Der Drehort

Hable con ella. Das Set aus der Sicht des Regisseurs.

Pedro Almodóvars Gedanken über Fotografie, die Unterschiede zwischen Fotografien und filmischen Bildern und seinem persönlichen Interesse an Fotografie.

Ich habe mich erst spät fürs Fotografieren begeistert. Vermutlich deshalb,
weil ich mir erst heute der Kraft der Zeit bewusst wurde und dass das
fotografische Bild sie festhalten und verewigen kann. Wenn es darum geht,
Notizen zu machen, eine Szene, einen Ort oder ein Motiv einzufangen oder ein
Tagebuch zu führen, ziehe ich die Fotografie dem Filmen oder dem Schreiben
vor, und das, obwohl ich mich durch meine Arbeit vor allem mit dem bewegten
Bild beschäftige. Das macht mich ebensowenig zum Fotografen, wie eine
Schreibkraft zum Schriftsteller wird, nur weil sie 200 Anschläge pro Minute
tippt.

In den letzten Jahren habe ich Tausende von Aufnahmen gemacht. Ich
fotografiere alltägliche Gegenstände und Situationen, manchmal stelle ich
mich einfach vor den Spiegel und drücke ab. Beim Fotografieren denke ich nie
an die Zukunft, vielmehr ist die Fotografie für mich ein Mittel, den Moment
einzufangen, ohne Anflug von narzisstischen Motiven. Ich fotografiere die
Winkel meiner Wohnung, die Landschaft vor meinem Fenster, die von
Jahreszeiten oder Witterung gezeichnet ist; die Inneneinrichtung unzähliger
Hotelzimmer, in denen ich war – ungeachtet ihrer Eleganz -, mein Abbild im
Fenster, das sich in der Aussicht widerspiegelt. Manchmal fotografiere ich
meine Kleidung oder die der Menschen, mit denen ich lebe, ihre Spuren, die
sie auf Möbeln hinterlassen, Gegenstände, meinen Schatten auf dem Boden, die
Konturen meines Kopfes auf dem Körper eines Freundes. Und wenn ich einen
neuen Film drehe, halte ich selbstverständlich jeden Moment auf dem Set mit
meiner Kamera fest. Es ist nicht nur eine Art, mich zu entspannen, es ist
ausserdem der beste Weg, Informationen zu sammeln, die später den Kostüm-
und Maskenbildnern, Friseuren, Ausstattern, Kameraleute und Produzenten als
Input dienen. Wie frischgebackene Eltern ihren Sprössling, kaum ist er
geboren, ständig mit der Kamera penetrieren, so versuche auch ich die
Entwicklung und die unterschiedlichen Prozesse einzufangen, die ein Film
durchläuft. Filme fangen vom allerersten Vorproduktionstag an zu leben. Sie
wachsen vor deinem Auge mit einer Kraft, die sonst Wundern oder Katastrophen
eigen ist. Da ich meinem Erinnerungsvermögen nicht besonders vertraue,
brauche ich Zeugnisse: Fotos und noch mehr Fotos. Alles, was man benötigt,
ist ein Finger, eine Kamera und ein passender Standpunkt, von dem aus man
schaut. Auf dem Set hat der Regisseur wenig Platz, wenn überhaupt genug Raum
für ihn vorhanden ist. Die von dieser Perspektive aus geschossenen Fotos
sind einzigartig, weil niemand sonst sehen kann, was der Regisseur von
seinem Platz aus sieht. Ich bin kein Regisseur, der den ganzen Tag auf dem
Stuhl sitzt, auf dem sein Name steht. Aber wenn ich mich vor das Videogerät
setze, sind es der Bildschirm und das gesamte Chassis, die zum Objekt meines
Objektivs werden. Ich liebe all diese Geräte, in denen sich das eben
gefilmte Bild vervielfältigt, und das ganze Drumherum: das, mit Ausnahme des
Bildausschnitts, chaotische Szenenbild, die technische Ausrüstung der
Kameraleute, eine wahrhaft eigenständige und abstrakte Ausstattung, die sich
durch Zufall zu einem Bild mit den Schauspielern und der Szene, die sie
gerade spielen, verbindet. Das zufällige Arrangement all dieser Elemente
schafft aussergewöhnlich eindrückliche Bilder, die oftmals schöner,
überraschender und ausdrucksstärker sind als die des fertiggestellten Films.
In jeder freien Minute versuche ich, so viele dieser Eindrücke fotografisch
festzuhalten wie möglich.

Published 4 September 2002
Original in Spanish

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