Das Museum des Vergessens

Es mag eine Binsenweisheit sein, daß durch Erinnerung eine Wiederholung des Erinnerten unterbunden werden kann. Doch, so warnt die Psychoanalyse, können wir andere nicht zum Gedenken anhalten, ohne uns gleichzeitig an ihrer Erinnerung zu vergreifen. Wie Adam Phillips ausführt, macht uns zwanghaftes Gedenken nicht nur für den Mißbrauch des Erinnerns, sondern auch für der Nutzen des Vergessens blind.

Rousseaus Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit von 1754 beginnt mit einem für den Leser von heute kaum nachvollziehbaren Gedanken. “Selbst das römische Volk, dieses Musterbild aller freien Völker”, heißt es da, “war nicht imstande, sich zu regieren, als es sich der Unterdrückung der Tarquinier entledigt hatte”. Wegen seiner “unter der Tyrannei entnervten oder vielmehr abgestumpften Seelen” kam es mit seiner Freiheit lange nicht zurecht. Rousseau deutet die traumatische Vergangenheit der Römer, in der sie brutal unterdrückt wurden und verrohten, – die er natürlich nicht selbst traumatisch nennt – als Ursache ihrer Schwierigkeiten mit freier Selbstbestimmung. Seine Deutung mündet schließlich in einen befremdlichen Wunsch. Er schreibt:

Ich hätte mir daher eine glückliche und ruhige Republik als mein Vaterland ausgesucht, deren Alter sich gewissermaßen in der Nacht der Zeiten verlöre; die nur solche Angriffe erlitten hätten, die geeignet gewesen wären, in ihren Einwohnern den Mut und die Vaterlandsliebe an den Tag zu bringen und zu festigen, und in der die Bürger, von langer Hand an eine weise Unabhängigkeit gewöhnt, nicht nur frei wären, sondern auch würdig, es zu sein.

Wie immer sind Rousseaus Widersprüche und Unklarheiten genauso erhellend wie sein eigentlicher Gedankengang. Ist sein erträumtes Land eine glückliche und ruhige Republik, weil seine Geschichte sich in der Nacht der Zeiten verliert? Ist dieses Land eine glückliche und ruhige Republik, weil innere wie auch äußere Konflikte immer nur das Beste in ihm zum Vorschein brachten? Aber warum sollte seine Geschichte in diesem günstigen Fall verlorengehen? Natürlich ist Rousseaus Beispiel des römischen Volkes in dieser Beziehung eindeutig: Eine schlechte Vergangenheit kann für das Gemeinwesen nur schädlich sein. Doch sollte diese Schlußfolgerung Rousseau und seinen Lesern zu denken geben. Wenn überhaupt, können nur sehr wenige Gesellschaften auf eine ungetrübte Vergangenheit zurückblicken (und diese Tatsache wird durch jeden Versuch, sie hinter einen Mythos vom Goldenen Zeitalter zu verstecken, bestätigt). Was aus heutiger Sicht seltsam anmutet, ist Rousseaus Überzeugung, die beste Voraussetzung für eine gute Zukunft und damit für eine “glückliche und ruhige Republik” sei eine sich im Dunkel der Geschichte verlierende Vergangenheit, also eine Vergangenheit, die vergessen wurde, sogar vergessen werden mußte, weil alle Beweisstücke, die noch an sie erinnern könnten, verlorengegangen sind.

Heutzutage bedauern oder fürchten wir unsere verlorengegangene Geschichte eher, gehen ihr aus dem Weg oder eignen sie uns mühsam wieder an. Sowohl im persönlichen wie im politischen Leben ist das Vergessen mit einer nahezu abergläubischen Angst besetzt. Sogar diejenigen, die nicht mehr an unsere kommende Erlösung glauben, teilen die Auffassung, daß die Erinnerung segensreich ist und uns als letzter Zufluchtsort für den Erlösungsmythos erhalten bleiben muß. Wer die Vergangenheit abschaffen oder sie durch bequeme historische Erzählungen ersetzen will, gilt heute vielen als verdächtig, auch denen, die Geschichtsschreibung für nichts anderes als ein beständiges Neuschreiben der Vergangenheit halten und alle Geschichte als revisionistische Geschichte verstehen. Schließlich gilt ihre entscheidende Frage dem Zweck der Revision sowie den hinter ihr stehenden Wunschvorstellungen. Auch aus dieser Sicht gibt es klare Unterschiede zwischen Holocaustleugnern und Historikern, die die genaue Zahl der Opfer der Konzentrationslager ermitteln wollen. Ein solcher Geschichtsbegriff zwingt uns dazu, uns mit den Vorstellungen auseinandersetzen, von denen die Holocaustleugner uns (aber wohl auch sich selbst) bewußt oder unbewußt überzeugen wollen. Denn von außen an uns herangetragene Erinnerungen unterbreiten uns gleichzeitig eine ganze Lebensweise. Unser Lebensstil bestimmt immer auch, welche Erinnerungen wir vorziehen. Bewußte oder unbewußte Erinnerungen – uns anempfohlene oder uns ausgeredete Erinnerungen – zielen immer auf eine bestimmte Zukunft.

Wenn also jeder das Andenken des Holocaust bewahren soll, müssen wir so eindeutig wie möglich die Absicht dieses Gedenkens festlegen. Daß diejenigen, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern, Gefahr laufen, die Geschichte zu wiederholen, heißt zum Beispiel noch lange nicht, daß diejenigen, die das Andenken der Vergangenheit bewahren, vor ihrer Wiederholung gefeit sind. Womöglich wiederholen sie die Geschichte anders, sofern sie sie überhaupt wiederholen – nicht alle Traumata werden wiederholt, es sei denn man definiert Trauma als das, was wiederholt wird. Dieser Vorstellung zufolge wiederholen diejenigen, die das Andenken der Vergangenheit bewahren, die Geschichte in Akten des Wiederherstellens, des Erneuerns, des Feierns, des Überdenkens und Ähnlichem, während diejenigen, die die Vergangenheit vergessen oder verdrängen – wie man ja von den Traumatisierten sagt -, sich ihres Vergessens und Verdrängens gar nicht bewußt sind. Wir halten sie für hilflos und von Kräften, die ihnen selbst verborgen sind, zur Wiederholung der Vergangenheit getrieben. Ein solcher Erlösungsmythos vom Gedächtnis beruht auf der Annahme, das Andenken an das Schreckliche – die Erbsünde, das kulturelle oder das persönliche Trauma -, sein Aufbewahren in der Erinnerung, werde seine Wiederkehr abmildern oder sogar abwenden. Sich an ein Trauma zu erinnern, bedeutet, ein imaginäres Leben, in dem es einbegriffen ist, zu durchleben, so wie die Erinnerung an ein Verbrechen Erinnerung an das Gesetz bedeutet, das nicht hätte gebrochen werden dürfen.

Diesem Erlösungsmythos vom Gedächtnis liegt ein Wunschdenken zugrunde, demzufolge unsere Erinnerung an die Vergangenheit – wenn wir sie nur richtig handhaben – zu unserem Wohlergehen oder gar zu unserer Charakterbildung beiträgt. Das richtige Gedächtnis soll uns zum richtigen Leben verhelfen. Die Erinnerung soll uns zu besseren Menschen machen. Allerdings korrigiert uns unsere innere Stimme und weist uns darauf hin, daß die Erinnerung nur so tugendhaft ist wie diejenigen, die von ihr Gebrauch machen. Die Nazis schufen ihre eigene Tradition des Erinnerns, indem sie ihrem arischen Ursprungsmythos frönten. Seine Attraktivität scheint trotz Rekonstruktion, Dokumentation, Bezeugung, Analyse und öffentlicher Bekanntmachung der Nazigreuel ungebrochen. Inzwischen ist das Nazitum einfach eine Ideologie unter vielen, deren Ikonographie in unserer Kultur sowohl seinen Befürwortern als auch seinen Gegnern frei zur Verfügung steht. Zwanghaftes Gedenken macht uns aber nicht nur für den Mißbrauch des Erinnerns, sondern auch für der Nutzen des Vergessens blind. Bei manchen Themen – und vielleicht ist der Holocaust eines davon, wenn auch eines unter vielen – sollten wir uns nicht fragen, wie wir uns an sie erinnern, sondern wie wir sie vergessen können.

Heutzutage fürchten wir uns entweder vor Fehlleistungen beim Vergessen oder vor der Unmöglichkeit des Vergessens. Hinter solchen Ängsten steht oft der Wunsch, daß Greueltaten einfach nicht vergessen werden können, daß wir uns selbst nicht mehr ins Gesicht sehen könnten, wenn wir sie tatsächlich vergessen würden. In der Regel aber vergessen wir Erfahrungen, die unsere Kräfte übersteigen, Erfahrungen, die in der Psychologie einerseits als zu lustvoll, andererseits als zu schmerzhaft bezeichnet werden. Was wir vergessen können, setzen wir nach diesem Modell entweder mit dem Unbedeutenden oder mit dem Unerträglichen gleich. So können wir das Unerträgliche zwar bannen, müssen aber davon ausgehen, daß bohrendes Verlangen, schmerzhafte Erfahrungen oder belastende Erinnerungen immer noch irgendwo versteckt und zur Rückkehr fähig sind. Hingegen wird das Unbedeutende einfach aus dem System ausgeschieden (“sich an alles zu erinnern ist eine Art Wahnsinn” sagt eine der Figuren in Brian Friels Theaterstück Translations). Also fühlt man sich von seinen Erinnerungen entweder verfolgt, oder man stößt sie ab. Manchmal zerfließen sogar die Grenzen zwischen beiden Reaktionen. Diese Unschärfe allein ist jedoch ein guter Grund, vom Eintrichtern von Erinnerungen nach Art der Zwangsernährung Abstand zu nehmen. Es ist sowohl unplausibel als auch moralisch bedenklich.

Wenn wir wollen, daß die Deutschen das Andenken des Holocaust bewahren, und zwar als Erinnerung an etwas Schreckliches, argumentieren wir ihnen gegenüber bestenfalls wie folgt: Zweifelsohne können Pflichten den anderen gegenüber einmal in Vergessenheit geraten. Vielleicht besteht das wahre Trauma, an das niemand gerne erinnert würde, in solchen vergessenen Pflichten den anderen gegenüber. Gerade deshalb aber dürfen die Deutschen diese Pflichten auf keinen Fall wieder vergessen. Schlimmstenfalls wenden wir das Gesetz der Vergeltung an – natürlich auf die zuvorkommendste Art -, indem wir die Folterer foltern und damit Charakterzüge annehmen, die uns selbst mit Schrecken erfüllen sollten. Schuld ruft oft Aggressionen hervor; daher bringt das Hervorrufen von Schuld im anderen nicht von ungefähr die Aggressionen zum Vorschein, die es doch unterbinden soll. Wer anderen Vorschriften zum Gedenken macht, geht von der Manipulierbarkeit der Erinnerung aus. Im Fall des Holocaust findet die Manipulation jedoch in einem Kontext statt, in dem Manipulationen höchst problematisch sind. Erzwungenes Gedächtnis – die absurde Vorstellung, man könne jemanden seine eigene Geschichte korrekt auswendig lernen lassen – entstammt der Angst vor der Geschichte, der begründeten Angst, daß die Vergangenheit vielfältigen und fließenden Interpretationen unterworfen ist. Woran wir uns erinnern und wohin uns unsere Erinnerung führt – wozu wir sie gebrauchen und wie sie uns formt – ist unberechenbar. Sogenannte liberale Demokratien müssen damit leben, daß so manche aus der Mitte ihrer Gesellschaften die Grausamkeiten des Holocaust anregend finden. Das Gedächtnis folgt nicht nur rationalen Zwecken. Man kann gut verstehen, wenn manche die Entwicklung hin zum privaten Umgang mit dem Holocaust ablehnen und glauben, daß die Unfähigkeit zum Konsens über den Holocaust der Anfang vom Ende ist. Darf es dann heute überhaupt selbständiges Denken über den Holocaust geben? Immerhin ist niemand so starrsinnig, darauf zu bestehen, daß die Opfer des Holocausts sich auf die vorschriftsmäßige Art und Weise an ihre unaussprechlichen Erfahrungen erinnern müssen. Aber was erwarten wir dann von den Tätern und ihren Nachkommen?

Offensichtlich wollen wir vor allem eine Art des Gedenkens, das die Wiederholung des Geschehenen unter allen Umständen verhindert. Doch ist dieser Anspruch wohl zu hoch gesteckt und unrealistisch, denn er trägt die Züge eines Exorzismus ohne jeglichen Dialog. Womöglich ist er Rousseaus Wunsch nach einer verlorengegangenen Vergangenheit verwandt. Wer den Deutschen Vorschriften zum Gegenstand ihrer eigenen Geschichte und zu ihrer Einstellung gegenüber dieser Geschichte macht, wird der Komplexität dieser Geschichte und Erfahrung im Einzelfall wohl kaum gerecht. Eine solche Vorgehensweise unterdrückt die nötigen Konflikte und fördert Anpassung – sogar oder vor allem unter den Millionen der sogenannten schweigenden Mehrheit, die mit dem Regime gemeinsame Sache machte, indem sie die Augen davor schlossen, was um sie herum geschah. Wie jede Indoktrination entstammt aufgezwungene Erinnerung der Angst vor der Erinnerung oder der Angst davor, was die Erinnerung zum Vorschein bringt, wenn man sie gewissermaßen sich selbst überläßt. Ohne das Vergessen kann man das Gedächtnis aber nicht sich selbst überlassen. Es benötigt den zeitlichen Abstand, die Verarbeitung, die Verzögerung des Vergessens. Wer dem eigenständigen und nicht dem unterwürfigen Gedächtnis eine Chance geben will, muß das Vergessen zulassen. Aber dem Gedächtnis eine Chance zu geben, ist für uns heute wohl noch zu riskant. Vielleicht ist die Zeit nach so vielen Denkmälern und Denkmaldebatten wenigstens reif für die Überlegung, was denn in einem Museum des Vergessens ausgestellt werden könnte.

Published 31 October 2005
Original in English
Translated by Christian Skirke
First published by Index on Censorship 2/2005 (English version)

© Adam Phillips / Index on Censorship / Eurozine

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