Russlands Entwicklungspfad

Vom Imperium zum Nationalstaat

Die Russländische Föderation ist weder eine echte Demokratie noch ein russischer Nationalstaat. Sie ist ein Überbleibsel des russländischen und sowjetischen Imperiums, das mit autoritärer Macht zusammengehalten wird. Auch das Selbstverständnis der Russen ist noch nicht vollständig dem imperialen und sowjetischen Kokon entschlüpft. Es schwankt zwischen imperialem revanchistischem Chauvinismus, russophober Selbsterniedrigung und Angst vor einem Zerfall von Staat und Nation. Das “Ende der russländischen Geschichte” wird erst dann erreicht sein, wenn ein echter demokratischer russischer Nationalstaat, der auf imperiale Ambitionen im postsowjetischen Raum verzichtet, Teil der supranationalen europäischen Gemeinschaft geworden ist.

Der Nationalstaat ist – zumindest in Europa – zu einem Standardmodell geworden. Dieses Modell stand bei der GrŸündung des Deutschen Reichs und des Kšönigreichs Italien Pate. An ihm orientierten sich auch die UnabähŠngigkeitsbewegungen vieler Vöšlker Mittel- und SŸüdosteuropas, die zum Zerfall des Osmanischen Reiches und …Österreich-Ungarns fŸührten. Das “Selbstbestimmungsrecht der Všölker” ist eine der wichtigsten politischen Ideen der Neuzeit. Sie Ÿübt eine so große Anziehungskraft aus, weil nicht bestritten werden kann, dass die Forderung gerecht ist, und weil so offensichtlich ist, dass es einen unauflöšslichen Zusammenhang zwischen VolkssouverŠnitäŠt und anderen demokratischen Prinzipien gibt.

Wie alle großen Ideen zog auch die des Nationalstaats ein immenses Blutvergießen nach sich, denn ihre Umsetzung setzte den Zusammenbruch von Imperien, das Verschwinden von Staaten und die Entstehung neuer Staaten sowie die Verschiebung von Grenzen voraus. Die Frage, ob eine ethnische Gruppe eine Nation ist und wenn ja, welches Gebiet ihr “nationales Territorium” umfasst, wird keineswegs in wissenschaftlichen Debatten entschieden. Viele Vöšlker haben mit gro§em Enthusiasmus und Pathos ihr Selbstbestimmungsrecht proklamiert, eben jenes Recht aber sofort vergessen, wenn es um die AnsprŸüche anderer Vöšlker oder Volksgruppen ging, die auf dem von ihnen reklamierten Territorium lebten.


Das schrecklichste Beispiel lieferte Hitler-Deutschland, das nahtlos vom Anspruch auf das Selbstbestimmungsrecht fŸür die außerhalb des Deutschen Reichs lebenden deutschen Minderheiten zur Versklavung und Vernichtung anderer Vöšlker Ÿüberging. Als Beispiel aus der jŸüngeren Vergangenheit mag Serbien erwŠähnt werden, das ein Selbstbestimmungsrecht fŸür die Serben in Kroatien und Bosnien forderte, aber eben jenes Recht für die in Serbien lebenden Kosovaren bestritt. €Ähnlich Russland: Den tschetschenischen Separatismus unterdrŸückte Moskau gewaltsam, gleichzeitig jedoch verteidigte es – ebenfalls mit Gewalt – das Selbstbestimmungsrecht der in Georgien lebenden Osseten und Abchasen.

Seit dem Zerfall Jugoslawiens und der Sowjetunion ist das Prinzip der Nationalstaatlichkeit praktisch Ÿüberall in Europa verwirklicht. Es gibt kein großes europäisches Volk mehr, das keine eigene Staatlichkeit besitzen wŸürde. Daher verfŸügt das Nationalstaatsprinzip in Europa nicht mehr Ÿüber seine einstige Sprengkraft. Auch die traumatische Erinnerung an die Kriege, die zur Umsetzung dieses Prinzips gefŸührt haben, macht es heute weniger virulent. Schließlich erscheint der Nationalstaat nicht mehr als einzige Löšsung, weil die Demokratisierung der europäŠischen Staaten dazu gefüŸhrt hat, dass Volksgruppen auch in Nationalstaaten sehr viele Rechte besitzen, die nicht ihre eigenen sind, und die europäŠische Integration die absolute SouverŠnitŠät der Nationalstaaten ausgehöšhlt hat. FüŸr einen schottischen oder katalanischen Nationalstaat köšnnen sich heute weit weniger Schotten und Katalanen begeistern als im 19. Jahrhundert Italiener füŸr die Einigung Italiens oder Bulgaren fŸür die UnabhŠängigkeit Bulgariens. In den demokratischen Staaten Großbritannien und Spanien verfŸügen die Schotten und Katalanen Ÿüber eine reale Autonomie; ein unabhäŠngiges Schottland oder Katalonien wüŸrde selbstverstäŠndlich in die EuropŠische Union eintreten und die in BrüŸssel und Straßburg getroffenen Entscheidungen Ÿübernehmen. Der Nationalstaat ist somit in Europa zwar noch Standardmodell. Das Modell, auf das die historische Entwicklung zulŠäuft, ist jedoch nunmehr die †Überwindung des Nationalstaats durch eine supranationale europŠäische Vereinigung.
Russland hingegen steckt mitten in einer “nachholenden Entwicklung”. Hier geschieht heute das, was in anderen LŠändern im 19. oder früŸhen 20. Jahrhundert stattfand. Russland muss heute das aufbauen, was die meisten europäŠischen Staaten bereits errichtet haben oder sogar schon wieder umbauen. Der demokratische Nationalstaat ist fŸür Russland immer noch das Ziel der historischen Entwicklung. Die RusslŠändische Fšöderation ist weder eine echte Demokratie noch ein russischer Nationalstaat. Sie ist ein †Überbleibsel des russlŠändischen und sowjetischen Imperiums, das mit autoritäŠrer Macht – Demokratie wird nur simuliert – zusammengehalten wird. Auch das SelbstverstŠändnis der Russen ist noch nicht vollstäŠndig dem imperialen und sowjetischen Kokon entschlŸüpft. In Geburtswehen wŠälzt es sich hin und her, schwankt zwischen imperialem revanchistischem Chauvinismus, russophober Selbsterniedrigung und Angst vor einem Zerfall von Staat und Nation.

Innere WidersprŸüche des russischen Nationalismus

Das RussläŠndische Imperium entstand auf der Basis eines ethnisch russischen Kernlands. Durch die Eroberung zahlreicher LŠänder und Vöšlker wurde es zu einem polyethnischen Staat.1 Dieser wurde von einer Elite regiert, die sich aus verschiedenen Vöšlkern rekrutierte. Sie wurde nicht durch ethnische Bindung, sondern durch Standes- und Klassenbewusstsein zusammengehalten. Wenn diese Elite dem Staat loyal diente, so weil sie der Dynastie ergeben war und nicht aufgrund eines GefŸühls von ethnischer NŠhe zu den Russen. Dies spiegelte sich in dem Begriff “Russland” (Rossija) wider, der zur Zeit Peters des Großen als Bezeichnung fŸür einen Staat entstand, der sich als Imperium begriff. Dieser Begriff, bei dem es sich um eine Latinisierung des Ethnonyms “Rus'” (vgl. auch russkij “Russe”) handelt, verweist auf die Entstehung des Staates auf ethnischer Grundlage, zugleich aber auch darauf, dass das Imperium eben nicht identisch mit dem ethnisch russischen Kernland ist, sondern viel gršößer.2

Die Ausdehnung des Imperiums und der RüŸckgang des Anteils der ethnischen Russen füŸhrten dazu, dass das Imperium “brŸüchig” wurde. Der Verfall beschleunigte sich aufgrund der Modernisierungsprozesse im 19. Jahrhundert, im Zuge derer das nationale Bewusstsein vieler Vöšlker des Imperiums erwachte. In dem Maße, in dem die Menschen in den entstehenden Nationalsprachen alphabetisiert wurden und aus den engen Grenzen ihrer traditionalen kleinen Welt ausbrachen, begannen sie, sich nicht nur als Bewohner einer Region, als Mitglieder eines bestimmten Standes, als Untertanen des Zaren und als Angehšrige einer bestimmten Konfession zu verstehen, sondern auch als Mitglieder einer bestimmten Nation. Die politische Idee des Nationalismus verbreitete sich, nach der die ethnische Gemeinschaft, die jetzt als Nation verstanden wurde, in einem eigenen Nationalstaat leben soll.

Auch ein russischer Nationalismus entstand. Das Problem des Nationalstaats stellte sich jedoch aus Sicht der Russen anders dar als aus jener der anderen Vöšlker des Zarenreichs. Daher unterschied sich auch der russische Nationalismus grundlegend von jenem der anderen Vöšlker des Zarenreichs. Das Reich trug den Namen RussläŠndisches – also fast Russisches – Imperium, es war aus dem altrussischen Staat hervorgegangen, die Orthodoxie war Staatsreligion. Die Zaren bekannten sich zur Orthodoxie und identifizierten sich, selbst wenn sie nicht gebŸürtige Russen waren, mit den Russen. Andererseits waren die Russen in diesem Imperium weniger frei und wohlhabend als andere Všölker.3 Im autokratischen zaristischen Staat hatten sie als ethnische Gemeinschaft keine politische Macht. Den Mangel an Rechten und die relative Armut kompensierten die Russen mit der symbolischen Zugehšörigkeit zur Pracht und Macht des Imperiums. Dies beeinträŠchtigte die Entstehung eines russischen nationalen SelbstverstŠändnisses und fŸührte zu einer spezifischen reaktionŠären AusprŠägung des russischen Nationalismus.

Die russischen Nationalisten empöšrten sich Ÿüber den nichtrussischen Charakter der imperialen Elite und darŸüber, dass die nationalen Minderheiten –etwa die Baltendeutschen oder die Finnen – Ÿüber mehr Rechte als die Russen verfŸgten. Sie forderten einen russischen Nationalstaat, der allerdings nicht auf ethnisch russischem Gebiet entstehen sollte, denn ein solches Gebiet wäŠre viel kleiner gewesen als das bestehende Reich mit seinen zahlreichen nichtrussischen Gebieten. Damals wie heute konnten bzw. kšönnen sich die russischen Nationalisten nicht vorstellen, auf Territorien zu verzichten – selbst wenn es sich um Gebiete handelt, die eindeutig eine zu schwere Last fŸür den Staat bedeuten – etwa Polen fŸür das RusslŠändische Imperium oder Tschetschenien fŸür die RusslŠändische Fšöderation. Daher ist die Idee eines russischen Nationalstaats zumeist mit dem Ruf nach einer Politik verknŸüpft, die die Russen privilegiert und die Minderheiten unterdrŸückt, sowie oft auch mit der Forderung, alle “mit russischen Waffen erkäŠmpften” Territorien zu russifizieren. Aus der Parole “Russland den Russen” zogen russische Nationalisten mitnichten die Konsequenz “Polen den Polen” oder gar “Die Ukraine den Ukrainern”. Polen und insbesondere die Ukraine galten ihnen als Teil Russlands und mussten daher ebenfalls den Russen gehöšren. Der russische Nationalismus setzte sich somit Ziele, die sich gegenseitig ausschließen: einen russischen Nationalstaat zu grŸünden und das Imperium aufrechtzuerhalten. Das, was der russische Nationalismus verlangte, war eine Utopie, deren Umsetzung Pogrome, die Deportation ganzer Všölker und eine Zwangsrussifizierung voraussetzte. So wurde auch der Antisemitismus zu einem konstitutiven Merkmal des russischen Nationalismus.

Alle anderen Nationalismen, die im RussläŠndischen Imperium entstanden, konnten demokratische Werte anstreben. In einem kontinentalen Imperium mit unklaren Grenzen zwischen Zentrum und Peripherie ist es jedoch nicht möšglich, das Zentrum zu demokratisieren, ohne eine Separation der Randgebiete zuzulassen. Die europŠischen Imperien konnten sich demokratisieren, in ihren †Überseekolonien jedoch weiter autoritŠär regieren. Auf dem “russischen” Kontinent fŸührten Liberalisierung und Demokratisierung hingegen zu Desintegration. Aleksandr II. formulierte es Šäußerst treffend: “Gibt man Russland eine Verfassung, so zerfŠällt es, dies ist der Grund, dass ich es nicht tue, und nicht, weil ich es bedauern wüŸrde, meine Rechte zu verlieren.”4

Die Autokratie hielt das Imperium zusammen und der russische Nationalismus klammerte sich bei seinem Versuch, das Imperium aufrechtzuerhalten und zu russifizieren, an die Autokratie und schrieb dieser – in Reaktion auf die antirussischen Befreiungsbewegungen – sogar ein russisches Wesen zu.

Gleichwohl stand die Elite des Zarenreichs dem russischen Nationalismus skeptisch gegenŸber. Es handelte sich schließlich trotz allem um eine Ideologie der neuen demokratischen Zeit, die die unhinterfragte traditionale LegitimitäŠt der bestehenden Macht untergrub, indem sie dieser eigenstŠändige Forderungen präsentierte und den Vorrang ethnischer Beziehungen vor der Standes- und Klassenzugehšörigkeit propagierte. Zudem bewirkte der russische Nationalismus die Reaktion anderer Nationalismen und trug somit zur Desintegration des Imperiums bei, das er eigentlich bewahren wollte.5 Gleichzeitig versuchte die Autokratie, die immer mehr an LegitimitŠät verlor und von revolutionŠären KräŠften immer heftiger herausgefordert wurde, in den nationalistischen “Schwarzen Hundertschaften” eine neue Grundlage zu finden.6

Die antiliberale und imperiale Ideologie des russischen Nationalismus isolierte ihn sowohl von den anderen nationalen Bewegungen des Zarenreichs als auch von liberalen und demokratischen Stršmungen in der russischen Gesellschaft. FŸür die russischen RevolutionäŠre, die gegen die Autokratie kŠämpften, waren alle Nationalbewegungen des Zarenreichs potentielle oder sogar reale VerbŸündete – außer der russischen. Der russische Nationalismus war als einzige Bewegung, die fŸür das Zarenreich mobil machte, sogar ihr Erzfeind. Mit dem nationalistischen Sojuz russkogo naroda (Bund des russischen Volkes) wurden vor allem Pogrome verbunden. Keine der revolutionäŠren Parteien nannte sich “russisch”, weil dieser Begriff von der Reaktion “okkupiert” war. Alle revolutionŠren Parteien nannten sich “russlŠändisch”, ihre nationale Zusammensetzung war genau so bunt wie die der Elite des Zarenreichs. Doch wŠährend in der Elite des Staates die Deutschen ŸüberrepräŠsentiert waren, waren es in der revolutionŠären “Gegenelite” die Juden.7 Daher hatte die revolutionŠäre Bewegung einen äŠußerst internationalistischen, wenn nicht sogar “russophoben” Charakter. Im Gegensatz dazu waren die “Schwarzen Hundertschaften” Ÿüberzeugte Antisemiten und betrachteten die revolutionäŠre Bewegung als jŸüdische Verschwöšrung.

WŠährend des BŸürgerkriegs, der ausbrach, nachdem das von revolutionŠären und nationalistischen Bewegungen ausgehšöhlte und vom Ersten Weltkrieg geschwŠächte Zarenreich zusammengebrochen war, käŠmpften die Weißen füŸr das Imperium, füŸr das “einige und unteilbare Russland”. Die Roten hingegen kŠämpften fŸür die Weltrevolution. Fast alle Vöšlker des Imperiums – außer den Russen – forderten das Selbstbestimmungsrecht der Vöšlker und versuchten eigene demokratische Nationalstaaten zu grüŸnden. FŸür ein demokratisches, russisches Russland, füŸr ein “Russland der Russen”, das eine “Ukraine der Ukrainer” und ein “Georgien der Georgier” akzeptierte, käŠmpfte praktisch niemand.

Die RSFSR als Rumpfimperium und die russische Sonderrolle in der UdSSR

Den BŸürgerkrieg gewannen die Bolschewiki, indem sie den Nationalisten der nichtrussischen Vöšlker des untergegangenen Zarenreichs den Boden entzogen – mit ihrem leidenschaftlichen Internationalismus, ihrem Hass gegen den russischen Chauvinismus und ihrer Bereitschaft, allen Forderungen entgegenzukommen, wenn nur eine Bedingung erfŸüllt war, die damals als nicht besonders relevant betrachtet werden konnte: die Vorherrschaft der Kommunistischen Partei. Man kšönnte formulieren, dass es den Bolschewiki eben deshalb gelang, das Imperium wiedererstehen zu lassen – “verloren” gingen nur die am weitesten entwickelten westlichen Randgebiete, weil sie genau dies nicht beabsichtigten. Die Antwort der nichtrussischen Vöšlker und ihrer Nationalisten, die sich vor die Wahl zwischen den Bolschewiki und den Weißen gestellt sahen, war klar: Die Bolschewiki waren wenn nicht das Gute, so auf jeden Fall das kleinere ܆bel.

Der neue Staat wurde zunŠächst nicht als Nachfolger des untergegangenen Imperiums verstanden, sondern als das Fundament einer zuküŸnftigen weltweiten sozialistischen Vöšlkergemeinschaft, als ein “܆bergangsstaat”, der nur notwendig war, weil die Weltrevolution auf sich warten ließ. Der Name dieses Staates enthielt keinen Hinweis auf eine KontinuitäŠt zum Zarenreich oder auf die NationalitŠätenfrage. Er hieß nicht RussläŠndische Union, sondern Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, war also potentiell eine Union aller denkbaren Republiken, sofern sie nur sowjetisch und sozialistisch waren. Eines Tages sollte diese Union weltumspannend sein. Die erste Hymne des neuen Staates war dementsprechend die “Internationale”.

Die Bolschewiki verwirklichten tatsŠchlich viele Forderungen der Nationalbewegungen diverser Vöšlker des einstigen Imperiums. Sie grŸündeten nationale Sowjetrepubliken und leisteten Erstaunliches beim Aufbau “sozialistischer Nationen”. Sie schufen Literatursprachen, zeichneten VolksüŸberlieferungen auf und errichteten nationale Pantheons. Auch eine Art russischer Republik entstand: die RusslŠändische Sozialistische Fšöderative Sowjetrepublik (RSFSR). Doch als Resultat der spezifischen Stellung, die die Russen innerhalb des Zarenreichs eingenommen hatten, wies die RSFSR eine Reihe prinzipieller Unterschiede zu den anderen Sowjetrepubliken auf. Sie war nicht die Realisierung eines “nationalen Projekts”, entstand nicht als “nationales Haus” des russischen Volks. Vielmehr wurde sie nach dem “Restprinzip” gebildet. Sie umfasste die Territorien, die man den anderen Republiken nicht zuschlagen konnte und aus denen man auch schlecht neue Unionsrepubliken häŠtte bilden köšnnen – sei es, weil die Vöšlker zu klein waren, sei es, weil ihre Gebiete infolge der russischen Kolonisation zu Enklaven in russischem Territorium geworden waren. So wurden fŸür die dort ansŠässigen Vöšlker “autonome” Republiken und Gebiete innerhalb der RSFSR errichtet. Die RSFSR war gleichsam ein “Rumpf” des ehemaligen Imperiums. Einerseits integrierte sie die unterschiedlichsten Všölker, deren Kulturen von der russischen Kultur teilweise weit entfernt waren, andererseits war eine ganze Reihe von Regionen mit deutlicher russischer Bevöšlkerungsmehrheit ausgeschlossen, weil die Sowjetmacht sie aus verschiedenen GrŸünden anderen Republiken angegliedert hatte. Der Name der Republik, auf russisch Rossijskaja Sovetskaja Federativnaja Socialisticeskaja Respublika, verwies mit dem Adjektiv rossijskij “russlŠändisch” auf eine KontinuitäŠt mit dem zaristischen Imperium, enthielt hingegen keinen Hinweis auf ihre ethnische Basis. Die “Föšderation” durfte auf keinen Fall als “russisch” deklariert werden. So besaßen die Russen in der UdSSR die “am wenigsten nationale” Republik. Zudem entbehrte die RSFSR einer Reihe von nationalstaatlichen Attributen, Ÿüber die die anderen Republiken verfŸügten. So hatten die anderen Unionsrepubliken ihre eigenen Kommunistischen Parteien mit ihren jeweiligen Zentralkomitees, wäŠhrend es keine russlŠändische KP gab; alle Republiken hatten eine eigene Akademie der Wissenschaften und eigene KüŸnstlerverbŠnde – mit Ausnahme der RSFSR.

In den 1920er und selbst in den 1930er Jahren wurde jede Form von russischem Nationalismus als “imperialistischem Chauvinismus” gegeißelt und schŠärfer verfolgt als die Nationalismen anderer Vöšlker. Die energisch betriebene Modernisierung der ehemaligen Randgebiete des Imperiums setzte einen Ressourcentransfer aus dem russischen Zentrum voraus; die Vorzugsbehandlung, die Vertreter der ehemaligen “unterjochten Nationen” bei der Aufnahme an Hochschulen erfuhren, implizierte eine Diskriminierung der Russen. Nimmt man all dies zusammen, so ergibt sich jenes Bild einer “Ausbeutung der Russen” in der UdSSR, das der russische Nationalismus in der SpŠätphase der Sowjetunion zeichnete. Dieses Bild ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind die “Kompensationen”, die die Russen im sowjetischen Staat erhielten und deren psychische Bedeutung so groß war, dass die Mehrzahl der Russen bis heute der Sowjetunion nostalgisch verbunden sind.8 Bei einer Internetumfrage Ÿber die größten Personen der russischen Geschichte wäŠre Stalin auf dem ersten Platz gelandet, hŠätte der Kreml nicht noch rasch den Abstimmungsmodus geŠändert.9 Kurzum: Was aus dem einen Blickwinkel wie ein Beweis fŸr die Diskriminierung und Ausbeutung der Russen aussieht, erscheint aus einem anderen Blickwinkel als besondere, “imperiale” Rolle des russischen Volkes.

Die Sowjetunion als Neuauflage des RussläŠndischen Imperiums

Ihren neuen Staat konzipierten die Bolschewiki als Fšöderation gleichberechtigter Republiken. Doch eine Fšöderation, in der ein riesiges Russland und winziges Armenien sich auf gleicher Augenhšöhe begegnen, ist ein Ding der Unmšöglichkeit. Und so gab es sie faktisch nie. Sie bestand allein in der Verfassung und als ideologisches Dogma. In der Wirklichkeit war der totalitŠäre sowjetische Staat noch unitaristischer als das RussläŠndische Imperium.

Ein zentralisierter Staat auf dem Territorium des ehemaligen RusslŠändischen Imperiums, in welchem als offizielle Sprache und als Sprache der “interethnischen Kommunikation” nur das Russische in Frage kam und die Russen das zahlenmŠäßig gršößte Volk waren, konnte nur eine Neuauflage des Imperiums werden. In dem Maße, in dem die Hoffnung auf die Weltrevolution schwand und die marxistisch-leninistische Eschatologie in den Hintergrund rŸückte, wurde der Staat tatsŠächlich auch nicht mehr als Keim einer weltweiten Vöšlkerunion begriffen, sondern als Nachfolger des RussläŠndischen Imperiums, als neue Materialisierung jenes Staates, der aus den Siegen jener ruhmreichen russischen HeerfüŸhrer hervorgegangen war, deren Namen die neuen MilitŠärorden schmüŸckten.

War der GrüŸnder des sowjetischen Staates, Lenin, ein Ÿüberzeugter Feind des russischen Nationalismus und “Russophober” gewesen, so sah sich sein Nachfolger Stalin nicht nur als Erbe Lenins, sondern auch in einer Reihe mit den großen Despoten, die das Imperium errichtet hatten: Ivan Groznyj und Peter der Große. In der Hymne der Sowjetunion, die am 1. Januar 1944 die “Internationale” ablšöste, heißt es: “Die unverbrŸüchliche Union der freien Republiken vereinte auf ewig die Große Rus'” – wobei sich seinerzeit niemand an dem Widerspruch stšörte, dass die Republiken gleichzeitig frei und fŸür die Ewigkeit verbunden sein sollen. Im sowjetischen Staat erhielten die Russen offiziell den Rang des Šälteren Bruders der sowjetischen Všölker zugesprochen. Obwohl die Existenz nationaler Republiken und die Entwicklung “sozialistischer Nationen” ebenso unverzichtbare ideologische Dogmen waren wie der Marxismus-Leninismus, wurde in den 1930er Jahren die Politik der Russifizierung wiederbelebt, und die russische Sprache verdräŠngte die nationalen Sprachen der Republiken. Die “AnnäŠherung” (sblizenie), ja “Verschmelzung” (slijanie) der Nationen, die Entstehung eines vereinten sowjetischen Volkes konnte nur auf der Basis der russischen Sprache und Kultur erfolgen.

Nach dem Krieg, als um die UdSSR ein Kreis kommunistischer Vasallenstaaten entstand, kontrollierte Moskau ein so gro§es Territorium, wie es nie zuvor von einem Zentrum aus verwaltet worden war. Außerhalb der galt dieses grandiose Imperium als “Imperium der Russen”. Dies war eine ernsthafte EntschŠdigung fŸür die unbefriedigende Stellung Russlands innerhalb der UdSSR und fŸür die allgemeine Rechtlosigkeit im totalitŠären Staat. Eine russische Republik konnte es nicht geben, denn die UdSSR war ja an sich schon ein russischer Staat. Die anderen Vöšlker hatten ihre eigenen nationalen “HäŠuser” und ihren Republikspatriotismus. FŸür die Russen hingegen war ihr Haus die ganze UdSSR, ihr Patriotismus war sowjetisch und nicht russlŠändisch. Russland hatte deswegen kein eigenes ZK und keine Akademie der Wissenschaften, weil das ZK und die Akademie der Union ohnehin “im Grunde” russisch, russlŠändisch waren. Flossen Gelder aus Russland in die nationalen Republiken ab und wurden Vertreter der nichtrussischen Vöšlker bei der Aufnahme an Moskauer Hochschulen bevorzugt, so geschah dies aus dem Grunde, dass die Russen ein “großes” Volk waren, ein äŠlterer Bruder, dem die Ÿübrigen Vöšlker unablŠässig ritualisierte Dankes- und Lobeshymnen sangen. Nicht von ungefäŠhr formulierte Stalin in seinem bekannten Trinkspruch auf dem Empfang anlŠässlich des Sieges Ÿüber Hitler-Deutschland:

Ich […] erhebe mein Glas auf die Gesundheit unseres sowjetischen Volkes und vor allem des russischen Volkes. Ich stoße vor allem auf die Gesundheit des russischen Volkes an, weil es die hervorragendste Nation von allen Nationen der Sowjetunion ist […], weil es […] den Titel der fŸührenden Kraft unserer Sowjetunion unter allen Vöšlkern unseres Landes verdient hat.10

Das russische nationale Bewusstsein hatte sich im RusslŠändischen Imperium nicht aus dem imperialen Bann gelšöst. Die Idee des russischen Nationalstaates entstand in der verzerrten Form einer Forderung nach einer Russifizierung des Imperiums. In der UdSSR geriet das russische Eigenbewusstsein erneut in einen imperialen – nun sowjetischen – Bann. Die Russen blieben ein Volk mit unbestimmtem nationalen Bewusstsein und konnten sich kaum vorstellen, in einem eigenen nationalen “Haus” zu leben anstatt in einem gewaltigen Vielvšölkerstaat, in dem sie das fŸührende Volk sind.

Der russische Nationalismus als sowjetisch-imperiale Ideologie

Die GrŸündung der UdSSR verzöšgerte den Zerfall des Imperiums. Der imperiale Staat erstand in neuer Form und auf neuer ideeller Grundlage wieder. Doch die KrŠäfte, die das VorgŠängerreich zerstšört hatten, wirkten fort. Das RusslŠändische Imperium hatte von der traditionalen Treue zur Monarchie gelebt, die durch die gesellschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert in ihren Grundfesten erschüŸttert wurde; die UdSSR klammerte sich an die Ideologie des Marxismus-Leninismus, doch diese verwandelte sich in eine Ansammlung sinnloser Formeln, die nach und nach von westlichem demokratischen Gedankengut sowie nationalistischen Ideologien verdrŠängt wurden. Das zaristische Imperium wurde Opfer einer natŸürlichen Nationsbildung; die UdSSR ging aufgrund sehr Šähnlicher Prozesse unter, die – was fŸür die Bolschewiki noch nicht absehbar gewesen war – durch die “sozialistische Nationsbildung” beschleunigt worden waren. Als das RusslŠändische Imperium unterging, hatten die meisten seiner Všölker weder ein ausgepräŠgtes Nationalbewusstsein noch klar abgegrenzte nationale Territorien, noch eine Elite, die sich als FŸührungsriege neuer Nationalstaaten geeignet hŠtten. Dies erklŠärt zu großen Teilen die Leichtigkeit, mit der diese Všölker und ihre Nationalisten sich in die HäŠnde der Bolschewiki begaben. Im Gegensatz dazu reiften in der UdSSR mehr oder weniger lebensfŠähige Nationen heran, die alle nationalen Attribute besaßen, nicht zuletzt eine eigene intellektuelle und büŸrokratische Elite sowie eine Vorform nationaler Staatlichkeit, die sich zu gegebener Zeit recht problemlos mit politischem Inhalt füŸllen ließ. Auch deshalb fiel die Sowjetunion spŠäter relativ leicht, ohne Blutvergießen und unumkehrbar auseinander.

In der Sowjetunion spielte der russische Nationalismus wie schon im RusslŠändischen Imperium eine prinzipiell andere Rolle als andere Nationalismen. Im Angesicht des Niedergangs der kommunistischen Ideologie nutzte die sowjetische Staatsmacht den russischen Nationalismus – der durchgehend mit Antisemitismus einherging – anfangs als Element einer in ihrer WidersprŸüchlichkeit abenteuerlichen ideell-symbolischen Synthese der stalinistischen €Ära, bevor er sich nach und nach zu einer autonomen ideellen Kraft entwickelte.11 Wie zu zaristischer Zeit war er jedoch weder zu echter Eigenständigkeit noch zu einem BüŸndnis mit anderen antiimperialen KräŠften in der Lage. Die GrŸünde waren dieselben: Der russische Nationalismus war nicht imstande, sich vom Imperium bzw. der UdSSR loszusagen und wurde dadurch in eine schizophrene politische Position gezwungen. Die Ideologie des russischen Nationalismus war antimarxistisch, aber da die Partei mit ihrer offiziellen marxistisch-leninistischen Ideologie die Kraft war, die den Zusammenhalt des Imperiums garantierte, blieb dem russischen Nationalismus nichts anderes Ÿübrig, als der Partei und ihrer Ideologie treu zu bleiben. Erneut strebte er nach etwas Unmšöglichem: der Verwandlung der multinationalen UdSSR, die durch die kommunistische Idee zusammengehalten wurde, in einen nationalen Staat des russischen Volkes. Es gab zwar Versuche, einen russischen Nationalismus zu formulieren, der nicht sowjetisch-imperiale ist – zu nennen ist vor allem Aleksandr Solzenicyn. Sie fanden jedoch kein Gehöšr.

Auf einer neuen Windung der Spirale – ob einer höheren oder niedrigeren, hŠängt vom Standpunkt des Betrachters ab – wiederholte sich somit die Geschichte. Das sowjetische Regime begegnete dem russischen Nationalismus mit derselben Vorsicht wie das zaristische – und versuchte angesichts der Auflšösung der staatstragenden Ideologie ebenso, sich seiner zu bedienen. Erneut sah sich der russische Nationalismus isoliert. FüŸr alle demokratisch gesinnten BŸürger war er ein Schreckgespenst, ein reaktionŠärer Kettenhund. Der Antiliberalismus und die antidemokratische Ausrichtung des russischen Nationalismus machten den russischen Liberalismus und das demokratische Denken aufs Neue “antinational”. Russophiles antidemokratisches Denken erzeugte erneut russophobes demokratisches Denken.

Als Gorbacevs Perestrojka in den Zerfall der Sowjetunion und eine antikommunistische Revolution müŸndete, nahmen die nationalen Befreiungsbewegungen aller sowjetischen Všölker einen demokratischen Charakter an. Antikommunismus, demokratisches Denken und Nationalismus fielen fŸür sie zusammen. Bei den Russen war es anders: Die Demokraten konnten sich im Kampf mit dem Unionszentrum demagogisch die Argumentation der Nationalisten zunutze machen, die Russen wüŸrden ausgebeutet. So sagte Boris El’cin bei einem šöffentlichen Auftritt in Ufa im August 1990:

Russland ernŠährt alle, Russland hat stets Opfer gebracht. Russland hat immer abgegeben. […] Wir kšönnen es nicht zulassen, dass wir fŸür die Kosten anderer Staaten aufkommen und die Hilfe dorthin und an die anderen Republiken leiten. 12

Die Nationalisten hatten der Forderung nach einem souverŠnen Russland nichts entgegenzusetzen und folgten orientierungslos den Demokraten, die sich an die Zerstšörung des Imperiums machten, das die Nationalisten eigentlich bewahren wollten. Die neuen demokratischen RevolutionäŠre hingegen machten sich die nationalistischen Instinkte lediglich zunutze, fŸürchteten sie aber eigentlich selbst. Eine Synthese, eine organische Einheit von demokratischer und nationaler Idee hatte in der russischen antikommunistischen Bewegung keinen Platz.

Die Auflšösung der UdSSR und die Verwandlung Russlands in einen selbststäŠndigen Staat war füŸr die Demokraten mit Boris El’cin an der Spitze der einzige Weg zu realer Macht. FüŸr die anderen Völker und ihre FŸührer war die UnabhäŠngigkeit bewusstes und ideales Ziel, “die Verwirklichung jahrhundertelangen Sehnens”. Die Russen hatten dieses Ziel nicht, und ihre FŸührer betrachteten das Abkommen von Belovez vom 8. Dezember 1991 Ÿüber die Auflšösung der Sowjetunion lediglich als finalen Schachzug im Kampf um die Macht. Das russische Volk kŠämpfte nicht fŸür die “UnabhŠängigkeit” und wollte sie nicht. In dem wenige Monate zuvor, im MŠärz 1991, von Gorbacev abgehaltenen Referendum hatte das russische Volk mit ŸüberwäŠltigender Mehrheit dafür gestimmt, die Sowjetunion zu erhalten. So wagte es El’cin späŠter nicht, das Belovezer Abkommen in einem neuen Volksentscheid bestäŠtigen zu lassen. Der Versuch, den Tag, an dem Russland seine SouverŠnitäŠt erlangt hatte, zum Feiertag der “UnabhäŠngigkeit” zu machen, rief nur Spott und Verwunderung hervor. Das Volk begriff zunäŠchst sogar nicht einmal richtig, dass der (imperiale) Unionsstaat tatsŠächlich nicht mehr existierte.

Nicht einmal die russlŠändische StaatsfŸührung mit El’cin an der Spitze war sich im Klaren, was sie getan hatte. Die Idee des Šälteren Bruders, einer natŸürlichen FŸührerschaft der Russen im Raum des Imperiums war so fest etabliert, dass die Dominanz Russlands als etwas SelbstverstŠändliches empfunden wurde, das unabhäŠngig von einer VerŠänderung der Staatsform war. Das Verhältnis der russläŠndischen Macht zu den anderen sowjetischen Nachfolgestaaten ließ sich auf die Formel bringen: “Die werden uns schon nicht davonlaufen.”

Russlands LegitimitäŠtsproblem

Den BŸürgern Russlands fŠällt es schwer, die UnabhŠängigkeit des Landes als etwas Legitimes und NatŸürliches wahrzunehmen. Das LegitimitäŠtsproblem stellt sich in stŠärkerem Maße als in den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Russen kšönnen ihren neuen Staat nicht als ein “nationales Haus” und seine Grenzen nicht als historisch und naturgegeben wahrnehmen, da Gebiete, in den Ÿüberwiegend Russen siedeln, seit 1991 fremdes Staatsgebiet sind. Darunter sind Orte wie Sevastopol’, die füŸr das russische Nationalbewusstsein eine immense historische Bedeutung haben.13 Gleichzeitig umfasst die RusslŠändische Föšderation Gebiete von Vöšlkern mit einer vöšllig anderen Kultur, die zu Zeiten der UdSSR autonome Republiken innerhalb der RSFSR bildeten. FüŸr diese Bevöšlkerung ist es noch schwieriger, die LegitimitŠät des neuen russlŠändischen Staates und ihre eigene Zugehšörigkeit zu diesem Staat zu akzeptieren. Vöšlker wie die Tschetschenen, deren gesamte Geschichte vom Widerstand gegen die russischen Eroberer gepräŠgt ist, haben große Probleme, sich damit abzufinden, dass sie nur deshalb kein Recht auf UnabhäŠngigkeit haben sollen, weil das verfluchte sowjetische Regime und der verhasste Stalin ihnen seinerzeit nicht den Status einer Unionsrepublik, sondern lediglich den einer autonomen Republik zugeteilt hatten.

Unter den Bedingungen einer schwachen Zentralmacht und einer allgemeinen Transformationskrise drohte der russläŠndische Staat, der weder in den Augen des dominanten Volks noch in denen der nationalen Minderheiten üŸber eine starke LegitimitäŠt verfŸügte, bald nach seiner Entstehung zu zerfallen. Autonome Fšöderationssubjekte erkläŠrten sich fŸür unabhŠängig. Sogar in den russischen Regionen regte sich Separatismus. Ihm fehlte jegliche nationale Idee, er war lediglich Ausdruck der LegitimitŠätskrise des neuen Staates RussläŠndische Fšderation. Die Idee unabhŠängiger Staaten – etwa eine Republik Fernost, eine sibirische Republik, eine Ural-Republik – geisterten durch die Debatte. Diese hŠätten als nicht weniger natŸürlich und legitim angesehen werden können als Russland selbst mit seinen eigenartigen Grenzen.

FŸür El’cin und seine Gefolgschaft waren diese Zerfallserscheinungen eine Bedrohung. Zugleich waren sie aber auch ein Mittel zur Erhaltung der eigenen Herrschaft, da diese als alternativlos ausgegeben werden konnte. Die Verwandlung der Sieger von 1991 in autoritŠäre Herrscher geht sicherlich nicht nur darauf zurŸück, dass das Mini-Imperium auseinanderzubrechen drohte. Hinzu kam, dass die Gesellschaft kulturell und psychisch nicht auf die Demokratie vorbereitet war. Doch das Schreckgespenst des Zerfalls spielte eine kolossale Rolle bei der Rechtfertigung der autoritäŠren Entwicklung. Der sich abzeichnende Zerfall demonstrierte dem Volk quasi ein weiteres Mal, dass die Gesellschaft ohne eine starke und personifizierte Zentralmacht, ohne einen “Herrn”, im Chaos versinken wüŸrde und die Russen ihren eigenen Staat verlieren oder sich gar als Volk spalten köšnnten. Der Garant fŸür den Zusammenhalt des RusslŠändischen Imperiums war die Autokratie. Den Zusammenhalt der UdSSR hatte die totalitäŠre Macht gewŠährleistet. Der Zusammenhalt der RussläŠndischen Fšöderation, des “Rumpfimperiums”, schien gleichfalls nur durch die starke Macht eines alternativlosen PräŠsidenten sichergestellt werden zu kšönnen. Unschwer lŠässt sich hier eine Fortsetzung der russlŠändischen Tradition einer personalen Herrschaft von Zaren bzw. GeneralsekretŠären erkennen. Ganz so wie in den großen VorgäŠngerimperien war auch im russlŠändischen Mini-Imperium der Erhalt der staatlichen Einheit untrennbar mit dem Aufbau einer Machtvertikale verbunden.

Das Selbstbild der Russen im supranationalen Mini-Imperium

In der Phase des Kampfes um die Macht gaben die russlŠändischen Demokraten die Losung vom Selbstbestimmungsrecht der Vöšlker aus, und Boris El’cin rief die nichtrussischen Nationen auf, sich so viel SouverŠnitŠät zu nehmen, wie sie vertragen kšönnen. Sobald aber die Macht in Russland gewonnen war, geriet das Selbstbestimmungsrecht der Vöšlker sofort wieder in Vergessenheit – nur wenn es um den Separatismus bei Russlands Nachbarn ging, war es nŸützlich, und El’cin wuchs schnell in die Rolle des KäŠmpfers fŸür die Einheit und Unteilbarkeit seines neuen Staates hinein.

Noch schneller, als die Bolschewiki seinerzeit zu der Wahrnehmung gekommen waren, dass der von ihnen errichtete Staat eine Neuverkörperung des alten Imperiums ist, schuf sich das postsowjetische Russland ein solches Selbstbild – ungeachtet aller Proklamationen, dass der neue Staat auf der Basis demokratischer Werte aufgebaut werde. El’cins Staatsmacht schlug den sichersten und bequemsten Weg ein, den Weg, der dem russischen kollektiven Bewusstsein psychologisch am leichtesten zu vermitteln war: den Weg der Beibehaltung oder sogar Erweiterung des ihr zuteil gewordenen Mini-Imperiums. Dies jedoch erforderte eine Restauration jener ethnischen “AmbiguitŠät”, die sowohl dem Zarenreich als auch der Sowjetunion eigen gewesen war.

Das neue Russland ist bedeutend “russischer”, als es die UdSSR war. Anders als in der Sowjetunion stellen die Russen im heutigen Russland die absolute Mehrheit. Im Jahr 2002 waren es 79,8 Prozent, der Anteil geht jedoch kontinuierlich zurŸück. Gleichzeitig vermeidet die neue Staatsmacht sorgfŠältig den Gebrauch der Begriffe “Russen” oder “russischer Staat”. Stattdessen wird der Ausdruck “RusslŠänder” (rossijane) propagiert, der nicht mit ethnischer Semantik belastet ist. Das russische Bewusstsein nimmt wieder die gewohnte imperiale Form an, in deren Rahmen der autoritŠäre und supranationale Staatscharakter dadurch kompensiert wird, dass die Russen das “Hauptvolk” des Imperiums sind.

1994 begann El’cin einen Krieg gegen das Volk, das sich tatsŠächlich seine SouverŠnitŠät zu nehmen und zu behaupten entschlossen hatte: die Tschetschenen. Der erste Tschetschenienkrieg fŸührte jedoch nicht zur “Befriedung” Tschetscheniens und seiner Eingliederung in die russländische Machtvertikale. Obwohl der Krieg üŸberaus unpopulŠär war und Russlands šöffentliche Meinung im Prinzip bereit war, sich mit dem Verlust von Tschetschenien abzufinden, wurde die faktische Niederlage der russlŠändischen Armee, die ihr von den Truppen eines so kleinen Volkes – auf 100 Russen kommt ein Tschetschene – beigebracht wurde, als nationale Erniedrigung empfunden. El’cins Nachfolger Vladimir Putin begann den Krieg erneut, weil dieser es erlaubte, die Gesellschaft zu konsolidieren. Putin gelang es, den tschetschenischen Widerstand zu brechen und Tschetschenien Russland formal wieder einzugliedern. Faktisch jedoch entstand dort ein autoritŠärer Vasallenstaat.

Putin erklŠärte es zu seiner wichtigsten Aufgabe, die Einheit und IntegritŠt Russlands zu bewahren. In einem Interview erkläŠrte er:

Der Kaukasus wäre ja komplett weggefallen, das ist klar. […] Dann die Volga aufwŠärts – Baschkortostan, Tatarstan. Als ich mir die realen Folgen vorstellte, graute es mir. Ich dachte […], wie viele FlŸüchtlinge kšönnen Europa, Amerika aufnehmen? […] Oder aber man wäŠre gezwungen gewesen, in eine Aufteilung des Landes einzuwilligen.14

Diese Vorstellungen hat sich Putin nicht ausgedacht. Es sind Bilder, die in der russläŠndischen Gesellschaft weit verbreitet sind. Doch fŸür den zweiten PrŠäsidenten Russlands wurden sie zum wichtigsten ideologischen Instrument, um sein demokratisch verbrŠämtes autoritŠäres Regime zu legitimieren. Indem er seine persöšnliche Macht stŠärkte, rettete er angeblich das Land vor dem Zusammenbruch und Europa und die USA vor einem FlŸüchtlingsstrom.

In dem von El’cin angelegten und von Putin zur “klassischen” Form ausgebauten politischen System einer imitierten Demokratie kann der Fšöderalismus nur Fassade sein, Šähnlich wie in der UdSSR. Die nationalen Republiken, die ihre SouverŠnitŠt erklŠärt hatten, wurden von Putin in ihren Rechten – bzw. ihrer Rechtlosigkeit – mit administrativen Kreisen und Gebieten gleichgestellt und in größere Fšöderationskreise eingegliedert, die von bevollmäŠchtigten Vertretern des PräŠsidenten verwaltet werden. Putin liquidierte praktisch den Fšöderalismus. Er ging dazu Ÿüber, die Gouverneure zu ernennen, und machte aus dem Föšderationsrat eine Versammlung von Vertretern, die von den Gouverneuren und regionalen Versammlungen ernannt werden.

Wie im Zarenreich und in der Sowjetunion wird der Zusammenhalt des Staates auch im postsowjetischen Russland durch eine Machtvertikale und die UnterdrŸückung spontaner Nationalbewegungen gewäŠhrleistet. Doch Šähnlich wie in der UdSSR bleibt diese Integration durch die Machtvertikale weitgehend formal. VollstŠändig kann der Staat auf die Fšöderationsidee und auf nationale Republiken nicht verzichten und die Mšöglichkeiten Moskaus, die Eliten der Republiken zu kontrollieren, sind begrenzt. Faktisch verwandelt sich die bŸürokratische Vertikale allmäŠhlich in eine quasifeudale Vertikale. Die FŸührer der Republiken sind Moskau gegenŸüber loyal und zollen ihren Tribut, u.a. in dem sie bei Wahlen Stimmen fŸür die Kremlpartei organisieren. Im Gegenzug mischt sich das nach StabilitŠät strebende Moskau nicht in ihre “inneren Angelegenheiten” ein. In den Republiken entstehen Šähnliche “alternativlose” politische Systeme wie im Zentrum der Föšderation. Diese Systeme sind jedoch die Grundlage fŸür eine zuküŸnftige Abtrennung der nationalen Republiken von Russland. Die Machtvertikale beseitigt nicht das Chaos, sondern verdräŠngt es nach innen. Noch verbirgt es sich unter einer ruhigen, monolithischen OberfläŠche und harrt der Stunde, in der es sich nach außen Bahn brechen wird.

Das “Sammeln postsowjetischer Erde”

Dass die LegitimitŠät der Grenzen der RusslŠändischen Fšöderation im russlŠändischen Bewusstsein so schwach ist, hŠängt damit zusammen, dass die alten sowjetischen Grenzen – die im Großen und Ganzen mit den Grenzen des RussläŠndischen Imperiums identisch sind – als natŸürliche historische Grenzen des “großen Russland” angesehen werden. Noch 2009 sprachen sich nur 14 Prozent der Bewohner der RussläŠndischen Fšöderation fŸür eine vollstŠändige UnabhŠängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken aus, und 54 Prozent beantworteten die Frage, ob die Ukraine Ausland sei, mit Nein.15 Die RusslŠändische Fšöderation, die sich als Nachfolgerin des zaristischen Russland und der Sowjetunion sieht, kann daher im Grunde gar nicht anders, als nach einer besonderen, dominierenden Rolle im postsowjetischen Raum zu streben. Das “Sammeln der Erde” innerhalb Russlands und der Kampf füŸr den Anschluss ehemals autonomer Fšöderationssubjekte an die Machtvertikale gehen mit dem “Sammeln” von Teilen des postsowjetischen Raums um Russland sowie mit dem Kampf um die Unterordnung der ehemaligen Sowjetrepubliken einher. Es handelt sich um zwei Aspekte einer Politik, die vom Wesen des russlŠändischen Staates diktiert wird: der Politik eines von der autoritäŠren Macht befestigten Mini-Imperiums.

Die “Auflšösung” der UdSSR kaschierte El’cin – nicht nur fŸür das Volk, sondern in hohem Maße auch fŸür sich selbst – durch die GrŸündung der Gemeinschaft UnabhäŠngiger Staaten (GUS), die als neuer imperialer Raum um Russland gedacht war. Die Dominanz in diesem Raum wurde zum wichtigsten Ziel des russlŠändischen Staates. Kaum hatte man mit MüŸhe die separatistischen Bewegungen im Innern unter Kontrolle gebracht, da begann Russland auch schon, die Separatisten anderer Republiken zu unterstüŸtzen, die die fŸür die Seele so dringend gebrauchten Schmeicheleien Ÿüber Russland ergossen. RusslŠändische “Friedenstruppen” wurden in den separatistischen Regionen stationiert, um zu verhindern, dass die neuen Staaten den Separatismus mit Gewalt unterdrŸücken, wie es Russland selbst in Tschetschenien getan hatte. Solche Aktionen haben Russland das GefŸühl zurŸückgegeben, der “ŠÄtere Bruder” zu sein, der die Geschicke der jŸüngeren lenkt. Den Regierungen der jungen Staaten, auf deren Territorien von Russland geschäŸtzte separatistische Enklaven entstanden sind, wird dagegen das GefŸühl vermittelt, wenn sie sich “gut benŠähmen”, werde Russland Mitleid mit ihnen haben und ihnen ihre territoriale IntegritŠät zurŸückgeben.

Charakteristisch an dem Vorgehen Moskaus ist, dass Russlands zwar einerseits nationale Separatismen in den postsowjetischen Staaten unterstŸützt, sich andererseits aber Ÿüberaus vorsichtig gegenŸber einer Selbstorganisation der Russen in diesen Staaten verhŠält. Eine UnterstŸützung des russischen Irredentismus wüŸrde das Wesen des russlŠändischen Staates als multinationalem Mini-Imperium in Frage stellen und eine russlŠändische Dominanz im postsowjetischen Raum ausschließen.

Die dauerhafte Sicherung des russlŠändischen Mini-Imperiums ist wie gesagt untrennbar mit der Etablierung eines autoritŠären Systems im Zentrum sowie formgleicher Modelle in den ehemals autonomen EntitŠäten verbunden. Ebenso geht das Bestreben Russlands, den Kreis seiner Vasallen im zur russlŠändischen InteressenspähŠre erklŠärten postsowjetischen Raum zu erweitern, mit dem Versuch einher, in den neuen Staaten politische Regime zu etablieren, die jenem Russlands Šähneln. Die autoritŠären Regime der GUS-Staaten schŠätzen die eigene UnabhäŠngigkeit und streben nicht etwa danach, sich Russland unterzuordnen. Doch die Perspektive einer Integration in die westlichen BŸündnisse ist ihnen – wie auch Russland selbst – verschlossen, da ihre Regimes inkompatibel mit westlichen politischen Systemen sind. Außerdem ist ihnen bewusst, dass ihnen der Westen in “schwerer Stunde” – einer “farbigen Revolution” wie in Georgien oder der Ukraine, eines Aufstands wie im usbekischen Andischan, oder einer Krise wŠährend eines MachtüŸbergangs wie in Kirgisistan – nicht zur Hilfe kommen wird, wäŠhrend Russland es zumindest versuchen wird. Solange sich die autoritäŠren Ein-Mann-Regimes in den postsowjetischen Staaten halten, so lange wird die Dominanz des gršößten und stŠärksten Landes mit einem Regime dieses Typs, und sei sie noch so schwach und unvollkommen, Bestand haben: des “großen Bruders” Russland.

In kleinerem Maßstab und weniger strenger Form reproduziert sich die ringföšrmige Nachkriegsstruktur des sowjetischen Imperiums. Der Kern des Imperiums ist das “russische Russland”. Den inneren “Ring” um diesen Kern herum bilden die nationalen Republiken innerhalb der RusslŠändischen Föšderation, deren realer Grad an UnabhŠängigkeit in keiner Weise ihrem formalen, verfassungsmŠäßigen Status entspricht. Schließlich existiert ein Šäußerer Ring von postsowjetischen Republiken, die formal unabhŠängig sind, de facto aber dem um Russland konzentrierten postimperialen Raum zugehšören und ihm treu ergeben sind – quasi eine Analogie zum “sozialistischen Lager”, nur in lockererer Form.

Russischer demokratischer Nationalstaat statt Mini-Imperium

Wie eingangs erlŠäutert, war der demokratische Nationalstaat im 19. und 20. Jahrhundert das europäŠische Standardmodell. Derselbe Staatstyp bleibt auch füŸr Russland das Modell. Das Jahr 1991 war nur ein Meilenstein in der Entwicklung, und das postsowjetische Russland ist lediglich eine Etappe derselben, ebenso wie es die UdSSR war. Das in Russland etablierte System einer imitierten Demokratie entbehrt einer ideologischen Grundlage und weist innere WidersprŸüche auf. Es ist daher instabil und befindet sich in einem natüŸrlichen Zerfallsprozess. Russland steht unvermeidlich eine Krise bevor. Diese wird bei dem erneuten Versuch eintreten, es in eine echte Demokratie zu transformieren. Solche Krisen treten stets mehr oder weniger unerwartet auf, und sich bis ins Letzte darauf vorzubereiten, ist daher unmšöglich. Dennoch lassen sich einige ihrer Merkmale vorhersehen.

Die Erfahrung der beiden bisherigen, erfolglosen Versuche einer Demokratisierung (1917 und 1991) hat gezeigt, dass sobald sich ein neuer Wandel in Richtung Demokratie (“dritter Anlauf”) abzeichnet, sogleich der Separatismus der nichtrussischen Všölker wieder auf den Plan tritt. Echte demokratische Wahlen in den nationalen Republiken der RussläŠndischen Fšöderation, bei denen nicht die Forderung nach UnabhŠängigkeit gestellt wüŸrde, sind unvorstellbar. Kommt es in Zukunft zu solchen Wahlen, so werden zugleich mit separatistischen Ideen und Losungen auch die zahlreichen gegenseitigen AnsprŸüche der einzelnen NationalitŠäten wieder auftreten. Aufs Neue werden die extrem komplizierten Probleme zutage treten, die mit der Befreiung der Všölker voneinander verbunden sind, welche seinerzeit von der sowjetischen Macht willküŸrlich in gemeinsamen autonomen Gebieten zusammengeschlossen wurden. Es ist durchaus mšöglich, dass sich auch in russischen Fšöderalsubjekten separatistische oder autonomistische Bewegungen bilden werden, die vielleicht schwäŠcher und weniger motiviert wäŠren, aber ebenfalls zur allgemeinen Destabilisierung beitragen wŸürden. Ein solches Chaos, wie es an der Schwelle von den 1980er zu den 1990er Jahren bereits einmal wŸütete, bevor es von einer autoritäŠren Machtvertikale von der OberfläŠche gedrŠngt wurde, wird erneut ausbrechen. Das Land wird sich erneut mit einer Unmenge schwierigster Probleme konfrontiert sehen, deren BewŠältigung theoretisch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen wüŸrde, die in der Praxis jedoch eine schnelle und gleichzeitige Löšsung erfordern.

Dies bedeutet, dass wir erneut vor dem bekannten Dilemma stehen werden: Entweder bricht das Mini-Imperium zusammen und Russland wird erneut “herabgemindert”, oder wir verzichten wieder einmal auf Demokratie, der Separatismus wird unterdrŸückt und eine weitere “Machtvertikale” errichtet, die ein weiteres Mal das Chaos rein Šäußerlich eindäŠmmt. Damit in dieser Situation die Gesellschaft dennoch nicht auf die Demokratie verzichtet, damit der “dritte Anlauf” zu Russlands Demokratisierung erfolgreich ist und nicht zu einem dritten Zyklus von Zusammenbruch, Chaos und Erneuerung des Autoritarismus fŸührt, mŸüssen sich im gesellschaftlichen Bewusstsein grundlegende €Änderungen vollziehen. In erster Linie ist es unerlŠässlich, dass die Gesellschaft begreift, wie riesig und schwierig unsere Probleme sind, aber auch, dass es unumgŠänglich ist, sie zu lšösen. Notwendig ist es auch, die archaische nationalstaatliche Gier, den instinktiven Widerwillen, das “Seine” wegzugeben, zu üŸberwinden, denn mit der Grundannahme einer “Einheit und Unteilbarkeit” Russlands werden die zukŸünftigen Probleme nicht zu lšösen sein. Es versteht sich von selbst, dass keiner aus der Föšderation ausgestoßen zu werden braucht. Neue, unabhŠängige Staaten zu bilden, ist keine leichte Aufgabe. Höšchstwahrscheinlich wüŸrden die nichtrussischen Vöšlker, sollte ihnen tatsŠchlich Autonomie garantiert werden, die mit der realen Möšglichkeit einherginge, aus der Fšöderation auszutreten, nicht von dieser Mšöglichkeit Gebrauch machen. Doch es ist wichtig, dass die Gesellschaft begreift: Das Festhalten von Tschetschenien und anderen Republiken ist es nicht nur nicht wert, sich erneut die Zwangsjacke der Machtvertikale umhŠängen zu lassen; wichtiger ist noch, dass die UnabhäŠngigkeit dieser Republiken füŸr das russische Volk kein Verlust, sondern ein Gewinn wäŠre. SelbstverstŠändlich wüŸrde eine neue “Kompression”, eine neue “Verkleinerung” Russlands als schmerzhaft empfunden. Objektiv gesehen kann eine solche gar nicht anders als sehr schwierig werden, ja unter einer Reihe von Aspekten wäre sie sogar noch schwieriger als der Zerfall der UdSSR. Und dieser Schmerz lŠässt sich nur durch eines wiedergutmachen: durch die Einsicht, dass der Verlust des Mini-Imperiums das Erlangen eines “normalen” russischen demokratischen Nationalstaates bedeutet.

Russland muss neu gedacht werden, muss als russischer Nationalstaat begriffen werden. Dieses Umdenken wird mit Sicherheit ein schwieriger Prozess, denn es gilt nicht nur die Ÿüblichen imperialen Motive des russischen Nationalismus und des russischen NationalgefŸühls an sich zu üŸberwinden, sondern auch die instinktive Russophobie der Liberalen und Demokraten, die Angst vor allem, was an den russischen Nationalismus gemahnt, bis hin zum Ausdruck “russisch” als solchem. Die Worte “Russland den Russen” wirken heute wie eine wilde xenophobe Losung. Doch eigentlich konstatieren sie nur eine banale Wahrheit. Russland den Russen – wem denn auch sonst? Russland den Russen, Polen den Polen, die Ukraine den Ukrainern und Tschetschenien den Tschetschenen. Das zu sagen, bedeutet nicht, das Recht der anderen auf ihre eigenen “nationalen HŠäuser” zu bestreiten, sondern setzt dieses Recht im Gegenteil voraus.

AnsŠätze füŸr dieses Umdenken und die Befreiung des russischen Eigenbewusstseins aus dem imperialen Bann sind bereits vorhanden. Man kann sie etwa in den nicht immer klaren Ideen Aleksandr Solzenicyns wahrnehmen, der qualvoll nach den nichtimperialen Grundlagen des russischen Nationalstolzes suchte. AnsŠätze finden sich auch im wirren und widersprüŸchlichen Bewusstsein der russischen Nationalisten, die an der Wende zu den 1990er Jahren eine russläŠndische SouverŠnitŠät unterstüŸtzten,16 sowie in den idealistischen Projekten radikaler Demokraten wie etwa Andrej Sacharovs Entwurf einer neuen sowjetischen “Verfassung”, die das UnabhäŠngigkeitsrecht der autonomen Gebiete, mit anderen Worten die Umwandlung von “Restrussland” in einen russischen Nationalstaat vorsahen.17 In der EinmüŸtigkeit der Demokraten und Nationalisten, die sich im Kampf gegen das Unionszentrum zusammenfanden, lag viel Betrug und Selbstbetrug von beiden Seiten, doch nichtsdestoweniger lag darin der Keim einer mšöglichen küŸnftigen Synthese. Die relative Leichtigkeit, mit der die Russen sich in den Zerfall der UdSSR fŸügten, zeugt in gewissem Maße auch davon, dass sie des Imperiums mŸüde waren und es sie zu einem eigenen Staat zog. Die Perspektive, Tschetschenien den Tschetschenen zu Ÿüberlassen, schreckte die Russen damals nicht mehr als heute.18 Dies alles sind jedoch lediglich die ersten Anzeichen einer Synthese des Russischen und des Demokratischen, die unwahrscheinlich schwer zu erreichen ist, ohne die aber der “dritte Anlauf”, in Russland eine Demokratie zu errichten, ebenso zum Scheitern verurteilt wŠäre wie die beiden ersten.

“Russland den Russen” ist die Antithese zu “Die Russen fŸür Russland”, zu einem Staat, in dem die Russen mit ihrer Freiheit, ihrem Wohlstand und ihrem Blut dafŸür zahlen, dass andere Vöšlker sich Russland unterwerfen – und zwar nicht den Russen als Volk, sondern ihren FüŸhrern von russischer Nationalität. “Russland den Russen”, das ist ein demokratisches Russland, ein Staat, welcher ein Instrument ist, das dazu dient, das Gemeinwohl seines Volkes herbeizufŸühren, also das zu erreichen, was uneingestanden schon immer unser neuzeitliches “Entwicklungsmodell” war.

Die Russen in Europa, das Ende der russlŠändischen Geschichte

Kommen wir zurŸück zur Ausgangsthese, dass Russland eine nachholende Entwicklung durchmacht und den europäŠischen Všölkern hinterherhinkt, die sich heute bereits nicht mehr am Modell eines Nationalstaats, sondern an dem einer Ÿüberstaatlichen, supranationalen Gemeinschaft orientieren. Offenbar ist es nicht möšglich, die nationalstaatliche Etappe zu Ÿüberspringen und sogleich vom Mini-Imperium zu einer supranationalen Vereinigung zu gelangen. Doch ein küŸnftiger russischer Nationalstaat kann nicht von langer Dauer sein. In der jetzigen nachholenden Phase muss Russland die Vektoren seiner historischen Entwicklung neu justieren. Der russische demokratische Nationalstaat kann und muss ein Staat sein, der der supranationalen europŠäischen Gemeinschaft beitritt. Obwohl die Mehrheit unserer Bevöšlkerung die Idee eines EU-Beitritts unterstŸützt,19 scheint diese Idee gegenwŠärtig ein reines Phantasieprodukt. Aber auch Ende der 1980er Jahre musste die Prophezeiung, dass die UdSSR in naher Zukunft auseinanderfallen und einige ihrer Republiken wenige Jahre spŠäter der EU und der NATO beitreten wüŸrden, wie eine realitŠätsfremde Phantasterei wirken. Der Beitritt zur EuropäŠischen Union wäŠre eine gewaltige EntschŠädigung fŸür ein Volk, das zwar nicht imstande ist, europŠäische Formen politischen Lebens zu entwickeln, sich kulturell aber dennoch an Europa orientiert.20 Damit wüŸrde der russischen Angst vor der Isolation und den russischen Qualen der IdentitäŠtsfindung (“Sind wir EuropäŠer oder nicht?”) ein Ende gesetzt. Da aber ein EU-Beitritt Russlands unter Ausschluss der Ukraine, von Belarus und Moldova undenkbar ist, wŸürde damit gleichzeitig deren – fŸür die Russen wie füŸr die Všölker jener Republiken Ÿüberaus schmerzvolle – Verwandlung in echtes “Ausland” umgekehrt.

Dies wŠäre das Ende der russläŠndischen Geschichte – einer Geschichte der Errichtung, des Zerfalls und des Wiederaufbaus von Imperien, in denen die Russen ihre Rechtlosigkeit damit kompensieren, dass an der Spitze der Macht, die andere Vöšlker unterdrŸückt, Vertreter ihrer Nation stehen. Es wŠäre der Beginn einer vöšllig neuen Geschichte, der Geschichte der Russen, die in einem gesamteuropŠäischen Haus in ihrer nationalen Wohnung leben, nicht anders als die Franzosen in ihrer französischen, die Schweden in ihrer schwedischen und die Ukrainer in ihrer ukrainischen.

1718/19 betrug der Anteil der Russen an der Gesamtbevšölkerung des Imperiums 70,7 Prozent, 1795 48,9 Prozent, 1834 unter 50 Prozent, 1897 44,3 Prozent; Andreas Kappeler: Russland als Vielvöšlkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. MŸünchen 21993, hier S. 100f. sowie die Tabellen S. 323f.

Der Finanzminister Nikolajs I., Egor Kankrin (Georg Graf Cancrin), schlug sogar vor, den Begriff Russland mit seinem Anklang an das Ethnonym ganz zu tilgen und vom Romanov-Reich (Romanovija) oder Peter-Reich (Petrovija) zu sprechen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Russen lag mit 28,7 Jahren niedriger als die der Deutschen (45 Jahre), der Letten (45), der Finnen (44,3), der Esten (43,1), der Litauer (41,8), der Polen (41), der Juden (39), der Ukrainer (38,1), der Moldawier (40,5), der Weißrussen (36,2), der Baschkiren (37,3), der Tartaren (34,9) und der Tschuwaschen (31). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren nur 29,3 Prozent der Russen lesekundig, unter den Finnen waren es 98,3 Prozent, unter den Esten 94,1, den Letten 85, den Deutschen 78,5, unter den Juden 50,1, den Litauern 48,4, unter den Polen 41,8 und unter den Griechen 36,7 Prozent; Sergej Sergeev: Nacija v russkoj istorii. Cena imperii, www.apn.ru/publications/article21603.htm.

Boris Mironov: Social'naja istorija Rossii perioda imperii (XVIII -- nacalo XX v.). Sankt Peterburg 1999. Bd. 2, S. 152.

Einen der "VŠäter" des russischen Nationalismus, Jurij Samarin, der sich gegen die deutsche †Übermacht im Baltikum aussprach, ließ Nikolaj I. in Festungshaft nehmen.

Heinz-Dietrich Lšöwe: Antisemitismus und reaktionŠäre Utopie. Russischer Konservatismus im Kampf gegen den Wandel von Gesellschaft und Staat, 1890-1917. Hamburg 1978.

Von den RevolutionäŠren, die zwischen 1905 und 1917 von der Zarenregierung verhaftet wurden, waren 43,5 Prozent Russen; Mironov, Social'naja istorija [Fn. 4], Bd. 1, S. 43.

In keiner einzigen Umfrage zwischen 1992 und 2009 lag der Anteil der befragten Russen, die den Zerfall der UdSSR betrauerten, jemals niedriger als 60 Prozent; Obscestvennoe mnenie 2009. Ezegodnik, Levada-centr. Moskva 2009, S. 191.

In der Abstimmung, veranstaltet vom Fernsehkanal Rossija und zwei Meinungsforschungsinstituten, wurde nach der historischen Figur gefragt, die Russlands Wesen am besten verkšörpere. Platz 1 errang Fürst Aleksandr Nevskij, auf Platz 2 landete Petr Stolypin, knapp gefolgt von Iosif Stalin.

Tekst vystuplenija I.V. Stalina na prieme v Kremle v cest' komandujuscich rodami vojsk Sovetskoj armii s avtorskoj rukopisnoj pravkoj, 24.5.1945, http://alexanderyakovlev.org/fond/issues-doc/69226.

Zu den russischen Nationalisten als Interessenverband vgl. Nikolaj Mitrochin: "Russkaja Partija". Fragmenty issledovanija, in: Novoe literaturnoe obozrenie, 2/2001, S. 245-297.

Sojuz mozno bylo sochranit'. Belaja kniga. Dokumenty i fakty o politike M.S. Gorbaceva po reformirovaniju i sochraneniju mnogonacional'nogo gosudarstva. Moskva 22007, S. 165.

Zur exemplarischen Bedeutung der Krim siehe Gwendolyn Sasse: The Crimea Question. Identity, Transition, and Conflict. Cambridge, Mass., 2007. -- Kerstin Jobst: Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich. Konstanz 2007. -- Charles King: Stadt am Rande. Sevastopol': Europas nŠächster Krisenherd, in: OSTEUROPA, 2-4/2010, S. 319-330.

Ot pervogo lica. Razgovory s Vladimirom Putinym. Moskva 2000, S. 135-136.

Obscestvennoe mnenie 2009 [Fn. 8], S. 149, 152.

Als erster sprach die Idee von Russlands Austritt aus der UdSSR im Mai 1989 auf dem Kongress der Volksdeputierten nicht irgendein Demokrat und Westler aus, sondern ein russischer Nationalist, der Schriftsteller Valentin Rasputin, der die Idee im Rahmen einer Polemik mit baltischen Abgeordneten vortrug; www.slavic-europe.eu/index.php/comments/17-russia-comments/4255-2009-06-11sssr. Das war natüŸrlich Demagogie, aber es steckte eben doch mehr dahinter. Zur Rolle des russischen Nationalismus bei der Zerstöšrung der UdSSR s. Tat'jana Solovej, Valerij Solovej: Nesostojavsejsja revoljucija. Istoriceskie smysly russkogo nacionalizma. Moskva 2009. -- Dmitrij Furman: Velikoe russkoe gosudarstvo -- ideja-lovuska, in: Svobodnaja mysl', 1/1992, S. 4-16.

Konstitucija Sojuza Sovetskich Respublik Evropy i Azii, in: A.D. Sacharov: Trevoga i nadezda. Moskva 1991, S. 266. -- Leonid Batkin: Konstitucionnye idei Andreja Sacharova. Moskva 1990.

Auf die Frage "Wie stehen Sie zu der Mšöglichkeit, dass sich Tschetschenien von Russland loslöšst?" gaben die Befragten 2009 folgende Antworten: Mit "Ich denke, dass die Loslöšsung Tschetscheniens bereits vollzogen ist" antworteten zehn Prozent, mit "Ich wüŸrde mich Ÿüber eine solche Entwicklung freuen" 14 Prozent; "Dies wŸürde mich nicht besonders beeindrucken", sagten 21 Prozent, "Ich bin gegen eine solche Entwicklung, köšnnte mich aber damit abfinden" 19 Prozent, "Das muss man mit allen Mitteln, einschließlich militŠärischen, zu verhindern suchen" 22 Prozent. Dabei glaubten 16 Prozent der Befragten, dass sich die Nordkaukasus-Republiken letztendlich von Russland loslöšsen; 30 Prozent waren der Meinung, dass diese noch Ÿüber Jahrzehnte eine Quelle fŸür Spannungen in der Region darstellen; Obscestvennoe mnenie 2009 [Fn. 8], S. 115.

"FüŸr" und "eher fŸür" einen EU-Beitritt Russlands sprachen sich 2009 53 Prozent der Befragten aus, "dagegen" und "eher dagegen" 21 Prozent; in: Obscestvennoe mnenie 2009 [Fn. 8], S. 179. Die NATO hingegen wird von der russläŠndischen Bevšlkerung immer noch als feindliche Macht empfunden.

Putin, unter dem Russlands politisches Regime vollkommen "nichteuropäŠische" Formen angenommen hat, Šäußerte nichtsdestotrotz einmal in einem Interview (und meinte es, wie es scheint, ehrlich): "Wir sind Teil der westeuropäŠischen Kultur. Und darin liegt in Wirklichkeit unser Wert. Wo unsere Menschen auch leben -- im Fernen Osten oder im SüŸden, wir alle sind EuropäŠer." In: Ot pervogo lica [Fn. 13], S. 156.

Published 7 December 2011
Original in Russian
Translated by Antonina Klokova
First published by Neprikosnovennij Zapas 5/2010 (Russian original); Osteuropa 10/2011 (German version)

Contributed by Osteuropa © Dmitrij Furman / Osteuropa / Eurozine

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Opening up urban spaces can result in ugly and difficult sites, but inclusion is more important than beauty. A city should not be user-friendly. It should be a place where you learn how to deal with a difficult situation and with other people – that is what makes a city really open.

Cover for: The sound of my own voice

The internet is, as a medium, fundamentally changing our conception of the political. By removing speech from its social context, it has blurred our sense of the unsayable; by uncoupling us from our real-life community, it has made us shameless; and by fetishizing fact, it has undermined the legitimacy of shared reason. All help explain the extraordinary success of Donald Trump.

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