Europas Erfinder von der traurigen Gestalt

Einst Kolonialherren, heute Minderheit, sind die Griechen inzwischen Faustpfand der türkischen Regierung im Kampf um den EU-Beitritt

Vor dem Zappeion, einem der drei türkisch-griechischen Gymnasien Istanbuls, sehen wir ihn ganz zufällig wieder. Ein dick gefaltetes Pflaster aus Verbandsmull ziert sein bares, sonst tadellos glänzendes Haupt. “Drei Stiche”, sagt Mihalis Vasiliades, soeben vom Arzt entlassen, der die Platzwunde vernäht hat. Mihalis Vasiliades ist Chefredakteur der “Apoyevmatini”, der ältesten und grössten griechischen Zeitung Istanbuls. Frango Karaoglan, die Pressesprecherin des griechischen Generalkonsulats, die mich auf Griechensuche durch Istanbul führt, hat mich vor drei Stunden in ihrem Büro mit ihm bekannt gemacht. Kein Türke hat ihn angegriffen. “Gegen einen dieser Eisenschränke hat er seinen Kopf gerammt”, übersetzt Frango Karaoglan. “Als er aus dem Auto stieg, gegen einen dieser elektrischen Verteilerkasten mit dem Totenkopf drauf und dem Zickzackblitz.” Starkstrom fürwahr. “Wie sagen wir doch hier bei uns”, sagt Vasiliades lachend, “in Europa sterben sie durch eine Schicksalslaune; hier leben wir dank einer Schicksalslaune.”

Streng genommen kann so nur ein Grieche in der grössten Stadt Europas sprechen. Wer sonst – und wo sonst? – hätte hierzu das beglaubigte Reifezeugnis, wenn nicht ein Nachfahre jener prometheischen Bauern und Seefahrer, Händler und Krieger, Mythologen und Dramatiker, die in alter, vielbesungener Zeit Europa aus der Taufe hoben. Schliesslich begnügten sie sich nicht mit einer von zahlreichen entführten Königstöchtern, vom Götterboss Zeus persönlich aus Phönikien nach Kreta verschleppt, um den nördlichen Gestaden des Mittelmeers ihren Namen zu vererben.

Als geistige Eigentümer der folgenreichen Erfindung namens Europa, die auch später als ein ganzer Kontinent auf ihrem schillernden Ruhm beharren sollte, nahmen sie es obendrein auf sich, ihrer Heimat eine Grenze gegen Asien zu ziehen: nämlich hier am Bosporus.

Ziemlich exakt zweieinhalbtausend Jahre ist das her, also wohlverjährt, und zudem darf es defensiven Motiven zugeschrieben werden, Notwehr beinahe, wenn sich unmittelbar nach den Perserkriegen in den Tragödien des Aischylos die gesamte Weltbevölkerung in Griechen und Barbaren zweigeteilt fand. In der Folge, wie auch schon zuvor, abenteuerten Europas erste Kolonisten allerdings recht munter immer weiter über diese von ihnen offenbar eigens zum Zweck der Überschreitung gezogene Grenze hinaus. In ihrer Stadt am westlichen Ufer der Meerenge, die sie laut Herodot, dem Stammvater ihrer Geschichtsschreibung, im Jahr 658 v. Chr. gegründet hatten, würden sie sich auf absehbare Zeit in recht exponierter Lage zu behaupten haben. Hier blieben sie immerhin beisammen und ¹stin polis: “in der Stadt”, wie der Name Istanbul besagt.

Am Gymnasium Zappeion, wo wir uns von Vasiliades grad wieder verabschieden, pauken dieses Jahr noch fünf Gymnasiasten von insgesamt 105 an Istanbuls drei griechischen Gymnasien. An neun Primarschulen werden noch 142 griechische Schüler mit türkischem Pass unterrichtet. 1959 brachten die Gymnasien und zwei Dutzend Grundschulen immerhin noch rund 11 000 Schüler zusammen. Der türkische Staat will, dass Ausländer – zum Beispiel Griechen – zu den Minderheitenschulen keinen Zugang haben, diese bleiben für Schüler türkischer Staatsangehörigkeit reserviert. Zu Gesicht bekommen wir heute keinen, das Zappeion hat Sommerferien.

Noch vier griechische Läden

Mit Frango Karaoglan setze ich die Griechensuche im Einkaufsviertel Beyoglu fort. Da mit Mihalis Vasiliadis in Beyoglu bis jetzt nur ein einziger Grieche in Erscheinung getreten ist, halten wir uns einstweilen an griechische Spuren. An Fassaden spüren wir einige griechische Architektennamen auf, Pasadeos und Fotiadis. Doch auf der Istiklâl Caddesi, Beyoglus Hauptschlagader, ist ansonsten weit mehr franco-libanesische Jugendstilpatisserie des Dix-neuvième zu bewundern als Monumente der griechischen Geschäftstüchtigkeit, die erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts hier richtig Einzug hielt, um dann bis 1955 siebzig Prozent aller Läden zu erobern. Ganze vier davon sollen in griechischer Hand geblieben sein. Frango Karaoglan weist auf den Floristen Sapuntzakis, und noch gibt es wenige Schritte weiter Unterwäsche bei Kifidis zu kaufen.

Mit müden Beinen setzen wir uns ins Café Peradox. Pera war der griechische Namen Beyoglus. Nicht dass das Café Peradox unter griechischer Führung wäre. Solche Spielereien mit Namen seien in den letzten Jahren schick geworden, erzählt Frango Karaoglan. In der Tat mehren sich im religiösen Lager um Premierminister Recep Tayyip Erdogan Stimmen, die das laizistisch-nationalistische Staatsdogma Atatürks und seiner noch immer mächtigen Erben bei der türkischen Armee durch Reminiszenzen an den Multikulturalismus des Osmanenreichs herauszufordern wagen. Das wirkt ausserdem europäisch, und im Hinblick auf die anstehenden Beitrittsverhandlungen ist bei der EU ein wenig multikulturelle Entspannung in der Türkei erwünscht. So hat eine türkische Familie den Namen ihrer Pension von der orthodoxen Kirche gegenüber geliehen: Agia Triada. Den alten Namen hat nicht nur drüben in Sultanahmet, auf der andern Seite des Goldenen Horns, die Hagia Sophia behalten, sondern auch andere christliche Kirchen, von denen es in Beyoglu mehrere Dutzend gibt.

Selbst wenn die Griechen als die ältesten Einwohner Istanbuls noch eher ein Recht auf die Stadt gelten machen dürften als die Mehrheit der Israeli auf das Territorium ihres Staates: Es ist weniger die illustre Geschichte der griechischen Kolonisation Kleinasiens, die in der heutigen Türkei mit ihren multiplen Minderheitenproblemen den türkischen Griechen ihren besonderen Stellenwert gibt. Denn Kleinasien, heute Anatolien, ist in allen seinen höchst unterschiedlichen Teilen jahrtausendelang kolonisiert worden. Wenn am Bosporus zwei Kontinente aufeinander treffen, dann vor allem in Gestalt zweier Weltreligionen, deren beider Anhänger am Bosporus mindestens die Festigkeit des Glaubens teilen, dass es mit der anderen wenig zu lachen gibt.

Wohl das Christentum hat dafür aufzukommen, wenn anders als iranische oder gar indische Indogermanen sich die Georgier, Armenier und andere christliche Kaukasier stets – und heute vielleicht mehr denn je – als Europäer sehen. Wie dann nicht auch die Griechen! Auch wenn diese, wie Mihalis Vasiliadis, den Boden, auf dem sie stehen, anders als Georgier und Armenier nicht zu Europa rechnen. Noch vor weniger als hundert Jahren lebten über drei Millionen Griechen östlich des Bosporus in Kleinasien und rings um den Pontos, das Schwarze Meer, ein Drittel bis die Hälfte des gesamten Volkes. Grösstenteils stammten sie von Vorfahren ab, die während der vergangenen zwei Jahrtausende niemals in Europa gelebt hatten.

Grosse Religionen hätten einen langen Atem, habe ihm letztes Jahr Kanzler Schröder versichert, sagt Pater Dositeos Anagnostopoulos, der Pressesprecher des Patriarchats. Hier, im alten Griechenviertel Fener an der Südküste des Goldenen Horns, wo der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel seinen Sitz hat, habe Schröder das gesagt. Für die Repräsentanten der grossen Religionen lasse sich das allerdings nur mit Einschränkungen behaupten, setzt der Pater hinzu, der ein Vierteljahrhundert als Mikrobiologe in Deutschland verbracht hatte, ehe er hier ein zweites Leben in Angriff nahm. Dem 270. Patriarchen, Bartholomäus i., unterstünden in Istanbul heute noch um achtzig orthodoxe Kirchen. Um ihren Geist am Leben zu erhalten, verfüge er über 35 Priester, fast alle über siebzig Jahre alt. Nachwuchs darf im Land nicht ausgebildet werden, seit 1971 die Theologische Hochschule Halki geschlossen wurde, und Verstärkung durch Ausländer desselben Bekenntnisses ist auf Gastspiele von drei Monaten be- schränkt. Der Ökumenische Patriarch, dessen Gemeinschaft weltweit zwischen 250 und 300 Millionen Gläubige umfasst, ist für den türkischen Staat der Bischof des alten Griechenviertels Fener, sonst nichts.

Das Lebendigste ist das Gedächtnis

Pater Dositeos beziffert die orthodoxe Gemeinde mit 1850 Häuptern. Der Generalkonsul Alexis Alexandris dagegen spricht von einer griechischen Wohnbevölkerung Istanbuls, die sich aus türkischen Staatsbürgern und ihren Angehörigen anderer Nationalität auf wenigstens 2500 bis 3000 addiere. Doch der Pater mag ihm nicht so viele geben, und das Durchschnittsalter liege bei über fünfzig.

Kein Wunder also, wenn das Lebendigste an dieser Gemeinde ihr Gedächtnis ist, zumal die schwerwiegenden Probleme der Griechen in der Türkei verhältnismässig jungen Datums sind. Sie hätten erst 1923 begonnen und nicht etwa schon 1453 mit der muslimischen Eroberung Konstantinopels, darauf legt Pater Dositeos grosses Gewicht. Denn im 17. Jahrhundert betrug der Anteil an Muslimen in der Stadtbevölkerung noch kaum ein Viertel und noch im Zensus von 1886 erst gut die Hälfte. Das Urteil des Paters weist zweifellos die Richtung. Nur haben die schwerwiegenden Probleme der Griechen wohl nicht erst mit dem Lausanner Abkommen von 1923 eingesetzt, das als ein Vermächtnis des Ersten Weltkriegs die türkisch-griechischen Verhältnisse endgültig regeln sollte, sondern schon mit dem Eroberungsfeldzug, den die Griechen von 1919 bis 1922 gegen die türkischen Kräfte unter Mustafa Kemal alias Atatürk unternahmen.

Die türkischen Aspirationen auf einen modernen Staat standen und fielen nach dem Zusammenbruch des Osmanenreichs während mehrerer Jahre mit dem militärischen Genius Atatürks. Nach der griechischen Niederlage brachte der in Lausanne vereinbarte “Austausch der Bevölkerungen” 1,8 Millionen Griechen “heim” nach Griechenland und zugleich 0,9 Millionen Türken aus Griechenland “heim” in die Türkei. In Istanbul, von dem Austausch ausgenommen, waren 1924 etwa 120 000 Griechen türkischer Nationalität zurückgeblieben.

Pogrome und Plünderungen

Der Hass gab sich auch Jahre später nicht ohne weitere Gewalt zufrieden. In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 wurde Beyoglu zum Zentrum einer türkischen Zerstörungsorgie, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Mittelmeerraum kaum ihresgleichen hatte. Frango Karaoglan war damals fünf, aber noch heute, sagt sie, habe sie die giftige Musik der Glasscherben in den Ohren, die beim Zusammenkehren der Trümmer für mindestens zwei Wochen in den Strassen Beyoglus zu hören war. Nach einer griechischen Bestandesaufnahme betrafen die Zerstörungen jener Nacht: 4340 Läden und Werkstätten, 2000 Wohnungen, 110 Restaurants, 83 Kirchen (3 in Brand gesteckt, 35 geplündert), 27 Apotheken, 26 Schulen, 21 Fabriken, 12 Hotels, 11 Kliniken, 5 Sportclubs, 3 Zeitungsdruckereien, 2 Friedhöfe. 7 Personen verloren ihr Leben. Der Personenkreis der materiell Geschädigten wurde mit 4447 beziffert. Türkisch-nationalistische Vereinigungen hatten in den Tagen davor Stimmung gemacht. Ein Provokateur im türkischen Sold, wie sich später herausstellte, hatte sich als Brandstifter an Atatürks Geburtshaus im griechischen Westthrazien versucht. In den türkischen Meldungen war es ein Grieche gewesen. Istanbuls Sicherheitsorgane krümmten in der Gewaltnacht keinen Finger – höchstens auf seiten der Marodeure.

Viele der türkischen Griechen, die zunächst das Weite gesucht hatten, wagten nochmals einen Versuch in Istanbul, ihrer alten türkischen Heimat, allerdings erst, nachdem sie sich in Griechenland eine zweite Bleibe organisiert hatten. Noch einmal entspannte sich die Lage, bis dann 1964/65 die türkischen Behörden 40 000 türkische Griechen aus Istanbul deportierten, denen auf dem Fuss 12 000 weitere Griechen anderer Staatsangehörigkeit folgten.

Über zweieinhalbtausend Jahre nach ihrer Ankunft ist das Schicksal von Istanbuls Griechen jenes einer postkolonialen Vertreibung der zurückgebliebenen Herrschaften aus der Metropole, auch wenn die Türken ihrerseits einst als Eroberer gekommen und nicht ein Volk unter kolonialem Joch, sondern für fast ein halbes Jahrtausend eine Kolonialmacht waren. Istanbuls Griechen waren – wie Istanbuls Armenier und Juden – eine wirtschaftlich privilegierte Elite. Aber eine solche wird nicht allein durch den global verbreiteten Neid zum nationalen Minderheitenproblem jener höchsten Zuspitzung, sondern erst durch ein Mutterland, für dessen tatsächliche oder angebliche Feindseligkeit sie zu büssen hat.

In Istanbul bleibt deshalb ein weiteres Datum im Gedächtnis, wachgehalten vor allem am Sitz des Ökumenischen Patriarchen in Fener, dessen Haupttor ab dann verschlossen blieb – bis heute. Als sich 1821 im Peloponnes die griechischen Reichsangehörigen gegen die Osmanenherrschaft erhoben, eilte der Patriarch Gregor v. zum Sultan, ihn der Loyalität der Istanbuler Griechen zu versichern. Postwendend liess der Sultan ihn aufhängen und seine Leiche in den Bosporus werfen. Der Legende nach wurde sie geborgen und provisorisch in Odessa bestattet, aber ihre Heimführung wird von der türkischen Regierung bis heute verweigert.

1830, nach neunjährigem Ringen und mit tatkräftiger Unterstützung der europäischen Mächte, hatten die seit der Odyssee daheim gebliebenen Hellenen westlich der Ägäis den Osmanen ihren eigenen Staat abgetrotzt, das moderne Königreich Griechenland. Gut zweitausend Jahre hatten sie nach der römischen Eroberung ihrer Heimat darauf warten müssen. Die Griechen in Kleinasien, Europas älteste Kolonisten, avancierten damit zur Athener fünften Kolonne, und auch nach dem Lausanner Abkommen von 1923 blieben sie in den wiederkehrenden schweren Verstimmungen zwischen Ankara und Athen eine Geisel der türkischen Regierung. Was ihre Zahl in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren so reduziert hat, egal wie sie selber sich verhielten, waren türkische Strafen für die Athener Zypernpolitik.

Grenzverschiebungen

Der nächsten Runde sehen sie nun als Faustpfand im türkischen Poker um die EU-Mitgliedschaft entgegen. Nur in Europa sehen sie eine Zukunft, und dafür sind sie sogar bereit, die Kontinentalgrenze vom Bosporus nach Osten zu verschieben. Hat sich die Geografie Europas, zumal an den Rändern, nicht stets der Politik ergeben? Die Frage ist bloss, wer und was von ihnen den angesagten fünfzehnjährigen Verhandlungsmarathon überleben wird. Einstweilen bleibt die offizielle Existenz von Istanbuls Griechentum ein endloser Stau hängiger Verfahren um Eigentumsansprüche.
Im Café Peradox bricht Frango Karaoglan auf, hinüber zum europäischen Bahnhof von Sirkeci am Südufer des Goldenen Horns. Dort trifft heute, Freitag, den 1. Juli, erstmals der neue Expresszug aus Saloniki ein, der künftig Istanbul direkt mit Griechenland verbinden wird. Die Pressesprecherin des Konsulats muss übersetzen und dabei üben für die grosse Einweihung der lange erwarteten neuen Linie, wenn in gut zwei Wochen die Transportminister der beiden Länder sich in Sirkeci die Hände drücken werden.

Published 2 November 2005
Original in German
First published by du 10/2005

Contributed by du © Georg Brunold/du Eurozine

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