Russischer Nationalismus heute - zwischen Osten und Westen

In Russland heute mangelt es an einem Konsens über das Konzept der Nation es nur gibt wenig, womit sich die Menschen im Land gemeinsam identifizieren können. Unter diesen Bedingungen sozialer und politischer Zersplitterung ist der Nationalismus – leider unvermeidlicherweise – zu einem wichtigen Faktor in der Entwicklung des Landes geworden.

Der heutige Nationalismus in Russland, eine der einflussreichsten ideologischen und politischen Kräfte des Landes, besteht aus mehreren Strömungen und Spielarten. Dennoch weisen die meisten davon bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf, die mit einem manichäischen Weltbild zusammenhängen. Dass der russische Nationalismus sich heute vom Westen abwendet, kann man kaum sagen, denn seine Hauptströmungen waren immer schon anti-westlich. In dieser Hinsicht gibt es nichts Neues.

Interessanter mag die Vorstellung vom Westen im allgemeinen und von Westeuropa im besonderen sein, die sich derzeit in Russland herausbildet. Bemerkenswert ist, dass in dieser Vorstellung Mitteleuropa oder Ostmitteleuropa, nicht selten auch Südosteuropa, nur durch ihre bemerkenswerte Abwesenheit auffallen. Mitteleuropa als ideologisches und kulturelles Gebilde hat für die Russen keine eigenständige Bedeutung. Sie erkennen es bestenfalls als vorübergehende politische Realität an, an der sie nicht länger Anteil haben. Tatsächlich war die Idee von Mitteleuropa dem vorrevolutionären, sowjetischen und postsowjetischen Denken immer sehr fremd und ist es bis heute geblieben. Für die Russen gab es von jeher nur zwei Europas: West- und Osteuropa, deren jeweiliger kultureller Kontext weitgehend von den sich verändernden politischen Konstellationen bestimmt wurde.

Die postkommunistische Entwicklung in Europa wird in Russland als Vordringen Westeuropas in den östlichen Teil des Kontinents wahrgenommen (Yakovenko, 1999, S. 51f.). Stillschweigend werden Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und auch die baltischen Länder bereits als westeuropäisch betrachtet, zumindest aber als künftige westeuropäische Länder. Selbst Rumänien und die Slowakei werden zu Westeuropa gerechnet, wenn nicht aufgrund ihres gegenwärtigen Status, so doch wegen ihrer kulturellen und historischen Verbundenheit mit Westeuropa. Man mag überrascht sein, wie wenig Raum die ehemaligen kommunistischen Länder im Denken der russischen Nationalisten und in den Vorstellungen der Russen insgesamt heute einnehmen. In dieser Hinsicht gibt es in Russland eine Art Konsens, wonach das sowjetische Imperium – ob es einem nun gefällt, oder nicht – unwiederbringlich zerfallen ist. Diese Einstellung spiegelt sich auch in der russischen Außenpolitik wider, welche die zentraleuropäische Region als irrelevant in bezug auf die nationalen Interessen abgeschrieben hat (Kobrinskaia, 1997, S. 6). Wenn es ein Bedauern gibt, dann ist es eher geopolitischer als kultureller Art. Die russischen Nationalisten werfen Gorbatschow weniger vor, die ehemaligen Satelliten in die Freiheit entlassen, als dafür keinen angemessenen Preis eingefordert zu haben.

Man könnte das eine realistische Haltung nennen. Es gibt Stimmen, welche die negative Haltung gegenüber der Sowjetunion, wie sie in den mitteleuropäischen Ländern vorherrscht, verstehen.

Die Russen kämpften hart für ihr Mutterland und befreiten es von Hitler. Sie waren aber nicht in der Lage, irgend jemand sonst zu befreien. Weil der Staat selbst nicht freiheitlich war, konnte er auch keine Freiheit bieten. In dieser Hinsicht unterschieden wir uns von unseren westlichen Alliierten. (Podoprigora und Krasnopevtseva, 1995, S. 69)

Allerdings hat auch der Vorwurf an die ehemaligen Verbündeten, undankbar zu sein und Russenangst zu schüren, in der öffentlichen Meinung einige Glaubwürdigkeit erlangt und Russland noch stärker von Mitteleuropa entfremdet. Viele argumentieren, dass Russland diesen ehemaligen Verbündeten den Rücken kehren sollte, da sie sich ihrerseits von Russland abgewandt hätten. Zwar gab es in jüngster Zeit den Versuch, Russlands Verbundenheit mit dem orthodox-gläubigen und slawischen Serbien zu bekräftigen, jedoch nur, weil sich das Land gegen den Westen gestellt hatte. Niemand käme auf die Idee einer russischen Solidarität mit dem orthodoxen Rumänien, und nur sehr wenige beschwören heute noch die frühere Verbundenheit Russlands mit dem orthodoxen und slawischen Bulgarien. 2000 wagte ich die Voraussage, dass die russischen Nationalisten ihre Geschwisterliebe zu den Serben vergessen werden, sobald sich die neue Führung Jugoslawiens dem Westen zuwendet. Es scheint, dass ich recht behalte: Das Interesse an Serbien hat rapide nachgelassen.

Der Traum von Eurasien

Deutet das in Russland zu beobachtende Gefühl der Isolation und Entfremdung vom Westen darauf hin, dass sich das Land nun tatsächlich “Eurasien” zuwendet – was immer man unter diesem vagen Begriff verstehen mag? Man sollte in dieser Hinsicht vorsichtig sein, da die spekulativen Konstrukte mancher Ideologen des gegenwärtigen russischen Nationalismus sich häufig nicht mit den Haltungen und Gefühlen gewöhnlicher Nationalisten und weniger noch mit denen der breiten Öffentlichkeit decken. Während die Ideologen vom “eurasischen” Charakter der russischen Kultur sprechen, von der historischen Symbiose von Slawen und Turkvölkern und sogar von der Allianz zwischen der orthodoxen Christenheit und dem Islam im Kampf gegen säkularisierte westliche Ideologien, stehen ihre Anhänger im alltäglichen Leben den Völkern des Kaukasus und Zentralasiens sowie den “Asiaten” insgesamt feindselig gegenüber. Ebenso hat sich in Russland eine negative Haltung gegenüber dem Islam verbreitet.

Tatsächlich ist der sog. Eurasianismus nur bei einem kleinen, aber lautstarken Teil der russischen Nationalisten populär. Während einige “Eurasianisten” auf der historischen und kulturellen Einheit aller Völker der ehemaligen Sowjetunion bestehen, weisen andere Russland die Rolle des wichtigsten Bollwerks der kontinentalen eurasischen Kultur gegen die atlantische zu (z. B. Dugin, 1997). Auf jeden Fall beweist die Geschichte des “Eurasianismus” seinen Charakter als Krisenideologie. Vor der Revolution vertraten nur sehr wenige russische Denker den eurasischen Charakter des russischen Imperiums; die Mehrzahl betrachtete es als europäischen Staat. Die eurasische Denkschule tauchte zuerst in russischen Emigrantenkreisen der zwanziger Jahren auf. Sie versuchte, eine Ideologie für die Restauration des russischen Imperiums in anderem Gewand zu schaffen. Tatsächlich war diese Ideologie nicht sehr originell und machte großzügige Anleihen bei verschiedenen Quellen: der messianischen religiösen Philosophie Russlands, der pessimistischen Kritik an der westlichen kapitalistischen Zivilisation (Spengler) und sogar beim Faschismus. Dieser Ideenmischmasch wurde mit einer romantischen Geschichtsmythologie gewürzt. So bestanden die frühen Eurasianisten geradezu auf einer Erbfeindschaft zwischen Kontinentaleurasiern und den westlich-atlantischen Kulturen. Sie argumentierten, dass aus naturgegebenen und kulturell-historischen Gründen alle Völker von den Chingan-Gebirgszügen in Nord- und Nordostchina bis zu den Karpaten das gleiche Schicksal teilten und einen gemeinsamen Staat bilden sollten. Sie behaupteten auch, dass die von ihnen gepriesene autokratische Herrschaftsform in Russland ein mongolischer Beitrag zur russischen Entwicklung gewesen sei (für jüngste Wiederabdrucke der wichtigsten Publikationen der Eurasianisten vgl. Isaev, 1992; Novikova und Sizemskaia, 1995; Tolstoi, 1997; zur Ideologie des Eurasianismus vgl. Tsimbursky, 1998).

Sehr bald entdeckten einige Eurasianisten, dass viele ihrer Haltungen und Ziele, namentlich die Ablehnung des kapitalistischen Westens und die Restauration des russischen Reiches, sich nicht so sehr von denen der Sowjetkommunisten unterschieden. Das Ergebnis dieser Entdeckung war alles andere als rühmlich. Einige Eurasianisten wurden zu Agenten der sowjetischen Geheimpolizei (später, als sie nicht mehr nützlich waren, wurden sie eingesperrt, aber das ist wieder eine andere Geschichte – vgl. Ashnin und Alpatov, 1996). Andere verloren den Glauben an die Ideologie bzw. ihre Umsetzbarkeit.

Erst in den 70er Jahren lebten einige der Ideen der eurasischen Bewegung, besonders die These von der kulturellen und politischen Symbiose der Ostslawen und turko-mongolischen Nomaden, wieder auf, wenn auch eine Zeitlang in etwas weniger extremer Form, und zwar in den Schriften ihres Epigonen, des Historikers Lev Gumilev (1970; vgl. auch 1989; zu Gumilev s. Brudny, 1998, S. 186-189; Shnirelman und Panarin, 2000). Zwar war Gumilev ein Sonderling in der sowjetischen Wissenschaft; seine unprofessionellen Geschichtsforschungen wurden nur noch von seiner blühenden Phantasie übertroffen; das hinderte den Eurasianismus jedoch nicht daran, in der Zeit der Perestroika und besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu neuem Leben zu erwachen.

Dennoch sollte sein Einfluss auf den heutigen russischen Nationalismus keinesfalls überschätzt werden. Zuweilen hat man den Eindruck, dass der Eurasianismus mehr Aufmerksamkeit im Westen erregt als in seinem Heimatland. In Russland bleibt er die Domäne eines engen Zirkels von Ideologen und ist sehr häufig losgelöst von den praktischen Forderungen russischer Nationalisten. Er ist untrennbar mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Reich und dem vergeblichen Traum von einer Umkehr des Geschichtsverlaufs verbunden. Eine nationalistische Ideologie mit einer starken imperialen Beimischung, stellt er in gewisser Weise einen in sich widersprüchlichen Versuch dar, den engen ethnischen russischen Nationalismus zu überwinden, oder besser, ihn für nicht-russische Völker attraktiver zu machen. Damit übt er jedoch weder auf die Russen noch auf die Nicht-Russen eine hinreichende Anziehungskraft aus.

Russland – politische oder ethnische Nation?

Dies führt uns zu weiteren Tendenzen des Nationalismus im heutigen Russland. Großen Einfluss auf all seine Varianten hatte nämlich der Umstand, dass der russische Staat in seiner gesamten Geschichte nie ein Nationalstaat war; und selbst gegenwärtig ist die Herausbildung Russlands als Nationalstaat eher ein Projekt als ein Faktum. Genau wie in der Vergangenheit ist Russland heute in historischer, ethnischer und kultureller Hinsicht mehr und zugleich weniger als der russische Staat. Zur Verdeutlichung sollte man zunächst statt auf die Geschichte auf die Philologie und Sprache blicken. Das mag für diejenigen, die des Russischen nicht mächtig sind, schwierig sein, es ist jedoch wichtig, um die gegenwärtige Situation im Land zu verstehen.

Tatsächlich gibt es im Russischen zwei verschiedene Substantive für das Land und das Volk und folglich auch zwei unterschiedliche Adjektive. Die Substantive sind (ein archaisches Wort, das heute vor allem auf den literarischen Gebrauch beschränkt ist) und – zu Deutsch “Russland”. Entsprechend gibt es zwei verschiedene Adjektive, und ; das erste wird auch substantivisch zur Bezeichnung der ethnischen Russen als Volk verwendet. Im Deutschen werden beide Adjektive mit “russisch” beziehungsweise “Russen” übersetzt.

Heute bezeichnet die ethnische Zugehörigkeit zum russischen Volk. hingegen ist vor allem eine politische und territoriale, aber nur potentiell eine staatsbürgerschaftliche Definition. Das Wort wurde zuerst 1718 von Feofan Prokopovich eingeführt, einem Berater Peters des Großen. Zu dieser Zeit und auch noch viel später wurde es in erster Linie im offiziellen Sprachgebrauch und ausschließlich als Bezeichnung für die Untertanen des russischen Reiches benutzt. Es hatte somit eine strikt politische Bedeutung und wurde tatsächlich nur selten verwendet. Soweit ich weiß, wurde das Wort aber in vorrevolutionärer Zeit in keinem einzigen Fall für die nicht-russischen Völker des Kaukasus verwendet, erst recht nicht für die zentralasiatischen. Im offiziellen Wortschatz wurden erstere gewöhnlich lediglich als Armenier, Georgier, Muslime oder “andere Untertanen” des russischen Reiches identifiziert. Zur Jahrhundertwende wurde der Begriff unter Liberalen nur gelegentlich benutzt.

In sowjetischer Zeit wurde entweder austauschbar mit verwendet oder es bezog sich, in einigen Fällen, auf die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, zum Beispiel auf ihr Territorium, ihre Ressourcen, ihre Verwaltung etc. Solange sich das sowjetische Konzept der Nation auf die Idee eines ethnischen Ursprungs stützte, gab es darin keinen Platz für eine politische Nation (). Es stimmt, dass die Sowjets ein weit ehrgeizigeres Projekt auf den Weg bringen wollten: die Schaffung eines einzigen Sowjetvolkes. Diese übernationale Gemeinschaft wurde jedoch sowjetisch genannt, nicht russisch, obwohl sie eine sprachliche und kulturelle Russifizierung einschloss.

Daher ist schon die Idee einer politisch verstandenen russischen Nation ein neues Phänomen. Sie wird in Russland erst seit der Spätphase der Perestroika von Liberalen vertreten. Jelzin griff die Idee aus politischen Gründen auf. Zu dieser Zeit kämpfte er mit Gorbatschow um die Souveränität Russlands. Um Jelzins Position zu untergraben, versuchte Gorbatschow, die nicht-russischen Autonomen Republiken gegen die Zentralautorität der Russischen Föderation aufzustacheln. Jelzin seinerseits machte den Führungen dieser Republiken einen Vorschlag, den er später lieber vergessen hätte: “Nehmt euch so viel Souveränität, wie ihr verdauen könnt.”

Genau zu dieser Zeit begannen jene, die mit dem westlichen Staatsverständnis mehr oder weniger vertraut waren, über eine multiethnische und politische Nation zu sprechen. Im “Neusprech” der russischen Demokraten nahm das archaische und nur selten verwendete Substantiv rossijane, eine Ableitung von rossijskij, eine neue und andere Bedeutung an. Erstens sollte es nicht nur eine übergreifende Staatsbürgerschaft einschließen, sondern auch die gemeinsamen Interessen, Werte, kulturellen Merkmale, die gemeinsame Geschichte und das gemeinsame Schicksal, welche russische und nicht-russische Bürger angeblich verbinden, ebenso wie die strahlende Zukunft, die auf sie alle wartet. Eher implizit legt das Wort nahe, dass alle Bürger der Russischen Föderation, ungeachtet der jeweiligen Volkszugehörigkeit, Patrioten dieser Republik sind oder werden sollten, obwohl der Begriff “Patriotismus” in demokratischen Kreisen nicht eben populär war. Zu jener Zeit zitierten demokratische Intellektuelle gerne einen berühmten Ausspruch über den Patriotismus als letzter Zuflucht der Schurken. (Man darf nicht vergessen, dass die russischen Liberalen in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren die Nationalisten zusammen mit den Kommunisten als ihre Feinde betrachteten. Erst in den Wahlkämpfen von 1995 / 1996 begannen die demokratisch orientierten Parteien ihren Patriotismus und ihre Loyalität gegenüber der russischen Nation herauszustellen.)

Es reicht allerdings nicht aus, Identitäten zu konstruieren. Wenn sie Erfolg haben sollen, müssen sie erst einmal akzeptiert werden. In dieser Hinsicht gibt es weit mehr missglückte Versuche als Erfolgsgeschichten. Es wurde bald klar, dass es in Russland keinen Konsens über eine russische politische Nation gibt. Das postsowjetische Russland bleibt nicht nur ein multiethnischer, sondern bis zu einem gewissen Grad auch ein multinationaler Staat, der das von der Sowjetunion geerbte Prinzip der ethno-territorialen Autonomie bewahrt. Viele Mitglieder nicht-russischer Nationalitäten blicken argwöhnisch auf Versuche, ihnen eine gemeinsame Identität mit den ethnischen Russen aufzuzwingen, mit Ausnahme der Staatsbürgerschaft. Viele Meinungsumfragen und Untersuchungen deuten darauf hin, dass unter den Mitgliedern der territorialen nicht-russischen Nationalitäten die Loyalität gegenüber ihrer eigenen Nationalität, Republik oder Region / Heimat stärker ist als gegenüber der Russischen Föderation im allgemeinen (Khazanov, 1997, S. 135f.). In politischer und kultureller Hinsicht lehnen die nicht-russischen politischen Eliten und nationalistischen Intellektuellen die Konzeption einer russischen politischen Nation am entschiedensten ab. Das Konzept der politischen Nation schließt, zumindest theoretisch, eine ethnisch neutrale Politik und die Gleichheit aller Bürger auf dem gesamten Territorium des Nationalstaates ein – eben das also, was die Nicht-Russen gerade vermeiden wollen. Sie bestehen nämlich darauf, dass die Mitglieder der einheimischen Nationalitäten in ihren Titularrepubliken das Recht auf bevorzugte Behandlung genießen.

Offenbar gehört zu einer politischen Nation mehr als eine gemeinsame Staatsbürgerschaft. Sie sollte einige gemeinsame politische, historische und kulturelle Symbole haben, die von der multiethnischen Mehrheit akzeptiert werden. Es ist eigentlich überraschend, dass die verschiedenen Nationalitäten in Russland noch nach Jahrhunderten des Zusammenlebens so wenige unstrittige identitätsstiftende Gemeinsamkeiten haben, so wenige gemeinsame Gefühle und Symbole, die unverzichtbar sind, um den einzelnen in eine Nation einzubinden. Der russischen Geschichte fehlt es an einem George Washington oder Abraham Lincoln als einem von allen – ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft – anerkannten Symbol einer übergreifenden nationalen Identität. Lenin und Stalin sind in den Augen der Mehrheit der Bevölkerung zu diskreditiert, als dass sie diese Funktion erfüllen könnten. Die Mitglieder der verschiedenen Nationalitäten in Russland sehen die Vergangenheit in einem ganz unterschiedlichen Licht und haben ihre je eigenen ethnozentrischen Mythologien.

So liest man zum Beispiel in den Geschichtslehrbüchern der russischsprachigen Schulen, dass die Eroberung des Khanats Kasan Mitte des 16. Jahrhunderts eine große Leistung des expandierenden russischen Staates war und allen dort lebenden ethnischen Gruppen einschließlich der Tataren nützte. In Tatarstan begeht man in der post-sowjetischen Zeit den Tag der Niederlage Kasans jedoch als die größte Tragödie in der Geschichte des Tatarenvolkes, und, wer weiß, vielleicht erleben wir hier die Geburt eines neuen Kosovo-Mythos. In der offiziellen russischen Geschichtsschreibung wird die mongolische Invasion und die darauf folgende Zeit der Goldenen Horde als das “dreihundertjährige Tataren-Joch” bezeichnet. Der Präsident von Tatarstan indessen, Mintemir Shaimiev, erklärte, dass es ohne die Goldene Horde kein Großrussland gegeben hätte, da die Moskauer Fürsten nur durch die Patronage der Khane der Goldenen Horde in der Lage gewesen seien, die anderen russischen Königreiche zu einen. Alle russischen Kinder wissen, dass General Jermolov ein Held des “Patriotischen Krieges” von 1812 war. Im Nordkaukasus schert sich jedoch niemand um diesen Krieg; dort lernen die Kinder, dass General Jermolov ein blutiger Kolonisator des Kaukasus war. In fast allen nicht-russischen Republiken der Föderation stieß Jelzins Erlass, den alten zweiköpfigen Adler wieder als offizielles Staatsemblem einzuführen, auf Ablehnung, weil es historisch mit dem orthodoxen Glauben, dem russischen Imperialismus und Kolonialismus verbunden ist.

Selbst eine gemeinsame Staatsbürgerschaft ist umstritten. Einige Oberhäupter der Republiken bestehen darauf, dass die Staatsbürgerschaft der Republiken gegenüber jener der Föderation Vorrang haben sollte. Das geht so weit, dass die Entscheidung der russischen Regierung zur Abschaffung des “fünften Punktes” in den Inlandspässen, der die ethnische Identität jedes Bürgers festschreibt, in einigen nicht-russischen Republiken auf Widerwillen stößt und sogar verweigert wird. Die Abschaffung gilt dort als ein weiterer Versuch der Russifizierung, oder als Bestreben, Nicht-Russen ihren privilegierten Status daheim zu verweigern. Interessanterweise sind auch die russischen Nationalisten gegen diese Entscheidung, wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass auch viele ethnische Russen sich nicht für das politische Konzept der Nation erwärmen. Es scheint, dass Nationalismus als postimperiales Syndrom in stabilen und wohlhabenden Ländern etwas ganz anderes ist als in solchen, die politische Unsicherheit und wirtschaftliche Not erleben. Die Russen haben immer noch nicht die Identitätskrise überwunden, die aus der Auflösung der Sowjetunion resultierte. Jetzt befürchten sie, dass auch noch einige Teile der Russischen Föderation verloren gehen könnten. In den frühen neunziger Jahren war in Russland eine fast paranoide Stimmung zu beobachten. Viele Menschen waren überzeugt, dass Russland unmittelbar vor seiner Auflösung stand. Die Zunahme des ethnischen Nationalismus unter den nicht-russischen Völkern der Sowjetunion und der Russischen Föderation förderte das Wiederaufleben des russischen Nationalismus. In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren beschworen nur die russischen Nationalisten das Schreckgespenst der Russophobie; heute benutzen es fast alle politischen Bewegungen.

Aufgrund dieser Entwicklung konnte der ideologische Raum in Russland von einer einzigen Spielart des Nationalismus besetzt werden: vom ethnischen Nationalismus. Gegenwärtig suchen die Russen eine neue Grundlage ihrer Identität als Nationalität und Nation. Daher die fortlaufende Debatte über den Charakter der Russischen Föderation und den Status ihrer ethnischen Minoritäten. Seltsamerweise ist aber selbst das Problem einer ethnischen russischen Nation alles andere als gelöst. Wer eigentlich als ethnischer Russe gelten kann, bleibt heiß umstritten. Viele argumentieren immer noch, dass die ethnische Zugehörigkeit erblich sei und vom Blut oder den Genen definiert werde. Zweideutig ist in dieser Hinsicht unter anderem der neue offizielle und öffentliche Sprachgebrauch, der den Unterschied zwischen echten Russen und Russischsprachigen betont – also akkulturierten Mitgliedern anderer Nationalitäten, die Russisch als erste oder sogar einzige Sprache sprechen. Diese Unterscheidung ist die unmittelbare Konsequenz der sowjetischen Praxis zugewiesener und erblicher ethnischer Identität. Die orthodoxe Kirche und Klerikal-Nationalisten propagieren jedoch ein noch restriktiveres Verständnis des Russentums. Sie argumentieren, dass nur ein orthodoxer Christ ein wahrer Russe sein kann.

Weiter blickende russische Nationalisten treten für einen umfassenderen Ansatz ein: die schrittweise Assimilation der Mitglieder nicht-russischer Nationalitäten in die ethnische russische Nation. Sie haben jedoch keine klare Antwort auf die Frage, wie sich dieses Ziel erreichen ließe. Offenbar richten sich ihre Hoffnungen auf freiwillige Assimilation, aber diese Möglichkeit erscheint gegenwärtig fraglich, jedenfalls bei den territorialen Nationalitäten der Russischen Föderation.

Das vielleicht bemerkenswerteste Merkmal der laufenden Diskussion unter den russischen Nationalisten verschiedener Strömungen ist ihre intellektuelle Armut. Die Debatte bietet nichts Neues. Die diskutierten Ideen und Ansätze gehen bis in vorrevolutionäre Zeiten zurück, obwohl eine der Hauptsorgen der vorrevolutionären russischen Nationalisten die Bewahrung des Imperiums war, während die post-sowjetischen Nationalisten seine Auflösung erleben mussten.

Russland – Bollwerk gegen Liberalismus und Moderne

Ein bemerkenswertes Merkmal des russischen Nationalismus ist, dass er vom 19. Jahrhundert bis heute anti-liberale, anti-westliche und autoritäre Züge aufweist (ich spreche hier nicht über Individuen, sondern über politische Bewegungen, obwohl es in dieser Hinsicht kaum einen Unterschied gibt). Der Nationalismus hat viele Facetten und Spielarten. Er kann eine politische Bewegung, eine Ideologie oder ein Gefühl sein – oder alles zusammen. Anders als man meinen könnte, gehört der Nationalismus nicht notwendig zur Linken oder Rechten des politischen Spektrums. Er ist mit verschiedenen politischen Systemen vereinbar, vom Totalitarismus bis hin zur Demokratie; er kann ebenso mit verschiedenen Ideologien zusammengehen, vom Faschismus und Kommunismus bis zum Konservativismus, Liberalismus und sogar der Sozialdemokratie. Indessen sind die verschiedenen Varianten des Nationalismus immer mit spezifischen historischen und politischen Umständen verbunden.

Wir waren an die Annahme gewöhnt, dass der Nationalismus nach der Kongruenz von politischen, sprachlichen und ethnisch-kulturellen Grenzen strebt (Gellner, 1983). Das war jedoch nie das Ziel des russischen Nationalismus. Im vorrevolutionären Russland zielte der Nationalismus immer auf die Erhaltung und Ausweitung des russischen Imperiums und die Bewahrung der dominanten Position der ethnischen Russen im Reich. Wenn diese Ziele überhaupt ideologisch untermauert wurden, bezog man sich für gewöhnlich auf die Orthodoxie als einzig wahren christlichen Glauben, auf die messianische Mission des russischen Volkes und auf ähnliche Argumente, die im Land zu neuer Popularität gelangt waren. Daher könnte man diese Art des Nationalismus als imperialen Nationalismus bezeichnen. Er war freilich ziemlich widersprüchlich in sich selbst.

Im Hinblick auf die nicht-russischen Untertanen des Reiches wurden nur zwei Optionen diskutiert: entweder ihre Assimilation an das russische Volk oder ihr Status als unterworfene Minderheiten. Selbst die Assimilation war jedoch strittig: Wem sollte erlaubt werden, sich zu assimilieren, und wem sollte dies verwehrt werden? In jedem Fall betrachteten die russischen Nationalisten die sprachliche und selbst kulturelle Assimilation als nicht hinreichend. Das war für sie der Übertritt zur Orthodoxie. Selbst die letzten Romanows und ihre herrschende Elite versuchten zunehmend, die existierende Ordnung zu legitimieren, indem sie auf Kosten der transnationalen Ambitionen des Reiches die Autokratie mit dem orthodoxen russischen Volk identifizierten (von Hagen, 1997, S. 63). All das machte den russischen Nationalismus zu etwas Besonderem.

Daher verliefen die Grenzen zwischen Nationalismus und anderen Bewegungen im politischen und ideologischen Raum Russlands weitgehend anders als in vielen anderen europäischen Ländern. In England war es möglich, gleichzeitig Nationalist und Liberaler zu sein, weil es eine klare Unterscheidung zwischen England, Großbritannien und dem britischen Empire gab. In Russland war dies schwieriger, weil für die russischen Nationalisten das territorial zusammenhängende russische Reich und Russland selbst eine unteilbare Einheit darstellten. Das ethnische Russland erstreckte sich für sie auf das gesamte Reich, doch gleichzeitig verweigerten sie den nicht-russischen Untertanen die staatsbürgerliche Gleichstellung und waren strikt gegen die Idee einer administrativen oder auch nur kulturellen Autonomie.

Nach der Unterdrückung der Revolution von 1905 trat ein Großteil der Konstitutionell-Demokratischen Partei, der bedeutendsten liberalen Partei im Lande, im Hinblick auf die Nationalitätenfrage für eine Stärkung des Staats ein (vgl. Shelokhaev, 1996, S. 76ff.). Einige ihrer einflussreichsten Mitglieder, zum Beispiel P. Struve, S. Bulgakow und N. Berdjajew, vertraten nun zudem die Auffassung, die Russen seien ein Staatsvolk und das russische Reich ihr Nationalstaat. Sie bestanden allerdings weiterhin darauf, den Nicht-Russen gleiche Bürgerrechte wie den Russen zu gewähren, was sie zu ideologischen und politischen Gegnern der Nationalisten machte. Andere Liberale, wie Miljukow, die das russische Reich in einen multiethnischen Nationalstaat verwandeln wollten, in dem die ethnischen Russen keine politisch dominante Position einnehmen würden, wurden von den Nationalisten als Erzfeinde betrachtet (Weeks, 1996, S. 24ff.; übrigens benutzte Miljukow gelegentlich das Wort als Gegensatz zu ).

Die Geschichte der Zweiten Internationale hat bewiesen, dass es möglich war, gleichzeitig Sozialist und Nationalist zu sein. In Russland galt dies nur für Mitglieder ethnischer Minderheiten. Es gab polnische, georgische, jüdische und lettische sozialistische Parteien mit ausgeprägt nationalistischen Programmen; es gab jedoch keine russische (russkaja) sozialistische Partei.

Unter sowjetischer Herrschaft lebte der russische Nationalismus mehr oder weniger explizit fort und blieb auf das Imperium gerichtet. Eines seiner Hauptmerkmale war die Identifikation Russlands mit dem Ganzen der Sowjetunion (Khazanov, 1995, S. 87ff.). Überspringen wir die sowjetische Periode und wenden uns direkt der postkommunistischen Zeit zu. Trotz einiger Unterschiede gibt es bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen dem vorrevolutionären und dem post-sowjetischen russischen Nationalismus. Der russische Nationalismus ist bis auf den heutigen Tag anti-modern, anti-westlich, anti-demokratisch, anti-liberal, autoritär und offensiv geblieben, wenngleich mittlerweile oft in defensivem Gewand. Ständige Warnrufe vor der Bedrohung der Russen durch zahlreiche äußere und innere Feinde gehören heute zum Alltag.

Während der letzten Jahre habe ich mich ausführlich mit der wachsenden Zahl russisch-nationalistischer Publikationen auseinandergesetzt – keine sehr aufregende Lektüre, wie ich gestehen muss. Alle nationalistischen Ideologien beruhen weitgehend auf Mythologien, und die russische nationalistische Mythologie präsentiert sich, wie übrigens jede andere auch, als aus sich selbst heraus einleuchtende Wahrheit, die keines Beweises bedarf. Bevorzugte Formulierungen russischer Nationalisten sind: “Es ist offenkundig, dass…”, “Es ist wohl bekannt, dass…”. Aber es gibt einen zusätzlichen Umstand, der die Schriften russischer Nationalisten so langweilig macht. Sie sind extrem wortreich, bombastisch und eintönig, bedienen sich eines verkündenden Tons und stecken voller Wiederholungen, kurz, sie sind stilistisch gesehen schlicht miserabel.

Das sollte nicht überraschen, wenn man in Rechnung stellt, dass viele der Ideologen und Verfechter des russischen Nationalismus am besten als Lumpenintellektuelle bezeichnet werden können: schlecht gebildete und beruflich inkompetente Leute, die mit dem politischen Wandel im Land und dem Übergang zur Marktwirtschaft überflüssig wurden. Um meine Neugier zu befriedigen, fragte ich nach, was einige dieser Leute in der Sowjetzeit gemacht hatten. Das Ergebnis war äußerst aufschlussreich. Viele waren marxistische Philosophen oder Lehrer des sog. Wissenschaftlichen Kommunismus; andere waren Komsomolzen, kommunistische Parteifunktionäre, KGB-Offiziere oder hatten ähnliche Berufe ausgeübt. Jetzt haben sie sich vom Saulus zum Paulus gewandelt, oder, vielleicht treffender, vom Paulus zum Saulus.

Es gibt unter den Ideologen des russischen Nationalismus auch viele Dichter, Schriftsteller und Journalisten. Zwei oder drei sind gut oder waren gut, der Rest ist sehr schlecht. In der Sowjetunion waren sie vor Konkurrenz geschützt, sie wurden protegiert und für ihre Regimetreue von der Sowjetregierung genährt – und das sehr gut. Heute können sie nicht mithalten und verteidigen sich mit jedem verfügbaren Mittel. Vor einigen Jahren machte einer von ihnen, der Dichter Valentin Sorokin, eine vielsagende Bemerkung: “Ich gebe zu, dass Joseph Brodskys Gedichte so gut sind wie meine.” Aber dann fügte er hinzu: “Allerdings bin ich Russe, Brodsky dagegen nicht. Er hat kein Recht, auf Russisch zu schreiben.”

Mythologie und Programm

Obwohl gegenwärtig die nationalistische Bewegung Russlands politisch zersplittert ist und aus vielen Parteien und Gruppierungen besteht, die häufig miteinander konkurrieren, ist es nicht schwer, die gemeinsamen Merkmale ihrer Mythologie und ihres politischen Programms zu benennen. Beginnen wir mit der Mythologie. Sie ist beinahe enttäuschend in ihrem fast völligen Mangel an neuen und originellen Zügen. In vielerlei Hinsicht wiederholt die zeitgenössische russische Mythologie die Mythen der sowjetischen Geschichtsschreibung und Propaganda oder kehrt zu vorrevolutionären nationalistischen Mythen zurück.

Die nationalistische Mythologie behauptet, dass wir heute einen Kampf der Kulturen erleben: ein globales Ringen zwischen dem materialistischen, individualistischen, konsumistischen, kosmopolitischen, korrupten Westen unter Führung der USA und dem kollektivistischen, idealistischen, spirituell und moralisch überlegenen Eurasien, geführt von Russland. Russland ist mehr als ein Land und ein Staat, es ist eine Kultur, in der Spiritualität über Materialismus obsiegt. Die Russen sind das auserwählte Volk, das eine selbstaufopfernde Mission erfüllt, um die Menschheit zu erleuchten und zu retten (dieser Anspruch geht auf die russischen religiösen Philosophen Solowjew, Berdjajew, Fedorow und andere zurück, ja sogar auf die “russische Idee”, die Dostojewski in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts formulierte).

In dieser Vision ist das russische Reich einzigartig. Es war das menschlichste in der Weltgeschichte. In seinen Grenzen lebten die Völker friedlich und gleichberechtigt zusammen. Nicht-Russen traten ihm freiwillig bei. Russland eroberte und unterwarf sie nicht, und wenn es das tat, so nur zu ihrem Besten, um sie vor äußeren und inneren Feinden zu schützen (das ist eine direkte Fortschreibung der Sowjetmythologie).

Was oder wer also hindert Russland an der Erfüllung seiner messianischen Mission? Natürlich der Westen, und zur Zeit besonders die USA. Russland war immer eine belagerte Festung, umgeben von Feinden in Ost und West. Viele Jahrhunderte lang wollte der Westen Russland in die Knie zwingen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist das Ergebnis dieser Verschwörung. Heute will Amerika Russland zerbrechen, um es in einen Rohstofflieferanten zu verwandeln. Und so weiter und so weiter. Verschwörungstheorien und Klagen über Russophobie sind zu einem unverzichtbaren Teil der heutigen nationalistischen Mythologie in Russland geworden.

Es gibt zwei ewige russische Fragen: “Wer ist Schuld?” und “Was tun?”. Die Mythologie des russischen Nationalismus gibt die Antwort auf die erste Frage; sein politisches Programm beantwortet die zweite.

Ich will nun das politische Programm der Hauptströmung des russischen Nationalismus beschreiben, allerdings nicht das der extremistischen, offen faschistischen Organisationen wie der “Russischen Nationalen Einheit”, die behauptet, 150 000 Mitglieder zu haben, und in Russland ein Apartheidsystem etablieren will (Shenfield, 2001). Wie also sieht das Programm der nationalistischen Hauptströmung aus? Die Hauptforderungen sind: Russland sollte der Staat des russischen Volkes sein und die Orthodoxie zur Staatsreligion erhoben werden. Russland wird als unteilbare Einheit verstanden und soll ein Einheitsstaat werden, in dem ethnische Minoritäten bestenfalls kulturelle, aber keine politische oder territoriale Autonomie genießen.

Das russische Volk muss um einer neuen und organischen politischen und sozialen Ordnung willen, die auf dem sog. beruht, Demokratie und Liberalismus zurückweisen. Es ist sehr schwer, das Wort zu übersetzen, weil es selbst im Russischen viele verschiedene und vage Bedeutungen hat. Das altrussische Wort , das bis vor kurzem nur selten verwendet wurde, bezeichnet eine (kirchliche oder weltliche) Versammlung. Im heutigen nationalistischen Jargon impliziert eine Mentalität der Gemeinschaftlichkeit und gleichzeitig eine vermeintliche ethnische Einheit, in der die Interessen des russischen Volkes als Ganzem über den Einzelinteressen stehen sollen. soll auf einem Geist der Selbstaufopferung beruhen und betont den Vorrang der nationalen Gemeinschaft. Im Sprachgebrauch der russischen Nationalisten weist Parallelen zum faschistischen Korporatismus auf.

Für die russischen Nationalisten ist ein starker und mächtiger Staat () Sinn und Zweck der Existenz der russischen Nation. Der Staat, keinesfalls die Zivilgesellschaft, ist Träger, Beschützer und Garant der nationalen Interessen. Das unmittelbarste und dringlichste Ziel des russischen Volkes ist die Wiederherstellung des russischen Staates als Großmacht in seinen historischen Grenzen (sprich die Restauration des russischen Reiches). Da der Westen im allgemeinen und besonders die Vereinigten Staaten danach streben, Russland an der Erreichung dieses Zieles zu hindern, sollte die russische Außenpolitik anti-westlich und anti-amerikanisch werden. Kurz, das politische Programm des russischen Nationalismus ist nicht nur anti-demokratisch und anti-liberal, sondern auch revanchistisch.

Zukunft

Bleibt die abschließende Frage, welche Rolle der nationalistische Faktor heute im politischen Leben Russlands spielt. Einige Beobachter halten es für kaum wahrscheinlich, dass radikale Nationalisten, besonders Neofaschisten, in naher Zukunft im Land an die Macht kommen. Ich neige ebenfalls zu dieser Einschätzung. Es gibt jedoch noch eine Gefahr anderer Art.

Erstens werden einige Machtstrukturen in Russland und ihre Funktionäre zunehmend empfänglich für das nationalistische Programm. Es ist in Russland kein Geheimnis, dass extremistische nationalistische Organisationen viele Sympathisanten im Innenministerium, im Rechtswesen und einigen regionalen Administrationen haben, ganz zu schweigen von den Geheimdiensten. In offener Verletzung der russischen Gesetze sabotieren Staatsanwälte und Gerichte alle Versuche, diejenigen zu verfolgen, die zu ethnischem und nationalem Hass aufstacheln. Zweitens, und vielleicht noch beunruhigender, werden andere politische Bewegungen zunehmend empfänglich für nationalistische Programme und Slogans. Nationalismus ist in Russland in Mode, und die meisten politischen Bewegungen und Parteien versuchen, sich als die besten Verteidiger der nationalen Interessen ins Bild zu setzen.

Die grundlegenden westlichen, insbesondere westeuropäischen Muster ideologischer und politischer Orientierung – Konservativismus, Liberalismus und Sozialdemokratie – lassen sich auf Russland noch nicht anwenden. Statt dessen würde ich vier Hauptkräfte im politischen Spektrum Russlands benennen: Nationalisten, Kommunisten, die herrschende Nomenklatura, die im politischen Sprachgebrauch Russlands als “die Partei (oder Parteien) der Macht” bezeichnet wird, sowie, viertens, jene Demokraten und Liberalen, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Opposition zur Regierung befinden bzw. nicht an ihr beteiligt sind (ich beziehe mich auf Formationen wie Jawlinskis Jabloko-Partei und, mit gewissen Vorbehalten, die “Union der Rechten Kräfte” von Gaidar, Tschubais und Nemzow). Es könnte aufschlussreich sein, bis zu welchem Grad diese Kräfte sich der nationalistischen Ideologie öffnen.

Besonders merkwürdig am heutigen politischen Leben in Russland ist der Mangel an einer starken sozialdemokratischen Bewegung. Es gibt nur ein paar kleine Gruppen sozialdemokratischer Ausrichtung, und das in einem Land mit einer so starken sozialistischen Tradition! Es gibt mehrere Gründe für diesen Umstand, aber ich kann hier nur auf einen davon eingehen. Während in vielen ostmitteleuropäischen Ländern die Kommunisten zur Sozialdemokratie tendieren, gilt dies für ihr russisches Pendant nicht. Die russischen Kommunisten zieht es statt dessen zum Nationalismus. Es stimmt zwar, dass es im Moment mehrere ideologische Tendenzen in der Kommunistischen Partei Russlands gibt, einschließlich einer traditionalistischen und internationalistischen Strömung (Urban und Solovei, 1997). Die bei weitem deutlichste ist jedoch die nationalistische Tendenz.

Fassen wir die wichtigsten Punkte der einschlägigen Schriften Gennadi Sjuganows (offenkundig arbeitet ein ganzes Heer von für ihn) zusammen, des Führers der russischen Kommunisten (vgl. z. B. Sjuganow 1996 und 1997): Russland ist danach eine einzigartige, kontinentale, slawische, orthodoxe Kultur. Gleichzeitig ist es der legitime Nachfolger des Reiches von Dschingis Khan. Russland führte Dschingis Khans Mission der Vereinigung des geopolitischen Raums Eurasiens fort (Sjuganow hat die Eurasianisten eifrig studiert). Die wichtigste Errungenschaft der sowjetischen Zeit war die weitere Stärkung des russischen Staates; der Hauptfehler in dieser Phase bestand nach Sjuganow dagegen darin, das russische Wesen der Sowjetunion herunterzuspielen. Stalin hatte das verstanden und wollte den russischen Charakter der Sowjetunion stärken, starb aber – leider – zu früh.

Viele marxistische Ideen und Doktrinen widersprechen nach Auffassung Sjuganows der russischen Mentalität und müssen überdacht werden. So wird der Klassenkampf gegenwärtig vom Kampf der Staaten abgelöst. Russland stand, so Sjuganow, immer gegen die raubgierige westliche Zivilisation, die vom Judentum negativ beeinflusst sei, was bis heute gelte. Das gegenwärtige Ziel des Westens bestehe in der endgültigen Zerstörung Russlands und der Russen. Es gebe zu viele Nicht-Russen in Wissenschaft und Kultur, in den Massenmedien und im Staatsapparat. Darin sieht Sjuganow den Beweis, dass Jelzins Führung pro-westlich und also anti-russisch war.

Das dürfte, wie ich meine, reichen, um ein klares Bild von der gegenwärtigen ideologischen Tendenz der russischen Kommunisten zu gewinnen. Wie immer man sie nennen will, sie haben aufgehört, Marxisten zu sein. Wir beobachten zur Zeit die Verschmelzung des radikalen rechten Extremismus mit einem wiedererwachten anti-kapitalistischen Populismus.

Wenden wir uns nun der “Partei der Macht” zu. Man sollte in Erinnerung behalten, dass ein bedeutsamer Teil des sowjetischen / russischen Establishments, einschließlich der Partei, des Militärs und des Geheimdienstes, noch vor der Phase der Perestroika mit den Ideen des russischen Nationalismus indoktriniert wurde (Solovei, 1994, S. 58ff.). Viele dieser Leute sind bis heute an der Macht. In der neuen Situation fühlen sie sich noch stärker zum Nationalismus hingezogen, weil er ihnen eine neue Machtlegitimation verschaffen kann. Andere Mitglieder der politischen Elite Russlands wenden sich aus Gründen der Zweckmäßigkeit dem Nationalismus zu.

Seit 1994 ist , Etatismus, beinahe zu seiner offiziellen Ideologie geworden, so wie wenig später der demonstrative Anti-Amerikanismus. Aus verschiedenen Gründen wächst in Russland der Anti-Amerikanismus. Die russische Führung folgt dieser Tendenz und stachelt zugleich die öffentliche Meinung weiter auf. Viele Russen können den Amerikanern nicht verzeihen, den Kalten Krieg gewonnen zu haben, und besonders nicht die Folgen ihrer Niederlage, die sie als nationale Erniedrigung betrachten. Die russische Führung sieht die USA und die NATO als Kräfte, die Russland daran hindern, seine Hegemonie über Ostmitteleuropa und innerhalb der GUS wiederherzustellen.

Tatsächlich versucht die politische Elite Russlands, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, allerdings ohne großen Erfolg. Prinzipiell könnten der propagierte Staatspatriotismus und die Bindung an einen starken und mächtigen Staat ethnisch neutral sein. In Russland sind sie es nicht. In mancher Hinsicht ist die propagierte Ideologie des derschawnitschestwo ein etwas umsichtigerer Nationalismus, aber sie bleibt ein ethnischer Nationalismus der Russen. Bemerkenswerterweise ist die Bezeichnung “Russische Föderation” beinahe aus dem offiziellen Wortschatz verschwunden.

Wo der unvollständige Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit von dem wachsenden Wunsch begleitet wird, auf die imperiale Vergangenheit Russlands und ihre Symbole zurückzugreifen, die die Nicht-Russen im Land vollständig ablehnen, kann die Politik nicht ethnisch neutral sein. Das gleiche gilt, wenn der Staat einer der vielen Konfessionen des Landes de facto den Status einer Staatsreligion verleiht. Wenn das neue Gesetz über die Gewissens- und Religionsfreiheit nämlich verkündet, dass die Orthodoxie ein untrennbarer Teil der gesamtrussischen Geschichte und des geistigen und kulturellen Erbes des Landes sei, kann dieses Gesetz im Hinblick auf die nicht-russischen und nicht-orthodoxen Bürger nicht neutral sein.

Alle Ideen des in Russland gründen auf zwei Annahmen. Erstens, dass die Interessen der nicht-russischen Nationalitäten mit den Interessen der ethnischen Russen zusammenfallen sollten. Zweitens, dass die Russen eine besondere Verantwortung für die Bewahrung und Stärkung des Staates haben und im Interesse aller Völker Russlands handeln. Führt man diese Argumentation konsequent zu Ende, könnte man sagen, dass die 100 000 Opfer des Tschetschenien-Krieges zu ihrem Besten abgeschlachtet wurden.

Mehrere Jahre lang versuchte die Jelzin-Führung, dem Land eine neue nationale Idee zu geben, wenn auch ohne viel Erfolg. Diese Bemühungen förderten nicht nur eine tief verwurzelte autoritäre Mentalität zutage, sondern auch eine spezifische Vision des post-sowjetischen Staates. In einer Gesellschaft, die bereits bis zu einem gewissen Grad pluralistisch ist, kann eine solche Ideologie nur vom Staat propagiert und verbreitet werden und wird dann zu einer Staatsideologie mit starken nationalistischen und anti-liberalen Zügen. Alles deutet darauf hin, dass die neue russische Führung diese Bemühungen nicht aufgeben wird. Die Politik des autoritären Zentralismus, die Präsident Putin dem Land aufzwingt, ist stark von den Konzepten des russischen Nationalismus beeinflusst.

Und was ist mit den Liberalen? Auch sie haben die Sehnsucht nach der Rückkehr zur imperialen Größe genährt, weil sie bei ihrem Kampf gegen die Kommunisten und in ihrer Ablehnung der Sowjetzeit zunehmend auf eine idealisierte vorrevolutionäre Vergangenheit zurückgriffen. Noch wichtiger jedoch ist, dass sich gegenwärtig auch Teile der Liberalen gegenüber dem ethnischen Nationalismus zugänglicher zeigen. Es gibt noch immer unerschütterliche Liberale und “Westler”, die alle Formen des Nationalismus verachten, besonders seine russische Spielart; aber es gibt auch eine wachsende Zahl von anderen, sog. liberale Etatisten oder liberale Imperialisten, die zu Konzessionen an die russischen Nationalisten bereit sind. Vor einigen Jahren unterstützten viele von ihnen den ersten Tschetschenien-Krieg, und noch viel mehr unterstützen den zweiten. In privaten Unterhaltungen erklärten mir einige von ihnen, dass sie sich der öffentlichen Stimmung beugen müssten. Nach einer Umfrage der Moskauer Akademie für Geisteswissenschaften sind 61 % der Russen für die Restaurierung eines Staates, wie er vor der Oktoberrevolution bestand (Russia Today, 4. Januar 2001).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es in Russland heute an einem Konsens über das Konzept der Nation mangelt und es nur wenig gibt, womit sich die Menschen im Land gemeinsam identifizieren können. Unter diesen Bedingungen sozialer und politischer Zersplitterung ist der Nationalismus – leider unvermeidlicherweise – zu einem wichtigen Faktor in der Entwicklung des Landes geworden.

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Published 8 March 2002
Original in English
Translated by Andreas Simon

Contributed by Transit © Anatoly M. Khazanov Transit

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