Polen als kranker Mann Europas?

Jedwabne, das "Nachgedächtnis" und die Historiker

Joanna Tokarska-Bakir untersucht die Abwehrmechanismen der Europäer in Bezug auf die Vergangenheit. Dabei geht sie zum einen auf den Schuldkomplex bezüglich des Holocaust ein und zum anderen untersucht sie die Sprache, mit der über Schuld gesprochen wird.

Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf die polnische Debatte über das Buch Nachbarn von Jan Tomasz Gross1 und versuchen, die Abwehrmechanismen, die im Verlauf dieser Debatte deutlich wurden, in den breiteren europäischen Kontext der Nachkriegsdiskussionen über die Vergangenheit einzuordnen. Dieser Kontext hat zwei wesentliche Aspekte: Zum einen geht es um den alle Europäer betreffenden, wenn auch ungleichmäßig verteilten und nicht immer bewussten Schuldkomplex bezüglich des Holocaust.2
Zum anderen steht dieser Kontext in der europäischen Kulturtradition, und zu ihr gehört die Sprache, in der über diese Schuld gesprochen wird. Ähnlich wie bei den entsprechenden Diskussionen in Deutschland oder Frankreich war auch im Fall der Jedwabne-Debatte die Sprache, in der die wesentlichen Argumente formuliert wurden, von der Wissenschaft bestimmt und nicht von der in Polen angeblich so starken Religion. Alle Diskurse, die an der Debatte teilhaben wollten, einschließlich des kirchlichen, mussten sich auf die Geschichtswissenschaft beziehen.

Dieser Umstand lädt den Historikern eine umso größere Verantwortung auf. Die polnische Geschichtsschreibung, die in der Zeit der Teilungen Polens als Wächterin der nationalen Identität fungierte, die von martyrologischen Sentimenten geprägt war und während der kommunistischen Herrschaft durch Zensur beschnitten wurde, tut sich nicht leicht, die Risiken und Aufgaben anzunehmen, die sich ihr in einem demokratischen gesellschaftlichen Dialog stellen. In meinem Artikel möchte ich mich mit Aspekten ihrer Sprache beschäftigen, die sich keineswegs nur auf die Debatte in Polen beziehen und die sie daran hindern, sich tiefer auf die Durcharbeitung der Vergangenheit einzulassen.
In den Auseinandersetzungen um die Vergangenheit macht sich allenthalben in Europa deutlich ein zunehmend irrationales Element bemerkbar. Das regelmäßige Auftreten dieser Debatten, ihr öffentlicher Charakter, ihr typischer Verlauf, die Verteilung der Rollen, und vor allen Dingen ihr Mangel an Schlüssigkeit deuten auf ein Element des Mythos hin, das nach Aufklärung verlangt.3

Der Verlauf dieser Debatten sieht etwa so aus: Es erscheint ein Film (wie Shoah von Claude Lanzmann oder Nachbarn von Agnieszka Arnold), ein Buch (wie Hitlers willige Vollstrecker von Daniel Goldhagen oder Nachbarn von Jan Tomasz Gross) oder eine Ausstellung (wie Verbrechen der Wehrmacht des Hamburger Instituts für Sozialforschung) wird gezeigt. Der Film, das Buch oder die Ausstellung wirken provokativ, weil bestimmte Tatsachen auf eine schockierend kühne Weise beleuchtet werden. Manchmal stützt sich die Argumentation auf falsche Prämissen (man denke an den rassistischen Beigeschmack von Goldhagens Konzeption des “angeborenen” deutschen Antisemitismus), oder sie beruft sich auf eine eingeschränkte oder falsche Interpretation der Quellen (wie im Fall der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht). Das erzürnt die Historiker, und ein Teil von ihnen versucht, die gesamte Problematik zu desavouieren – in der Jedwabne-Debatte tauchte an diesem Punkt wahlweise das Argument von der “mangelnden Beherrschung des Handwerks” oder von der “Holocaust-Industrie” auf. Das Publikum aber möchte die Debatte unbedingt fortsetzen. Die Erregung wächst, Künstler und Intellektuelle ergreifen das Wort.4
Daraufhin verlieren die Historiker endgültig die Fassung und ziehen sich beleidigt zurück.

Die Nervosität der Historiker ist verständlich, da die Debatten, von denen hier die Rede ist, in der Regel ein Element der Kritik gegenüber der traditionellen Geschichtsschreibung enthalten. Schwerer wiegt, dass viele Vertreter der Zunft den Charakter des öffentlichen Diskurses zu verkennen scheinen, ebenso wie die Rolle, die auf der einen Seite sie selbst und auf der anderen wir als Leser darin einnehmen.
Woher kommt die Leidenschaft in diesen Kontroversen? Während die einen all das als ein hysterisches Epiphänomen, eine Nebenwirkung des “Trauma-Business” und Ergebnis ideologischer Manipulationen betrachten, sehen andere darin nicht weniger als eine “Verlagerung des Sacrum”.5 In der Tat könnte man mit Walter Benjamin sagen, dass Massenphänomene in unserer säkularisierten Welt zum Ort werden, an dem sich das Mythische verbirgt. Man weiß ja nicht erst seit heute, dass ein Mythos sich in Wiederkehr und Wiederholung zeigt. Es geht nicht darum, den Mythos als Quelle der Wahrheit zu rehabilitieren, sondern nur darum, aufzuzeigen, dass es gefährlich ist, einen Mythos (wie den völkischen, nationalsozialistischen, kommunistischen, antisemitischen etc.) zu bagatellisieren. Es reicht nicht, wie Immanuel Kant rät, sich “vor schlechten Träumen zu hüten”. Schlechte Träume muss man erkennen.

Wenn in einem Land binnen kürzester Zeit die gesamte Auflage eines in einem elitären Verlag erschienenen Buches vergriffen ist, das mit sechzig Jahren Verspätung die Verbrennung von Menschen in einer Scheune beschreibt (Gross); wenn in einem anderen Land die Menschen scharenweise ein Buch kaufen, das sie mit Szenen karnevalesker Grausamkeit traktiert und ihnen so etwas wie ein antisemitisches Gen zuschreibt (Goldhagen) – wenn also mit jahrzehntelanger Verzögerung eine posttraumatische Neurose ausbricht, sollte die Sozialforschung eine solche Erscheinung ernst nehmen.

“Posttraumatische Kultur”

Was steckt hinter dem Nichtvergehen der Tragödie von vor sechzig Jahren, diesem Traum, der sich immer wieder ein neues Publikum sucht, während die Schauspieler schon lange das Theater verlassen haben? Wie kommt es, dass “die Zeit vergeht, der Krieg und der Holocaust in die Ferne rücken, aber die Toten uns immer näher kommen”?6 Wie ist es möglich, dass Wunden nach einem halben Jahrhundert noch nicht vernarben? Diese Fragen kann niemand alleine beantworten. Der Soziologe muss versuchen, dem Psychologen etwas abzuschauen, der Anthropologe dem Philosophen, der Literaturwissenschaftler dem Historiker. Und umgekehrt.

Der Begriff “Nachgedächtnis” (post-memory)7, auf den ich für meine eigene Antwort zurückgreifen möchte, nimmt von all diesen Wissenschaften etwas in sich auf und bezieht sich auf eine Welt, in der nichts mehr so ist, wie es war. Das heutige Gedächtnis ist kein Gedächtnis im herkömmlichen Sinn mehr. “Das Nachgedächtnis”, so Marianne Hirsch, “charakterisiert die Erfahrung jener, die im Schatten der Erzählungen von Ereignissen aufwachsen, die vor ihrer Geburt stattgefunden haben. Ihr eigenes Gedächtnis musste den unter traumatischen Umständen geformten Geschichten der vorangegangenen Generationen weichen, die nie ganz verstanden oder wiedergegeben werden können.”

Das Phänomen des Nachgedächtnisses ist nachvollziehbar für Familien, die mit einer traumatischen Geschichte belastet sind. Warum aber bricht es heute aus dem Kreis der unmittelbar Betroffenen aus? Warum verlässt es – entgegen dem uralten Instinkt, die vom “Unglück Befallenen” zu isolieren – die engen Mauern der Hospitäler und psychiatrischen Anstalten und befällt nicht nur Individuen sondern ganze Gesellschaften? Es handelt sich dabei eindeutig um eine Verschiebung: Das Phänomen kommt in einem stellvertretenden, symbolischen Raum zur Geltung – an einem anderen Ort und mit erheblicher Verspätung gegenüber den Ereignissen, auf die es sich bezieht. Es wird wachgerufen, wenn die Generation der “wirklichen” Opfer des Traumas ausstirbt. Die Verbreitung des Nachgedächtnisses, seine Vielstimmigkeit, Phänomene wie das Buch von Wilkomirski, der sich aus unerfindlichen Gründen eine fremde Traumatisierung angeeignet hat,8 oder die Präsenz des Holocaust im amerikanischen öffentlichen Leben zeigen, dass es sich um eine eigentümliche mythenbildende Kraft handelt.9 Es geht dabei um eine stellvertretende, enteignete Erinnerung, eine Erinnerung am falschen Ort, die deshalb ähnlich wie der Historismus in Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen keines natürlichen Todes sterben kann. Das Nachgedächtnis explodiert eher, als dass es ins Vergessen übergeht, um nach einer solchen Explosion sich wieder zu sammeln und seine Sisyphusarbeit von vorne zu beginnen – Mythenbildung par excellence.

Dieses Phänomen ist deutlicher Ausdruck der “posttraumatischen Kultur”,10 die sich seit Ende der achtziger Jahre in Reaktion auf die frühere heroische “Kultur des Schweigens” vehement entwickelt hat. Die posttraumatische Kultur zeichnet sich durch eine erstaunliche Fähigkeit aus, historische Obsession mit schwindendem historischen Bewusstsein zu vereinen,11 und ist auf ein zentrales und verdrängtes Trauma der Vergangenheit bezogen, das unerwartet wiederkehrt und die gesamte Gegenwart einer Revision unterzieht. Diese Kulturform verweigert sich jeder Kur, sie findet ihre Erfüllung vielmehr in der obsessiven Betrachtung einer nicht verheilenden Wunde. Das Trauma wird zu ihrem Fetisch, es maskiert “etwas Anderes”, ein Geheimnis, das unbewusst bleibt und deshalb nicht offen kommuniziert werden kann.

“Ein Haus, in dem ich nicht mehr wohnen möchte”

In den Untersuchungen über dieses eigentümliche Trauma wird häufig die Metapher der “Leiche im Keller” oder auch des “Hauses, in dem es spukt” benutzt. “Die Gespenster der Vergangenheit,” erklärt Dominick LaCapra, der Autor eines wichtigen Buches über die posttraumatische Kultur, “das sind Themen, die uns heimsuchen, weil sie aufgrund von Störungen in der symbolischen Ordnung, infolge eines Mangels an Ritualen oder im Gefolge von Todesfällen, die so extrem transgressiv und unbegreiflich sind, dass sie unmöglich durch Trauer bewältigt werden können, herrenlos in unserer posttraumatischen Welt herumirren. Niemand, kein Individuum und keine Gruppe hat ein ausschließliches Verhältnis zu ihnen. Wenn sie ein Haus (ein Volk, eine Gruppe) heimsuchen, beunruhigen sie alle seine Bewohner, auch solche, die sich nur vorübergehend in ihm aufhalten.”12

LaCapra steht der posttraumatischen Kultur keineswegs unkritisch gegenüber. Im Gegenteil. Seine Analyse hebt an mit einer Kritik des dieser Kultur entspringenden Missbrauchs – vom Imitator Wilkomirski über den “Rassisten” Goldhagen und den Rächer Lanzmann, der mit Bedacht seine Gesprächspartner der Lächerlichkeit preisgibt, bis zum “Retter-Kitsch” in Schindlers Liste (S. Spielberg), in Korczak (A. Wajda) oder in Das Leben ist schön (R. Benigni). Er deckt sowohl die Gründe für Verzerrungen auf – unerträglicher Schmerz oder gute Absichten, mangelnde Sensibilität oder übertriebene Vorsicht13 – als auch jene für die Tendenz zur Übertreibung, von der hemmungslosen Identifizierung mit den Opfern über andere Formen der “Übertragung” und “stellvertretenden Erfahrung”, bis zur sekundären Traumatisierung der Opfer. Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber diesen Phänomenen hält er gerade die Historiker für prädestiniert, gegen die Exzesse eines chronischen und degenerierten Nachgedächtnisses aufzutreten.

Allerdings sind LaCapras Ansprüche hoch: “Ein Ziel des historischen Verstehens […] besteht nicht nur darin, eine wissenschaftlich gültige Darstellung der Vergangenheit zu liefern, sondern auch, eine kritische, empirisch genaue und zugängliche Erinnerung der wichtigen Ereignisse zu entwickeln, die zu einem Bestandteil der öffentlichen Sphäre wird. Damit ist die schwierige, wenn nicht uneinlösbare Verpflichtung verbunden, den Opfern zumindest posthum und symbolisch die Würde wiederzugeben, die ihnen von den Vollstreckern des Bösen genommen worden war.”14 Die von den Historikern unterstützte “genaue, kritische Erinnerungsarbeit wäre dann mit einer Art aktiven Vergessens verbunden, in dem ein Vergehen des Vergangenen möglich wird”, damit die gesellschaftliche Energie freigesetzt werden kann, die sonst an das Bannen des Alptraums gebunden bleibt.

Wenn man LaCapras Standpunkt über die Verantwortung der Historiker teilt, dann ist der Verweis auf böse Absichten, mangelnde Kenntnis oder Sensationsgier als Erklärung für das schwindende Vertrauen zur traditionellen Geschichtsschreibung15 genauso absurd wie die Gleichsetzung der “posttraumatischen Kultur” mit dem “Holocaust-Business”. Von LaCapras Standpunkt aus betrachtet, liegt die Antwort auf die Frage, warum das Massenpublikum die professionelle Geschichtsschreibung ablehnt, im Versagen der Historiker, “eine kritische, empirisch genaue und zugängliche Erinnerung” zu liefern und der Aufgabe der Trauerarbeit gerecht zu werden. In den Büchern von Gross und Goldhagen suchen die Menschen das, was sie woanders nicht finden – den moralischen Sauerstoff, der in dem Moment freigesetzt wird, in dem man Fragen aufgreift, auf die es keine Antworten gibt.

An der Quelle des Tabus

Was geschieht, wenn sich ein Forscher oder auch jeder andere Mensch dem Einfluss, den die Vergangenheit auf ihn und seine Identität hat, zu entziehen, ihn zu ignorieren versucht? Die herkömmliche Auffassung “Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß”16 deckt sich in keiner Weise mit der Einschätzung der Psychologen, die im Einklang mit dem Schöpfer der Psychoanalyse meinen, dass psychische Inhalte unsterblich sind, so dass ihre Verdrängung sie nicht eliminiert, sondern im Gegenteil eine umso kompliziertere Abhängigkeit von ihnen erzeugt. Genau davon handelt die Unfähigkeit zu trauern von Alexander und Margarete Mitscherlich, eine Abhandlung über die nicht betrauerte deutsche Liebe zum starken Mann. In diese Richtung zielt auch die Beobachtung von Daniel Cohn-Bendit und Gerd Koenen, dass der linke Terrorismus der siebziger Jahre in Deutschland auf dem Ausagieren der unbewussten Erinnerung an die Nazivergangenheit beruhte.17

Ein historisches Trauma, das, aus welchen Gründen auch immer, verleugnet wird, führt zu zwei pathologischen Phänomenen: An der Oberfläche, in der jüngsten Schicht bildet sich das Nachgedächtnis, dem in einer tieferen Schicht der unzugängliche Bereich historischer Tabus zugrunde liegt. Diese setzen bei den Spuren der Vergangenheit an, die als “zerstörerisch für das psychische Gleichgewicht oder die Identität” empfunden werden und deshalb so lange der Verdrängung unterliegen, bis sie im Unbewussten verschwunden sind (ich folge hier weitgehend der Theorie der historischen Tabus, wie sie Van den Braembussche vorgeschlagen hat)18. Die Vehemenz, mit der das Buch von Gross (und davor der Artikel von Michal Cichy Czarne karty Powstania [Die schwarzen Seiten des Aufstands]) abgelehnt wurden, resultierte u.a. daraus, dass an diese Tabus gerührt wurde. In der Jedwabne-Debatte traten deshalb alle vier Abwehrstrategien auf: die bewusste ideologische Verleugnung, die unbewusste Verleugnung, die Verleugnung kognitiven Typs und schließlich die Verleugnung mythologischer Art.

Am deutlichsten trat in bezug auf Jedwabne wohl die letztere Abwehrstrategie zu Tage. Exemplarisch dafür ist die Behauptung von Tomasz Strzembosz, dass der Mord in Jedwabne von “23 Outcasts und Kollaborateuren” verübt worden sei, was unterstellt, dass jeder, der ein solches Verbrechen begeht, sich außerhalb der Gesellschaft stellt, womit die Nation, aus der er stammt, unbefleckt bleibt. Diese Entlastungsstrategie lässt sich auch trefflich auf die polnischen “szmalcowniki” anwenden, die Juden mit der Drohung erpressten, sie an die Deutschen auszuliefern. Eine ähnliche Funktion erfüllte die zwanghafte Suche nach der Anwesenheit von Deutschen in Jedwabne am 10. Juli 1941, die bisher nicht belegt werden konnte.19

Die in der weiteren Argumentation von Tomasz Strzembosz angeführte Unterstellung, dass die antisemitische Stimmung in Jedwabne die Folge der Zusammenarbeit der örtlichen Juden mit dem NKWD während der sowjetischen Besatzung gewesen sei, ist im Grenzbereich zwischen der mythologischen und kognitiven Verleugnung angesiedelt.20 Ähnlich wie der Versuch, Jan Gross als “Soziologen” und Szmul Wasersztajn als einen “Agenten der Stasi”21 zu diffamieren, zielt diese Argumentation darauf ab, die kognitive Dissonanz zwischen dem, was man über die eigene Vergangenheit weiß (ein Mord, der von Polen ausgeführt wurde), und dem eigenen Selbstbild (die Polen waren stets Mordopfer – sie töteten allenfalls in Notwehr) sowie dem damit verbundenen historischen Wunschbild (der Mord in Jedwabne als blutige Rache an den Kollaborateuren, also
teilweise gerechtfertigt) zu verringern.

Was die unbewusste Leugnung im Zusammenhang mit Jedwabne betrifft, so war sie in den letzten sechs Jahrzehnten Ausdruck eines kollektiven Geschehens – keiner der Historiker, der über die Region Lomza geforscht hatte, hat sich bis zum Erscheinen des Films von Agnieszka Arnold und des Buches von Gross für die Morde in Jedwabne, Radziwilow oder Wasosz jemals interessiert. Dem Bereich der unbewussten Verleugnung, allerdings mit Nuancen der kognitiven versetzt, kann man auch das Vergleichspanorama antijüdischer Pogrome in anderen europäischen Ländern zurechnen, das Tomasz Szarota in seinem letzten Buch gezeichnet hat.22 Die Bedeutung der Morde von Jedwabne wird abgemildert, indem das Ereignis in den Kontext typischer, von den Nazis organisierter Verbrechen gestellt wird.

In diesen Bereich gehört auch ein anderes Argument Szarotas, das er in einem Gespräch mit Journalisten der Wochenzeitung Tygodnik Powszechny anführte: “Ich frage mich […], ob die Unterstützung für die “Liga der Polnischen Familien” bei den letzten Wahlen (“Liga Polskich Rodzin”, eine rechtsnationalistische, antisemitische Gruppierung; Anm. d. Übers.) nicht zu einem gewissen Teil auch eine Trotzreaktion auf die Jedwabne-Debatte gewesen ist”.23 Dieses ex post formulierte Argument impliziert eine Warnung vor den Furien nationaler Zwistigkeiten. In Totem und Tabu schreibt Freud, dass die “Übertretung gewisser Tabuverbote […] von allen Mitgliedern der Gemeinschaft gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle schädigen soll.”24 Psychoanalytisch betrachtet, könnte dieses Argument also den Schluss nahe legen, dass infolge der nicht ausreichenden und einmütigen Bestrafung von Jan Gross die Folgen seines Frevels (seines Buches Nachbarn) das gesamte Volk treffen – wobei die “Liga der Polnischen Familien” die Rolle der Furie verkörpern würde.

Die letzte Kategorie der Verleugnung, die im übrigen am wenigsten interessant ist, wird durch die Historiker repräsentiert, die im Nasz Dziennik publizieren. Für sie handelt es sich bei der Jedwabne-Debatte um das “Fälschen von Geschichte” als “Eröffnungszug”, “um Polen unter Druck zu setzen, höchstmögliche Entschädigungen für jüdischen Besitz zu bezahlen”. Diesen Stimmen haben sich Teile der Kirchenhierarchie angeschlossen, die, wie etwa der Bischof von Zomla, Stanislaw Stefanek, behaupteten, die Untersuchungen seien durch Vermögensansprüche der Juden motiviert. Diese Äußerungen verdienten keine Beachtung, würden sie nicht an den alten Mythos der “jüdischen Perfidie” und der “jüdischen Weltverschwörung” anknüpfen, der sich historisch in Anklagen der Brunnenvergiftung, der Hostienschändung und des Ritualmords konkretisierte.

Die vier aufgeführten Kategorien der Verleugnung sind wichtig, wenn auch wenig repräsentativ für die Pathologien des Denkens, wie sie an den Beiträgen polnischer Historiker im Verlauf der Jedwabne-Debatte zu beobachten war. Verbreiteter, gefährlicher und zugleich schwerer zu fassen ist die “professionelle Erstarrung”, welche vom Mainstream der Wissenschaftler an den Tag gelegt wurde, die sich in der Debatte öffentlich äußerten. Die komplexen Ursachen dieser Haltung sind im Wissenschaftsverständnis dieser Gruppe zu suchen. Darauf möchte ich im folgenden näher eingehen.

Polen als kranker Mann Europas

Nach dem klassischen Verständnis verursacht das Trauma eine Spaltung zwischen “Affekt”, d.h. Erleben, und “Vorstellung”, d.h. Erkenntnis. “Nachdem er die Orientierung verloren hat, fühlt der Mensch etwas, was er sich nicht vorstellen kann und versucht zugleich, sich in seiner Erstarrung etwas vorzustellen, was er nicht fühlen kann.”25 Verfolgt man die Debatten über die Bücher von Goldhagen oder Gross, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Publikum auf der einen und die Historiker auf der anderen Seite zwei gespaltene Aspekte eines am Nachgedächtnis erkrankten Menschen repräsentieren. Die Spaltung zwischen den Aspekten “Erleben” und “Erkenntnis” erscheint dabei so gründlich polarisiert, dass sich ersterer vollständig auf der Seite des Publikums, letzterer auf der Seite der Historiker findet.

Welches Trauma verbirgt sich im Nachgedächtnis dieses “Menschen”? Es reicht nicht zu sagen, es gehe um das verdichtete Trauma des Krieges, das einige Jahre vor seinem Ausbruch und einige Jahrzehnte nach seiner Beendigung umfasst. Es handelt sich eigentlich um die Verflechtung verschiedener Traumen, und das Nachgedächtnis umfasst hier gegensätzliche, wenn auch eng miteinander verwobene Erinnerungen.

Auf der einen Seite finden wir hier die jüdische Erinnerung an den zunehmenden Antisemitismus der Vorkriegsjahre und an die Tragödie der polnischen Juden – der assimilierten wie der nicht assimilierten -, die im Ghetto nicht nur von den Polen verlassen waren, dem Volk, das sie gewählt hatten, sondern auch vom eigenen, auserwählten Volk, der internationalen Gemeinschaft der Juden, die damals ebenfalls keine Bereitschaft zeigte zu helfen. Dann folgte die Shoah sowie die sich wiederholenden, von einigen Phasen der Illusion unterbrochenen Vertreibungen.

Auf der anderen Seite treffen wir auf die nicht weniger komplizierte polnische Erinnerung. Die Liste des Verrats ist auf dieser Seite länger, und die Schuldigen zeigen weniger Bereitschaft zur Reue. Neben den Deutschen und den Russen finden sich hier auch die nächsten Verbündeten Polens vom September 1939 und aus der Zeit der Verhandlungen von Jalta. Diese Verbündeten haben die stalinistische Besetzung des Landes nicht nur passiv geduldet, sondern wie die Geschichte der “Katyn-Lüge” zeigt, aktiv unterstützt. Man könnte behaupten, dass die Juden hier zum ersten Mal auf der Liste der Verräter auftauchten – zunächst im Herbst 1939, als sie “die Bolschewiken mit Brot und Salz begrüßten”, und dann später als “Juden-Kommune” (Zydokommuna) und als “Schergen der Geheimpolizei”. Gleich, welche Schuld sie trifft, die Heftigkeit, mit der sie angegriffen werden, legt die Vermutung nahe, dass sich in den Anklagen gegen sie ein weit größerer und schwerer zu formulierender Groll Luft verschafft.

Auffallend ist hier die Symmetrie der “beiden Erinnerungen” und der “beiden Wahrheiten”. Das jüdische Gedächtnis lebt von der “Auschwitzlüge”, das polnische von der “Katyn-Lüge”.

Im Streit um die Nachbarn prallten die beiden Erinnerungen aufeinander und versuchten, sich gegenseitig zu verdrängen, wobei jede für sich lautstark den Anspruch auf Ausschließlichkeit geltend machte. Der “Mensch”, in dessen Innerem dieser Zusammenprall stattfand, erkrankte, und seine Krankheit äußerte sich in der schon oben erwähnten Aufspaltung von “Erleben” und “Erkenntnis”, die sich jetzt so gründlich polarisierten, dass der eine Aspekt vom Publikum und der andere von den Historikern vertreten wurde. Während das Publikum sich in der Debatte mit den Opfern oder mit den Tätern von Jedwabne identifizierte, zeigten viele Historiker die oben erwähnte posttraumatische Erstarrung.

Wollte man den Vergleich der Jedwabne-Debatte mit der Psyche eines Menschen nach traumatischen Erlebnissen weitertreiben und die Frage nach einer möglichen Therapie des Patienten stellen, wäre wohl eine Medizin zu verordnen, die seine Erstarrung lösen könnte. In einer besseren Welt könnte der Name dieser Medizin Empathie lauten, ein Begriff, der im Zusammenhang des gegenwärtigen historischen Diskurses wie Hohn klingt.26

Wir sollten zunächst festhalten, was Empathie nicht ist. Sie ist keine vollständige Identifizierung, keine bedingungslose “Sympathie”, die ungeachtet durchaus lauterer Absichten den Patienten verschwinden lässt, um den Arzt an seine Stelle zu setzen, der sich unbewusst dessen Stimme und Eigenschaften aneignet. Im Unterschied zu einer solchen “Sympathie” würde die Empathie ein Mitfühlen bedeuten, bei dem keiner in der Rolle des Arztes auftritt. Als Heilmittel, das die traumatische Spaltung zusammenfügt, würden Aufmerksamkeit und Respekt fungieren sowie das Bewusstsein, dass wir uns niemals die tragische Erfahrung eines anderen aneignen können. Die Empathie würde den Anliegen beider Seiten der Kontroverse folgen, ohne ein mechanischer Kompromiss zu sein und ohne die Differenzen zu nivellieren.27

So könnte das Happyend des Nachgedächtnisses aussehen. Vermittelt über die Empathie könnten das Erleben des Publikums und die Erkenntnis der Historiker wieder miteinander kommunizieren. Das Publikum würde um “eine kritische, empirisch genaue und zugängliche Erinnerung” bereichert, während die Historiker das verlorene Gefühl wiedergewinnen würden.

Das Übergehen (der Stimme) der Opfer

Das Haupthindernis für eine solche Kur liegt in der Macht der traditionellen Vorstellung von der Arbeit des Historikers. Die Auffassung, dass ein Historiker “zugleich ein kritischer Intellektueller” sein sollte, für den “die Verifikation der historischen Quellen eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung der Geschichtsschreibung” ist, und dass darüber hinaus die Suche nach Wahrheit von einem “empathischen, dem Phänomen gemäßen Verstehen und einem dialogischen Gebrauch der Sprache” begleitet sein sollte,28 würde in Polen wohl eher belächelt. Die Wissenschaftler hierzulande versuchen mit großem methodischem Aufwand, nicht zu wissen, was sie wissen, und nicht zu fühlen, was sie fühlen. Wenn man von einer unterdrückten Sensibilität bei ihnen sprechen kann, dann sicherlich als Folge ihrer Bemühungen, den Anforderungen ihrer wissenschaftlichen Methodik gerecht zu werden.

Als lehrreiches Beispiel kann hier der Beitrag von Andrzej Paczkowski Die Debatte über Nachbarn. Versuch einer ersten Typologie dienen.29 Darin werden überaus korrekt vier Positionen aufgelistet, um welche die Debatte über das Buch von Gross zentriert war. Korrekt im Sinn einer bestimmten Auffassung darüber, wie Geschichtsschreibung zu betreiben sei, wozu die Überzeugung gehört, dass ein Wissenschaftler frei von Leidenschaft sein sollte. Der Beitrag lässt die eigene Meinung des Autors, eines der wichtigsten Zeithistoriker des Landes, nicht erkennen. Merkwürdigerweise färbt diese Neutralität auch auf die Sache selbst ab. Da nicht erkennbar wird, von welchem Ort aus Paczkowski spricht, bleibt auch unklar, wovon die Debatte handelt – es gibt eine Gruppe von Polen, eine Gruppe von Juden und eine Gruppe von Deutschen, und ihre Motive. Aber nichts wird beim Namen genannt. Nur einmal fügt der Autor etwas Eigenes hinzu, und zwar eine Erklärung, die ausgerechnet die Abstammung von Gross betrifft. Dieser Bruch mit den selbstauferlegten Prinzipien wirkt wie ein Versprecher, doch wie das mit Fehlleistungen ist, offenbart er den Kern des Problems.

Im polnischen öffentlichen Diskurs spielt die Information darüber, ob jemand Jude ist oder nicht, immer noch eine große Rolle. Indem Paczkowski Gross in ähnlicher Weise “verteidigt” wie es seinerzeit Erzbischof Godlowski mit Tadeusz Mazowiecki tat, unterwirft er sich den Regeln dieses Diskurses. Ich möchte ihm keinesfalls niedere Beweggründe unterstellen, sondern nur aufzeigen, dass selbst beim besten Willen auch der reflektierteste Historiker sich gesellschaftlichen Bedingungen nicht entziehen kann. Und zwar um so weniger, je mehr er sie zu negieren versucht.

In seinem Buch beleuchtet LaCapra diese Art der Negation auf interessante Weise. Seiner Auffassung nach zielt die Selbstzensur, die in den Arbeiten von formalistisch und positivistisch eingestellten Historikern sichtbar wird, darauf ab, “mittels extremer Objektivierung die Übertragung zu verleugnen, die den Forscher mit dem untersuchten Problem – und den darin involvierten Personen – verbindet.”30 Im klassischen Freudschen Verständnis macht sich Übertragung als mit den Mitteln eines eigenen Diskurses bewerkstelligte Wiederholung bzw. Reinszenierung von Prozessen bemerkbar, die aus dem Gegenstand der Untersuchung herrühren. Es mag für unsere psychoanalytisch ungeschulten Ohren schockierend klingen, aber in der Geschichtswissenschaft finden Übertragungsbeziehungen sowohl zwischen den Forschern untereinander wie auch zwischen den Forschern und den von ihnen untersuchten Figuren und Prozessen der Vergangenheit statt. Auf einer bestimmten Ebene – insbesondere bei Gerichtsgutachtern oder Historikern – “gibt es eine Tendenz, das Trauma zu wiederholen, und wenn es nicht zu einer Auseinandersetzung damit kommt, wird es als Verdrängtes und Abgespaltenes in einer zufälligen und unkontrollierten Weise wiederkehren.”31 Dieses Phänomen ist universal und spielt sich außerhalb der bewussten Kontrolle ab. Das Problem liegt also nicht darin, dass es auftritt, sondern in der Frage, wie man damit umgehen soll.32

Im Bereich der historischen Tabus zeichnet sich die menschliche Psyche durch eine geradezu telepathische Ignorierung von Entfernungen und Bewusstseinsschranken aus. Vergangene Geschehnisse werden als gleich gegenwärtig behandelt, um so heftiger, je mehr sie geleugnet werden.33 Selbst in den Schilderungen von höchst distanzierten Historikern des Holocaust vernimmt man immer wieder das Echo der analysierten Greuel oder begegnet verirrten Wörtern, impliziten Bewertungen und Andeutungen.34 Der Historiker, der an diesen Seancen teilnimmt, tritt abwechselnd in zwei Rollen auf: Mal als Zeuge, den Gewissensbisse quälen, derer er sich mit Hilfe der vier Strategien zur Abwehr historischer Tabus zu entledigen sucht; mal als Täter, Dämon oder Spielball in der Hand der “historischen Notwendigkeit”. Wenn er sich mit den Opfern identifiziert, was selten vorkommt, kann er das aus Furcht vor dem Vorwurf der Einseitigkeit weder akzeptieren noch offenlegen. Daher wandern die in seiner Schilderung nicht repräsentierten Gesichtspunkte in immer neue Schichten des Nachgedächtnisses, während die Mühlen der Mythenbildung auf Hochtouren arbeiten.

Die Vernachlässigung der Stimme der Opfer stellt nach LaCapra eine pathologische, aber durchaus verständliche Abwehr dar, die von Historikern unbewusst eingesetzt wird. Diese Abwehr schützt den persönlichen Raum des Forschers vor dem Eindringen potentiell unerträglicher Inhalte. Wenn die Annäherung an die Grenze des Erträglichen nicht bewusst gemacht wird, bringt sie eine Pathologie hervor, in der die Opfer “ruhiggestellt” werden und narrative Techniken zum Einsatz kommen, auf die ich im weiteren noch eingehen werde.
Das Ignorieren der Stimme der Opfer ist auch in der Justiz gang und gäbe. Man kann das deutlich am Beispiel des Gerichtsverfahrens gegen die Mörder von Jedwabne sehen, über das Andrzej Rzeplinski schreibt: “Die Geschädigten treten in ihm überhaupt nicht auf. Auch wenn ein Opfer sich im Gerichtssaal befindet, wird es vom Gericht nicht als Opfer behandelt.”35 Das “Vermeiden von Einseitigkeit” und das “Streben nach vollständiger Objektivität” hat also seinen Preis. Im Laufe des Gerichtsverfahrens findet das Ignorieren der Stimme der Opfer schließlich seine Zuspitzung im Ignorieren der Opfer selbst. Dazu Andrzej Rzeplinski: “Es fand keine Exhumierung statt. Es gab in diesem Gerichtsverfahren keine Opfer. Das Verbrechen soll nur darin bestanden haben, dass die Bewohner von Jedwabne und Umgebung die Juden auf den Marktplatz getrieben und dort eine Weile bewacht haben. Im Urteil ist vom Verbrennen der Juden keine Rede.”36

Das Ignorieren der Stimme der Opfer, besonders dann, wenn sie einer Minderheit angehören, ist nicht nur für die polnische Geschichtsschreibung kennzeichnend. Die konservativen Schulen der Geschichtsschreibung, die sich im 19. Jahrhundert in Deutschland und in anderen europäischen Ländern konstituiert haben und die an der Bildung und Stärkung nationaler Identitäten maßgeblich beteiligt waren, zeigten keine Bereitschaft, den Opfern eine Stimme zu verleihen. Zu einer Kritik dieser Identifizierung der Historiker mit dem Stärkeren waren nur Denker vom Format eines Walter Benjamin fähig, der in seinem berühmten Text Über den Begriff der Geschichte die Frage aufwarf, “[…] in wen sich denn der Geschichtsschreiber des Historismus eigentlich einfühlt”. “Die Antwort lautet unweigerlich in den Sieger. […] Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist.”37

“Man schreibt Geschichte nicht, indem man sich in Kneipen herumtreibt”

LaCapra weist darauf hin, dass ein Historiker, der leugnet, in bezug auf die Vergangenheit auch die Rolle eines Zeugen zu spielen, ebenso das Phänomen der Übertragung negieren und die affektive, empathische Komponente im Verstehen zurückweisen wird.38 Er wird deshalb nur ungern die Aufgabe übernehmen, mündliche Zeugnisse zu provozieren, zu sammeln und mitzugestalten.

Wie die im folgenden zitierte Aussage belegt, ist die Ursache für die langjährige Vernachlässigung mündlicher Zeugnisse durch die polnischen Historiker in deren methodologischem Selbstverständnis zu suchen: “Gross kann nicht verstehen”, sagt Tomasz Szarota, “warum niemand sich früher mit Jedwabne beschäftigt hat. Es reichte doch, sagt er, dort hinzufahren, in die Kneipe zu gehen und mit den Leuten zu reden. Darauf kann ich nur erwidern – man schreibt nicht Geschichte, indem man sich in Kneipen herumtreibt. Das ist eine Frage des wissenschaftlichen Handwerks.”39

Die Ursachen für diesen Unwillen des Forschers gegenüber einer oral history aus der Kneipe liegen auf der Hand. Im lebendigen Gespräch ist der Fragende rasch in die Formulierung des mündlichen Zeugnisses in einer Weise verstrickt, die mit dem herrschenden Forschungsparadigma nicht vereinbar ist. Historiker vermeiden Gespräche, die etwas über beide Teilnehmer offenbaren. Selbstverständlich sollte man sich nicht nur auf mündliche Quellen stützen, aber die überhebliche Disqualifizierung dieser Art von Quellen, in denen sich ja ein Gruppenbewusstsein offen artikuliert, lässt sich rational nicht rechtfertigen.

Ein Gespräch mit dem Opfer eines Verbrechens, mit dem Täter oder auch nur mit einem Zeugen wird jeden Gesprächspartner mit großer Wahrscheinlichkeit mehr verändern, als das Studium der Verhörprotokolle in der Stille eines Archivs. Vorausgesetzt, man hört überhaupt zu, wird man gezwungenermaßen erkennen, welchen Einfluss die Art der Fragen auf das Gespräch hat. Von da ist der Weg nicht mehr weit, die Bedeutung der affektiven, empathischen Komponente im Verstehen zu begreifen und zu würdigen. So wie man mit geschickt gewählten Fragen bestimmte Aussagen des Gesprächspartners provozieren kann, so kann man ihm auch die Lust nehmen, sich zu offenbaren, indem man ihn entmutigt oder verwirrt, insbesondere wenn es um psychisch Belastendes geht. Die Worte von Leon Kieres, dem Vorsitzenden des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), illustrieren dieses Problem: “Meine eigene berufliche Erfahrung erlaubt mir zu behaupten, dass die Aussagebereitschaft von Zeugen im hohen Maße von der Persönlichkeit jener abhängt, die ihre Aussagen entgegennehmen.”40 Wer bestimmten Fragen ausweicht, wird auch die Antworten darauf nicht zu hören bekommen.

Ist die Sensibilität der Historiker unterdrückt?

Wie verhält sich all das zum beruflichen Selbstbild der Geschichtsforscher? Die Behauptung Hayden Whites, dass die professionellen Historiker einen Extremfall “unterdrückter Sensibilität” darstellen, wird in Polen immer noch belächelt.41 Sie leuchtet erst ein, wenn wir akzeptieren, dass es Dinge auf der Welt gibt, die nicht unserer bewussten Kontrolle unterliegen und über die wir Verfügungsgewalt nur erlangen können, wenn wir sie anerkennen.

Die heutige Geschichtswissenschaft wird von Dominick LaCapra als ein Kontinuum dargestellt, dessen einen Pol radikale Konstruktivisten wie White oder Ankersmith bilden (die in Polen allerdings kaum Anhänger haben), während am anderen Ende das Konzept der “selbsterklärenden” Historiographie steht, dem man das Gros der polnischen Historiker zuordnen könnte. Diesem zweiten Pol, den wir der Einfachheit halber den “positivistischen” nennen wollen, schreibt der Autor fünf charakteristische Eigenschaften zu:

– eine scharfe Trennung von Subjekt und Objekt der Forschung;
– die Neigung, Objektivität mit Objektivismus gleichzusetzen;
– die Gleichsetzung historischen Verstehens mit kausaler Erklärung;
– die Leugnung der Übertragung (d.h. der Wirkung der beschriebenen Ereignisse auf die eigene wissenschaftliche und persönliche Situation) wie auch der Tatsache, dass der Beobachter den beobachteten Gegenstand beeinflussen kann;
– “Ausschluss oder Herunterspielen der Bedeutung des Dialogs mit dem anderen als einer Beziehung, in der die Stimme oder Perspektive des anderen den Beobachter in Frage stellt, indem sie seine oder ihre Forschungsprämissen, sein emotionales Engagement und seine Werte problematisiert.”42

Ich habe bereits die Hypothese LaCapras erwähnt, wonach die Reflexionsfeindlichkeit, die methodologische Zurückhaltung und Distanz der traditionellen Geschichtsschreibung aus der Angst vor dem Trauma rührt, mit dem der Forscher gezwungenermaßen in Berührung kommt. So wie der Arzt seinen weißen Kittel vor der Operation anzieht, lege sich der Historiker einen Panzer zu, der seinen persönlichen Raum vor dem Eindringen bedrohlicher Inhalte schützt.43 Zu dieser Haltung gehört auch das Streben nach maximaler Objektivität, das sich folgendermaßen äußern kann:

– Verdinglichung des untersuchten Gegenstands aus dem Wunsch heraus, eine maximale Distanz herzustellen, was auch in der unbewussten Übernahme der Sprache der Täter zum Ausdruck kommt;44
– Eliminierung der Sprache der Opfer – im Kontext der Jedwabne-Debatte wurde ihre Sprache als “die Sprache des Elends” bezeichnet;45
– Bevorzugung von “selbsterklärenden”, von den Tätern stammenden Zeugnissen – typisch dafür war die leidenschaftliche Suche im Ludwigsburger Archiv nach dem Film, den die Nazis angeblich in Jedwabne gedreht haben, sowie nach den Spuren eines “Kommandos Schaper” oder einer vergleichbaren deutschen Beteiligung;
– Konzentration auf die Täter.

Es stellt sich die Frage, wie weit es mit der Objektivität eines Forschers her ist, der eine solche objektivistische Auswahl der Quellen trifft und sich damit von der Hälfte der Wirklichkeit abschneidet. Offen ist auch, wie ein sensiblerer Forscher mit der unbewussten Faszination zurechtkäme, die den von ihm zitierten Stimmen der Täter entspringt (und die er auch auf seine Leser überträgt).

Heroischer und unheroischer Tod

Als Illustration der Kosten, welche die Verdrängung der Sensibilität mit sich bringt, und als Beleg dafür, wie die “Wiederkehr des Verdrängten” selbst die gewissenhaftesten Forscher tangiert, möge eine Passage aus dem Gespräch zwischen Jacek Zakowski und Tomasz Szarota dienen. Zakowski: “Obwohl man es sich kaum vorstellen kann, sagt es doch einiges über das Ausmaß des Terrors und der Angst, dass an den ersten Tagen, noch bevor die Gestapo eingetroffen war, nicht nur die Polen den an den Juden begangenen Verbrechen tatenlos zusahen, sondern auch die nicht betroffenen übrigen Juden.” Szarotas Antwort: “Ich maße mir nicht an, das zu erklären. Man kann sich natürlich auf negative Stereotypen berufen. […] Aber Stereotype erklären nie die Geschichte, sondern verfälschen sie häufig. So oder so ist es schwer zu verstehen – und auch Gross versucht es in seinem Buch nicht zu erklären -, warum 1.500 gesunde, auf der Höhe ihrer Kräfte befindliche Personen, die von weniger als hundert nur mit Stöcken bewaffneten Verbrechern in den Tod geführt werden, nicht versuchen sich zu wehren, ja nicht einmal zu fliehen.” Und weiter: “In Gross’ Buch wird eine Situation beschrieben, die dieses Geheimnis vielleicht ein wenig erhellt. Das ist die Geschichte von Michal Kuropatwa, einem jüdischen Fuhrmann, der unter sowjetischer Besatzung einen polnischen Offizier bei sich versteckt hatte. Vor dem Scheunentor holte ihn jemand aus der Menge heraus, um ihm das Leben zu retten. Kuropatwa lehnte ab. Er wählte den gemeinsamen Tod mit den anderen Juden. Gross vergleicht die Entscheidung Kuropatwas mit der Haltung von Janusz Korczak, aber er zitiert nicht, was Kuropatwa nach Zeugenaussagen damals gesagt haben soll: ‘Wohin der Rabbi geht, dahin gehe auch ich.’ Wenn man das Phänomen Jedwabne verstehen will, ist es hilfreich, auch diese Worte zu verstehen.”46

Tomasz Szarota scheint hier suggerieren zu wollen, dass man “das Phänomen Jedwabne” nur verstehen könne, wenn man berücksichtigt, dass erstens die Juden selbst ihren eigenen Tod mitverursacht haben, und dass man zweitens die Entscheidung von Michal Kuropatwa nicht mit der von Janusz Korczak vergleichen sollte, da jemand, der seinem Rabbiner folgt, diesen Vergleich nicht verdiene. In seiner Interpretation des “Phänomens Jedwabne” bewegt sich Tomasz Szarota hier auf den Spuren jener, die von jeher die Opfer beschuldigen und stigmatisieren. Solche Beschuldigungen sind immer wieder von Vertretern der christlichen Tradition geäußert worden, von Menschen, die selbst nie zu den Opfer zählten. Indem sie sich von den anderen abwenden und zwischen einem heroischen und einem unheroischen Tod unterscheiden,47 wenden sie sich von sich selbst ab, von ihren eigenen historischen Tragödien, und wiederholen unbewusst die Geste der Ausgrenzung, mit der man seinerzeit die Errichtung der Ghettos und den Holocaust einleitete. Es ist bedrückend, wenn auch die Historiker von heute einem solchen Wiederholungszwang unterliegen.

Vor vielen Jahren hat Maurycy Handelsman dem Forscher “die Pflicht zum umfassenden Wissen” auferlegt und ihm “Introspektion” angeraten, wobei er die “Psychologie und Logik” als methodologisches Rüstzeug voraussetzte.48 Heute ist diese Pflicht verlorengegangen, die Introspektion wurde auf den gesunden Menschenverstand reduziert, und sogenannte psychologische Wahrheiten und Stereotypen meint der Historiker aus eigener Erfahrung zu kennen, weshalb er nicht zu den Büchern von LaCapra oder Sander L. Gilman greift. Kein Wunder, dass er die Haltung eines Forschers aufgibt und statt dessen zum reinen Informationsvermittler wird.

Der Klub der Historiker

Die Vorstellung der Historiker von der methodischen Redlichkeit ihrer Disziplin deckt sich häufig mit dem, was Hans-Georg Gadamer als das tückischste aller Vorurteile, nämlich die Illusion epistemologischer Neutralität bezeichnet hat. Diese Illusion macht die Geschichtsforscher sowohl für Einflüsse historischer Tabus anfällig als auch für ihre persönlichen Vorurteile und Stereotypen, wodurch sie immer wieder der Versuchung des Zynismus erliegen. Die vermeintliche Neutralität, die auf der Verdrängung dessen beruht, was man wirklich denkt und fühlt, provoziert einen Überraschungsangriff – die Vorurteile kehren verstärkt wieder, wobei die Energie, die zu ihrer Aufklärung hätte dienen können, jetzt eingesetzt wird, um Meinungen zu verschleiern und zu rationalisieren, auf die man zu verzichten nicht bereit ist. Die europäische philosophische Tradition kennt diese Gefahr sehr gut unter der Bezeichnung . Die von Tacitus empfohlene Haltung hat sich in ihr Gegenteil verkehrt – in den Verzicht auf eine kritische Haltung und das halbbewusste Rationalisieren von Unrecht.

In Polen genießen die Historiker ungewöhnlich viel Macht. Sie haben ihren Platz gleich neben den romantischen Dichtern, deren Bedeutung zu Recht mit jener der Propheten im alten Israel verglichen wurde. Von daher fällt den polnischen Historikern in der Tat eine große Verantwortung zu. Den Historikern wurde der Schatz der nationalen Identität anvertraut, auf dass sie ihn durch alle Wirrnisse retten und bewahren. Doch wenn man diesen Schatz wirklich bewahren will, reicht es nicht, ihn zu verstecken. Vergrabenes Geld modert, ungenutzte Währung unterliegt der Abwertung. Unsere Historiker sichten das Depot so selten, dass ich als geborene Pessimistin längst die Hoffnung aufgegeben habe, einer von ihnen würde es zu meinen Lebzeiten doch noch wagen. Erst recht erscheint es mir unvorstellbar, dass einer von ihnen es mit den historischen Tabus aufnimmt und das “Prinzip der Diskretion” in Frage stellt, das in ihrem Klub herrscht. Dieses Prinzip macht es dem Forscher unmöglich zuzugeben, dass die von ihm beschriebenen Ereignisse auf ihn einwirken, ihn bewegen, erschrecken und verfolgen, ihn zur Aufgabe des Themas oder – Gott bewahre – zur Veränderung der Methode verleiten könnten. So etwas ziemt sich nur für Soziologen und Frauen, denn auf den Soziologen schaut der Historiker herab wie der Mann auf die Frau.

Das Verdienst von Jan Gross liegt darin, dass er begriffen hat, welche Rolle dem Historiker in der Freisetzung von Erfahrungen, die im Nachgedächtnis gefangen sind, zukommt, und dass er den Mut besaß, entsprechend zu handeln. Man kann ihn dafür aus dem Klub der Historiker ausschließen oder aber die Klubordnung ändern.

Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne, München 2001.

Daniel R. Schwarz, Imagining the Holocaust, New York 1999, S. 8 f.: "Each country, including the United States, wrote its own Version of postwar history, often to suit the needs of rebuilding its self-esteem. The cold war meant that history was distorted. We were told that the United States, England and France won the war when in fact France was a defeated country complicit in the Holocaust. Decades passed before France began as a nation to re-examine its role and realize that only a comparative few partisans resisted the Vichy government that rounded up and deported Jews beyond Nazi demands. In the last few years we have been learning about Switzerland's role in expropriating Jewish money as well as laundering expropriated German money and harbouring nazi assets during the war. Finally 50 years later, French war criminals such as Maurice Papon are brought to trial. [...] In France after the Allied victory, 300 000 French collaborators were arrested and 7037 were put to death. But then followed 25 years of silence before a period of re-examination - 25 years after the war."

Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, in: ders.,Gesammelte Schriften, hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. V, Frankfurt a.M. 1982, S. 178: "Die Essenz des mythischen Geschehens ist Wiederkehr. Ihm ist als verborgene Figur die Vergeblichkeit einbeschrieben, die einigen Helden der Unterwelt (Tantalus, Sisyphus oder die Danaiden) an der Stirne geschrieben steht."

Illustrativ hierzu die Verleihung des Demokratiepreises 1997 an Daniel Jonah Goldhagen; vgl. Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 4 / 1997.

Vgl. Dominick LaCapra, Writing History, Writing Trauma, Baltimore/London 2001, S. 23.

K. Happrechts, zitiert nach W. Pieciak, Niemiecka Pamiec, Krakow 2002.

M. Hirsch, Family, Frames: Photography, Narrative and Postmemory, Harvard 1997, S. 22. Ich möchte hier den Begriff von Hirsch erweitern, der ursprünglich zur Darstellung der psychischen Situation von Kindern Überlebender des Holocaust gedacht war. Das so verstandene Nach-Gedächtnis wäre ein Phänomen von der Art der "Pseudomorphosen", über die Oswald Spengler im Untergang des Abendlandes geschrieben hat.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 207 ff.

Vgl. Peter Novick, Holocaust in American Life, Boston 1999. Vgl. auch LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 171 f.

Für eine kritische Erörterung dieser Fragen vgl. Kirby Farell, Post-Traumatic Culture: Injury and Interpretation in the Nineties, Baltimore 1998; vgl. auch Ruth Leys, Trauma: A Genealogy, Chicago 2000.

Vgl. A. van den Braembussche, "The Silenced Past. On the Nature of Historical Taboos", in: J. Topolski (Hg.), Pisanie historii, Poznan 1995, S. 98.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 215.

Vgl. A. Bikont, "Ja, Szmul Wasersztajn, ostrzegam", in: Gazeta Wyborcza, 12.7.2002.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 95.

Vgl. ebd., S. 14.

Zu diesem Thema vgl. Joyce Appleby/Lynn Hunt/Margaret Jacob, Telling the Truth About History, New York/London 1994, S. 307.

G. Koenen, Das rote Jahrzehnt, Köln 2001.

Van den Braembussche, "The Silenced Past", a.a.O., S. 101 ff.

Vgl. R. J. Ignatiew, "Komunikat o koncowych unstaleniach sledztwa w sprawie udzialu w zabojstwach obywateli polskich narodowosci zydowskiej w Jedwabnem, 10 Lipca 1941 r.", in: Gazeta Wyborcza, 10.7.2002.

"Im Vergleich der nationalsozialistischen Konzentrationslager mit den stalinistischen Lagern, der im 'Historikerstreit' dazu 'benutzt' wurde, die 'Einmaligkeit' des Holocaust zu negieren, haben manche kritische Beobachter die Geburt eines historischen Mythos gesehen. Der Mythos besteht in ihren Augen nicht so sehr in der Leugnung der Einmaligkeit der Ermordung von Millionen europäischer Juden durch Einbettung in eine relativierende universelle historische Perspektive (die dritte Strategie zur Bewältigung der Vergangenheit!), sondern in der Auffassung, der Holocaust sei durch die bolschewistischen 'Säuberungen' der dreißiger Jahre provoziert worden und daher als unmittelbare Reaktion auf die Gefahr einer 'asiatischen' Ausrottung zu verstehen, die angeblich von den Bolschewiken ausging." (Van den Braembussche, "The Silenced Past", a.a.O., S. 110) Zu derselben Kategorie der Verdrängung scheinen mir manche deutsche Reaktionen auf die Offenlegung der polnischen Täterschaft an dem Mord in Jedwabne zu gehören. Vgl. den Untertitel, den die FAZ einem von ihr bestellten Artikel zu dem Thema gab: "Die Diskussion über das Massaker in Jedwabne verletzt den Mythos der Polen als Volk der Opfer." (Joanna Tokarska-Bakir, "Vergangenheit, die nicht vergehen will", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.5.2001).

Vgl. Bikont, "Ja, Szmul Wasersztajn, ostrzegam", a.a.O.

Tomasz Szarota, Pogromy antyzydowskie w Europie w latach 1939-1941, Warszawa 2000.

"Jedwabne bez stereotypow. Z prof. Szarota rozmawiaja Agnieszka Sabor i Marek Zajac", in: Tygodnik Powszechny 17, 2002.

Sigmund Freud, Totem und Tabu (1912/1913), in: ders., Gesammelte Werke, hg. v. Anna Freud u.a., Bd. IX, Frankfurt a.M. 1999, S. 44.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 42. Vgl. auch die Aussagen von zwei Beteiligten an Claude Lanzmanns Film Shoah, Mordechaj Pdchlebnik und Szymon Srebrnik. Vgl. Claude Lanzmann, Shoah: An Oral History of the Holocaust. The Complete Text of the Film (with a preface by Simone de Beauvoir), New York 1985, S. 52 und 95 ff.

Wenn LaCapra unterstreicht, dass es nicht nur darum geht, "über das Trauma [zu] schreiben", sondern auch darum, "das Trauma zu schreiben" (La Capra, Writing History, a.a.O., S. 40), bezieht er sich auf den Begriff der Empathie in der Bedeutung einer "heteropathischen Identifizierung". (Vgl. dazu ausführlich Kaja Silverman, The Threshold of the Visible World, New York 1996.)

"Was das historische Trauma und seine Darstellung anbelangt," schreibt LaCapra, "ist die Differenzierung zwischen Opfern, Tätern und Zeugen von entscheidender Bedeutung. 'Opfer' ist dabei keine psychologische, sondern eine gesellschaftliche, politische und ethische Kategorie." (LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 79.)

Ebd., S. XII.

A. Paczkowski, "Debata wokol 'Sasiadow'. Proba wstepnej typologii", in: Rzeczpospolita, 24.3.2001.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 78.

Ebd., S. 143.

Ebd., S. 36.

"Da das Denken keine Entfernungen kennt", kann auch "das räumlich Entlegenste wie das zeitlich Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseinsakt" zusammengebracht werden. (Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. IX, a.a.O., S. 105).

LaCapra hat diese Frage im Zusammenhang mit der hervorragenden, aber besonders distanzierten Arbeit von Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Berlin 1982, diskutiert.

"Ciszej nad ta zbrodnia", Gespräch zwischen Piotr Lipinski mit Andrzej Rzeplinski, in: Gazeta Wyborcza, 20.7.2002.

Vgl. Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939, München 1998, S. 12: "Schließlich sind ihre (der Opfer) Stimmen unverzichtbar, wenn wir zu einem Verständnis für die Vergangenheit gelangen wollen. Denn ihre Stimmen sind es, die das offenbaren, was man wusste und was man wissen konnte; ihre Stimmen waren die einzigen, die sowohl die Klarheit der Einsicht als auch die totale Blindheit von Menschen vermittelten, die mit einer völlig neuen und zutiefst entsetzlichen Realität konfrontiert waren. Die ständige Gegenwart der Opfer in diesem Buch ist nicht nur an und für sich historisch wesentlich, sie soll auch dazu dienen, das Handeln der Nationalsozialisten in eine richtige, umfassende Perspektive zu rücken."

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: ders., Gesammelte Werke, hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. I/2, Frankfurt a.M. 1974, S. 691.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 97.

"Jedwabne bez stereotypow", a.a.O.

In: J. Zakowski, Rewanz pamieci, Warszawa 2000, S. 5. Vgl. auch das oben zitierte Gespräch von Piotr Lipinski mit Andrzej Rzeplinski über das Gerichtsverfahren gegen die Täter von Jedwabne.

Vgl. M. Ptaszynski, "Historycy na stos? Polemika z Joanna Tokarska-Bakir", in: Krytyka Polityczna 1, 2002.

LaCapra, Writing History, a.a.O., S. 5.

Ebd., S. 40.

Ein typisches und häufig kritisiertes Phänomen in diesem Zusammenhang ist die unbewusste Übernahme der tabuisierten Sprache der Täter durch die Historiker. Vgl. dazu die Einleitung von Pawel Szapiro zu dem Buch von Anka Grupinska, Po kole. Rozmowy z zolnierzami getta warszawskiego, Warszawa 1999, S. 10. Obwohl die Historiker des Holocaust sich der Entpersönlichung der Tätersprache bewusst sind ("...psychologisch gesehen hat die ganze Operation der Zugtransporte der Juden in die Vernichtungslager nur auf der Basis des Prinzips funktioniert, niemals beim Namen zu nennen, was geschah," sagt Raul Hilberg in Lanzmanns Dokumentation Shoah), gleicht sich ihre eigene Sprache oft dem untersuchten Gegenstand an, was durch die oben erörterten methodischen Prämissen begünstigt wird. Zur Sprache von Raul Hilbergs grundlegendem Werk Die Vernichtung der europäischen Juden vgl. La Capra, Writing History, a.a.O., S. 100 und 112 ff., sowie Saul Friedländer, Memory History and the Extermination of the Jews of Europe, Bloomington 1993, S 130 ff.

Vgl. Zakowski, Rewanz pamieci, a.a.O., S. 133.

Ebd., S. 123; deutsch in: Transodra 23, S. 55 f.

Zur Auseinandersetzung mit dieser Frage vgl. St. Vincenz, Outopos. Zapiski z lat 1938-1944, Wroclaw 1993, S. 105, sowie Bikont, "Ja, Szmul Wasersztajn, ostrzegam", a.a.O.: "Das ist ein Problem, mit dem sich viele Juden nach dem Holocaust auseinandergesetzt haben. Ich erinnere mich auch an ähnliche Diskussionen mit einem meiner Onkel in Israel - ich konnte nicht begreifen, wie jemand es als unwürdig empfinden kann, wenn man ohne Widerstand, mit seiner Mutter oder seinem Kind im Arm in den Tod geht."

M. Handelsman, Historyka. Zasady metodologii i teorii poznania historycznego, Warszawa 1928, S. 1, 21 und 34.

Published 30 May 2003
Original in Polish
Translated by Anna Leszczynska

Contributed by Transit © Transit Eurozine

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