Die Abschaffung der Armut

Nachrichten aus Bombay

Aufgepfropft auf dem Hochhaus am Gowalia Tank Chowk in Bombay, einem dreißigstöckigen Wolkenkratzer, thront eine Villa, von Kunstrasen umgeben, ausgestattet mit einem Jacuzzi und einer Schaukel, von der aus der Eigentümer den grandiosen Ausblick genießen kann, dort oben in den Wolken der Scheinwelt, weitab von dem Wirrwarr der Stadt. Der übergewichtige Herr des Hauses (des ganzen Hauses – er ist der Bauunternehmer) kann zufrieden sein, erreicht zu haben, wovon alle träumen, eine Insel der Seligkeit, eine intime Utopie.

– Habt ihr keine Kinder? Habt ihr selbst denn keine Kinder?

– Hört auf, hört auf, ich bin doch nur ¹ne arme Putze! Mein Geschirr ist kaputt, wer kauft mir einen neuen Topf?

– Wer Kinder auf die Straße setzt, der soll ewig verflucht sein!

– Sie haben den Brunnen zugeschüttet. Wir haben kein Wasser mehr. Jetzt ist alles vorbei!

Die Planierraupe rollt vor und zurück, sie pufft schwarze Wolken mit der gemächlichen Selbstverständlichkeit eines Pfeifenrauchers. Die Abrisskolonne arbeitet weiter, bewacht von den Polizisten, die bespuckt und beschimpft werden, während ihnen der Schweiß von den Helmen hinabrinnt. Die Opfer sitzen im Schatten von Plastikplanen und klagen wie ein tragischer Chor, gelähmt von der unaufhaltsamen Zerstörung.

– Es ist ja nicht das erste Mal. Ich habe mein Haus schon viermal völlig neu aufbauen müssen, und jedes Mal hat es mehr gekostet, als ich hatte. Was meinst du, wieso ich überall Schulden habe.

– Was sollen wir dagegen tun? Mit dem Mund, da sind wir alle mächtig stark, aber lass’ die da mal einen Angriff starten, da wirst du sehen, wie schnell wir alle wegrennen.

Nicht alle. Am Tag zuvor haben sich einige mit der Polizei geprügelt, einige Hütten wurden niedergebrannt. Nun haben viele der Leute in banger Voraussicht ihre Verschläge selber abgebaut, um das Wellblech, die Pappe, das Plastik wieder nutzen oder wenigstens verschachern zu können. Selbst die rostigste Platte bringt einige Rupien ein. In jeder Lichtung des Blechdschungels liegen zerfaserte Bündel auf Betten, schmutzige Kartons auf Matten: das Hab und Gut aus den Hütten, die der Bulldozer bald erreichen wird. Öldosen, Wasserkanister, Fernsehantennen. Staubiges Spielzeug in abgegriffenen Tüten. Eisengestelle. In der Nähe lauern schon die Pleitegeier, die den Rest für einen Hohn abkaufen werden.

Als die burischen Siedler in Südafrika auf heftigen Widerstand der Einheimischen stießen, formten sie einen Kreis mit ihren Ochsenkarren und zogen sich hinter diesem defensiven Kokon zurück. Mal ums Mal schlugen sie die Angriffe zurück. Innerhalb ihres Kreises fühlten sie sich sicher, unberührbar von der barbarischen Welt um sie herum. Wie ein magischer Kreis wirkte dieses ‘Laager’, und die Haltung der Siedler, eine Mischung aus partieller Blindheit und Selbsttäuschung, wurde so symptomatisch, dass der Begriff “Laager-Mentalität” geprägt wurde. Sie führte schließlich zur Apartheid und verkrüppelte ein ganzes Volk.

Der Eigentümer der Villa auf dem Hochhaus hat ein Problem. Da er nicht zu der alteingesessenen Elite von South Bombay gehört, muss er mit Geduld und Geschick jede Menge Stränge ziehen, um Mitglied der wichtigen Klubs zu werden. Neulich hat er mit Entzücken vernommen, dass der Breach Candy Swimming Club, gegründet von Briten zwischen den zwei Weltkriegen, eine Oase unmittelbar am Indischen Ozean, dessen Schwimmbecken (die Silhouette Indiens!) mit gefiltertem Meerwasser gespeist wird, ab dem 1. Januar des neuen Jahres zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Mitglieder aufnehmen wird. Der Mann sitzt in seiner Villa und telefoniert eifrig. Er weiß, dass die wenigen alten Mitglieder von Anrufen überschwemmt sein werden, dass jeder, der sie einmal getroffen, der einmal Visitenkarten mit ihnen getauscht, der einmal ein Geschäft mit ihnen verhandelt hat, auf die Bekanntschaft verweisen wird, in der Hoffnung, eine der notwendigen Empfehlungen zu ergattern. Der Mann fordert alte Schulden ein, reaktiviert alte Beziehungen, damit er bald auf der Terrasse des Breach Candy Restaurants beim Ausblick auf den Sonnenuntergang der Stadt den Rücken kehren kann. Ein Abend im Club fördert die eigene Laager-Mentalität ungemein.

Slum. So lautet das Wort. S-L-U-M, vier Buchstaben, mit denen das Leben von den meisten Bewohnern Bombays auf einen täuschenden, einen völlig unklaren gemeinsamen Nenner gebracht wird. Slum – mal beschwört es Schreckensbilder von Schmutz, Armut und Krankheit herauf, mal deutet es mit einem empörten und zugleich resignierten Finger auf halb verhungerte, verwahrloste Opfer, die schutzlos und ohnmächtig vor sich hinvegetieren. Durch seine häufige Verwendung hat das Wort wie kaum ein anderes seine eigene virtuelle Wirklichkeit geschaffen. ‘Slum’ assoziiert eine Einheitlichkeit, die der Diskurs des Globalismus von seinen Kategorien fordert – ‘Slum’ ist eine statistische Größe. Wer in einer Stadtbehörde sitzt und Slum sagt, meint zugleich ‘encroachment’, auf Deutsch leider nur über Umwege zu übersetzen: “illegaler Übergriff” (auf Eigentum an Grund und Boden). Denn ein Slum erstreckt sich selten über rechtmäßig erworbenes und brav ins Grundbuch eingetragenes Land. Der Slum wuchert über jede Freifläche der Stadt, die nicht rigoros eingezäunt und bewacht wird. In einer einzigen schlaflosen Nacht entstehen Barackensiedlungen, ermöglicht durch die zynische Gier einer kleinen Gruppe von Ausbeutern: die Slumlords, die an Analphabeten Land verkaufen, das ihnen nicht gehört; die Politiker, die ihre schützende Hand über den Slum halten und Wählerstimmen gegen leere Versprechen eintauschen; die Beamten, die regelmäßige Zahlungen einfordern, so selbstverständlich als seien sie die Vermieter. Ein ‘Grundstück’ von zehn mal zehn Fuß (ausreichend für eine fünfköpfige Familie; drei Viertel aller Familien hausen in einem einzigen Zimmer) kostet etwa fünfhundert Euro. Eine Grundgebühr sozusagen, zu der sich monatliche Zahlungen addieren. Hat man den Slumlord zufrieden gestellt, folgt Schritt um Schritt eine trügerische Normalisierung. Wasser- und Stromleitungen werden angezapft und durch den neuen Slum verlegt. Ein Agent besorgt für bescheidene hundert Euro eine ‘ration card’, die einem nicht nur den Anspruch auf subventionierten Reis und Zucker gewährt, sondern auch als Personalausweis dient, mit dem man sich etwa in die Wählerlisten eintragen lassen kann.

In der Vorstellung der Wohlhabenden besteht die Topografie Bombays aus einigen sicheren Inseln inmitten eines bedrohlichen Sumpfes von Chaos und Unordnung (die beliebtesten siamesischen Zwillinge privilegierter Sprache). Inseln der Modernität, Zivilisation und Schönheit. Golfklubs etwa. Ein Golfklub ist perfekt. Nur ausgewählte Mitglieder haben Zugang, die Landschaft besteht aus verbesserter Natur – das Gras der Grüns wächst in eine Richtung, und das in der Stadt völliger Richtungslosigkeit! Der “Royal Palms Golf and Country Club in Goregaon” – ja, dort wo neulich das Weltsozialforum stattfand –, ist der beste und schönste Klub der Stadt, achtzehn modulierte Löcher über einem Boden, der einst den Borivli-Wald getragen hat. Das ist insofern von Belang, da das Waldgebiet eigentlich geschützt werden sollte, vor allem in Bombay, wo Bäume seltener sind als Ausländer. Aber eines Tages wurde das Gebiet am Südzipfel des Waldes dereguliert (der Begriff für ein ‘encroachment’ von Amts wegen), es wurde ein wenig geschachert um die ‘development rights’, und schließlich erhielt ein Baukonsortium den Zuschlag.

Der Borivli-Park misst 103 Quadratkilometer und nährt zwei natürliche Seen, die mehr als zehn Prozent der städtischen Wasserversorgung sichern. Zwischen dem Flughafen und verschiedenen Industriegebieten tummelt sich eine tropische Artenvielfalt: 59 verschiedene Säugetiere und 299 Vogelarten hat man gezählt. Im September 1999 wurde die sehr rare Atlas-Motte gesichtet, die mit einer Flügelspanne von 33 Zentimetern größte Mottenart der Welt. Sogar einige Leoparden lauern noch im Park, ernähren sich von herrenlosen Kötern. Aber die Großstadt würde ihrem Ruf als gefräßiges Monster nicht gerecht werden, würde sie diese Idylle in Ruhe lassen. Sieben Prozent des Waldes sind von Steinbrüchen, Industrieanlagen, Schnapsbrennereien und ‘encroachments’ besetzt. Im Norden nimmt eine ebenso hervorragend organisierte wie illegale Holzfällerei überhand, im östlichen Yeoor-Wald haben sich Politiker Wochenendhäuschen bauen lassen, sind Tempel aufgekommen. Und im Süden wird gerade ein künstlicher Regenwald fertig gestellt.

Mit einem Golfplatz allein ist es selten getan. ‘Golf Villages’ sind en vogue, exklusive Areale, in denen Villen oder Appartmentblocks am Rande der Spielbahnen errichtet werden. Golf Villages, von Stacheldraht umzäunt und von patrouillierenden Sicherheitsdiensten bewacht, sind nirgendwo so beliebt wie in Südafrika – alte Gewohnheiten sterben nur langsam aus. In Bombay gibt es bislang nur eines, das Royal Palms in Goregaon, ein beachtliches Paket aus Boutiquen, Restaurants, Apotheken, Schönheits- und Friseursalons. Das majestätische Klubhaus steht auf einem der höchsten Hügel der Stadt. Die Ölgemälde an den Wänden zeigen britische Aristokraten beim Tanz. Ein sanfter Walzer erklingt im Hintergrund. Von seiner Wohnung aus blickt das Mitglied auf den Miniaturozean samt artifiziellen Wellen und einem künstlichen Strand. “A world apart, an exclusive enclave” – verspricht der Glanzprospekt mit marktschreierischer Poesie. Selbst die Luftqualität ist hochwertig, wie die international angesehenen Experten von A.I.C. Watson in ihrem Gutachten bestätigt haben. Laager-Mitglieder können freier atmen, können in dem kleinen Aviarium Glück schöpfen, oder in dem klubinternen Regenwald spazieren gehen, einer optimierten Version des einstigen Wildwuchses dank den Bemühungen eines australischen Bioarchitekten, der siebzig Vogelarten importiert, Fische in die Teichen ausgesetzt und sogar eine veterinäre Station vorgesehen hat. Keine Frage: Hier ist tatsächlich “die ideale Kombination von Natur und Freizeit” gelungen.

An der westlichen Seite des Parks, nicht wenige Kilometer entfernt, hat sich der Umweltschutz mit Hilfe der Bulldozer vehement durchgesetzt. Ein Slum ist geräumt und platt gewalzt, das encroachment der Armen beendet worden. Der Borivli-Park ist die grüne Lunge Bombays, argumentieren die wohlhabenden Aktivisten der BEAG (Bombay Environmental Action Group) in ihren Klagen vor den Gerichten. Wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen werden, geht der Park unter! Das Gesetz muss durchgesetzt werden. Wenn wir hart bleiben, werden alle die Botschaft verstehen, und die Landbesetzungen werden aufhören. Man darf doch Landbesetzung nicht auch noch mit Duldung belohnen? Das Bombay High Court folgte dieser Argumentation und ordnete die Entfernung aller illegaler Bauten an, doch was so klar beschlossen wurde, ließ sich nur schwer in die Tat umsetzen. Immerhin stehen mehr als sechstausend Hütten auf dem Grund und Boden des Nationalparks, die etwa dreißigtausend Menschen Unterkunft gewähren. Das Gericht hat der Stadtverwaltung achtzehn Monate Zeit für die Umsiedlung dieser Menschen gewährt. Die ‘Rehabilitierung’ der Vertriebenen hat aber in der Praxis noch nie funktioniert. Die Verwaltung behauptet, nicht über genügend Land zu verfügen, oder sie erarbeitet Pläne, die von politischer Rücksichtnahme und Korruption zur Farce verwurstelt werden. Dabei haben Bürgerrechtsbewegungen (Aktivisten in Bombay sind entweder von den Menschen oder von der Natur bewegt) aufgezeigt, dass es in Bombay unbebautes Land für Millionen von Menschen gibt, nur fehlt es am politischen Willen, teures Land armen Bürgern zur Verfügung zu stellen, wo es doch von Maklern und Bauherren viel lukrativer entwickelt werden kann. Die Lösung: Dreihunderttausend Menschen sollen auf unerschlossenem Land, fünfzig Kilometer entfernt, angesiedelt werden. Ein Planwahn. Die Abschaffung der Armut durch die Entfernung der Armen.

Im Slum finden sich Tempel, Moscheen und Kirchen. Gelernte und ungelernte Arbeiter, Akademiker und Analphabeten, Muslims und Hindus, Unberührbare und Angehörige höherrangiger Kasten leben auf engstem Raum neben- und miteinander. Wer es zu etwas Wohlstand bringt, bleibt oft wegen der Gemeinschaft dem Viertel treu. Daher die soliden Bauten, die vielstöckigen Wohnhäuser, die aus dem Meer selbst errichteter Baracken ragen. Doch auch die eklektisch zusammengezimmerten Hütten unterscheiden sich voneinander. Jede Familie hat mit Einfallsreichtum eine Lösung für die Eigenwilligkeiten ihrer jeweiligen Enge gefunden. Viele Bewohner haben einen zweiten Stock angebaut, der über eine schmale Außensprosse erreichbar ist, und der eine gewisse Intimität, einen Hort des Rückzugs bietet. Die Slumbewohner haben von renommierten Architekten Lob erhalten für ihre innovativen, improvisierten Bautechniken, die das Beste aus dem Raummangel machen. Der indische Stararchitekt Charles Correa bestätigte diesen “einfachen Menschen” ein bemerkenswertes Gefühl für Design. Würde man ihnen Grundbesitz und Verantwortung einräumen, könnten sie ihre mittelbare Umgebung und somit letztendlich den ganzen Slum entscheidend verbessern.

Medial ist die Abschaffung der Armut schon erfolgreich abgeschlossen. Im Fernsehen gibt es keine Armut, die vielen Seifenopern zeigen nie das Leben einer Familie im Slum, und wenn – in der Werbung etwa – ein Nichtshabender einen seltenen Auftritt erlebt, wird seine Armut bis zur Unkenntlichkeit verschönert: Aamir Khan, einer der bekanntesten indischen Schauspieler, spielt einen Bauern, der in seinem Feld drei jungen und durstigen Frauen begegnet. Nicht nur verfallen die kokett bekleideten Stadtschönheiten dem rustikalen Charme des Bauern, er löscht auch ihren Durst mit Hilfe des alten indischen Seiltricks – er zieht das Brunnenseil hoch, und siehe da, ein Eimer voller gekühlter Getränke einer gewissen ungesunden Sorte taucht auf. Armut, impliziert diese erfolgreiche Reklame, ist weder ein strukturelles Problem noch ein existenzieller Unterschied. Armut ist nur eine andere Art, die begehrten Konsumgüter zu lagern. Die stalinistische Vision von Bauern, die glücklich im proletarischen Paradies schuften, wird genauso erfolgreich im Kapitalismus verwendet. Außerdem können Werbetafeln – wie in Bombay vielerorts praktiziert – hervorragend die hässlichen Wunden der Stadt verdecken.

Die soziale Energie der Laagerklasse erschöpft sich in Wohltätigkeit und so genannten ‘public interest cases’, Klagen zum allgemeinen Wohl, zum Schutz eines Stadtgartens (d.h. Obdachlose raus) oder einer Uferpromenade (d.h. Kleinverkäufer und fliegende Händler raus). Die Vision dieser Klagen seitens der anständigen Bürger besteht im Ausschluss des Problems, in der Vertreibung der Massen. Die Laager-Mentalität erfordert eine Ideologie und eine Propaganda, um zu rechtfertigen, dass der Kinderspielplatz Vorrang hat vor den Menschenrechten der Obdachlosen, weil ansonsten unsere natürlichen Instinkte des Mitgefühls und der Solidarität stören könnten. Die Buren in Südafrika entwickelten eine Theorie der Rassenüberlegenheit. Die privilegierten Bürger Bombays operieren mit weniger dogmatischen Vorurteilen: Die Massen sind undiszipliniert, faul, schmutzig, parasitär und zu allem Überfluss vermehren sie sich wie wild. Sie zerstören das einst schöne Bombay. Diese Stadtsicht leidet an einem grundlegenden Denkfehler: Die Massen generieren mit ihrer unglaublich billigen Arbeitskraft den Reichtum der Oberschicht, sie bieten die Leistungen an, auf die kein Bewohner der Inseln verzichten möchte.

Ein Slumbewohner liegt dem braven Steuerzahler niemals auf der Tasche, obwohl dieser es sich gerne einbildet. Dharavi, Bombays größter Slum, früher ein Schmugglerparadies, beherbergt heute eine florierende Lederindustrie, die Aktenkoffer und Damentaschen für den Export herstellt. Es wird fast alles produziert, wofür man keine schweren Maschinen benötigt: Notizhefte, Kleidung, Papadams, Musikkassetten, Chikis (zahnbrecherische Süßigkeiten), Goldschmuck, Gurtschnallen. Die Unternehmer arbeiten in einer rechtsfreien Zone. Sie kennen weder Vorschriften noch Subventionen. Illegale Tätigkeiten werden in Dharavi offen ausgeführt. Die Stadtverwaltung, die keinerlei Dienstleistung bietet, zieht es vor, sich auch behördlich und polizeilich nicht einzumischen. Die Unternehmer kommen über die Runden – manchmal florieren sie sogar –, obwohl sie den denkbar schlechtesten Start erwischt haben. Die Arbeitszustände in den unzähligen Manufakturen, Werkstätten und kleinen Fabriken bieten lauter Negativbeispiele: Kinderarbeit, grenzenlose Ausbeutung, keinerlei Schutz vor Giftstoffen oder Unfällen. Und wer erkrankt, fällt unter die zweihundert Ärzte Dharavis, unter denen sich laut Angaben der ‘General Practitioners Association’ vierzig Prozent als Quacksalber hervortun. Sie verschreiben meist Steroide, was langfristig den Patienten tötet, weil es seine Abwehrkräfte schwächt.

Die Zufahrt zum Royal Palms Golfklub ist von zwei Mauern gesäumt, die an mehreren Stellen schon durchbrochen sind – sie standen einem informellen Gehweg im Wege. Die Verwaltung des Borivli-Nationalparks baut an einer gewaltigen Mauer, die insgesamt achtzehn Kilometer absichern soll, doch auf den zuerst fertig gestellten Teilstücken sind jetzt schon Schneisen der ‘encroachments’ geschlagen. Hohe Mauern sollen menschliche Not und ökologische Zerstörung außen vor halten, aber keine soziale Ordnung kann langfristig bestehen bleiben im Konflikt mit den Interessen der großen Mehrheit. Und es kann kein Umweltschutz betrieben werden ohne eine holistische Vision, die das Leben aller berücksichtigt, und die in Gemeinschaft investiert anstatt in Sicherheit. Die Inseln von heute sind Bunker, und jeder Bunker wird eines Tages überrannt.

Solche Zustände sind nicht einmalig oder außergewöhnlich. Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich hat versucht, als ungelernte Arbeitskraft in verschiedenen Orten der USA zu überleben, und hat einen faszinierenden Bericht über ihr Scheitern verfasst (Nickel and Dimed, New York 2001). Sie legt eine hässliche Unterwelt des Elends in der wohlhabendsten Gesellschaft auf Erden offen. “Man benötigt ein viel stärkeres Wort als gestört”, resümiert sie, “um eine Familie zu beschreiben, in der einige am Tisch essen dürfen, während der Rest vom Boden ableckt, was heruntergefallen ist: psychotisch wäre wohl der genauere Begriff.”

Published 25 May 2007
Original in German
First published by Wespennest (134) 2004

Contributed by Wespennest © Ilija Trojanow / Wespennest / Eurozine

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