School / Schule

8 June 2018
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During the Crimea crisis, Ukrainian filmmaker, writer and Maidan activist Oleg Sentsov took part in distributing food to Ukrainian soldiers blockaded by Russian troops. He was arrested in Crimea in May 2014 and taken to Russia, where he was sentenced in 2015 to twenty years in prison on terrorism charges. In a short biographical piece, published in German translation in 'Transit' and republished here, Sentsov recalls his first exposure to official corruption during his schooldays. Sentsov has been on hunger strike since 14 May to campaign for the release of the approximately 70 Ukrainian political prisoners held on the territory of the Russian Federation.

Oleg Sentsov during his trial in 2015. Source: Wikipedia

Bei der Abschlussfeier im Kindergarten bekam ich keine Schulmappe. Alle bekamen beim Fahnenappell ihre Mappe, nur ich nicht. Meine Mutter war Erzieherin dort, sie nahm mich beiseite und sagte, ich bekäme meine Mappe später, und zwar nicht so eine wie alle anderen, etwas Besseres. Und ich bekam sie dann auch. Sie war wohl blau, alle anderen hatten braune. Und schöner war sie auch, mit Tragegurten – ein richtiger Ranzen, während alle anderen bloß die normalen braunen Mappen mit Griff hatten. Und eigentlich hätte ich froh sein sollen, aber ich war es nicht. Meine Mutter überreichte mir meinen Ranzen am Tag nach der Abschlussfeier, alleine, im Schlafraum unserer Kindergartengruppe, aber ich konnte mich nicht darüber freuen. Ich brauchte keinen besonderen Ranzen, ich wollte einen normalen, so wie alle, aber dafür mit allen zusammen und nicht unter vier Augen, heimlich, in der Mittagsruhe.

Aber auf die Schule freute ich mich. Dabei freute sich sonst kaum ein Kind darauf, und es war sogar ganz lässig, auf das »Na, freust du dich schon auf die Schule?« der Erwachsenen mit »Nein« zu antworten. Das galt als normale Reaktion und wurde nicht gerügt, sondern mit Schulterklopfen bedacht und einem »Macht ja nichts, wird schon noch kommen mit der Zeit.« Aber ich antwortete: »Ja, ich freue mich auf die Schule.« Und mir wurde nicht auf die Schulter geklopft, und es gab nichts weiter zu sagen. Ich wollte immer sein wie alle, aber es ist mir nie gelungen. Mein ganzes Leben bin ich schon für mich und stehe abseits.

Ich war für das erste Läuten zuständig. Aber ich hatte keine Ahnung, niemand hatte mich darauf vorbereitet, dabei wussten es die Erwachsenen sicher schon vorher. Rückblickend ist mir klar, dass ich der einzig mögliche Kandidat war: Ich war der hellste Kopf in unserer Gruppe, meine Mutter arbeitete als Erzieherin in unserem Kindergarten, und ich hatte diesen besonderen Ranzen, blau vermutlich. Eine Zehntklässlerin ging mit mir an der Hand, wahrscheinlich die Klassenbeste, und ich läutete. Versuchte zu läuten. Die Glocke läutete erbärmlich. Den Klöppel gab eine an einer Schnur befestigte Mutter, aber weil ich die Glocke hübsch mit dem Griff nach unten hielt, verschwand die Mutter oben irgendwo, verklemmte sich und wollte nicht mehr richtig läuten. Die Klassenbeste lief mit mir im Kreis, ich war komplett neben der Spur und vom Appell in der prallen Sonne so erschöpft wie alle neuen Erstklässler, versuchte die stumme Glocke zu läuten und trug ein dümmliches Lächeln vor mir her. Irgendwann schüttelte ich die Glocke kräftiger, die Mutter brachte ein klägliches Scheppern zustande und wir langten an der großen Treppe an. Dann dröhnte ein Schulwalzer aus den Lautsprechern, und alle gingen die Stufen hinauf, ins Land des lastenden Wissens.

Ich hatte mich auf die Schule gefreut, aber die Freude war schnell verflogen. Lernen wollte ich, aber in die Schule gehen wohl nicht unbedingt. Das sowjetische Bildungswesen machte mich fertig, diese Routinen, der Drill, die klebrig-zähen Unterrichtsstunden. Sport mochte ich, Werken und die Pausen, da gab es wenigstens ein bisschen Freiraum. Mathematik war nicht gerade mein Lieblingsfach – Mathematik zu mögen, kommt mir nicht ganz normal vor, das ist wie von klein auf von einer Karriere als Kassierer zu träumen. Aber das Rechnen fiel mir leicht, ich war mit den Aufgaben immer schon nach der Hälfte der Zeit durch. Russisch war furchtbar langweilig, aber Literatur und Geschichte liebte ich heiß und innig, da wurde es interessant, und es ging auch ein bisschen freier zu als in den anderen Fächern. Die Lehrer für Russische Sprache und Literatur lasen meine Aufsätze immer vor versammelter Klasse vor, was so ziemlich allen auf die Nerven ging, mich eingeschlossen.

Bei den Pionieren legte ich in nur wenigen Jahren einen atemberaubenden Aufstieg vom Klassensprecher zum Trompeter hin – dass ich keinerlei gesellschaftspolitischen Ambitionen hegte, wurde schnell deutlich, außerdem konnte keiner in unserer Klasse Trompete spielen, und ich war immerhin besser als der Rest … So blies ich bis zum Ende meiner Pionierzeit die immer gleiche schlichte Melodie zu allen Feierlichkeiten, zum Herein- und Hinaustragen der Fahnen und dem ganzen Quatsch, fest an der Seite des Trommlers, wiederum abseits.

Unsere Dorflehrer hatten zwar nicht viel auf dem Kasten, waren aber größtenteils herzensgut – schlechte Menschen werden keine Lehrer. Dass das Unterrichtsniveau bei uns damals nicht so besonders war, weiß ich allerdings erst jetzt, damals in der dritten Bank fand ich das alles ganz in Ordnung. Aber dann kam eine Russischlehrerin aus der Stadt für ein Jahr an unsere Schule. Irgendwie hatte sie für das laufende Schuljahr keinen Platz abbekommen, deshalb unterrichtete sie nun die Dorflümmel, zu denen auch ich gehörte. Als kleiner Fünftklässler verstand ich noch nicht, dass sie eine gute, kompetente Lehrerin war, ich fand einfach ihre Stunden interessant, sogar Russisch, Literatur sowieso, die wurde in dieser Zeit zu meiner großen Liebe, nicht nur in der Schule. Diese Lehrerin schloss mir das Tor zu einer neuen Welt auf, wie und womit, weiß ich nicht mehr, aber nach diesem Jahr hatte sich etwas in mir verändert. Sie war eine richtige Lehrerin. Nach einem Jahr fuhr sie wieder zurück in ihre Stadt und wurde von einer anderen abgelöst, die vorher die Unterstufler unterrichtet hatte und jetzt Abendkurse belegte, um auch die höheren Klassen malträtieren zu können. Da legte ich mich zum ersten Mal mit einem Lehrer an – zu krass erschienen mir die Diskrepanz, ihre Herangehensweise und die dämlichen Schablonenaufgaben. Bücher mussten jetzt nicht mehr ganz gelesen werden, ausgewählte Kapitel genügten. Wie kann man ein Buch nur auszugsweise lesen, wie soll man denn dann etwas verstehen? Oder geht es allein darum, die Lehrbuchfragen am Ende richtig zu beantworten? Das ärgerte mich, und ich hielt damit auch nicht hinterm Berg. Ich langweilte mich einfach, hatte aber mit meinen dreizehn Jahren noch keine schlagenden Argumente zur Verfügung, so dass meine Unzufriedenheit sich in Streitereien mit der neuen Lehrerin erschöpfte. Allen anderen war das herzlich egal, all den Musterschülern, die den Schulstoff »gut« bis »sehr gut« beherrschten und mit sauberer Handschrift ihre sauber geführten Hefte füllten. Und diejenigen, die das Prinzip »bloß nicht drankommen« verfolgten, waren von meinem Problem schon gar nicht betroffen, zumal sie es gar nicht erst als Problem erkannten. Ich wurde dagegen für meine ewig unbequemen Fragen regelmäßig vor die Tür geschickt und verbrachte die Hälfte der Literatur- und Geschichtsstunden auf dem Gang.

Geschichte hatte sich zu meinem zweiten Lieblingsfach entwickelt. Unsere Historikerin war weitaus intelligenter als die Russisch-Hysterikerin, aber auch sie konnte es nicht leiden, ständig mit für mein Verständnis existenziellen Fragen angegangen zu werden, vorgetragen mit jugendlich-maximalistischem Ungestüm ohne jede Spur von Toleranz – sie stellte mich ebenfalls vor die Tür. Aus dem Gangfenster vor dem Russischraum war der Haupteingang zu sehen, wo immer jemand herumlief, da wurde es nie langweilig. Vom Geschichtsgang aus hatte man einen guten Überblick über den Sportplatz, wo oft Kinder in bunten Leibchen ihre Runden drehten und die vom Sportunterricht Befreiten, zur Anwesenheit Verdammten in der braunen Uniform der Schüler aus dem Sklavenland die Bank drückten.

Aber ich will den beiden Lehrerinnen nicht Unrecht tun – sie haben nicht an meinen Zensuren gedreht, obwohl ich annehme, dass sie noch heute bei meinem Namen Schweißausbrüche bekommen.

Als Kind war ich mit Mischa befreundet. Als Kind war ich mit vielen befreundet, aber mit Mischa war ich schon in derselben Kindergartengruppe, dabei gilt das eigentlich für meine ganze Klasse, jedenfalls war Mischa mein bester Freund. Wir saßen anfangs auch in einer Bank, aber dann stellte sich schnell heraus, dass er ein Chaot war, der über ein Ausreichend nicht hinauskommen würde, und man trennte uns rasch, wahrscheinlich, damit er mich nicht verdarb. Mich setzten sie neben ein Mädchen, eine Gute mit Aussicht auf »sehr gut«. Aber als sie in der fünften Klasse wieder von mir weggesetzt wurde, war sie plötzlich nur noch eine Gute mit Aussicht auf »befriedigend«. Ich bekam eine neue Banknachbarin, im Jahr darauf durften wir gemeinsam als erste zu den Pionieren, weil sie die Zweitbeste in unserer Klasse war. Später setzte unsere Klassenlehrerin, der schon Böses schwante, sie von mir weg, und sie brachte die Schule mit Ach und Krach mit einem Befriedigend zu Ende. Meine Nachbarschaft verhalf noch einigen Mitschülern zu ähnlichen Höhen- und Sturzflügen, bis ich in Klasse neun mit Drakon zusammengesetzt wurde. Da er schon immer zuverlässig zwischen »ausreichend« und »befriedigend« navigierte, sich nur mühsam an den Silben entlanghangelte, noch schlechter schrieb und sich zu keinen geistigen Höhenflügen aufraffen wollte, was ihm ohnehin niemand abgenommen hätte, schlug sich unsere Nachbarschaft in keiner Weise auf seine Zensuren nieder. Drakon bestand aus etwa einhundert Kilogramm Muskelmasse, hatte den Großteil seiner Schulzeit in Trainingslagern, Wettkämpfen und Meisterschaften zugebracht und mit sechzehn Jahren gewonnen, was es zu gewinnen gab, so dass wir ihn in den höheren Klassen dann regelmäßiger zu Gesicht bekamen. Er bekam den Platz neben mir und wurde für unterlassene Schwänzereien und wortloses Geblinzel anstelle einer Antwort mit einem Befriedigend belohnt.

Aber ich wollte von Mischa schreiben. Eigentlich schreibe ich weiter über mich, aber in diesem Absatz auf dem Umweg über Mischa. Er war in der ersten Klasse von mir zu einem mittelmäßigen Mädchen versetzt worden, mit dem er sich einmütig »ausreichend«, »befriedigend« und höchst selten auch mal ein »gut« teilte, und saß bis zum Schulabschluss in der neunten Klasse neben ihr. Zum Ende der Grundschulzeit war klar, wer welche Art Schüler werden würde beziehungsweise schon geworden war. Aber in den ersten vier Jahren, geschützt unter den Fittichen eines Klassenlehrers, klaffen Zensuren und Wissensstand der einzelnen Schüler noch nicht so offenkundig auseinander, gestaltet sich das Bild noch eher einheitlich mit Ausreißern nach unten nur in besonders schweren Fällen. Die gesamte Grundschulzeit habe ich mich bemüht, wie alle anderen zu sein, und im Grunde ist es mir auch gelungen. Ich gehörte zwar zu den Klassenbesten, aber das hob mich nicht heraus und störte auch niemanden. Die Probleme fingen erst an, als wir die kleine Welt unseres Klassenzimmers gegen die über die ganze Schule verstreuten Fachräume eintauschten und unterschiedliche Lehrer bekamen. Da zeigte sich mit einem Mal, dass wir mehrheitlich Mittelmaß waren, eine Handvoll gute Schüler, d.h. eher Schülerinnen, reichlich »ausreichend«, dafür erschreckend wenig sehr Gute, darunter ich. Nicht, dass ich besonders scharf auf gute Zensuren gewesen wäre, ich habe mich nie besonders angestrengt oder sogar gebüffelt, ich wollte einfach lernen, war es gewohnt, meine Sache gut zu machen und kam deshalb ganz gut durch. Unsere Klassenlehrerin in der vierten, eine gestandene Mathelehrerin, hatte offenbar einen Narren an mir gefressen und sah einen neuen Euler in mir. Bald glaubte die ganze Klasse, ich sei ihr Lieblingsschüler und bekäme deshalb nur »sehr gut« und Auszeichnungen von ihr geschenkt, während alle anderen leer ausgingen – mit Vorliebe packte sie die Jungs im Genick bei den Haaren und schleppte sie so, in verschiedenen Tonlagen »fauler Strick« murmelnd, durch die Klasse. Es musste zum Konflikt kommen, auch wenn ich davon nichts ahnte. Er brach offen aus, als ich mich zum Schuljahresende mit Mischa prügelte. Er war etwas kleiner als ich, aber von Natur aus kräftig und breit, während mich dieselbe Natur aus einer Laune heraus ziemlich schmal und damals noch nicht übermäßig lang belassen hatte. Wir waren zu der Zeit keine dicken Freunde mehr, aber auch nicht verfeindet. Der Streit auf dem Gang in der Pause drehte sich um irgendeine Nichtigkeit. Mischa hatte mich nicht einmal geschlagen, nur kräftig geschubst, dass ich gegen den Heizkörper geflogen bin, aber ich habe nicht geheult, obwohl es wehtat. Das Problem war nur, dass unsere Klassenlehrerin die Sache mitbekommen hatte und natürlich in Mischa den Schuldigen sah. Er war damals schon offiziell und inoffiziell der Kopf der Klasse und wurde von allen nur respektvoll Micha<so richtig?> genannt, deshalb schlug sich, als seine Mutter und er tags darauf vom Direktor einbestellt wurden, sofort die gesamte Klasse auf seine Seite und stempelte mich zum Verräter. Kurz darauf ging es los, vielmehr sie, die Hölle. Für das nächste halbe Jahr war ich der Paria, der letzte Mensch in der Klasse. Solange der Lehrer hinsah, war scheinbar alles ruhig, bis auf die eine oder andere schnelle Ohrfeige, wenn er sich abwandte, aber was sich in den Pausen und nach dem Unterricht abspielte, will ich mir nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Weniger die körperliche Gewalt oder die Beleidigungen, vielmehr der tägliche Psychokrieg, aktiv betrieben von einigen, mitgetragen vom Rest. Nicht, dass sie mich der Reihe nach vermöbelt hätten, aber viele wollten mir einfach eins auswischen, und wann immer ich mich prügelte und selbst wenn ich einmal gewann, was bei meiner Statur ohnehin kaum vorkam, stand die Klasse immer auf Seiten meines Gegners, und es wurde nur noch schlimmer. Ich versteckte mich, lief weg, verteidigte mich nach Kräften, ohne je zu klagen oder um Gnade zu bitten. Die größte Herausforderung war, die Pausen zu überstehen und mich nach Schulschluss unbemerkt aus dem Staub zu machen. In jeder Kindergruppe gibt es den Ausgestoßenen, den Unberührbaren, das Objekt allgemeinen Gelächters und ständiger Erniedrigung, den alle und jeder in der Klasse zur Schnecke machen, oder ein einzelner, während die anderen zusehen. Das ist kaum zu ertragen und nicht zu ändern, schlimmer als das Kastenwesen in Indien. Man kann nur die Schule wechseln oder jemanden umbringen, wobei letzteres wahrscheinlich auch nicht helfen würde.

Fast fünf Jahre ging das so, zunächst ganz massiv, dann etwas abgeschwächt und mehr aus Gewohnheit, aber dennoch. Im Klassenzimmer, im Gang, in der Umkleide, in der Sporthalle, in der Kantine, auf der Toilette, im Park hinter der Schule, überall. Fünf Jahre Hölle. Meiner Mutter habe ich kein Wort davon gesagt, aber sie hat es auch so gemerkt und mir mehrfach, vor allem am Anfang, vorgeschlagen, die Schule zu wechseln. Dann hätte ich jeden Morgen in eine Nachbarsiedlung fahren müssen, und ich hätte meine Niederlage eingeräumt. Aber das war nicht einmal entscheidend, ich wollte eben genau hier sein, mit allen anderen, wie alle und trotz aller Erniedrigungen wollte ich unter meinesgleichen sein. Aber irgendwie funktionierte das einfach nicht. Ich war immer noch der Klassenbeste, ein heller Kopf mit Elefantengedächtnis, dabei stellten mich die Lehrer nach wie vor für meine Widerworte auf den Gang, und die Klasse behandelte mich wie den letzten Menschen. Ich habe es versucht, habe mitgeraucht, mit um Geld gespielt, aber ich konnte nie einer von ihnen werden, blieb immer außen vor und eine Stufe darunter. Neue Schüler kamen in unsere Klasse, machten die schwierige Fremdkörperphase durch, mal schneller, mal langsamer, jeder mit seinen Erniedrigungen, seinen blauen Flecken, aber niemand wurde in der Klasse bis zum letzten Platz durchgereicht, weil dieser Platz schon vergeben war. Vergeben an mich. Aus heutiger Sicht habe ich kluge Ratschläge für den Jungen von damals parat: unerbittlicher kämpfen bis zuletzt und nicht zurückziehen, doch die Schule wechseln oder in irgendeiner Sache cooler sein als der Rest, um sich Respekt zu verschaffen – schulische Leistungen zählen da freilich nicht. Aus heutiger Sicht. Aber damals wie heute hat ein elfjähriges Kind keine Chance, so eine Situation zu ändern. Der einzige Weg zur Akzeptanz ist ein gezielter Notenabsturz, nicht mehr auffallen, sich dauerhaft wegducken, um womöglich irgendwann als einer von vielen Gefolgsleuten der Anführer geduldet zu werden. Aber das wollte ich nicht, ich wollte dazugehören, ohne mich selbst zu verleugnen, doch das schien nicht zu funktionieren. Also blieb mir nichts übrig, als einzustecken und durchzuhalten. Ob ich deshalb so ein verschlossener Starrkopf geworden bin? Schon möglich. Aber das wird auch noch andere Gründe haben, dafür ist mir in jenen Jahren noch zu viel Anderes widerfahren, Gutes wie Schlechtes. Irgendwann geht alles zu Ende, so war auch der Psychokrieg eines Tages vorbei, alle waren älter geworden, neu zusammengemischt, und in der neunten Klasse ließen sich mich in Ruhe, später war ich dann mit einigen, dann sogar mir vielen meiner einstigen Feinde wieder befreundet. Viele der Befriedigenden und Guten wechselten nach und nach auf die Fachschulen, übrig blieben die sehr Guten und die Ausreichenden, erstere bis zur Hochschule, letztere bis zur Einberufung. Wir wurden mit den Parallelklassen zusammengelegt, und ein neues Leben brach an …

Wir fanden uns zu einer kleinen Clique zusammen, die letzten beiden Schuljahre verflogen wie in einem schönen Traum, wahrscheinlich war das der Ausgleich für die fünf Jahre in der Hölle. Meine Leistungen wurden nicht schwächer, aber ich ging jetzt eher zum Vergnügen zur Schule. Obwohl ich immer noch einer der besten Schüler war, vielmehr der beste (neben ein paar besten Schülerinnen), stand ein paar Mal »gut« in meinem Prüfungszeugnis. Mir wurde empfohlen, eine Nachprüfung zu machen, um doch noch eine Medaille zu bekommen. Aber ich lehnte ab, weil ich damals nicht einsah, was sie mir bringen sollte, das sehe ich eigentlich bis heute nicht. Als unser letzter Schultag eingeläutet werden sollte, trug ich eine neue Erstklässlerin auf der Schulter (mit siebzehn Jahren hatte ich deutlich an Länge und Breite zugelegt), sie hielt die altbekannte Glocke mit der Klöppelmutter in der Hand. Ich hatte der Kleinen rechtzeitig erklärt, dass sie die Glocke nach unten halten solle, so dass sie diesmal wesentlich fröhlicher läutete.

Auf das letzte Läuten folgte das Examen, die Abschlussprüfungen, fünf an der Zahl, die ich natürlich allesamt mit »sehr gut« bestehen wollte. Ganz zuletzt kam die, wenn auch nicht heiß geliebte, so mir doch immer treu ergebene Mathematik. Nach zwanzig Minuten hatte ich die ersten vier Aufgaben gelöst, um dann bestimmt schon eine halbe Stunde über einer kurzen Dreiecksfrage zu brüten und schließlich einzusehen, dass ich sie nicht lösen und mir dieser eine Punkt fehlen würde. Ich bekam Schweißausbrüche und massierte mir die Schläfen, aber das half auch diesmal nicht. Eine Viertelstunde vor dem Ende der Prüfung war klar, dass alle über diese Dreiecke gestolpert waren, auch die beiden anderen sehr Guten und dass niemand die vollen fünf Punkte holen würde. Meine erste Klassenlehrerin war damals schon pensioniert, und man hatte uns nach zahllosen Lehrerwechseln für das Abschlussjahr eine neue Mathelehrerin vorgesetzt. Als sie nun sah, was in der letzten, in ihrer Prüfung bevorstand, bestellte sie uns drei, die wir vorher immer fünf Punkte geschrieben hatten, nacheinander vor die Tür und zeigte uns wortlos die Lösung der letzten Aufgabe. Ich konnte erst gar nicht begreifen, weshalb mich jemand aus der Prüfungskommission nach draußen rief, ich war ganz aufgebracht, dass ich an den Dreiecken scheitern sollte, die Zeit lief davon, ich haderte und wollte weiter über der Aufgabe schwitzen, ging aber schließlich doch, da die Obrigkeit rief. Kaum hatte ich die Lösung gesehen und verstanden, kehrte ich, ganz in Gedanken, an meinen Platz zurück. Ich trug ein weißes Hemd, auch alle anderen waren weiß und festlich gekleidet, aber auf einmal kam mir alles so verlogen und schmutzig vor. Ich setzte mich an meinen Platz und überlegte kurz, die Aufgabe offen zu lassen oder noch besser, anstelle der Lösung etwas zu schreiben, eine letzte Botschaft an die Lehrer gewissermaßen. Aber ich war zu feige. Ich wollte fünfmal die Bestnote, die glatte Fünf, in meinem Prüfungszeugnis stehen haben, ich wollte Erster sein, zu den Besten gehören. Um jeden Preis. Und ich trug die richtige, vorgesagte Lösung ein. Und ich bekam meine Fünf, die fünfte, letzte. Aber ich konnte mich nicht über sie freuen. Ich kann es bis heute nicht. Ich hatte die Chance auf eine ehrliche Vier vertan und sie gegen die falsche Fünf eingetauscht.

Beim Abschlussball applaudierten alle zufrieden, mich eingeschlossen. Als Jahrgangsbester bekam ich meine Urkunde als erster, sie sagten sogar etwas von wegen »groß gewachsen, Großes geleistet«, aber ich fühlte mich schäbig.

Nach der Schule ergatterte ich einen der staatlich geförderten Studienplätze an einer renommierten Fakultät, auf eigene Faust. Dort ging ohne Vitamin B eigentlich gar nichts, und als Normalsterblicher vom Lande hatte man schlechte Karten, aber ich kam rein, als letzter auf der Liste unter lauter Goldmedaillenträgern, ich kam rein. Meine Verwandten hatten mir vorher zugeredet, in eine andere Stadt zu ziehen, wo ich an einer anderen Hochschule, an die ich nicht wollte, meinen Studienplatz in einer Fachrichtung, die mich nicht interessierte, unter Garantie bekommen hätte – ich hatte mich geweigert. Ich wollte nur dorthin, wo ich hinwollte, gegen den Willen meiner Eltern, praktisch ohne Aussicht auf Erfolg. Ich ließ mir nicht reinreden, tat, was ich wollte und erreichte mein Ziel. Nach dem ersten Semester und den ersten Prüfungen war ich allerdings schwer enttäuscht von unserer Alma Mater, in der die Studenten ihr Studium vortäuschten und die Dozenten ihre Lehre, der Eifer war dahin, die Zensuren gingen in den Keller, ich wurde ein Schwänzer und disziplinloser Geselle und verbrachte in den Wänden der Hochschule fünf wunderbare Jahre meines Lebens, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

In der Schule war ich dennoch nicht umsonst, sie hat mich trotz allem etwas gelehrt – nicht die Berechnung von Dreiecken, die ist für die Katz –, ich habe in der Schule gelernt, niemals aufzugeben und mir treu zu bleiben. Nicht aufgeben und sich treu bleiben. Nicht aufgeben. Und sich treu bleiben. Und: nicht unbedingt versuchen, wie die anderen zu sein

Published 8 June 2018

Original in Russian
Translation by Thomas Weiler
First published in Transit 48 (2016)

Contributed by Transit
© Oleg Sentsov / Transit

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