"Der Kapitalismus ist senil geworden"

Ein Gespräch mit Samir Amin und Michael Hardt

Verliert der Kapitalismus seine Progressivität und entfaltet stattdessen zerstörerische Kräfte? Ein Gespräch mit zwei der führenden Kapitalismuskritiker über die Zukunft des kapitalistischen Systems und den unterschiedlichen Formen von Gegenentwürfen.

Lundberg & Wennerhag: Viele linke Intellektuelle haben am
zweiten World Social Forum teilgenommen, das vom 31. Januar bis
zum 5. Februar in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre zeitgleich
zum Weltwirtschaftsgipfel in New York stattfand. Ihr beide seid auch dagewesen.
Warum?

Michael Hardt: Mein Interesse an einer Teilnahme ergab sich aus
der Perspektive der Globalisierungsbewegungen. Bisher war es weder in
Nordamerika noch in Europa gelungen, an Bewegungen in anderen
Teilen der Welt anzuknüpfen, die auf ähnliche Weise gegen die Politik
des WWF, der Weltbank und der WTO opponieren. In Porto Alegre bot
sich nun die Gelegenheit, verschiedene Globalisierungsbewegungen zu
einem größeren Netzwerk zu verbinden. Zum anderen glaube ich, daß
die Mehrheit der beteiligten Menschen in Porto Alegre erkannt hat,
daß es darum geht, auch konstruktiv zu sein, Alternativen aufzubauen,
sich nicht nur als eine Ansammlung verschiedener Protestbewegungen
zu verstehen.

Samir Amin: Porto Alegre war ein wichtiges Ereignis, weil es die
Möglichkeit aufzeigte, eine globale Linke aufzubauen, die dazu beitragen
könnte, das Gleichgewicht der Kräfte zu verschieben, das gegenwärtig
noch das Kapital begünstigt. Das Ziel des World Social Forums
ist es, die Fragmentierung aller möglichen Formen des Protests aufzuheben
und eine Alternative zur neoliberalen Globalisierung aufzubauen.
Wir brauchen, wie es im Abschlußdokument heißt, eine Steuerung
des Kapitalismus, die die sozialen Interessen der arbeitenden
Klassen und des Volkes berücksichtigt. Festgehalten wurde auch, daß
die globale Militarisierung zutiefst mit der neoliberalen, transnationalen
Strategie verknüpft ist. Damit ist der Kampf gegen Krieg eng verbunden
mit dem Kampf gegen Neoliberalismus.

L&W: Ihr beide betont die Einheit. Glaubt
ihr, daß die Linke versuchen sollte, ein gemeinsames Verständnis des gegenwärtigen
Kapitalismus zu entwickeln?

MH: Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns darauf einigen
sollten. Es gibt große Unterschiede unter denen, die in Porto Alegre
dabei waren. Man sollte nicht annehmen, daß alle einer Meinung sind.
Nicht Einheit und Einigkeit sollten das Ziel sein, sondern Interaktion
und Diskussion.

SA: Es wäre gefährlich und unproduktiv zu versuchen, in
allen Fragen, auch in den wichtigsten, Einigkeit zu erzielen. Die Linke
muß etwas aufbauen, das ich “Konvergenz in der Vielfalt” genannt
habe. Es existieren derzeit viele regionale Bewegungen, die verschiedene
Arten von Widerstand und Protest vertreten. Ihre Visionen von der Gesellschaft
und von der Zukunft sind nicht unbedingt konvergent, sie
können sich auch gegenseitig widersprechen. Ich schlage vor, unter Berücksichtigung
einer solchen Konvergenz in der Vielfalt über den Kapitalismus
in seiner imperialistischen Dimension und über Möglichkeiten
einer radikaleren Demokratie zu diskutieren. Ich denke, wir müssen
ein gemeinsames Verständnis um die Gefahren entwickeln, die eine, wie
ich sie nenne, Demokratie niedriger Intensität in sich birgt, eine repräsentative
Demokratie, in der mit Wahlergebnissen beliebig verfahren
wird. Meiner Meinung nach sind viele Menschen – alle die, die zumindest
ein kleines bißchen fortschrittlich sind – dagegen, sie wollen mehr.
Das heißt nicht, daß sie sich darüber einig sind, was die Alternative
sein soll. Worin die Widersprüche bestehen und welche Strategie die effizienteste
sein könnte, darüber gibt es verschiedene Analysen. Solche
Unterschiede müssen respektiert werden.

L & W: In den letzten Jahren scheint etwas
geschehen zu sein, das zu einer breiteren Diskussion über die Verletzbarkeit
des Kapitalismus geführt hat, sogar unter Kommentatoren aus
dem Spektrum der Rechten. Seht ihr für die unmittelbare Zukunft
einen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems, wie wir es bisher
kennen, voraus?

MH: Das Kapital hat ständig Krisen, aber Krisen führen
nicht zwangsläufig zum Zusammenbruch. Um zu verstehen, wie das
Kapital auf Krisen reagiert, muß man wissen, wie Krisen traditionell –
und heute wahrscheinlich noch viel deutlicher – instrumentell funktionieren,
wie Krisen dazu dienen, das System zu unterstützen. Ich denke,
daß das auch für die heutigen Kriege gilt. Kriege funktionieren als
Krisen des Weltsystems, jedoch als Krisen, die die globale Ordnung
stärken, nicht deren Verletzbarkeit indizieren. Ich habe keine Ahnung,
was in 30 Jahren passieren wird, aber ich glaube sehr wohl, daß es
Möglichkeiten gibt, an der Transformation des gegenwärtigen kapitalistischen
Systems zu arbeiten. Ich zögere sehr, irgendeinen Ausblick auf
einen Zusammenbruch des Kapitalismus, der sich aus “objektiven” Bedingungen
ergeben könnte, anzustellen. Wenn es zu einer Transformation
des kapitalistischen Systems kommt, dann durch die Konstruktion
von Alternativen und nicht durch innere Schwäche und Auflösung. Das
System wird nicht einfach für uns sterben, wir müssen Alternativen zu
ihm konstruieren.

SA: Im Laufe der Geschichte ist es vorgekommen, daß Systeme
plötzlich zusammengebrochen sind, wie zum Beispiel die Sowjetunion.
Aber ich halte die Behauptung, ein System bräche auf Grund
wachsender interner Widersprüche zusammen, nicht für ein brauchbares
analytisches Instrument. Es gibt interne Widersprüche, die sich zuspitzen,
aber das System hat gewöhnlich die Fähigkeit, sie zu nutzen, zu
transformieren, und zu überleben.

L & W: Was sind also die sich zuspitzenden
Widersprüche oder Konflikte innerhalb des gegenwärtigen Kapitalismus?
Michael Hardt: Der wachsende Abstand zwischen Reichtum und
Armut und die zunehmende “Nutzlosigkeit”von Teilen der Welt. Dem
Kapital fällt es immer schwerer, die globale Bevölkerung produktiv werden
zu lassen. Ich zögere, dafür das alte marxistische Konzept der
“überschüssigen Arbeitskräfte”zu verwenden, weil ich nicht glaube,
daß es um diese Frage geht.

SA: Während einer langen Phase war der Kapitalismus
eine fortschrittliche Kraft in der Geschichte der Menschheit – auch
Marx war dieser Ansicht. Man könnte es so formulieren: Die Expansion
des Marktes wirkte eher integrierend als ausschließend. Nun haben
wir aber einen Punkt erreicht, an dem sich dieses Verhältnis zwischen
Integration und Exklusion ins Gegenteil verkehrt, nicht nur
vorübergehend auf Grund einer niedrigeren Wachstumsrate, sondern
aus strukturellen Gründen. Ein wachsender Teil der Weltbevölkerung
wird nutzlos, genau wie Michael es gesagt hat. Das meine ich, wenn ich
sage, der Kapitalismus ist senil geworden. Die fortschrittliche Dimension
des Kapitalismus schrumpft, die destruktive expandiert. Somit
braucht man ein anderes Organisationsmuster, um wachsenden Reichtum
für alle zu sichern. Aber auch wenn meine Annahme richtig ist,
bedeutet das nicht, daß dieses senile System von alleine sterben wird.
Diese Prozesse könnten auch zu etwas führen, das schlimmer wäre als
der Kapitalismus, sofern es möglich ist, sich etwas Schlimmeres vorzustellen.

L & W: In dem Buch, das du, Michael, zusammen
mit Antonio Negri geschrieben hast, führst Du das Konzept
des “Empire”ein. Worin unterscheidet sich das Konzept von einer bloßen
Fortschreibung des “Imperialismus”?

MH: Eines der grundlegenden Merkmale der Imperialismen
des 19. Jahrhunderts war deren Wettbewerb untereinander. Heute
ist der Wettbewerb zwischen den dominanten Nationalstaaten weniger
wichtig als deren Kooperation. In dieser Hinsicht definiert sich unsere
Gegenwart nicht mehr gemäß des traditionellen imperialistischen Modells.
Zwei der fundamentalen Unterschiede zwischen dem Imperialismus
und dem Empire sind, daß letzteres kein Zentrum hat und kein
Außen. Aber wenn wir sagen, daß es kein Zentrum gibt, heißt das nicht,
daß im globalen System keine Hierarchien existieren. Die eigentliche
Frage, die man früher oder später beantworten muß, lautet: Wie ist das
Verhältnis zwischen den USA und dem Empire? In unserem Buch schreiben
wir, daß das Empire definiert wird durch die Bombe, durch das
Geld und durch den Äther (womit das Kommunikationsspektakel gemeint
ist), und daß Washington, New York und Los Angeles die drei
Pole der Elemente dieser imperialen Macht darstellen. Man sollte allerdings
die Macht der USA nicht überschätzen: Ich denke nicht, daß die
USA als Nationalstaat in der Lage sind, globale Ereignisse zu kontrollieren.
Das heißt nicht, daß es keine großen Unterschiede zwischen den
USA und den anderen Nationalstaaten gibt, aber man muß die Unterschiede
relativieren, um die komplexen Hierarchien verorten zu können.
Ich meine auch, daß die USA weniger mächtig sind, als sie selbst
glauben. Wir lassen uns oft verwirren vom Selbstbild der USA.
Anstelle eines Zentrums von globaler Macht sehen wir ein Verteilungsnetzwerk
von Mächten, das nicht weniger, ja sogar in vieler Hinsicht
stärker unterdrückerisch ist. Dem zu begegnen erfordert eine
andere politische Strategie. Es mag zu bestimmten Zeiten rhetorisch
nützlich sein, eine antiamerikanische Position einzunehmen. Die Orientierung
am Antiamerikanismus ist in der politischen Praxis innerhalb
und außerhalb der Vereinigten Staaten sehr stark ausgeprägt. Aber
sie reicht nicht aus, ist nicht adäquat, andere Strategien müssen entwickelt
werden.

L & W: Samir, teilst Du diese Sicht?

SA: In einigen Punkten, aber ich halte die Analyse für
unzureichend. Die kapitalistische Expansion war von Anfang an imperialistisch.
Ich kritisiere die traditionelle Ansicht, der Imperialismus sei
in einer späteren Phase des Kapitalismus in Erscheinung getreten.
Deshalb bestehe ich darauf, das System – ob es nun Empire heißt oder
sonstwie – als imperialistisch zu bezeichnen. Geschichte als eine Abfolge
von Hegemonien zu lesen, wie Immanuel Wallerstein es tut, und damit
zu implizieren, daß eine Hegemonie von der nächsten abgelöst werden
muß, ist eine sehr fragwürdige Sichtweise. Reale Hegemonie war
schon immer relativ, und zwar in sehr viel höherem Maße, als die Führer
hegemonialer Mächte annehmen. Die Regel ist nicht Hegemonie,
sondern die Abwesenheit von Hegemonie. Allerdings haben wir eine
neue Phase erreicht, in der es immer weniger Widersprüche innerhalb
der Teilbereiche des Zentrums gibt und geben wird. Man könnte von
der Entstehung eines kollektiven Imperialismus sprechen. Das bedeutet
jedoch nicht, daß es keine Hierarchie gibt; es heißt noch nicht einmal,
daß es kein spezifisch US-imperialistisches Projekt gibt. Es ist wichtig
zu mobilisieren, nicht gegen das Volk der USA, sondern gegen das militärisch-
hegemoniale Projekt der USA. Dieses Projekt nimmt seit 1990
einen ersten Rang ein; es mündete in einer Reihe von Kriegen, die –
geht man von jüngsten Ankündigungen aus – fortgesetzt wird. Hier ist
es wichtig, zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zu unterscheiden.
Nicht daß das europäische transnationale Kapital andere
Interessen verfolge als das Kapital der USA, die amerikanische Gesellschaft
betont jedoch historisch bedingt den Begriff der Freiheit und
vernachlässigt den der Gleichheit; das ist in Europa nicht der Fall.
Deshalb ist die Idee des Sozialismus in Europa, nicht in den USA, geboren
worden. Und deshalb sehe ich Europa – eher als die USA und, aus
anderen historischen Gründen sehr viel eher als Japan – als schwaches
Glied im globalen imperialistischen System. Innerhalb des Third World
Forum Network haben wir einige Diskussionen zu diesen Fragen mit
Vertretern der europäischen Linken aufgenommen. Diese Kräfte könnten
den Kern einer wiederaufgebauten Linken in Europa bilden. Wenn
man die imperialistische Dimension des Kapitalismus übersieht, wird
es jedoch keine europäische Linke geben.

L & W: Eine Nachwirkung des 11. September
scheint ein Machtzuwachs des Nationalstaats zu sein, der sich in der
gegenwärtigen Praxis, seine Bürger zu kontrollieren, zeigt. Wie wird
dies, Eurer Meinung nach, langfristig die Rolle und den Einfluß des
Staates auf die Macht bestimmen, zumal heute vielfach behauptet wird,
seine Bedeutung nähme ab?

SA: Wir sollten damit vorsichtig sein, zu behaupten, daß
die Macht des Nationalstaats reduziert wird; diesbezügliche Tendenzen
sind widersprüchlich und zweideutig. Wir sollten uns über das Grundprinzip
einig sein, daß es keine Ökonomie ohne Politik gibt. Sich vorzustellen,
daß der Kapitalismus ohne Politik, ohne Staaten agiere, ist
purer Unsinn. Wenn wir uns aber die heutigen Formen der Organisation
von Macht anschauen, ist da etwas dran an der Sichtweise, daß die
Macht des Nationalstaates, so wie sie sich historisch herausgebildet hat,
durch die wachsende Globalisierung reduziert wird.

MH: Vielleicht hilft es weiter, sich statt einer Reduktion
regulatorischer Elemente des Staates deren Transformation vorzustellen.
Möglicherweise können gleichbleibende Figuren, Ämter und Institutionen
eine andere Rolle spielen oder anders orientiert sein. Die
Rede vom Verkümmern des Nationalstaats erweckt die bildliche Vorstellung
tatsächlichen Schrumpfens, während die staatlichen Strukturen
– auf jeden Fall seit Reagan und Thatcher – eben nicht geschrumpft,
sondern gewachsen sind. Wir sollten danach fragen, wie
sich Transformationen vollziehen, um nicht dem Irrtum aufzusitzen,
die Rolle der Politik oder die politische Kontrolle würde sich verringern,
denn das passiert bestimmt nicht.

L & W: In der Geschichte des Sozialismus
war die Rolle des Staates schon immer ambivalent; sie oszillierte zwi-schen
dem proletarischen Internationalismus und dem Recht auf nationale Souveränität. Gibt es heute, aus der Sicht der Linken, einen Platz für den Nationalstaat?

MH: In seiner idealen Form hat das sozialdemokratische
Projekt schon immer den Einsatz des Staates für Wohlfahrtsinstitutionen
und bestimmte – wenngleich auch begrenzte – demokratische
Kanäle der Beteiligung beinhaltet. Ein Teil der Frage ist: Welche Chancen
gibt es in der heutigen Zeit für ein solches Projekt – also nicht die
Frage, ob es weniger wünschenswert, sondern vielmehr ob es nur noch
eingeschränkt realisierbar ist. Mit der Frage um die nationale Souveränität
verhält es sich wenig anders. Ich stimme mit der Ansicht überein,
daß es in gewisser Weise fortschrittlich ist, wenn der untergeordnete
Staat auf nationale Souveränität insistiert, aber im dominanten Staat ist
Nationalismus immer und überall eine häßliche Sache.

SA: Ich habe das Wort Nationalismus noch nie gemocht.
Für mich als Internationalist ist es schon immer abstoßend gewesen; es
ist geknüpft an die Verteidigung des bürgerlichen Staats und des Imperialismus.
Ein Bewußtsein für die nationale Dimension – die ja etwas
anderes ist – ist dagegen wichtig. Es gibt in der europäischen Linken,
insbesondere unter jüngeren Menschen, eine naive Tendenz, diese
Dimension zu negieren. Die nationale Arena ist noch immer wichtig,
wenn es um Klassenkampf und politisches Bewußtsein geht, und unter
den gegenwärtigen Bedingungen kann ihre Negation vom dominanten
Kapital instrumentalisiert werden, was ja bereits der Fall ist, auch in
Subnationen wie Ägypten, wo ich herkomme. Dort begegnen wir jetzt
Schlimmerem als dem Nationalismus, nämlich dem Islamismus. Die
Menschen brauchen offenbar den Bezug zu irgendeinem im globalen
System Sinn stiftenden Subkollektiv. Die ägyptisch-arabische Nation
hatte eine sehr positive Ausstrahlung, trotz Widersprüchen und Grenzen
und trotz der Tatsache, daß sie zum Teil von den herrschenden
Klassen besetzt wurde. Der Islamismus ist dagegen völlig destruktiv.
Das US-Establishment hat dies in einer frühen Phase begriffen und
seine Allianzen, nicht nur mit den Taliban, sondern mit unterschiedlichsten
islamistischen Bewegungen, zeugen von dieser Erkenntnis. Es
ist sehr gefährlich, die politische Bedeutung, die Nationen innehaben,
zu unterschätzen.

L &W: Michael, Du scheinst eher geneigt, die
Qualitäten des Anti-Nationalismus zu betonen.

MH: Absolut. Benedict Anderson hat dieses Schlagwort
von der Nation als imaginierter Gemeinschaft geprägt. Leider ist die
Nation mitunter die einzige Gemeinschaft, die die Menschen sich vor-stellen
können, wohingegen ich denke, daß es andere Möglichkeiten
gibt, Kollektivitäten zu konstruieren. Der Einwurf, man möchte ja
einerseits gegen alle Arten von Nationalismus kämpfen, die einzigen
Alternativen seien jedoch ein islamistischer Internationalismus oder
ein Internationalismus des neoliberalen Kapitals, dann halte ich dagegen,
daß die Nation dennoch nicht der einzige andere Lokus der Identität
ist und eine andere Alternative gefunden werden kann.

SA: Klasse ist eine andere.

MH: Klasse ist sicherlich eine.

SA: Und hoffentlich einflußreicher als Nation. Anderson
hat recht, wenn er sagt, die Nation ist eine imaginierte Gemeinschaft,
aber einmal imaginiert, wird aus ihr eine reale Gemeinschaft.
Michael Hardt: Zeugt es nicht von einer Armut der Phantasie, wenn
das die einzige Gemeinschaft ist, die wir uns vorstellen können? Globalisierungsbewegungen
sind im Begriff, zu zeigen, daß auch andere Formen von Gemeinschaft vorstellbar sind.

L & W: Wenn wir solche neuen Kollektivitäten
und ihre Bemühungen, auch neue Formen der Demokratie zu entwickeln,
anschauen – wo liegen die realistischen Möglichkeiten politischer
Alternativen?

MH: Ich bin mir nicht sicher, ob die neuen Bewegungen
bereits in der Lage sind, konkrete Alternativen vorzuschlagen, aber ihr
Experimentieren in Netzwerkstrukturen ist vielversprechend. Toni Negri
und ich sprechen von einer multitude, einem Begriff, der dem der
“Konvergenz in der Vielfalt” sehr nahe kommt, vielleicht mit einem
anderen Akzent: In einem gemeinsamen Projekt bleibt Vielfältigkeit in
unreduzierter Form erhalten. In gewisser Weise erzeugt ein Netzwerk
nie Widersprüche zwischen verschiedenen Bezugspunkten, denn es gibt
immer Triangulationen, wie sie, auf zunächst durchaus irritierende
Weise, in Seattle zu beobachten waren. Gruppen, von denen wir annahmen,
sie stünden objektiv im Widerspruch zueinander – Gewerkschafter
und Umweltschützer, aber auch Anarchisten, Kirchengruppen, lesbische
Gruppen und andere mehr arbeiteten -, zusammen, ohne daß
die Widersprüche, die zwischen ihnen bestehen, zum Tragen kamen.
Alle Widersprüche waren innerhalb dieser Netzwerkstruktur ausgelagert.
Ich glaube, das liegt zum Teil daran, daß die geometrische Phantasie
funktioniert. Ich halte diese gelingende Vernetzung für etwas
grundlegend anderes als etwa die Bildung einheitlicher Fronten oder
Koalitionen. Unsere bisherigen Vorstellungen von sozialen Bewegungen
müssen revidiert werden in einer Phase des Experimentierens mit
demokratischen Formen, die noch nicht klar entwickelt sind, aber bereits
auf völlig andere hindeuten.

L & W: Wenn es um die Frage der Heterogenität
geht, wird der Marxismus schon seit langem kritisiert, weil er
andere Formen der Unterdrückung als die der Klasse unkenntlich
mache. Kann man überhaupt die Idee von einem universellen politischen
Ziel mit der Vorstellung von differenten politischen Subjekten
verbinden?

MH: Ja, Toni Negri und ich sprechen in diesem Zusammenhang,
wie gesagt, von einer Politik der multitude. In den 80er Jahren
scheint es in den USA zwei Modelle der politischen Organisierung gegeben
zu haben. Eines basierte auf dem Prinzip Einheit, und die älteren
Parteien funktionierten nach diesem Prinzip, manchmal in die klassisch
marxistische Formulierung gefaßt, daß eine Haupttrennlinie
durch die Gesellschaft gehe, der andere Auseinandersetzungen, die es
auch gäbe, untergeordnet seien. Die Politik der Identität stellte diese
Sicht in Frage; sie basierte auf dem Prinzip der Differenz und der
Autonomie in verschiedenen Auseinandersetzungen um Sexualität, um
Gender, Rasse und so weiter. Heute, so scheint mir, ist diese Trennung
verlagert worden, Vielfalt und Gemeinsamkeit in Auseinandersetzungen
widersprechen sich nicht mehr. Wie gesagt, in Seattle konnte man
das beobachten. Ich glaube, daß der Widerspruch zwischen Identität
und Differenz durch die Kontinuität von Vielfalt und Gemeinsamkeit
ersetzt worden ist. Dies scheint ein reiches Feld für das Experimentieren
mit verschiedenen Formen der Demokratie zu sein, wenngleich die
Experimente noch nicht so weit gediehen sind, daß eine alternative soziale
Formation präsentiert werden könnte.

L & W: In Seattle spielten die Gewerkschaften
eine große und in vielen europäischen Ländern haben sie traditionell
eine entscheidende Rolle in der sozialistischen Bewegung innerhalb
des Nationalstaates. Allerdings haben nur wenige Gewerkschaften
aus der ersten Welt an dem Treffen in Porto Alegre teilgenommen.
Welche Rolle können sie innerhalb der Linken heute spielen?

MH: Generell können sie natürlich eine wichtige Rolle
spielen, aber bestimmte Gewerkschaften haben kaum fortschrittliches
Potential. Einige stehen diesen Bewegungen sehr nahe, andere nicht.
Einige wollen Veränderungen, andere ganz und gar nicht.

SA: Ich glaube, daß die Gewerkschaften sich mit großen
Herausforderungen konfrontiert sehen. Sie sind das Produkt bestimmter
Phasen in der Geschichte des Kapitalismus, insbesondere der Phase
des Fordismus mit ihren großen Industrien und einer scharfen Grenze
zwischen Arbeitern und Angestellten. Das war eine Zeit, zu der die
Expansion des Marktes eher inklusiv als exklusiv wirkte. Man arbeitete
innerhalb dieses Rahmens, in dem sich spezifische Organisationsmuster
herausbildeten, Ziele formuliert und erreicht wurden, was wiederum
Glaubwürdigkeit, Legitimität und Unterstützung hervorbrachte.
Wir befinden uns nun in einer Phase, in der jene Organisationsmuster
abgebaut werden und sich noch keine neuen klar herauskristallisiert
haben. Die arbeitenden Menschen haben ein gemeinsames, objektives
Interesse, aber sie sind nicht in einer Weise organisiert, die dieses
Interesse fördert. Wie soll man in dieser Situation einen gewissen Grad
an Einheit wiederaufbauen? Einige Gewerkschaften haben begonnen,
über diese Herausforderung nachzudenken, zum Beispiel die SUD in
Frankreich – sie gehörte zu den Mitbegründern von Attac und war in
Porto Alegre aktiv -, einige Zweige der Gewerkschaften in Italien, die
CUT in Brasilien, COSATU in Südafrika und der KCTU in Südkorea.
Ich meine, die Herausforderung besteht überall, erfordert überall die
Eröffnung der Diskussion und das Nachdenken über neue Organisationsformen,
die der veränderten Situation gerecht werden.

Published 22 August 2002
Original in English
Translated by Paula Bradish

Contributed by Mittelweg 36 © Mittelweg 36 eurozine

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