Eine unsichtbare Wand

The hidden factor of Belarusian reality

Wenn man eine weißrussische Buchhandlung besucht, fällt einem sofort ein bestimmtes Detail ihrer “räumlichen Aufteilung” auf. Denn zusätzlich zu den üblichen Abteilungen, welche die verschiedenen Wissenszweige und Interessensgebiete von Publikationen abdecken, haben weißrussische Buchhandlungen normalerweise noch ein besonderes Regal mit weißrussischen Büchern und Zeitschriften (während der restliche Platz von russischen Titeln belegt ist).

In einer Buchhandlung sind alle Bücher, Übersetzungen, Monografien, Zeitschriften und Bestseller nach Sprachen getrennt und alles Weißrussische ist in einer eigenen Abteilung untergebracht. Die dort gezeigte, verhältnismäßig kleine Menge des kulturellen Outputs Weißrusslands1 – wie auch die symbolische Abtrennung in einer Art kulturellem Ghetto – ist bezeichnend für den Stellenwert der weißrussischen Kultur im eigenen Land. Dieses Phänomen ist die Folge eines komplexen historischen Prozesses und politischer Gründe. Es sind wahrscheinlich dieselben Gründe, aus denen auch Weißrussland selbst von Europa und der Welt abgeschnitten und auf ein gesondertes Regal gestellt ist.

Man kann zwischen der Situation in weißrussischen Buchhandlungen und der Weißrusslands in der internationalen Arena eine offensichtliche Parallele ziehen. Weißrussland kann als Beispiel für ein “sich Fernhalten” von jenem Prozess angesehen werden, der zu einer neuen kulturellen und wirtschaftlichen Einheit führt und der in den früheren sozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas weit verbreitet gewesen ist.

Die Folge dieser weißrussischen “Abtrennung” ist, dass in der weißrussischen Wirtschaft der “Marktsozialismus” vorherrscht, was eine absolute Dominanz von Staatseigentum bedeutet. Das Fehlen jeglicher geschäftlicher Privatinitiativen ist deutlich sichtbar, es gibt keine ausländischen Investitionen, eine hohe Inflation usw. Aufgrund seiner – im Vergleich zu Russland – wirtschaftlichen Rückständigkeit hat Weißrussland sogar in seiner Union mit Russland echte wirtschaftliche Probleme. Der ganze Staat wurde zum “Museum der Sowjetunion”.

Die derzeitige Lage Weißrusslands resultiert aus seiner politischen Ausrichtung in Verbindung mit einer neo-sozialistischen Ideologie und undemokratischen Aktivitäten der gegenwärtigen Machthaber. Die merkwürdigsten Dinge aber passieren in Weißrussland gegenwärtig an den Rändern, wo der politische und ideologische Diskurs des Staates die Grenzen der Politik überschritten hat und zu einer alltäglichen gesellschaftlichen Realität für Millionen Menschen geworden ist. Einem Beobachter von außen mag es vielleicht unbegreiflich erscheinen, warum und wie die Mehrheit dieser zehn Millionen Menschen noch immer von einer kommunistischen Täuschung beherrscht wird. 2001, als die Präsidentenwahlen wieder denselben Diktator an der Macht beließen, war die Wahl des weißrussischen Volkes für den Rest der Welt einmal mehr ein überraschend.

Zeitliche Kontinuität oder das besondere Merkmal weißrussischer Vergänglichkeit

An der jüngsten Geschichte Weißrusslands fällt auf, dass – was die Staatsideologie anlangt – jeglicher “Bruch” mit der Vergangenheit fehlt. Es hat einfach nie einen entscheidenden historischen Wendepunkt gegeben, an dem in Weißrussland – wie es in Polen, der Tschechischen Republik, der Ukraine oder Litauen geschah – ein neues Leben begonnen hat. Wie Davis Marples in Belarus: a denationalized nation (“Weißrussland: eine entstaatlichte Nation”) schreibt: “(…) die politische Lage hat sich in den zwei Jahren nach der Unabhängigkeitserklärung nicht wesentlich geändert. Die Republik Weißrussland blieb unter der Kontrolle von Ex-Kommunisten und Reformkommunisten.”2 Dennoch hätten in diesem historischen Moment – in den späten 1980er- und zu Beginn der 1990er-Jahre, nur ein paar Jahre vor den ersten Präsidentenwahlen – politische und gesellschaftliche Veränderungen beginnen sollen oder schienen sogar bereits begonnen zu haben. Zu diesem Zeitpunkt kamen neue politische Bewegungen und Parteien, neue Zeitungen und neue Ideen auf. “Weißrussland vermied die Vermehrung politischer Parteien, wie es in der Ukraine passierte, wo Beobachtern zufolge im Sommer 1993 über siebzig eingetragene Parteien registriert waren. Trotzdem gab es in Weißrussland noch immer mehr als elf eingetragene Parteien”3 und neue Zeitungen tauchten am Medienmarkt auf. Es war sicherlich eine Zeit, in der ein Umdenken stattfand, und es gab echte Chancen für den Beginn einer grundlegenden gesellschaftlichen Wandlung. Diese Chancen sollten nach den Präsidentenwahlen 1994 verwirklicht werden – dachte man zumindest.

Die erste Wahl: ein Schritt vorwärts, zwei zurück

Das Ergebnis der ersten Präsidentenwahlen, die Lukaschenko an die Macht brachten, zeigte eine Eigentümlichkeit der “weißrussischen Wahl”. Alle politischen Bewegungen, Parteien und Politiker, die zu Beginn der 1990er-Jahre auf der weißrussischen Politbühne aufgetaucht waren, fanden sich nach der Wahl plötzlich in “tiefer Opposition” zu den Machthabern. Auf diese Art und Weise wurden die Ideen einer pro-westlichen liberalen Demokratie gemeinsam mit denen radikaler nationalistischer Bewegungen, pro-russischer kommunistischer Parteien (wovon es in Weißrussland zwei gibt) und von Vertretern der früheren kommunistischen Nomenklatura völlig an den Rand des öffentlichen und politischen Lebens gedrängt. Es ist also anzunehmen, dass die von den Weißrussen 1994 getroffene Wahl nicht so sehr eine ideologische über ein bestimmtes Modell für die Zukunft war, sondern eher eine über die “Form der gesellschaftlichen Realität”4, wie sie vom Sowjetsystem hervorgebracht und vom weißrussischen Volk erfolgreich verinnerlicht worden war: die Vorstellung von einer “gesellschaftlichen Form”, die innerhalb einer sozialistischen Ideologie erschaffen wird und auf den Prinzipien eines staatlichen Monopols sowie Klasseneinheit etc. basiert. Das wurde nach dem Zusammenbruch einer objektiven gesellschaftlichen Ordnung nicht automatisch zerstört. Tatsache ist, dass dieser Präsident nicht von der Mehrheit des Volkes gewählt wurde, sondern durch die “Kunst des Monologs” an die Macht kam – eine Diskursform des Ausdrucks von Macht, mit der er in Verbindung gebracht wurde.

Man kann die neo-sozialistische Ideologie, welche die politische und wirtschaftliche Strategie Weißrusslands zur Zeit beherrscht, nicht so sehr als Ursache der weißrussischen Krise, sondern vielmehr als eines ihrer Ergebnisse betrachten, die auf eine spezielle Verbindung zwischen “sozio-kultureller Geschichte” und “der Gegenwart” Weißrusslands zurückgehen. Wie Jan Zaprudnik, Historiker und Autor mehrerer Weißrussland gewidmeter Monografien, anmerkt: “Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in Osteuropa waren mehr und mehr Analytiker zu dem Schluss gekommen, dass der größte von der Alten Ordnung verursachte Schaden die menschliche Natur betrifft.”5 Die Vorstellung, dass es nur eine mögliche Denkweise gibt, die Realität zu betrachten und das ausschließliche Recht, Wahrheiten im Sozialleben und einheitliche Sozialstrukturen zu definieren, gehören auf diese Liste solcher von der sozialistischen Ideologie verursachten Schäden. Die vom Sozialismus geprägte Gedankenwelt der Weißrussen machte, als einige Merkmale einer demokratischen Gesellschaft in Weißrussland aufzutauchen begannen, deren Funktionieren einfach unmöglich. Die vorgefundene Situation spiegelt sich in den Eigentümlichkeiten des weißrussischen “Informationsraums” wider, in dem sämtliche historischen und modernen gesellschaftlichen Probleme vertreten sind und neue unabhängige Massenmedien altmodischen Formen gesellschaftlicher Realität gegenüberstehen. Man kann die Massenmedien als ein Forum ansehen, in dem auf der einen Seite der politische und ideologische Diskurs des Staates und auf der anderen Seite die Stimmen der Opposition der Realität begegnen, um zum Kern sozialer Gewohnheiten und zum Inhalt des Alltagslebens zu werden.

Nach den Wahlen von 1994 nahm das Land seinen eigenen Kurs auf, “nicht den üblichen Weg zu gehen, dem jeder zuvor gefolgt war”. Wichtig an diesem Moment einer nicht stattfindenden Veränderung ist, dass diese “neuen Triebe” einer sich ändernden Mentalität nicht einfach im Keim erstickt wurden oder völlig verschwanden, sondern einfach vollkommen zu wachsen aufhörten. Diejenigen, die diese neue Lebensqualität in der Gesellschaft erfahren konnten (und ein anderes Maß an Freiheit erreichten), wurden später Teilnehmer und Anhänger der Opposition. Sie bilden nun eine gesonderte, durch erworbenes “Wissen” und Verstehen verbundene soziale Schicht. Der Kontakt mit der ideologischen Opposition wird, zumindest geistig, durch das Lesen unabhängiger Zeitungen und die Weigerung, sich das weißrussische Staatsfernsehen anzuschauen oder staatliche Zeitungen zu kaufen, aufrechterhalten. Diese Leute wollen lieber nichts über Staatspolitik wissen und leben in einer von diesem opponierenden Informationsfluss geschaffenen Welt, der ihnen ein wirklich umfassendes Bild der gesellschaftlichen Realität vermittelt.

Doch wie zuvor bereits erwähnt, war die Zeit des Wandels in Weißrussland zu kurz und die Veränderungen zu “schwach” und zu langsam, um die weißrussische Denkweise im Allgemeinen zu ändern. Tatsächlich hat die Mehrheit der Weißrussen überhaupt keine gesellschaftlichen Veränderungen in ihrem eigenen Leben erfahren. Für sie ist das Weißrussland von heute dasselbe Weißrussland wie in der sozialistischen Vergangenheit, die in ihren Augen noch nicht vorbei ist. Diese Gruppe von Leuten ist sehr zahlreich, heterogen und hypnotisiert von den täglichen Versprechen amtlicher Rhetorik von “hübschen Geschenken” und einem “besseren Morgen”. Diese Leute liefern dem bestehenden Regime die “Stimmen”, schauen sich die Programme des weißrussischen staatlichen Fernsehens an, hören Staatsradio und lesen amtliche Publikationen. Eine im Dezember 2002 durchgeführte Meinungsumfrage zeigte, dass 64,1 % der Befragten ihre Informationen über die Welt aus den Programmen des weißrussischen Staatsfernsehens beziehen, 25 % vom weißrussischen Staatsradio, 22 % von weißrussischen staatlichen Zeitungen und nur 12,9 % lasen nichtstaatliche Zeitungen.6 Diese beiden Informationsflüsse, die grundlegend verschiedenen Ansichten über die Gesellschaft, über Werte, Absichten und verschiedene Alltagsgewohnheiten vermitteln, sind in Wirklichkeit durch eine reale, unsichtbare, undurchlässige “Wand” getrennt. Sie zeigen unterschiedliche Bilder Weißrusslands – beide gleich real und überzeugend für die Gegenwart und Zukunft. Im öffentlichen Bereich Weißrusslands scheinen zwei öffentliche Diskurse zu existieren, die ihrem politischen und ideologischen Hintergrund entsprechend entgegengesetzte Formen einer gesellschaftlichen Realität erschaffen. Es genügt, den Inhalt von Zeitungen, die sich mit denselben Themen befassen, miteinander zu vergleichen und mit Leuten zu reden, die sie lesen, um zu sehen, wie gegenwärtig diese vollkommen undurchlässige Informationswand in den weißrussischen Massenmedien und Köpfen ist.

Praktisch alle für das öffentliche Leben Weißrusslands wichtigen Themen werden auf zwei entgegengesetzte Arten interpretiert. So ist der Unterschied zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Medien bereits an der Art, wie sie die “Union mit Russland” bezeichnen und von ihr sprechen, offensichtlich. Staatliche Zeitungen verwenden immer die Bezeichnung “Unionsstaat”, während die nichtstaatlichen Medien Ausdrücke wie “geplantes Bündnis von Weißrussland und Russland” gebrauchen.

“Janka Kupala-Denkmal7 in Moskau mit Geldern des Unionsstaatsbudgets finanziert”
“Unionsstaat hat ehrgeizige Pläne”
“Grundlagen für den Unionsstaat sollen nächstes Jahr zum Abschluss gebracht werden”
“Romantische Zeit der Union ist vorüber”
“Das Boxturnier des Unionsstaates”

“Weder die Idee von der Union noch die Union selbst können verschwinden”

“Unionsvertrag – Garantie der weißrussischen Unabhängigkeit”8

Der Hauptzweck dieser Überschriften besteht darin, den Eindruck zu erwecken, als existiere die Union mit Russland bereits als Staat. Im Gegensatz dazu zeigen die nichtstaatlichen Medien die Union als etwas, das offen für Diskussion und Zweifel ist. Obendrein ist für Teile der Gesellschaft die neue Union mit Russland ein “neues Stadium weißrussischer Unabhängigkeit”, während andere Teile sie als den größten Fehler der gegenwärtigen Machthaber ansehen, der zum Verlust der weißrussischen Eigenstaatlichkeit führen wird.

Ein weiterer Fall für eine doppelte Darstellungsweise ist der Zustand der weißrussischen Wirtschaft. Der öffentliche Diskurs verwendet den Ausdruck “weißrussisches Wirtschaftswunder”, “weißrussisches Wirtschaftsmodell. Die Überschriften in den staatlichen Zeitungen lauten:

“Gehälter bleiben auf gleichem Niveau”
“Statistiken zeigen bedeutendes Wirtschaftswachstum”

“Weißrussland hält seine stabile Position am Weltmarkt”

“Wir haben unseren eigenen Weg gewählt”

“Weißrusslands dynamischer Handel mit Europa” etc.9

Zur gleichen Zeit lesen jene, die ihre Informationen aus unabhängigen Zeitungen beziehen:

“Stagnation und Einschüchterung schwächen Weißrussland”10

“Weißrussen werden ausgeraubt”

“Weißrussen können sich nicht einmal das Notwendigste leisten”

“Kein Anzeichen vom großen Geld” (ausländische Investitionen betreffend)

“Internationaler Währungsfonds bringt seine Besorgnis über unrealistische Budgetziele zum Ausdruck”11

Unterdessen schlagen die unabhängigen Medien wegen Menschenrechtsverletzungen und einem Mangel an Freiheit in Weißrussland Alarm.12 Vollkommene Freiheit sei nur in einer “Irrenanstalt” möglich, sagte eine für das staatliche Fernsehen arbeitende berühmte Journalistin und drückte damit die allgemeine Ansicht der weißrussischen Machthaber aus.

Das bezeichnendste Beispiel für die Gegenüberstellung zweier öffentlicher Diskurse ist deren Interpretation des Begriffs “Weißrussland” bzw. “weißrussisches Volk”. Die Machthaber bezeichnen das Territorium ihrer Legitimation mit Bezeichnungen, die das Gefühl von Einheit vermitteln sollen, wie “weißrussisches Volk, Weißrussen, Weißrussland”.

“Präsident von weißrussischem Volk gewählt”
“Jeder Weißrusse hat die richtige Entscheidung getroffen” (über das Wahlergebnis)

Auf diese Weise wird die gesamte politische Opposition und ihre Anhänger symbolisch aus der “vollständigen Ganzheit” des weißrussischen Volks hinausgedrängt. Sie stehen dem Problem der Identifikation innerhalb des Gebietes der rhetorischen und symbolischen “Ganzheit” der vom öffentlichen Diskurs geschaffenen weißrussischen Gemeinschaft gegenüber. Um sich nicht als Fremde im eigenen Land zu fühlen, entwickelt die Opposition ihre Legitimation, indem sie “für ganz Weißrussland” spricht.

“Präsident hat weißrussischem Volk bürgerliche Freiheiten genommen”
“Weißrussland braucht einen neuen Präsidenten”

“Weißrussen wollen sich Europa anschließen”

“Weißrussen wollen nicht in Russland leben”13

Ein Artikel über eine am 16. März 2003 abgehaltene und von der Opposition in Minsk organisierte Versammlung der weißrussischen Intelligenz war mit “Weißrussische Intelligenz sagt ’Nein’ zum herrschenden Regime” übertitelt und begann mit “Die Versammlung der gesamtweißrussischen Intelligenz wurde abgehalten …”.14

In beiden Fällen erscheint das weißrussische “Vaterland” als ein “unteilbares” ideologisches Ganzes. Im Februar 2003 verboten die Behörden den Widerstand gegen die Organisation einer Straßenaktion, die unter dem Motto “Ich liebe Weißrussland” stand. Man kann sich vorstellen, dass die geplante Straßenaktion von den Machthabern als ein Versuch der symbolischen “Aneignung” des weißrussischen Vaterlandes, das vom öffentlichen Diskurs bereits usurpiert worden war, “dechiffriert” wurde.

Durch die Verallgemeinerung von Begriffen wie “Weißrussland” und “Weißrussen” versucht jeder öffentliche Diskurs eine Art “Privatisierung” des weißrussischen Vaterlandes zu erreichen und den anderen dadurch auszuschließen. Die weißrussische Opposition hält den derzeitigen Präsidenten für unrechtmäßig, weil die Wahlergebnisse gefälscht waren. Die Vertreter internationaler Organisationen (Parlamentsversammlung, OSZE, Helsinki-Ausschuss) versuchen die Verständigung zwischen den weißrussischen politischen Kräften und der tragenden politischen Opposition zu fördern. Diese Tatsache wird zum wichtigsten Argument für Funktionäre, wenn sie den “nicht-weißrussischen” oder “ausländischen” Charakter von deren Ideologie und politischen Forderungen zu beweisen versuchen. Solche Hinweise auf ausländische Finanzquellen sind eine der beliebtesten Methoden der Machthaber zur ideologischen Vernichtung der Opposition in der Öffentlichkeit. Die Opposition wird nicht als Urheberin ihrer eigenen politischen Programme gezeigt, sondern bloß als “vom Westen erschaffenes und finanziertes” Werkzeug. Als Folge wird die endgültige Entidentifizierung der Opposition und ihrer Anhänger mit dem weißrussischen Volk abgeschlossen und “Weißrussland” selbst bleibt ungeteilt und ideologisch homogen.

All diese Beispiele zeigen: Solange die ideologische Arbeit auf beiden Seiten dieser Wand extrem verstärkt wird, führen alle politischen und Informationsbemühungen nur dazu, dass die Wand “höher” und “stärker” wird. Die in diesen beiden Monologen verwendeten Argumente berücksichtigten nur die Menschen auf der jeweiligen Seite der Wand. Sie zielten nur auf jene Menschen ab und überzeugten nur jene, die ihnen ohnedies bereits zustimmten und sie schon vorher akzeptiert hatten. Das Ergebnis ist, dass sich letztlich nichts wirklich ändert und jeder Teilnehmer an solchen gesellschaftlichen “Aktionen” am selben Platz bleibt wie zuvor.

Die weißrussische Gesellschaft gleicht deshalb zwei von derselben Wand getrennten Kinos, in denen auf jede Seite zwei verschiedene “Filme über ihr Leben” projiziert werden. Mehr noch – jede Projektion ist autark und vollständig genug, um ein Gesamtbild der Welt zu vermitteln. Die andere Seite der Wand kann auch von der eigenen Seite der “Leinwand” aus gesehen werden, ohne dass man am wirklichen Leben dieser Leute oder an ihren Ansichten, Sehnsüchten und Problemen Interesse haben muss (auch nicht, wenn einige von ihnen gleich nebenan leben).

Die “Wand” ist nicht nur eine anschauliche Metapher für die Teilung der weißrussischen Gesellschaft. Sie wird zu einem unsichtbaren und versteckten, doch sehr realen Faktor, der einige wesentliche Deformationen des öffentlichen Raums verursacht.

Neue Informationstechnologien wie das Internet dienen normalerweise dazu, den öffentlichen Horizont zu erweitern und die Grenzen zwischen verschiedenen öffentlichen Bereichen transparenter zu machen. In Weißrussland aber hat es den gegenteiligen Effekt, d.h. der Riss zwischen den beiden Gesellschaftsschichten – jener, die das Internet benutzt und jener, die weißrussisches Fernsehen anschaut – vertieft sich. (Laut verschiedenen Quellen liegt heute in Weißrussland die Anzahl der Internetuser bei 150.000 bis 200.000; 60 bis 70 % davon leben in Minsk.)15

Dieses Phänomen einer undurchsichtigen, undurchlässigen Informationswand, die nach wie vor Tag für Tag im weißrussischen Bewusstsein aufgebaut wird, erlaubt es wegen der besonderen Rolle der Medien, an der Wurzel der weißrussischen sozialpolitischen Krise aufgedeckt zu werden. Die weißrussische Gesellschaft wurde im Verlauf der historischen Prozesse der post-sowjetischen Zeit, die Weißrussland zumindest leicht streiften, sicherlich gespalten. Die Massenmedien aber dienen als wichtigstes Instrument der Bewahrung: Sie funktionieren als Wand zwischen Gruppen von Weißrussen mit unterschiedlichen sozialen Werten, die auf gegensätzlichen Ansichten über Gegenwart und Zukunft ihres Landes beruhen.

Warum in weißrussischen Köpfen kein “Bürgerkrieg” existiert

Marshall McLuhan schreibt in seinem Understanding Media: The Extensions of Man:

“Die meiste Zeit unseres Lebens hat in der Welt der Kunst und der Unterhaltung ein Bürgerkrieg gewütet (…) Filme, Schallplattenaufnahmen, Radio, Tonfilme (…) Das meiste von diesem Bürgerkrieg beeinflusst unser Seelenleben zutiefst, besonders, da der Krieg von Kräften geführt wird, die Erweiterungen und Verstärkungen unseres eigenen Seins sind. In der Tat ist das Zusammenspiel zwischen den Medien nur ein anderer Name für diesen ’Bürgerkrieg’, der in unserer Gesellschaft und unserer Psyche wütet.

Diese Metapher eines “Bürgerkriegs” in den Medien einer offenen demokratischen Gesellschaft spiegelt die grundlegende Vorstellung von Informationszusammenhängen in einem liberalen politischen und gesellschaftlichen System wider. Dem “Massenmedien-Design” dieses Systems zufolge liefern häufige Informationsangriffe auf die Menschheit zumindest einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Informationsflüssen. Das macht das Gesamtbild von Realität potenziell “sichtbar”. “Sichtbar” zu sein bedeutet “real” zu sein – egal, ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist, etwas Wahres oder Falsches. Diese “einfache” Möglichkeit auszuwählen, erlaubt es den Menschen, zuzustimmen oder nicht, zu akzeptieren oder abzulehnen.

Man könnte sagen, dass das wirkliche Problem der weißrussischen Gesellschaft im Fehlen irgendeines solchen “Bürgerkriegs” in den weißrussischen Massenmedien und Köpfen liegt. Die Mehrheit der Leute, die dem Einfluss des staatlichen Diskurses unterliegen, sind im Allgemeinen in ein ununterbrochenes, sanftes Tröpfeln von Informationen über ihr Leben eingehüllt, wie sie von den öffentlichen Medien geliefert werden. Sie sind – von der zuverlässigen Wand weggesperrt – nie wirklich irgendeinem anderen Bild der sozialpolitischen Welt oder irgendwelchen anderen Darstellungen ihrer eigenen Wirklichkeit begegnet und können die Stimme der politischen Opposition nie hören. Überdies sind jene, die den Raum auf der anderen Seite der Wand bewohnen, auch von ihren eigenen politischen Überzeugungen und ihrem eigenen Informationsfluss begrenzt. Niemand ist dort aus Prinzip an im “gegnerischen Lager” ablaufenden Prozessen interessiert.

Die vorherrschende Absicht der nichtstaatlichen Massenmedien ist es, eine andere Interpretation von zuerst von den staatlichen Medien dargestellten “Nachrichten” oder “Fakten” zu bieten. So ein Zusammenspiel zwischen den Massenmedien gleicht dem Negativverfahren in der Schwarzweiß-Fotografie. Die Struktur dieser Medien, die auf der Logik einer starken binären Opposition basiert, hindert die Leute daran, Zugang zum vollständigen Bild der gesellschaftlichen und politischen Realität zu bekommen. Es gibt keine Möglichkeit, aus dem weißrussischen Informationsraum ein vollständiges Bild weißrussischer Realität zu erschaffen. Man braucht irgendeine Art Position außerhalb, um die Realität zu erfassen. Bloß die weißrussischen Zeitungen zu lesen, staatliche wie unabhängige, weißrussisches Radio zu hören und die staatlichen Fernsehprogramme anzuschauen, macht es unmöglich, dem weißrussischen Schwarzweißbild von Realität auszuweichen.

Statt in einem “Bürgerkrieg” befinden sich die Leute mitten in ihrer hauptsächlichen Unsichtbarkeit. Eine der Auswirkungen dieser eigentümlichen Struktur des Informationsraums ist, dass die Wand einen Teil der weißrussischen Realität vollkommen unsichtbar und in gewissem Sinne unwirklich macht (d.h. jenen Teil auf der anderen Seite der Informationsgrenze). Informationen über jene, die auf der gegenüberliegenden Seite der Wand leben, sind entweder völlig inexistent oder stark verzerrt. Jeder Bürger findet sich – da in der weißrussischen Öffentlichkeit eine völlig falsche Darstellung vorherrscht – im Teufelskreis seiner eigenen politischen Bindungen gefangen.

Man sollte in so einer Situation anmerken, dass das weißrussische Beispiel deutlich zeigt, dass bloße Medienpräsenz nicht länger als eine der wichtigsten oder einfachsten Arten des Auftretens in der Öffentlichkeit angesehen werden kann. Folglich reicht die bloße Existenz oppositioneller politischer Kräfte und unabhängiger Massenmedien an sich nach wie vor nicht aus, um die politische Situation zu beeinflussen und die totalitäre Natur des herrschenden Regimes aufzuheben.

Die Menge unterschiedlicher Massenmedien und oppositioneller politischer Haltungen in der öffentlichen Arena ist einfach inadäquat: Da die Organisation des Systems öffentlicher Darstellung eines der wichtigsten Instrumente für Demokratie in diesem Land ist, sollten die Medien vielmehr auch in dieses System eingebunden werden. Der weißrussische Präsident verkündet stolz, dass Weißrussland (seiner Meinung nach) eine Demokratie sei, weil es unabhängige Zeitungen hat, die in den Zeitungsständern regelmäßig neben staatlichen Zeitungen und Magazinen verkauft werden. Indem er das sagt, betont er einfach die Tatsache, dass zwei verschiedene Informationsquellen existieren, und vernachlässigt das Fehlen eines Systems öffentlicher Darstellung, in dem die Medien normal zu funktionieren beginnen könnten. Anders gesagt: Die Tatsache, dass es diese Zeitungen gibt, ist nur schöner Schein, der die Tatsache verbirgt, dass es im Leben der Weißrussen keine echte Information gibt.

Die Leinwand von Weißrusslands öffentlicher Realität zeigt die Macht der Massenmedien, Dinge nicht nur zu zeigen, sondern auch zu verbergen, Informationen nicht nur zu verbreiten, sondern auch unzugänglich zu machen.

Sogar ein flüchtiger Blick auf die allgemeine Logik der Interaktion zwischen den beiden Informationsquellen zeigt deren gegensätzliche Ansichten von jedem Thema, das auf beiden Seiten der Wand gezeigt wird. Sie hängen meist zusammen wie Negativ und Positiv in der Schwarzweiß-Fotografie. Pierre Bourdieu beschreibt in seinem Essay “Über das Fernsehen”, dass der Bereich des Printjournalismus aus “Zeitungen, die Nachrichten bringen – Geschichten und Ereignisse – und Zeitungen, die Ansichten bringen – Meinung und Analyse” besteht. Aber die ideologische Erfahrung von Totalitarismus im heutigen Weißrussland zeigt, wie dieses “Design” eines (auf gegensätzlichen Interpretationen beruhenden) Medienraums den Zugang zu Ereignissen oder wirklichen Geschichten vollkommen verhindert. Von Anfang an wird alles, was in den weißrussischen Massenmedien erscheint, zweimal dargestellt, was impliziert, dass jedes Faktum gleichzeitig zwei gegensätzliche Bedeutungen erhält und so nach Ansicht der meisten Leute automatisch den Status von “Nachinterpretationen” bekommt. Nichts kann Anspruch darauf erheben, reine Geschichte oder reine Tatsache zu sein.

Dieses Phänomen einer Doppelbelichtung jeden Themas in den weißrussischen Massenmedien übt gewiss seinen Einfluss auf die Vermittlung von Informationen aus und zwingt den auf diese Weise präsentierten Themen bestimmte Beschränkungen auf.

Eine Auswirkung so einer Beschränkung ist der unglaubliche Mangel an Nachrichten aus dem Ausland in der weißrussischen Informationsarena. Das Fehlen ausländischer Nachrichtenspalten in weißrussischen Zeitungen ist ein einzigartiges Merkmal des Informationsumfelds. Überdies ist dieser grundlegende Mangel an Interesse an der Lage der Dinge außerhalb Weißrusslands sowohl den staatlichen als auch den unabhängigen Medien gemein. Alles, was in weißrussischen Zeitungen diskussionswürdig ist, scheint auf Weißrussland konzentriert zu sein. Natürlich bringen die Zeitungen von Zeit zu Zeit kurze Artikel über Kriege, Naturkatastrophen und andere besondere im Ausland stattfindenden Ereignisse, aber normalerweise scheinen sie die “ruhige Normalität” weißrussischer “Alltäglichkeit” hervorzuheben (soweit es die staatlichen Printmedien betrifft). Die Folge davon ist, dass es noch immer keine normale Interaktion zwischen dem globalen Informationsuniversum und dem weißrussischen öffentlichen Raum gibt.

Das Phänomen eines für Nachrichten aus dem Ausland gesperrten Informationsraums scheint aus der Perspektive einer speziellen, das weißrussische Medienumfeld beherrschenden Logik verständlich zu sein. Die meisten der außerhalb Weißrusslands vorkommenden Ereignisse können nicht entsprechend der strikten “Schwarzweiß”-Einschätzung der weißrussischen Medien beurteilt werden. Es scheint, dass das Mikroklima des weißrussischen Informationsraums sich als ungeeignet und katastrophal für internationale Tagespolitik erwiesen hat.

Man sollte anmerken, dass das Fernsehen die einzige Mediensprache ist, die in Weißrussland heute die äußere Realität ausdrücken kann. Die weißrussischen Staatsprogramme widmen jeden Abend fünfzehn Minuten ihres Panorama-Nachrichtenprogramms internationalen Ereignissen. Die weißrussische Übertragung internationaler Angelegenheiten folgt einem bestimmten Muster: Fakten oder Ereignisse aus dem Ausland werden äußerst negativ beurteilt und dann wird ihnen das therapeutisch beruhigende “schöne” Bild der weißrussischen Realität gegenübergestellt. Die Vorstellung des “sie” gegen “uns” ist das beliebteste Konzept, um die ideologische Disposition der Welt darzustellen. “Sie” versuchen ständig, das weißrussische Paradies zu zerstören, das in diesem “Inselland” im geographischen Zentrum Europas erschaffen worden ist.

Letzten Sommer wurde der Wendepunkt in den weißrussisch-russischen Beziehungen durch die von Wladimir Putin vorgeschlagenen Strategien zur Durchführung der Idee einer weißrussisch-russischen Union herbeigeführt. (Seine konkreten Vorschläge basierten entweder auf einem raschen Übergang zu einem wirklichen Einzelstaat oder auf einer echten Konföderation.) Das wurde auch zum Ausgangspunkt für eine radikale Umdeutung der Vorstellung von “sie” in der Rhetorik der weißrussischen Machthaber. Seit langem stand Russland auf “unserer” Seite, mit “uns” gemeinsam gegen den Rest der Welt. Plötzlich verlagerte sich das dahingehend, dass “sie” eine neue Bedrohung für Weißrusslands Unabhängigkeit darstellten. Das hat auch zu grundlegenden Veränderungen im komplexen System der Unterscheidungen zwischen “Außen” und “Innen” geführt, wie es vom weißrussischen Ideologieapparat erforscht wird. Außerdem beginnen Nachrichten aus Russland als negatives Beispiel einer staatlichen Entwicklung interpretiert zu werden.

Es ist eine für das Fernsehen charakteristische Strategie, der Außenwelt aggressiv die innere Realität gegenüberzustellen. Mittlerweile konzentrieren sich die staatlichen “Sprachmedien” (Zeitungen, Zeitschriften und Radio) auf lokale weißrussische Ereignisse. Folglich kommen einige wesentliche Unterschiede zwischen den Stilen der verschiedenen Massenmedien zum Vorschein. Die ideologisch-rhetorischen Methoden des weißrussischen Fernsehens funktionieren auf dem Papier nicht, da die Drehbücher von Fernsehauftritten niemals Lesestoff werden können. So werden etwa in den Fernsehnachrichten die nunmehr traditionellen Erklärungen über die starke Opposition, “’sie’ und ’wir'” und verschiedene Bilder von “politischen Feinden” (die sich allmählich Land für Land vermehren) normalerweise von abstrakten Spekulationen und entsprechenden Bildern unterstützt. Würde man den eigentlichen Text dieser Fernsehdiskurse über internationale Fragen aus dem Kontext der Fernseherzählung herauslösen, wäre er umgehend als reines Produkt staatlicher Ideologie entlarvt. Aber das passiert nie, weil “es nur fürs Fernsehen gemacht ist” (Pierre Bourdieu, “Über das Fernsehen”). Das Fernsehdenken erzeugt ein solches “Produkt” nach dem anderen und stopft auf diese Weise den weißrussischen öffentlichen Raum mit zahlreichen ideologischen Scheinbildern voll.

Dieselben Unterschiede zwischen den Stilen der Massenmedien spielen bei der Wahrung des öffentlichen Images des weißrussischen Präsidenten eine wichtige Rolle. Wie die Massenmedien diese politische Figur darstellen, ist ein weiteres Beispiel bezeichnender Verschiedenheit: Es ist allgemein bekannt, dass der weißrussische Präsident sich bei den “gewöhnlichen Leuten” beliebt gemacht hat, vor allem bei den “niedrigeren Schichten” der weißrussischen Gesellschaft. Dank der Bildschirme genießt er weitverbreitete Popularität. Es stellte sich heraus, dass die Fernseherzählung jene Sprache ist, die dem Sprech- und Regierungsstil des Präsidenten am besten entspricht. Vom Fernsehen – wo der “Text” mit Bildern, visuellem Kontext, Gesten, Intonation, überzeugendem Ausdruck etc. zusammentrifft – geschaffene Bilder stellen die überzeugendste Art dar, den weißrussischen Diktator der Öffentlichkeit zu präsentieren. Als wäre er sich dieser Tatsache bewusst, taucht er viele Male pro Tag auf den weißrussischen Bildschirmen auf. Es gibt eine ganze Reihe von “Ereignissen” (Besprechungen, Präsentationen etc.), die das politische Leben Weißrusslands anstopfen und anscheinend speziell für Fernsehsendungen arrangiert werden, um eine symbolische Darstellung von Staatsgewalt zu vermitteln. Aber keine dieser Ansprachen könnte man in einer Zeitung veröffentlichen oder als Lese”text” präsentieren. Die vom weißrussischen Präsidenten verwendete Art der Rhetorik gehört ganz und gar zum Stil des Fernsehens.

Die kurzen Showeffekte seiner Stellungnahmen, die auf dem Bildschirm mit einer Flut zusätzlicher “nichtinformativer Informationen” (z.B. ein überzeugender Tonfall, unterstützende Gesten und emotionaler Tonfall) kombiniert sind, scheinen der weißrussischen Mehrheit zu genügen. Sogar seine Grammatikfehler und offensichtlichen Widersprüche zum gesunden Menschenverstand können als Teil der Flut an Fernsehsendungen ignoriert werden.

Es gibt in diesen Auftritten und Ansprachen sicher nichts, was es wert wäre, in Lesestoff verwandelt zu werden. Manchmal benutzen die unabhängigen Medien diese Technik (auf weißrussischem öffentlichem Terrain eine unrechtmäßige Geste) und bringen unkorrigierte Auszüge aus Reden des weißrussischen Präsidenten. Wie es scheint, genügt ein einfaches Überschreiten der diskursiven Grenzen des Fernsehstils, um das Fehlen jeglicher Rationalität in den Auftritten des Präsidenten zu untersuchen. Dieses einfache Vorgehen liefert den überzeugenden Beweis für die ideologischen Masken, die benutzt werden, um das Fehlen einer rationalen Erklärung hinter der politischen Haltung der Machthaber zu vertuschen.

Man kann nicht sagen, dass das Fernsehen einem erlaubt, mehr zu zeigen oder weniger zu verbergen, oder umgekehrt. Das Problem ist vielmehr, dass das Zusammenspiel zwischen dem Sichtbaren (Gezeigten) und dem Unsichtbaren in jedem Massenmediumsdiskurs anders abläuft. Vor allem erprobt jeder dieser Stile seine eigene Art, zwischen der Bedeutung des Inhalts und der seines Ausdrucks zu differenzieren und zu korrelieren. Die Trennungslinie ist ein wesentliches Element der Nachricht selbst. Darum kann der Inhaltstransfer von einem Massenmedienkontext in einen anderen die Nachricht auch ihrer Bedeutung und ihres öffentlichen Nutzens berauben. Aber das Problem ist, dass die vorher erwähnte Wand als psychosoziales Phänomen der weißrussischen Gesellschaft und Schlüsselelement der weißrussischen Öffentlichkeit diese Art Transfer verhindert.

Aus diesem Blickwinkel liegt der Weg aus der politischen und gesellschaftlichen Krise Weißrusslands nicht mehr darin, das gegnerische politische Lager durch Anhäufen von Argumenten zu bekämpfen, sondern darin, einen einheitlichen kulturellen und Informationsraum zu schaffen, um die Informationswand niederzureißen. Das bedeutet weder, alle Unterschiede in der Gesellschaft zu tilgen, noch soziale Eintracht und allgemeine Übereinstimmung zu erreichen. Die bestehende Wand muss stattdessen für gegensätzliche Ansichten durchlässig und ein gemeinsamer Informationsraum geschaffen werden, der für jeden gleichermaßen verfügbar ist. Das würde aber auch grundlegende Veränderungen in “der gesellschaftlichen PR-Strategie” bedeuten.

Der erste Schritt dazu wäre einfach, die Leute auf der anderen Seite der Wand als echte Individuen wahrzunehmen.

2002 wurden in Weißrussland 752 Bücher veröffentlicht, was etwa 10 % der gesamten Buchproduktion von ca. 7.753 Büchern entspricht. Quelle: Belarus today, 24.2.2003.

David Marples: Belarus. A denationalized nation. Harwood Academic Publishers, S. 60.

David Marples, S. 60.

Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Ausdruck "Form der gesellschaftlichen Realität" und dem konstruktivistischen Ansatz in der Soziologie. (P. L. Berger/Thomas Luckman: The Social Construction of Reality, 1967; V. Burr: An Introduction to Social Constructionism, 1995.) Soweit es um die Gesellschaft selbst geht, ist der Hauptwiderspruch die Spiegelstruktur von Determinierungen: Bestimmte Vorstellungen oder Visionen der gesellschaftlichen Realität stellen sich als von der Gesellschaft im voraus festgelegt heraus. Da wir uns dieser theoretischen Komplexität bewusst sind, sprechen wir hier über "die Vision eines gesellschaftlichen Gefüges", das von der sozialistischen Ideologie hervorgebracht wurde und die Hauptelemente der Sozialstruktur und ihrer Zusammenhänge bestimmt.

Jan Zaprudnik: Belarus: At a Crossroads in History. Westviewpress, Oxford.

Die Daten stammen vom Independent Institute for Socio-economical and Political Studies (IISEPS), Dezember 2002 (1.478 Befragte).

Berühmter weißrussischer Dichter (1882-1943).

Die Überschriften stammen aus der Zwiazda aus den Jahren 2002 und 2003.

Staatliche Zeitung Sovetskaja Belarussia (Sowjetisches Weißrussland) 2002.

Financial Times, 26.9.2002 und www.charter97.org (unabhängige Nachrichten aus Weißrussland).

Monatsberichte über Menschenrechtsverletzungen werden auf www.charter97.org veröffentlicht.

Charter '97, Pressezentrum.

Charter '97 Pressezentrum, 17.3.2003.

Zeitung Komputernye vesti, Charter '97, 4.12.2002.

Published 30 July 2003
Original in English
Translated by Gudrun Likar

Contributed by Transit © Transit Eurozine

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