Liebe deinen Feind

Militante Visionen des Westens

Während Wissenschaftler, Journalisten und Politiker in Europa und Amerika al-Qaida unisono als eine fremdartige, exotische und schwer begreifliche Bedrohung beschreiben, betrachten militante Islamisten, die sich mit al-Qaida identifizieren, ihre Feinde gewöhnlich mit der innigsten Vertrautheit. Ob sie den Westen nun tatsächlich verstehen oder nicht: Die Vertrautheitsbekundungen dieser Männer weisen auf ein komplexeres Verhältnis hin. Dieser Artikel versucht, exemplarisch an zwei Symbolfiguren des Terrorismus, Chalid Scheich Mohammed und Osama bin Laden, zu zeigen, in welcher Weise militante Muslime ihre Energien aus einer parasitären Beziehung zu ebenjenem Westen schöpfen, den sie angreifen, wobei sie nach ihrem Verständnis aus seinem Inneren sprechen.

Wie kann uns die Vertrautheit radikaler Muslime mit ihrem Feind heute helfen, das Wesen globalisierter Militanz zu verstehen? Zunächst einmal erweist es sich als sinnlos, nach der Quelle terroristischer Energien in einer Geheimgeschichte oder obskuren Schrift zu schürfen – das gehört in das Reservat der Islam- und Nahostexperten. Tatsächlich ist es angesichts der vielen Äußerungen der Militanten, wie vertraut sie mit ihren Feinden, ja wie zugetan sie ihnen seien, absurd, sie aus analytischen oder gar politischen Gründen mit dem Westen zu kontrastieren. Genauso wenig kann der Islam dieser Männer anderen, moderaten Formen dieser Religion gegenüber gestellt werden, da auch Militante ausgiebig Gebrauch von liberalen Kategorien und Idealen machen, wie wir unten noch sehen werden.

Wir stehen vor der Aufgabe, darauf zu verzichten, den muslimischen Terrorismus schlicht mit einer fremdartigen Vergangenheit oder Region zu identifizieren, denn weder das eine noch das andere kann das Auftauchen von “einheimischen”, in die Gesellschaften Europas und Amerikas integrierten Militanten erklären. Ebenso verzichten muss man auf die Expertise von Islamkennern, die zumeist nicht in der Lage sind, diese Formen des Terrorismus mit den globalisierten Gesellschaften in Verbindung zu bringen, in denen sie auftreten. Die folgende Analyse versucht, die Bedeutung der militanten Rhetorik und Argumentation neu zu bewerten, indem sie sich auf die von den Terroristen bekundete Beziehung zum Westen konzentriert und dabei im Verlauf klarer bestimmt, was sie über Krieg und Gerechtigkeit zu sagen haben.

Wettstreit um das Gute

In Textstellen, die von liberalen Muslimen viel zitiert werden, scheint der Koran für religiöse und andere Formen des Pluralismus einzutreten, indem er verschiedene Gemeinschaften auffordert, nach ihrem eigenen Vermögen miteinander in einen Wettstreit um das Gute zu treten. Auch militante Muslime, oder zumindest jene, die sich unter dem Banner von al-Qaida scharen, scheinen sich diese Schriftpassagen zu Herzen genommen zu haben. Ein besonders schlagendes Beispiel dafür findet sich in der Aussage des Organisators der Anschläge vom 11. September, Chalid Scheich Mohammed. Einerseits ist der Wettstreit mit dem Feind um das Gute natürlich nur die Vorderseite des Wettkampfes mit ihm im Bösen, der in der militanten Rhetorik eine so große Rolle spielt. Doch andererseits geht der Wettstreit um das Gute über die bloße Spiegelung der Handlungen des anderen hinaus und birgt in sich, wie ich argumentieren werde, die Sorge um das Gutsein des Feindes als eine Eigenschaft, die Schutz erfordert. Tatsächlich kommt darin der Typus des Militanten, den ich beschreibe, der christlichen Tugend der Feindesliebe am nächsten.

Im redigierten und freigegebenen Protokoll seiner Anhörung in Guantánamo Bay vom 10. März 2007 bekannte sich Chalid Scheich Mohammed vor einem Tribunal, das er als unrechtmäßig betrachtete, schuldig und machte so seine Anhörung zu einer Anhörung des Tribunals, da seine eigene Schuld oder Unschuld damit nicht länger Gegenstand der Verhandlung war. Tatsächlich war Mohammeds Schuldeingeständnis so umfangreich, dass es die Anklage gegen ihn völlig in den Schatten stellte und das normale Verhältnis zwischen Gesetz und Verbrechen umkehrte, wo es der Angeklagte ist, der dazu neigt, seine Verantwortung zu bagatellisieren. Ein so exzessives Schuldeingeständnis beraubt dieses nicht nur seines Sinns, sondern verweist die Verantwortung in den Bereich der Gesetzesbefolgung, wo sie etwas Unpersönliches bleibt, zu dem der Angeklagte nur eine formale, aber keine existentielle Beziehung hat. Vielleicht war das der Grund, warum es sich Chalid Scheich Mohammed leisten konnte, bei seiner Anhörung über die Verantwortung als theoretische Kategorie zu spekulieren. Er präsentierte eine lange Auflistung von Taten, die er für sich reklamierte, und schloss mit der folgenden Aussage über den gänzlich konventionellen Charakter von Schuld:

What I wrote here, is not I’m making myself hero, when I said I was responsible for this or that. But your are military man. You know very well there are language for any war. So, there are, we are when I admitting these things I’m not saying I’m not did it. I did it but this the language of any war. If America they want to invade Iraq they will not send for Saddam roses or kisses they send for a bombardment. This is the best way if I want. If I’m fighting for anybody admit to them I’m American enemies. For sure, I’m American enemies.1

Einerseits deutet diese Passage auf die Schwierigkeit, Verantwortung in einer globalen Arena zu lokalisieren. Daher droht Mohammeds lange Liste von Vergehen außer Kontrolle zu geraten und den Begriff der Verantwortung ad absurdum zu führen, so dass er sich schließlich gezwungen sieht, sie zu erden, indem er die von ihm beanspruchten weltweit verübten Verbrechen auf bloße Illustrationen seiner Feindschaft zu Amerika reduziert. Aber auf andere Weise eröffnet dieses Schuldeingeständnis in einer fremden Sprache am Ende die Tür zu einer hochgradig pluralistischen Vision menschlicher Beziehungen, in der die Weigerung, die Legitimität eines anderen anzuerkennen, nicht ausschließt, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Das formelle Schuldeingeständnis funktioniert mit anderen Worten wie ein Geschenk, das selbst in Abwesenheit von Anerkennung eine Beziehung herstellt. Hier zum Beispiel die Worte, in denen Chalid Scheich Mohammed seine Weigerung erklärt, unter Eid auszusagen:

Take an oath is part of your Tribunal and I’ll not accept it. To be or accept the Tribunal as to be, I’ll accept it. That I’m accepting American constitution, American laws or whatever you are doing here. This is why religiously I cannot accept anything you do. Just to explain for this one, does not mean I’m not saying that I’m lying. When I not take oath does not mean I’m lying. You know very well peoples take oath and they will lie. You know the President he did this before he just makes his oath and he lied. So sometimes when I’m not making oath does not mean I’m lying. (S. 21)

Nachdem er mit seinen Häschern ein Arrangement ausgehandelt hatte, das darin bestand, ein Schuldeingeständnis anzubieten, ohne ihnen Legitimität zuzusprechen, fuhr Mohammed fort, den Inhalt dieses Arrangements zu erörtern, der in seinen Augen in dem Prinzip bestand, sich selbst treu zu bleiben. Tatsächlich nutzte Chalid Scheich Mohammed seine gesamte Befragung, um seine amerikanischen Häscher dazu zu bringen, ihren eigenen Prinzipien treu zu bleiben, die für ihn in der Förderung und dem Schutz der Menschenrechte bestanden, während er ihre Beschuldigungen gleichzeitig so behandelte, als ginge es dabei um Fragen nach seiner eigenen Treue zu islamischen Grundsätzen. Hier also gab es ein Beispiel für die Prüfung des Guten, von der im Koran die Rede ist und auf deren pluralistischen Charakter die Militanten so viel Wert legen. Doch während es in der militanten Rhetorik im Allgemeinen die Bereitschaft ist, für die eigenen Prinzipien zu sterben, an der sich beweist, wie treu man sich ist, kommt in Mohammeds Aussage diese demonstrative Rolle dem Schuldeingeständnis zu, welches eine Beziehung der wechselseitigen Prüfung zwischen den erbittertsten Feinden erlaubt. Wie anders sollen wir die zahlreichen und häufig nörglerischen Einwände des Inhaftierten gegen die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen und das Prozedere des Tribunals in Guantánamo Bay angesichts seiner ebenso häufigen Schuldeingeständnisse erklären? Es war nicht seine Unschuld, die Chalid Scheich Mohammed in seiner Anhörung zu beweisen versuchte, sondern vielmehr die Kohärenz und innere Schlüssigkeit der gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe, die er nur nach deren eigenen Maßstäben zu korrigieren trachtete. Die erste dieser Korrekturen erfolgte nach der Verlesung der gegen Mohammed erhobenen Beschuldigungen.2

Sie umfassen 21 Paragraphen und fußen trotz ihrer Länge auf einer sehr begrenzten Zahl von Beweisen: eine beschlagnahmte Computer-Festplatte und ein Interview mit Al-Jazeera. Als wäre er von der Dürftigkeit dieser Beweise gekränkt, besonders angesichts des Detailreichtums seines eigenen langen, wenngleich ebenfalls unbewiesenen Geständnisses, ging Chalid Scheich Mohammed nun dazu über, die Beschuldigungen gegen ihn aus sachlicher und verfahrenstechnischer Sicht zu kritisieren, ohne dabei freilich zu versuchen, seine Unschuld zu behaupten.

PERSONAL REPRESENTATIVE:3 The Detainee responds to the unclassified summary of evidence with the following key points.

PERSONAL REPRESENTATIVE: “Some paragraphs under paragraph number 3, lead sentence are not related to the context or meaning of the aforementioned lead sentence. For example, paragraph 3-a is only information from news or a historical account of events on 11 September 2001, and note with no specific linkage being made in this paragraph to me or the definition of Enemy Combatant.4 As another example, sub-paragraph 3-n makes no linkage to me or to the definition of Enemy Combatant.”

DETAINEE: Are they following along?

PERSONAL REPRESENTATIVE: Ah, they have that in front of them for reference.

PRESIDENT: Yes.

DETAINEE: Okay.

PERSONAL REPRESENTATIVE: Point number 3. “There is an unfair ‘stacking of evidence’ in the way the Summary of Evidence is structured. In other words, there are several sub-paragraphs under parent-paragraph 3 which should be combined into one sub-paragraph to avoid creating the false perception that there are more allegations or statements against me specifically than there actually are. For example, sub-paragraphs 3-m through 3-o, which pertain to the bojinka plot should be combined into one paragraph, as should paragraphs 3-a through 3-h, which pertain to 9/11.” (S. 8f.)

Da er wusste, dass die meisten der gegen ihn vorgebrachten Beweise sich auf den Inhalt einer Festplatte und auf ein Al-Jazeera-Interview stützen, in dem er behauptet haben soll, Chef des Militärkomitees von al-Qaida zu sein, beantragte Chalid Scheich Mohammed, zwei Zeugen, die sich unter den Inhaftierten in Guantánamo Bay befanden, zu seinen Gunsten vor dem Tribunal anzuhören. Einer von ihnen war Ramzi Binalshibh, der beim Al-Jazeera-Interview anwesend gewesen war, der andere Mustafa al-Hawsawi, mit dem er zusammen festgenommen worden war und dem der Computer gehörte, aus dem die Beweise stammten. Es ging Mohammed darum, dass angesichts des Mangels an erhärtenden Beweisen die Aussagen dieser beiden Zeugen zu berücksichtigen seien, da einer von ihnen bestätigen könne, dass Chalid Scheich Mohammed tatsächlich nie behauptet hat, Chef des Militärkomitees von al-Qaida zu sein, und der andere, dass sich zwischen Mohammed und der auf der Festplatte sichergestellten Informationen keine Verbindung herstellen lässt, da der fragliche Computer nicht ihm gehört. Das Tribunal befand, dass keiner dieser Zeugen sachdienliche Aussagen dazu machen konnte, ob Chalid Scheich Mohammed der Status eines “enemy combatant” zuzuweisen sei, daher lehnte es seinen Antrag auf ihre Vorführung ab. Mohammeds Ziel bestand jedoch weniger darin, seine Schuld oder Unschuld zu beweisen, als vielmehr die Fehlerhaftigkeit der Anhörung selbst offenzulegen und so auf ihre Verbesserung zu drängen, so dass sich Amerika als globale Schutzmacht der Menschenrechte treu bleiben könnte. So weist er darauf hin, dass die gegen ihn vorgebrachten Beweise häufig nicht einmal in die Kategorie des Anscheinsbeweises fielen, wie zum Beispiel die Sicherstellung eines Fotos vom Anführer der Flugzeugentführer vom 11. September, Mohammed Atta, auf einem Computer, der dem Beschuldigten nicht gehörte. Viele Hunderttausend Amerikaner, erklärte Mohammed, könnten ebenso gut ein solches Foto besitzen, was aus dieser speziellen “Tatsache” nicht mehr als eine allgemeine Information mache, die zu einer hohlen Beschuldigung aufgebauscht werde:

DETAINEE: Most of these facts which be written are related to this hard drive. And more than eleven of these facts are related to this computer. Other things are which is very old even nobody can bring any witnesses for that as you written here if it will be ah a value for you for the witness near by you will do it. This computer is not for me. Is for Hawsawi himself. So I’m saying I need Hawsawi because me and him we both been arrested day. Same way. So this computer is from him long time. And also the problem we are not in court and we are not judge and he is not my lawyer but the procedure has been written reported and the way has mostly as certain charged against me; tell him [Arabic phrase].

TRANSLATOR: [Translating] They are only accusations.

DETAINEE: So accusations. And the accusations, they are as you put for yourself ah definition for enemy combatant there are also many definitions for that accusation of fact or charges that has been written for any ah. [Arabic phrase]

TRANSLATOR: [Translating] Person is accused.

DETAINEE: So, if I been accused then if you want to put facts against me also the definition for these facts. If you now read number N now what is written the bojinka plot. Is known many lead investigation it is not related to anything facts to be against me. So when I said computer hard drive/hard disk, same thing. All these point only one witness he can say yes or not cause he is this computer is under his possession him computer. And also specifically if he said Mohammad Atta picture been this hard drive. I don’t think this should accepted. There are many 100 thousand Americans who have a lot of picture on their computer. You cannot say I find Muhammad Atta on your computer then you use this fact against you. Or you find any files in your computer to be what about it’s mine, it’s not my computer. If this witness, he will state that this known and here that has been ninety percent of what is written is wrong. And for Ramzi, for reporter in Jazeera, he claimed that I state this one and you know the media man. How they are fashionable. What they mean in their own way in a whole different way. They just wrote it so he say I state. But I never stated and I don’t have any witnesses and witness are available here at Guantanamo. He is Detainee. He was with me. Which he been mostly in all my interview with him. Me and them, there was three person, me and Ramzi and this reporter. So if you not believe me, not believe him, believe my witness Ramzi. Then he’s what he state the reporter most is false. I’m not denying that I’m not an enemy combatant about this war but I’m denying the report. It not being written in the proper way. Which is really facts and mostly just being gathered many information. General information that form in way of doing, to use in facts against me. (S. 11f.)

Chalid Scheich Mohammeds pedantische Versuche, die Verfahrensführung des Tribunals zu korrigieren, waren für die Frage seiner eigenen Schuld oder Unschuld nicht von Belang, sie hatten indes viel mit dem Schicksal anderer Häftlinge zu tun, die sich in amerikanischem Gewahrsam befanden. Denn während Mohammed seine eigene Schuld zugab, bekräftigte er selbstlos, dass die Verfahrensfehler, die seine Festnahme kennzeichneten, auch zur Festnahme und Inhaftierung vieler unschuldiger Muslime geführt hätten, mit denen die Amerikaner, wie er ihnen riet, sorgsam umgehen sollten:

DETAINEE: I want to just it is not related enemy combatant but I’m saying for you to be careful with people. That you have classified and unclassified facts. My opinion to be fair with people. Because when I say, I will not regret when I say I’m enemy combatant. I did or not I know there are other but there are many Detainees which you receive classified against them maybe, maybe not take away from me for many Detainees false witnesses. This only advice. (S. 15)

So when we say we are enemy combatant, that right. We are. But I’m asking you again to be fair with many Detainees which are not enemy combatant. Because many of them been unjustly arrested. Many, not one or two or three. Cause the definition you which wrote even from my view is not fair. Because if I was in the first Jihad times Russia. So I have to be Russian enemy. But America supported me in this because I’m their alliances when I was fighting Russia. Same job I’m doing. I’m fighting. I was fighting there Russia now I’m fighting America. (S. 22)

Viele dieser Männer, führte Mohammed seine Argumentation fort, hätten im ersten, von den USA unterstützten Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan gekämpft und seien dann dort zurückgeblieben, ohne mit al-Qaida oder den Taliban etwas zu tun zu haben, während andere an jeder Schlacht im Namen des Islam oder jedes in Kabul regierenden Machthabers teilgenommen hätten, ohne etwas gegen Amerika zu haben. Selbst die Taliban, so betonte er, teilten nicht die Absichten von al-Qaida und hätten bis zur US-Invasion keine antiamerikanischen Gefühle gehegt. Tatsächlich hätten die Taliban sogar versucht, Osama bin Laden zu ermorden, und Chalid Scheich Mohammed genoss nicht nur die Ironie, mit diesen Möchtegernmördern in Guantánamo Bay inhaftiert zu sein, sondern auch, trotz seiner Feindschaft zu ihnen darum zu bitten, dass man sie fair behandelte:

So, this is why I’m asking you to be fair with Afghanis and Pakistanis and many Arabs which been in Afghanistan. Many of them been unjustly. The funny story they been Sunni government they sent some spies to assassinate UBL then we arrested them sent them to Afghanistan/Taliban. Taliban put them into prison. Americans they came and arrest them as enemy combatant. They brought them here. So, even if they are my enemy but no fair to be there with me. (S. 23)

In einer bemerkenswerten Verwandlung bat also jener Mann, der eben noch stolz zahllose Morde und Terrorkomplotte gestanden hatte, schließlich in beinahe christlicher Weise darum, anderen und sogar seinen eigenen Feinden in Übereinstimmung mit den amerikanischen Menschenrechtsprinzipien Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ob er es aus Eitelkeit tat, um der berüchtigtste al-Qaida-Kämpfer in Haft zu bleiben, ob er seine Komplizen retten wollte oder aus welchem Grund auch immer, es bleibt nichtsdestoweniger außergewöhnlich, dass Chalid Scheich Mohammed seine Aussage in Guantánamo Bay mit einem Plädoyer für die Menschenrechte von Fremden beenden sollte:

The American have human right. So, enemy combatant itself, it flexible word. So I think God knows that many who been arrested, they been unjustly arrested. Otherwise, military throughout history know very well. They don’t war will never stop. War start from Adam when Cain he killed Abel until now. It’s never gonna stop killing of people. This is the way of the language. American start the Revolutionary War then they starts the Mexican then Spanish War then World War One, World War Two. You read the history. You know never stopping war. This is life. But if who is enemy combatant and who is not? Finally, I finish statement. I’m asking you to be fair with other people. (S. 24f.)

Während seiner gesamten Aussage sprach Chalid Scheich Mohammed vom Krieg als einer Sprache, und sogar als der gemeinsamen Sprache, die Feinde miteinander teilen und der gerade ihre Parteilichkeit Universalität verleiht. Denn in einer Welt der Zwistigkeiten ist sie die einzige Gemeinsamkeit, deren ironische Rolle darin besteht, Menschen zusammenzubringen, obwohl sie sie doch auseinanderzutreiben scheint. Mohammed ging so weit, die durch den Krieg geschmiedete Vertrautheit zu beschreiben, indem er ihn mit einer Ehe verglich, der Leichen statt Kinder entspringen:

The way of the war, you know very well, any country waging war against their enemy the language of the war are killing. If a man and a woman they be together as a marriage that is up to the kids, children. But if you and me, two nations, will be together in war the others are victims. This is the way of the language. (S. 23)

In einer verblüffenden Umkehr der üblichen Ansichten zum Thema menschliche Differenzen beschrieb Chalid Scheich Mohammed den Konflikt also als das Element der Ähnlichkeit in den menschlichen Angelegenheiten und rechnete Differenzen zu den friedfertigeren Formen menschlicher Interaktion. Der Weg zum Frieden besteht daher darin, von der gemeinsamen Sprache des Krieges abzurücken und sich selbst treu zu sein, in der Weise, wie Mohammed Amerika, wie wir gesehen haben, aufforderte, seinen Menschenrechtsprinzipien treu zu bleiben. Denn die Intimität des Krieges kennt kein Ende, jede Seite kann ihre Handlungen mit denen der anderen rechtfertigen, so dass keiner von beiden je die Verantwortung zugewiesen werden kann. Mohammed nahm George Washington als Beispiel für diese Intimität und behauptete, es sei unmöglich, im Hinblick auf die universelle Sprache des Krieges den Helden der amerikanischen Revolution von Osama bin Laden zu unterscheiden:

So, we derive from religious leading that we consider we and George Washington doing same thing. As consider George Washington as hero. Muslims many of them are considering Usama bin Laden. He is doing same thing. He is just fighting. He needs his independence. (S. 22)

When I said I’m not happy that three thousand been killed in America. I feel sorry even. I don’t like to kill children and the kids. Never Islam are, give me green light to kill peoples. Killing, as in the Christianity, Jews, and Islam, are prohibited. But there are exceptions of rule when you are killing people in Iraq. You said we have to do it. We don’t like Saddam. But this is the way to deal with Saddam. Same thing you are saying. Same language you use, I use. When you are invading two-thirds of Mexican, you call your war manifest destiny. It up to you to call it what you want. But other side are calling you oppressors. If now George Washington. If now we were living in the Revolutionary War and George Washington he being arrested through Britain. For sure he, they would consider him enemy combatant. But American they consider him as hero. This right the any Revolutionary War they will be as George Washington or Britain. (S. 23)

Gälten die Helden und Schurken der einen Nation in der anderen als das Gegenteil, hätte also George Washington in den Augen Großbritanniens die Rolle eines Osama bin Laden gespielt, wem ließe sich dann letztlich die Verantwortung in einem Krieg zuschreiben? Indem man ihre Sprache in einer externen Autoritätsquelle verankert – freilich nicht in einer Institution wie der UNO, die ebenso parteiisch ist wie irgendein Staat. Die Art von Autorität, die Mohammed meinte, war ihrem Wesen nach etwas frei Gewähltes und hochgradig Individuelles, ein Gesetz für einen selbst, das man mit anderen teilen mochte oder nicht, etwas wie die Menschenrechte. Mit anderen Worten, vonnöten war nicht das Gewissen, weil es ein gemeinsames Gesetz voraussetzen würde, an dem man seine Handlungen messen müsste, vielmehr etwas ganz und gar Äußerliches, da die Zersplitterung der kollektiven Rechtsordnung in der globalen Arena individuelle Urteile im höchsten Maße legalistisch gemacht zu haben scheint, indem sie alle Pflichten der Rechtsprechung auf sie übertragen hat. Und das ist es tatsächlich, was in der Rhetorik des militanten Pluralismus schließlich mit dem islamischen Recht geschehen ist: Aus seiner traditionellen Verankerung gerissen, wird es zur Quelle einer durch und durch individualisierten Rechtsprechung, deren erste und einzige Regel lautet, sich selbst treu zu bleiben. So sprach Chalid Scheich Mohammed in seiner stockenden Art und falschen Grammatik über seine eigenen Bemühungen, aus dem undifferenzierten Reich auszutreten, das er als Sprache des Krieges bezeichnete, indem er darüber – gemäß der Scharia als einer frei gewählten, jedoch völlig externen Autorität – urteilte:

I don’t like to kill people. I feel very sorry they been killed kids in 9/11. What will I do? This is the language. Sometime I want to make great awakening between American to stop foreign policy in out land. I know American people are torturing us from seventies. [Redacted] I know they talking about human rights. And I know it is against American Constitution, against American laws. But they said every law, they have exceptions, this is your bad luck you been part of the exception of our laws. They got have something to convince me but we are doing same language. But we are saying we have Sharia law, but we have Koran. What is enemy combatant in my language?

DETAINEE (through translator): Allah forbids you not with regards to those who fight you not for your faith nor drive you out of your homes from dealing kindly and justly with them. For Allah love those who are just. There is one more sentence. Allah only forbids you with regards to those who fight you for your faith and drive you out of your homes and support others in driving you out from turning to them for friendship and protection. It is such as turn to them in these circumstances that do wrong.

DETAINEE: So we are driving from whatever deed we do we ask about Koran or Hadith. We are not making up for us laws. When we need Fatwa from the religious we have to go back to see what they said scholar. To see what they said yes or not. Killing is prohibited in all what you call the people of the book, Jews, Judaism, Christianity, and Islam. You know the Ten Commandments very well. The Ten Commandments are shared between all of us. We are all serving one God. Then now kill you know it very well. But war language also we have language for the war. You have to kill. (S. 24)

Nicht minder als jeder liberale Muslim erkannte Mohammed das gemeinsame Erbe von Christen, Moslems und Juden ebenso wie das Tötungsverbot in ihrer gemeinsamen Tradition an, doch nur um seine eigenen Morde als juristisch erlaubte Ausnahmen von diesem Gesetz zu rechtfertigen. Durch seinen Übersetzer zitierte er den Koran, um diese Ausnahme zu stützen, und wiederholte damit das mittlerweile zum Standard gewordene Argument, wonach man für Gewalt keine Verantwortung trägt, wenn sie lediglich die des eigenen Gegners spiegelt. Freilich fällt selbst diese Beschwörung einer rechtlichen Ausnahme noch unter die Spiegelpraktiken, die die Sprache des Krieges kennzeichnen, da sie nicht mehr tut als den rechtlichen Ausnahmecharakter zu reflektieren, den Guantánamo Bay verkörpert, mit seinen Verfahren, die ohne den Schutz von Verteidigern und unter Heranziehung geheimer Beweise geführt werden. Mohammed zufolge besteht der Unterschied zwischen seiner Form von Ausnahmerecht und jener, nach der seine Häscher arbeiteten, darin, dass der Ausnahmecharakter von Guantánamo Bay von jedweder Rechtsnorm losgelöst bleibt. Doch ob Chalid Scheich Mohammeds Argumentation stichhaltig ist oder nicht, ist irrelevant angesichts der pluralistischen globalen Gesellschaft, in der die Militanten leben, denn sie beruht eher auf Selbst- denn Fremdbestimmung. Und Selbstbestimmung heißt, dem Pfad, den man gewählt hat, treu zu bleiben.

Der Bauchredner

Nach dreijähriger Pause in seinen Medienauftritten inszenierte Osama bin Laden einige Tage vor dem sechsten Jahrestag der Anschläge vom 11. September ein erfolgreiches Comeback als Fernsehstar. Diese Beschreibung ist gar nicht ironisch gemeint: Er ist heute nicht mehr als eine Berühmtheit, jeglicher Kontrolle über die Fans beraubt, die er inspiriert, und selbst ein Flüchtling, dem weder finanzielle noch militärische Ressourcen zu Gebote stehen. Bin Ladens Einfluss leitet sich zwar zweifellos von seiner kriegerischen Vergangenheit her, doch ist seine Macht heute ihrem Wesen nach überpolitisch, obwohl auch kennzeichnend für das Zeitalter der Massenmedien. Tatsächlich wird Osama bin Ladens Berühmtheit nicht nur von seinen muslimischen Bewunderern, sondern auch von seinen Gegnern anerkannt. Die Pressekommentatoren waren geradezu besessen von der Erscheinung ihres Idols, insbesondere von seinem Bart – gefärbt oder falsch? – , den der meistgesuchte Mann der Welt in dieser Videoaufzeichnung zur Schau trug. Er hätte genauso gut ein MTV-Star sein können.

Als Berühmtheit ist bin Laden natürlich Teil des Westens, den er kritisiert, und bleibt darin gebannt trotz aller Versuche, seine fremdländische Herkunft oder exotischen Überzeugungen zu betonen. Und dieser Rolle ist sich Osama bin Laden völlig bewusst, nicht zuletzt, weil seine Angriffe auf Amerika auf diesem Band Aussagen dissidenter Kritiker wie Noam Chomsky und Michael Scheuer übernimmt.5 Obwohl selbst kein Sozialist oder Liberaler, macht sich bin Laden die antikapitalistische oder herrschaftskritische Haltung solcher Leute zu eigen, um seiner Gegnerschaft zum Westen Ausdruck zu verleihen. Seine eigene Kritik des Westens ist daher eine immanente, aber mehr noch als das ist sie eine Art Bauchrednerei, mit der der König der Terroristen durch das Medium amerikanischer Bürger spricht statt in seinem eigenen Namen. Für sich genommen ist diese Übernahme vorgefertigter Positionen nichts Außergewöhnliches, kennzeichnet sie doch die Sprache der meisten Politiker in Europa und den Vereinigten Staaten, doch im Fall Osama bin Ladens illustriert sie die Tatsache, dass er keine Position außerhalb der Welt seiner Feinde besitzt. Deshalb kann er sich so leicht mit der Zwangslage der amerikanischen Soldaten im Irak identifizieren, die er in der folgenden Passage, unter Verweis auf die große Zahl von Schwarzen, die in den amerikanischen Streitkräften ihren Dienst tun, mit ihren muslimischen Opfern vergleicht:

If they leave their barracks, the mines devour them, and if they refuse to leave, rulings are passed against them. Thus, the only options left in front of them are to commit suicide or cry, both of which are from the severest of afflictions. So is there anything more men can do after crying and killing themselves to make you respond to them? They are doing that out of the severity of the humiliation, fear and terror which they are suffering. It is severer than what the slaves used to suffer at your hands centuries ago, and it is as if some of them have gone from one slavery to another slavery more severe and harmful, even if it be in the fancy dress of the Defense Department’s financial enticements. So do you feel the greatness of their sufferings? (S. 7)

Angesichts der Tatsache, dass bin Laden durch den Mund einer bunten Reihe von Personen spricht, ohne eine eigene Position einzunehmen, könnte man sagen, dass er immanente Kritik in eine Form von Terrorismus verwandelt, denn er tut nicht mehr, als ein Argument gegen das andere in Anschlag zu bringen, in einer Schlacht, die niemand überleben soll. Es ist eine Form des rhetorischen Selbstmordattentats, bei dem der muslimische Kritiker an der Seite seines ungläubigen Feindes vernichtet wird, kommt doch das islamische Element in bin Ladens Argumentation nur scheinbar von außen und ist vielmehr ein bloß dekorativer Überguss für Marxismus, Dritte-Welt-Ideologie und Gott weiß was noch. Die Immanenz von Osama bin Ladens Position in Bezug auf Amerika oder den Westen erlaubt ihm, seine Feinde auf die vertrauteste, innigste und unmittelbarste Art und Weise anzusprechen, häufig, indem er sie beim Namen nennt, und immer, indem er behauptet, ihre Motive vollkommen zu verstehen. Tatsächlich geht al-Qaidas Gründervater so weit zu gestehen, dass er viele Interessen seiner kapitalistischen oder neokonservativen Feinde teilt, und scherzt an einer Stelle sogar, dass er ihre heuchlerische Unschuld ebenso teile wie ihre Schuld am Vergießen muslimischen Blutes: “This innocence of yours is like my innocence of the blood of your sons on the 11th – were I to claim such a thing.” (S. 4)

Im Gegensatz dazu stellt sich der Umgang des Westens mit al-Qaida völlig anders dar: Bin Laden wird ausnahmslos als unabänderlich fremdartig gesehen, er wird, wenn überhaupt, nur selten von seinen Feinden angesprochen und gewöhnlich als jemand hingestellt, mit dem man nichts gemein habe. Und doch, was könnte dem politischen Leben des Westens vertrauter sein als das Spektakel eines Führers, den seine wissenschaftlichen Mitarbeiter mit Informationshäppchen und Zusammenfassungen wichtiger Bücher füttern, ebenjene Vorgehensweisen, die es bin Laden erlauben, Noam Chomsky zu zitieren oder den Kapitalismus zu kritisieren? Das Fehlen einer außerhalb der Welt seiner Feinde verankerten Position führt jedoch nicht nur zur Fragmentierung von Osama bin Ladens Kritik, sondern auch zur Auflösung jeder alternativen Weltanschauung, die er vertreten könnte. So fehlt al-Qaida nicht nur eine einheitliche Ideologie, ganz zu schweigen von einer Utopie, vielmehr vertritt sie letztendlich einen perversen und paradoxen Pluralismus. Statt ihre Feinde aufzufordern, zum Islam zu konvertieren, mahnen die Gründerväter sie regelmäßig, sich selbst – oder vielmehr ihrem Ideal der Menschenrechte – treu zu bleiben. Der Islam wird vor allem als Erfüllung dieses Ideals verstanden, was aus der Konversion einen Akt der Selbsterfüllung macht:

And with your earnest reading about Islam from its pristine sources, you will arrive at an important truth, which is that the religion of all the Prophets (peace and blessings of Allah be upon them) is one, and that its essence is submission to the orders of Allah alone in all aspects of life, even if their Shariahs (Laws) differ. (S. 8)

Aber Bekehrung ist keineswegs die einzige Option, die bin Laden und seine Freunde dem Westen anbieten, eher legen sie Nachdruck auf die Möglichkeit einer harmonischen Koexistenz, bei der Christen, Muslime, Juden und andere ihren Idealen treu bleiben können. So unaufrichtig diese pluralistische Vision sein mag, so bildet sie doch ein fundamentales Element in al-Qaidas rhetorischer Logik und wird in der Videodokumentation üppig illustriert durch die Beschwörung des Schutzes, den die Muslime den vor der Inquisition fliehenden Juden gewährten, ebenso wie durch den Hinweis auf die Lobpreisungen, mit denen Jesus und Maria im Koran überhäuft werden. (S. 8) Gleichzeitig erklärt Osama bin Laden, dass Intoleranz und Genozid ein Charakteristikum des Westens seien und erwähnt als Beispiele den Holocaust und die Atombomben auf Japan. (S. 3f.) Interessant an diesen Illustrationen eines muslimischen Pluralismus ist die Tatsache, dass sie direkt aus der apologetischen Literatur des liberalen oder “gemäßigten” Islam stammen, dessen Streben nach einer Verständigung mit dem Westen bis zu den Anfängen der Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert zurückgehen. Diese Aneignung einer rivalisierenden muslimischen Tradition ist indes nur ein weiteres Beispiel für bin Ladens Bauchrednerei – soll heißen für seinen Unwillen oder seine Unfähigkeit, eine Position außerhalb der Welt einzunehmen, die er bekämpft, was zu dem Versuch führt, diese Welt von innen heraus zu zerstören.

Anders als seine früheren Angriffe auf die Bösartigkeit und Heuchelei von amerikanischen und britischen Kriegstreibern konzentriert sich Osama bin Ladens Comeback-Video vor allem auf das Scheitern ebenjener Pazifisten und Sozialisten, die er so zustimmend zitiert. Er weist darauf hin, dass die Kriegsgegner trotz ihrer beispiellosen globalen Demonstrationen etwa gegen den Irakkrieg politisch ohnmächtig geblieben seien. Diese ihre Unfähigkeit, den Lauf der Dinge zu ändern, führt bin Laden dazu, die Interessen, auf die sich die liberale Gesellschaft gründet, insbesondere jene der Konzerne des modernen Kapitalismus, für das verantwortlich zu machen, was er als Scheitern der Demokratie betrachtet. Wenn Demonstrationen, Meinungsumfragen, Wahlen und andere konstitutionelle Verfahren zur Äußerung von Missbilligung vielleicht die Regierung, nicht aber die Politik zu ändern vermögen, so liegt das daran, dass das demokratische System auf Interessen statt auf der schlichten Repräsentation des Volkswillens basiert, von der Art, wie sie zum Beispiel vom Faschismus oder Kommunismus favorisiert wird:

And I tell you: after the failure of your representatives in the Democratic Party to implement your desire to stop the war, you can still carry anti-war placards and spread out in the streets of major cities, then go back to your homes, but that will be of no use and will lead to the prolonging of the war. (S. 5)

Zum Beweis seines Arguments verweist Osama bin Laden auf den Vietnamkrieg, der nicht so sehr durch (wenn auch überwältigende) öffentliche Missbilligung als durch eine militärische Niederlage und eine Neuausrichtung von Konzerninteressen in den USA beendet worden sei. Er bemisst das Gewicht der öffentlichen Meinung in Amerika während des Vietnamkrieges an der Tatsache, dass seine Beendigung nicht dazu führte, Gerechtigkeit zu üben – weder zugunsten seiner vietnamesischen noch seiner amerikanischen Opfer. Und weil keinem Regierungsvertreter wegen Vietnam der Prozess gemacht wurde, behauptet bin Laden, dass die Interessen, die diese Männer repräsentierten, schlicht im Stillen überdauern konnten, und er erwähnt den damaligen amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als gute Beispiele für Regierungsvertreter aus der Vietnam-Ara, die im Irak in ihre alten Gewohnheiten zurückfielen. (S. 4) So verschwörungstheoretisch diese Darstellung auch sein mag, verschmäht sie doch den moralischen Absolutismus ähnlicher Theorien auf der Linken wie der Rechten, der eine scharfe Trennlinie zwischen Freund und Feind voraussetzt. Schließlich scheut sich Osama bin Laden nicht, mit seinen ärgsten Feinden, in diesem Fall Kapitalisten und Neokonservative, eine Interessengemeinschaft zu behaupten:

Since the 11th, many of America’s policies have come under the influence of the Mujahideen, and that is by the grace of Allah, the Most High. And as a result the people discovered the truth about it, its reputation worsened, its prestige was broken globally and it was bled dry economically, even if our interests overlap with the interests of the major corporations and also with those of the neoconservatives, despite the differing intentions. (S. 2)

Nun wird der Erfolg oder Misserfolg einer Demokratie gewöhnlich mit Bezug auf das Volk und die Gesellschaft beurteilt, die sie prägt, während die Beziehungen nach außen dem Prinzip der Zweckdienlichkeit folgen. Und während sich solche Zweckdienlichkeit zwischen Staaten sehr wohl in Beziehungen zum wechselseitigen Vorteil übersetzen lassen, kann die internationale Ordnung ohne Errichtung eines universellen Staates nicht selbst demokratisch sein. Letztendlich bleibt die internationale Ordnung deshalb ein Naturzustand, wo nichts als die Angst vor Vergeltung die Staaten daran hindert, sich gegenseitig auszubeuten, zu unterdrücken oder zu vernichten. Bin Laden jedoch zieht die amerikanische Demokratie gerade aus der Perspektive jener zur Verantwortung, die außerhalb des Herrschaftsbereichs der USA stehen. Eine solche Perspektive nimmt sich die Menschheit selbst zum Gegenstand, weshalb unser berühmter Terrorist vor allem darüber besorgt ist, dass Demokratien daran scheitern, die Menschenrechte jener zu respektieren, die außerhalb ihrer Grenzen leben. Aber seine Kritik der Demokratie beschränkt sich nicht auf die Erkenntnis, dass die Freiheit ihrer Bürger auf der Unfreiheit anderer beruht. Stattdessen beginnt Osama bin Laden seine Rede mit der Bemerkung, dass selbst die reichsten und mächtigsten Demokratien in einer globalen Arena als gescheitert betrachtet werden können. So weist er zum Beispiel darauf hin, dass die Vereinigten Staaten nach dem 11. September trotz all ihrer Macht bis in die Grundfesten ihrer Verfassung erschüttert und in einen globalen Krieg gezogen wurden, nicht aufgrund eigener Probleme, sondern schlicht durch die unerwarteten Taten einer Handvoll Ausländer:

To preface, I say: despite America being the greatest economic power and possessing the most powerful and up-to-date military arsenal as well; and despite it spending on this war and its army more than the entire world spends on its armies; and despite it being the major state influencing the policies of the world, as if it has a monopoly of the unjust right of veto; despite all of this, 19 young men were able – by the grace of Allah, the Most High – to change the direction of its compass. And in fact, the subject of the Mujahideen has become an inseparable part of the speech of your leader, and the effects and signs of that are not hidden. (S. 2)

In einer globalen Arena, so scheint bin Laden zu sagen, besitzen die unbedeutendsten Mächte und die zufälligsten Ereignisse ebenso viel politisches Gewicht wie die schwerwiegendsten inneren Probleme einer Großmacht, so dass es unmöglich wird, die Integrität der demokratischen Politik innerhalb ihrer traditionellen Grenzen zu wahren. Mit anderen Worten, ob nun der Anschlag des 11. September Amerika zu einer militärischen Antwort zwang und gleichzeitig eine Gelegenheit bot, sich global neu aufzustellen, oder ob er das Land mit der Notwendigkeit konfrontierte, seine Interessen zu schützen: Die Umformung der globalen politischen Landschaft, welche die USA daraufhin ins Werk setzten, geschah aus einem Grund, der den inneren Abläufen dieser mächtigen Demokratie äußerlich war. Denn das Paradoxe an al-Qaida war, dass ihre Kämpfer mit ihren unbedeutenden Ressourcen im Herzen einer Großmacht Schlachtfeldbedingungen schaffen konnten, obwohl sie natürlich weder deren Regierung noch ihr Militär in irgendeiner nennenswerten Weise bedrohen konnten.

Das bedeutet indes, dass die terroristische Bedrohung, so zahlreich auch ihre Opfer sein mögen, nie die nationale Sicherheit Amerikas von außen kompromittiert hat. Allenfalls bot sie die Möglichkeit, von innen Druck auf die Politik des Landes zu machen, zum Beispiel, indem sie drohte, die Wählerunterstützung einer Regierung zu erodieren, die nicht in der Lage ist, ihre Bürger zu beschützen. Dennoch war es ebenjenes unbedeutende militante Netzwerk, dem es gelang, die Integrität einer großen Demokratie wie die Vereinigten Staaten zu untergraben, indem es die Linie ausradierte, die in der politischen Theorie normalerweise zwischen unbedeutenden und gewichtigen bzw. innenpolitischen und außenpolitischen Gründen gezogen wird. Tatsächlich ist es gerade diese Unfähigkeit, die Grenzen einer demokratischen Ordnung aufrechtzuerhalten, die es Osama bin Laden erlaubt, aus dem Inneren ihrer zerbröckelnden Rhetorik zu sprechen, deren Aufbietung durch den US-Präsidenten, wie Osama bin Laden in der oben zitierten Passage hervorhebt, mehr als alles andere illustriert, wie die Sprache der Demokratie von einem zusammengewürfelten Haufen von Amateurterroristen gekidnappt worden ist und die amerikanische Politik nun von ihren Taten diktiert zu werden scheint.

Nur in der globalen Arena konnte es einer unbedeutenden Kraft wie al-Qaida gelingen, ein Land wie die USA zu erschüttern, indem sie es zwang, auf ein kaum verstandenes Problem jenseits der selbsterklärten Grenze ihrer Demokratie zu reagieren. Doch zur Bedrohung dieser Grenze kommt hinzu, dass die globale Arena durch die demokratische Politik selbst gefährdet ist, die, so argumentiert bin Laden, innerhalb ihrer Grenzen irrational geworden ist. Ganz abgesehen von großen Massakern an der Zivilbevölkerung wie in Japan oder Vietnam wird eine Demokratie wie die Vereinigten Staaten also auch die Zukunft der Menschheit selbst gefährden, indem sie die Gefahren des Klimawandels ignoriert, um die engeren Interessen einiger ihrer Bürger zu bedienen. Was also Osama bin Laden angeht, wird demokratische Politik in der globalen Arena selbstmörderisch, weil sie nicht den Parteigeist aufgeben kann, der sie überhaupt erst möglich macht. Statt Amerika die Ablehnung des Kyoto-Protokolls aufgrund von Partikularinteressen vorzuwerfen, schreibt bin Laden sie der Interessenpolitik im Allgemeinen zu, die der Demokratie zugrunde liegt:

In fact, the life of all of mankind is in danger because of the global warming resulting to a large degree from the emissions of the factories of the major corporations, yet despite that, the representatives of these corporations in the White House insist on not observing the Kyoto Accord, with the knowledge that the statistics speak of the death and displacement of millions of human beings because of that, especially in Africa. This greatest of plagues and most dangerous of threats to the lives of humans is taking place in an accelerating fashion as the world is being dominated by the democratic system, which confirms its massive failure to protect humans and their interests from the greed and avarice of the major corporations and their representatives. (S. 4f.)

Natürlich macht bin Laden hier nichts anderes, als mit einer Reihe stereotyper populärer Sorgen über Klimawandel, gierige Konzerne und afrikanische Armut aufzuwarten, doch das Interessante an seiner Argumentation ist, dass es am Ende die Demokratie ist, und nicht Amerika oder der Westen, die zur ziemlich abstrakten und strukturellen Ursache all dieser Zerstörung wird. Und dies nur, weil die dominante Rolle, die der Parteigeist in ihrer Politik spielt, die Demokratie unfähig macht, sich ernsthaft um die langfristigen Interessen der Menschheit als Ganzer zu kümmern. Ob wahr oder falsch, eine solche Auffassung ist in ihrer Dimension offenkundig global, da sie das gesamte Menschengeschlecht zu ihrem Gegenstand macht. Gegen den selbstmörderischen Parteigeist der Demokratie, der seiner Meinung nach die langfristige Zukunft der Menschheit den kurzfristigen Konzerninteressen opfern kann, stellt Osama bin Laden also die Tugenden der Scharia. Denn das göttliche Gesetz ist gerade darum universell, weil es einer interessengeleiteten Tagespolitik enthoben ist und so eine Art von Neutralität annimmt, die gegenüber niemandem parteiisch ist:

So it is imperative that you free yourself from all of that and search for an alternative, upright methodology in which it is not the business of any class of humanity to lay down its own laws to its own advantage at the expense of the other classes as is the case with you, since the essence of man-made positive laws is that they serve the interests of those with the capital and thus make the rich richer and the poor poorer. (S. 5)

Bin Laden empfiehlt die rein zivile, informelle und sogar individuelle Interpretation und Anwendung der Scharia in einer beinahe anarchistischen Weise. Die Opfer, welche das göttliche Gesetz verlangt, sind für ihn der Ausweis seines in höchstem Maße selbstlosen und daher unparteiischen Wesens. Wenn die Neutralität des Gesetzes und sein universaler Anspruch gewahrt bleiben sollen, sind die Beschränkungen, die es Frauen, minoritären Sekten und anderen auferlegt, als Opfer zu verstehen, die den militärischen Opfern gleichen, die den muslimischen Männern abverlangt werden.

Indem er das islamische Gesetz aus dem Griff des Nationalstaates löst und seine Opfernatur hervorhebt, verwandelt bin Laden den Gehorsam des Militanten gegenüber der Scharia wirkungsvoll in einen Akt der Souveränität. Denn das Gesetz wird nicht länger von einer Reihe von Institutionen verkörpert, denen man sich unterordnen muss, sondern manifestiert sich in militanten Taten, die Gesetzeskraft aus ihrem Eigenrecht besitzen. Was diese Akte souverän macht, ist nicht nur ihre Freiheit von institutionalisierter Autorität, sondern mehr noch, dass sie Interessen jeglicher Art weder beanspruchen noch verteidigen, vielmehr das Interesse selbst in spektakulären Opfergesten zerstören, die Täter wie Opfer in einer Menschheit vereinen. Mit anderen Worten, militante Akte sind souverän, weil sie verschwenderisch sind – indem sie den Schutz, den das Gesetz normalerweise Interessen verschiedener Art gewährt, verspotten, um das Leben selbst als Grund aller Interessen zu opfern. In diesem Sinne ist die militante Tat Gesetzgebung eher denn Gesetzesgehorsam, wenn auch in unüberbietbar anarchischer Art und Weise.

Verbatim Transcript of Combatant Status Review Tribunal Hearing for ISN 10024, unter: www.defense.gov/news/transcript_ISN10024.pdf, S. 21. (Wir geben hier und im Folgenden die originale englische Transkription.)

Ebd., S. 5ff.

In diesem Zusammenhang bezeichnet "personal representative" eine Art Vormund für Guantánamo-Häftlinge, denen eine gerichtliche Rechtsprüfung ihrer Inhaftierung verweigert wurde: "In the U.S., the Office for the Administrative Review of the Detention of Enemy Combatants appointed a Personal Representative (CSRT) to meet with each captive who was still being held in extrajudicial detention in the United States Guantanamo Bay detention camps, in Cuba, in August 2004, when the Supreme Court forced the Department of Defense to start convening Combatant Status Review Tribunals. Such a rersonal representative is more like a guardian ad litem." (aufrufbar unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Personal_representative) (Anm. d. Red.)

Zu dem umstrittenen Begriff "enemy combatant" und seiner Geschichte vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Enemy_combatant. (Anm. d. Red.)

Vgl. hierzu und zu den folgenden Zitaten Jeffrey Imm, "SITE Transcript and Video Link to Bin Laden Video (Updated)", unter: Counterterrorism Blog, www.counterterrorismblog.org/2007/09/obl_transcript.php.

Published 24 August 2010
Original in English
Translated by Andreas Simon dos Santos
First published by Transit 39 (2010) (German version)

Contributed by Transit © Faisal Devji / Transit / Eurozine

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