Transnationale Gemeinschaften

Die neue chinesische Emigration nach Ungarn

Wenn von Migration im postsozialistischen Europa die Rede ist, fallen einem als erstes erzwungene oder freiwillige ethnisch bedingte Umsiedlungen in der Region und die Abwanderung von Arbeitskräften in Richtung Westen ein. Es gibt aber auch eine Migration hochqualifizierter Arbeitskräfte von West nach Ost, die nicht nur beträchtliche kulturelle Auswirkungen hat, sondern auch zahlenmäßig eine viel größere Dimension erreicht, als gemeinhin bekannt ist. So sind zum Beispiel mehr als hunderttausend hochqualifizierte Deutsche in Polen beschäftigt.) Ich möchte im Folgenden einen anderen Strom von Menschen ansprechen, der in den neu geöffneten osteuropäischen Migrationsraum fließt: Migranten aus Asien.

Ich werde nicht den Versuch unternehmen, einen Überblick über das heterogene Gemisch von Gruppen zu verschaffen, die sich als asiatische Migranten einstufen lassen, seien es indische Ingenieure oder afghanische Flüchtlinge, arabische Studenten oder chinesische Händler. Statt dessen möchte ich mich einem Einzelbeispiel zuwenden: dem der Chinesen, einer der größten, am schnellsten wachsenden, wichtigsten und mobilsten Gruppen in der Region. Die Erörterung konzentriert sich dabei auf Ungarn, die Hauptdrehscheibe für die Migration und das unternehmerische Engagement der Chinesen in Osteuropa; doch was sich über die Chinesen in Ungarn sagen läßt, ist ohne weiteres übertragbar auf die Chinesen überall im osteuropäischen Raum. Auch in den postsowjetischen Staaten stellen die Chinesen eine wichtige Migrantengruppe dar; das sehr eigene und komplexe Bild ihrer Migration in die frühere Sowjetunion werde ich hier allerdings weitgehend ausklammern.

Vor 1989 beschränkte sich die Anwesenheit von Asiaten in der Region auf vietnamesische Gastarbeiter in der ehemaligen Tschechoslowakei und der DDR und auf arabische Studenten (Studenten aus Vietnam und China gab es nur sehr wenige), von denen sich die meisten in Rumänien aufhielten. Als sich Osteuropa der neuen Migration öffnete, expandierten diese Gemeinschaften und veränderten ihr Profil. Der Handel entwickelte sich zu ihrer wichtigsten Aktivität. Rumänien beherbergt heute über zehntausend Araber. Allein libanesische Staatsangehörige haben in Rumänien seit 1990 an die zweitausend Unternehmen ins Handelsregister eintragen lassen, während Syrien an dritter Stelle rangiert, was die Zahl von Gesellschaften mit ausländischem Kapital betrifft.1 In Tschechien besaßen 1994 über neuntausend vietnamesische Staatsbürger ständige oder langfristige Aufenthaltsgenehmigungen.2

Auch wenn eine begrenzte Zahl von Arabern und Vietnamesen inzwischen in der Gesamtregion verstreut sind, beweisen sie doch insgesamt weniger Mobilität als die Chinesen. Diese Neuankömmlinge haben sich binnen eines Jahrzehnts aus ihren anfänglichen Zielländern – Rußland und Ungarn – in nahezu alle Länder der Region ausgebreitet und sich in Handel und Gastronomie eine starke Position erobert (eine Ausnahme bilden nur die Länder des Balkans und des Baltikums). Ihre Zahl reicht von mehreren Tausend bis zu mehreren Zehntausend (in Rußland sind es vermutlich mehrere Hunderttausend). Allen Hemmnissen in Gestalt schwer durchlässiger Grenzen und unberechenbarer Einwanderungspolitik zum Trotz bewegen sie sich in Verfolgung ihrer geschäftlichen Interessen so frei zwischen den einzelnen Ländern, als gehörten diese bereits einem vereinigten Europa an. In diesem Sinne sind die Chinesen in der Tat “die besten und ältesten Europäer”3 in einer Region, die sich immer noch an nationale Grenzen klammert, für die sie notfalls sogar bereit ist zu töten. Alte und neue Emigration Seit der Einführung wirtschaftlicher Reformen in der Volksrepublik China (VRC) hat die bis 1978 unterbundene Migration im Innern und ins Ausland massiv zugenommen. Die internationale Migration der neu entstehenden Konsumgesellschaft speiste sich vor allem aus den Großstädten und Küstenregionen. Chinesische Studenten und Austauschakademiker, die seit 1978 in beträchtlicher Zahl ins Ausland gingen, waren die Wegbereiter dieser Migration. Nach der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Tienanmen-Platz im Jahre 1989 wanderten besonders Studenten und Wissenschaftler in großer Zahl aus, aber auch Unternehmer, die nach diesem Ereignis an der Zukunft der jungen Privatwirtschaft zweifelte. Die beiden Migrationsströme begannen zu verschmelzen, denn die Studenten gewannen rasch Abstand zu ihrer Vergangenheit als politische Dissidenten und entwickelten ein zunehmendes Interesse an Geschäften mit China.

Auch für die chinesische Massenmigration nach Ungarn waren die Ereignisse auf dem Tienanmen-Platz der Auslöser. Die Chinesen entdeckten damals das Reiseabkommen mit Ungarn, das 1988 in Kraft getreten war und den Visazwang aufhob; das Land sagte ihnen als Tor nach Westeuropa zu und erschien ihnen als Standort vielversprechend genug, um ihr Kapital dorthin zu schaffen. Von 1989 bis 1991 wuchs die chinesische Volksgruppe in Ungarn von praktisch Null auf rund 40 000. Die ungarischen Behörden reagierten darauf Anfang 1992 mit der Wiedereinführung des Visazwangs und damit, daß sie in Abständen die Erteilung und Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen für Chinesen aussetzten oder Razzien gegen chinesische Migranten ohne gültige Papiere veranstalteten. Das führte zu einer sekundären Migration nach Polen, Tschechien, in die Slowakei, nach Rumänien und in geringerem Umfang auch in andere Länder der Region sowie nach Westeuropa; in Ungarn blieben nur etwa 10 000 Chinesen zurück. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Lockerung der russischen Grenzkontrollen strebten chinesische Händler und Kontraktarbeiter auch in den fernen Osten Rußlands und nach Moskau. Die Zahl dieser Migranten dürfte bereits in die Hunderttausende gehen, und entsprechend lautstark ist die Reaktion der Politiker und der Medien. Über Rußland sind mittlerweile auch Chinesen in die Ukraine, nach Weißrußland und in die Staaten Mitteleuropas weitergewandert.

In ihrer Motivation und ihrer Herkunft unterschieden sich die frühen chinesischen Migranten nach Ungarn von jenen aus den traditionellen qiaoxiang (Auswanderungsgebieten), die bis in die siebziger Jahre die westeuropäische Szene beherrscht hatten. Die neuen Migranten kamen in der Regel aus den städtischen Küstenregionen der VRC und zeichneten sich durch aufstiegsorientierte soziale Mobilität, ein überdurchschnittliches Bildungsniveau und individuelle Beweggründe aus. Die qiaoxiang-Migranten hingegen stammten aus ländlichen Milieus mit einer generationenübergreifenden Auswanderungstradition. Um die Mitte des Jahrzehnts indes entwickelten Zhejiang und Fujian, zwei Provinzen mit ausgeprägter Auswanderungstradition, eine qiaoxiang-Praxis, deren spezifisches Zielgebiet Osteuropa war. Die Verwaltungsbezirke Jiangyin und Jiangjin im Bezirk Fuqing der Provinz Fujian sind mittlerweile auf die Auswanderung nach Ungarn, Deutschland und Rußland spezialisiert; der Verwaltungsbezirk Mingqi nahe der in Fujian gelegenen Großstadt Sanming schickt vorzugsweise Migranten nach Ungarn und Italien, und die Auswanderer aus dem Dorf Wenxi nahe der Stadt Wenzhou in der Provinz Zhejiang gehen ebenfalls nach Ungarn.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind drei Faktoren: Erstens gab es einige erfolgreiche Migranten aus diesen Gebieten, denen eine ganze Kette von Verwandten und Freunden nach Ungarn folgte; zweitens hat sich ein System der halblegalen Vermittlung von Auswanderungsgelegenheiten herausgebildet, das von Herstellern gefälschter Papiere bis zu Regierungsbehörden reicht, die Migrationswilligen offizielle ungarische Einladungen besorgen; drittens fördern ärmere Regionen in diesen Provinzen die Auswanderung stillschweigend, weil sie darin eine Chance sehen, ihre ökonomische Situation gegenüber den alten qiaoxiang zu verbessern. Im Jahre 1996 ersuchte die Stadtverwaltung von Sanming die ungarische Botschaft sogar, die Befugnis zur Ausstellung von Visa auf sie zu übertragen.

In Westeuropa bilden die qiaoxiang-Migranten ethnisch abgeschlossene ökonomische Nischen vor allem im Bereich der Gastronomie. Die Hauptaktivität der Chinesen in Ungarn bildet der Handel, Importgeschäfte ebenso wie Groß- und Einzelhandel. In Ungarn und in anderen osteuropäischen Ländern machten sich die Chinesen zunutze, daß die dortigen Volkswirtschaften an Unterversorgung litten, und füllten durch das Angebot billiger, aber modisch akzeptabler Kleidung von der Art, wie sie in China für westliche Billigladenketten gefertigt werden, eine Bedarfslücke. Anders als die traditionellen chinesischen Auswanderer nach Westeuropa verfügten diese Migranten über das kulturelle Kapital, die Mobilität und die Kommunikationsmittel, um enge Beziehungen zu staatlichen Unternehmen in China zu knüpfen, von denen sie zu niedrigen, staatlich subventionierten Preisen und zu günstigen Vertragsbedingungen mit Waren versorgt wurden. Anfang der neunziger Jahre entwickelte sich Ungarn zur Drehscheibe für chinesische Importe nach Osteuropa; Kaufleute aus Polen, der Ukraine und Jugoslawien strömten auf den großen Markt in Budapest, wo sich die meisten chinesischen Großhändler niedergelassen hatten.

In der Regel war es in Westeuropa so, daß sich die Chinesen, sobald ihre ökonomische Nische ausgefüllt war, dazu entschieden, das gewohnte Geschäft auf neuem Terrain fortzusetzen. Daraus erklärt sich die allmähliche Ausbreitung chinesischer Restaurants in ganz Westeuropa von den 60er bis zum Ende der 80er Jahre. Als 1995 der Markt für Kleider und Schuhe in eine Flaute geriet, begannen die chinesischen Geschäftsleute in Ungarn hingegen, die Palette ihrer Aktivitäten zu erweitern, etwa indem sie sich auf Exporte, Dienstleistungen oder Produktion verlegten. Gleichzeitig beschleunigten sie die Ausbreitung ihrer Geschäfte in andere Länder der Region und verschafften sich dort Aufenthaltsrecht; ihr Unternehmen und oft auch ihren Wohnsitz beließen sie jedoch in Ungarn, nach Art eines Investors, der sein Portfolio ausbalanciert. Ökonomisch beweist die chinesische Volksgruppe in Ungarn also eine viel größere Offenheit und kann die Chancen, die das Gastland bietet, weit besser nutzen, als das bei ihren Landsleuten in Westeuropa der Fall ist; damit sichert sie ihren Angehörigen die Chance zu einem raschen sozialen Aufstieg.

Einer meiner Informanten, der in China bei der Staatsbank angestellt war, über einen Chauffeur verfügt und Prämien einstreicht, die manchmal bis zu 5 000 Dollar monatlich betragen, stellt ein gutes, wenn auch nicht unbedingt typisches Beispiel dar. Anders als bei den qiaoxiang-Migranten war es nicht mehr das unbestimmte “Traumland Europa”, das diesen Mann und seinesgleichen nach Ungarn führte, sondern die Abwägung spezifischer Chancen. Er glaubt, daß sich in China mehr Geld verdienen läßt, meint aber auch, daß die Konkurrenz dort härter ist und man dramatischer scheitern kann. Aus dem internationalen Handelsnetz Chinas, das zumal die Ränder des Pazifik kreuz und quer überspannt, kann in China jedermann Nutzen ziehen, während es im Ausland zu einem Wettbewerbsvorteil wird. Deshalb sind die existierenden chinesische Populationen für die neuen Migranten nicht einfach nur – wie bei der traditionellen Kettenmigration – ein Anziehungsmoment, sondern gleichzeitig auch ein Abstoßungsfaktor, da mehr Chinesen mehr Konkurrenz bedeuten. Die neue chinesische Migration ist opportunistisch: Fortgetrieben fühlt auch sie sich durch die Überbevölkerung daheim, doch weniger wegen der existentiellen als wegen der psychologischen und sozialen Auswirkungen; angelockt wird sie durch (vermutete) Chancen, Geld zu verdienen, und durch die Aussicht, sich mit der Beschaffung eines Wohnsitzes im Ausland oder mit einem Wechsel der Staatsbürgerschaft frei über den Globus bewegen zu können. Die Bauern in den traditionellen Auswanderungsgebieten Südostchinas reagieren sehr schnell auf Veränderungen in der wirtschaftlichen Lage oder in der Einwanderungspolitik der fernen europäischen und amerikanischen Staaten und diskutieren eifrig – wenn auch nicht immer gut informiert – über eine Amnestie für illegale Einwanderer in Italien oder über den Textilmarkt in Osteuropa.

Keine Frage, daß die Chinesen in Osteuropa sowohl eine außerordentliche geographische Mobilität als auch ein hohes Maß an Bereitschaft zum sozialen Rollenwechsel an den Tag legen. Ich habe Leute interviewt, die als Händler in Ungarn begannen, erfolglos waren oder ihr Geld im Kasino verspielten, nach Italien oder Deutschland gingen, um drei oder fünf Jahre lang in lederverarbeitenden Kleinbetrieben oder in Restaurants zu arbeiten, dann wieder nach Ungarn oder Rumänien zurückkehrten und jetzt überlegen, wie sie das dort verdiente Geld in den Aufbau eines eigenen Geschäftes investieren können. Andere, deren Antrag auf politisches Asyl in Deutschland abgelehnt wurde, entschieden sich für eine illegale Rückkehr nach Ungarn, weil sie hofften, dort leichter eine erneute Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Andere, die Anfang der neunziger Jahre mit Handelsgeschäften in Rußland begannen, zogen weiter nach Ungarn, kehrten aber zurück, als man dort 1992 begann, die Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen restriktiv zu handhaben. Mit anderen Worten, die Migration, sogar die illegale, verläuft keineswegs nur von Ost nach West, sondern auch in umgekehrter Richtung.

Es scheint auf der Hand zu liegen, daß chinesische Unternehmer dank ihrer Mobilität und Anpassungsfähigkeit und der Vorteile, die sie aus dem freien Arbeits- und Gütermarkt ziehen, bevorzugte Nutznießer des westlichen Globalisierungsdiskurses sind. In einem gewissen Maße sind sie sich dieses Diskurses auch bewußt und nutzen ihn. Wenn sie in Osteuropa eintreffen, erwarten sie, McDonald’s, Hallmark-Glückwunschkarten und immigration-for-investmentarrangements vorzufinden. Werden ihre Erwartungen enttäuscht (was in bezug auf McDonald’s freilich nicht mehr der Fall sein dürfte), berufen sie sich auf ihre Erfahrungen mit westlichen (angelsächsischen) Ländern, deren Standards sie als Norm betrachten. Bemerkenswert ist aber, daß die “transnationalen” Chinesen dem Globalisierungsdiskurs ein ganz eigenes Gepräge verleihen.

Ich rede hier nicht von der weltweiten Popularität einer “fernöstlichen Kultur”, wie sie sich in Büchern über Fengshui oder religiöse Mystik niederschlägt – Bücher, die in allen westlichen Gesellschaften angeboten werden und oft von westlichen Verfassern geschrieben sind (die meisten chinesischen Kochbücher und Abhandlungen über Fengshui auf dem ungarischen Markt stammen von englischen Autoren, einfach deshalb, weil sie leichter zu übersetzen sind). Bei diesem Phänomen handelt es sich nur um ein weiteres Beispiel für das von westlichen Marktakteuren praktizierte Verfahren, lokal etwas aufzugreifen, um es dann global zu vermarkten, nach dem Vorbild von McDonald’s, das ein einheimisches Gericht aus irgendeinem Land adoptiert und es dann auf Basis der Standardzubereitung in andere Länder exportieren. Ich rede vielmehr über den Zugehörigkeitsdiskurs, der die Migranten zu Mitgliedern einer “globalen Majorität” mit ihren organisatorischen und symbolischen Grundlagen macht, über dessen Rolle im Geflecht ökonomischer Beziehungen und über die Einbindung von Nichtchinesen in die kommerziellen Strukturen, die im Rahmen dieses Diskurses funktionieren.

Die Konstruktion von Identität

Die Vorstellung, daß chinesische Migranten der ersten Generation ihren Aufenthalt im Ausland als nur vorübergehend betrachten, hat in der westlichen Chinaforschung den Status eines Gemeinplatzes. Beredtes Zeugnis davon, daß diese Vorstellung auch auf die neuen Migranten übertragen wurde, legte eine Konferenz ab, die 1995 von chinesischen Organisationen in Zusammenarbeit mit einer ungarischen nichtstaatlichen Organisation und der Budapester Stadtverwaltung veranstaltet wurde und in deren Vorfeld einige der chinesischen Organisatoren den Gedanken zur Diskussion stellten, die Chinesen sollten darauf hinarbeiten, in Ungarn als ethnische Minderheit anerkannt zu werden. Die Reaktion in der chinesischen Gemeinschaft fiel weitgehend negativ aus, sogar bei den Anhängern der Aktivisten, von denen der Vorschlag stammte: “Die Chinesen können nirgends eine Minderheit sein!” Abgesehen davon, daß in China das Wort “Minderheit” mit “rückständigen” Ethnien wie den Tibetanern und Uiguren verbunden wird, halte ich dafür, daß die Chinesen auch deshalb ablehnen, sich als Minderheit zu definieren, weil sie sich als Teil einer mobilen “globalen Majorität” betrachten, deren Bedeutung weit über den mehr oder minder zufälligen Umstand hinausreicht, daß man in einem Land, das von einem anderen Volk bewohnt wird, eine Minderheit bildet.

Li Yiyuan hat die Ansicht vertreten, daß die dialektal getrennten chinesischen Gruppen (aus denen die traditionellen chinesischen transnationalen Gemeinschaften Südostasiens, Nordamerikas und zum Teil auch Westeuropas bestehen) zur Konstruktion ihrer Identität und ihres Verhältnisses zur Außenwelt drei Modelle verwenden.4 Das erste ist das “unmittelbare Modell”, das die Reihe von kulturellen Merkmalen bestimmt, durch die sich die Gruppe selbst definiert. Das zweite ist das “Modell des internen Beobachters”, das über die Stellung der Gemeinschaft gegenüber den anderen Dialektgruppen entscheidet. Das dritte ist das “ideologische Modell”, das die betreffende Gruppe als Teil einer panchinesischen Kulturgemeinschaft setzt. Wenn der äußere Einfluß von seiten der Wirtsgesellschaft gering ist, spielt das ideologische Modell kaum eine Rolle; sind diese Einflüsse hingegen stark, wird es verwendet, um entweder die verschiedenen Dialektgruppen unter einen Hut zu bringen oder um einer der Gruppen die Hegemonie über die anderen zu verschaffen.

Bei der chinesischen Gemeinschaft in Ungarn bildet eindeutig das ideologische Modell die Basis für den Zugehörigkeitsdiskurs. In der qiaoxiang-Migration spielten das unmittelbare Modell und das Modell des internen Beobachters eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie das ideologische Modell, da die meisten Beziehungen nach China über die direkten Kontakte zu den qiaoxiang liefen, wodurch die Migranten aus verschiedenen Regionen zugleich voneinander abgegrenzt wurden. Bei der neuen chinesischen transnationalen Gemeinschaft stützt sich der Zugehörigkeitsdiskurs eher auf eine panchinesische Identität als auf die ethnische Zuordnung (daß man z.B. aus Kanton oder Wenzhou zugleich stammt), wie sie für die traditionellen Gruppen der Auslandschinesen maßgebend ist. Hinsichtlich Handel und Politik ist das China, das sie verlassen haben, mit dem sie aber weiter geschäftliche Beziehungen pflegen, ein zentralisiertes China, das von nationalen Organisationen und kommerziellen Unternehmen vertreten wird, die aus allen Landesteilen kommen. Das symbolische Zentrum der neuen chinesischen Gemeinschaft ist nicht das qiaoxiang, sondern Peking. Die politischen Einrichtungen und der Zustand der VRC stellen ein wesentliches Moment im gemeinsamen Diskurs der Zugehörigkeit dar. Das ist zumal deshalb der Fall, weil die meisten größeren chinesischen Unternehmen in Osteuropa hinsichtlich eines raschen und günstigen Zugangs zu Waren, Geld und Marktinformationen auf staatliche Unternehmen und Regierungsstellen der VRC angewiesen sind. Dieses System hat die traditionellen Netzwerke der qiaoxiang-Migranten auf Basis der Sippe und der Herkunftsregion weitgehend ersetzt. Das qiaoxiang ist nicht länger der bevorzugte oder einzige Ort, von dem man Waren bezieht und in den man investiert. Wie auch in China selbst bilden Beziehungen zur politisch-ökonomischen Führungsschicht des qiaoxiang ein politisches Kapital, das sich in finanzielles Kapital ummünzen läßt, aber Bedeutung gewinnen sie erst auf Großstadt- oder Provinzebene. Sie sind nicht wertvoller als vergleichbare Beziehungen zu den Eliten in anderen Großstädten oder Provinzen und können mit den Verbindungen zur nationalen Führungsschicht in Peking mit Sicherheit nicht konkurrieren.

Die chinesischen Organisationen in Ungarn, zu nennen ist hier vor allem die Ungarisch-Chinesische Vereinigung (UCV), haben im Streben nach Legitimation und Macht Gebrauch von dem ideologischen Modell gemacht, um die gesamte Volksgruppe als Basis in Anspruch nehmen zu können. Der frühere Präsident der UCV, der mittlerweile Vorsitzender des Europäischen Bundes Chinesischer Organisationen (EBCO) ist, bekleidet in staatlichen Organisationen vier verschiedener chinesischer Provinzen relativ hohe Ämter. Keine der Provinzen ist seine Heimatprovinz; außerdem ist er regelmäßiger Gast bei hohen Staatsempfängen und traf sogar mit dem Parteivorsitzenden Jiang Zemin zusammen. Die 1992 ins Leben gerufene EBCO besteht weitgehend aus neuen Organisationen, die mit der Zustimmung von Behörden auf Provinzebene sowie der jeweils zuständigen Botschaften gegründet wurden und über bemerkenswert einheitliche Rituale und Symbole verfügen. Kommt man in Paris in das Büro der tongxianghui (Heimatorganisation) für die Provinz Fujian, so sieht man dort die gleichen Fotos mit chinesischen Politikern und die gleichen Fähnchen von landsmannschaftlichen Organisationen in Europa und von der chinesischen Behörde für Angelegenheiten der Auslandschinesen, wie man sie auch im tongxianghui für Fujian in Bukarest antrifft. Wenn die Organisationen zusammenkommen, um das Frühlingsfest oder den Nationalfeiertag der VRC zu feiern, werden überall die gleichen Glückwünschtelegramme landsmannschaftlicher Organisationen und staatlicher Behörden verlesen, und zwar in der gleichen Reihenfolge; auch die gleichen Reden werden gehalten. Diese neue Organisationsstruktur der chinesischen transnationalen Gemeinschaft ist Trägerin eines nicht mehr territorial gebundenen, symbolisch pekingzentrierten Nationalismus, den sich in letzter Zeit die Regierung der VRC zunutze gemacht hat, um ihren Legitimitätsanspruch sowohl im Innern als auch gegenüber den Auslandschinesen zu bekräftigen.

Kulturelle Interaktion und Globalisierung

Hat nun aber diese alternative Globalisierung irgendwelche Auswirkungen außerhalb der chinesischen Gemeinschaften? Zur Interaktion zwischen Chinesen und Einheimischen kommt es normalerweise auf dem Markt, in der Imbißstube, im Karaoke-Studio oder auch im Wohnblock. Man kann diese Interaktion als einen Austausch “abgesunkener Kulturgüter” bezeichnen: Die Chinesen lernen eine krude Form von Ungarisch, das für die Verständigung auf dem Markt genügt, gewinnen auf der Grundlage des Speisenangebots, das sich auf Wochenmärkten findet, einen Eindruck von ungarischer Küche und eignen sich die Vorurteile gegen die Roma an. Die Ungarn lernen eine krude Form von Chinesisch – ungarische Kellner in chinesischen Restaurants können sich oft damit verständigen -, gewinnen die Überzeugung, daß in China Ausspucken nicht als unfein gilt, und machen sich Vorurteile gegen Fujianesen zu eigen. Da an den Rändern der Gesellschaft die Toleranz größer bzw. die übernommenen Ressentiments milder sind, verstehen sich Chinesen häufig gut mit Arbeitgebern aus den Reihen der Roma; besonders in ländlichen Gebieten kommt es zu Liebesbeziehungen und sogar zu Eheschließungen zwischen Chinesen und Roma. Diese Formen von kultureller Interaktion sind allerdings eindeutig lokal beschränkt. Die Auswirkungen der chinesischen Globalisierung sind andererseits auch in größeren chinesischen Unternehmen in Ungarn spürbar, wo man ungarische Angestellte in den verschiedensten Positionen, vom Verkäufer bis zum Manager, findet; insgesamt dürfte es sich um mehrere Tausend Personen handeln.

Selbst wenn man Zoll- und Steuerhinterziehungen in Rechnung stellt, haben die staatlichen Einnahmen aus chinesischen Unternehmen, die rund drei Viertel des chinesisch-ungarischen Handels abwickeln,5 ein beträchtliches Volumen; das gleiche gilt auch für die konsumtiven Ausgaben der Chinesen, wie etwa Manager von Spielkasinos bezeugen: Nach den privaten Schätzungen einiger unter ihnen stellen die Chinesen die Hälfte ihrer Kunden. Abgesehen von den festangestellten Ungarn umgibt die chinesische Gemeinschaft ein ganzer Hof von “Kompradoren”. Diese Mittelsleute umfassen ungarische Arbeiter, Studenten, Rechtsanwälte und Buchhalter, die von der chinesischen Gemeinschaft ökonomisch abhängig sind und in einigen Fällen deren Geschäftspraktiken übernehmen. Den chinesischen Migranten in Ungarn ist es gelungen, eine höchst erfolgreiche ethnische Ökonomie zu etablieren, die sich eben wegen ihrer Aufgeschlossenheit gegenüber dem ökonomischen Umfeld nicht an dessen Formen, Handel zu treiben, anzupassen brauchte; statt dessen hat sie nicht wenige in der Wirtsökonomie Mitwirkende zur Anpassung an ihre eigene Praxis veranlaßt. Weil sie es, gemessen an ihrer Umgebung, rasch zu hohen Einkommen brachten, konnten die Chinesen es sich leisten, einheimische Dolmetscher und Hilfskräfte in Dienst zu nehmen, und es sich so ersparen, die Landessprache zu lernen. Für einen ungarischen oder russischen Studenten, der seinen Abschluß in Sinologie macht, bildet die Anstellung bei einem chinesischen Handelsunternehmen oder bei einem auf China spezialisierten Reisebüro oft eine vergleichsweise vielversprechende Alternative zu den raren und unterbezahlten Posten, die ihnen der Universitätsbetrieb und der diplomatische Dienst zu bieten haben. Solch eine Anstellung eröffnet eine Karriere, die beträchtliche geographische und soziale Mobilität verheißt, sofern es den Betreffenden gelingt, sich die passenden Umgangsformen und Geschäftsmethoden anzueignen. Ich habe zum Beispiel einen Russen interviewt, der an der Universität von Wladiwostok seinen Abschluß gemacht hat und dem ein chinesischer Arbeitgeber ermöglichte, nach Moskau überzusiedeln, sowie mehrere ungarische Angestellte bei chinesischen Firmen in Budapest, die regelmäßig geschäftlich nach China geschickt werden.

Die Verhaltensmuster, die in dieser Welt zum Erfolg führen, sind sicher ganz andere als jene, die sich ein osteuropäischer Universitätsabsolvent aneignen muß, wenn er etwa bei Procter & Gamble eine Anstellung findet, aber auch sie können globale Geltung beanspruchen. Die Eingliederung ungarischer Einzelpersonen und Firmen in das Netzwerk des chinesischen Geschäftslebens – eine Umkehrung des Prozesses, der nach den Opiumkriegen in den Vertragshäfen Chinas zur Entstehung einer “Kompradoren-Bourgeoisie” führte – bietet ein interessantes Beispiel für die Expansion des chinesischen Weltsystems. Sie beweist, daß Globalisierung kein einheitlicher Vorgang ist, bei dem ausschließlich der Westen als Subjekt agiert, sondern aus einer Vielzahl paralleler Globalisierungen besteht, die auch von nichtwestlichen transnationalen Gemeinschaften geprägt und aktiv betrieben werden.6

Vgl. , 60 vom 25. März 1996, Teil II

Vgl. den Bericht über die Migration auf dem Gebiet der Tschechischen Republik, hg. von der Direktion der Fremdenpolizei und des Grenzschutzes, Prag 1994.

Vgl. Frank N. Pieke, Einleitung zu: Ders. / Gregor Benton(Hg.), , Basingstoke / Hampshire / New York 1998.

Li Yiyuan, (chin.), Taipeh 1970.

Diese Schätzung basiert auf folgenden Erwägungen: Für 1994, das Jahr mit dem höchsten bilateralen Handelsvolumen, zeigen die Statistiken der VRC, daß bei einem Handelsgesamtvolumen von 408 Millionen Dollar die Exporte nach Ungarn einen Wert von 389 Millionen Dollar hatten. Den ungarischen Statistiken zufolge beliefen sich hingegen die Importe aus der VRC auf weniger als 100 Millionen Dollar. Ähnliche Diskrepanzen findet man in anderen Jahren; sie erklären sich wahrscheinlich in der Hauptsache daraus, daß Güter gleich wieder aus Ungarn ausgeführt wurden und nicht den ungarischen Zoll durchliefen, und zu einem geringeren Maße aus Zollvergehen etwa von der Art, daß der Wert importierter Waren als zu gering angegeben oder ein falsches Herkunftsland angegeben wurde. Diese beiden Techniken trifft man bei chinesischen Unternehmen, die Ungarn als regionales Verteilungszentrum nutzen, relativ häufig an; sie versuchen auf diese Weise, die Auswirkungen prohibitiver Einfuhrzölle gering zu halten. Die ungarischen Unternehmen hingegen dürften sich kaum mit solchen Wiederausfuhrpraktiken befassen, und auch kaum mit Zollbetrug. Wir können deshalb annehmen, daß der überwiegende Teil der Waren, die in den ungarischen Statistiken nicht auftauchen, von chinesischen Unternehmen eingeführt wurden.

Vgl. hierzu Hamashita Takeshi, "The Chinese World-System", in: Peter Katzenstein/ Takashi Shiraishi(Hg.), , Cornell UP 1997, sowie Aihwa Ong / Donald Nonini (Hg.), , New York / London 1997.

Published 18 October 1999
Original in Hungarian
Translated by Ulrich Enderwitz

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