Gehört Russland zu Europa?

Ein Briefwechsel

Larry Wolff und Alexander Yanov diskutieren in diesem Briefwechsel Russlands Beziehungen zu Europa. Mit Augenmerk auf Russlands historisches Vermächtnis reflektieren sie ihr zukünftiges politisches und kulturelles Zuhause: Ist Russland gekennzeichnet durch eine “zivilisatorische Instabilität” und “Unfähigkeit zu politischer Modernisierung”, die es von Europa trennt? Oder ist die Trennung zwischen Europa und Russland eine künstliche, wie Wolff und Yanov argumentieren?

20. November 2002

Lieber Alex,

im brillanten und prophetischen letzten Absatz Ihres Buchs The Origins of Autocracy, das vor zwei Jahrzenten, im Jahr 1981, erschienen ist, heisst es, Sie seien tief davon überzeugt, dass, genau wie Russland in der Mitte des 16. Jahrhunderts “am Scheideweg” stand, “es auch heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, wieder an demselben Scheideweg steht”. Dann weisen Sie auf die alternativen Pfade hin, die von diesem Scheideweg weiterführen: “Was erwartet Russland – ein neuer, ‘von asiatischer Barbarei durchtränkter Absolutismus’ (Shmidt1 ) oder endlich, mit vier Jahrhunderten Verspätung, ein ‘Absolutismus europäischen Typs’?” Es ist erstaunlich, dass es Ihnen ihm Jahre 1981 gelungen ist, das Problem auf diese Weise zu formulieren. Das historische Modell, das Sie in diesem Buch verwenden, nimmt, so sieht es aus, den Umbruch von 1991 voraus, während, wie wir wissen, die meisten westlichen “Experten”, einschließlich unserer berühmtesten Sowjetologen, nicht fähig waren, aus dem Tumult der 1980er heraus genaue Voraussagen zu machen. Insbesondere scheint Ihr Modell die unvermeidliche Rückkehr einer oppositionellen europäischen Alternative zum russischen Despotismus vorhergesagt zu haben.

Meine erste Frage an Sie betrifft die Beschaffenheit dieses “Scheidewegs”: Ist das wirklich eine nützliche Metapher? Gab es im sechzehnten, im achtzehnten, im zwanzigsten Jahrhundert tatsächlich zwei eindeutige, in verschiedene Richtungen abgehende Pfade – und gibt es sie heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts?

Am Schluss von The Origins of Autocracy zitieren Sie Shmidts Formel von der “asiatischen Barbarei” und sprechen von der Verantwortung der Historie, daher möchte ich Sie fragen: Sind es nicht die Historiker selbst, oder allgemeiner die Intellektuellen, die den Scheideweg angeordnet und die verschiedenen Wege beschildert haben, um somit Politik und Geschichte durch die Illusion eindeutiger, radikaler Alternativen zu vereinfachen? Diese Frage stelle ich, weil der Scheideweg, den Sie beschreiben, dem Dilemma Russlands, wie es die philosophes der französischen Aufklärung formulierten, so bemerkenswert ähnlich sieht, zumindest nach meiner Interpretation dieser Formulierung in Inventing Eastern Europe. Die Alternativen “russischer Despotismus oder europäischer Absolutismus”, die Sie in The Origins of Autocracy beschreiben, das waren auch die philosophischen Alternativen, in denen die Aufklärung Russlands Schicksal dachte.

Als Geisteshistoriker frage ich daher: Sind diese Alternativen von Intellektuellen konstruiert worden, und wenn ja, wie adäquat beschreiben sie die sozialen und politischen Bedingungen, in denen sich Russland befindet? Und insbesondere: Wie überzeugend können wir überhaupt definieren, was wir unter “Europa” verstehen? Wird dieser Begriff nicht über Jahrhunderte stets revidiert und neu gedacht, auch heute, da die Europäische Union darüber entscheidet, wer in Europa aufgenommen werden soll und wer noch warten muss? Mit anderen Worten: Kann die Frage, ob Russland ein europäisches Land ist, oder auch nur ob es zum Teil ein europäisches Land ist, tatsächlich objektiv historisch beantwortet werden? Kann die Antwort auf diese Frage nicht allzu leicht manipuliert werden – je nachdem, wie man “Europa” definiert?

In Ihren kürzlich erschienen Artikeln zum russischen Nationalismus und Russlands derzeitigem “Fenster” zu einer europäischen Entwicklung haben Sie sehr überzeugend geschildert, wie dringlich es ist, eine europäische Zukunft für Russland zu finden. Darin bin ich völlig mit Ihnen einer Meinung, aber ich frage mich, ob man den Scheideweg klar genug beschildern kann. Gibt es nur ein europäisches Erbe oder mehrere? Und gibt es dementsprechend nur einen Weg nach Europa oder mehrere? Müssen wir nicht, um Russland als europäisch anzuerkennen und es in das Europa des 21. Jahrhunderts aufzunehmen, eine Vielzahl verschiedener Pfade und Richtungen statt eines klar definierten Scheidewegs wahrnehmen?

Meine nächste Frage an Sie: Wer definiert Russlands Verhältnis zu Europa? Sind es die Russländer2 selbst oder Intellektuelle außerhalb Russlands, aus Westeuropa, die wie zu Zeiten der Aufklärung im Namen des gesamten Europa sprechen? Wie Sie wissen, gibt es sogar Amerikaner, die sich herausnehmen, vom anderen Ufer des Atlantischen Ozeans aus Russlands Verhältnis zu Europa zu definieren. Wie passen diese Ansätze von innerhalb und außerhalb Russlands zusammen?

Im Jahr 1793 wurde auf dem Karneval in Venedig eine Komödie mit dem Titel Gli Antichi Slavi aufgeführt, was als “Die Alten Slawen” oder besser “Die Altmodischen Slawen” übersetzt werden kann. Die Handlung war im slawischen Dalmatien angesiedelt, das damals von Venedig beherrscht wurde; es ging um ein dalmatinisches Mädchen, um das zwei slawische Freier buhlten. Einer war ein altmodischer Slawe aus den Bergen, mit brutalen und primitiven Manieren, mit einem langen Schnurrbart und einem breiten Schwert. Der andere war ein neumodischer Slawe von der Adria-Küste, der italienische Kleidung trug und sich italienisch benahm – kurzum, ein zivilisierter Slawe. Das Mädchen musste entscheiden, welchen sie heiraten wollte, und beide priesen sich an, indem sie Ihre jeweilige slawische Identität verteidigten. Sie können sich denken, welchen sie am Ende auswählte.

Diese Komödie war auf Italienisch geschrieben worden; beide Slawen, der primitive und der zivilisierte, wurden von italienischen Schauspielern auf einer venezianischen Bühne verkörpert. Mir scheint, hier haben wir ein Beispiel eines “Scheidewegs” der Identitäten, in diesem Fall als ein komisches Liebesdilemma formuliert. Den Venezianern war dieses Dilemma klar: die Slawen mussten entweder italienische Kleidung tragen und italienische Manieren übernehmen und dadurch zivilisiert werden, oder aber sie würden auf ewig Barbaren bleiben. Aber hätte dieses Dilemma echten Slawen im 18. Jahrhunderts so einfach erscheinen können?

Ist es nicht möglich, dass westliche Intellektuelle Russland seit den 1990ern ähnlich vereinfachte Alternativen aufgedrängt haben, und stellen sich nicht auch die Russländer selbst manchmal die Alternativen zu einfach vor? Als ich letzten Sommer in Moskau war, habe ich dort viele attraktive und teure italienische Schuhe in den Läden gesehen. Aber sicherlich ist “Europa” doch komplizierter. Wie können wir uns also den Scheideweg klarer machen, ohne die Alternativen zu vereinfachen?

Larry

22. November

Lieber Larry,

lassen Sie mich Ihnen erzählen, was mir im September-Oktober 2000 in Moskau widerfahren ist (den russischen Lesern habe ich diese Geschichte in den Grundzügen schon erzählt). Ein Jahr früher war in Nowosibirsk mein Buch Russland gegen Russland erschienen, in dem, Sie haben es erraten, die Alternativen, mit denen das Land im 21. Jahrhundert konfrontiert ist, ähnlich formuliert sind wie in The Origins of Autocracy, obwohl das neue Buch einem ganz anderen Thema gewidmet war. Es wird Sie nicht verwundern, dass ich mein Buch mit russländischen Kollegen besprechen wollte. In einem guten Dutzend Instituten und Seminaren sprach ich davon, im Radio und sogar im Fernsehen.

Die Reaktion meiner Kollegen war, gelinde gesagt, eigentümlich. Insbesondere bestand die Mehrheit unerschütterlich darauf, dass Russland nicht Europa sei und es dort auch nichts zu suchen habe. Aus einer Vielzahl von Gründen, von den elementarsten bis hin zu hochgradig raffinierten. Das Klima sei anders, die Entfernungen seien größer, die Gewohnheiten des Alltags seien nicht dieselben. Einige unterstrichen, wie absurd der russländische Elefant im engen europäischen Porzellanladen aussehen würde, den Konstantin Leontjew3 seinerzeit bereits als bloß die “atlantische Küste des großen asiatischen Kontinents” bezeichnet hatte. Andere fanden es erniedrigend, dass das “Gottesträger-“Volk nach dem stickigen, bodenständigen, geistlosen Europa streben solle.

Wieder andere zitierten einen anderen Spruch von Leontjew: “Russland muss sich vollständig aus dem europäischen Geleise herauslösen, einen völlig neuen Weg einschlagen und sich dadurch an die Spitze des intellektuellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschheit stellen.” Oder aber sie beriefen sich auf den heutigen Moskauer Philosophen Wadim Meschujew, der davon überzeugt ist, “ein Russland, das nach den Gesetzen der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit” lebe, brauche “überhaupt niemand auf der Welt, einschließlich Russland selbst”. Denn es sei ja gar kein Land, sondern eine “enorme kulturelle und zivilisatorische Idee”.

Ich weiß nicht, wie Ihnen eine solche Reaktion auf die Alternativen, die, wie Sie sagen, bereits die philosophes der Aufklärung formuliert haben, gefallen hätte. Für mich war sie vorhersehbar. Hier liegt wahrscheinlich der größte Fehler dieser Philosophen. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen (Herder, Rousseau) betrachteten sie Russland einfach als einen von mehreren Teilen des “halbbarbarischen” Osteuropa (und ermunterten es sogar, so etwa Voltaire, die Türken aus Osteuropa zu vertreiben und Konstantinopel zu erobern), während Russland selbst damals wie heute anders von sich denkt.

Wie die Ereignisse des letzten Jahrzehnts belegen, hat Osteuropa, was auch immer die philosophesder Aufklärung von ihrer “Barbarei” gesagt haben mögen, seine Wahl getroffen. Es hat einhellig die Integration in Westeuropa gewählt, und Westeuropa hat, wie auch immer die Philosophen die Einzigartigkeit ihrer “Zivilisation” gepriesen haben mögen, eingewilligt, die osteuropäischen Länder als Gleiche aufzunehmen. Und nur Russland hat sich noch immer nicht entschieden. Warum? Genau auf diese Frage antwortet mein Buch Russland gegen Russland (das 2002 erweitert unter dem Titel Patriotismus und Nationalismus in Russland erschienen ist).

Aber es wird Sie wahrscheinlich interessieren, was ich meinen Opponenten geantwortet habe. Ich werde es Ihnen sagen und damit auch Ihre wichtigste Frage beantworten, diejenige nach der Beschaffenheit des Scheidewegs, an dem sich Russland befindet. Bedenken Sie, sagte ich meinen Kollegen, da sitzen wir hier in Moskau und besprechen völlig frei die wichtigsten, sogar schicksalsträchtigsten Fragen der Zukunft unseres Landes. Seien Sie ehrlich: Wer garantiert uns, dass wir auch in fünf oder zehn Jahren ebenso frei hier sitzen und darüber sprechen können? Und wenn es eine solche Garantie nicht gibt, sollten wir uns nicht darüber Gedanken machen, warum nicht? Und darüber, warum es sie in Europa gibt, bei uns aber nicht? Ist es nicht an der Zeit, nach vierhundert Jahren Irrfahrt durch die Wüste der Autokratie und des Imperiums endlich eine solche Garantie zu erwerben? Denn was ist letzten Endes Europa, wenn nicht eine Garantie der Freiheit?

Ich weiß nicht, ob meine Antwort Sie zufrieden stellen wird. Auf jeden Fall unterscheidet sie sich, wie Sie sehen, grundlegend von derjenigen, die die philosophes der Aufklärung parat hatten. Nicht die Sitten, nicht die Umgangsformen, nicht die Kleidung (Ihre “italienischen Schuhe”), nicht die Alltagsgewohnheiten machen, wie sie dachten, die europäische Zivilisation aus, sondern Garantien der Freiheit. So denkt auf jeden Fall meine Generation der “russischen Europäer”, wie Sergej Juljewitsch Wittey4 seine Gesinnungsgenossen nannte. Entsprechend war für ihn die “Barbarei” gleichbedeutend mit der Abwesenheit solcher Garantien.

Die Antwort auf Ihre andere Frage, ob die westlichen Intellektuellen die Alternativen für Russland bestimmen, ist im Grunde genommen aus der Geschichte ersichtlich, die ich erzählt habe. Nein, anders als zu Zeiten der Aufklärung bestimmen diese Intellektuellen nicht nur keine Alternativen, sondern helfen leider auch den “russischen Europäern” überhaupt nicht. Selbst die radikalsten unter deren westlichen Berufskollegen sind bislang nicht über die Devise “Europa beginnt in Sarajevo” hinaus. Auf die Idee, dass Europa in Moskau beginnt, sind sie anscheinend noch nicht gekommen.
Ihre Frage schließlich nach den “verschiedenen Pfaden und Richtungen”, die Russland womöglich eher nach Europa bringen könnten als eine klar definierte Alternative, habe ich, ehrlich gesagt, nicht recht verstanden. So lange Sie mir nicht erklären, um welche Pfade es sich dabei handelt, scheint es mir, dass diese Formel nur Verwirrung stiftet.

Jetzt will ich aber auch einige Worte über Ihr Buch sagen, das ich aufmerksam und mit großem Vergnügen gelesen habe. Es hat mich sehr beeindruckt, und zwar vor allem durch die wahrhaft Furcht einflößende Gelehrsamkeit des Autors. Wusste ich etwa noch von Voltaires Auseinandersetzung mit Rousseau oder Kants Streit mit Herder, so hatte ich zum Beispiel von den Sankt-Petersburger Abenteuern eines Lemercier, ehrlich gesagt, nie etwas gehört.

Was aber, fürchte ich, zumindest russische Leser nicht aus Ihrem Buch werden herauslesen können, sind “der Mut und das Genie” Ihrer Protagonisten, der Philosophen der Aufklärung – Eigenschaften, die Sie im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe kurz erwähnen. Vielmehr wird er wahrscheinlich eine Vorstellung von ihrem Hochmut und ihrer Eitelkeit gewinnen und, wie Sie selbst sagen, von der “arroganten und vorsätzlichen Verzerrung des Russlandbildes” durch diese Philosophen.

Die ganze riesige kritische Arbeit dieser Menschen, dank derer Europa zu dem geworden ist, was es ist, ist in Ihrer Studie leider außen vor geblieben. Natürlich war Ihr Thema ein anderes. Aber Sie selbst schreiben ja, dass Ihr Buch “nicht [so sehr] von Osteuropa handelt [als] von Westeuropa”. Und dennoch erfährt der Leser daraus nicht, warum er denn Europa und den Helden der europäischen Aufklärung überhaupt Respekt zollen sollte. Warum nicht?

Vielleicht haben Sie in Ihrem ersten Brief mehr Fragen gestellt als Sie Antworten bekommen haben. Aber, wie man in Russland sagt, noch ist nicht aller Tage Abend, oder auf Englisch: the night is still young. Wir haben in unserem Briefwechsel noch einiges zu besprechen.

Ihr A.Y.

28. November

Lieber Alex,

Katharina die Große deklarierte in ihrem Nakas5: “Russland ist ein europäischer Staat.” Ich denke, Sie und ich stimmen hierin mit ihr überein, obwohl viele Ihrer russländischen und viele meiner amerikanischen Landsleute anderer Meinung sein mögen. Ich frage mich allerdings, ob Katharina mit diesem Satz etwas ausdrücken wollte, was sie für eine geographische, politische, historische und kulturelle Tatsache hielt, oder ob sie damit nicht vielleicht doch ihrem politischen Programm Ausdruck verlieh und betonte, dass sie entschlossen war, Russland in einen europäischen Staat zu verwandeln. Ich neige zu letzterer Interpretation, denn – und hier sind wir uns wohl tatsächlich uneinig – ich denke nicht, dass “Europa” ein konkret definierbarer Gegenstand ist. Mir scheint, “Europa” (wie wir im Englischen von der Schönheit sagen würden) liegt sehr oft im Auge des Betrachters und wird, von innen wie von außen, subjektiv bestimmt. Womit ich meine, dass beide Perspektiven wichtig sind: ob die Russländer Russland als europäisch betrachten und ob Nichtrussländer dies tun. Russlands ambivalenter Status spiegelt sehr genau die Kontroverse sowohl unter Ihren als auch unter meinen Kollegen wider.

Katharina muss dies sehr gut verstanden haben, immerhin war sie eine gebürtige Deutsche und gleichzeitig Wahlrussin. Von allen berühmten philosophes der Aufklärung war Diderot derjenige, der Russlands europäisches Wesen am besten erkennen konnte, denn er ist selbst nach Sankt-Petersburg gefahren, um Katharina und Russland mit eigenen Augen zu sehen. Doch Diderot war von seinem intellektuellen Temperament her ein Skeptiker, und in einem Kommentar zu Katharinas Nakas bemerkte er, es sei nicht wirklich ausschlaggebend, ob Russland europäisch oder asiatisch sei: wichtig war, ob die Eigenschaften und Umgangsformen der Russen gut oder schlecht seien, und das sei unabhängig davon, ob man sie dem einen oder anderen Kontinent zuschreiben könne. Trotz meiner Überzeugung, dass Russland europäisch ist – und dies habe ich während meiner Aufenthalte in Sankt-Petersburg (und Moskau) in den 1990ern (und den 1970ern) mit tiefer emotionaler Gewissheit gespürt – kann ich auch Diderots Skepsis gut nachvollziehen, und ebenso seine Einsicht, dass die Etikettierung guter und schlechter Eigenschaften nach Kontinenten eine Art semantischer und emotionaler Kunstgriff ist. Darum denke ich, dass “Osteuropa” eine Erfindung ist.

Wenn Sie sagen, Garantien der Redefreiheit seien im heutigen Russland ein ausschlaggebend europäischer Faktor, muss ich natürlich zustimmen, dass die Redefreiheit wichtiger ist als italienische Mode, frage mich aber auch: Ist die Redefreiheit wirklich etwas eindeutig Europäisches? Ehrlich gesagt, viele meiner Landsleute würden sie eher für etwas charakteristisch Amerikanisches halten. Und historisch gesehen: Kann die Redefreiheit wirklich ein nützliches Kriterium für Russlands europäischen Status in früheren Jahrhunderten abgeben? Sie ist sicherlich nicht das, woran Katharina dachte, als sie Russland zu einem europäischen Staat erklärte; aber auch Diderot hatte sicherlich Grund zu zweifeln, ob er diese Freiheit in Frankreich genoss.

Offensichtlich gibt es heute präzise Kriterien, die zu Mitgliedschaft in Europa definieren, d.h. die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Aber können wir “Europa” vor 1945 oder erst recht vor 1789 klar formulieren? Ich bewundere Ihren Versuch, in The Origins of Autocracy zwischen russländischem Despotismus und europäischem Absolutismus zu unterscheiden, aber trotzdem bleibe ich skeptisch. Ich mag akzeptieren, dass der russische Despotismus zur Zeit Iwans des Schrecklichen ein besonderer war, aber gibt es wirklich eine einzige Form des europäischen Absolutismus, mit der alle anderen beschrieben werden können?

Als ich 1993 in Sankt-Petersburg war, bin ich an einem schönen Sommertag mit einem russischen Kollegen im Sommergarten spazieren gegangen – die Sonne schien, Musikanten spielten auf, wir aßen Eis und waren guter Laune. Ich fragte meinen Kollegen: “Können Sie mir sagen, was genau vor zehn Jahren anders gewesen wäre? Was hat sich geändert?” Er antwortete: “Vor zehn Jahren hätte ich mich hier nicht mit Ihnen unterhalten können.”

Diese Beobachtung bestätigt allerdings Ihren Eindruck, dass die Redefreiheit ein fundamentales neues Merkmal des heutigen Russland ist, aber ist diese Freiheit etwas charakteristisch Europäisches? Spiegelt nicht gerade die Erlangung dieser Freiheit die europäische Entwicklung im 20. Jahrhundert wider? Hätte ein Gespräch wie das zwischen meinem russischen Kollegen und mir in Sankt-Petersburg 1993 nicht auch mit einem spanischen Kollegen in Madrid 1980 oder mit einem deutschen in München 1950 stattfinden können? Solche Zickzacklinien meinte ich in meinen ersten Brief: die krummen Wege, auf denen Deutschland und Spanien, Italien und Griechenland, Ungarn und Polen im 20. Jahrhundert an ihren “europäischen” Status gekommen sind.

Der britische Historiker Mark Mazower hat kürzlich ein Buch mit dem Titel The Dark Continent veröffentlicht, in dem er vorschlägt, die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert nicht als die des steten Fortschritts der Demokratie zu lesen, sondern eher als einen ständigen Kampf zwischen Liberalismus und Demokratie auf der einen, sowie Faschismus, Autoritarismus und Kommunismus auf der anderen Seite. In diesem Sinn steht die russländische Erfahrung, wenn sie auch extrem sein mag, in Einklang mit den historischen Frontlinien anderswo in Europa im 20. Jahrhundert. (Der Scharfsinn des Titels liegt darin, dass im Englischen üblicherweise Afrika, nicht Europa, als “der dunkle Kontinent” bezeichnet wird.)

Ja, es ist ein ernsthaftes Problem, dass einige Ihrer russländischen Kollegen die Idee Russlands als Teil von Europa ablehnen, und ebenso, dass einige meiner amerikanischen Kollegen dies tun. Ich denke, dass dieses Problem vielleicht zum Teil nicht nur mit einer abwegigen slawophilen oder orientalistischen Sicht Russlands zu tun hat, sondern auch mit einer vereinfachten Sichtweise von Europa.

Ihr Larry

29. November

Lieber Larry,

bei einer aufmerksamen Lektüre von Katharinas Nakas sowie ihrer Schrift Antidote6 und ähnlicher Arbeiten russländischer Gesinnungsgenossen der Imperatorin wird der Sinn Ihrer stolzen Aussage “Russland ist ein europäischer Staat”, denke ich, völlig klar. Denn nach Montesquieu konnte der Ruf, ein “nichteuropäisches” Land zu sein, nur eines bedeuten: asiatischen Despotismus, d.h. eine tote Staatlichkeit, einen “lebendigen Leichnam”, nach dem Wort von Wissarion Belinskij. Katharina, die, nach eigenem Bekenntnis, Montesquieu “bestohlen” hatte, wollte natürlich nicht, dass ihr Russland als lebendiger Leichnam gelten und somit in die Gesellschaft der “Perser, Chinesen und Türken” geraten sollte.
Und sobald wir uns darüber klar geworden sind, werden uns kaum Zweifel daran bleiben, dass Europa für Katharina weniger eine Menge realer Staaten war, jedes mit seiner eigenen Geschichte und mit seinem eigenen Schicksal, als vielmehr schlechthin Respektabilität symbolisierte, und, noch wichtiger, den Idealtyp einer zu politischer Modernisierung fähigen Staatlichkeit darstellte. Ich sehe darin wahrhaftig keine Vereinfachung des Problems. Mir scheint, dass ein Blick auf die gegenwärtige arabische Staatlichkeit genügt, um eher Katharina als Diderot (und Ihnen) zuzustimmen.

Wohlgemerkt, in The Origins of Autocracy habe ich nicht nur die russländische Staatlichkeit nicht als despotisch bezeichnet, sondern auch den gesamten theoretischen Teil des Buchs der Auseinandersetzung mit denen gewidmet, die sie so charakterisieren (Karl Wittfogel, Arnold Toynbee, Richard Pipes). Katharina hatte recht: Russland ist zu politischer Modernisierung fähig. Und in diesem Sinne ist es tatsächlich ein “europäisches Land”. Abgesehen von ihrer eigenen Herrschaftsperiode lassen auch die Erfahrungen Iwans III., Peters I. und Gorbatschows, bei allen Mängeln ihrer Politik, nicht den Schatten eines Zweifels daran.

Allerdings stimmt es auch, dass die politische Modernisierung jedes europäischen Landes, wie auch der beiden großen Sprösslinge Europas, Russlands und Amerikas, Besonderheiten aufweist. Eben dies bestätigen die Beispiele Deutschlands, Spaniens oder Griechenlands, von Osteuropa, das im 20. Jahrhundert eine Art Konterreformation durchlebt hat, ganz zu schweigen. Russlands Besonderheit besteht unter anderem in dem, was ich seine Zivilisationsinstabilität nenne. Mit anderen Worten: darin, dass es regelmäßig, sowohl im späten Mittelalter als auch in der Neuzeit, seine Fähigkeit zur politischen Modernisierung verlor, zuweilen für Jahrhunderte.

Das markanteste Beispiel eines solchen Verlustes war Russlands moskowitisches Jahrhundert nach der ersten autokratischen Revolution Iwans des Schrecklichen (zwischen 1584 und 1689), als Russland sich Europa als das einzige Land des “wahren” Christentums, mit einem eigenen russischen Gott, gegenüberstellte. Aus eben dieser stagnierenden “Eigentümelei”, wie sie Wladimir Solowjow nannte, hat Peter Russland mit eiserner Hand herausgerissen.

Nichtsdestoweniger wurde die moskowitische “Eigentümelei” sozusagen wiedergeboren infolge der Vernichtung der dekabristischen 7 politischen Elite, die Peters Reformen zu ihrer logischen Vollendung bringen wollte, und der zweiten autokratischen Revolution Nikolaus’ I. (1825-1855). Eben aus diesem Grund hat Russland, wie es einer der größten amerikanischen Historiker, Nicholas Riasanovsky, formulierte, “die dreißig Jahre niemals aufgeholt, die es unter Nikolaus verloren hatte”.

Ich kann diesen historischen Exkurs im Format eines Briefs nicht weiterführen. Lassen Sie mich nur hinzufügen, dass auch die heutigen russländischen Eliten, einschließlich der akademischen, immer noch, wie in der nachnikolaischen Epoche, zwischen der moskowitischen “eigentümlerischen” Versuchung und Europa hin- und herschwanken.
Eben deshalb sprach ich auch, als ich von meinen Gesprächen mit Kollegen in Russland im Jahr 2000 erzählte, auch nicht, wie Sie meinen, von der Redefreiheit, sondern von Garantien dieser Freiheit. Denn Europa ist heute, wie zu Katharinas Zeiten, immer noch Symbol der politischen Modernisierung. Eine solche Modernisierung ist heutzutage ohne Freiheitsgarantien nicht möglich, und selbstverständlich ist sie ebenso wenig mit einem neuen Anfall von “Eigentümelei” vereinbar.

Lassen Sie mich zum Schluss daran erinnern, dass ich immer noch auf eine Antwort auf meine Frage hoffe, warum russische Leser aus Ihrem Buch nicht erfahren, wofür sie Europa und die Helden der Aufklärung respektieren sollten.

Ihr Alex

2. Dezember

Lieber Alex,

die philosophes der Aufklärung sind tatsächlich die intellektuellen Helden der Neuzeit, und obwohl es schwer wäre, ein politisches oder philosophisches Thema zu finden, zu dem sie alle einer Meinung gewesen wären, war ihr wichtigster Beitrag zu unserer modernen Welt ihr ungestümer kritischer Geist. Ich denke also, ich brauche mich nicht dafür zu entschuldigen, dass ich mich in meinem Buch Inventing Eastern Europe kritisch mit ihnen befasst habe, denn jede unkritische Würdigung würde ihrem eigenen intellektuellen Vermächtnis zuwiderlaufen.

Katharina hat gut daran getan, als sie Voltaire dafür lobte, gegen die Feinde der Menschheit gekämpft zu haben, unter anderem gegen Aberglauben, Fanatismus und Ignoranz. Und trotzdem würde ich sehr zögern, die philosophes des 18. Jahrhunderts als für unsere Zeit vorbildliche, “europäische” Werte verkörpernde Intellektuelle anzusehen. Voltaire mit seinem lebenslangen Hass gegen die Religion und Rousseau mit seiner Betonung des allgemeinen Willens der Gemeinschaft: Können wir sicher sein, dass sie im 20. Jahrhundert nicht Befürworter des Landes gewesen wären, das als erstes die Zerstörung der Religion verkündete und den Triumph der Gemeinschaft über das Individuum feierte? Immerhin gab es viele französische Intellektuelle, selbsternannte Erben Rousseaus und Voltaires, die durch die gesamte stalinistische Periode hindurch und bis weit in die 1960er Jahre begeisterte Anhänger der Sowjetunion und ihres Wegs zum utopischen Sozialismus waren.

Da ich den kritischen Geist der philosophes ganz besonders bewundere, habe ich in Inventing Eastern Europe versucht, einige ihrer außerordentlich unkritischen Meinungen über Russland zu beleuchten. Man kann Voltaires Briefwechsel mit Katharina nicht lesen, ohne den Eindruck zu bekomen, dass er äußerst unkritisch und sogar sklavisch in seiner Lobhudelei war. Ich denke, dass dies nicht einfach Schmeicheleien waren, sondern ein Ausdruck seiner unkritischen Überzeugung, dass mit Katharina die Zivilisation – die europäische Zivilisation – in Russland eingekehrt sei. “Im Jahre 1700 hätte ich niemals denken können, dass eines Tages die Vernunft selbst auf den Ruf einer in Deutschland gebürtigen Fürstin nach Moskau kommen würde.” Voltaire war der führende Sprecher einer ganzen Phalanx von philosophes, die ergebenst an eine Zukunft Russlands unter der Ägide der Vernunft glaubten. Sie zweifelten nicht daran, dass Russlands Zukunft in Europa liegt, aber gleichzeitig definierten sie selbst, überheblich und gemäß den Werten der Aufklärung, die Bedingungen, unter denen Russland zivilisiert werden kann.

Dies erscheint mir auch heute noch kontrovers: ob nämlich der Westen sich anmaßen darf, die Bedingungen zu definieren, nach denen Russland als zivilisiert oder europäisch gelten darf. Vor ein paar Wochen habe ich einen Vortrag von Gorbatschow in Harvard gehört, und obwohl er größtenteils phlegmatisch und abwehrend sprach, gab es eine Sache, die ihn zu einem Ausdruck stärkster Entrüstung veranlasste: die Schocktherapie, die das wirtschaftswissenschaftliche Department der Harvard University Russland in den 1990ern verordnet hatte. Ich stimme Ihnen zu, dass es nur verderblich sein kann, auf einem russischen Sonderweg zu bestehen, aber ich hüte mich davor, die entgegen gesetzte Stellung zu beziehen, die lautet, dass alle Staaten von demselben Scheideweg ausgehend denselben Weg nach Europa gehen müssen.

Anders als Diderot, ist Voltaire niemals nach Russland gereist und schlug sogar beharrlich Einladungen dorthin aus; daher hatte er nie Gelegenheit, seine Phantasien über Peter, Katharina und die russländische Zivilisation an der Realität des Russland des 18. Jahrhunderts zu messen. 1951 veröffentlichte ein französischer Forscher, Albert Lortholary, ein ausgezeichnetes Buch über die philosophes und Russland, das er Le mirage russe (Die russische Mirage) nannte. Er zeigte, dass das unkritische und unrealistische Russlandbild der philosophes und vor allem Voltaires als etwas wie eine illusorische Mirage in der Wüste verstanden werden sollte. Lortholary veröffentlichte sein Buch am Anfang des Kalten Kriegs und schrieb unter dem Eindruck von Parallelen zwischen den aufgeklärten philosophes des 18. und den linken französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts: Beide schienen Russland, ob Katharinas oder Stalins, im Geiste einer unkritischen Phantasie zu betrachten.

Als ich letztes Jahr in Russland war, sagte man mir, es gebe eine junge Generation, die dem Wodka zugunsten von Bier abgeschworen habe. Eine der vielen Implikationen dieses soziologischen Wandels ist eine wachsende Ähnlichkeit zu jungen Menschen anderswo in Europa. Können wir, Sie und ich, uns vorstellen, dass das Dilemma der russländischen Identität allmählich mit dem Aufkommen einer jungen postkommunistischen Generation gelöst wird, deren Ähnlichkeit zum Rest von Europa (ich sage “Ähnlichkeit”, da ich nicht an an charakteristisch europäische “Eigenschaften” glaube) die gesellschaftliche Wirklichkeit eines europäischen Russland ausmachen wird? Können wir uns eine neue Generation von Professoren, Intellektuellen und Politikberatern vorstellen, eine Generation nach dem Kalten Krieg, deren Verhältnis zu Russland nicht von Phantasien, nicht von Überheblichkeit, nicht von unkritischer Akzeptanz oder Ablehnung bestimmt wird?

Mit großem Interesse, und größtenteils mit Zustimmung, habe ich Ihre ausgezeichnete Antwort an Václav Havel mit seiner überschwänglichen Bereitschaft, Russland als Nichteuropa einzuordnen, gelesen8. Wie Sie, stelle ich mir gerne eine Zukunft vor, in der Russland der Europäischen Union angehört.

Es ist eine Ironie, dass, obwohl die neuen Mitglieder vielleicht diejenigen sind, die Russlands Mitgliedschaft am wenigsten befürworten würden – etwa Havels Tschechische Republik -, gerade diese Länder jedermanns Vorstellung von Europa ändern werden. Die Europäische Union des Jahres 2004 wird, wenn es die Tschechische und Slowakische Republik sowie Polen aufnimmt, erstmals zum Teil ein slawisches Europa sein. Die Europäische Union des Jahres 2007, mit Rumänien und Bulgarien neben Griechenland, wird ein spürbar orthodoxeres Europa sein. Russlands Eintritt wird dann (dürfen wir hoffen?) um einiges möglicher erscheinen, sowohl innerhalb als auch außerhalb Russlands.

Vor einigen Jahren aß ich mit einer charmanten dänischen Kollegin zu Abend, die mir sagte, weder Russen noch Amerikaner könnten je für Europäer gehalten werden; sie seien ganz offensichtlich anders. Inwiefern? – fragte ich. Erstens, sagte sie zu mir, Amerikaner und Russen haben keine europäischen Tischmanieren. Und zweitens, fügte sie hinzu und schaute mir in die Augen, können sie keine Frau verführen.

Ich möchte damit betonen, dass die Definition dessen, was als wesentlich “europäisch” gilt, sehr individuell, subjektiv, beliebig und strategisch sein kann. Alex, dies war mein letzter Brief. Für mich war es ein Vergnügen und eine Herausforderung, mit Ihnen über diese Dinge zu diskutieren.

Aufrichtig,

Larry

4. Dezember

Lieber Larry,

auch für mich war es sehr interessant, mit einem wohlwollenden Opponenten das Problem “Russland und Europa” zu erörtern (umso mehr, als im Jahr 2004 in Moskau eine dreibändige Ausgabe meiner Studien erscheinen soll, deren Gesamttitel sich fast buchstäblich mit dem Thema unseres Briefwechsels deckt: “Russland und Europa: ein neues Schema”. Im Moment arbeite ich gerade am dritten Band). Zum Anfang unseres Streitgesprächs sind wir von so verschiedenen Positionen ausgegangen, dass es ein Wunder wäre, wenn dieser kurze Briefwechsel unsere Standpunkte einander auch nur ein wenig näher gebracht hätte. Nichtsdestotrotz war dieser Austausch für mich (und, wie ich hoffe, für unsere Leser) schon allein dadurch nützlich, dass er mir Ihre Auffassung klarer gemacht hat. Hoffentlich verstehen auch Sie meine Ansicht jetzt etwas besser.

Warum kann ich mich Ihrer Einschätzung von Albert Lortholary’s Le mirage russe überhaupt nicht anschließen? Der Vergleich zwischen den linken französischen Intellektuellen, die das stalinistische Regime rechtfertigten, und den philosophes der Aufklärung, die sich darüber Gedanken machten, wie Russland am schnellsten nach Europa gebracht werden könne, erscheint mir gänzlich unberechtigt. Ich denke, dass diese linken Intellektuellen ebenso wenig wie ihre Kritiker (etwa Lortholary) vom Problem “Russland und Europa” verstanden haben.

Zweifelsohne waren die philosophes (außer Rousseau) gegenüber Peter und Katharina empörend unkritisch eingestellt; ihre Ratschläge waren unerfüllbar, um nicht zu sagen unsinnig, und manchmal, wie im Falle Konstantinopels, sogar gefährlich. Voltaires Liebesdienerei ist sogar unanständig, denn Schmeichelei ist zu allen Zeiten widerlich. Doch trotz alldem haben diese Menschen intuitiv – und brillant – erraten, dass der Weg, auf den Peter Russland gebracht hat, indem er es um einen schrecklichen Preis aus dem Todesschlaf der moskowitischen “eigentümlerischen” Sackgasse riss, der Weg, auf dem Katharina weiterschritt, der einzig mögliche war, sollte Russland dem Schicksal des langsam im Hinterhof Europas dahinsiechenden Osmanischen Reiches entgehen.

Wie kann man diese Philosophen mit den linken französischen Intellektuellen vergleichen, die ja gerade das neue eigentümlerische Moskowien verherrlichten, das Stalin in Russland einführte? Wie schon Iwan der Schreckliche und Nikolaus I. vor ihm, führte auch er das Land wieder in eine antieuropäische Sackgasse, aus der es nur um den Preis einer neuen gigantischen Katastrophe hinaus konnte (was übrigens Gorbatschow bis heute nicht verstanden hat).

Sicherlich kennen Sie Alexander Herzens 9Lesebuchaphorismus: “Peter hat Russland herausgefordert, und Russland hat darauf mit dem kolossalen Phänomen Puschkin geantwortet.” Nicht nur Puschkin, würde ich hinzufügen, sondern mit der gesamten brillanten dekabristischen Generation, die ihr durchaus komfortables Leben für die Abschaffung der Autokratie und der Leibeigenschaft riskierte – in anderen Worten, für die Wiedervereinigung mit Europa.

Wie das dem grausamen Autokraten Peter gelungen ist, unter dessen Herrschaft, wie übrigens auch zu Katharinas Zeiten, die Leibeigenschaft zu einer schieren Sklaverei wurde, ist ein anderes Thema. Vladimir Veidle10, einer der besten Autoren der russischen Emigration, hatte sicherlich recht, als er sagte, dass “Peters Werk über seine Absichten hinausschoss und das von ihm umgeformte Russland ein viel mannigfaltigeres und reicheres Leben zu leben begann, als das, welches er ihm so grimmig aufzuzwingen suchte. Er wollte Lehrlinge heranzüchten, erzog aber Derschawin und Puschkin.” Auch Puschkin selbst hatte recht, als er sagte: “Die neue, unter europäischem Einfluss herangebildete Generation gewöhnte sich mit jeder Stunde mehr an die Vorteile der Aufklärung.” Recht hatte schließlich Herzen, der meinte, im 19. Jahrhundert “konnten Autokratie und Zivilisation nicht mehr Hand in Hand gehen. Selbst im 18. Jahrhundert ist ihr Bündnis erstaunlich.” Oder, wie Natan Ejdelman kommentierte, “für den Auftritt der Dekabristen und Puschkins hatten zwei oder drei ungeprügelte Generationen ausgereicht.”

Wie dem auch sei, wir müssen schließen, dass “Peters Herausforderung” den Dekabrismus von Anfang an potentiell in sich trug. Eben weil er, wie Veidle es formulierte, “sein Fenster nicht etwa nach Mekka oder nach Lhasa hin aufschlug, sondern nach Europa.” Das ist es also, was Europa für Russland bedeutet, wie subjektiv auch immer jede individuelle Auffassung Europas sein mag, einschließlich derjenigen Ihrer dänischen Dame. Denn nur die Wiedervereinigung mit Europa kann unserem Land garantieren, dass es sich nicht wieder in irgendein eigentümlerisches Moskowien verwandelt. Was Russland braucht ist, mit anderen Worten, nicht ein neues “Fenster nach Europa”, das, wie die Geschichte zeigt, eine solche Garantie nicht zu geben vermag, sondern der völlige Abriss der alten moskowitischen Mauer zwischen Russland und Europa.

Jetzt verstehen Sie sicherlich, warum ich Ihren Enthusiasmus über Lortholarys Le mirage russe ebenso wenig teilen kann, wie mir Ihre Analogie zwischen Europa und der “Schönheit im Auge des Betrachters” behagt. Denn, und davon bin ich überzeugt, die Wiedervereinigung mit Europa, so wie es ist, ist Russlands einzige Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben.

Ich habe kaum Hoffnung, dass ich Sie überzeugt habe, aber die Hoffnung, dass der westliche Intellekt schließlich aus seinem gefährlichen Schlummer erwacht, sich seiner alles verschlingenden Leidenschaft zur Dekonstruktion von Texten entledigt und Russland greifbare Hilfe erweist, solange es für eine solche Hilfe noch offen ist, bleibt mir. Wenn Gott uns zulächelt, dann trägt unser Briefwechsel vielleicht ein klein wenig dazu bei.

Aufrichtig,

Ihr A.Y.

Sigurd Shmidt (geb. 1922) - ein bekannter russischer Historiker, der unter anderem zur politischen Organisation der russischen Gesellschaft im 16. Jahrhundert geforscht hat [Red.].

Im Russischen besteht ein prinzipieller Unterschied zwischen "russkij"(die russische sprache bzw. "ethnische Rusen betreffen) und "rossijskij" (Russland betreffend). Im deutschen bürgern sich dafür die Begriffe "russisch" und "russländisch", bzw. " Russen" und "Russländer" ein, die auch in diesem Text durchgängig verwendet werden [Red.].

Konstanin Leontjew (1831-1891) - ein konservativer und radikal antiwestlicher Denker, der manchmal als der geistige Pate des russischen Faschismus angesehen wird [Red.].

Sergei Witte (1849-1915) - russischer Unternehmer und Finanzminister (1892-1903), Bauherr der Transsibirischen Eisenbahn und anderer großer Eisenbahnstrecken. Witte wird zumeist als einer der großen Liberalen und Modernisierer unter Nikolaus II. angesehen [Red.].

Ein philosophisches und juristisches Traktat, das Katharina die Große unter dem Einfluss der Aufklärung verfasste. Es wurde 1767 auf Russisch, Französisch, Deutsch und Latein veröffentlicht und später mehrmals umgeschrieben bzw. erweitert [Red.].

Eine polemische Antwort Katharinas (1770 anonym veröffentlicht) an den französischen Abt Jean Chappe d'Autroche und seine Reise nach Sibirien [Red.].

Dekabristen - Sammelbezeichnung für die Mitglieder einer Reihe von geheimen Adelsvereinigungen unter Alexander I. Die meisten Dekabristen wurden nach einem fehlgeschlagenen Staatstreich am 14. Dezember 1825, nach Alexanders Tod, exekutiert oder nach Sibirien verbannt [Red.].

S. Alexander Yanov: Liegt Moskau in Europa?, in: die tageszeitung, 28.5.2001, S. 11 [Red.]

Alexander Herzen (1812-1870) - einer der bedeutendsten russischen politischen Denker des 19. Jahrhunderts, heute vor allem als Herausgeber der Exilzeitung Kolokol (Die Glocke) und für seine Memoiren Vergangenes und Gedanken (dtsch. auch Mein Leben) bekannt [Red.].

Vladimir Veidle (1895-1979) - Kunst- und Religionshistoriker. Verliess Russland 1924 und lehrte in Paris [Red.].

Published 8 October 2003
Original in Russian
Translated by Mischa Gabowitsch

Contributed by Neprikosnovennij Zapas © Neprikosnovennij Zapas Eurozine

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