgie etwas zu dick aufgetragen.

Oder auch nicht …

Hieronymus Bosch (c. 1450-1516),(Fragment of the left wing of a triptych), c. 1494-1510, 58 x 33 cm. Louvre. Source:Wikimedia

Es ist nicht zu dick aufgetragen. In Luhansk, Donezk, Slowjansk, Kramatorsk und Horliwka erleben wir “Titus Andronicus” in Echtzeit.

Das Bühnenbild liefert Hieronymus Bosch. Ein Schiff, das gen Hölle segelt. Anstelle des Masts ein Baum, an dessen Stamm ein fetter Gänsebraten hängt. Als Ruder dient ein abgebrochener Ast. Ins Nichts, für nichts. Die Kirche, ja, die Kirche spielt auf der Laute dazu. Gen Hölle. Das Schiff, es schwimmt und treibt gen Hölle. Und die Gesichter erst. Gesichter, die es nicht gibt, nicht geben kann. Eine kranke Vorstellung des Künstlers. Grotesk, oder?

Bosch hat sie gesehen. Gesichter, an deren Existenz man kaum zu glauben wagt. Die Menschheit kennt sie und versteckt sich vor ihnen. Vor diesen mit einem schmutzigen Schwamm, so scheint es, verschmierten Grimassen. Sie sehen alle gleich aus. Diese grauen Mausgesichter mit den krummen Nasen und den leeren Fischaugen. Diese Münder, die nicht reden sondern nur schreien können. Es braucht Jahrhunderte christlicher Wertegemeinschaft, damit in diesen Figuren ein Hauch von Mitgefühl, Mitleid und Intellekt entfacht wird.

Alles bei uns ist jetzt Shakespeare und alles ist Hieronymus Bosch.

Das Dasein fällt den Menschen schwer. Die Entscheidung dafür bedeutet sich quälen. “Sein oder nicht sein” ist Alltag, ist jeder Moment. Freiheit ist eine unerträgliche Last, wenn ein unfassbares “du” die Verantwortung für eine unfassbare Welt trägt. Vielleicht ist es diese Last, die uns so viel reden und schreiben lässt. Wir schreien in die Welt: “Es gibt uns, es gibt uns, es gibt uns.”

Nichtsein ist scheinbar leichter.

Vielleicht. Aber Nichtsein ist Tod. Der Tod schreit: “Hört den Donbas.” Sie sind nicht, diese Leute im Donbas. Sie sind nicht sie selbst. All die Jahre waren sie nicht sie selbst.

Janukowytsch ist wirklich ihr Präsident. Mit ihm haben sie ihre Leere vermehrt und ihrem Dasein eine Definition gegeben. Wir sind wie er, er ist wie wir. Er ist einer von uns. Er ist wir. Nicht ich.

Es gibt hier kein ich. Man hat es nicht gehegt und gepflegt, ihm keine Chance gegeben.

Kollektive Verblendung kurz vor dem Abgrund. Ein Schritt weiter und es gibt dich nicht mehr. Du lebst, aber hast kein Bewusstsein. Alles Leben weiß um seinen Tod. Mit jedem Atemzug. Der Tod lacht, er heult, er schreit: “Kannst du mich hören? Ich bin da! Dich zu holen!”

Janukowytschs Platz haben nun Russland und Putin eingenommen. Nicht sie selbst.

Sein ist eine Last. Nichtsein eine Hölle.

Auf dem Weg in ein erfundenes Russland, das es nicht gibt, hat man ihnen Waffen gegeben. Sie haben die Waffen angeschaut und sie für gut befunden. Damit sind sie in der Realität angekommen.

Ein ewiger Niemand, eine ewige Null hat eine Kalaschnikow in die Hand genommen und ist nun eine Gruppe. Ist nun Anführer, ist Kommandeur. Der schreiende Tod hat eine Verkörperung gefunden. Kann Hand anlegen.

Niemand überfällt sie. Trotzdem legen sie sich mit der Waffe schlafen. Die Kalaschnikow kann sprechen. Die Kalaschnikow setzt Zeichen. Sie ergibt sogar Sinn. Aus ihnen aber schreit nur der Schmerz der Armut, der schlechten Ausbildung, der fehlenden Möglichkeiten.

Sie sind nicht Sohn, nicht Bruder, nicht Vetter. Aber nur durch solche Bande schaffte und schafft man es im Donbas nach oben.

Man hat sie ausgenutzt, bestohlen und weggeworfen. Man hat sie vergessen in Städten, die sich als Kulisse für sämtliche Kriegs- und Katastrophenfilme eignen. Vergessen in Gebäuden, in denen die Hälfte der Fenster eingeschlagen ist. Vergessen in Betten, die weder Laken noch Bezüge kennen.

Sie sind zwanzig, vierzig, sechzig Jahre alt. Sie sind Frauen, sie sind Männer.

In diesem verblendeten “Wir” pulsiert die Verbitterung über die Ungerechtigkeit, die unerfüllten Wünsche und das Leben, das kein Leben ist. Darüber, dass sie nicht wissen: Wie geht das – Leben? Wie geht das – Sein? Wie geht das – Ich-selbst-sein?

Sie brauchen einen Kopf. Ob man ihn Führer oder Leader nennt, ist ganz egal. Sie tappen durch kalte Dunkelheit und grapschen nach der ausgestreckten Hand, die ihnen Heimat zu sein scheint.
Die UdSSR war für sie das “goldene Zeitalter”.

Im Westen gibt es so eine heftige Sehnsucht nach der Vergangenheit nicht. Nur bei Hesiod findet sich die Erzählung von einem goldenen Zeitalter. Man liest sie als Märchen.

Märchen aber sind grausam. Sie bewahren unsere Köpfe davor, die Hälse nach der Vergangenheit zu verrenken. Der kleine Däumling wird im Wald ausgesetzt, weil seine Eltern die Kinder nicht mehr versorgen können. Der Wolf frisst das Rotkäppchen. Gott sei Dank ist der Förster in der Nähe. Die böse Stiefmutter besitzt einen Zauberspiegel. Und die Schneekönigin verwandelt Kais Herz in einen Eisklumpen.

Die Vergangenheit ist gefährlich, liebe Kinder. Die Vergangenheit ist schlechter als das Heute. Selbst wenn ihr einen Feuerstahl habt, heißt das noch lange nicht, dass ihr gewonnen habt.

Die UdSSR ist ein ewiges Märchen. Eine Illusion. Eine Falle. Ein erfundenes Land, das mit Sirenenstimme in die Vergangenheit lockt und einschläfert. Sterben lässt.

Russland existiert nicht. Es ist zu Geschichte zerbröselt, die das Land selbst und jene Schwachen belügt.

Nicht mehr auf den Tod hören. Dem Schreien der Sterbenden, dem Pfeifen der Granaten, dem Knattern der Sturmgewehre zuhören. Das höhnische Gelächter der Gewinner wahrnehmen. Das Klicken der Fotoapparate. Der fremde Tod ein Erinnerungsfoto. Genauer: Der eigene und der fremde Tod.

“Titus Andronicus” auf dem Deck des “Narrenschiffs”.

19. Mai 2014

Laut Franz Boas kann es auch innerhalb einer Gesellschaft Formen kultureller Ungleichzeitigkeit geben. Im Klartext: Die Menschen leben in verschiedenen Epochen, kalendarisch befinden sich aber alle im einundzwanzigsten Jahrhundert. Seit vierzehn Jahren.

Raub- und Subsistenzwirtschaft ist bei uns im Donbas weit verbreitet. Es hat nur den Anschein, als hätten die verlassenen Kohlebergwerke und der zerfressene Asphalt nichts Brauchbares mehr zu bieten. Da gibt es noch viel zu holen. Bunt- und Schwarzmetall. Kanaldeckel. Alte Apparaturen und mit Gras überwachsene Bahnschienen aus Gusseisen.

Man bricht oder sägt etwas heraus, man stiehlt heimlich oder reißt es sich offen unter den Nagel. Man gibt es beim Schrottplatz ab. Man bekommt Geld dafür. Man lebt davon.

Stehlen ist nicht gut. Aber man stiehlt bei sich selbst. Kanaldeckel sind ein Teil der städtischen Natur.
Die Natur gehört allen.

Damit ist der Polizist im Revier natürlich nicht einverstanden. Aber nicht, weil er sich um das Staatseigentum sorgt, sondern weil er als der Ranghöhere der Boss ist. Mit dem Ranghöheren muss man teilen. Dann wird die Jagd auf Kanaldeckel, Grabzäune und Bahnschienen auch von Erfolg gekrönt.

Der Boss hat Verbindungen nach oben. Irgendwo da oben, im Himmel, wohnen die Götter, mit denen der Boss teilen muss. Sie heißen Staatsanwalt, Richter, Bürgermeister …

Für eine erfolgreiche Jagd müssen die Götter satt und zufrieden sein. Sie zeigen ihre Zufriedenheit, indem sie von Wahlplakaten oder aus dem Fernseher grinsen.

Dann wissen die Leute: Die Götter sind zufrieden. Die Jagd wird erfolgreich sein …

Gejagt wird nicht nur nach Stahl und Metall. Man gräbt illegal in einem stillgelegten Schacht nach Kohle. Der Schacht ist meist sehr tief. Ohne Licht, ohne Versicherung, ohne Technik. Höchstens mit einer Spitzhacke. Es ist dunkel. Es ist furchteinflößend. Es ist auch Natur. Den einen gibt die Natur Fische und Bananen. Den anderen Kohle. Kleine Kohleklümpchen. Eimerweise wird sie aus den Schächten geholt. In Eimern wird sie weggeschleppt. Nicht nach Hause. Von Kohle wird man nicht satt. Zu einer der staatlichen Kohlegruben. Der Direktor dort ist auch ein Boss. Mit ihm muss man auch teilen. Er kauft die Klümpchen billig an und gibt sie als Ertrag der staatlichen Grube aus. Die Kohle aus den illegalen Schächten.

Raubwirtschaft kennt kein morgen. Die Zukunft ist unklar, düster und gefährlich. Die Zukunft ist bedrohlich. Niemand vermag sich darin zurechtzufinden. Jeder Tag in dieser neuen ukrainischen Zeit war schlechter als der vorhergehende.

Stattdessen gibt es ein großes Gestern. Ein goldenes Zeitalter. Die Kanaldeckeldiebe waren einst Metallurgen und Bergarbeiter. Sie bekamen Lohn. Es gab einen Boss, der saß im Kreml. Streng aber gerecht. Sehr streng. Unter diesem Boss damals hätte niemand gestohlen.

Alle waren satt, alles war vorhersehbar. Gut.

Es gab einen Vorschuss und einen Lohn. Es gab eine Mittagspause. Wer sich verspätete, musste nacharbeiten … Wer mehrfach zu spät kam, wurde entlassen. Vielleicht auch ins Gefängnis gesteckt. Aber im Gefängnis gibt es Essen. Der Tag ist geregelt. Erziehung durch Arbeit. Keiner hat Angst vor der Arbeit. Vor dem Gefängnis hat auch keiner Angst.

Nicht alle erinnern sich an das Große Gestern. Es gibt schon eine Generation, die das nur noch aus Bildern und Erzählungen kennt. Diese Generation stiehlt hoffnungslos Kanaldeckel und kriecht mit zwölf schon in den dunklen Schacht. Gemeinsam mit Vater und Großvater hofft sie auf eine Rückkehr des Gestern. Vom Flugzeug aus sieht der Donbas wie eine Mondlandschaft aus. Krater wie Gruben. Gruben wie Krater. Sonst nichts. Adam und Eva. Die Vertreibung aus dem Paradies.

Nur wissen diese Menschen nicht, was ihre Sünde war. Sie glauben, man hat ihnen die Vergangenheit einfach genommen. Ein Feind der Menschheit, eine böse Kraft, erbarmungslos.

Ein Fremder. Nicht von hier.

Sehnsucht. Diese Sehnsucht …

20. Mai 2014

Wusstest du, dass es bei Stämmen mit Subsistenzwirtschaft keine bösen Götter gibt?

Götter können erbost, wütend und beleidigt sein. Aber nicht böse.

Wenn der Gott nicht in Stimmung ist, sind daran die Menschen schuld. Sie haben etwas falsch gemacht. Deshalb ist die Jagd schlecht, das Erstgeborene ein Mädchen, fällt kein Regen …

Man muss seinem Gott wohlgefällig sein. Auf ihn hören. Seine Launen und Wünsche erkennen. Man muss geben. Abgeben. Opfern. Geduldig warten, ob er das Opfer annimmt. Nimmt er es? Würdigt er es?

Die eigenen Götter sind nicht böse.

Nur fremde Götter.

Fremde Götter sind immer böse. Sie stehlen, sie lügen, sie schänden und plündern.

Fremde Götter wirken mächtiger als die eigenen. Sie sind tyrannischer und brutaler und neigen zu Verrat und Vergeltung.

Die eigenen Götter sind wie Kinder. Man muss sie beschützen. Man gibt ihnen seine Stimme, um sie zu beschützen. Die eigenen Götter. Sonst wird die Jagd keine Beute bringen. Man kann keine Schienenstücke stehlen und die Kohle aus dem illegalen Schacht bleibt im Eimer. Dann gibt es nichts zu essen.

Wir wissen wenig über die Barbarei der modernen Industrie. Aus einer seltsamen Selbstverständlichkeit heraus lehnen wir sie ab.

Wenn der eigene Gott gestorben ist, getötet oder vertrieben wurde, wie soll man dann leben?

15. Juni 2014

Kann man einen fremden Gott zu seinem eigenen Gott machen?

Wenn er so mächtig, grausam und streng wie tausend eigene Götter ist, dann ja.

Ein fremder Gott kann nicht gut sein. An das, was man nicht gesehen hat, glaubt man hier nicht. Man hat das Gute nicht gesehen. Man kennt es nicht. Man glaubt nicht daran.

Um zu siegen, muss ein fremder Gott furchteinflößend, streng und grausam sein. Keinesfalls gerecht. Ein Gott, der gerecht ist, ist kein Gott.

Ein furchteinflößender und grausamer Gott, das ist man gewöhnt.

Es gibt einen Ort, den hat die ukrainische Armee dreimal besetzt. Jedesmal, wenn sie nach der Wiederherstellung von Recht und Ordnung abgezogen war, wurde der eingerichtete Kontrollposten mit einem Minenwerfer beschossen. Aus den Gehöften. Jede Nacht. Immer aus einem anderen Gehöft.
Einer der Soldaten des Kontrollpostens stammte aus dem Ort. Eines Tages sagte er: “Es reicht! Schluss mit den Spielchen!”

Er zimmerte in der Nacht – ja, verdreht ruhig die Augen – zehn Galgen. Anhand von Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg. Das war nicht so kompliziert.

Als er fertig war, stellte er die Galgen in der Mitte des Ortes auf.

Am nächsten Morgen kamen mehrere Einwohner zum Kontrollposten. Sie brachten Kirschen, Teigtaschen, Kwas und gekochte Kartoffeln.

“Jungs, … äh, mmh … wir wollten uns im Namen aller Einwohner entschuldigen …!”

“Wozu zum Teufel dann euere nächtlichen Spielchen?”, fragten die Soldaten streng.

“Na, weil … Wir wussten nicht, dass ihr jetzt hier an der Macht seid. Was sind wir denn ohne Regierung? Nichts!”

“Dann können wir die Galgen also jetzt abbauen?”

Da wurden die Einwohner unruhig, tuschelten und verkündeten dann: “Lasst sie noch stehen. Es könnte jemand rückfällig werden, wenn nicht …”

Damit ein fremder Gott akzeptiert wird, muss man einen Galgen in der Mitte des Ortes aufstellen. Erst dann eine Schule daneben.

Nur in dieser Reihenfolge.

Denn Schule, das ist etwas Gutes, das ist Gerechtigkeit. Das ist Schwäche …

15. Juli 2014

Es gibt keine Aufständigen mehr. Es ist Krieg. Die ihn kämpfen, sind nicht von hier. Gib es zu, Russland. Wir sind schon lange keine Brüder mehr. Ich muss nicht fragen, warum. Ich weiß, warum.

Und du weißt es auch.

Wir hören die Funksprüche über Radio. Neben Hasstiraden wird die Höhe des Soldes verkündet. Die Auswärtigen bekommen jeden Tag Sold. Die Einheimischen auch. Sie sind aber nur 500. Alles in allem nur 500 von sieben Millionen. Sie bekommen weniger Sold. Die Überzeugung meiner Landsleute ist viel weniger wert als das Fachwissen deiner Experten. Einfach töten, was für eine interessante Arbeit.

Ich spreche ein zähflüssiges Russisch. Früher in Moskau wollte ich mich immer anpassen, wollte schneller sprechen.

Mich anpassen. Jetzt frage ich mich: An wen anpassen? An die Sprecher deiner Radiokanäle?

Vor kurzem haben sie die Zerstückelung eines Jungen erfunden. Ein dreijähriger Junge soll zerstückelt worden sein. Seine Mutter von einem Panzer aus erschossen. In Slowjansk. Auf dem Majdan. Aha. Inmitten einer großen Menschenmasse.

Damit noch nicht genug. Der Junge muss auferstehen. Er wird seine Mörder heimsuchen.
Als Onkel mit Bart und kaukasischem Akzent. Noch ein paar Monate und du, Russland, schreibst eine neue Bibel. Das Sujet von der Zerstückelung ist ja schon fertig.

Ich spreche ein zähflüssiges Russisch. Soll es doch zähflüssig sein wie Honig. Wie die heiße Luft des Südwindes. Wie Kuhmilch. Wie das Leben. Soll ich mein Leben etwa anpassen und beschleunigen?

Ich bin eine russische Ukranerin. Mit Betonung auf dem . Auf dem .

Jetzt will ich mich abheben, abgrenzen von der Schnelligkeit und dem harten Klang deiner Laute.

Karl u klary ukral karaly. Wozu brauche ich das? Ich möchte nicht mehr Teil dieser Sprache sein, deren Laute wie Maschinengewehrfeuer klingen.

17. Juli 2014

Man muss nicht unbedingt arm oder schlecht gebildet sein, um kein Selbstbewusstsein und kein Selbstwertgefühl zu haben.

Ein fehlendes Ich ist ein schwerwiegendes Problem. Irgendwo in der Kindheit fehlende Liebe und vergiftende Scham.

“Du bist schlecht. Jemand schlechteres als dich gibt es nicht. Dich gibt es nicht …”

Wieder über den Tod. Wer in der Kindheit abstirbt, ist sein Leben lang geprägt. Das vergisst man nicht. “Mich gibt es nicht. Mich gibt es wirklich nicht” wird zum Motto.

Aber jemand schert aus. Ist vielleicht nicht mehr ganz gesund, aber führt ein erträgliches und sogar gutes Leben.

Andere nicht. Der strenge oder leere Blick der Eltern potenziert das tägliche Sterben.

Mit Äußerlichkeiten klammern sie sich wie wahnsinnig am Leben fest.

Ein Hochschulabschluss. Erfolg. Geld. Applaus. Ruhm.

Wenn du das nicht hast, bist du ein Nichts. Ein großes, großes Nichts.

Je größer das Nichtsein, um so größer die Anziehungskraft von Äußerlichkeiten.

Russland hat eine große Anziehungskraft.

Mit der Liebe zu Russland kann man all seine Unzulänglichkeiten verbergen. Sie scheint jene Mutter zu sein, deren Blick immer liebevoll bleibt.

Die große Rückkehr in den Mutterleib. Zurück in einen ursprünglichen, dunklen Zustand der
Abhängigkeit. Wieder ein Embryo, wieder im Bauch der Mutter. Im gemütlichen Heim.

Niemand kommt und fragt: Wo hast du dein Diplom gekauft? Weshalb hast du die Orden gestohlen? Warum die ganze Stadt beraubt?

Im Mutterleib ist es warm, nur sanfte Geräusche dringen herein, man hört den eigenen Herzschlag … Synchron zum Herzschlag der Mutter.

Flüsse, Raum, Schnee, Siege …

Heia-Popeia-bum-bum …

Schlaf. Tod.

Es ist seltsam: Flucht vor dem Tod durch Tod. Dafür kollektiv und sicher.

“Mütterchen kümmert sich, Mütterchen rettet euch alle”.

Ich kenne Leute, die haben Geld und ein sicheres Auskommen. Aber sie rufen nach dem Mütterchen, weil sie ohne nicht zurechtkommen.

Oder sie kommen zurecht, aber schlecht. Ihre wissenschaftlichen Artikel sind Plagiate, von ihrem Geld ist keine Kopeke selbst verdient, hinter ihren politischen Karrieren steht eine lenkende Hand aus der Verwandtschaft.

Es gibt Momente, da ist man absolut ehrlich zu sich selbst. Sogar bei den schlimmsten Leuten. Auch mir fällt das schwer. Denn in solchen Momenten weißt du alles über dich.

Du bist gut, aber nicht sehr gut. Manchmal reicht es nur für ein befriedigend, zu viel Englisch … Du könntest eine bessere Mutter sein. Auch eine bessere Tochter könntest du sein … Und dieser Abschnitt in jenem Buch ist nicht gerade der beste, und der auch nicht gerade …

Ich beneide jene Leute, die sich genommen haben, was ihnen nicht gehört, nicht um diese Momente absoluter Ehrlichkeit mit sich selbst.

Die Angst vor der Schande. Die Angst, dass es herauskommt. Der Junge, der mit dem Finger auf den nackten Kaiser zeigt. Oder ein anderer, blutüberströmter Junge, der vor dem inneren Auge erscheint …

Die Angst sucht einen sicheren Unterschlupf.

Russland scheint so ein Unterschlupf zu sein. Das scheinbare Russland.

Es gibt Russland nicht. Es ist genauso wenig wie diese “anderen” es selbst.

Es kann sich nur nicht verstecken. In dem Moment, da es erwacht, mit verschwommenen Augen, aber bei vollem Bewusstsein, wird es in der Herde sterben wollen.

In der Herde zu sterben ist gut.

Im Moment aber sterben wir …

26. Juli 2014

Man kann das Ganze auch mit dem Herzen betrachten. Verständnis haben. Vergessene Kinder. Vergessene Truppe.

Die Welt, in die der Donbas in den Neunzigern gestoßen wurde, war nicht richtig und nicht gewollt.

Und, das versteht sich von selbst, absolut ungerecht.

Diese Welt löschte ein für alle mal jene utopische Zukunft aus, in der jeder nach seinen Fähigkeiten geben und nach seinen Bedürfnissen bekommen sollte.

Es stellte sich heraus, dass die Fähigen und Klugen und Ehrlichen nicht gebraucht wurden.

Ein Gesellschaftsmodell, in dem das Recht des Stärkeren und Dümmeren gilt, ist praktisch unmöglich. Aber wenn man daran glaubt, dass alles vergänglich und nichts für die Ewigkeit ist, warum nicht?

Ein Gedankenspiel … Mit schlechten Eltern, vor allem schlechten Müttern. Die lassen ihre Kinder im
Wald, am Wegesrand oder auf dem Bahnhof und befehlen ihnen zu warten. Es vergehen Tage, Wochen, Jahre. Die Kinder warten. Sie essen, was sie kriegen, nehmen Almosen, klauen ein bisschen. Dann werden sie größer und stehlen in großem Maßstab. Aber sie kommen nicht vom Fleck. Sie sitzen. Und sie warten.

Mama kommt bestimmt. Man muss nur durchhalten. Man kann das auch entlang militärischer Begriffe beschreiben. Hier ist die Truppe, hier ist der Hügel. Der Kommandeur sagt: “Einnehmen und bis zur letzten Patrone verteidigen. Der Sieg wird unser sein”. Sagt’s und verschwindet.

Wieder vergehen Tage, Wochen, Jahre. Die Patronen sind längst verschossen. Die einheimischen Frauen haben Kinder geboren. Man kann mit nichts schießen, höchstens mit Worten. Die Truppe verteidigt den Hügel und schießt, womit sie kann. Die Soldaten essen regionale Kost, schlafen mit den einheimischen Frauen, aber mit dem Herzen, mit ihren Gedanken leben sie in dem Land, das ihnen den Auftrag zur Einnahme des Hügels gab. Man hat vergessen ihnen mitzuteilen, dass es das Land nicht mehr gibt. Und die “Kursk”, die ebenso auf Hilfe wartete, ist längst gesunken.

Erinnerst du dich, warum der Postbote Pjetschkin im Trickfilm sauer war? Weil er kein Fahrrad hatte. Russland, dass ist der Traum vom Fahrrad. Von einer Methode, gut und sanftmütig zu werden. Mithilfe eines äußerlichen Mittels. Eines einfachen Mittels, wie zum Beispiel ein Geschenk. Nicht so etwas unüberwindbares wie das Schicksal.

Russland wird kommen und alles wird anders werden.

Nur “der erste, dem du auf dem Bahnhof in Paris begegnest, bist du selbst …”

Jene wartenden Soldaten und Kinder lesen nicht Dowlatow. Sie glauben, dass ein Fahrrad sie auf wundersame Weise in gute Menschen verwandeln wird.

Das endlich das äußere und das innere Spiegelbild miteinander verbindet. Es gibt keinen Bürgerkrieg bei uns. Es gibt Leute, die in Russland leben wollen. Das ist wie in den USA im 18. Jahrhundert. Da gab es Leute, die waren aufrichtig der britischen Krone ergeben …

Der Bürgerkrieg ist Geschichte. Jemand wollte die Sklaverei abschaffen und jemand anderes … Ach zum Teufel mit jenem anderen.

Wenn jemand in einem anderen Land leben will, wenn jemandem vom Wort Ukraine schlecht wird, wenn jemandem Blau-Gelb wie Säure in den Augen brennt, was ist das, bitte schön, für ein Bürgerkrieg?

24. August 2014

Ukrainischer Unabhängigkeitstag.

Ich weiß nicht, was in zehn Minuten sein wird. Was morgen und was überhaupt sein wird. Wird meine Stadt noch ganz sein? Wird mein Haus noch stehen, das grau-blaue Haus in der wul. Trjenowa: Links und dann im Hof geradeaus bis fast ganz nach hinten … Werde ich sein? Meine Verwandten? Meine Freunde? Wo werden sie sein? Wo und bei wem schlagen noch “friedensbringende” Feuerhagel ein und explodieren “humanitäre” Minen? Wen kriegen sie und wem gelingt es, sich in Sicherheit zu bringen?

Ich weiß es nicht.

Aber zwei Dinge weiß ich genau.

Das erste ist eine einfache und alte Weisheit. So alt wie der Apfelbaum, den mein Urgroßvater in Kostjantynywzi gepflanzt hat.

Den Staat Ukraine kann man besiegen. Seine Generäle stehlen, “frisieren” den Haushalt und leben vom Tod der Soldaten. Seine Politiker lügen, zittern in ihren fetten Sesseln und fürchten um ihre Mandate … Der Staat krächzt seine lange Nichtexistenz in die Welt. Die Maden aber haben eine kolossale Erfahrung im Überleben. Sie fressen und fressen. Sie fressen das Lebendige tot.

Den Staat Ukraine kann man besiegen.

Sein Volk nicht.

Das ist ein sehr einfacher Gedanke. Er hat etwas Irrationales, das mit Wahrheit, Glaube, Kraft und Gebet zu tun hat. Er ist aber ganz und gar pragmatisch. Er hängt mit den Menschen zusammen. Mit bekannten und fremden Leuten, die heute und morgen und für immer diesen langen Weg mit mir gemeinsam gehen. Bis ans Ende und darüber hinaus. Sie versorgen, sie retten, sie bauen. Sie verzeihen, sie geben, sie heilen und sie beschützen so lange und in dem Umfang, wie es nötig ist.

Wir werden das tun. Deshalb kann man uns nicht besiegen.
Die andere Sache ist etwas komplizierter. Da geht es um mich persönlich.

Ende Februar bin ich vor meinem Geburtstag nach Rom geflohen. Ich bin der Stadt egal. Die Stadt ist mir egal. Vielleicht kann ich mir deshalb ein Leben dort ganz gut vorstellen.

Mein Mann und ich schlenderten über den Campo de Fiori, wo das Denkmal für Giordano Bruno steht. Es steht mit dem Rücken zum Vatikan. In dieser herausfordernden Pose ist viel Würde und Freiheit. Ja. Ein Denkmal. Auch Denkmäler können frei sein.

Auf dem Campo gibt es mehrere Cafés und Restaurants. Ein junger Kellner rief zwei Frauen, die miteinander Russisch sprachen, fröhlich zu: “Raschn, Raschn. Raschn Menju …”

Sie gingen vorbei. Sie unterhielten sich. Sie rauchten. Plötzlich drehte sich eine der beiden um und sagte mit stolzer Verbitterung: “Exactly. I am not Russian. I am Georgian”.

Die Worte zergingen mir auf der Zunge. Ich verstand, dass sie richtig waren. Sie gefielen mir. Ich wiederholte sie in Gedanken. Ich lächelte unwillkürlich. Ich freute mich …

Ich bin Rom egal. Durch seine Straßen wandeln immer noch Scipio Africanus. Cäsar, Konstantin …

Und Augustus, der die Sibylle fragte, ob er als Gott geboren sei. Woraufhin sie seine Opfergabe anzündete und sie im Rauch beide die Antwort lasen:

“Gottes Sohn ist schon geboren”, sagte sie. Augustus wollte dies nicht akzeptieren und nannte sich trotzdem “der Göttliche”.

Ich erkannte in der kleinen Frau mit der lustigen Korbtasche meine Sibylle. Und im Rauch ihrer Zigarette den Rauch, der von der Opfergabe aufstieg.

Die Ukraine ist geboren. In mir und in den anderen.

Exactly. I am not Russian.

I am Ukrainian.

Wir sind Ukrainer.

Irgendwie so …

Oder besser: Genau so.

Published 1 March 2016
Original in Ukrainian
Translated by Kati Brunner
First published by Krytyka, April 2015 (English and Ukrainian versions); Eurozine (German version)

Contributed by Krytyka © Jelena Stjaschkina / Krytyka / Eurozine

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