Die Enden der Parabel

Die Nuklearwaffenübung "Able Archer" im Krisenjahr 1983

25 February 2015
Only in de

 

“In dem als postmodernes Meisterwerk bezeichneten Gravity’s Rainbow (1973, deutscher Titel: Die Enden der Parabel) konzentriert Thomas Pynchon seine Erzählung auf die Darstellung destruktiver Kräfte, die von technologischen Errungenschaften und historischen Ereignissen [im Kalten Krieg] ausgehen. Das sich auf über 800 Seiten entfaltende Panorama von Paranoia und Schizophrenie wird durch die im Titel des Romans angedeuteteFlugbahn einer [Pershing-II-Rakete] zusammengehalten […].” (Hubert Zapf, Amerikanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2004, S. 355)

Pershing II missile. Photo: US Army. Source:Wikimedia

Der militärische Code “Broken Arrow” (“Zerbrochener Pfeil”), nicht zu verwechseln mit “Empty Quiver” (“Leerer Köcher”) oder “Bent Spear” (“Verbogener Speer”), bezeichnet laut einer 1983 herausgegebenen Direktive des US-Verteidigungsministeriums einen Unfall mit einer Nuklearwaffe, einem Gefechtskopf oder einer nuklearen Komponente.1 Ein “Able Archer” (“Tüchtiger Bogenschütze”) ist dementsprechend im Umgang mit den hier durch Pfeile symbolisierten Nuklearwaffen versiert und versteht es, diese Waffen ohne Missgeschicke einzusetzen. So erklärt sich der Name der NATO-Kommandostabsübung “Able Archer 83”, die vom 7. bis 11. November 1983 den Übergang von einem konventionellen zu einem nuklearen Krieg gegen die Sowjetunion simulieren sollte.

Diese recht plausible Erklärung ist leider reine Mutmaßung des Autors. Doch verweist ein solcher Einstieg auf ein Grundproblem jedweder Beschäftigung mit der Able-Archer-Krise, denn nach wie vor können Historiker über diesen “Moment maximaler Gefahr”,2 in dem die Führung in Moskau möglicherweise glaubte, dass die NATO Able Archer als Deckmantel für einen tatsächlichen nuklearen Überraschungsangriff nutzen wollte, in vielerlei Hinsicht nur spekulieren. Obwohl es immer wieder heißt, Moskau hätte in Reaktion auf die Übung eigene Nuklearstreitkräfte mobilisiert, können sich die Forscher nicht einigen, ob es sich um ein Bomberregiment in der DDR, Einheiten in Polen und im Baltikum oder gleich die sowjetischen SS-20-Mittelstreckenraketen handelte.3 Weshalb die Krise, so sie denn eine war, letztendlich keinen Krieg auslöste, wissen wir ebenfalls nicht. Topspione wie Oleg Gordievsky und Rainer Rupp informierten hinter den Kulissen zwar Washington beziehungsweise Moskau über die Intentionen und die Ansichten des jeweiligen Gegners, doch es ist fraglich, ob diese Informationen ihren Weg zu den richtigen Personen fanden und inwiefern sie Handlungen bedingten.4

A Soviet SS-20 IRBM. Photo: ChrisO. Source:Wikimedia

Fehlendes Quellenmaterial ist nur eine Hälfte des Problems. Die andere liegt in der Art und Weise der historiografischen Bearbeitung: Details und Fakten, Anekdoten, aber auch großangelegte Deutungen und Narrative zu Able Archer zirkulieren nämlich nicht nur in TV-Dokumentationen,5 sondern auch in wissenschaftlichen Monografien und Artikeln mitunter so lange, bis sie für selbstverständlich gehalten werden – und bis die ursprüngliche Quelle einer Information unter lauter Querverweisen auf Sekundärliteratur kaum noch nachvollziehbar ist. Nur so lässt sich erklären, dass über Jahrzehnte hinweg immer wieder fälschlich behauptet wurde, Helmut Kohl, Margaret Thatcher oder gar Ronald Reagan hätten persönlich an der Übung teilgenommen.6 Auch der erstaunliche Umstand, dass selbst die kalendarischen Daten der Übung (die ja immerhin als Beinahe-Apokalypse gedeutet wurde) wieder und wieder falsch übernommen wurden, ist dieser Ausgangslage geschuldet.7
Wie das Eingangszitat zu Pynchons Roman Die Enden der Parabel andeutet (das in seiner korrekten Form auf den Zweiten Weltkrieg und die V-2-Rakete verweist), hat das Lesen und Schreiben über Able Archer etwas im literaturwissenschaftlichen Sinne Postmodernes. Die Paranoia der Akteure und die kryptische Sprache der Nuklearstrategen mit ihren Neologismen, Akronymen und Euphemismen sind allgegenwärtig. Der Grad an Intertextualität in der Forschungsliteratur ist erdrückend, denn die rund zwanzig vor allem englischsprachigen Publikationen, die sich dezidiert mit dem Able-Archer-Vorfall und der war scare von 1983 beschäftigen, werden in fast jedem neueren Artikel vollständig genannt. Einzelne Zeitschriftenbeiträge geben nicht einmal vor, neue Argumente zu entwickeln, sondern kompilieren hauptsächlich Nacherzählungen der Ereignisse aus zweiter Hand, indem sie Aussagen anderer Historiker paraphrasieren und Quellen indirekt zitieren.8 Stetig wiederkehrende Anekdoten unterstreichen diesen Eindruck: Man erwähnt gern den KGB, der den Preis westlicher Blutreserven als Indikator eines bevorstehenden Atomschlags überwachte; die sowjetischen Politbüro-Größen, die wegen ihrer Leibesfülle bei einem Pershing-Angriff nicht mehr rechtzeitig aus ihren Stühlen kämen; und Reagan, der nach einer Privatvorführung des Dokufiction- Films The Day After verstörte Tagebuchnotizen hinterließ. Das heißt nicht, dass die Beschäftigung mit Able Archer keine neuen Erkenntnisse zutage fördert – die Historiker Vojtech Mastny und Mark Kramer haben die Episode in den letzten Jahren radikal umgedeutet und ihre Gefährlichkeit bestritten.9 Aber gerade in dieser starken Biegsamkeit der Erzählung, die mitunter von kleinen Details wie der Weiterleitung eines Telegramms vom KGB ans Politbüro oder dem Inhalt eines Briefes von London nach Washington abhängt, liegt ihr postmoderner Charakter.10
Wie geht man also mit einem solchen Thema um, aus dem schon aufgrund der Menge der known unknowns ganz unterschiedliche Narrative konstruiert werden können? Und wie stellen wir die richtigen Fragen nach den unknown unknowns? Im Kern plädiert dieser Beitrag dafür, Detailfragen zum Informationsfluss sowie zur Rolle einzelner Geheimdienstler zurückzustellen und den Blick wieder auf das “Big Picture” zu richten. Mitnichten sollen die in den letzten Jahren geäußerten Zweifel an der Gefährlichkeit von Able Archer oder an der Authentizität der sowjetischen Kriegsangst (war scare) beiseitegewischt werden. Doch so verlockend die Frage auch sein mag, wie real die mit Able Archer verbundene Kriegsgefahr war, sie ist nicht die beste, die man zum Jahr 1983 stellen kann. Vielmehr änderte sich in den frühen 1980er Jahren etwas Grundlegendes in der politisch-militärischen Beziehung der Supermächte. Wahrnehmung und Technologie lauten die Schlüsselbegriffe dieser Entwicklung. Die Krisenserie des Jahres 1983 war weit mehr als nur das “dramatische Trommeln” auf dem Weg zu Able Archer im November, denn sie illustrierte Schritt für Schritt die sowjetische Verwundbarkeit, und sie erklärt, weshalb jenem sowjetischen Frühwarnverfahren, das unter dem Akronym RYAN bekannt wurde, eine dermaßen übersteigerte Bedeutung zugeschrieben wurde. Zugleich verbreiteten sich in Washington neue Arten, über einen möglichen Nuklearkrieg nachzudenken – und der technologische Fortschritt eröffnete neue Möglichkeiten, einen solchen zu führen. Diese neuen amerikanischen Strategien und ihre Rezeption in Moskau beschleunigten die Erosion des Prinzips der “gegenseitig garantierten Vernichtung” (Mutual Assured Destruction, MAD), das zuvor die Beziehungen der Supermächte zumindest leidlich stabil gehalten hatte.
Auf dieser Grundlage möchte ich die zwei “Enden der Parabel” in Moskau und Washington einander gegenüberstellen: eine reaktiv-pessimistische Feindbeobachtungspolitik in Moskau, als deren Sinnbild das Weissagungsinstrument RYAN gelten kann, und eine proaktiv-optimistische Renaissance der nuklearen Kriegführung in Washington. Dadurch soll Able Archer nicht primär als einzelnes Krisenereignis, sondern vor allem als Symptom einer übergeordneten, strukturellen Krise aufgeschlüsselt und in diesen breiteren Kontext eingebettet werden. Dieser “Big-Picture-Ansatz” eröffnet einen frischen Blick auf die historiografischen Kontroversen zu 1983 und Able Archer. Er kann in Teilen sogar scheinbar unvereinbare Narrative zusammenführen.

I. Eine “Tour de Force” durch das Jahr der Superlative

Die Able-Archer-Krise wird häufig als Neuauflage der Kuba-Krise (1962) dargestellt, kein unbedingt guter Vergleich.11 Ein grundlegender Unterschied besteht darin, dass Able Archer den Augen der Bevölkerung verborgen blieb. Dass die Welt sich furchterregend nah “am Rande des nuklearen Abgrunds” befunden habe, erfuhr die Öffentlichkeit erst Ende der 1980er Jahre durch die Enthüllungen des ehemaligen Londoner KGB-Residenten Oleg A. Gordievsky, der 1983 als Doppelagent für den britischen Auslandsgeheimdienst MI-6 gearbeitet hatte.12 Umso auffallender ist die geballte Macht der Superlative, mit denen Able Archer und das Jahr 1983 im Nachhinein beschrieben wurden. Nicht nur ist vom “heißesten” und “gefährlichsten Jahr” des Kalten Krieges die Rede, von seinem “annus horrendous” oder vom “Year of Living Dangerously”,13 die Able-Archer-Krise firmiert auch als “Höhepunkt des Zwei ten Kalten Krieges” oder gleich als “Vorbeistreifen an Armageddon”.14 Die besondere Dramatik der fünf Tage im November wird in der Forschungsliteratur fast immer vor dem Hintergrund der dicht aufeinanderfolgenden Krisenmomente des Jahres 1983 aufgebaut. Das entstehende Tableau der Gefahrensituationen ergibt eine perfekte Spannungskurve, die in Able Archer kulminiert. Eine solche Herangehensweise ist nicht unberechtigt, denn in der Tat kann Able Archer nur im Kontext dieser rapiden Sequenz von Krisen verstanden werden.
Es liegt nahe, eine solche Tour durch 1983 mit Präsident Ronald Reagans aggressiver Rhetorik in den ersten Monaten des Jahres zu beginnen. In seiner bekannten Ansprache vor der National Association of Evangelicals am 8. März wandte sich Reagan gegen die von der Freeze-Bewegung geforderte Rüstungsbegrenzung und warnte davor, die “Fakten der Geschichte und die aggressiven Impulse eines Reichs des Bösen [evil empire]” zu ignorieren. Jene, die in “totalitärer Dunkelheit” lebten – gemeint waren die Kommunisten –, seien der “Fokus des Bösen in der modernen Welt”; man solle sich davor hüten, den Rüstungswettlauf zu einem “gigantischen Missverständnis” herunterzuspielen und sich stattdessen der Herausforderung stellen. Der Kommunismus sei ein “trauriges, bizarres Kapitel in der Menschheitsgeschichte, dessen letzte Seiten nun gerade geschrieben werden”.15 Wie so vieles im Jahr 1983 wurde Reagans Evil-Empire-Rede sowohl von der Gegenseite als auch von der Nachwelt als offene Aggression gedeutet. Wie der US-Historiker James Mann deutlich macht, ging es Reagan in Wirklichkeit aber darum, den Kalten Krieg wieder stärker auf die Ebene der Ideen und Ideale zu verlagern. Die Ansprache vom 8. März war zwar eine Kriegserklärung, jedoch lediglich eine abstrakte, die sich gegen die Legitimität der Sowjetunion richtete.16
Am 23. März kündigte Reagan in einer weiteren Rede die Strategic Defense Initiative (SDI) an, die skeptische Journalisten “Star Wars” tauften. Auch dieser Plan gab Anlass zu Missverständnissen: Zwar sah Reagan in der SDI einen Sicherungshebel für langfristige Abrüstungspläne und hatte sogar angeboten, die Technologie mit der Sowjetunion zu teilen,17 doch interpretierte Moskau sie als einen offensiven Versuch der USA, das Abschreckungspotenzial der sowjetischen Nuklearwaffen zu reduzieren.18 Dieser Mangel an Vertrauen lag nicht zuletzt in einer weiteren wichtigen Weichenstellung für das Jahr 1983 begründet, nämlich den in kurzem Abstand erfolgten Ablösungen der amerikanischen und sowjetischen Führung. Reagan hatte sein Amt Anfang 1981 angetreten, und ihm wurde gemeinhin entschlossenere “Falkenhaftigkeit” als seinem Vorgänger Carter zugeschrieben. In Moskau hatte der KGB-Vorsitzende Yuri Andropov 1982 seinen Vorgänger Leonid Breshnev als Generalsekretär der KPdSU ersetzt. Während Andropov in Washington häufig die paranoide Weltsicht eines typischen KGB-Mitarbeiters unterstellt wurde, hielt er seinerseits Reagan für einen Lügner und unberechenbaren Wahnsinnigen. Diese personelle und charakterliche Konstellation prägte das Krisenjahr 1983 erheblich.19
Ironischerweise gab Reagans respektive Andropovs Verhalten dem jeweiligen Gegenpart selbst die besten Gründe für solche Einschätzungen. Reagan hatte im März 1981 eine Serie psychologischer Operationen (PSYOPs) gegen die Sowjetunion autorisiert, die Schwächen in Moskaus Luftraumüberwachung, Küstenverteidigung und Frühwarnsystemen ausloten sollte. So flogen etwa in unregelmäßigen Intervallen amerikanische Jagdbomber auf den sowjetischen Luftraum zu, nur um in letzter Sekunde wieder abzudrehen. Im September 1981 drang sogar ein elektronisch getarnter Verband der USMarine unbemerkt in die Barentssee und bis zur Kola-Halbinsel vor. Solche Aktionen sollten Moskau gezielt verunsichern und von eigenen proaktiven Unternehmungen abschrecken.20 Im Kreml wurden Reagans PSYOPs durch eine historische Linse betrachtet, durch die man Parallelen zum Überraschungsangriff von Hitlers Wehrmacht 1941, der Operation Barbarossa, zu erkennen glaubte. Führungspersönlichkeiten wie Andropov oder der sowjetische Generalstabschef Nikolai Ogarkov waren nahezu besessen von diesem nationalen Trauma. Sie sahen in den PSYOPs verdeckte Vorbereitungen und Sondierungen für einen Großangriff.21
Mit ihren massiven Luftwaffen- und Marineübungen trugen die USA 1983 ebenfalls zur Eskalation der Spannungen bei, sodass sich im Kreml der Topos vom unberechenbaren madman Reagan verfestigte. Mit “Fleetex-83″ hielt die US-Marine im April und Mai ihr bis dato größtes Manöver im Nordpazifik ab – dabei drangen auch sechs amerikanische Marineflugzeuge in den sowjetischen Luftraum über den Kurilen ein. Im Sommer 1983 probte das US StrategicAir Command außerdem während der Übung”Global Shield” den Einsatz von strategischen (nuklearwaffenfähigen) Bombern.22 Diese wieder holten Verletzungen des sowjetischen Luftraums durch das PSYOPs- Programm und großangelegte militärische Manöver müssen bei der Bewertung eines weiteren Eskalationspunkts des Jahres 1983 berücksichtigt werden: des Abschusses von Korean-Airlines-Flug 007.
Am 1. September 1983 zerstörten sowjetische Abfangjäger eine zivile südkoreanische Boeing 747 westlich der Insel Sachalin über internationalen Gewässern. Alle 269 Passagiere und Crewmitglieder wurden getötet. Wegen einer falschen Einstellung des Autopiloten hatte die Maschine zuvor sowjetischen Luftraum durchquert und war von der sowjetischen Luftwaffe für ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Typ RC-135 gehalten worden, das kurz zuvor in der Region entdeckt worden war. Obwohl die CIA fast zeitgleich zu der Schlussfolgerung kam, dass auf sowjetischer Seite eine schlichte Verwechslung stattgefunden haben musste, nutzte die Reagan-Regierung den Vorfall, um die Sowjetunion in einer massiven Propagandakampagne des kalkulierten, kaltblütigen Abschusses einer Passagiermaschine zu beschuldigen.23
Der Angriff auf KAL 007 hätte Anfang September bereits auf die Risiken voreiliger Schlussfolgerungen und Verwechslungen hinweisen können. Dennoch führte knapp vier Wochen später, am 26. September, ein Fehlalarm in einer sowjetischen Militäranlage südlich von Moskau beinahe zum endgültigen Desaster. Das satellitengestützte Frühwarnsystem “Oko” meldete, ein halbes Dutzend amerikanischer Interkontinentalraketen sei gestartet worden. Tatsächlich war es von Sonnenreflexionen auf der Wolkendecke getäuscht worden. Der Offizier an den Überwachungsinstrumenten, Oberstleutnant Stanislav Petrov, vertraute seiner Intuition und meldete den Vorfall direkt als Fehlalarm, denn jede andere Meldung hätte das Protokoll für einen sowjetischen Vergeltungsschlag initiiert, das kaum mehr zu stoppen gewesen wäre.24
Damit hatte der Countdown zu Able Archer fast seinen Höhepunkt erreicht – und nicht nur der zu Able Archer, denn der November 1983 war zugleich der Monat, in dem die USA mit der Stationierung ihrer Pershing-IIMittelstreckenraketen (Medium-Range Ballistic Missiles, MRBMs) in Westeuropa beginnen würden, die im NATO-Doppelbeschluss von 1979 vereinbart worden war. Die Pershing-II konnte Moskau je nach ihrer Platzierung in Westdeutschland nach einer Flugzeit von 12 bis 14 Minuten erreichen, der KGB schätzte ihre Flugzeit irrtümlicherweise sogar auf nur vier bis sechs Minuten.25 Damit eignete sie sich für einen sogenannten Enthauptungsschlag, der zu wenig Zeit für eine Reaktion der sowjetischen Regierung ließe. Es ist an dieser Stelle wichtig festzuhalten, dass zu Beginn der Able-Archer-Übung am 7. November noch keine Pershings in Westdeutschland einsatzbereit waren; ihre Stationierung begann erst am 26. November.26 Allerdings mutmaßten die sowjetischen Geheimdienste, dass die NATO bereits mit ei ner vorgezogenen Stationierung begonnen haben könnte.27 Vor allem jedoch standen die Pershings für eine grundlegende Veränderung der nuklearen Gleichung, auf die später noch einzugehen ist – und sie verwiesen auf eine offensivere strategische Haltung der NATO, die MoskausWahrnehmung einer möglichen Kriegsgefahr das gesamte Jahr hindurch beeinflusste.
Eine aggressive militärische Einstellung war auch der letzte Eindruck, den die USA der sowjetischen Führung kurz vor dem Beginn von Able Archer vermittelten: Auf Reagans Weisung hatte am 25. Oktober 1983 Operation “Urgent Fury” begonnen, nämlich die Invasion der Karibikinsel Grenada, deren marxistische Regierung gestürzt werden sollte. Der Militäroperation gingen intensive Konsultationen mit den Briten voraus, die der KGB weder entschlüsseln noch eindeutig zuordnen konnte und deshalb als möglichen Indikator für einen bevorstehenden Nuklearschlag bewertete.28 Anfang November verschärften US-Basen auf der ganzen Welt zudem in Reaktion auf die Selbstmordanschläge von Beirut ihre Sicherheitsvorkehrungen.29 Auch diesmal konnte der KGB die Ursache der erhöhten Wachsamkeit nicht eindeutig klären.30 Damit schienen Reagans und Andropovs Verhalten unmittelbar vor Able Archer dem zentralen Stereotyp, das man ihnen jeweils zuschrieb, besonders zu entsprechen: Reagan musste auf Moskau unberechenbar und militaristisch wirken, Andropov und der KGB schienen hingegen kaum mehr in der Lage zu sein, zwischen realen und eingebildeten Bedrohungen zu unterscheiden.31
Die hier geschilderten Ereignisse werden als “Hintergrundlärm” des Krisenjahres 1983 in fast allen historischen Darstellungen desAble-Archer-Vorfalls beschrieben.32 Es mag deshalb naheliegend scheinen, sie als Vorgeschichte zu Able Archer zu verstehen. Doch damit würde man nicht nur ein prägendes Muster übersehen, sondern auch das fehlende Bindeglied dieser Ereigniskette. Alle Wege führten 1983 nicht etwa zu Able Archer, sondern zur sowjetischen Operation “Raketno-Yadernoye Napadeniye” (wörtlich “Raketen- Atomangriff”, in Kurzform “RYAN”).33 RYAN war ein auf einer Vielzahl von politischen, wirtschaftlichen und militärischen Komponenten basierendes Spionagekonzept zur Früherkennung eines bevorstehendenNATO-Erstschlages. DieRYAN-Indikatoren wurden von KGB, GRU und verbündeten osteuropäischen Nachrichtendiensten gemeinsam überwacht. Sie umfassten unter anderem Truppenbewegungen, Reisen politischer Amtsträger, ein erhöhtes Aufkommen von Funkverkehr sowie ungewöhnliche Aktivitäten von Polizei, Ministerien, Militärbasen, Banken, Priestern und Krankenhäusern. Auch oft zitierte Obskuritäten wie die Anzahl der erleuchteten Fenster von Regierungsgebäuden oder der Preis von Blutreserven wurden beobachtet.34 RYAN wurde 1981 ins Leben gerufen und blieb bis 1991 die vermutlich größte koordinierte Spionageoperation des Kalten Krieges.
Das Anliegen, RYAN (und nicht Able Archer) als Konvergenzpunkt der Krisen von 1983 in den Vordergrund zu stellen, mag auf den ersten Blick irritieren – niemand bestreitet schließlich, dass es der durch die Able-ArcherÜbung ausgelöste RYAN-Alarm war, der das größte Potenzial für eine Eskalation barg. Entscheidend ist aber die Gewichtung: Während Able Archer ein punktuelles Ereignis und eine im Grunde generische Kulisse war, die durch beliebige andere Szenarien hätte ersetzt werden können, wurde RYAN seit 1981 kontinuierlich mit Bedeutung aufgeladen und bezeichnete die Summe aller denkbaren Ängste der sowjetischen Führung. Die erwähnten Ereignisse des Jahres 1983 erhöhten ausnahmslos – mittelbar oder unmittelbar – die Priorität, die man Operation RYAN zuschrieb. Reagans PSYOPs-Programm und die Marinemanöver führten der sowjetischen Führung vor Augen, wie verletzlich ihr Luftraum war und dass auf einen Überraschungsangriff – etwa durch strategische Bomber – erst nachträglich reagiert werden konnte. RYAN wurde daher nur zweieinhalb Monate nach den ersten PSYOPs-Manövern lanciert.35 Der Abschuss von KAL 007 trug ebenfalls dazu bei, vermehrt Hoffnungen in RYAN zu setzen; zweifellos auch, weil man durch den Abgleich mit Frühwarnindikatoren die Wiederholung solcher Überreaktionen vermeiden wollte.36 Der Fehlalarm vom September zeigte der sowjetischen Führung, dass ihr allein auf technischer Überwachung basierendes Frühwarnsystem unzureichend und sogar gefährlich war, weshalb ein umfassenderes Konzept wie RYAN anhand menschlicher Informationsquellen diese Lücke schließen sollte.37 Wie stark sich die Stationierung von Pershing-II-Raketen mit geringer Flug- und Vorwarnzeit auf die Relevanz von RYAN auswirkte, ist offenkundig und, wie auch KGB-Dokumente bestätigen, kaum zu überschätzen.38
Diese allmählich steigenden Erwartungen an Operation RYAN sind aus drei Gründen für unser Verständnis der Ereignisse entscheidend. Erstens belegen sie, dass die Sowjetunion zunehmend das Vertrauen in eine wirksame Abschreckungsstrategie und in ihre Frühwarnsysteme verloren hatte. Stattdessen setzte sie auf ein im Kern spekulatives Konzept, das nicht zur eindeutigen Verifikation von Vermutungen geeignet war, sondern einen zeitlichen Vorsprung vor dem Gegner priorisierte. Zweitens verändert Operation RYAN als verbindendes Element der Krisen von 1983 unseren Blick auf Able Archer, denn sie lässt den Vorfall weniger als dramatischen Höhepunkt einer Eskalationswelle erscheinen, sondern eher als bloßes Symptom eines übergeordnetenWandels- nicht nur veränderte sich der Umgang mit der Möglichkeit eines Nuklearkrieges auf sowjetischer Seite, sondern auch die Wahrnehmung der eigenen Verwundbarkeit im Kreml. Drittens lassen die verschie denen Krisenmomente des Jahres ein Muster erkennen, das die Bedeutung von RYAN hervorhebt: Die Sowjetunion hatte hier fast ausnahmslos eine reaktive Rolle. Selbst eindeutige Überreaktionen wie der Abschuss von KAL 007 sind Ausdruck der “strategischen Defensive”, in der sich Moskau 1983 befand. Die Sowjetunion war Adressat und Objekt der PSYOPs-Missionen, der Marinemanöver, der Pershing-Stationierung und der Rhetorik Reagans, aber ihre Verteidigungskonzepte erwiesen sich als unzuverlässig (wie beim Fehlalarm vom September) oder konnten Bedrohungen nicht korrekt einordnen (wie beim Abschuss der Passagiermaschine). Dies war die vielleicht wichtigste gemeinsame Lektion der Krisen von 1983. Über ihre individuellen Gefahren hinaus verwiesen sie auf einen Trend, nämlich auf eine grundlegende Destabilisierung der Kräftebalance und Sicherheitsarchitektur des Kalten Krieges, die nicht zugunsten der Sowjetunion ausfiel.

II. Der Wahnsinn jenseits von MAD

Die USA hingegen erschienen zugleich handlungsfähig und proaktiv, indem sie wiederholt nicht nur die Einsatzbereitschaft ihrer konventionellen, sondern auch ihrer nuklearen Streitkräfte in Szene setzten. Ihr eigenes “Window of Vulnerability”, dem eine fälschlich befürchtete Überlegenheit der sowjetischen Interkontinentalraketen zugrunde lag, wurde 1983 von der Scowcroft-Kommission für geschlossen erklärt.39 Analysten der CIA beschrieben die Schwäche der späten Détente-Jahre als überwunden,40 und das Pentagon entwickelte neue Strategien für einen begrenzten oder gewinnbaren Nuklearkrieg.41 Global gedacht waren die USA in der “strategischen Offensive” – nicht zuletzt im Krieg der Ideen. Kaum ein Bild verdeutlicht diese Diskrepanz der Supermächte besser als zwei zeitgenössische technologische Großprojekte: Während Reagan und die USA sich dem optimistischen Traum einer langfristigen Unverwundbarkeit hinter dem SDI-Raketenschild hin ga – ben, entwickelte die Sowjetunion das Perimeter-System, auch bekannt als die “Dead Hand”. Dieses System würde dank einer Reihe von Messsystemen die etwaige Vernichtung der sowjetischen Führung registrieren und daraufhin automatisch einen Vergeltungsschlag auslösen.42 Die Dead Hand, die allein aus dem Grab heraus zum Einsatz gebracht würde, war nicht nur das zutiefst pessimistische Gegenstück der SDI. In gewisser Weise war sie auch ein letzter Versuch der Sowjets, an der Logik der Mutual Assured Destruction (MAD) festzuhalten, die auf beiden Seiten rapide an Bedeutung verlor. Dass dieses “Gleichgewicht des Schreckens” immer mehr aus der Balance geriet, hatte zwei miteinander verflochtene Ursachen: Neben Faktoren menschlicher und politischer Natur spielte auch die technologische Entwicklung eine Rolle. Beide Arten von Gründen hingen mit den kühlen, rationalen Logikspielen zusammen, auf denen jedwede Nuklearstrategie beruhte. Die zentrale Prämisse der MAD bestand darin, dass keine Seite einen Nuklearkrieg hätte gewinnen und danach in einem halbwegs akzeptablen Rahmen weiterexistieren können. Diese Annahme war jedoch, zumindest in der Theorie, nicht korrekt, denn es gab durchaus Wege, einen Nuklearkrieg mit begrenzten eigenen Verlusten zu gewinnen – und diese Möglichkeiten wurden in den frühen 1980er Jahren diskutiert.
An dieser Stelle ist ein kurzer Blick in die seltsame Welt der Nuklearstrategie unabdingbar. Jeder Kalkulation liegt die Anzahl und Reihenfolge der ausgeführten “Schläge” zugrunde, wobei jeder Folgeschlag schwächer sein muss als der vorausgehende, weil die verfügbaren Kernwaffen entweder aufgebraucht oder durch den Gegner zerstört werden.43 Prinzipiell sind drei Arten denkbar, einen Nuklearkrieg zu gewinnen, die in den verschiedenen Strategiekonzepten der frühen 1980er Jahre miteinander kombiniert wurden: der Entwaffnungsschlag (disarming strike), der Enthauptungsschlag (decapitating strike) und der begrenzte Nuklearkrieg (limited nuclear war).

Ein massiver Entwaffnungsschlag, der insbesondere im Rahmen eines Erstschlages (first strike) möglich wäre, sollte dem Gegner primär die Möglichkeit eines effektiven Vergeltungsschlages (retaliatory strike) nehmen. Ein solches Szenario war die Befürchtung hinter dem amerikanischen “Window of Vulnerability”, wie es seit 1976 geltend gemacht wurde.44 Die Entwicklung sogenannter MIRVs (“Multiple Independently-Targetable Reentry Vehicles”), also mehrerer Gefechtsköpfe innerhalb derselben Trägerrakete, hatte in den 1970er Jahren die technologische Voraussetzung dafür geschaffen, derartige Überlegungen anstellen zu können.45 Die plötzlich rapide anwachsende Zahl der möglichen Ziele machte die Ausschaltung eines kompletten Segments der nuklearen Triade des Gegners denkbar, nämlich der stationären Interkontinentalraketen (ICBMs). Diese wiederum waren die einzige Waffengattung, deren Reichweite und Zerstörungskraft die stationären Raketensilos des Gegners ernsthaft hätte gefährden können.46 Freilich gehörten auch noch zwei weitere Elemente zum nuklearen Arsenal, nämlich strategische Bomber und U-Boot-gestützte Raketen (SLBMs), wobei Letztere, sofern ihre Positionen unbekannt blieben, gewissermaßen die Lebensversicherung des Atomkrieges darstellten, da sie bei einem Entwaffnungsschlag verschont worden wären.47 Das minderte die Attraktivität eines Entwaffnungsschlags, aber seine inhärente Logik erhöhte insofern die Gefahr eines Kriegsbeginns, als ein Entwaffnungsschlag prinzipiell als Präemptiv- oder Erstschlag am effektivsten wäre: Je mehr Raketen des Gegners in der ersten Welle zerstört werden konnten, desto geringer wäre die Wirkung seines Vergeltungsschlages.48 Dieser Gedanke beeinflusste Operation RYAN entscheidend, denn dieses Frühwarnkonzept sollte insbesondere das sowjetische Arsenal im Kriegsfall auf den Weg bringen, bevor es durch die Treffer der NATO-Raketen dezimiert werden konnte.49
Es wurden jedoch vor allem in den USA Anfang der 1980er Jahre Entwaffnungsstrategien konkretisiert. Im Juli 1980 unterzeichnete Präsident Carter mit der Presidential Directive 59 (PD-59) ein Nuklearwaffenkonzept, das im Grunde die Vorstellung eines flexiblen, langfristigen und kontrollierbaren Nuklearkrieges propagierte – die countervailing strategy war geboren.50 Sie umfasste auch neue Zielprioritäten für das US-Arsenal: Im Vordergrund standen kontrollierte, begrenzte Schläge gegen sogenannte counterforce targets,51 also politisch-militärische Anlagen, die den sowjetischen Kernwaffenbestand steuerten oder beherbergten. Counterforce-targeting und herkömmliche Vorstellungen von MAD standen sich diametral gegenüber.52 Der entscheidende Punkt war, dass die USA mit PD-59 begannen, ihre grundlegenden Vorstellungen vom Ablauf eines Nuklearkrieges drastisch zu verändern. Dies machen auch die späteren Dokumente der Reagan-Regierung deutlich. Reagans National Security Decision Directive 13 (NSDD-13) vom Oktober 1981 war im Wesentlichen eine aggressivere Neuauflage von PD-59, die weiterhin darauf fußte, dass man die nuklear-militärische Infrastruktur der Sowjetunion “verkrüppeln” zu können glaubte. Reagan tauschte allerdings Carters countervailing strategy gegen ein klares Bekenntnis zur Überlegenheit, die prevailing strategy.53 Der Grundgedanke, ökonomisch und demografisch relevante “Regenerationsziele” durch politisch-militärische Ziele wie Raketensilos, Kommandobunker und die Aufenthaltsorte der sowjetischen Führung zu ersetzen, rückte ins Zentrum des Kriegsplans der Reagan-Regierung, des “Single Integrated Operational Plan 6” (SIOP-6), der am 1. Oktober 1983 in Kraft trat.54
Eine weitere Möglichkeit, den Vergeltungsschlag des Gegners zu verhindern, war seine “Enthauptung”. Gerade dieSowjetunion als hochgradig zentralistischer Staat bot mit der Metropolregion Moskau, ihrem unverzichtbaren Nervenzentrum, ein vielversprechendes Ziel. Ein Enthauptungsschlag könnte nicht nur die politische Führung weitgehend eliminieren, sondern auch durch den elektromagnetischen Puls (EMP) der Bomben die Kommunikations verbindungen gegebenenfalls überlebender Entscheidungsträger durchtrennen.55 Anders als bei der Entwaffnung war für die Enthauptung weniger die Zahl der Gefechtsköpfe als vielmehr die Geschwindigkeit des Angriffs entscheidend. Deshalb war die Stationierung der Pershing-II-Mittelstreckenraketen in Westeuropa ein entscheidender Bestandteil derartiger Überlegungen. Anfang der 1980er Jahre integrierte die Reagan-Regierung Enthauptungsschläge als zentrale Komponenten in mehrere Strategiekonzepte, darunter die “Fiscal Year 1984-88 Defense Guidance” vom März 1982 und eine weitere präsidiale Direktive, NSDD-32, vom Mai 1982.56 Auch SIOP-6 kombinierte Entwaffnungs- mit Enthauptungsplänen.57 Zwar galt es – so der CIA-Historiker Fischer – als “schmutziges kleines Geheimnis” des Zweiten Kalten Krieges, dass beide Antagonisten auf ihrer Kommandoebene verwundbar waren.58 Doch die Pershing-II-Raketen verschafften der amerikanischen Seite zweifellos Vorteile bei einem Enthauptungsschlag, gegen den sich Moskau allenfalls durch nicht technische Frühwarnverfahren schützen konnte.
Sämtliche der hier diskutierten amerikanischen Konzepte hatten eines gemeinsam: die Vorstellung, dass ein Nuklearkrieg im Wesentlichen wie ein gewöhnlicher Krieg zu führen war. Das Schlüsselwort hieß war-fighting: Der Nuklearkrieg wurde als flexibel steuerbar, kontrolliert eskalierbar, langgezogen, phasenbasiert, überlebbar und sogar gewinnbar verstanden. Er würde auf bestimmte Fronten, Regionen und Zielarten zu begrenzen sein.59 Auch konventionellen Waffen – insbesondere neu entwickelten Präzisionswaffen – kam eine wichtige Rolle zu, denn diesen imaginierten Großkrieg würde zu erheblichen Teilen das reguläre Militär führen. Sogar Enthauptungsschläge mit konventionellenWaffen waren in diesemKontext denkbar, wie etwa die im US Army Field Manual 100-5 beschriebene Air-Land-Battle-Doktrin deutlich machte.60 Zwar verpflichtete man sich dem Prinzip der gegenseitigen Abschreckung in Dokumenten wie PD-59 oder NSDD-13 weiterhin demonstrativ, doch aus allen Papieren wird ersichtlich, dass die USA nicht die wirksame Abschreckung, sondern den Moment nach dem Scheitern der Abschreckung planten.61 Im Pentagon nahm man zudem schon lange an, die Sowjetunion akzeptiere MAD als Leitprinzip nicht mehr und wähne sich stattdessen in der Lage, einen Nuklearkrieg zu gewinnen.62 Durch umfassende Interviews mit sowjetischen Nuklearstrategen aus der Zeit nach dem Kalten Krieg wissen wir heute allerdings, dass zumindest Letzteres nicht zutraf.63 Im Gegenzug rezipierte man in Moskau die neuen amerikanischen Strategiekonzepte mit großer Besorgnis, um nicht zu sagen: mit blanker Furcht. Dies gilt ausnahmslos für alle hier angeführten Dokumente, wobei 1982/83 insbesondere die Vorstellungen nuklearer und konventioneller Enthauptungsschläge sowie SIOP-6 den Kreml beeindruckten.64
Wie hingen die strategischen Innovationen der USA mit Able Archer und der Situation vom November 1983 zusammen? Die Renaissance des Nuklearkrieges in Washington und die Obsession mit Frühwarnzeichen in Moskau passten zusammen wie Schloss und Schlüssel. Mehr noch, die Existenz der strategischen Pläne stellte bereits für sich genommen einen RYAN-Frühwarnindikator dar.65 Zwischen diesen beiden “Enden der Parabel” war Able Archer lediglich der Schauplatz einer sich seit den frühen 1980er Jahren abzeichnenden Kollision. Das nimmt den kritischen Tagen im November nicht ihre Bedeutung, lenkt die Aufmerksamkeit jedoch fort von den Details des Krisenablaufs und hin zum breiteren Kontext. Eröffnen diese beiden Endpunkte der Parabel aber wirklich eine neue Perspektive auf das historische Narrativ, das sie verbindet – und insbesondere auf die verschiedenen Kontroversen, die sich in der Diskussion zur Able-Archer-Krise gebildet haben?

III. Ein neuer Blick auf die Narrative und Kontroversen zu Able Archer

Eine Bestandsaufnahme der neueren Forschungsliteratur zum Krisenjahr 1983 identifiziert drei stetig wiederkehrende Streitfelder, die die Historiker seit den 1990er Jahren beschäftigen. Die klassische Hauptkontroverse betrifft Zweifel an der realen Eskalationsgefahr des Able-Archer-Vorfalls und an der Authentizität der sowjetischen Kriegsangst. Nicht ganz von dieser weiterhin ungeklärten Kernfrage zu trennen ist eine jüngere Diskussion um die Rolle der Geheimdienste während der Krise, die deren eskalierende und deeskalierende Wirkung im gesamten Kalten Krieg berührt. Die dritte Kontroverse kreist um die langfristigen Folgen von Able Archer und mögliche Auswirkungen des Vorfalls auf den grundlegenden Politikwechsel der Reagan- Regierung, der Anfang 1984 sichtbar wurde.
Es ist mittlerweile bekannt, dass die sowjetische war scare von 1983 auch eine propagandistische Dimension hatte und einer verdeckten innen- sowie außenpolitischen Zielsetzung folgte. Die US-Historiker Vojtech Mastny und Benjamin Fischer argumentierten zuletzt, dass der Kreml seine vermeintlichen Ängste der westeuropäischen Friedensbewegung und dem Bundestag geschickt kommunizierte, um so öffentlichen politischen Druck gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen aufzubauen, über die das Parlament am 23. November 1983 abstimmen sollte. Zugleich, so Fischer und andere, sollte die Kriegsangst die sowjetische Bevölkerung auf die Entbehrungen eines neuen Rüstungswettlaufs einstimmen.66 Diese Vorstellung einer zum Teil vorgeschobenen war scare passt zu einer grundlegenden Skepsis gegen – über der Gefahr eines sowjetischen Präemptivschlages als Reaktion auf Able Archer, wie sie seit 2009 von mehreren Historikern geäußert worden ist. Das Schlüsselargument der Skeptiker geht auf Mastnys Beobachtung zurück, dass der RYAN-Alarm vom 8./9. November, über den Gordievsky die Briten informierte, weder das Politbüro der KPdSU noch die höheren Ebenen des Verteidigungsministeriums (und damit die wirklichen Entscheidungsträger) erreichte. Mastny und der Historiker Mark Kramer bemerkten außerdem, dass sich auch in späteren Diskussionen des Politbüros oder in Interviews aus der Zeit nach dem Kalten Krieg kein ranghoher Akteur an diesen Alarm erinnern konnte oder von ihm sprach.67 Gordievskys vermeintlicher KGB Superalarm wäre demnach nur ein internes “Gerüchtetelegramm” von deutlich geringerem Stellenwert.68 Auch die Alarmierung sowjetischer Einheiten lässt sich problemlos als Routinereaktion auf eine massive NATO-Übung erklären; ganz gleich ob die Regierung nun lediglich ein Dutzend Jagdflugzeuge (Kramer) oder die von anderen Historikern in ganz unterschiedlichen Kombinationen erwähnten Atom-U-Boote, strategischen Bomber, Mittelstreckenraketen und Truppen der Warschauer-Pakt-Verbündeten in Bereitschaft versetzte.69 Deutliche Zweifel an der Aufrichtigkeit der war scare und an der Bedeutung von Able Archer haben mittlerweile ihren Weg in viele Forschungsbeiträge jüngeren Datums gefunden.70
Zugegeben, derartig grundlegende Skepsis wirkt auf den ersten Blick attraktiv. Dieser Ansatz erklärt auch das vermeintliche Paradoxon, dass die Krise nicht weiter eskalierte, obwohl die Able-Archer-Übung exakt wie geplant abgehalten und keinesfalls während ihres Ablaufs entschärft wurde.71 Problematisch ist, dass sich die stichhaltigeren dieser Einwände auf den Krisenablauf, nicht aber auf das tiefer liegende Problem der war scare beziehen. Selbst wenn diese auch propagandistisch genutzt wurde, muss sie nicht zwangsläufig eine reine Kulisse gewesen sein. Mehr noch: Die Mehrheit der Historiker ist sich einig, dass zentrale Akteure der sowjetischen Politik 1983 durchaus an unmittelbare Vorbereitungen der NATO für einen Angriff auf die Sowjetunion glaubten.Wie die Historikerin Beatrice Heuser nachweist, zählte dazu neben Generalsekretär Andropov, Generalstabschef Ogarkov und Außenminister Gromyko auch fast die gesamte Führungsriege des sowjetischen Militärs.72 Die war scare war folglich bis zu einem gewissen Punkt authentisch, obwohl es, so Heuser, als Gegengewicht zu den Falken durchaus eine signifikante Gruppe “nüchterner ziviler Analysten” gab, die einen bevorstehenden Angriff für abwegig hielten.73
Able Archer lässt sich angesichts der realen Ängste in Moskau nicht einfach als eine “Nicht-Krise” im Sinne Kramers abtun, vor allem dann nicht, wenn man sich das Gesamtbild vor Augen führt: Über das ganze Jahr 1983 hinweg wurde der Sowjetunion immer wieder ihre eigene Schwäche, lückenhafte Luftverteidigung und unzureichende Frühwarnkapazität demonstriert. Andropov, Ogarkov, die militärische Führung und der KGB hatten seit 1980 die strategische Neuausrichtung der USA genauestens beobachtet. Nur einen Monat vor Able Archer gelangte der KGB an eine Kopie von SIOP-6 und interpretierte das Dokument prompt als Plan für einen NATO-Erstschlag.74 Die Wahrheit ist: Wir wissen nicht, weshalb das Politbüro nicht alarmiert wurde und ob die Mobilisierung sowjetischer Einheiten eine ernst zu nehmende war. Doch Able Archer als Sturm im Wasserglas zu beschreiben lenkt nur vom Grundproblem der geringen Eskalationsschwelle ab: Durch eine Verkettung ungünstiger Umstände hätte jedes der Krisenereignisse von 1983 weiter eskalieren können – einschließlich Able Archer. Dennoch bleibt die Frage: Wenn die Gesamtsituation so explosiv war, weshalb verglomm der ohne Zweifel vorhandene Funke im November 1983 vergleichsweise folgenlos?
Die oben genannte zweite Forschungskontroverse zur umstrittenen Rolle der Geheimdienste kann darauf eine Antwort geben – ebenso wie die wenig verstandene Ambivalenz der Operation RYAN. Grundsätzlich besteht unter Historikern Uneinigkeit darüber, ob man Geheimdienste im Kalten Krieg eher als mäßigende Krisenmoderatoren oder als Multiplikatoren von Angst verstehen sollte.75 Ein insbesondere in populärwissenschaftlichen Beiträgen (darunter die eingangs erwähnten TV-Dokumentationen) verbreitetes Narrativ schreibt den von Rainer Rupp und Oleg Gordievsky übermittelten Informationen während der Able-Archer-Übung eine rettende oder deeskalierende Wirkung zu – und adelt damit indirekt die Rolle der Geheimdienste. Zugleich haben Historiker Operation RYAN fast immer mit einer Aura des Paranoiden und Absurden umgeben – der vorliegende Artikel bildet keine Ausnahme.76 RYAN war in gewisser Weise eine Falle, die ebenjene von Bea trice Heuser skizzierte Moskauer Falkenfraktion für sich selbst gebaut hatte: RYAN konnte Bedrohungen nur kumulativ erkennen, denn es enthielt keine Mechanismen zur Relativierung dieser Informationen. Es war ein Konzept, das nur Bedrohungen, aber keine Nichtbedrohungen beziehungsweise Entwarnungsindikatoren berücksichtigte. Hinzu kam die Politisierung nachrichtendienstlicher Arbeit. Der US-Historiker John Prados und andere machen etwa eine “Quotenerfüllungsmentalität” des KGB geltend: Um Karrieren voranzutreiben und die Gunst der Vorgesetzten zu gewinnen, mussten vorgefasste Bedrohungserwartungen bedient werden.77
Es stimmt, dass RYAN eine gefährliche Einbahnstraße war, doch möglicherweise funktionierte sie zumindest besser, als die meisten Historiker anerkennen möchten. Sehen wir uns die von Gordievsky veröffentlichten Dokumente an, so wird deutlich, dass die KGB-Zentrale zwar kontinuierlich neue Listen zur Überprüfung von Kriterien versendete, doch es liegt keine Quelle vor – nicht einmal das vielzitierte Alarmtelegramm vom 8./9. November –, in der auf Basis der Frühwarnindikatoren jemals tatsächlich ein bevorstehender Angriff diagnostiziert worden wäre.78 Die etwas bitter schmeckende Erkenntnis bleibt, dass RYAN zwar eine drastische Gefahr darstellte, aber letztendlich während der Able-Archer-Krise durchaus funktionierte. Zumindest konnte ein bevorstehender Angriff nicht eindeutig verifiziert werden – und vielleicht wurde genau deshalb auch das Politbüro nicht informiert.79
Am Ende bleibt die Frage, welche langfristigen Konsequenzen aus den Erfahrungen vom Herbst 1983 gezogen werden können. Insbesondere die Historikerin Beth Fischer stieß diese Debatte 1997 mit ihrem Buch The Reagan Reversal an. Fischer argumentierte aus kognitiv-psychologischer Sicht, dass Reagan durch eine Verkettung emotional bewegender Eindrücke im Herbst 1983 derartig für die Gefahren eines Nuklearkrieges sensibilisiert gewesen sei, dass Gordievskys Berichte über die Beinahe-Eskalation im November dem Präsidenten buchstäblich “den Rest gaben”. Als Folge habe Reagan die politische Haltung seiner Regierung gegenüber der Sowjetunion überdacht und in seiner Rede vom 16. Januar 1984 versöhnliche Signale in Richtung Moskau gesandt.80 Beth Fischers Arbeit wird zu Unrecht häufig auf ihre Aussage, welchen Eindruck Able Archer auf Reagan gemacht habe, reduziert.81 InWirklichkeit räumt Fischer dem Abschuss von KAL 007, Reagans Briefing zu SIOP-6 und vor allem seiner Privatvorführung des Dokufiction-Dramas The Day After, das die Folgen eines nuklearen Angriffs auf Kansas City ausmalte, einen vergleichbaren Stellenwert ein.82 Trotzdem ist zu klären, ob Able Archer für Reagan der sprichwörtliche Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dazu müsste man wissen, inwieweit imWeißen Haus erstens die sowjetische war scare insgesamt und zweitens die spezifischen Reaktionen auf Able Archer bekannt waren. Der Politologe Jonathan DiCicco hat in diesem Kontext auf einen entscheidenden Punkt hingewiesen: Es ist für die Einordnung von Reagans politischem Kurswechsel unerheblich, ob die sowjetische Kriegsangst und die Reaktionen auf Able Archer authentisch waren. Entscheidend ist vielmehr, ob sie in Washington als echt wahrgenom men wurden.83
In jedem Fall wirft die populäre Deutung Beth Fischers, vor allem wenn man Able Archers Effekt auf Reagan zu sehr betont, diverse Probleme auf – nicht zuletzt mit Blick auf die Chronologie. Für den Zeitraum zwischen dem 7. November 1983 und dem 16. Januar 1984 gibt es keine Dokumente, die zweifelsfrei belegen, dass Reagan und sein innerer Zirkel die Reaktionen auf Able Archer ernst nahmen.84 Fischers einzige wirklich eindeutige Quelle zu diesem Aspekt ist ein Interview mit dem Nationalen Sicherheitsberater Robert McFarlane, das mehr als zehn Jahre später entstand.85 Ein Memorandum der CIA folgerte hingegen Ende 1983, die Sowjetunion habe die Kriegsgefahr gezielt “hochgespielt”.86 Diese Meinung bekräftigte auch noch der Special National Intelligence Estimate (SNIE) vom 18. Mai 1984.87 Die erste substanzielle Gegendarstellung, die Reagan hätte beeindrucken können, war ein Memorandum des CIA-Direktors Bill Casey vom 19. Juni 1984.88 Diese Rekonstruktion ist natürlich etwas hypothetisch, aber es ist auch an dieser Stelle wieder hilfreich, sich statt einzelner Momentaufnahmen das Gesamtbild vor Augen zu halten: Reagan hatte eine ganze Reihe von guten Gründen, im Januar 1984 einen milderen politischen Kurs einzuleiten. Die verschiedenen Krisenmomente von 1983 – zu denen auch Able Archer zählt – gehörten ohne Zweifel dazu, doch es sind weitere Entwicklungen zu nennen: Meinungsumfragen zeigten deutlich, dass eine Annäherung an die Sowjet – union innenpolitisch attraktiv sein könnte – und zwar nicht nur mit Blick auf die breite öffentliche Unterstützung für Rüstungsbegrenzungen,89 denn auch das bekannte Argument, der Einfluss der Gemäßigten in Reagans Administra – tion sei gewachsen, ist nicht von der Hand zu weisen.90 Eine subtilere Erkenntnis wäre, dass es sogar Reagan Ende 1983 angesichts der Renaissance der Nuklearstrategie, zu der er selbst erheblich beigetragen hatte, mulmig wurde. Beth Fischers Darstellung von Reagans verstörter Reaktion auf das SIOP-6- Briefing, das er im Oktober 1983 erhielt, ist ein vielleicht drastisch unterschätzter – und zu Unrecht von Able Archer überschatteter – Aspekt dieser Lesart.91

IV. Fazit: “Where ignorant armies clash by night”

Was haben diese Deutungsvorschläge zu den drei Hauptkontroversen gemeinsam? Und können wir dank der in diesem Artikel praktizierten Konzentration auf die sowjetischen Verwundbarkeitserfahrungen (bzw. Operation RYAN) und den nuklearstrategischen Innovationsschub der USA überhaupt eine neue Sichtweise entwickeln? Man mag diese Schwerpunktsetzung als eine bloße Akzentverschiebung verstehen. Schließlich, so wurde in den letzten Jahren von mehreren Historikern kritisiert, sei die Forschung zur war scare und zu Able Archer in ihrer eigenen “Echokammer” und “Referenzzirkel-Abhängigkeit ” gefangen.92 Doch gerade die jüngeren Versuche, diese (Nicht-)Krise grundlegend neu zu interpretieren, neigen zugleich dazu, das sprichwörtliche Kind mit dem Badewasser auszuschütten, denn statt allein die Ereignisse um Able Archer zu relativieren, entschärfen sie zumindest implizit auch die Gesamtsituation.93 An dieser Stelle hilft sicherlich die Betonung des “Big Picture”: Die “reaktive Linse” der Sowjetunion, geprägt durch die Verwundbarkeitserfahrungen des gesamten Jahres und die daraus resultierende Obsession mit der Früherkennung (RYAN), und die “proaktive Linse” der USA, repräsentiertdurchnuklearstrategische Innovationenund dieSuche nach langfristigen Überlegenheitskonzepten, hielten sich wechselseitig fest im Bann. Die Sichtweise des Feindes zu erkennen, wurde durch diese blinden Gläser unmöglich; sie ließen Washington und Moskau wie zwei gegensätzlich geladene Teilchen im lichtlosen Raum aufeinander zu treiben. Dennoch blieb der Nuklearkrieg aus, was uns zu der umgekehrten Frage führt, die ein Historiker zum Jahr 1983 stellen könnte: Weshalb eskalierte die Lage trotz ungünstigster Vorzeichen nicht? Hierauf muss es bessere Antworten geben als den Hinweis auf KGB-Telegramme, die nicht ans Politbüro weitergeleitet wurden. Welche stabilisierenden Mechanismen kamen in der Beziehung der Supermächte zur Geltung? Welche fail-safes des Kalten Krieges verhinderten Schlimmeres? Es wäre ohne Zweifel lohnenswert, in zukünftigen Forschungen nicht nur nach den Gefahren, sondern auch nach den Sicherheitsfaktoren des frühen Zweiten Kalten Krieges zu fragen.

 

Dieser Artikel ist Resultat des 15. Berliner Colloquiums zur Zeitgeschichte, einer nichtöffentlichen Tagung zu Able Archer unter dem Titel “1983 – The Most Dangerous Year of the Cold War?”, die am 23. und 24. Mai 2014 europäische und amerikanische Wissenschaftler versammelte. Die hier gezogenen Schlussfolgerungen verarbeiten viele der Impulse aus dieser Expertenrunde.

  1. U.S. Department of Defense, Directive 5230.16: "Nuclear Accident and Incident Public Affairs (PA) Guidance", 7. Februar 1983, in: DoD Issuances Online Archive, online unter: www.dtic.mil/whs/directives/corres/pdf/523016p.pdf [9.7.2014].
  2. Dima Adamsky, "The 1983 Nuclear Crisis - Lessons for Deterrence Theory and Practice", in: Journal of Strategic Studies 36 (2013), 1, S. 4-41, hier: 6.
  3. Vgl. etwa John Prados, "The War Scare of 1983", in: Robert Cowley (Hg.), The Cold War: A Military History, New York 2005, S. 438-454, hier: 448ff.; Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 28; Stephen J. Cimbala, "Year of Maximum Danger? The 1983 'War Scare' and US-Soviet Deterrence", in: Journal of Slavic Military Studies 13 (2000), 2, S. 1-24, hier: 9.
  4. Abgesehen von den Versicherungen der Spione gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass die Informationen von Rupp und Gordievsky überhaupt Einfluss auf den Verlauf der Übung und die unmittelbaren Reaktionen der Supermächte hatten (Christopher Andrew/ Oleg Gordievsky, KGB. The Inside Story, New York 1990, S. 601; Benjamin B. Fischer, "The 1980s Soviet War Scare: New Evidence from East German Archives", in: Intelligence and National Security 14 [1999], 3, S. 186-197, hier: 187).
  5. Weitgehend unreflektiert gaben etwa die TV-Dokumentationen 1983: The Brink of Apocalypse (Discovery Channel/Channel 4, 2007/2008) und Die Welt am Abgrund (ZDF History mit Guido Knopp, 2011) das traditionelle Narrativ zu Able Archer wieder.
  6. Mark Kramer, "Die Nicht-Krise um 'Able Archer 1983': Fürchtete die sowjetische Führung tatsächlich einen atomaren Großangriff im Herbst 1983?", in: Oliver Bange/Bernd Lemke (Hg.), Wege zur Wiedervereinigung. Die beiden deutschen Staaten in ihren Bündnissen 1970 bis 1990, München 2013, S. 129-150, hier: 141. Diese Falschinformation lässt sich zurück -- verfolgen zu Beth A. Fischer, The Reagan Reversal. Foreign Policy and the End of the Cold War, Columbia, MO, 1997, S. 127. Dort verliert sich die Spur in einem etwas unspezifischen Verweis auf ein Interview mit McFarlane und "anonymen Regierungsmitarbeitern", siehe ebd., S. 127, Anm. 37.
  7. Auch hierzu Kramer, "Die Nicht-Krise", S. 140. Eine akkurate Chronologie bietet das Able Archer Briefing Book des National Security Archive in Washington, DC ("Exercise ABLE ARCHER 83: Information from SHAPE Historical Files", 28. März 2013, online unter: http://www2.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB427/docs/6.a.%20Exercise%20Able% 20Archer%20SHAPE%20March%202013%20NATO.pdf [9.7.2014]).
  8. Siehe beispielsweise Arnav Manchanda, "When Truth Is Stranger than Fiction: The Able Archer Incident", Cold War History 9 (2009), 1, S. 111-133.
  9. Siehe Kramer, "Nicht-Krise"; Vojtech Mastny, "'Able Archer': An der Schwelle zum Atomkrieg?", in: Bernd Greiner/Christian Th. Müller/Dierk Walter (Hg.), Krisen im Kalten Krieg, Hamburg 2008, S. 505-522.
  10. Siehe beispielsweise Mastny, "'Able Archer'", S. 518; Nate B. Jones, "One Misstep Could Trigger a Great War": Operation RYAN, Able Archer 83, and the 1983 War Scare, Master's Thesis 2009, S. 46, Anm. 139.
  11. Diese klassische Parallele zur Kuba-Krise ziehen unter anderem Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 6; und Prados, "War Scare of 1983", S. 439. Vereinzelt wurde Able Archer sogar als die gefährlichere von beiden Krisen bewertet, siehe Michael Brecher/Jonathan Wilkenfeld, A Study of Crisis, Ann Arbor, MI, 1997, S. 63ff. Zur Problematik solcher Vergleiche siehe außerdem: Jonathan M. DiCicco, "Fear, Loathing, and Cracks in Reagan's Mirror Images: Able Archer 83 and an American First Step toward Rapprochement in the Cold War", in: Foreign Policy Analysis 7 (2011), S. 253-274, hier: 259, 261.
  12. Andrew/Gordievsky, KGB, S. 605.
  13. Zitate aus Robert M. Gates, From the Shadows. The Ultimate Insider's Story of Five Presidents and How They Won the Cold War, New York 1996; Len Scott, "Intelligence and the Risk of Nuclear War: Able Archer-83 Revisited", in: Intelligence and National Security 26 (2011), 6, S. 759-777, hier: 759, 761.
  14. Zitate aus Georg Schild, 1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges, Stuttgart 2013, S. 190; Prados, "War Scare of 1983", S. 450.
  15. Ronald Reagan, "Remarks at the Annual Convention of the National Association of Evangelicals in Orlando, Florida", 8. März 1983, in: Ronald Reagan Presidential Foundation and Library, online unter: www.reagan.utexas.edu/archives/speeches/1983/30883b.htm [21.7.2014].
  16. James Mann, The Rebellion of Ronald Reagan. A History of the End of the Cold War, London 2009, S. 28ff.
  17. Gordon S. Barrass, The Great Cold War. A Journey through the Hall of Mirrors, Stanford, CA, 2009, S. 293.
  18. Pavel Podvig, "Did Star Wars Help to End the Cold War? Soviet Response to the SDI System", Arbeitspapier, März 2013, in: Russian Nuclear Forces Project, russianforces.org/
  19. Benjamin B. Fischer, A Cold War Conundrum. The 1983 Soviet War Scare, Washington, DC, 1997, S. 1-3.
  20. Die detailliertesten Informationen zum PSYOPs-Programm sind nach wie vor dem ehemaligen CIA-Historiker Benjamin Fischer zu verdanken, siehe ebd., S. 6-10; ders., "The Soviet-American War Scare of the 1980s", in: Journal of Intelligence and CounterIntelligence 19 (2006), 3, S. 480-518, hier: 484ff.
  21. Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 24.
  22. Zu Global Shield: ebd., S. 24. Zu Fleetex-83: David E. Hoffman, The Dead Hand. The Untold Story of the Cold War Arms Race and Its Dangerous Legacy, New York 2009, S. 64-65.
  23. Gates, From the Shadows, S. 266-270. Siehe auch das seit fast dreißig Jahren nahezu unangefochtene Standardwerk zum KAL-007-Vorfall aus der Feder des investigativen Journalis - ten Seymour M. Hersh, "The Target Is Destroyed". What Really Happened to Flight 007 and What America Knew About It, New York 1986.
  24. Für eine detaillierte Darstellung des Vorfalls siehe Hoffman, Dead Hand, S. 6-11; außerdem Cimbala, "Year of Maximum Danger?", S. 7f.
  25. Andropov ging von den Schätzungen des KGB aus, siehe Peter V. Pry, War Scare. Russia and America on the Nuclear Brink, Westport, CT, 1999, S. 6. Nach wie vor kursieren in der historischen Literatur stark abweichende Angaben zur realen Flugzeit. Diese Werte basieren auf einer detaillierten Berechnung von Ekkehard Sieker und Anand Srivastav, "Wörners Ballistik: Wie weit fliegt die Pershing II wirklich?", in: Blätter für deutsche und internationale Politik 29 (1984), 5, S. 516ff.
  26. Beatrice Heuser, "The Soviet Response to the Euromissile Crisis", in: Leopoldi Nuti (Hg.), The Crisis of Détente in Europe. From Helsinki to Gorbachev, 1975-1985, London 2009, S. 137-149, hier: 140.
  27. Pry, War Scare, S. 34.
  28. Christopher M. Andrew/Oleg Gordievsky, Comrade Kryuchkov's Instructions. Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975-1985, Stanford, CA, 1993, S. 86.
  29. Am 23. Oktober 1983 hatten Selbstmordattentäter der späteren Hisbollah, vermutlich mit iranischer und syrischer Unterstützung, einen verheerenden Sprengstoffanschlag auf einen Stützpunkt US-amerikanischer und französischer Friedenstruppen im Libanon ausgeführt. Unter den Toten waren 241 Amerikaner.
  30. Gates, From the Shadows, S. 272.
  31. 31 Den Topos sowjetischer Paranoia hatte zudem über das ganze Jahr hinweg Andropovs scharfe Rhetorik gegen die Pershing-II-Stationierung bestärkt, siehe dazu auch Barrass, Great Cold War, S. 293; Heuser, "Euromissile Crisis", S. 137.
  32. Nur dieReihenfolge variiert mitunter, siehe beispielsweise Scott, "Intelligence", S. 761-765; Cimbala, "Year of Maximum Danger?", S. 2-9; Fischer, Cold War Conundrum, S. 6-26; Schild, 1983, S. 13-16, 155-190; Barrass, Great Cold War, S. 292-299.
  33. Mitunter auch "RYaN", "RJAN" oder "RJaN". Die häufig im deutschsprachigen Raum zu findende Schreibweise RJAN/RJaN entsteht durch unterschiedlicheTranskriptionen des kyrillischen Alphabets: Raketen-Atomangriff weist im zweiten Wort den Buchstaben "Я" auf, der im Deutschen mit "Ja", im Englischen aber mit "Ya" transkribiert wird. Ich verwende in diesem Artikel die in der Forschungsliteratur am weitesten verbreitete Schreibweise. Das identisch benutzte "VRYAN/VRYaN" beinhaltet den Buchstaben "V" für das russische Wort "Vnezapnoye" ("plötzlich", "überraschend").
  34. Zu den Warnindikatoren und den Details der Operation siehe die Quellen in Andrew/ Gordievsky, Comrade Kryuchkov's Instructions, S. 67-90, insbesondere S. 71f.; außerdem Manchanda, "Truth is Stranger", S. 116-120; Jones, "Countdown", S. 50.
  35. 35 Fischer, Cold War Conundrum, S. 10ff.
  36. Cimbala, "Year of Maximum Danger?", S. 7.
  37. 37 Fischer, "Soviet-American War Scare", S. 504; siehe auch Steve Zaloga, The Kremlin's Nuclear Sword. The Rise and Fall of Russia's Strategic Nuclear Forces, 1945-2000, Washington, DC, 2002, S. 199-201.
  38. Andrew/Gordievsky, Comrade Kryuchkov's Instructions, S. 76.
  39. Scowcroft Commission, Report of the President's Commission on Strategic Forces, Washington, DC, 1984, S. 17f. Es ist zu vermuten, dass ein solches "Fenster der Verwundbarkeit" in der vom Team B und (später) Reagan postulierten Form niemals existierte, siehe Pavel Podvig, "The Window of Vulnerability that Wasn't: Soviet Military Buildup in the 1970s -- A Research Note", in: International Security 33 (2008), 1, S. 118-138. Die USA gingen davon aus, dass die Sowjets einen Großteil der amerikanischen landbasierten Interkontinentalraketen durch ihre erste Angriffswelle zerstören konnten - dies betraf insbesondere die "gehärteten Ziele", also unterirdische Raketensilos.
  40. Herbert E. Meyer, CIA-Memorandum an den Director of Central Intelligence: "Why Is the World So Dangerous", 30. November 1983, in: CIA FOIA Electronic Reading Room, online unter: www.foia.cia.gov/sites/default/files/document_conversions/89801/DOC_0000028820. pdf [29.7.2014].
  41. Siehe etwa William M. Arkin, "Why SIOP-6?", in: Bulletin of the Atomic Scientists 39 (1983), 4, S. 9f.
  42. Zum Perimeter-System siehe insbesondere Hoffman, Dead Hand, S. 152ff.
  43. Damit kommt dem Erstschlag insbesondere für die schwächere Seite eine zentrale Bedeutung zu, siehe Prados, "War Scare of 1983", S. 444f.
  44. Podvig, "Window of Vulnerability", S. 121.
  45. Warner R. Schilling, "U.S. Strategic Nuclear Concepts in the 1970s: The Search for Sufficiently Equivalent Countervailing Parity", in: International Security 6 (1984), 2, S. 48-79, hier: 48.
  46. Podvig, "Window of Vulnerability", S. 119ff.
  47. Ebd., S. 120. Die CIA schätzte, dass die USA selbst bei einer vollständigen Zerstörung ihrer Kontinentalraketen mit den beiden anderen Komponenten der nuklearen Triade noch 70 Prozent des ökonomischen Wertes (des Gesamtwertes von Industrie, Gewerbe und ziviler Infrastruktur) der Sowjetunion hätten zerstören können.
  48. Schilling, "U.S. Strategic Nuclear Concepts", S. 53.
  49. Manchanda, "Truth Is Stranger", S. 118; siehe auch Pry, War Scare, S. 10. Dies war die logische Folge der sowjetischen launch-on-warning-Doktrin: Der Zeitpunkt der Warnung und nicht des tatsächlichen Angriffs der Gegenseite war entscheidend.
  50. Presidential Directive 59, "Nuclear Weapons Employment Policy", 25. Juli 1980, in: Jimmy Carter Presidential Library, online unter: www.jimmycarterlibrary.gov/documents/pddirectives/pd59.pdf [31.7.2014].
  51. Louis René Beres, "Presidential Directive 59: A Critical Assessment", in: Parameters 11 (1980), 7, S. 19-28, hier: 19. Angriffe auf counterforce targets sollten die gegnerischen Kapazitäten zum Gegenangriff reduzieren und standen im Kontrast zu Angriffen auf countervalue targets, die einen vergleichbaren ökonomischen (Industrie) oder demografischen (Bevölkerungszentren) Wert hatten.
  52. William E. Odom, "The Origin and Design of Presidential Decision-59: A Memoir", in: Henry D. Sokolski (Hg.), Getting Mad. Nuclear Mutual Assured Destruction, Its Origins and Practice, Carlisle, PA, 2004, S. 175-196, hier: 188.
  53. Ebd., S. 175; Zitat aus National Security Decision Directive 13, "Nuclear Weapons Employment Policy", 19. Oktober 1981, in: Ronald Reagan Presidential Library, online unter: www.reagan.utexas.edu/archives/reference/Scanned%20NSDDS/NSDD13.pdf [31.7.2014].
  54. Von 50 000 designierten Raketenzielen waren bereits nach PD-59 lediglich noch 15 000 ökonomisch relevant, 27 500 militärischer Art, davon 2 500 strategische Nuklearwaffen, und mehr als 5 000 erfassten die politische Führung. In den verschiedenen Fassungen von SIOP- 6 wurden "ökonomische Regenerationsziele" später vollständig entfernt. Siehe Desmond Ball/Robert C. Toth, "Revising the SIOP: Taking War-Fighting to Dangerous Extremes", in: International Security 14 (1990), 4, S. 65-92, hier: 67, 69-72.
  55. Pry, War Scare, S. 34. Die Detonation von Nuklearwaffen in großer Höhe könnte Kommunikationsnetzwerke landesweit lahmlegen -- auch in den USA (John D. Steinbruner, "Nuclear Decapitation", in: Foreign Policy 45 [1982], S. 16-28, hier: 26).
  56. Raymond L. Garthoff, The Great Transition. American Soviet Relations and the End of the Cold War, Washington, DC, 1994, S. 36f. Siehe auch James Mann, Rise of the Vulcans. The History of Bush's War Cabinet, New York 2004, S. 139.
  57. Ball/Toth, "Revising the SIOP", S. 70ff.
  58. Zitat aus Fischer, "Soviet-American War Scare", S. 482. Ausführlich zur Verwundbarkeit der USA: Steinbruner, "Nuclear Decapitation", S. 16-21.
  59. Jeffrey Richelson, "PD-59, NSDD-13 and the Reagan Strategic Modernization Program" in: Journal of Strategic Studies 6 (1983), 2, S. 125-146, hier: 128-131; siehe auch Arkin, "Why SIOP-6", S. 9f.
  60. Fischer, "Soviet-American War Scare", S. 483, 491, 495-497. Siehe auch US Army Field Manual 100-5, "Operations", Washington, DC, 1982, Kap. 7.1.
  61. PD-59: "Das fundamentale Ziel unserer Strategie bleibt nukleare Abschreckung"; NSDD-13: "Das grundlegende nationale Sicherheitsziel ist es, von einem direkten nuklearen Angriff abzuschrecken"; ähnlich zu SIOP-6: Arkin, "Why SIOP-6", S. 9. Wie der Philosoph Raymond Aron deutlich machte, hatten diese Konzepte zwar in jedem Fall eine abschreckende Funktion, waren aber stets (auch) zur praktischen Nutzung gedacht, siehe Charles H. Fairbanks, Jr., "MAD and U.S. Strategy", in: Sokolski (Hg.), Getting Mad, S. 137-147, hier: 141.
  62. Fischer, "Soviet-American War Scare", S. 494. Hintergrund dieser Annahme war, dass die Sowjetunion bezüglich des "akzeptablen Schadens" durch einen Nuklearkrieg wesentlich toleranter war als die USA.
  63. John A. Battilega, "Soviet Views of Nuclear Warfare: The Post-Cold War Interviews", in: Sokolski (Hg.), Getting Mad, S. 151-166, hier: 156.
  64. Ebd., S. 157f.; Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 13-18, 22-27; Fischer, "Soviet-American War Scare", S. 494-497.
  65. Fischer, Cold War Conundrum, S. 5.
  66. Mastny, "'Able Archer'", S. 519f.; Fischer, "1980s Soviet War Scare", S. 187; ders., "Soviet- American War Scare", S. 505ff. Auch der ehemalige CIA-Analyst Fritz Ermarth beharrt weiterhin darauf, dass Moskau nicht an eine reale Angriffsabsicht der USA glaubte, siehe Fritz W. Ermarth, "Observations on the War Scare of 1983 From an Intelligence Perch", Arbeitspapier des Parallel History Project, ETH Zürich, 6. November 2003, S. 6. Detailliert zur sowjetischen Propagandakampagne und zur versuchten Instrumentalisierung der westlichen Friedensbewegung auch Gerhard Wettig, "The Last Soviet Offensive in the Cold War: Emergence and Development of the Campaign against NATO Euromissiles, 1979-1983", in: Cold War Studies 9 (2009), 1, S. 79-110, hier: 99f.
  67. Mastny, "'Able Archer'", S. 518; Kramer, "Nicht-Krise", S. 129f., 138f. Während erst Mastny diesem Aspekt den angemessenen Stellenwert einräumte, ließ sich dieser ungewöhnliche Sachverhalt bereits 1994 bei Raymond Garthoff in einer Fußnote finden, siehe Garthoff, Great Transition, S. 139, Anm. 160.
  68. Kramer merkt zu Recht an, dass bisher kein Historiker dieses "Blitz-Telegramm" wirklich zu Gesicht bekommen hat -- wir sind auf Gordievskys Memoiren angewiesen: Kramer, "Die Nicht-Krise", S. 147.
  69. Ebd., S. 146; als exemplarisches Gegenstück zu Kramer siehe die sehr umfangreiche Auflistung bei Manchanda, "Truth Is Stranger", S. 123. Zur These, dass die alarmierten Einheiten (welche das auch immer waren) Teil eine Routinereaktion oder regulärer Übungen gewesen sein könnten, vgl. Scott, "Intelligence", S. 769; Pry, War Scare, S. 42ff.
  70. Siehe etwa Scott, "Intelligence", S. 760, 767f.; DiCicco, "Fear", S. 261.
  71. Kramer, "Nicht-Krise", S. 141. Gleichwohl gibt es Hinweise darauf, dass die Übung vor ihrem Beginn entschärft wurde, siehe U.S. Strategic Air Command, "SACEUR Exercise Able Archer: After Action Report", 1. Dezember 1983, in: Able Archer Sourcebook, online unter: www2.gwu.edu/~nsarchiv/nukevault/ablearcher/ [7.8.2014].
  72. Heuser, "Euromissile Crisis", S. 140-144. Bestätigt findet sich diese Einschätzung zu Andropov unter anderem bei DiCicco, "Fear", S. 259; Mastny, "'Able Archer'", S. 515f.; zu Ogarkov bei Fischer, "Soviet American War Scare", S. 507ff. Es ist bezeichnend, dass sich Ogarkov zu Beginn von Able Archer in seinen Kommandobunker begab (siehe Barrass, Great Cold War, S. 300).
  73. Heuser, "Euromissile Crisis", S. 144ff.
  74. Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 26.
  75. Siehe zu dieser Grundproblematik auch den Sammelband von Michael Herman und Gwilym Hughes (Hg.), Intelligence in the Cold War. What Difference Did It Make, London 2013.
  76. Siehe exemplarisch Jones, "Countdown", S. 55. Kritisch rekapituliert diese Darstellung Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 7.
  77. Dieses Argument diskutieren Prados, "War Scare", S. 447; Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 30.
  78. Andrew/Gordievsky, Comrade Kryuchkov's Instructions, S. 69-88.
  79. Der israelische Historiker Dima Adamsky hat mit seiner ungewöhnlich positiven Bewertung von RYAN diesen Punkt illustriert (Adamsky, "1983 Nuclear Crisis", S. 7f., 20f., 29).
  80. Fischer, The Reagan Reversal, S. 102-143, insbesondere 135.
  81. Siehe etwa Schild, Das gefährlichste Jahr, S. 197; äußerst irreführend: Scott, "Intelligence", S. 774.
  82. Fischer, The Reagan Reversal, S. 112-122.
  83. DiCicco, "Fear", S. 271. Auch eine Fehlwahrnehmung könnte in diesem Fall positiv und deeskalierend wirken.
  84. Wann genau Gordievskys Berichte das Weiße Haus erreichten (vermutlich erst nach Able Archer), ist ebenso unbekannt wie Reagans Reaktion auf ihre Lektüre (siehe Jones, "One Misstep", S. 46, Anm. 139). Ein Memorandum von Jack Matlock, Reagans Spezialist für die Sowjetunion, zitierte nur recht vage Hinweise eines "amerikanischen Akademikers" auf eine grassierende Kriegsangst bei gefährlichen "irrationalen Elementen" im Kreml und beim "Mann auf der Straße" (Jack Matlock, Memorandum an Robert McFarlane, "American Academic of Soviet Policy", 13. Dezember 1983, in: Able Archer Sourcebook).
  85. Siehe hierzu die entscheidende Passage bei Fischer, The Reagan Reversal, S. 133f.
  86. CIA Memorandum, "Soviet Thinking on the Possibility of Armed Confrontation with the United States", 30. Dezember 1983, in: Able Archer Sourcebook.
  87. SNIE 11-10-84/JX, "Implications of Recent Soviet Military-Political Activities", 18. Mai 1984, in: Able Archer Sourcebook.
  88. CIA Memorandum, Casey an Reagan u.a., "US/Soviet Tension", 19. Juni 1984, in: Able Archer Sourcebook.
  89. Ole R. Holsti, Public Opinion and American Foreign Policy, Ann Arbor, MI, 2004, S. 85f.
  90. DiCicco, "Fear, Loathing, and Cracks", S. 256.
  91. Siehe dazu den Abschnitt bei Fischer, The Reagan Reversal, S. 120ff.
  92. Zitiert nach Nate B. Jones, "The 1983 War Scare: 'The Last Paroxysm' of the Cold War, Part I", in: Able Archer Sourcebook.
  93. Siehe etwa Mastny, "'Able Archer'", S. 521; Kramer, "Nicht-Krise", S. 130.

Published 25 February 2015

Original in German
First published in Mittelweg 36 6/2014

Contributed by Mittelweg 36
© Klaas Voß / Mittelweg 36 / Eurozine

PDF / PRINT

recommended articles