Gott ist Russe

26 June 2018
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Der russische Philosoph Iwan Iljin starb 1954 vergessen im Schweizer Exil. Seine Wiederentdeckung verdankt er Putins Regime. Es stützt sich auf ihn als Vordenker einer Politik, die die westlichen Werte im Namen eines neuen Autoritarismus systematisch untergräbt, mit Erfolg. Man könnte, meint Timothy Snyder, in Iljin den Propheten unseres Zeitalters sehen.

„Politik ist die Kunst, den Feind zu erkennen und auszuschalten.“

Iwan Iljin, 1948

Der Russe blickte dem Teufel ins Auge, er legte Gott auf die Couch des Psychoanalytikers und begriff, dass seine Nation die Welt erlösen kann. Ein gequälter Gott erzählte dem Russen eine Geschichte vom Scheitern. Am Anfang war das Wort, Reinheit und Vollkommenheit, und das Wort war Gott. Doch dann beging Gott eine Jugendsünde. Er schuf die Welt, um sich zu vervollkommnen, beschmutzte sich stattdessen jedoch selbst und verbarg sich in Scham. Die Ursünde wurde von Gott, nicht von Adam begangen: die Freisetzung des Unvollkommenen. Sobald die Menschen in der Welt waren, nahmen sie Tatsachen wahr und erlebten Gefühle, die sich nicht mit dem vereinbaren ließen, was Gott im Sinn gehabt hatte. Jeder einzelne Gedanke und jede einzelne Leidenschaft verstärkten den Zugriff des Teufels auf die Welt.

Und so begriff der Russe, ein Philosoph, dass Geschichte Schmach und Schande war. Die Welt seit der Schöpfung war ein sinnloses Durcheinander von Bruchstücken. Je mehr die Menschen versuchten, sie zu verstehen, desto sündhafter wurde sie. Das moderne Leben mit seinem Pluralismus und seiner bürgerlichen Gesellschaft verstärkte die Mängel der Welt nur noch mehr und sorgte dafür, dass Gott im Exil blieb. Gottes einzige Hoffnung war, dass eine rechtschaffene Nation einem Anführer folgen und eine neue politische Totalität schaffen würde – damit würde eine Reparatur der Welt beginnen, die wiederum das Göttliche erlösen konnte. Da das einigende Prinzip des Wortes das einzig Gute im Universum war, waren alle Mittel gerechtfertigt, die zu dessen Wiederkehr führen würden.

Und so träumte dieser russische Philosoph, dessen Name Iwan Iljin war, von einem russisch-christlichen Faschismus. 1883 geboren, beendete er seine Dissertation über Gottes weltliches Scheitern kurz vor der Russischen Revolution 1917. Nachdem er 1922 von der Sowjetmacht, die er verachtete, aus seinem Heimatland vertrieben worden war, fand er an der Sache Benito Mussolinis Gefallen und vollendete 1925 ein weiteres Buch, eine Rechtfertigung der gewaltsamen Gegenrevolution. Im deutschen und Schweizer Exil schrieb er in den 1920er und 1930er Jahren für Weiße Russen, die nach der Niederlage im Bürgerkrieg aus ihrer Heimat geflohen waren, und in den 1940er und 1950er Jahren für zukünftige Russen, die das Ende der Sowjetmacht erleben würden.

Mikhail Nesterov Thinker (Portrait of Ivan Ilyin, 1921—1922, Russian Museum). Source: Wiki Commons

Von Schreibzwang getrieben, verfasste Iljin rund zwanzig Bücher auf Russisch und weitere zwanzig auf Deutsch. Seine Werke sind nicht selten weitschweifig, und man findet rasch Ungereimtheiten. Doch ein Strang seines Denkens zieht sich durch die Jahrzehnte: die metaphysische und moralische Rechtfertigung des politischen Totalitarismus, die er in praktischen Entwürfen für einen faschistischen Staat zum Ausdruck brachte. Iljin starb vergessen 1954, doch wurde sein Werk nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von ein paar Enthusiasten wiederbelebt und neu aufgelegt und von russischen Politikern, insbesondere von Wladimir Putin, seit der Jahrtausendwende rezipiert und vielfach zitiert. Sein einflussreichstes Buch ist eine Sammlung politischer Aufsätze mit dem Titel Unsere Aufgaben.1

Die Russische Föderation des frühen 21. Jahrhunderts ist kleiner als das alte russische Zarenreich und zeitlich durch sieben Jahrzehnte Sowjetgeschichte von ihm getrennt. Und doch ähnelt die Russische Föderation von heute in einem zentralen Aspekt dem Russischen Reich von Iljins Jugend: In ihr stellt Rechtsstaatlichkeit kein Regierungsprinzip dar. Der Entwicklung von Iljins Rechtsverständnis, von einem hoffnungsvollen Universalismus zum willkürlichen Nationalismus, folgte auch der Diskurs russischer Politiker, unter ihnen Putin. Dass Iljin Mittel und Wege fand, das Scheitern des Rechtsstaatsprinzips als russische Tugend darzustellen, hilft den heutigen russischen Kleptokraten dabei, wirtschaftliche Ungleichheit als nationale Unschuld zu präsentieren. Putin hat die internationale Politik in einen geistigen Kampf transformiert und greift dabei auf Iljins geopolitische Vorstellungen zurück, um die Ukraine, Europa und die Vereinigten Staaten als existenzielle Bedrohungen für Russlands darzustellen.

Iljin begegnete russischen Problemen mit Hilfe von deutschen Denkern. Sein Vater war ein russischer Adliger, seine deutsch-russische Mutter eine Protestantin, die zum orthodoxen Glauben übergetreten war. Als Student in Moskau beschäftigte sich Iljin zwischen 1901 und 1906 mit Philosophie, insbesondere mit dem moralischen Denken Immanuel Kants. Für die Neukantianer, die damals die Universitäten in Europa wie auch in Russland beherrschten, unterscheiden sich die Menschen von der übrigen Schöpfung durch ihre Fähigkeit zur Vernunft, die sinnvolle Entscheidungen ermöglicht. Sie können sich dem Recht freiwillig unterwerfen, weil sie in der Lage sind, seinen Geist zu erkennen und zu akzeptieren.

Recht war damals das große Objekt der Begierde der denkenden Klassen in Russland. Es schien ein Gegengift gegen das alte russische Problem des proiswol zu bieten – der Willkürherrschaft autokratischer Zaren. Als junger Mann hoffte Iljin auf eine großangelegte Revolte, welche die Bildung der russischen Massen beschleunigen würde. Als der russisch-japanische Krieg 1905 die Voraussetzungen für eine Revolution schuf, verteidigte Iljin das Recht auf freie Versammlung. Mit seiner Freundin Natalia Vokach übersetzte er eine anarchistische Streitschrift aus Deutschland. Der Zar war gezwungen, 1906 eine neue Verfassung zu erlassen, die ein neues russisches Parlament vorsah. Doch nachdem er das Parlament zweimal aufgelöst und das Wahlsystem unrechtmäßig geändert hatte, konnte man nicht länger daran glauben, dass die neue Verfassung Russland die Rechtsstaatlichkeit gebracht habe.

Iljin, der ab 1909 an der Moskauer Staatsuniversität Recht lehrte, veröffentlichte auf Russisch (1910) und Deutsch (1912) einen glänzenden Aufsatz über die begrifflichen Unterschiede zwischen Recht und Macht.2 Doch wie sollte Recht in der Praxis funktionieren und für Herrscher und Untertanen attraktiv sein? Wie andere russische Intellektuelle war Iljin von Hegel fasziniert, und 1912 verkündete er eine „hegelianische Renaissance“. Doch so wie die ungeheuer große russische Bauernschaft Zweifel in ihm aufkommen ließ, ob es wirklich so leicht wäre, der russischen Gesellschaft den Geist des Gesetzes zu vermitteln, ließ die eigene Erfahrung ihn daran zweifeln, dass historischer Wandel eine Sache des hegelschen Geistes war. Er fand die Russen, selbst die aus seiner eigenen Klasse und seinem Milieu in Moskau, abstoßend körperlich. In Diskussionen über Philosophie und Politik in den 1910er Jahren warf er seinen Widersachern „sexuelle Perversion“ vor.

1913 brachte Iljin Sigmund Freud als Retter Russlands ins Spiel. Noch während er an seiner Dissertation über Hegel arbeitete, bot er sich als Pionier der nationalen Psychoanalyse Russlands an und reiste mit Vokach 1914 nach Wien zu Sitzungen bei Freud. Freud zufolge erwächst die Zivilisation aus der kollektiven Übereinkunft, die Grundriebe zu unterdrücken. Der Einzelne zahlt einen seelischen Preis dafür, dass er seine Natur der Kultur opfert. Nur durch lange Sitzungen auf der Couch des Psychoanalytikers kann unbewusste Erfahrung ins Bewusstsein aufsteigen. Die Psychoanalyse bot somit ein anderes Bild des Denkens als die hegelianische Philosophie, die Iljin damals studierte.

In seiner raschen und begeisterten Übernahme widersprüchlicher deutscher Ideen war Iljin ein typischer russischer Intellektueller. Eine weitere Quelle neben Hegel und Freud war Edmund Husserl, der Begründer der phänomenologischen Denkschule, bei dem Iljin 1911 in Göttingen studiert hatte. Kant hatte das Ausgangsproblem für den russischen politischen Denker vorgegeben: Wie konnte man für Rechtsstaatlichkeit sorgen? Hegel schien eine Lösung dafür anzubieten: einen Geist, der durch die Geschichte voranschreitet. Iljins Freud-Lektüre hatte ihn dazu veranlasst, Russlands Problem neu zu definieren, nämlich eher sexuell bzw. psychologisch als geistig. Husserl schließlich ermöglichte es Iljin, die Verantwortung für politisches Versagen und sexuelles Unbehagen Gott zuzuschieben. Philosophie bedeutete Kontemplation, die den Kontakt zu Gott ermöglichte und Gottes Heilung in Gang setzte.

Während Iljin 1914, 1915 und 1916 Gott kontemplativ betrachtete, töteten und starben Millionen Menschen überall in Europa auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Das Russische Reich eroberte zunächst Gebiete an der Ostfront, verlor sie dann wieder, und im März 1917 wurde das Zarenregime durch eine neue Verfassungsordnung ersetzt. Die neue Regierung wankte, weil sie weiter einen kostspieligen Krieg führte. Im April schickte Deutschland Wladimir Lenin in einem plombierten Zug nach Russland, und seine Bolschewiki begannen im November eine zweite Revolution, indem sie den Bauern Land und allen Russen Frieden versprachen. Zu der Zeit, als Iljin 1918 seine Dissertation verteidigte, waren die Bolschewiki an der Macht, ihre Rote Armee führte einen Bürgerkrieg und ihre Tscheka verteidigte die Revolution mittels Terror. Hatte der Erste Weltkrieg Revolutionären ihre Chance eröffnet, so machte er auch den Weg frei für Konterrevolutionäre. Ohne den Krieg wäre der Leninismus wahrscheinlich eine Fußnote im marxistischen Denken geblieben; ohne Lenins Revolution hätte Iljin vermutlich keine reaktionären politischen Schlussfolgerungen aus seiner Dissertation gezogen.

Lenin und Iljin kannten sich nicht persönlich, dennoch begegneten sie sich auf unheimliche Weise. Lenin schrieb nämlich unter dem Pseudonym „Iljin“, und der wahre Iljin rezensierte einige dieser unter Pseudonym verfassten Arbeiten. Als Iljin, ein Gegner der Revolution, von der Tscheka verhaftet wurde, intervenierte Lenin zu seinen Gunsten und bekundete damit seinen Respekt gegenüber Iljins philosophischem Werk. Ihr intellektuelles Zusammenwirken, das 1917 begann und sich im heutigen Russland fortsetzt, entsprang der gemeinsamen Wertschätzung Hegels. Beide interpretierten Hegel radikal und waren in wichtigen Punkten einer Meinung, etwa was die Notwendigkeit anging, die Mittelklasse zu zerstören, waren allerdings unterschiedlicher Ansicht darüber, wie die endgültige Form des klassenlosen Gemeinwesens aussehen sollte.

Lenin übernahm von Hegel die Vorstellung, Geschichte sei eine Geschichte des Fortschritts durch Konflikt. Als Marxist glaubte er, dieser Konflikt finde zwischen den gesellschaftlichen Klassen statt: der Bourgeoisie, die über Eigentum verfügte, und dem Proletariat, das Profite ermöglichte. Dem Marxismus fügte Lenin den Vorschlag hinzu, die Arbeiterklasse, die zwar durch den Kapitalismus entstanden und dazu bestimmt war, sich seiner Errungenschaften zu bemächtigen, bedürfe der Lenkung durch eine disziplinierte Partei, die die Regeln der Geschichte kannte. Er zweifelte jedoch nie daran, dass der Mensch im Grunde seines Wesens gut war, dass dieses Gute in historischen Umständen gefangen war und deshalb durch historisches Handeln befreit werden konnte.

Marxisten wie Lenin waren Atheisten. Sie glaubten, mit „Geist“ habe Hegel Gott oder irgendeine andere theologische Vorstellung gemeint, und sie ersetzten Geist durch Gesellschaft. Iljin war kein typischer Christ, aber er glaubte an Gott. Er glaubte auch, dass Hegel Gott gemeint und dass Hegels Gott eine verdorbene Welt geschaffen hatte. Für Marxisten übernahm das Privateigentum die Funktion der Ursünde, und seine Abschaffung sollte das Gute im Menschen freisetzen. Für Iljin war Gottes Schöpfungsakt selbst die Ursünde. Für ihn gab es nie einen guten Moment in der Geschichte und die Menschheit war nicht per se gut. Die Marxisten hatten recht damit, die Mittelklasse zu hassen, ja sie hassten sie sogar noch zu wenig. Die „Zivilgesellschaft“ der mittleren Klassen machte alle Hoffnungen auf die „übermächtige nationale Organisation“, die Gott brauchte, zunichte. Weil die Mittelklasse Gott blockiert, musste sie von einer klassenlosen nationalen Gemeinschaft hinweggefegt werden. Nachdem er Russland verlassen hatte, sollte Iljin behaupten, die Russen bräuchten Helden, herausragende Charaktere von jenseits der Geschichte, die in der Lage waren, mit allen Mitteln an die Macht zu streben. Es war eine Ideologie, die noch nach einer Form und einem Namen suchte.

Schon bald nach seiner Emigration aus Russland 1922 befeuerte Benito Mussolinis Marsch auf Rom Iljins Fantasie, also der Staatsstreich, der das erste faschistische Regime weltweit an die Macht brachte. Er besuchte Italien und veröffentlichte bewundernde Artikel über den Duce, während er an seinem Buch Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse (1925) schrieb.3 Hatte seine Dissertation den Grundstock für eine metaphysische Verteidigung des Faschismus gelegt, so war dieses Buch die moralische Apologie eines neu entstehenden Systems. Für den rechtsehenden Philosophen bedeutete Christentum die Aufforderung, im Namen der Liebe entschlossen Gewalt anzuwenden. In solche Liebe getaucht zu sein, bedeutete, „gegen die Feinde der göttlichen Ordnung auf Erden“ zu kämpfen.

Damit wurde aus Theologie Politik. Iljin verschmolz „Demokratie“, „Sozialismus“ und „Marxismus“ zu einem Kontinuum des Verfalls und behauptete, eine Politik, die sich dem Bolschewismus nicht widersetze, widersetze sich Gott. Er verwendete das Wort „Geist“ (dukh), um die Inspiration der Faschisten zu beschreiben. Die faschistische Machtergreifung, so schrieb er, sei ein „Akt der Erlösung“. Der Faschist ist der wahre Heiland, denn er erkennt, dass es der Feind ist, der geopfert werden muss. Von Mussolini übernahm Iljin den Begriff des „ritterlichen Opfers“, das Faschisten mit dem Blut anderer darbringen. (Als Heinrich Himmler 1943 vom Holocaust sprach, pries er seine SS-Männer mit fast identischen Worten.)

Iljin widmete sein Buch von 1925 den Weißen, die sich der bolschewistischen Revolution widersetzt hatten. Es war als Leitfaden für ihre Zukunft gedacht, eine Zukunft, die die absolute Negation seiner Hoffnung in den 1910er Jahren war, wonach Russland ein Rechtsstaat werden könnte. „Der Faschismus“, schrieb Iljin, „ist ein rettendes Übermaß an patriotischer Willkür“. In diesem einen Satz werden zwei universelle Begriffe, Recht und Christentum, über Bord geworfen. Der Geist der Gesetzlosigkeit ersetzt den Geist des Gesetzes; der Geist des Mordes ersetzt den Geist der Barmherzigkeit.

Zwar war Iljin vom faschistischen Italien fasziniert, doch seine Heimat als politischer Flüchtling war zwischen 1922 und 1938 Deutschland. Als Angestellter des Russischen Wissenschaftlichen Instituts war er akademischer Beamter. Iljin, der für seine Mitemigranten auf Russisch schrieb, pries sogleich Hitlers Machtergreifung 1933. „Eine Reaktion auf den Bolschewismus war überfällig“, schrieb er. Vor allem wollte er Russen und andere Europäer davon überzeugen, dass Hitler recht damit hatte, Juden als Agenten des Bolschewismus zu betrachten. Dieser „Judäo-Bolschewismus“ war das spezifische ideologische Bindeglied zwischen den Weißen und den Nazis. Die Behauptung, Juden seien Bolschewisten und Bolschewisten seien Juden, war während des russischen Bürgerkriegs Teil der Weißen Propaganda gewesen. Natürlich waren die meisten Kommunisten keine Juden, und die überwältigende Mehrheit der Juden hatte nichts mit dem Kommunismus zu tun. Die Vermengung der beiden Gruppen war kein Irrtum und keine Übertreibung, sondern eine Verwandlung traditioneller religiöser Vorteile in Instrumente nationaler Einigung.

Während und nach dem russischen Bürgerkrieg waren einige Weiße nach Deutschland geflohen. Ihr Begriff des Judäo-Bolschewismus, der 1919 und 1920 nach Deutschland kam, vervollständigte Hitlers Ausbildung zum Antisemiten. Bis dahin war der Feind Deutschlands in Hitlers Augen der jüdische Kapitalismus gewesen. Nachdem er davon überzeugt war, dass Juden für beides verantwortlich waren, für Kapitalismus und Kommunismus, konnte er den letzten Schritt gehen und zu dem Schluss kommen, wie er das in Mein Kampf tat, Juden seien der Quell aller Ideen, die das deutsche Volk bedrohten. In dieser Hinsicht war Hitler ein Schüler der Weißen Bewegung in Russland. Iljin, der Ideologe der Weißen, wollte der Welt kundtun, dass Hitler recht hatte.

Doch im Laufe der 1930er Jahre begann Iljin daran zu zweifeln, dass das nationalsozialistische Deutschland der Sache des russischen Faschismus förderlich war, und er warnte die russischen Weißen vor den Nazi. Er geriet unter Verdacht, verlor er seinen Beamtenposten und verließ Deutschland 1938 in Richtung Schweiz, die er von früheren Urlaubsaufenthalten gut kannte. In der Nähe von Zürich beobachtete Iljin von sicherer Warte aus den Zweiten Weltkrieg. Trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nationalsozialisten bezeichnete er den deutschen Einmarsch in die UdSSR als „Gericht über den Bolschewismus“. Nach dem sowjetischen Sieg bei Stalingrad 1943, als klar wurde, dass Deutschland den Krieg wohl verlieren würde, änderte Iljin seine Haltung. Nun und in den folgenden Jahren betrachtete er den Krieg als Teil einer jahrhundertelangen Serie von westlichen Angriffen auf die russische Tugendhaftigkeit.

Fortan wurde die russische Unschuld zu einem der großen Themen Iljins. Als Begriff vervollständigte sie seine faschistische Theorie: Die Welt hatte ihre „göttliche Totalität“ und „harmonische Einheit“ verloren. Lediglich Russland war dem Übel der „Geschichte“ oder der „Fragmentierung des menschlichen Daseins“ irgendwie entkommen. Weil es „seine seelische Stärke von Gott bezog“, wurde es von der übrigen übelwollenden Welt fortwährend attackiert. Sein unbefleckter Wesenskern hatte „ein Jahrtausend des Leids“ erduldet. Dieses Russland war kein Land mit Individuen und Institutionen, sondern ein unsterbliches Geschöpf, eine „lebendige organische Einheit“. Iljin setzte das Wort „Ukrainer“ stets in Anführungszeichen, denn in seinen Augen waren sie Teil des russischen Organismus. Die faschistische Rede von organischer Einheit war zwar durch den Krieg diskreditiert, blieb für ihn aber von zentraler Bedeutung. Der Sieg der Roten Armee 1945 machte jedoch die Vorstellung zunichte, wie Iljin sie in den 1920er Jahren gehegt hatte, dass nämlich die Weißen eines Tages aus dem Exil an die Macht in Russland zurückkehren würden. Stattdessen benötigte man nun einen Plan für ein postsowjetisches Russland, das durch einen „nationalen Diktator“ möglich werden sollte.

„Macht“, so erklärte Iljin, „kommt von ganz allein zum starken Mann.“ Dieser Führer würde für jeden Aspekt des politischen Lebens verantwortlich sein, als Regierungschef, als oberster Gesetzgeber, als oberster Richter und als oberster Militärbefehlshaber. Demokratische Wahlen, so glaubte Iljin, institutionalisierten das Übel der Individualität. Folglich müssen „wir den blinden Glauben an die Zahl von Wählerstimmen und ihre politische Bedeutung ablehnen“. Wahlen sollten vielmehr ein Unterwerfungsritual der Russen gegenüber ihrem Führer sein. Russland ist ein Körper, so Iljins Vorstellung, und wenn man die Russen wählen lasse, so sei das, als würde man „Embryonen erlauben, sich ihre Spezies auszusuchen“. In einem Organismus war kein Platz für „das mechanische und arithmetische Verständnis von Politik“. Die Mittelklassen, „die allerunterste Ebene gesellschaftlicher Existenz“, verfügten über die Macht, Russland zu korrumpieren und sogar seine Erlösungsmission zu blockieren. Sie und ihr Individualismus seien deshalb zu unterdrücken.

„Freiheit für Russland“, wie Iljin sie verstand (in einem Text, den Putin 2014 auszugsweise zitierte), bedeutete nicht Freiheit für Russen als Individuen, sondern „die organisch-geistige Einheit der Regierung mit dem Volk und des Volkes mit der Regierung“; auf diese Weise könne man sogar „die empirische Vielfalt der Menschen“ überwinden.

Russland ist heute eine mediengesättigte autoritäre Kleptokratie, nicht die religiös-totalitäre Einheit, von der Iljin träumte. Doch seine Begriffe erhellen – und leiten mitunter – die russische Politik. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts behauptete Putin, Russland könne ein Rechtsstaat werden. Stattdessen machte er Wirtschaftskriminalität zum System. Wenn der Staat zu einem kriminellen Unternehmen wird, verliert das Recht seine Geltung, wird Ungleichheit endemisch, und Reformen werden undenkbar.

Man brauchte also eine andere politische Erzählung. Weil Putins Sieg über Russlands Oligarchen ihm auch die Kontrolle über ihre Fernsehsender schenkte, verfügte er über neue Medieninstrumente. Der westliche Trend in Richtung Infotainment erreichte in Russland einen Gipfelpunkt und schuf eine alternative Wirklichkeit, die den Glauben an die russische Tugendhaftigkeit und den Zynismus gegenüber Fakten befördern sollte. Ins Werk gesetzt wurde diese Veränderung von Wladislaw Surkow, dem russischen Propagandagenie. Es war ein frappanter Schritt in Richtung einer Welt, wie Iljin sie sich ausgemalt hatte: eine düstere, verwirrende Sphäre ohne Wahrheit, die allein durch russische Unschuld Gestalt gewann.

Ab dem Jahr 2005 begann Putin damit, Iljin selbst als Hofphilosophen des Kremls zu rehabilitieren. In diesem Jahr zitierte er Iljin in seinen Botschaften an die Föderalversammlung und sorgte dafür, dass dessen sterbliche Überreste nach Russland zurückkehrten. Auch Surkow begann, ihn zu zitieren. Er übernahm Iljins Vorstellung, wonach „russische Kultur die kontemplative Betrachtung des Ganzen“ sei, und bezeichnete sein eigenes Werk als die Schaffung eines Narrativs von einem unschuldigen Russland, das von permanenter Feindseligkeit umgeben ist. Surkows Abneigung gegenüber dem Faktischen reicht genau so tief wie bei Iljin, und wie dieser macht auch er theologische Gründe dafür geltend. Dmitri Medwedjew, der Vorsitzende von Putins Partei Einiges Russland, legte Iljins Bücher der russischen Jugend ans Herz. Iljin wurde zitiert vom Vorsitzenden des Verfassungsgerichts, vom Außenminister und von Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche.

Nach einem vierjährigen Intermezzo, zwischen 2008 und 2012, in dem Putin als Premierminister fungierte und Medwedjew gestattete, Präsident zu sein, kehrte Putin wieder ins höchste Amt zurück. Iljins Argumente halfen ihm dabei, den Misserfolg seiner ersten Amtszeit – die Unfähigkeit, den Rechtsstaat einzuführen – in das Versprechen für eine dritte Amtsperiode zu verwandeln, nämlich die Bekräftigung des tugendhaften Russlands und seiner Überlegenheit gegenüber Europa. Die Europäische Union, die größte Wirtschaftsmacht auf der Welt, gründet in der Annahme, internationale Rechtsvereinbarungen bildeten die Grundlage für eine gedeihliche Zusammenarbeit unter Rechtsstaaten. Ende 2011 und Anfang 2012 machte Putin eine neue Ideologie publik, die auf Iljins Denken beruht und Russland in Opposition zu diesem europäischen Modell definiert.

In einem Artikel, der am 3. Oktober 2011 in der Zeitung Iswestija erschien, kündigte Putin eine konkurrierende Eurasische Union an. In ihr würden sich Staaten zusammenfinden, die sich nicht dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet haben. In der Nesawissimaja Gaseta vom 23. Januar 2012 bezeichnete er, unter Verweis auf Iljin, die Integration von Staaten als eine Frage der Tugend. Rechtsstaatlichkeit sei keine universelle Bestrebung, sondern Teil einer fremden, der westlichen Zivilisation; die russische Kultur hingegen vereine Russland mit postsowjetischen Staaten wie der Ukraine. Iljin hatte davon geträumt, dass „Russland als geistiger Organismus nicht nur allen orthodoxen Nationen und nicht nur allen Nationen der eurasischen Landmasse dienen sollte, sondern allen Nationen der Welt“. In einem dritten Artikel, veröffentlicht am 27. Februar 2012 in Moskowskije Nowosti, prophezeite Putin, Eurasien werde die Europäische Union überwinden und deren Mitglieder in ein größeres Gebilde integrieren, das „von Lissabon bis Wladiwostok“ reichen werde.

Als Putin 2012 an die Macht zurückkehrte, geschah das dank Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, die ostentativ gefälscht waren, und wer dagegen protestierte, wurde von ihm als ausländischer Agent beschimpft. Indem Putin dafür sorgte, dass Russland über keinerlei Möglichkeit mehr verfügte, jemand anderen zu seinem Nachfolger zu machen und das russische Parlament durch eine andere als seine Partei kontrollieren zu lassen, folgte er Iljins Empfehlung. Wahlen waren zu einem Ritual geworden, und diejenigen, die anders dachten, wurden von den Staatsmedien als Verräter gebrandmarkt. Während draußen Bürger gegen den Wahlbetrug protestierten, saß Putin mit dem Faschisten Alexander Prochanow im Studio eines Rundfunksenders und sinnierte: „Können wir davon sprechen, dass sich unser Land nach den dramatischen Ereignissen, zu denen es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam, vollständig erholt hat und wieder geheilt ist und dass wir nun einen starken gesunden Staat haben? Nein, natürlich ist Russland noch immer ziemlich krank; aber an dieser Stelle müssen wir uns an Ivan Iljin erinnern, der sagte: ‚Ja, unser Land ist noch immer krank, aber wir sind nicht vom Bett unserer kranken Mutter geflohen.‘“

Die Tatsache, dass Putin in diesem Kontext Iljin zitierte, ist sehr bezeichnend, aber die Art und Weise, wie er das tat, wirkt seltsam. Iljin musste Russland verlassen, weil er von der Tscheka vertrieben wurde. Iljin, der sein ganzes Leben lang von einem Zusammenbruch der Sowjetunion träumte, war der Ansicht, KGB-Offizieren (ein solcher war Putin bekanntlich auch) sollte es nach dem Ende der Sowjetunion verboten sein, in die Politik zu gehen. Putins Rückholung der Gebeine Iljins war eine mystische Befreiung von diesem Widerspruch. Sie wurden auf dem Friedhof eines Klosters bestattet, wo die Asche Tausender Sowjetbürger liegt, die vom NKWD (dem Erben der Tscheka und Vorläufer des KGB) erschossen worden waren. Als Putin später diesen Ort besuchte, um an Iljins Grab Blumen niederzulegen, wurde er von einem orthodoxen Mönch begleitet, der die Schergen des NKWD als russische Patrioten und deshalb als gute Menschen betrachtete. Zur Zeit der Wiederbestattung Iljins stand an der Spitze der russisch-orthodoxen Kirche ein Mann, der selbst als KGB-Agent tätig gewesen war.

Wie Kritiker von Iljins zweitem Buch es in den 1920er Jahren formuliert hatten, war der emigrierte Philosoph ein „Tschekist für Gott“. Iljin wurde, körperlich und seelisch, in das Russland zurückgebracht, das er hatte verlassen müssen. Und genau diese Rückkehr war, mit ihrer ganzen Gleichgültigkeit gegenüber Widersprüchen und Missachtung von Tatsachen, der reinste Ausdruck von Respekt für sein Vermächtnis. Kein Zweifel, Iljin war ein Gegner des Sowjetsystems, aber sobald die UdSSR 1991 aufgehört hatte zu existieren, war dieses System Geschichte – und die Vergangenheit war nichts weiter als kognitives Rohmaterial für eine Fiktion ewiger Tugendhaftigkeit. Selbst die Mängel des Sowjetsystems wurden somit zu notwendigen russischen Reaktionen auf die vorangegangene Feindseligkeit des Westens.

In Russland ist Iljin nicht die einzige einheimische Quelle faschistischer Ideen, die von Putin zustimmend zitiert wird, aber seine Werke scheinen die politischen Bedürfnisse am stärksten zu befriedigen und die „geistigen Ressource“ für die kleptokratische Staatsmaschinerie zu liefern. Als sich der russische Staat 2017 schwer damit tat, der bolschewistischen Revolution vor 100 Jahren zu gedenken, wurde Iljin zu ihrem heroischen Widersacher befördert. In einem Fernsehdrama über die Revolution prangerte er das Übel an, den Russen gesellschaftlichen Fortschritt zu versprechen.

Die anhaltende russische Kampagne gegen die „Dekadenz“ der Europäischen Union steht im Einklang mit Iljins Weltbild, genauso wie die betonte Männlichkeit von Putins Russland. Iljin sexualisierte, was er als ausländische Bedrohungen erlebte. Er bezeichnete Russland zunächst als Homosexuellen, unterzog sich dann mit seiner Freundin einer Therapie und gab schließlich Gott die Schuld. Putin ließ sich jahrelang in männlichen Posen ablichten, ließ sich dann von seiner Frau scheiden und gab der Europäischen Union die Schuld an der Homosexualität in Russland.

Als sich die Ukrainer Ende 2013 versammelten, um eine europäische Zukunft für ihr Land zu fordern, beschworen russische Medien das Gespenst einer „Homodiktatur“. Iljins Argumente waren überall, als russische Truppen 2014 mehrfach in die Ukraine eindrangen. Als die Soldaten im Januar 2014 ihren Einberufungsbefehl für den Einmarsch auf der Krim erhielten, erhielten alle höheren Beamten und die Regionalgouverneure ein Exemplar von Iljins Unsere Aufgaben. Nachdem die russischen Truppen die Krim besetzt hatten und das russische Parlament für die Annexion gestimmt hatte, zitierte Putin Iljin erneut als Rechtfertigung.

Iljin wollte der Prophet unseres Zeitalters sein, des postsowjetischen Zeitalters, und vielleicht ist er das auch. Sein Nichtglauben an diese Welt ermöglicht es der Politik, sich in einer fiktionalen Welt zu vollziehen. Er machte aus der Gesetzlosigkeit eine Tugend, so rein, dass sie unsichtbar ist, und so absolut, dass sie die Zerstörung des Westens fordert. Er zeigt uns, wie Kleptokraten Unschuld heucheln, wie fragile Männlichkeit Feinde erzeugt, wie ein pervertiertes Christentum Barmherzigkeit verweigert und wie faschistische Ideen Eingang in moderne Medien finden. Das ist nicht mehr nur russische Philosophie. Das ist Amerika heute.

 

Ich danke Pawel Gawriljuk, Klaus Nellen, Randall Poole und Marci Shore für ihre Kommentare und Mary Gluck dafür, dass sie mich an die Dialektik erinnert hat. Die Interpretationen Iljins stammen von mir.

Dieser Artikel erschien zuerst englisch im New York Review of Books (5. April 2018). Wir danken dem Autor und der der Redaktion für die Erlaubnis zur Übersetzung.

  1. Unsere Aufgaben. Aufsätze 1948 - 1954 (russisch), Paris 1956. 
  2. Iwan Iljin, „Die Begriffe von Recht und Macht“, in: Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge der Philosophischen Monatshefte, Bd. 18, Berlin 1912. In der deutschen Fassung betont Iljin, dass er "Macht" als „Artbegriff zu ‚Kraft‘ (entelecheia)“ verstehe. Vgl. http://www.gleichsatz.de/b-u-t/can/rec/iljin1recmac.html und http://www.gleichsatz.de/b-u-t/can/rec/iljin2recmac.html.
  3. Iwan Iljin: Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse, Neuauflage, hg. und mit einem Vorwort von Adorján Kovács, Edition Hagia Sophia, Wachtendonk 2018.

Published 26 June 2018

Original in English
Translation by Andreas Wirthensohn
First published in New York Review of Books 5 April 2018 (English version); Eurozine (German version)

Contributed by Transit
© Timothy Snyder / New York Review of Books / Transit / Eurozine

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