Wer ein Haus hat, überlebt

Sie kamen von überall in der Türkei und bauten sich illegal behelfsmässige Häuschen in die Büsche am Rande der Stadt

2 November 2005
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Goncagül sitzt mit ihren Töchtern und der Schwägerin auf den Stufen ihres apartman, des kleinen Wohnblocks am Rand des Quartiers, der Mahalle, von wo der Blick in die Weite geht, über Hügel und Täler und die Nachbarquartiere, die sich in einigem Abstand hingelagert haben: die Inkilâp Mahalle und Hekimbasi jenseits des buschig grünen Bachtobels. Die Frauen nähen Glasperlen und Pailletten auf weisse Trikothemden, Heimarbeit, fünfunddreissig Kurus das Stück. Etwa 35 Rappen. Goncagül lacht, jetzt im Sommer haben sie sowieso nichts anderes zu tun. Zwischen Schälchen mit den Pailletten streckt sie die Füsse aus. Früher war es ganz anders hier. Alle sassen mit allen zusammen. Aber dann füllte sich das Quartier und wurde unüberblickbar, und mehr und mehr beschränken sich die Kontakte auf die engere Familie.

Als sie 1978 als Achtjährige mit ihren Eltern in Karabekir ankam, gab es nichts. Unter den Augen der Ankömmlinge entstand im Ödland ein neues Viertel, unter ihren Füssen, die im-merzu in alle Richtungen liefen, nach Wasser, nach Baumaterial und nach Arbeit, über die ungeteerten Wege in der Erde, über die versumpften Strassen zwischen Abfall und Schnee und dem Mist der Tiere, mit denen sie aus Anatolien gekommen waren. Gab es Regeln? Bloss die Armut herrschte. Am kollektiven Hahn standen sie an, schleppten Wasser. 1982 wurden Leitungen verlegt. Einen Bus gab es nicht. Die Schule lag drei Kilometer entfernt, Goncagül lief täglich hin. Auf dem Weg bellten die Hunde und erschreckten sie. Aber die Mutter schickte sie unbeirrt. Als das erste Schulhaus in Kâzim Karabekir gebaut wurde, wurde das Leben der Kinder leichter.

Als in den vierziger und fünfziger Jahren im Umkreis der Städte zunehmend Fabriken entstanden, zogen Arbeitsuchende aus dem Schwarzmeergebiet, den balkanischen Grenzregionen, dem Innern Anatoliens und dem Südosten, wo die Mechanisierung der Landwirtschaft schwierige Verhältnisse geschaffen hatte, in grosser Zahl in die Städte. Einige nisteten sich in zerfallenden Holzhäusern in den Zentren ein, andere aber errichteten an den Rändern behelfsmässige Häuschen mit einem Stockwerk und Pultdach auf rechteckigem oder quadratischem Grundriss inmitten von Büschen und Gesträuch, das an die Gärten der Heimat erinnern mochte. Die Architektur, die heute als klassischer Typus des Gecekondu gilt, ist in Istanbul noch reichlich durch isolierte Exemplare vertreten. In der Form einheitlicher Siedlungen indessen, wie sie bis in die achtziger Jahre das Gesicht der Metropolen prägten und veränderten, ist sie sozusagen ausgestorben.

Ohne Norm

Schnell nahmen die Behörden die Landbesetzer und ihre Methoden wahr, griffen aber nicht ein. Der wirtschaftliche Aufschwung der Städte, die späte Industrialisierung des Landes, profitierte von den kostengünstigen Akteuren. Waren sie erst, mit dem ihnen eigenen System des hemserilik, der Solidarität zwischen Menschen gleicher Herkunft, zu einem Dach über dem Kopf gekommen, war man einige Sorgen los. Wer ein Haus besitzt, dessen Existenz ist grundsätzlich gesichert; ein Haus besitzen können Arbeiterfamilien aber nur, wenn es billig ist. Ein entscheidender Faktor der Kostengünstigkeit war der Verzicht auf die Durchsetzung der baulichen Normen. Im Stadtparlament von Ankara tauchte bereits 1947 der Begriff Gecekondu auf: ein in kürzester Zeit, in einer Nacht, gece, auf besetztem staatlichem Grund errichtetes Haus ohne Bewilligung. 1948 verabschiedete das gleiche Parlament ein Gesetz zur Überlassung des Bodens an die, die darauf gebaut hatten. Wer allerdings gewisse damit verknüpfte Bedingungen nicht einhielt oder nach einem festgelegten Datum weiterbaute, musste mit der sofortigen Zerstörung des Hauses rechnen. Damit war 1948 der erste af erlassen, das erste Amnestiegesetz in Sachen Bau- und Bodenrecht, die erste von 17 Amnestien bis heute, und noch immer ist das Phänomen Gecekondu eine der ungelösten Fragen der türkischen Grossstädte. Denn mit dem ersten af kam auch ein ungeschriebenes Prinzip zur Anwendung, das sich in der Folge nicht mehr umkehren liess: Das Prinzip der Nachträglichkeit, wonach sich das Recht, vorerst von den Besetzern gründlich missachtet, nachträglich an die real entstandenen Verhältnisse anpassen lässt.

Konzessionen an die Migrantinnen und Migranten hielten indessen nicht nur die Illegalität in Grenzen und erzielten eine gewisse soziale Befriedung, sie boten auch politisches Potenzial: Die Stimmen aus den Gecekondu konnten die Wahlresultate entscheidend beeinflussen. Vor jedem Wahltermin fuhren daher Konvois der Parteien in die halbfertigen Gassen, und vom Camion herab regnete es Pakete mit Reis, Zucker, Bulgur, Trinkwasser, und einmal, so das Gerücht, habe man sogar Goldbatzen bekommen. Die besten Geschenke waren jeweils die Versprechen: die Aussicht auf einen tapu, einen Grundbuchauszug für alle, die in illegalen Häusern wohnen, die Aussicht auf Zu- und Abwasserleitungen und regelmässige Abfallbeseitigung, auf Schulen, auf das restlose Teeren aller Strassen, und überhaupt auf ein modernes, menschenwürdiges Leben. Denn die Gecekondulu, die Bewohner der Gecekondu, früher in ihren Reservaten wilde Selbstversorger und anspruchslos, lernten, sich vom Staat Dinge zu wünschen und diese auch einzufordern, wie es sich für Städterinnen und Städter gehört.

Ministerpräsident Özal erliess in den 80er Jahren alle paar Jahre einen af. Mit der grosszügigen Amnestie von 1984, welche die Erhöhung der illegalen Bauten auf vier Stockwerke erlaubte, erhielt die Vertikalisierung der Vorstädte, der Übergang vom Gecekondu zum apartkondu, entscheidende Impulse. Die ursprüngliche Definition des Gecekondu als kleines, auf besetztem öffentlichem Boden errichtetes Haus veränderte sich. Heute ist mit dem Begriff vor allem ein nicht plangemäss, ohne Bewilligung gebautes oder aufgestocktes Gebäude gemeint, oft mit einem arsa tapusu versehen, einem anlässlich einer Amnestie erlangten legalen Eintrag des Grundstückes. Die Istanbuler Architektenkammer verwendet daher den Begriff kaçak yapi, illegale Konstruktion, statt Gecekondu; 65 bis 70 Prozent aller Gebäude auf Stadtgebiet sind demnach illegal.

Besitzer werden, ohne zu arbeiten

Folge dieser pragmatisch-populistischen Politik war die Umwandlung des öffentlichen Grundes in eine Ware. Schlaue Landbesetzer bemächtigten sich brachliegender Grundstücke, bauten darauf mehrstöckige Wohnhäuser und vermieteten oder verkauften sie an Neuankömmlinge; mit gefälschten Urkunden hatten sie ganze Strassenzüge in ihren Händen und wurden so zur Oberschicht im neuen Zweiklassensystem der Gecekondu-Quartiere: Besitzende und Besitzlose, Hauseigentümer und Mieterinnen. Heute sind die Hälfte aller Einwohnerinnen von Gecekondu-Quartieren Mieterinnen. Mit dem Auftreten der gecekondu mafyasi oder arazi mafyasi, der Bodenmafia, lief das Konzept der af im Dienste des Fortschrittes aus dem Ruder. War anfänglich die Aussicht auf Arbeit ausschlaggebende Motivation für die Migration in die Stadt, so wurde später die Spekulation ein wichtiger Anziehungsfaktor: In Istanbul, so die Kunde, wird man apartman zengini, Wohnblockbesitzer, ohne zu arbeiten.

Wie an andern Stellen der städtischen Peripherie ist auch auf der Höhe über dem asiatischen Ufer des Bosporus in fünfzig Jahren eine vollkommen neue Stadtlandschaft entstanden. Sie kann als Modell gelten dafür, wie die Stadt wächst, wie sie sich neuen Raum schafft zwischen vorbestehenden Siedlungen und freiem Feld, wie aus ehemaligen Dörfern Zentren werden, die ihrerseits sofort von neuen Randzonen und Peripherien umgeben sind, zwischen Bachläufen und Plateaus das Terrain bedeckend und die zerklüftete Geografie der Stadt überziehend. Zwar sah der Bebauungsplan von 1980 für die weitere Entwicklung der asiatischen Seite Istanbuls die Ufer des Marmarameeres vor, von Kadiköy über Bostanci nach Maltepe und Kartal; die Höhen sollten frei bleiben. Er bezog aber den Bau der Verkehrswege nicht ins Konzept mit ein. Die beiden Bosporusbrücken, seit 1973 und 1988 im Verkehr, wurden zum kräftigsten Faktor für Ümraniyes Entwicklung, das zwischen ihren Zufahrtsstrassen liegt. Bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ein Dorf mit unter tausend Einwohnern inmitten ausgedehnter Bewaldung, überfluteten es nun, über die neuen Brücken vom europäischen Ufer hereindrängend, Industriebetriebe auf der Suche nach Standorten, Möbelfabriken, Schreinereien, eisenverarbeitende Betriebe, Textilateliers. Ümraniye wurde zum bevölkerungsreichen Zentrum. Sein Wachstum ist heute im Kern abgeschlossen, die Illegalität der Gebäude, einst zu drei Vierteln Gecekondu, Geschichte. Siebenstöckige Häuserblocks säumen die Strassen. Geschäfte, Boutiquen, Banken, ein grosses öffentliches Spital, Gymnasien, ein Theater- und Kulturzentrum und ein grosser Sportkomplex haben es zur Stadt gemacht. Seit 1989 ist es ilçe, eigener Stadtkreis wie Üsküdar, Beykoz und Kadiköy, mit 600 000 Einwohnern. Längst muss niemand mehr für einen Kleider- oder Möbelkauf extra nach Üsküdar fahren. Kürzlich hat das Möbelhaus Ikea in Ümraniye seine erste türkische Filiale eröffnet. Immer noch gehört Ümraniye zu den am schnellsten wachsenden Quartieren Istanbuls. In seiner Umgebung, auf dem freien Feld, dem abgerodeten Wald, wo noch vor zwanzig Jahren Äcker lagen, wächst es weiter, zuerst in die Breite, dann in die Höhe, ins Innere sich verdichtend, gegen aussen sich in die weiter vorn liegende Landschaft reckend.

Kaum kommt der Muhtar, der Quartiervorsteher Ibrahim Demiral, von einem seiner auswärtigen Besuche zurück, drängen sie herein, umstellen seinen Schreibtisch und reden. Der Reihe nach immerhin, wenn er ihnen das Wort erteilt. Ein paar alte Männer setzen sich auf das Sofa und ziehen die Mützen vom Kopf. Hier ist Hoffnung und Hilfe, einer, der zuhört von Amtes wegen. Ohne sich um die Umstehenden zu kümmern, legen sie ihre Sorgen auf den Tisch, die echten, die erfundenen, die inszenierten. Manchmal haben sie Beweisstücke bei sich wie die jüngere Frau, die aus einem Plastiksack Medikamentenschachteln kramt und sie vor dem Muhtar aufreiht. Sie ist krank, kann nicht arbeiten, und das Dach ihres Hauses rinnt. Bevor sie noch ausgeredet hat, beginnt sie zu weinen. Verärgert fragt Ibrahim Bey: Warum weinst du, wenn du mir deine Sorgen erzählst? Er notiert ihre Adresse, er wird vorbeikommen und sich das Dach ansehen. Innig streckt sie die Hand aus, ergreift die seine, ich werde Ihnen die Stimme geben. Sie haben alle unsere Strassen geteert, Gott soll Ihnen Gutes tun. Kaum kommt sie am nachdrängenden Bittsteller vorbei zur Tür, der sich, bereits redend, an die Tischkante vorschiebt. Sein Wasser fliesst nicht ab, er will endlich einen Anschluss an die Kanalisation. Der Muhtar lässt sich die Lage des Hauses schildern, widerspricht. Du hast keinen direkten Anschluss, aber über verschiedene Rohrverbindungen, die wir gezogen haben, gelangt dein Schmutzwasser schliesslich doch dahin. Hier haben fünfzig Häuser gar keinen Anschluss. Sei mal zufrieden! Ohne ein Widerwort geht der Mann, sichtlich unzufrieden. Sogleich stellen sich drei jüngere Frauen vor dem Schreibtisch auf, mit locker gebundenen Kopftüchern und bunten Röcken über festen Hüften. Sie falten die Hände vor dem Bauch, während die Älteste der drei redet. Für Hilfe stehen sie hier an, wozu sonst? Und sind fest der Meinung, dass die ihnen zusteht. In Ibrahim Beys Stimme ist ein leichter Vorwurf, als er ihnen die Kriterien erläutert. Die drei dürften bestens auf dem Laufenden sein über die Bedingungen; dennoch wiederholt er sie zweihundert Mal am Tag: Haushalte mit Behinderten, Verwitweten, Arbeitslosen, kinderreiche und mittellose Familien. Zudem: Wer letztes Jahr Geld bekommen hat, muss heuer verzichten. Ibrahim Bey, im Quartier geboren und aufgewachsen, mit den meisten Gesichtern vertraut, muss sich bemühen, die Hilfeleistungen des Staates angemessen zu verwenden, und kann dennoch nicht verhindern, dass einige seine Vergabepraxis zu lasch finden. Zu gutgläubig, zu unkontrolliert greife er in die Tasche. Ein Quartier mit hunderttausend Einwohnern zu betreuen, dessen grösste Sorge die Armut ist, soll mal einer fehlerfrei leisten. So geht er am späteren Nachmittag selber auf den Weg und sieht sich an, womit sich seine Leute in ihren prekären Behausungen herumzuschlagen haben.

In die Karabekir Mahalle kamen sie vor allem, um zu überleben. Hier schlugen sie sich durch. Und jede Gruppe von Neuankömmlingen war ein Anreiz zur Verbesserung der Infrastruktur. Sie sollten nur kommen! Fast alles ist besser geworden, seit Goncagül mit fünfzehn, gerade schulentlassen und frisch verheiratet, aus dem Gecekondu ihrer Eltern in das ihrer Schwiegereltern zog. Ihr Schwiegervater hatte es gebaut. In Sultantepe, einem ordentlichen Quartier in Üsküdar, hatte die Familie ein Baugeschäft geführt und daneben auch ein paar Kühe gehabt, mit denen sie vom Schwarzen Meer gekommen waren, und mit der Milch gehandelt. Aber im Zentrum war das nicht tragbar, wie da die Kühe zwischen den Baumaterialien herumstanden, und als in Karabekir die Besiedlung anfing und das Baufieber, da kamen sie her. Niemandsland auf den Hügeln! Die Kühe haben sie später verkauft, aber der Hahn kräht noch immer hinter dem apartman, wo seit mehr als zehn Jahren die Trümmer des kleinen Gecekondu liegen. Ohne Reue geht Goncagül täglich an ihnen vorbei, Zeugen ihrer schweren Jugend, ihres anstrengenden Lebens, und wenn sie etwas bedauert, dann höchstens, dass sie den Schutt nicht schon längst weggeräumt und einen Garten an der Stelle angelegt hat, wie ihn die Nachbarinnen haben, mit Schwarzkohl und Gurken und Tomaten.

Goncagüls Streitlust

Die Zeit mit der Schwiegermutter und den Schwägerinnen in dem kleinen Haus setzte ihrem weichen Gemüt und ihrer fröhlichen Art arg zu. Goncagül dreht den Kopf zu den Töchtern, sie lacht. Die Schwägerin, die Ruhige, etwas Ältere, zieht die Stirn hoch mit einer Mischung aus Hochachtung und Neid, und man sieht: Alle möchten so sein wie Gonca, lebhaft gewandt und so direkt, dass man ihr glauben muss. Fast stolz erzählt sie von ihrer Streitlust und wie sie ihr Recht durchsetzt und sich querstellt, wenn ihr etwas nicht passt. Ihr Mann hat längst hingenommen, dass sie in der Familie zur söz sahibi geworden ist, zur Wortführerin. Wenn er etwas Wichtiges zu beschliessen hat, unterbreitet er es ihr. Nicht nur ihr Wort, auch ihre Unterschrift gilt: Das apartman, für das sie vor gut zehn Jahren endlich die provisorische Besitzurkunde, die tapu tahsis belgesi, bekamen, lautet auf ihren Namen, und den Vertrag für den kleinen Imbissbetrieb in einer Primarschule drüben in der Inkilâp Mahalle, wo sie sich während der Wintermonate ihren Lebensunterhalt verdienen, hat sie unterschrieben. Heuer werden erstmals die Töchter in dem zum Familienunternehmen mutierten Geschäft mitmachen, damit der hektische Betrieb in den Pausen erträglicher wird, wenn sich Dutzende von Kindern auf die Toasts, pogaça, simit, und Getränke stürzen und in den zehn Minuten alle gefüttert werden wollen.

An die ältere Inkilâp Mahalle anschliessend ist die Kâzim Karabekir Mahalle, eines der zahlreichen Quartiere in Ümraniyes Umkreis, in den siebziger Jahren entstanden und vor allem in den achtziger Jahren gewachsen. Wie auf einer verkleinerten Landkarte der Türkei sprenkeln die Gruppen der Zugewanderten, vereint nach Herkunftsorten, die Strassenzüge und Gevierte. Die Schwarzmeerleute, die Mehrheit der Bewohner, schaffen es mit ihrer energischen Art meist besser, Fuss zu fassen, als die weicheren dogulu, die Bevölkerung aus dem Südosten. Die Arbeitslosigkeit ist hoch in Karabekir, wesentlich höher als in Ümraniyes Zentrum. Die lange Hauptstrasse mit dem holprigen Trottoir und dem schadhaften Belag säumen Lebensmittel- und Kleiderläden und Cafés, ein kleines Spital, Handwerker und Depots für Baumaterialien. Viele Lokale sind jedoch leer hinter gesenkten Eisengittern und zeitungsverklebten Scheiben. Eine spürbare Einschränkung brachte der neue Türk Ceza Kanunu, das Strafgesetz, das im Frühling 2005 in Kraft trat. Es sieht wesentlich härtere Strafen für Vergehen im Bausektor vor und stoppte die zahlreichen Bauhändler im Quartier abrupt. Nicht nur während ihrer traditionellen Hauptgeschäftszeit in den paar Wochen vor den Wahlen, wenn das Baufieber ausbrach, der Bedarf an Bauholz, Backsteinen und Zement in die Höhe schoss und die Handwerker ihre Tageslöhne aufs Doppelte trieben, machten sie fette Geschäfte, auch dazwischen hatten sie ihr Auskommen. Meist liessen es die Behörden bei der blossen Anordnung von Geldstrafen bewenden, wie sie die bisherige Gesetzgebung für illegales Bauen vorsah. Nun sollen aber statt Geldstrafen Gefängnisstrafen zur Anwendung kommen, und vor dieser Neuigkeit hält alles den Atem an.

Niemand glaubt an Veränderungen

So sitzen die Männer im Café, die Frauen auf den unsicheren Balkonen ihrer apartman, und man sieht, wie die Stadt aussieht, wenn sie noch nicht fertig ist, ein unsystematisches Gemisch, luftig und offen im Vergleich zur hochgezogenen Hektik von Ümraniyes Zentrum. Wie Finger greifen frühe und spätere Bauweisen ineinander, liegen einstöckige Häuschen voll wuchernden Grüns und abfallbesäter Wiesenstücke neben Mehrfamilienhäusern mit drei oder vier etappenweise aufgesetzten Etagen. Über den bescheidenen Ladenzeilen, verputzt und beschildert, stehen die ersten Stockwerke mit ihren grauen Fassaden im Rohverputz, und darüber ragen Backsteinmauern auf und färben das Quartier ziegelrot ein: 40 Prozent der Häuser in Karabekir sind unfertig. Aus ihrer vorläufigen Bedachung ragen filiz, angerostete Triebe von Armierungseisen, wie Sträusse von Strandgras in den Himmel und warten darauf, in die Höhe gezogen zu werden, damit der Sohn mit seiner Familie ein Heim bekommt, die Verwandten aus dem Dorf oder die Mieter, dank denen man sich aus dem einst besetzten Grundstück noch ein kleines Einkommen sichert.

Denn niemand glaubt ernsthaft an Änderungen. Warum sollte die Stadt zur Ruhe kommen? Bereits sind Quartiere wie Kâzim Karabekir zur Alternative geworden für Leute, die mit den rasend steigenden Boden- und Mietpreisen in zentrumsnäheren Kreisen nicht mithalten können. Vor allem aber aus Anatolien wandern sie immerzu herein. Nach dem massiven Rückgang der Wanderbewegung nach dem schweren Erdbeben von 1999 wächst die Stadt wieder. Zweihundert illegale Konstruktionen, so die Schätzung, zwängen sich täglich ins urbane Gewebe. Wie das Wasser, die Luft, der Wald und die Umwelt wird auch der Boden nicht mit so abstrakten Dingen in Zusammenhang gebracht wie Schutzwürdigkeit oder Gemeinwohl. Er ist Mittel zum Zweck, zum Gewinn von Wählerstimmen und zur Bereicherung.

Zuoberst auf der Liste der Massnahmen zur Legalisierung illegaler Bauten steht daher seit ein paar Jahren das Projekt, ehemaliges Waldland, das später illegal überbaut wurde, aus dem ihm zustehenden verfassungsmässigen Schutz zu entlassen, es wie städtischen öffentlichen Grund zu behandeln und gegen einen Verkaufspreis den ehemaligen Besetzern zu überlassen. Damit kämen landesweit Hunderttausende Menschen zu einem tapu; gleichzeitig würde auch dieser Boden manipulierbar und vermarktbar. Obwohl Staatspräsident Sezer gegen das Gesetz schon zweimal das Veto eingelegt hat, sind Ministerpräsident Erdogan und seine Partei entschlossen, den Plan durchzusetzen, notfalls mit einer Verfassungsänderung. Ein neuer, breit ausholender af in anderer Gestalt schlösse sich an die bisherigen an, 4700 Quadratkilometer abgerodetes Waldland kämen definitiv in die Bauzone.

In Kâzim Karabekir, wo besonders viel ehemaliger Wald überbaut wurde und daher die überwiegende Mehrzahl der Gebäude immer noch keinen tapu besitzen, wartet man ungeduldig auf die Realisierung des Vorhabens. Es könnte die einst Zugewanderten wie andere Städterinnen und Städter in den Besitz eines tapu bringen und sie zu vollwertigen Sesshaften machen, die man nicht mehr vertreiben kann. Natürlich wussten sie schon immer, dass es bessere Orte gibt in dieser Stadt als ihre chaotische Mahalle; sie waren nicht so naiv, wie sich die Städterinnen erzählen. Gecekondulu, die nie ihr Ghetto verlassen und ihr Leben lang nicht einmal das Meer zu riechen bekommen, ach was! Schon als Kind kam Goncagül nach Üsküdar und sah, wie ordentlich es dort aussieht.

Diskussionen um Strandbekleidung

So viel sich aber seit der Zeit, als sie hier durch den Schlamm wateten, verändert hat, so sehr sind sie selbst die Gleichen geblieben, kenarli, Frauen vom Rand der Stadt, die ihren Rock anhaben und ein Tuch um den Kopf. Goncagüls Töchter sind zwar nicht bedeckt und tragen auch Hosen, besonders sie, sagt die Mutter und zeigt auf ihre Älteste, zieht sich gern offenherzig an, und wenn sie jetzt in die Ferien fahren zu Goncagüls Eltern nach Ayvalik an die ägäische Küste, wird es wieder losgehen mit den Diskussionen, wie man sich am Strand zu kleiden habe. Goncagül wird Shorts und ein T-Shirt tragen, und auch die jüngere Tochter hat sich diese Tracht zu eigen gemacht. Bloss die Älteste beharrt auf einem Badekleid. Aber ein Badekleid passt nicht in ihre Familie, sie sind nicht schick, nicht städtisch, sie sind Dörflerinnen und bescheiden. Zwar mault die Tochter, in Shorts machst du dich lächerlich, man sieht sofort, wie rückständig du bist. Auf ihrem Gesicht steht jedoch geschrieben, dass sie nachgeben wird. Von der Mutter, den Tanten hat sie gelernt, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. In zwanzig Jahren Ehe ist Goncagüls Mann in der Frage, ob seine Frau Hosen tragen darf, von seiner Haltung keinen Zentimeter abgewichen; längst hat sie aufgehört, da etwas für sich herausholen zu wollen. In den entscheidenden Fragen, wo sie arbeiten, wo sie wohnen, was ihre Kinder tun, lässt sie sich nichts vorschreiben, da bestimmt sie mit. Aber wenn sie in Üsküdar unten auf Frauen trifft in ihrem Alter, in engen Jeans und geschminkt, sieht sie den Unterschied, sie sieht: Sie ist eine Dörflerin, in der Stadt aufgewachsen, unverändert in ihrer Lebensauffassung, und jedesmal, wenn sie von einem Ausflug nach Karabekir zurückkommt, weiss sie, dass sie hier richtig ist.

Published 2 November 2005

Original in German
First published in du 10/2005

Contributed by du
© Hanna Rutishauser/du Eurozine

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