Antisemitismus: Tatsächliche und fiktive Bedrohung

Göran Rosenberg argumentiert, dass antisemitische Phantasien nichts mit Juden selber zu tun haben. Jedoch scheint der oft angebrachte Vorwurf des Antisemitismus die Okkupationspolitik der israelischen Armee in einem beunruhigendem Maße zu legitimieren.

Ich habe seit langem behauptet, dass Antisemitismus, sprich Judenhass, nicht in erster Linie ein jüdisches Problem sei und folglich nichts, womit sich Juden abmühen sollten.

Antisemitismus baut auf abstrakten Phantasien und Vorstellungen über Juden; nicht darauf was wirkliche Juden denken, sagen oder tun, und erfordert demnach keine wirklichen Juden um zu existieren.
Antisemitische Phantasien sollen in Japan gedeihen, wo die Erfahrung mit wirklichen Juden gering ist, wie sie sich weiterhin in Polen fortsetzen, wo es praktisch keine Juden mehr gibt. Damit sei nicht behauptet, dass der Antisemitismus kein Problem für die Juden gewesen sei. Sie war gar zeitweise eine tödliche Bedrohung, gegen die Juden jedoch selber nicht viel haben unternehmen können. Oder anders gesagt, es hat keine große Rolle gespielt, was die Juden selber unternommen haben.

Nichts desto trotz ist der Antisemitismus, aus historisch erklärbaren Gründen, zwangsläufig der dunkle Kern geworden, um den sich die Juden der Nachkriegszeit formiert und definieren haben. Jude war derjenige, den zu ermorden Hitler nicht gelungen war. Jude war derjenige, den zu ermorden keinem neuen Hitler je gelingen sollte. Die Vernichtung der jüdischen Zivilisation in Europa gab den Juden in aller Welt die gemeinsame Schicksalsbestimmung, die sie dabei waren zu verlieren, und legitimierte somit den Kampf für einen jüdischen Staat in Palästina. Der jüdische Nationalismus wurde aus dem Antisemitismus geboren, wurde durch ihn gestärkt und lebt heute in einer immer problematischeren Symbiose mit ihm.

Wieso problematisch? Ja, weil schrittweise eine Situation entstanden ist, in der sich antisemitische Phantasien über die vermeintliche Macht der Juden ihre Nahrung schöpfen aus der Ausübung wirklicher Macht im Namen der Juden. Wir haben einen Antisemitismus bekommen, der sich auf die Dinge beruft, was ein sich jüdisch nennender Staat faktisch sagt und tut, und einen jüdischen Staat der sich wiederum auf Antisemitismus beruft, um zu rechtfertigen was er sagt und tut. Das erste ist Antisemitismus als Israelkritik getarnt. Das zweite ist eine Okkupations- und Eroberungspolitik als Verteidigung gegen Antisemitismus getarnt.

Nach zwei Jahren eskalierender Brutalisierung des Konfliktes im Nahen Osten herrscht gegenwärtig Hochkonjunktur sowohl für antisemitische Drohungen als auch für Feindbilder – wobei diese Vorstellungen momentan gefährlicher sind als die Drohungen selber. Die große Gefahr des Antisemitismus von heute ist ja nicht, dass er das Überleben der Juden bedroht, sondern dass er die Fiktion rechtfertigt dass deren Überleben auf dem Spiel stehe. Mit einem solchen Feindbild sucht im Moment die gegenwärtige Führung des Staates Israel die Juden der Welt zur Unterstützung von fortgesetzter Okkupation und Kolonisation zu mobilisieren, sowie für die systematische Beseitigung der palästinensischen Behörde, die vor neun Jahren noch ein Friedenspartner war. Heute gehöre sie jedoch in das mit antisemitischen Verfolgern und Volksmördern gefüllte Schreckenskabinett der jüdischen Geschichte.

Dieses Feindbild ist heute genauso falsch wie zu der Zeit, als Menachem Begin Yassir Arafat den Hitler unserer Tage nannte. Oder als die extremnationalistischen Kritiker des Osloabkommens Yitzhak Rabin als nazistischen Mitläufer ausmalten und den ideologischen Boden für seinen Mörder bereiteten.

Vieles kann man über die Kampfmethoden der Palästinenser sagen und über ihr Vermögen oder Unvermögen, ihre Interessen dem Staate Israel gegenüber zu behaupten. Derjenige der nach antisemitischen Ausdrücken in der palästinensischen oder arabischen Rhetorik sucht, braucht wahrlich nicht vergeblich zu suchen (auch nicht wenn er nach etwas positivem sucht). Doch im Unterschied zum Judenhasser mit seinem phantasiegenährten Antisemitismus befinden sich die Palästinenser in einer im höchsten Grade wirklichen Konfrontation mit “jüdischer² Macht. Die Palästinenser brauchen keine Juden zu hassen, um die Macht zu hassen, die sie besetzt hält.

Trotzdem ist ein Bild der Bedrohung Israels gezeichnet worden, das besagt, dass die Palästinenser nicht nur die Macht haßten sondern auch die Juden, dass sie die ganze Zeit das Ziel gehabt hätten, den Staat Israel zu vernichten, dass es ihnen dabei gelungen sei Rabin hinters Licht zu führen aber nicht Sharon, dass sie nicht nur mit den Terroristen aller Welt, sondern auch mit den Antisemiten aller Welt nun gemeinsame Sache machten, und dass der Krieg Israels gegen die Palästinenser demzufolge als Kampf fürs Überleben der Juden gesehen werden müsse. Damit die Juden überleben müssten ihre ewigen Verfolger niedergehalten werden.

Dieses Feindbild bekommt gegenwärtig starke Unterstützung aus den USA, teilweise von der amerikanischen Staatsführung, die dabei ist die Welt in terroristenfreundlich und terroristenfeindlich einzuteilen, teilweise von den amerikanisch-jüdischen Meinungsbildnern der politischen Rechten, die mit kaum verhüllter Schadenfreude auch den kleinsten antijüdischen Ausfall als Beleg für die Terroristensympathie der Welt im Allgemeinen und Europas im Besonderen hervorheben. Ein einflussreicher Leitartikler behauptet, dass man als Jude in Europa nicht länger sicher sei (Charles Krauthammer in der Washington Post, 26.04.02), ein anderer dass der Antisemitismus der Palästinenser auf eine Art und Weise schlimmer sei als der der Nazis, weil die Palästinenser, im Unterschied zu den Nazis, ihre Judenmörder öffentlich feierten (Ruth Wisse in Commentary, Oktober 2002).

Dies sind nicht nur maßlose Vergleiche. Es sind gefährliche Vergleiche, Vergleiche mit politischer Absicht und Wirkung. Die Vergleiche zielen darauf ab, die Juden der Welt zu Stellungnahmen und zu Handlungen zu bewegen, die, um den britischen Oberrabiner Jonathan Sacks zu zitieren, im Widerspruch zu den fundamentalsten Idealen und Wertvorstellungen des Judentums stehen. Es sind Vergleiche, gemacht zu einer Zeit, in der die Juden der Welt freier und sicherer leben als jemals zuvor. Sie trivialisieren dadurch den Antisemitismus und das Andenken an Millionen von Juden, die in dessen Schatten ermordet worden sind.

Dass Antisemiten über Juden phantasieren, bedeutet nicht dass Juden über Antisemiten phantasieren sollten. Da dies nun geschieht, offenbar, um ²jüdische² politische und militärische Aktionen zu rechtfertigen, die auf andere Art und Weise nicht zu rechtfertigen sind, wird es in aller höchstem Maße zu einem jüdischen Problem; auf jeden Fall aber zu einem Problem, bei dem es eine entscheidende Rolle spielt, was wirkliche Juden sagen und tun.

Published 6 December 2002
Original in Swedish
Translated by Ilan Cohen
First published by Dagens Nyheter (Swedish version)

© Göran Rosenberg Eurozine

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