Das quantifizierte Selfie

Über die Handlungsmacht unserer digitalen Selbstporträts

Wir sollten vom Selfie eigentlich längst genug haben. Es ist schon überall gewesen, es hat alles mitgemacht, und alle und ihr Präsident haben eins aufgenommen. Das Selfie war im Weltall, unter Wasser, in den intimsten Bereichen des Liebesakts und auf den öffentlichsten Preisverleihungen in Hollywood. Das Selfie, sollte man meinen, hätte längst aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden sollen, dazu verdammt, den Rest seiner Zeit in stiller Schmach zu verharren, nur um in nostalgischen Gesprächen über die Zeiten, als Pluto noch ein Planet, Hello Kitty eine Katze und das Selfie etwas war, das von allen gemacht wurde, beschwört zu werden. Und doch, gerade wenn man glaubt, die Zeit des Selfies sei vorüber, weil Internet-Trendgurus über die nächste Mode spekulieren, die das Selfie verschwinden lassen wird, kommt es mit der Resilienz einer Kakerlake zurück und findet neue Wege, den Zeitgeist des digitalen Webs zu bevölkern. Wahrscheinlich müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, dass es von Dauer ist.

Photo: Patrik Theander. Source:Flickr

Wenn man selbst Teil der Selfie-Parade ist, sollte man wissen, dass es ein Irrtum ist, das Selfie als ein einfaches Ding zu betrachten. Das einzelne Gesichtsbild, das in eine Smartphone-Kamera schmollt, ungeschickt in jenem Winkel platziert, aus dem wir erfassen, wie wir für den Rest der Welt auszusehen glauben, war nur der Anfang der Geschichte. Jetzt, weil wir nicht genug kriegen können, sind “Twofies” (Kombinationen aus einem Selfie und einem zweiten Bild) und “Groufies” (Gruppen-Selfies) zu ganz gewöhnlichen Ereignissen geworden; das Selfie hat sich diversifiziert, sodass es nicht einfach beim Gesicht haltmacht. Das “Belfie” (Hinterteil-Selfie) wie jenes von Kim Kardashian (doch, sie musste hier einfach erwähnt werden, jetzt sind wir damit durch) oder das Fuß-Selfie, das vermutlich von jemandem populär gemacht wurde, den wir nicht kennen, weil wir nur dessen Füße sehen, sowie der “#Torsoshot”, der unterstreicht, dass junge Männer gesehen und nicht gehört werden sollten, sie alle sind in das visuelle und zirkulierende Vokabular unserer spektakelerfüllten Zeiten eingegangen.

Ein Teil der Anziehungskraft des Selfies besteht in der von ihm versprochenen Authentizität. Sogar wenn wir ein Selfie auf Instagram bis zur Unkenntlichkeit verändern, es bearbeiten, zurechtschneiden, filtern und formatieren, damit es wie das Bild von uns selbst aussieht, das wir in unseren Köpfen haben, glauben wir fest daran, dass es uns im Hier und Jetzt festschreibt. Wie ein Experten-Augenzeuge, der dabei ist, wenn ein Baum in einem einsamen Wald umfällt, etabliert das Selfie mehr oder weniger, dass jenseits kosmetischer Manipulationen, die das Selbst in ein Selfie transformieren, es das reale Du ist, in Echtzeit, das reale Dinge tut, die uns so gefangen nehmen, so aufregend sind, so viel Spaß bereiten und absorbieren, dass du diesen Augenblick einfach festhalten musstest, nur um sein Erleben ein klein wenig aufzuschieben, während du ihn in ein soziales Netzwerk deiner Wahl hochlädst. Eben deswegen überlebt das Selfie, und in einer Welt der simulierten Realität und pluraler Identitäten bleibt es das einzige reale Ding, welches das “Gerade-Jetzt” als einen Augenblick zukünftiger Nostalgie produziert.

Eben in dieser Selfie gesättigten Welt zog eine vor Kurzem veröffentlichte News-Schlagzeile über Bollywood meine Aufmerksamkeit auf sich. Darin reagierte eine neue Promi-Schauspielerin, Radhika Apte, auf “Fake Selfies”, die von ihr im viralen, pornografischen Informationsgefüge des digitalen Webs verbreitet wurden. Die Bilder, die sie angeblich in unbekleidetem Zustand zeigten, imitierten das “Fappening”-Phänomen, in dessen Zentrum ebenfalls Selfies stehen, und wurden von ihr insgesamt als Fake abgetan. Ich bin überzeugt davon, dass es sich um ein Kennzeichen der Selfie-Ästhetik handelt, wenn solche Bilder eben nicht einfach als unauthentisch, gefälscht oder fälschlich zugeschrieben, sondern als “Fake-Selfies” infrage gestellt werden. Wenn du geglaubt hast, das Selfie könnte eine Verkörperung des WYSIWYG-Versprechens (What you see is what you get) sein, die das Digitale anzubieten hatte – also dass das, was du gesehen hast, genau das war, was du auch bekommen hast –, dann ist die Vorstellung eines Fake-Selfies faszinierend. Nehmen wir also an, Selfies können gefälscht sein – Kim Kardashian braucht immerhin drei Stunden dafür, sich so herzurichten, dass sie jenes perfekte Selfie erhält, das sie dann an Millionen von Followern tweeted (ok, jetzt ich habe sie schon wieder erwähnt! Also los, mach auch ein Selfie!). Nehmen wir weiter an, dass sie Gegenstand ständiger Filterungen und Manipulationen sind – was würde dann ein “Fake-Selfie” ausmachen und was ein wirkliches Selfie?

Der “Apte-Skandal” starb einen schnellen Tod, während immer mehr Selfies von immer mehr Menschen zirkuliert und im “Interweb” geteilt wurden. Aber er rückt die Frage in den Vordergrund, was ein Selfie eigentlich ist. Ein Selfie, in seiner engsten Definition, ist ein Bild, das jemand mit einer tragbaren Kamera aufnimmt – normalerweise ist diese in ein Smartphone eingebaut – und das dann durch schnelle digitale Manipulationen online gestellt wird, wo es verbreitet wird und in den Raum der digitalen Zirkulation eintritt. Damit nehmen wir das Selfie allerdings zu wörtlich. Das Selfie ist nicht nur ein Ding, es ist auch eine Form. Es definiert ästhetische Bezugsrahmen, unterschiedliche Zirkulationswege, eine Transaktionswirtschaft von “Likes” und “Shares”, das soziale Aushandeln von Freundschaft und Intimität und einen Mechanismus der Verifikation, der Autorisierung und der Authentifizierung, die oftmals in den Hintergrund treten, wenn wir das Selfie als reinen Spaß und Spiel abtun.

Wenn wir das Selfie ernst nehmen und uns nicht nur mit seiner Popularität, sondern auch mit seiner Präsenz in unserem täglichen Konsum visueller Kulturen befassen, realisieren wir, dass das Selfie allgegenwärtig ist. Es ist nicht nur ein Objekt, sondern ein Genre, das alles umfasst, von Begegnungen mit dem Papst bis zur Pose bei einem Begräbnis. Das Selfie hat seine eigene Hymne, und es dominiert die Ästhetik unserer User generierten Pornografie. Das Selfie abzutun bedeutet nicht anzuerkennen, dass sich im Selfie Erinnerung und Begehren, Sehnsucht und Zugehörigkeitsgefühl miteinander vermischen, um so das Ich im täglichen Web zu präsentieren. Aber bei Selfies geht es nicht nur um “Klicken-Lächeln-Mit-anderen-Teilen”, sondern es verkörpert auch eine weitreichendere Industrie von Maschinen, die uns über biometrische Datensets und kuratorische Algorithmen identifizieren. Denn wenn du ein Selfie aufnimmst, präsentierst du dich nicht nur selbst, sondern du unterwirfst dich auch einer Reihe von Autorisierungen, die in deinem Namen stattfinden.

Maschinelle Autorisierung

Zum Beispiel ist da das Aktionsprogramm, das von dem Augenblick an aufgezeichnet werden kann, an dem du das Selfie aufnimmst, bis zu dem Zeitpunkt, wo es beginnt, im Web zu zirkulieren: Während du deine Kamera auf dein mürrisches Gesicht richtest, erkennt die Software bereits deine biometrischen Daten und speichert sie in deinem Bild ab. So erkennt die Autofokus-Funktion der Kamera, welcher Teil des Bilds dein Gesicht ist, und fokussiert darauf. Gleichzeitig hat die Software zur Ortsbestimmung bereits die grundlegende Information erfasst, wo dieses Selfie aufgenommen wurde, sowie die Tageszeit, das Datum und die Details des Geräts, das dafür verwendet wird. Alle diese Metadaten werden gespeichert, noch bevor du ein Selfie gemacht hast. Sobald einmal die digitale Blende geklickt hat, ist das Selfie auf deinem Smartphone gespeichert. Wenn du über ein automatisches Backup deiner Bilder verfügst, wird es in die Cloud übertragen, und wenn es in Echtzeit geteilt oder verbreitet wird, weiß es bereits, welchen deiner Freunde es zuerst besuchen wird. Während du die Bilder manipulierst, unterschiedliche Filter hinzufügst und die beste Wirkung ausprobierst, überprüft die von dir genutzte Anwendung deine Vorlieben, deinen Gesichtsausdruck, die Muster deines Browsens und speichert die Information in den Cookies auf deinem Smartphone. Sobald du auf den Auslöser drückst, wird das Bild auf den Anwendungsservern in multiplen Formen, Formaten und Größen gespeichert und beginnt, sich durch Benachrichtigungen und durch Push-and Pull-Mechanismen zu arbeiten, die dich unablässig identifizieren. Indem immer mehr deiner “Freunde” und “Follower” dein Selfie mögen, wird immer mehr Information von dir gesammelt. Die Vorlieben deiner Freunde, ihre Aufenthaltsorte, Interaktionen und Kommentare tragen dazu bei zu verifizieren, dass es sich hier um ein wirkliches Selfie handelt. Bei deinem Profil geht es also nicht nur um dich im Bild, sondern auch um all die anderen, die mit dir durch jenes Bild kommunizieren und so eine komplexe Beziehungskarte der unterschiedlichen Dinge und Menschen erstellen, mit denen du interagierst.

Während dein Bild populär wird und du dich im Ruhm Tausender “Likes” badest, setzen die Algorithmen eine Reihe von Korrelationen in Gang, die dein Bild mit all jenen anderen Bildern in der Datenbank abgleichen, die mit deinem einzigartigen Identifier auf jenem System verknüpft sind. Das gleiche Bild kann auch in andere Datenbanken wandern. Wenn du auf einer Plattform ein Selfie aufnimmst, wird es automatisch mit den Profilen anderer Plattformen getaggt, mit denen ein Datenaustausch-Abkommen besteht. Andere Systeme, mit denen du verbunden bist – wie deine Bank, deine mobile Brieftasche, deine Versicherungsgesellschaften – und die diese sozialen Netzwerke für ihre Daten anzapfen, erhalten ebenfalls eine Kopie deines Selfies, das auch für potenzielle ChefInnen und aktuelle KollegInnen verfügbar ist, die vielleicht deinen digitalen Raum teilen. Die Initiation dieses einen Selfies setzt also eine Datenwelle in Gang, die generiert, zusammengetragen, kuratiert und konsolidiert wird, jenseits deiner Vorstellungskraft oder Kontrolle. Und weil das Selfie der authentische, reale, tatsächliche und faktische Hinweis auf dein Selbst ist, wird es zu einem Mittel, dein reales Selbst zu authentifizieren. Dieses zusammengesetzte, quantifizierte Selfie-Profil kann unerwartete und überraschende Folgen haben. Beispielsweise kann ein Script deine sexuelle Orientierung herausfinden, indem es dein Selfie auf Facebook verfolgt und als Konsolidierungspunkt all deiner Daten verwendet. Egal, ob du diese preisgegeben hast oder nicht. In ähnlicher Weise kann dein Selfie auf Twitter leicht mit einem von dir auf einer Slut-Shaming-Webseite preisgegebenen Bild abgeglichen werden – Algorithmen können zwei und zwei zusammenzählen und beginnen, deinen Twitter-Usernamen, deine öffentlichen Webseiten oder deine Kontaktinformationen zusammen mit jenen kompromittierenden Bildern öffentlich zugänglich zu machen. Oder das Selfie, auf dem du Abenteuersport betreibst, könnte seinen Weg in die Datenbanken einer Versicherung finden, die von dir für deine Lebensversicherung eine höhere Prämie wegen riskanter Lebensentscheidungen verlangt.

Das Selfie lediglich als eine Darstellung unserer Person abzutun, unterschlägt die Tatsache, dass Selfies über eine Handlungsmacht verfügen. Sicherlich hängen sie von der Person ab, die auf den Auslöser drückt, aber darüber hinaus erfüllen Selfies durchaus hinterhältige Aufgaben und folgen den narrativen Strukturen von Spionagegeschichten. Indem wir Selfies als Genre betrachten und uns diese verwirrende Abfolge von Handlungen, Transaktionen und Mechanismen genauer ansehen, die es katalysiert, lässt sich erkennen, dass es bei Selfies nicht nur um die Einzelperson geht, die ihr eigenes Bild aufnimmt. Es geht nicht nur einfach um dich und dein Smartphone. Selfies können tatsächlich vorgetäuscht werden, und sie sind ein wachsender Präsentationsmodus für Fiktionen, damit diese wie Realität wirken.

Wir sollten zudem realisieren, dass Selfies nicht nur von menschlicher Handlungsmacht abhängen. Nicht-menschliche Selfies umgeben uns überall. Von Überwachungskameras an Straßenecken bis zu ferngesteuerten Flugzeugen, die draußen vor unseren Fenstern schweben, von versteckten Spionagekameras, die unsere Intimsphäre aufnehmen, bis hin zu Iris-Scans zur Personenautorisierung an offiziellen Kontrollpunkten werden Selfies unserer Personen über die gefeierte Idee des Selbstausdrucks hinaus aufgenommen, registriert, abgeglichen und zusammengefasst. Selfies sind nicht nur Bilder, sondern sie sind der Anfang des “Großen Datenselbst”, das quantifiziert, auf das etwas zurückgeführt und das verantwortlich für die digitalen Daten gemacht wird, die rundherum erfasst werden. Das Selfie ist jene Zone der Verschleierung, wo Korrelation und Kausalität aufeinandertreffen. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Inhalt. Es spielt keine Rolle, ob du so oder anders aussiehst, solange du lesbar und für die Systeme der Autorisierung, der Verifikation und der Quantifizierung auswertbar bist, die alle Datenketten und Verkehrsrouten, durch die das Selfie dein Selbst reisen lässt, speichern und sich auf unabsehbare Zeit daran erinnern werden.

Das Selfie ist demnach eine uns erfassende, aber auch eine uns begründende Struktur. Es “zählt” uns, aber es legt auch über uns Rechenschaft ab, es erzeugt Verbindungen und katalysiert Transaktionen, die das Selbst überschreiben und unterminieren. In dem Maße, in dem das Selfie uns immer weiter quantifiziert und sicherstellt, dass wir sind, wer wir sind, und das tun, was wir im digitalen Web vorgeben zu tun, müssen wir das Selfie für diesen Prozess verantwortlich machen. Die Verortung des Selfies als Manifestation der quantifizierten Selbstprozesse, die uns in “Datenpods” verwandeln, die geerntet und abgebaut, angezapft und neu kombiniert werden können, um uns schließlich in Datensubjekte zu verwandeln, ist wichtig, um zu verstehen, dass das Selfie nicht ein einzelnes Ding ist. Es existiert und ist dabei in eine komplexe Ökologie der Dateninteraktion eingebettet – das, was manchmal als Big Data bezeichnet wird. Somit sollte es auch dahingehend überprüft werden, wie es das Selbst anfällig dafür macht, in den digitalen Kreisläufen erfasst und eingeschrieben zu werden, die es durchwandert.

Published 30 October 2015
Original in English
Translated by Dörte Eliass
First published by Springerin 4/2015 (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Springerin © Nishant Shah / Springerin / Eurozine

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