Momentaufnahme aus dem Leben einer Nation

Eineinhalb Jahrzehnte nach Sloweniens Unabhängigkeitserklärung und drei Jahre nach dem EU-Beitritt stagnieren das politische und das kulturelle Leben im Land, schreibt Peter Rak. Ein gemäßigtes Nationalgefühl und kollektive Selbstliebe sind vielleicht der einzige Weg nach vorn.

“Auf lange Sicht gesehen arbeitet die Zeit für die unterjochten Völker, die noch Kräfte und Illusionen sammeln und so in der Zukunft und in der Hoffnung leben; denn was steht in der Freiheit noch zu hoffen. Die Demokratie ist ein Mirakel, das nichts zu bieten hat, sie ist Paradies und Grab eines Volkes zugleich. Das Leben hat keinen Sinn ohne sie, aber es fehlt ihr an Leben. Moderne Gesellschaften, demystifiziert, desakralisiert und einstiger theologischer und ideologischer Verrücktheiten beschnitten, sind heute zu stiller Dekadenz und Siechtum verurteilt.”
Emile M. Cioran

 

Sind wir Slowenen – nur ein gutes Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes und der Errichtung unseres unabhängigen Staates – dem Zustand bereits nahe, den Émile Cioran beschreibt? Teilweise sicherlich. Die ohnehin karge Dosis aus Enthusiasmus, süßer umstürzlerischer Schwärmerei und Erwartung des Unbekannten beim Zerfall des totalitären Systems und der Erlangung der Freiheit sowie der Durchsetzung demokratischer Standards war rasch aufgebraucht. Was folgte, war die Rückkehr zu Überdruss und Weltschmerz, garniert mit hektischer Nervosität in seiner spezifischen slowenischen Form.

Im Unterschied zu zahlreichen anderen Völkern bedeutete die Erlangung eigener Staatlichkeit keine besondere Zäsur im geistigen Leben der Slowenen. Wir haben uns nicht den baltischen Staaten zugesellt mit ihrem neuen ökonomischen Vitalismus, nicht den Tschechen bei ihrem Versuch, zu einem geordneten mitteleuropäischen Kleinstaat Masaryk’schen Zuschnitts zurückzukehren, auch nicht den Kroaten in ihrer exklusiven nationalen Selbstgenügsamkeit, geschweige denn, dass wir der irrationalen Großmannssucht der Serben gefolgt wären – die Oberherrschaft hat die alte Formel der Politik der langsamen Schritte und der Vorsicht gewonnen, die vielleicht weise war, die aber Ciorans Formulierung gefährlich nahe kommt. Ohne echten Schwung und zumindest minimale Bereitschaft für radikalere Denk- und Handlungsformen und freien Meinungsaustausch, ohne sofortiges Etikettieren und Dämonisieren des Gegners, manifestiert sich dieser geistige Zustand in der abgehobenen Salon-Behandlung immer gleicher Themen, die von fundamentaler, ja schicksalhafter Bedeutung für die Zukunft der Nation zu sein vorgeben. In ihnen mangelt es zwar häufig nicht an Schärfe, Verunglimpfung und sogar offener Feindschaft, doch bleibt der Diskurs zumeist unfruchtbar und langweilig, Zynismus ohne Luzidität, Hohn ohne Geist und Spott ohne Satire, kurzum, leere soziologische Rhetorik, die auf der Ebene abstrakter Analysen und Überlegungen verharrt.

Ungeachtet dessen, dass wir in einer pazifizierten Epoche der Transition leben (zumindest aus dem Blickwinkel der stürmischen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und der eigenen turbulenten Vergangenheit), herrscht bei uns ein regelrechter Meinungspuritanismus, das Diktat eines zwar informellen, jedoch klar determinierten öffentlichen Diskurses, dessen gemeinsamer Nenner der so genannte Kampf gegen die Intoleranz ist. Die großen gesellschaftlichen, teils revolutionären Bestrebungen von einst wurden durch modisch-zyklische Modelle gesellschaftlicher Beziehungen ersetzt, wobei sich eines der Hauptgebote trotz zeitweilig gutartiger Spannungen gerade um den Begriff der Toleranz dreht. Bei der Untersuchung vermuteter Abweichungen von einer künstlich errichteten Toleranzgrenze kommt mitunter dramatisches Pathos zum Tragen, das allerdings trotz der beruhigten, fast biedermeierlichen Amplituden der Gesellschaftsdynamik gern den Unterton des Katastrophischen und Apokalyptischen annimmt. All das gehört natürlich in die heutige Welt virtueller gesellschaftlicher Interaktionen, die mit der realen Situation nicht viel zu tun haben und ein Bündel ewiger Themen bilden aus Globalisierung, Aids, Umverteilung des Reichtums, Diktatur und Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen, der Religionen, der Rassen, religiöser Fundamentalismus, Nord-Süd-Gefälle, Dritte Welt, Umwelt, etc. Letztere dienen trotz der tatsächlich vorhandenen Probleme vor allem als Kulisse für unverbindliches akademisches Geplauder, denn echte Bereitschaft zur Tat ist nur wenig oder gar nicht vorhanden. Der so genannte Kampf gegen Intoleranz birgt aber paradoxerweise noch eine Falle in sich, nämlich die Haltung der Unbekümmertheit, die Politik des laissez faire. Zum Wesen eines solchen Normierens des öffentlichen Wortes und Definierens der Grenzen rhetorischer Akzeptanz gehört nämlich die Propagierung von Entfremdung und Apathie im Sinne von “ich bin tolerant, somit toleriere ich ’Andersartigkeit’ (solange sie nicht meine Interessen tangiert), doch interessiert mich das Mikrobild nicht, ich habe kein Interesse, mich auf die Dilemmata und Nöte der Menschen einzulassen, es reicht vollauf, wenn ich ’tolerant’ bin, wenngleich mit zusammengebissenen Zähnen”.

Dahinter stehen vermutlich die bekannte slowenische Neigung zu Fatalismus beziehungsweise die Verweigerung des Mitspielens, jene eigentlichen, fundamentalen Treibriemen der parlamentarischen Demokratie und besten Puffer für gesellschaftliche Spannungen. Ideal ist natürlich das britische Beispiel, wo jede Polemik trotz scheinbar verbissenster Antagonismen im Grunde nur ein bravourös simuliertes Spiel zweier Gegner ist, die möglicherweise sogar von ihren Standpunkten überzeugt sind und sie mit größter Entschiedenheit vertreten, sich dabei aber bewusst sind, dass sie nur ein Teil der Vorstellung sind. Und das keineswegs im pejorativen Sinne, denn die Vorstellung ist hier kein leeres Spektakel, sondern das Wesen des gesellschaftlichen Aktivismus selbst. Bei uns ist die Sache auf den Kopf gestellt. Politische Gegnerschaften machen nicht nur den Eindruck einer todernsten Angelegenheit, sondern sind auch eine todernste Angelegenheit, Verzichten und Nachgeben gibt es nicht und darf es nicht geben, der Kampf muss vor allem aus Prestigegründen bis zum Ende geführt werden, auch wenn das sehr bitter ist. Am drastischsten wurde dieses Prinzip nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Errichtung des totalitären Regimes realisiert, ein solches System des staatlichen Funktionierens findet aber – natürlich mit anderen Mitteln – seine Fortsetzung auch heute, wo wir unablässig Zeugen irgendwelcher künstlich erzeugten Ausnahmesituationen sind. Außerdem ist es unangebracht, allzu viel Worte über die Bravourösität solcher politischen Duelle zu verlieren, denn die rhetorischen Fähigkeiten und der geistige Horizont unserer Akteure übersteigen zumeist nicht die Klischees, die ihre tiefen Wurzeln noch im vorangegangenen System haben.

Wir Slowenen verstehen in der Regel weder eine Distanz zu einem aktuellen Einzelereignis noch zu völlig banalen, oft sehr künstlich erzeugten Dilemmata herzustellen, geschweige denn, unseren Blick aus angemessener Distanz auf Vergangenheit oder Zukunft zu richten. Die Hauptursache ist wahrscheinlich die Verschlingung in reale oder erdachte Probleme des lokalen Milieus und die Unfähigkeit der Mehrheit, sich mit den neuen Verhältnissen beim Eingliedern in die europäischen Integrationsprozesse zu identifizieren. Dabei ist nicht der formale Beitritt zur EU von Bedeutung, sondern vor allem der Sprung des nur mit dem imaginären, illusionistischen Netz der so genannten Bewegung der Blockfreien verknüpften Jugoslawiens aus der Autarkie in die globale Welt zu einem Zeitpunkt, zu dem wir hinsichtlich unserer unmittelbaren Umgebung noch immer Opfer der ständigen Doktrin von der angeblichen Bedrohung durch feindliche Nachbarn waren. Damit lässt sich im Falle Sloweniens eine Analogie herstellen zum ehemaligen Westberlin als einer Enklave im feindlichen Gebiet, allerdings mit dem Unterschied, dass wir die klaustrophobische Isolation selbst gewählt hatten. Der Vergleich mag übertrieben sein, aber die Grundcharakteristika decken sich mit den schreienden Sinnlosigkeiten des Kalten Krieges – im Westen und Norden die Italiener und Österreicher als historisch reale und aktuell potentielle Hegemonen, im Süden die Kroaten, die sich nach dem letzten Balkankrieg zu einer lokalen Großmacht ausgerufen haben, als einziger Ausweg die Ungarn im Osten, zu denen auf Staatsebene allerdings nur die notwendigsten Kontakte gepflegt werden.

An einer derartigen “splendid isolation”, die keinesfalls nur großen Nationen eigen ist und die uns teilweise durchaus geholfen hat, die nationale Substanz durch die Geschichte hindurch zu bewahren, wäre im Grunde nichts auszusetzen, wenn die Slowenen hinsichtlich ihres individuellen und kollektiven Selbstbewusstseins etwas bestimmter und überzeugter wären. Bei den Balkannachbarn finden wir in der Tat warnende Beispiele dafür, dass Isolation und eingebildetes Selbstbewusstsein, das vor allem auf irrationaler Mythomanie und nationaler Idolatrie beruht (und bei weitem nicht so elitär ist, wie das britische einst war), geradezu groteske Dimensionen annehmen können, doch steht Slowenien ohne die geringste Spur solcher Irrationalität im leeren Raum. In Reichweite und doch unerreichbar bleibt vorerst das Ideal der alten bürgerlichen, teils unter einer Schicht Edelschimmel verborgenen Demokratie; für uns verloren, zugleich nie wirklich realisiert, ist auch der elementare, wilde, ursprüngliche Geist des Balkans, mit dem wir zwar sieben Jahrzehnte hindurch formal verbunden waren, der uns aber nie so richtig unter die Haut gehen wollte.

Daher die krampfhafte, oft panische Suche nach Identität und breiterem geistigen Territorium. In der Geschichte haben wir unser Ideal lange Zeit auf den Panslawismus gegründet, und zwar vor allem auf die Integration der südslawischen Völker. Nach einer ziemlich bitteren Lektion haben wir uns wieder dem Nordwesten zugewandt und versucht, den Begriff Mitteleuropas als ein Gebiet mit einem spezifischen kulturellen und geistigen Klima wiederzubeleben, bis sich am Ende herausgestellt hat, dass Mitteleuropa (hier hatte Peter Handke zur Abwechslung einmal recht) tatsächlich nur ein meteorologischer Begriff ist. So blieb uns einzig das paneuropäische Programm, das aber selbst unter den alten Mitgliedern der EU in vielen Belangen ein amorphes, abstraktes Projekt bleibt, dessen Realisierung (oder Fiasko) erst künftige Generationen erleben werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts alles auf die Politik und ihre beschränkte Reichweite zu setzen, ist natürlich nicht die einzige Option, allerdings zeigt sich auch hier das Gewicht der historischen Hypothek des vorangegangenen totalitären Regimes. Die totale Politisierung der Gesamtgesellschaft war nämlich eines seiner Grundpostulate, und ungeachtet der Veränderung beziehungsweise Erweiterung des politischen und ideologischen Spektrums nach der Erlangung der Unabhängigkeit bleibt die Politik der fundamentale spiritus movens, wenngleich ihre Allmachtsrolle nur eine fiktive und virtuelle ist.

Der Paternalismus des Staates und der führenden politischen Garnitur ist im mentalen Profil der Menschen kodiert, und obwohl ihre Beziehung oft ambivalent ist (und von übertriebener Glorifizierung bis hin zu unkritischer Zurückweisung des politischen Systems insgesamt als auch von einzelnen Parteien oder Protagonisten des politischen Establishments reicht), erwartet die Mehrheit noch immer uneingeschränkte Hilfestellung und Schutz bei ihren vitalen, existentiellen Fragen. Eine solche Situation bewirkt ein manifestes Sichsammeln auf den Bastionen der einen oder anderen politischen Option und definiert auf paradoxe Weise jeden in der Öffentlichkeit exponierten Einzelnen, was das Haupthindernis bei der Formierung einer unabhängigen und effizienten Zivilgesellschaft darstellt. Eng verbunden mit der Politik bleibt die Wirtschaft, was ebenfalls ein Rezidiv des vorangegangenen Regimes ist, ein magisches Wort auf diesem Gebiet ist aber noch immer – wie schon zu Zeiten des sozialistischen Systems – die “Reform”. Die alchimistische Suche nach der Zauberformel für Veränderungen im Wirtschaftssystem erinnert stark an die alten Zeiten, als ständig etwas “reformiert” wurde, um den Anschein großer gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Dynamik zu erwecken. Der Unterschied liegt darin, dass es sich heute in Wirklichkeit vor allem um simulierten Aktivismus handelt. Nach den großen politischen und sozialen Erschütterungen und Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die nacheinander in den Staub sanken, ist – zumindest vom eurozentrischen Standpunkt aus – offenbar nur noch für akademische Projekte Raum, und auch das nur aus Trägheit oder politischem Prestigedenken, gewürzt mit lautstarken Scheinpolemiken pro und contra.

Ähnlich sieht auch die Situation der ebenfalls hart an der vordersten Kampflinie der Politik positionierten Medien aus. Auch damit ließe sich im Prinzip leben, würden die Medienhäuser, Redakteure und Journalisten sich nicht erbittert gegen das Etikett regierungsfreundlich oder pro-oppositionell wehren, obwohl das im europäischen und amerikanischen Journalismus völlig gängige Begriffe sind. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Sichzieren um einen Selbstverteidigungsreflex, um sich vom einstigen Verständnis des Journalisten als “gesellschaftspolitischen Werktätigen” zu distanzieren, allerdings eignet sich eine derart leere, rein deklarative Autonomie keinesfalls zur Errichtung einer relevanten unabhängigen Medienreflexion. Dafür werden wir beim Lesen der Kommentare einer oft leichthin servierten Behandlung von Themen teilhaftig, die weniger an eine überlegte Problemanalyse erinnern als an einen hochstaplerischen Egotrip. Die Praxis führender japanischer Tageszeitungen etwa, an deren Leitartikeln oft bis zu fünf Journalisten mitschreiben, um subjektive Parteilichkeiten weitestgehend hintanzuhalten, ist für uns sozusagen science fiction. Ebenso wie die globalen Medien sehen sich die slowenischen Medien zusätzlich mit einer Hyperproduktion konfrontiert, die in ihrer höchsten Ausprägung die Instrumentalisierung der Information auf Kosten des Sinnes zur Folge hat. Letzteres gilt keineswegs nur für die so genannte Yellowpress. Die wiederum hat die Initiative vollständig übernommen, und in der Angst um ihre Positionen folgt ihr wohl oder übel auch der größte Teil der anderen Medien, die mit einer solchen Politik paradoxerweise ihren Sinn, Kredibilität und Bedeutung neutralisieren und sich den Phantominhalten des Circus maximus der virtuellen Kommunikation anpassen.

Solche Tendenzen sind aber bei weitem nicht auf die Medien beschränkt, ähnliche Tendenzen lassen sich auch im Kulturbereich verfolgen. Zweifellos hat die slowenische Kultur vitale historische Bedeutung für die Konstituierung der Nation und des Nationalstaates, vom Erwachen im Völkerfrühling des Jahres 1848 bis zur Selbständigwerdung im Jahre 1991. Zugleich aber wird immer klarer, dass die Epoche dieses idolatrischen Verhältnisses zur Kultur, die lange Zeit hindurch den Status einer unantastbaren Institution genoss, endgültig vorüber ist. Bekannt ist das Kokettieren der Hochkultur mit der Popkultur, in der Hoffnung, es werde zu einer edlen Synthese kommen, wobei aber die Popkultur die “hohe” Kultur einfach verschlungen hat. Slowenien ist auf diesem Gebiet noch viel empfindlicher und verwundbarer, weil nach einer einfachen mathematischen Logik die Anzahl der Bewohner und deren Wirtschaftskraft keine mit großen Staaten vergleichbaren Möglichkeiten zur Bestandsicherung nicht- oder weniger kommerzieller Kulturinhalte zulässt. Für die Durchlüftung einiger künstlerischer Praxen ist das vielleicht gar nicht so schlecht (das gilt besonders für manche Erscheinungsformen der institutionalisierten Kultur, wo unkritisch am Staatsbudget mitgenascht wird), doch ist für den Aufbau einer offenen, vitalen und impulsiven Kulturszene ein ausgewogener Zugang notwendig, wo sich die Selektion nicht ausschließlich auf der Ebene marktbestimmter Maßgeblichkeiten abspielt, da wir uns sonst bald von ähnlichen Implosionen von Inhalt und Sinn wie im Medienbereich eingekreist sehen.

Das größte Manko der slowenischen Kultur ist wohl der Mangel an Authentizität. Obwohl wir Slowenen weder in der Kultur noch in der Politik jemals ausgesprochene “Blut-und-Boden”-Aspirationen hatten, wurden mit derartigen Begriffen oft solche Elemente bezeichnet, die einem künstlerischen Werk auch ein gewisses nationales Gepräge geben. Dabei geht es natürlich nicht um irgendwelche archaisch-heimatliche Ethno-Darbietungen und die Karikiertheit von Turbo Folk, sondern um eine Art slowenischen Esprit, um eine spezifische wiedererkennbare Referenztypik, die so wiedererkennbar wäre wie etwa die englische, russische, serbische, argentinische, etc. Zahlreiche Autoren sind dazu durchaus in der Lage, nehmen wir Feri Lajnschek oder Drago Jancar, Marij Kogoj oder Vlado Kreslin, Ivan Grohar oder Emerik Bernard, Joze Gale oder Damjan Kozole, doch ist die Angst vor solchen Tendenzen bei uns offensichtlich noch immer sehr ausgeprägt und oft auch Gegenstand von Ironisierung, denn unsere Themen haben in der Regel hyper-universell und völlig losgelöst vom lokalen Milieu zu sein. Typisch ist etwa ein Beispiel aus dem Theater: Gefragt, warum bei der Dramatisierung des Romans eines slowenischen Autors alle Begriffe aus dem Text entfernt wurden, die die geografische Verortung des Geschehens ermöglicht hätten (und die größtenteils auch seinen geistigen Gehalt und seine Atmosphäre bestimmen), präsentierte der Regisseur lakonisch mehrere Zitate aus Aristoteles’ Poetik zur Universalität existentieller Fragen des Individuums und setzte am Ende mokant hinzu, dass seine Inszenierung nun einmal kein Reiseführer sei.

Natürlich sind Entscheidungen für eine Autonomie auktorialer Poetik völlig legitim, doch steckt gerade in einem solchen Denkmodell die Kernursache für die Diffusion des nationalen Idioms und das gezwungene Kokettieren mit supranationalen Trends, die aber im Grunde nichts weiter sind als Derivate einer von aggressiven Marketingmaschinerien gestützten Popkultur. Wenn wir uns das Gebiet der Bildenden Künste ansehen, wo das Prinzip des Anationalen in Form und Inhalt am stärksten vorherrscht, stellen wir fest, dass wir es nicht mit dem Produkt eines Qualitätssprungs und der Befreiung von den engen Fesseln des Nationalen zu tun haben, sondern mit einer spezifischen Krise der Produktion und vor allem der Wertung durch immer dominanter werdende Kustoden und Kuratoren, die sich die Herrschaft im Bereich Bildende Kunst teilen. Damit stellt sich auch die Frage, ob wir Slowenen vielleicht die europäische Variante des amerikanischen Phänomens des Schmelztiegels sind und in unserer mitteleuropäisch-balkanischen Zerrissenheit und Amorphität im Grunde (mit wenigen Ausnahmen) keine eigene ethnische Tradition beziehungsweise Vitalität besitzen, die wir entwickeln und dahingehend modifizieren könnten, dass sie auch heutzutage einsetzbar und effektiv wäre.

Wäre diese These vom Fehlen der Tradition und dem Verlust nationaler Charakteristika stichhaltig, hätten wir es mit dem noch größeren Paradoxon zu tun, dass wir Slowenen trotz der Agonie des Realen und Rationalen sozusagen Gefangene der Geschichte sind. Vergangene Generationen haben in der Illusion gelebt, sie würden die Geschichte “leben” (wenngleich das Syntagma von der Einfrierung der Geschichte in der Zeit des Kommunismus mehr oder weniger zutreffend ist), während die heutige Generation in der indifferenten nebulösen Streuung der Geschichte ohne historische Referenzen bleibt, beziehungsweise sich diese nur noch als positive oder negative Reminiszenzen der Vergangenheit manifestieren. Ausgefüllt wird diese Leerstelle durch die emotionalen Phantasmen der älteren Generationen, die die halbvergangene slowenische Geschichte entweder kategorisch verteidigen oder traumatisierend darstellen, während die Jüngeren in dieser Hinsicht entweder völlig gleichgültig sind oder Zuflucht nehmen zu Retrokonzepten. Letztere hat es seinerzeit vor allem auf dem Gebiet der Popkultur gegeben, inzwischen haben sie sich jedoch wie Metastasen in fast allen Bereichen ausgebreitet und – wie die viel beachteten Beispiele Laibach und Neue Slowenische Kunst (NSK) zeigen – auch ungeahnten Erfolg bei der Erstürmung ausländischer Kunstinstitutionen gehabt.

NSK ist ein interessantes Phänomen auch wegen seines Neoavantgarde-Charakters. Avantgarde entsteht in der Regel – außer wenn es sich um modische Trends handelt – aus der Revolte. Die gab es allerdings in Slowenien nur selten, ernsthafte Versuche lassen sich an den Fingern abzählen. “Die Jugend der ganzen Welt war Anhängerin des Surrealismus – außer der slowenischen”, lautete eine Kritik anlässlich der ersten Präsentation des surrealistischen Opus von Stane Kregar. Ähnlich verhielt es sich mit anderen Bewegungen und seltenen Einzelgängern, die sich auf unorthodoxe Experimente einließen, die entweder feindselige oder herablassende Reaktionen erlebten, ob es sich nun um den Konstruktivismus eines August Chernigoj in den Zwanzigern oder um den Konzeptualismus der Gruppe OHO in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts handelt. Heute entfallen derartige Komplikationen, denn das neo-, retro- oder pseudoavantgardistische Prinzip steht bereits im Ruch des Akademismus – wer gibt sich heute noch mit solchen Dilemmata ab? Kultur ist heute ein interaktiver Polygon, wo die Besucher als scheinbar gleichberechtigte Koautoren zur Partizipation eingeladen sind und der ganze Apparat oft besser als Sozialisierungs- und Geselligkeitsinstrument funktioniert denn als Instrument der Reflexion existentieller Grundfragen. Nicht anders verhält es sich mit der Kunstkritik, die die Grenze zwischen oberflächlichen Popvariationen und Versuchen ernsthafter Analyse fast völlig verwischt hat.

Ungeachtet aller Leichtigkeit aber besitzt – ähnlich wie die Politik – auch die slowenische Kultur trotz der ihr innewohnenden “Verspieltheit” keinen Spielstatus. In ihr herrscht ein ernsthafter Ton vor, wie Iztok Mlakar sagen würde, die slowenische Kultur schminkt sich mit Gewalt auf damenhaft, wirkt jedoch häufig billig. Eine solche Reaktion ist erklärlich, denn angesichts der erwähnten Aggressivität der trendigen Popkultur versucht die Hochkultur ihren Exklusivstatus zu bewahren und nimmt Zuflucht bei Hermetismus und Formalismus, aber auch hierin übertreiben wir Slowenen. Denn ohne Zweifel verfügen wir auch über eine gehörige Portion Selbstironie und Humor, doch ist solcher Art Satire oft blasiert und autodestruktiv und reflektiert die Beziehungen in der Gesellschaft aus einer apathisch-zynischen Distanz heraus ohne große Reichweite.

Alles Lamentieren hat aber möglicherweise gar keinen Sinn. Slowenien reagiert trotz seiner Autarkie – die ungeachtet starker Widerstände langsam, aber zuverlässig bröckelt – entsprechend seiner historischen Erfahrung und im Einklang mit den aktuellen globalen Leitlinien ganz einfach in seinem eigenen spezifischen Stil. Solche Reaktionen sind oft nur Nuancen der allgemeinen Atmosphäre von heute; für die künftigen Generationen wird sich das klinische Bild der Nation wahrscheinlich völlig anders darstellen. Letztlich ist es uns trotz der schon sprichwörtlichen slowenischen Trägheit in kritischen Grenzsituationen erstaunlicherweise immer wieder gelungen, den schlummernden Mobilisierungsfaktor zu wecken und für einen Augenblick auf den Zug der Geschichte aufzuspringen, der uns eine Station weiter gebracht hat. So war es 1848, 1918, 1941 und 1991, und vielleicht erwischen wir für einen Teil des Weges auch einmal einen Expresszug. Und was unseren nationalen Mentalzustand betrifft, der angeblich von Tragik, Entfremdung und Absurdität geprägt wird, ist vielleicht noch nicht alles verloren – vielleicht stimmt ja der Gedanke des Malers Francis Bacon, dass gerade Angst, Beklemmung und Verzweiflung der stärkste Ausdruck leidenschaftlicher Lebensgier sind.

Published 31 January 2008
Original in Slovenian
Translated by Klaus Detlef Olof
First published by Sodobnost 1-2/2006 (Slovenian version)

Contributed by Sodobnost © Peter Rak / Sodobnost / Eurozine

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