Der polnische Klempner und das Spiel mit den Bildern

Der polnische Klempner ist in ganz Europa zur Zielscheibe des Spotts geworden, und selbst das polnische Tourismusministerium hat sich des Klischees bedient. Dennoch macht sich in Großbritannien, das Bürgern aus neuen EU-Staaten bislang eine uneingeschränkte Arbeitserlaubnis erteilt hat und das seine Praxis für Bulgarien und Rumänien nun ändern wird, eine zunehmend ablehnende Haltung osteuropäischen Migranten gegenüber breit. Für die in Großbritannien beschäftigten Polen spricht der Markt indessen eine deutliche Sprache; ihnen bietet die Emigration einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit und dem wenig liberalen politischen Klima in der Heimat.

Es mag ein Zeichen unserer vemeintlichen westeuropäischen Überlegenheit sein, dass wir lieber in dynamischen als in statischen Begriffen denken. Offenbar ziehen wir die Bewegung dem Stillstand vor und halten nichts von allzu bekannten Bildern, von Klischees, die uns verknöchert, abgenutzt oder zu vereinfacht erscheinen. Wir bilden uns ein, Vorurteile entlarvt und Stereotype überwunden zu haben und in der Lage zu sein, entsprechende Bilder zu dekonstruieren oder gar zu sprengen. Untersucht man jedoch den Diskurs über polnische Handwerker, türkische Taxifahrer und fahrende Roma, drängt sich der Gedanke auf, wir könnten uns etwas vormachen.

Vielleicht beziehen wir unser Selbstvertrauen aus den experimentellen Möglichkeiten, die die Sprache und die Ausdrucksweisen des modernen urbanen Lebens mit seinem sozialen und kulturellen Mix uns bieten, mit seinen flüchtigen und gebrochenen Stilformen, den Verschiebungen und Verbindungen unterschiedlicher Welten. In Kulturen jedoch, in denen Bilder bis heute mit Ehrfurcht als Fenster auf etwas Absolutes, Unveränderliches und Unbewegliches betrachtet werden, verhält es sich anders. In der christlich-orthodoxen Tradition zum Beispiel werden Ikonen verehrt, weil sie in direktem Bezug zum Göttlichen stehen. In den katholischen Regionen Osteuropas gelten bildliche Abbildungen als heilbringend und werden gemeinhin unhinterfragt akzeptiert. In Ungarn, der Slowakei oder Polen hängen in Schulen, Behörden und anderen öffentlichen Räumen immer noch Fotos von Politikern und Kulturhelden aus. Diese Bilder fungieren als Erinnerungshilfen für Erfolgsstreben, sie stiften Identität und garantieren eine Verortung – obwohl sich das, so viel möchte ich hier anregen, möglicherweise ändern wird, sobald sich die Gepflogenheiten des internationalen Geschäftslebens durchsetzen. Heutzutage kreisen fotografische Abbildungen viel mehr um Marketing und “den Markt” als um Ideologie oder Identität.

Natürlich sind die mittel- und osteuropäischen Kulturen zum großen Teil noch ländlich geprägt. Über ein Drittel der polnischen Bevölkerung, ungefähr fünfzehn Millionen Menschen, leben auf dem Land, wo Straßen Feldwege sind und der Anblick der von Pferden gezogenen Fuhrwerke und Pflüge nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben gestaltet sich vorhersagbar öde, und die allgemeinen Wertvorstellungen sind konservativ, streng katholisch und geprägt von Misstrauen gegenüber dem Anderen und dem Neuen. Trotzdem wirkte und wirkt das Landleben in Polen zutiefst identitätsstiftend. Bis in die frühen Neunzigerjahre hinein blieb die Landbevölkerung auf ihre Dörfer und Gemeinden beschränkt, und sie verfügte im öffentlichen Leben kaum über eine eigene Stimme. Aber inzwischen hat sich eine bedeutende Medienpräsenz etabliert, die genau jenen Teil der Bevölkerung zu repräsentieren vorgibt.

Der berüchtigte katholische Radiosender Radio Maryja wurde in vielerlei Hinsicht zum Sprachrohr der bis dahin ausgeschlossenen polnischen Landbevölkerung und zur Antwort auf den postkommunistischen wirtschaftlichen Wandel, der so viele Bürger in Existenznöte stürzte. Seit 1991 haben Hörer die Möglichkeit, während der langen Anrufersendungen aus Thorn ihre Meinung kundzutun; täglich können sie ein buntes Programm aus Meditationen, Gebeten, Haushaltstipps und Meinungsäußerungen empfangen, deren fundamentalistischer Katholizismus teilweise selbst vor Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus nicht zurückschreckt. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge hat Radio Maryja eine Hörerschaft von einer bis vier Millionen Menschen. Bis vor kurzem warb der Sender mit dem unvermeidlichen Bild der Jungfrau, die beispielsweise von riesigen Plakatwänden am Straßenrand prangte. Auf der Website fällt heute das Madonnenbild wesentlich dezenter aus und erscheint als kleines Medaillon vor einem Hintergrund fahnenschwenkender Gläubiger.

Die Befürworter von Radio Maryja halten dem Sender zugute, er befasse sich mit wichtigen sozialen Fragen und vertrete Haltungen, die anderweitig unterdrückt würden. Er stelle einen Aufschrei gegen die Unmoral des Turbokapitalismus dar. Kritiker behaupten, der Sender mache sich den niedrigen Bildungsstand seiner Hörerschaft zunutze, um spalterische, ja, geradezu gefährliche soziale und politische Haltungen zu fördern. So provozierte das Thema Terrorismus beispielsweise einen Kommentar, wonach “in gewisser Weise Israel, das seine Feinde mit amerikanischer Unterstützung vernichtet, der Hauptnutznießer der Erscheinung” sei; über die Rechte der Homosexuellen wurde gesagt, sie spiegelten “den Terror wider, den eine homosexuelle Minderheit zunehmend auf die Mehrheit ausübt”.

Politisch betrachtet hat sich Radio Maryja für die gegenwärtige, nationalistisch orientierte Regierung als unschätzbar wertvolles Werkzeug erwiesen, das auch bei der Machtübernahme im Herbst 2005 eine Rolle spielte. Die Partei für Recht und Gerechtigkeit gewann damals die Wahlen völlig überraschend, indem sie von den Stimmen der Landbevölkerung und einem weit verbreiteten Unmut über die Korruptionsaffären der ersten postkommunistischen Regierungen profitieren konnte. Heute besitzen die von Pater Tadeusz Rydzyk gegründeten Medienunternehmen (darunter auch ein Fernsehsender und eine Tageszeitung) die Exklusivrechte für offizielle Regierungserklärungen. Der Premierminister und seine Kabinettsmitglieder treten regelmäßig in Livesendungen auf.

Doch aus der Perspektive der internationalen PR und des globalen Marktes hat sich Radio Maryja als geradezu desaströs für Polen erwiesen – und diese Tatsache ist insofern von Bedeutung, als Polen immerhin eine freie Marktwirtschaft innerhalb der Europäischen Union ist. Das öffentliche Image Polens im In- wie im Ausland wurde im polnischen Fernsehen mit einer satirischen Darstellung von Kohorten ältlicher Matronen in Verbindung gebracht, die sich gegen den Sittenverfall der jüngeren Generation zusammengeschlossen haben. Die Anhänger und Hörer von Radio Maryja haben dieses Image nie abschütteln können. Seither sind sie als “Mohairmützen” bekannt, als Verkörperung des strengen Glaubens und der Verbitterung – hergestellt in Polen und längst zum internationalen Stereotyp avanciert.

Derlei Bilder sowie die Meldungen über Radio Maryjas teilweise hanebüchene Berichterstattung haben ihr Übriges getan, um die Polen als dumpf und antisemitisch zu brandmarken und neben Wut und Verärgerung auch ein gewisses Amüsement zu provozieren. Dennoch haben sie darüber hinaus Fragen nach dem tatsächlichen Rassismus im Land aufgeworfen und ihn zum Diskussionsthema gemacht. Das Stereotyp hat Form angenommen, und nun ist es “in Umlauf”: In der Heimat wie im Ausland hat es das öffentliche Interesse auf sich gezogen.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind recht kompliziert. Unnötig zu sagen, dass die Vorstellung eines intellektuell geknebelten und repressiven Rassistenstaates mitten in Europa zutiefst beunruhigend ist. An diesem Punkt sind wir zwar noch nicht, aber im April 2005 schrieb Marek Edelman, mit 87 Jahren der letzte überlebende Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto von 1943, einen offenen Leserbrief an die Gazeta Wyborcza, in dem er gegen eine Ausstrahlung von Radio Maryja protestierte. In der Sendung war unterstellt worden, jüdische Gruppen profitierten vom Holocaust. Der Brief fand in Polen wie im Ausland große Beachtung, und Edelmans Warnung, Verfolgung beginne mit Worten, die nahtlos in Taten übergehen, wurde weithin zitiert.

Und tatsächlich wurde der jüdische Rabbiner Michael Schudrich am Tag vor dem Besuch Papst Benedikt XVI. im Mai mitten in Warschau mit einer Sprühdose überfallen. Auch erhielten Mitglieder der jüdischen Studentenvereinigung Drohanrufe. Kurz darauf bewies eine detaillierte Investigativreportage der Wochenzeitung Polityka, dass das Neonazitum in Polen wächst und dass europäische Neonazigruppen, unterstützt durch das politische Klima, ihre Kader dort ausbilden: Die Mitgliederzahl der neonazistischen Gruppen soll derzeit bei etwa 25 000 liegen. Zudem gab es verstörende Meldungen, denen zufolge Piotr Farfal, der zweite Intendant des polnischen Staatsfernsehens, ein Neonazi-Magazin herausgegeben hatte, in dem die Ausweisung aller Juden aus Polen gefordert wurde.

Das öffentliche Aufsehen, das Radio Maryja und, in der Verlängerung, die polnischen Rechtsextremisten auf sich zogen, hat Ängste geweckt und Fragen zu einem Thema provoziert, das andernfalls unter den Teppich gekehrt würde. “Wie steht Polen im Ausland da?”, fragten viele Leute, denn wo der Wohlstand in Gefahr ist, wird das Image zum ernsten Problem. Selbst in den liberalen polnischen Publikationen wird man zu jüdischen Angelegenheiten vermutlich weniger finden als zu den ausländischen Antisemitismusvorwürfen; weniger über sexuelle Minderheiten als über das Problem der wahrgenommenen Homophobie; weniger über ethnische Minderheiten als über die Freundlichkeit der Polen jenen Neuankömmlingen gegenüber, die sich mit einem bürokratischen Einwanderungssystem herumschlagen müssen; weniger über Glaubensfragen als über die moralische Bedeutung der katholischen Kirche und die Rolle, die sie im politischen Leben spielen sollte.

Jede aus dem Westen kommende Unterstellung bezüglich Antisemitismus, Homophobie oder religiösem Vorurteil gießt neues Öl aufs Feuer. Aus polnischer Sicht bestätigt sich, dass niemand Verständnis hat für die geschichtlichen Tragödien, die Jahrzehnte wirtschaftlichen Existenzkampfes oder die Verwundbarkeit, die sich für Polen aus seiner geografischen Lage ergibt. So finden sich auch weiterhin Entschuldigungen für ein Beharren auf dem Standpunkt, das Land sähe sich ungerechten Anwürfen aus dem Ausland ausgesetzt. Gab es während der vergangenen 200 Jahre, fragen die Menschen, jemals eine Zeit, in der Polen nicht von außen bedroht, von Strohpuppen regiert oder von Feinden überrannt wurde? Sind die Bedrohungen, die der polnische Staat derzeit erfährt, wirklich so viel weniger real als jene aus der Vergangenheit?

Aber jene Argumentation, die auf Loyalität und patriotischen Eifer abzielt, trifft auf ein erstaunliches Misstrauensvotum, wenn es um die tatsächliche Bedeutung des Staates und um seinen Aufbau geht. Ein gewaltiger Exodus von Menschen hat eingesetzt, die entschlossen sind, ihr Glück anderswo zu machen als in ihrer erst kürzlich wiedergewonnenen Heimat. Und diese Menschen bleiben weg, denn sie leben, wie sie sagen, gern in einer Umgebung, die toleranter und weniger restriktiv ist. Patriotische Empfindlichkeiten sind, so hartnäckig sie sein mögen, den Empfindlichkeiten des Marktes klar unterlegen – sogar in Polen. Der mit der nationalen Identität assoziierte Lebensstil, wie er derzeit geboten wird, ist nicht der Lebensstil, für den die Leute sich entscheiden würden.

Dies bringt mich auf den polnischen Klempner und die Ereignisse in Frankreich im Jahr 2005. Das Schlagwort vom “plombier polonais”, vom polnischen Klempner, wurde vor der Volksabstimmung über die EU-Verfassung vom Lager der Kritiker um Philippe de Villiers, dem Anführer des “Mouvement pour la France”, ins Spiel gebracht. Der Klempner wurde zum Symbol für billige Arbeitskräfte, die aus Zentraleuropa ins Land strömen. Für die westlichen Gesellschaften bedeutet er eine Herausforderung, weil er ein Migrant ist – und deswegen unzivilisiert, unterlegen und eine Bedrohung für den französichen Lebensstil – und weil er die Liberalisierung des europäischen Marktes ausnutzt, Geld verdient und seinen Gastgebern die Arbeit wegnimmt.

Politiker und Journalisten aus ganz Europa nahmen den Begriff auf, und beide politischen Seiten machten von ihm Gebrauch. Die schweizerischen Sozialisten erfanden für ihre Kampagne zur Bewegungsfreiheit aller Europäer den Slogan “Klempner aller Länder, vereinigt euch”, und Pascal Lamy, der französische WTO-Vorsitzende, beklagte angeblich die “Klempnerphobie”, die die Diskussion über Europas Zukunft verzerre; im Lager der französischen Sozialisten wurde sogar die Möglichkeit erwogen, dem polnischen Klempner ein Denkmal zu setzen.
Interessanterweise endete die Affäre damit noch nicht. Im Juni 2005 mischte sich das polnische Tourismusministerium in die Debatte ein und präsentierte einen eigenen Entwurf des polnischen Klempners in Gestalt eines muskelbepackten, jungen, kalifornisch anmutenden Beach Boys mit schwellendem Bizeps vor dem Hintergrund der malerischen Tatra. Die Bildunterschrift lautete: “Ich bleibe in Polen – kommt alle her!”

Die Kampagne erwies sich als der schlagkräftigste polnische Werbegag aller Zeiten, der weltweit ein enormes Medienecho hervorrief und die Hoffnung nach sich zog, Polen könne mit steigenden Touristenzahlen den so dringend benötigten Imagewandel vollziehen und sich zum ansprechenden Reiseziel für junge und aktive Besucher entwickeln. Außerdem wurde hier dem Bild von einem trostlosen, grauen, von Kriminalität gekennzeichneten Spaßtöter von Post-Sowjetstaat, der nur für seine Wurst, seinen Wodka, den verstorbenen Papst und, natürlich, die Mohairmützen bekannt ist, etwas entgegengesetzt. Hier präsentierte sich ein neues Polen, sexy und mit reichhaltigem Angebot, und es lud alle ein, zu kommen und selbst zu sehen.
Solche von der Marktwirtschaft bestimmten Bilder versuchen, genau das zu bedienen, was die Leute wünschen – dieser Mechanismus liegt natürlich allen Werbekampagnen zugrunde. Für den Journalismus hingegen scheinen Bilder interessanter zu sein, die angstbeladen sind und sich mit Dingen beschäftigen, die die Leute empören und erschrecken. Eine offensichtliche Zweiteilung oder Spannung tritt zutage zwischen den Bildern der globalen Marktwirtschaft, die wachrüttelt, Eigeninitiative unterstützt und Bewegung fordert, und den Bildern eines nationalen Diskurses, der bemüht ist, Bewegung zu verhindern und den Status Quo zu erhalten.
Nehmen Sie dieses Beispiel aus der Daily Mail: “Die Arbeitslosigkeit steigt auf den höchsten Stand seit sechs Jahren, während aus Osteuropa Tausende von Arbeitern zuziehen – um die 250 000 im Monat. Im April und Juni kamen aus Polen und anderen EU-Staaten 701 000 Besucher ins Land.”1

Oder dieser Abschnitt aus dem Guardian: “Die Briten vergeuden ihr Leben in Büros und können nur wenige Stunden ihres Tag als ‘Freizeit’ bezeichnen; und selbst die verbringt so mancher Pendler auf dem Weg zu und von der Arbeitsstelle, nicht selten an den ungewaschenen Unterarm von jemandem gedrückt, der Polnisch spricht.”2

Aber auch der Migrationsmarkt hat eine Stimme, und die ist laut genug, um den medialen Attacken selbstbewusst zu begegnen. Die Lockerung der Arbeitsbestimmungen in der EU hat eine sehr lebendige Immigrationsindustrie zum Leben erweckt, die aus Medien, Anwälten, Reisebüros, Helfern aller Art, Restaurantbetreibern und Arbeitsvermittlern besteht, die die Verbindungen zwischen dem Herkunftsland und der neuen Heimat aufrechterhalten. Zusätzlich zu einer Tageszeitung in polnischer Sprache, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in London herausgegeben wird, erscheinen in Großbritannien inzwischen mehrere polnische Wochenmagazine mit einer Auflage von jeweils 20 000 oder mehr Heften. Eins davon ist das Gratismagazin Cooltura (Kultura war der Name einer polnischen Intellektuellenzeitschrift, die während des Kalten Krieges in Paris erschien). Ein weiteres neues Hochglanzmagazin, das auf Polnisch sowie auf Englisch herausgegeben und zum Preis von einem Pfund verkauft wird, nimmt mit seinem Namen auf ähnliche Weise auf das kulturelle Gedächtnis Bezug; es nennt sich HEY-NOW (wobei das polnische hejnal das stündliche Trompetensignal vom Turm der Marienkirche auf dem alten Krakauer Marktplatz meint – ein kulturelles Ereignis, das, wenn man so will, dem Läuten des Big Ben gleichkommt). Die meisten dieser Publikationen wurden von Beratungsstellen für Einwanderer gegründet, die 2004 in Unternehmensberatungen umfunktioniert wurden und die Zeitschriften als Geschäftsteil oder als Anzeigenpartner behielten. Diese Zeitschriften liefern alle Informationen, die Besucher zur Eingewöhnung brauchen und die zuvor nur über informelle Netzwerke zu beschaffen waren; man kann aus ihnen erfahren, wie man bei der Jobsuche vorgeht oder einen bestimmten Lehrgang findet, wie man Sozialhilfe beantragt oder von der Mitgliedschaft in der Gewerkschaft profitiert, wie man Politiker vor Ort beeinflussen kann und was die britische Öffentlichkeit womöglich über einen denkt. Zudem bekommt man einen kurzen, benutzerfreundlichen Überblick über die Geschehnisse daheim, und das aus einer lebendigeren und offeneren Perspektive, als es in Polen möglich wäre. Der Grundton dieser Zeitungen ist unverhüllt marktwirtschaftlich orientiert; sie ermutigen die Menschen, etwas zu wagen, weisen aber gleichzeitig auf augenfällige Risiken und Fallgruben hin. Sie sind ganz offen ein Teil des Immigrationsgeschäftes und bauen Seilschaften und soziale Netzwerke auf, die sich wiederum zu transnationalen Gemeinschaften entwickeln, die Migration weniger kostspielig und gefährlich machen und die Bewegung insgesamt beschleunigen.

An diesem Punkt gerät das Geschäft in direkten Konflikt mit den Empfindlichkeiten, die aus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität erwachsen. Wie eine Studie des Zentrums für Migrationspolitik und Gesellschaft der Universität Oxford gezeigt hat, nimmt in Großbritannien die Ablehnung Migranten gegenüber stetig zu.3 Das Gefühl der Mehrheit ist, dass die Zuwanderungsbewegung außer Kontrolle geraten ist und dass es zu viele Einwanderer gibt, die zu viel Hilfe bekommen. Obwohl das öffentliche Wissen darüber sehr beschränkt ist, steht das Thema Immigration bei der Bevölkerung an vorderster Stelle. (Laut einer MORI-Umfrage beispielsweise bietet Großbritannien angeblich 23 Prozent der weltweit Asylsuchenden Zuflucht, wobei es tatsächlich weniger als zwei Prozent sind.) Außerdem herrscht Verwirrung bezüglich der verschiedenen Migrantengruppen und ihrer Motive für den Aufenthalt im Land, was vermuten lässt, dass die öffentliche Angst ihren Ursprung in der Art und Weise haben könnte, in der Politiker, Gesetzgeber und ganz besonders Journalisten den öffentlichen Diskurs führen – jene Instanzen also, die festlegen, in welchen Begrifflichkeiten die öffentliche Debatte geführt wird. Negative Einstellungen könnten weniger von erlebten, sozialen Auswirkungen als vielmehr von eingebildeten Auswirkungen herrühren. Die Studie aus Oxford legt zum Beispiel nahe, dass die Einstellung Immigranten gegenüber tendenziell um so negativer ausfällt, je höher der Bildungsstand des Befragten ist – das heißt, je mehr der Befragte liest.

Die jüngsten Warnungen der rechtslastigen Beobachtungsgruppe “Migration Watch” in der BBC, wonach sich für den Fall, dass die momentane Zuwanderungsrate anhält, “in der britischen Gesellschaft […] tiefgreifende Veränderungen abspielen werden, besonders in den ärmsten Gegenden” sowie des Slough Borough Council (einem Londoner Gemeinderat), demzufolge der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet sei, konnten nur schwerlich unbeachtet bleiben – und sie blieben es auch nicht. Vor kurzem wurde verkündet, dass den nach Großbritannien einwandernden Bulgaren und Rumänen keine uneingeschränkte Arbeitserlaubnis mehr erteilt werden wird, wenn beide Länder im Januar 2007 der EU beitreten. Dieser Nachricht gingen monatelange Warnungen in den Medien voraus, wonach am Neujahrstag 30 Millionen Menschen die Erlaubnis hätten, ins Königreich zu kommen um zu arbeiten; dass “die Obdachlosen ein Chaos auf Großbritanniens Straßen” anrichten würden; dass sich bereits jetzt über eine Million osteuropäischer Arbeiter im Lande befänden und dass schon eine Million moldawischer Staatsbürger rumänische oder bulgarische Pässe beantragt hätten, um sich frei im Königreich zu bewegen. Angeblich lockten skrupellose Agenturen die Menschen nach Großbritannien, um sie anschließend mit schlecht bezahlten Jobs und in überfüllten Unterkünften ihrem Schicksal zu überlassen. “Man kann einen Quart nicht in ein Pint-Glas umschütten”, schrieben die Zeitungen: Die öffentlichen Einrichtungen seien den Anforderungen keinesfalls gewachsen.

Die Debatte wurde zu großen Teilen mit Begriffen geführt, die suggerierten, Großbritannien habe es ausschließlich mit einer “neuen Unterschicht” zu tun, die “für einen Hungerlohn” zu arbeiten bereit sei, wie sich Sir Andrew Greene von “Migration Watch” ausdrückte.4 In der Diskussion wurden öfters verschiedene Gruppen in einen Topf geworfen und der Umgang mit Statistiken locker gehandhabt. In einer aktuellen BBC-Reportage über Rumänien war durchgängig von “Roma” die Rede, während die Bezeichnung “Rumänen” nicht einmal vorkam. Die Zahlenangaben über jene Migranten, die seit Mai 2005 nach Großbritannien kamen und die für gewöhnlich als “Osteuropäer, überwiegend Polen” bezeichnet werden, schwanken zwischen 329 000 und 600 000.

An den bereits in Großbritannien lebenden Polen geht eine derartige Berichterstattung nicht spurlos vorüber. Dennoch spricht der Arbeitsmarkt eine deutliche Sprache. Viele werden erleichtert sein, von Januar an mit weniger anderen Osteuropäern um Arbeitsplätze zu konkurrieren, als sie befürchtet hatten. Aber für viele polnische Klempner, Ärzte, Übersetzer, Biochemiker und Bauunternehmer bleibt der Konflikt nicht auf die Kräfte des britischen gesellschaftlichen oder nationalen Protektionismus einerseits und der Arbeitsfreiheit anderseits begrenzt. Polnische Migranten müssen sich darüber hinaus mit dem psychologischen Druck der eigenen Nationalität und ihrem Selbstbild als Arbeiter aus einem Land auseinandersetzen, dessen Bürger bis vor kurzem als Auswanderer nur dann als achtbar galten, wenn sie sich émigré nennen konnten.

In der polnischen Nationalmythologie ist der Migrant entweder ein zum Widerstandskämpfer gewordener politischer Flüchtling, ein Pilot aus dem Zweiten Weltkrieg oder ein Dissident der Solidarnosc. Man darf nicht vergessen, dass die polnische Literaturgeschichte zum großen Teil auf Klassikern aus dem 19. Jahrhundert gründet, die im Exil entstanden: Adam Mickiewiczs Versepos Pan Tadeusz ist dafür wohl das bekannteste Beispiel, auch wenn es noch viele andere gibt. Die polnische Konstruktion ethnischer Identität speiste sich größtenteils aus den Biografien von Männern, die im Ausland lebten und starben.

In der jüngeren Vergangenheit, nach dem Zweiten Weltkrieg, mussten Polen, die vor der Besatzung durch die Nazis und später vor dem sowjetischen Kommunismus flüchteten, mit jenen mythischen Überresten zurechtkommen, die ihnen die Bürde der Nostalgie und den moralischen Imperativ der Selbstaufopferung auferlegte. Hinzu kam das implizite Misstrauen all jenen gegenüber, denen es gut erging; denn schließlich mussten sie ihren Wohlstand mit Vernachlässigung ihrer patriotischen Pflichten erkauft haben.

Besonders faszinierend ist an dieser Stelle, dass während des 19. und 20. Jahrhunderts an die 12 Millionen Menschen Polen verlassen haben, und das vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen. Diese Auswanderer waren Bauern, Bergarbeiter und Maurer, und sie gingen überall hin – auch wenn viele von ihnen in den USA landeten. In der polnischen Geschichtsschreibung werden diese Menschen jedoch meistens übersehen.

Eines zumindest hat der polnische Klempner erreicht (und das in beiden Gestalten – als eingewanderter Außenseiter wie auch als Medienstar): Dieser Zustand hat sich geändert. Der polnische Wirtschaftsmigrant steht nicht länger außerhalb des Blickwinkels. Infolgedessen kommt es nicht überraschend, dass jene, die sich in Großbritannien am lautstärksten über die neuen Einwanderer beschwert haben, ausgerechnet die alten Einwanderer waren, die émigrés, jene Menschen, die in London vor 1989 an den verschiedenen Exilregierungen beteiligt waren oder im Zweiten Weltkrieg als Piloten für die Royal Air Force flogen.

Interessanterweise wandten sich die polnischen Fremdenverkehrsvertreter in London nach den tragischen Ereignissen des 7. Juli 2005 mit einem neuen Poster an die Öffentlichkeit. Darauf war ein Pilot aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen, darunter der Satz: “Londoner, wir sind wieder auf eurer Seite.” Zu jener Zeit wirkte die Aktion sehr wie ein Versuch, dem Image der Londoner Polen als Instandsetzer tropfender Abflüsse etwas entgegenzusetzen und die Menschen an das historische Bündnis zu erinnern. Ironischerweise stellte sich aber heraus, dass der auf dem Plakat abgebildete Pilot ein Engländer mit keinerlei konkretem Bezug zu Polen war. Sobald dieser Umstand weitläufig bekannt wurde, ließ man schnell von der Kampagne ab.

Dieser einigermaßen misslungene Versuch, den Briten die in Ehren gehaltene Vision des Polen als “galantem Verteidiger der Gerechten” nahe zu bringen, steht in Einklang mit den aktuellen Bemühungen der polnischen Regierung, ein leistungsfähigeres Netzwerk zwischen den Bürgern im Land und den Auswanderern zu schaffen. Dem Außenministerium zufolge lebt über ein Drittel der polnischen Bevölkerung im Ausland. Seit der EU-Erweiterung im Mai 2004 haben bis zu zwei Millionen Menschen Polen verlassen, um im Ausland zu arbeiten. Bei einer Arbeitslosenquote von 18 Prozent (Berichten zufolge beträgt sie unter den Jüngeren 40 Prozent) ist es kaum verwunderlich, dass die große Mehrheit der Auswanderer jünger ist als 35 Jahre. In Niederschlesien sind 10 Prozent der Ärzte und 25 Prozent der Anästhesisten ausgewandert; hier klingeln die Alarmglocken.

Die niederschlesische Stadt Breslau hat in den von Polen frequentierten Diskotheken und Bars von London eine Posterkampagne gestartet, um die Menschen zur Rückkehr zu bewegen. Ähnliche Kampagnen sind in Polen angelaufen; Unternehmen werden ermutigt, junge Menschen einzustellen, und jüngsten Berichten zufolge wurden Zahlungen von jeweils 5000 britischen Pfund (etwa zehn Monatslöhne) an einhundert Wissenschaftler und Forscher geleistet, um sie vom Auswandern abzuhalten.

Die Versprechungen der polnischen Regierung, einen “zivilisatorischen Sprung” zu wagen sowie die Vorstellung, in Europa die moralische Führung zu übernehmen, hat den überwiegenden Teil der Bevölkerung ganz klar unbeeindruckt gelassen. Trotzdem schwimmen im Mainstream bizarre Verschwörungstheorien mit, nach denen zwischen Antikatholizismus, Judentum, Liberalismus, angehäuftem Kapital und Kommunismus Verbindungen bestehen. Offenbar ist der Rassismus, wie in anderen europäischen Ländern auch, auf dem Vormarsch. Die antifaschistische Kontrollinstanz “Nigdy Wiecej” (“Nie wieder”) in Warschau nahm zwischen Ende 2005 und Anfang 2006 247 rassistische Zwischenfälle auf. Viele davon gingen den Berichten zufolge mit einer Gewalttat einher.

Dennoch weiß Polen, dass es sich Fremdenfeindlichkeit und Ungastlichkeit nicht leisten kann. Das Land verfügt über eine Tradition von Gastfreundschaft und Großzügigkeit Besuchern gegenüber, die so manchen Gast verwundern und überwältigen. Und für einen freien Arbeitsmarkt sind Gäste nicht nur unvermeidlich, sondern nötig. Der polnische Klempner in seiner Rolle als Medienstar weiß das, und er spricht eine offene Einladung aus.

Nun, da so viele Polen ihre Heimat verlassen haben, tauchen in Städten wie Breslau Arbeiter aus weiter östlich gelegenen, krisengeschüttelten Wirtschaftsgebieten auf – der Ukraine zum Beispiel –, um jene Jobs anzunehmen, die die Polen in London erledigen. Aber in einem Staat, der der Erinnerung an seine wiederholte Zerteilung nicht entkommen kann, geht eine gewisse Furcht davor um, dass diese Gäste, egal ob schlecht bezahlte Arbeiter oder finanzkräftige Investoren, möglicherweise das Wenige an sich reißen, was noch vorhanden ist; dass sie möglicherweise eine Identität, ein Selbstbild und einen nationalen Charakter untergraben, der in der Vorstellung existiert, sich aber in der materiellen Welt noch gar nicht vollständig herausgebildet hat.

Abschließend scheint es mir angebracht, einen Abschnitt aus einem Text von Andrzej Stasiuk zu zitieren, der vor kurzem in dem katholischen Wochenmagazin Tygodnik Powszechny erschienen ist.5 Die Stelle befasst sich mit einer polnischen, im weitesten Sinne osteuropäischen Sorge, die sich nicht auf den Erhalt eines gewissen Lebensstandards oder auf wohlfahrtsstaatliche Absicherung bezieht (dieses Privileg genießen nur die weiter fortgeschrittenen Volkswirtschaften), sondern auf die Furcht vor dem Verschwinden, einer Angst, die sich letztendlich auf fehlende Bilder und das damit einhergehende Fehlen einer stabilen Existenz gründet: “Auf diesem Teil des europäischen Kontinents geht die große Völkerwanderung weiter […] Niemand von uns steht auf eigenem Boden, und so erfinden wir ein kompliziertes Besitzrecht, in dem die Geschichte und unsere Legenden aufgehen. Wir blicken zum Horizont und warten auf den Angriff, der uns alles entreißen wird, was wir im Leben zusammentragen konnten. Unbewusst erwarten wir die Reiter, das Donnern der Hufe, die Schreie und die Flammen. Auch wenn wir uns heute von etwas bedroht sehen, das globaler ist, reicher, ärmer, zivilisierter, weniger zivilisiert; in jedem Fall von etwas, das “anders” und “fremd” ist. Das nährt unsere Furcht, und ständig müssen wir uns unserer eigenen Existenz versichern. Unruhig suchen wir in den Augen der anderen nach unserem Spiegelbild. Wir haben Angst, wir könnten unsichtbar sein.”

This article is based on a contribution to the panel discussion “Mirror writing. Reflections of cultural reality”, which took place at the 19th European Meeting of Cultural Journals in London from 27-30 October 2006.

Becky Barrow, "East Europe migrants help take jobless to six-year high", Daily Mail, 17.08.2006.

Simon Burnton, "Onomatopoeia should be the name of the game", The Guardian, 29.07.2006.

Heaven Crawley, Evidence on Attitudes to Asylum and Immigration, University of Oxford, 2005.

Andrew Green, "Yes, we love Polish plumbers, but how many more does Britain need?", Daily Mail, 10.02.2006.

Andrzej Stasiuk, "W Cieniu" [In the Shade], Tygodnik Powszechny, 11.06.2006.

Published 15 March 2007
Original in English
Translated by Eva Bonné
First published by Wespennest 146 (2007), pp. 4-13

Contributed by Wespennest © Irena Maryniak Eurozine

PDF/PRINT

Read in: EN / TR / SV / DE

Published in

Discussion