Angekommen im 21. Jahrhundert

Istanbul ist längst eine europäische Metropole

2 November 2005
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Der letzte türkische Sultan Mehmed VI. Vahdeddin war die Nummer 36 in der über 600 Jahre langen und ununterbrochenen Kette von Vorgängern, die sich nach ihrem 1326 gestorbenen Vorfahren “Söhne Osmans” nannten. Nach dem Beschluss der “Grossen Nationalversammlung” in Ankara, den Sultan wegen Landesverrats anzuklagen, flüchtete er am 17. November 1922 auf dem englischen Kriegsschiff Malaya aus Istanbul. Der 61jährige hatte immerhin ein paar Jahre länger auf seinem Thron gesessen als seine Kollegen in St. Petersburg, Berlin und Wien, auch wenn sein Reich am Ende so geschrumpft war wie das der letzten Kaiser von Byzanz.

Mustafa Kemal Pascha, seit 1935 Atatürk, hatte nach seinem Sieg über das griechische Invasionsheer im Jahr 1922 das Sultanat vom Kalifat getrennt (die osmanischen Herrscher hatten seit dem 16. Jahrhundert den Kalifentitel geführt und damit den Vorrang über die gesamte Welt des Islams beansprucht). Abdülmecid, seit 1916 als ältester Prinz der Familie Osman Thronfolger, wurde nun von der Nationalversammlung erstmalig durch Wahl zum Kalifen bestimmt. In der Reliquienkammer des Topkapi-Serails leistete er seinen Amtseid, die Hand auf dem Schrein mit dem Mantel des Propheten. Danach fuhr er hinaus nach Eyüp, um beim Grabmal des grössten Stadtheiligen zu beten. Der letzte Kalif der islamischen Geschichte hatte eine umfassende ostwestliche Bildung erfahren, seine Sprachkenntnisse übertrafen die der meisten türkischen Intellektuellen. Er war nicht nur ein leidenschaftlicher, sondern auch ein hochbegabter Maler und Patron der Künste. Die Regierung in Ankara verfolgte seine Auftritte mit grossem Misstrauen, obwohl er sich auf seine zeremonielle und repräsentative Rolle beschränkte und weisungsgemäss Fes und Gehrock trug. Trotz mancher Sympathie für das neue Regime blieb auch ihm die Verbannung nicht erspart. Mit einem Schweizer Visum und etwas Taschengeld versehen, bestieg er am 3. März 1924, ohne die eingeräumte 72-Stunden-Frist auszuschöpfen, den Simplon-Orient-Express Richtung Lausanne. Seine neue Adresse lautete vorerst Grand Hotel des Alpes, Territet (Suisse). Mit dem Kalifen wurden 155 Familienmitglieder ausgewiesen, erst 1952 wurde den noch Lebenden – mit Ausnahme der kaiserlichen Prinzen – die Rückkehr in die Türkei gestattet. 1992 erhielt der staatenlose Chef der Familie Osman die Staatsangehörigkeit seiner Vorfahren.

Istanbul hatte seine Rolle als Hauptstadt bereits im Oktober 1923 endgültig verloren. Wenige Tage nach dem Abzug der alliierten Besatzungstruppen rückten türkische Soldaten im ehemaligen “Tor der Glückseligkeit” (Der-i Saadet war die amtliche Bezeichnung der Stadt) ein, die Bestätigung Ankaras als Hauptstadt war nur noch eine Formalität.

Ankara, vierzehn Expressbahnstunden entfernt, war Sitz von Regierung und Nationalversammlung eines Staates, der sich erst im April 1924 eine richtige Verfassung geben sollte. Zuvor hatte Ismet Paschader, der später den Nachnamen Inönü in Erinnerung an einen Schlachtort im Befreiungskrieg erhielt, in Lausanne ein Maximum an internationalen Konfliktstoffen verhandelt und die Konkursmasse des osmanischen Staates in einem dicken Bündel von Verträgen geordnet. Die Lausanner Verträge hatten die Souveränität der Türkei in den meisten Punkten wiederhergestellt. Allerdings hatte die internationale Gemeinschaft noch bis zum Vertrag von Montreux 1936 ein Mitspracherecht über die Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen.

Die alte Hauptstadt verlor ihre Funktion zu einem Zeitpunkt, an dem – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – die türkischen Muslime die überwältigende Bevölkerungsmehrheit bildeten (Griechen, Armenier und Juden hatten bis dahin einen bedeutenden Anteil). Zwischen 1877 und 1930 war ihre Einwohnerzahl (rund 700 000) keinen grossen Schwankungen unterworfen gewesen, trotz Kriegen, Einwanderungen und Vertreibungen. Lediglich die Invasion von über 100 000 russischen Flüchtlingen – Donkosaken, Kubankosaken, Offiziere und Soldaten, Fürstinnen und Huren, Künstler und Sportler – veränderte um 1920 vorübergehend die Demografie. Erst ab den 1950er Jahren wuchs die Bevölkerung stärker an.

Die nachosmanische Türkei hatte in ihren Gründerjahren nicht mehr Einwohner als der heutige Grossraum Istanbul: zwölf Millionen. Publizisten warnten in hysterischen Tönen vor dem Aussterben der Nation. Vor dem Zweiten Weltkrieg warben Plakate für die Familie mit mindestens drei Kindern. In Istanbul war die Geburtenrate durch späte Heirat und Verhütung seit je viel niedriger als auf dem Land. Noch lastete kein Bevölkerungsdruck auf den Wohngebieten der Stadt. 1936 plante die städtische Dampfschifffahrtsgesellschaft, drei Jahre lang Freifahrten für Ansiedler in den Bosporusdörfern anzubieten, um diese Standorte attraktiver zu machen.

Die Degradierung zur Provinzhauptstadt wurde von vielen Bewohnern kaum wahrgenommen. Die Botschaften behielten ihre opulenten Sommerresidenzen am Bosporus. Hier wurden die wichtigsten Zeitungen und fast alle Bücher gedruckt, und in der Hauptstadt kam der schale Witz auf, der angenehmste Ort in Ankara sei der Nachtzug nach Istanbul.

Privatleute investierten in Istanbul, wo am ehesten qualifizierte Arbeitskräfte zu finden waren, während in Anatolien grosse Industriekombinate nach sowjetischem Muster entstanden. Istanbul hatte seit den 1920er Jahren Flugverbindungen mit wichtigen europäischen Hauptstädten, Ankara nur einen Linienflug – nach Istanbul.

Paläste lüften

Niemand konnte ein halbes Jahrtausend osmanischer Geschichte unsichtbar machen. Im Gegenteil, nachdynastische Zeiten sind für die Schlösser der Fürsten oft gute Zeiten: Dunkelfeuchte Paläste werden gelüftet, Kostbarkeiten entstaubt, Archive inventarisiert und der Tourismus angekurbelt. Nach ein oder zwei Generationen revolutionärer Unduldsamkeit begann sich in der alten Haupt- und Residenzstadt teils platt-reaktionäre, teils harmlosnostalgische Reosmanisierung auszubreiten. Die 500-Jahr-Feiern, die 1953 an die Eroberung der Stadt unter Sultan Mehmed II. erinnerten, waren ein Wendepunkt bei der akademischen Rehabilitierung der osmanischen Epoche.

Die Sultane hatten das Topkapi-Serail schon vor 1860 verlassen. Das Dolmabahçe-Serail (1853-1855) blieb zwischen 1909 und dem Auszug des Kalifen Residenz. Sultan Abdülhamid ii. (1876-1909) hatte sich oberhalb von Besiktas im Yildiz-Palast eingerichtet. Dieser Komplex wurde vom Militär übernommen und bis 1978 der Kriegsschule übergeben. Heute hat sich das Kulturinstitut der Islamischen Konferenz im Yildiz eingerichtet. Als eine der ersten Aufgaben hat es sich der Erschliessung der Sammlung von Sultan Abdülhamid mit 35 000 Fotografien zugewandt, ein besonders augenfälliges Projekt der Rehabilitierung einer vielgeschmähten Epoche.

Dolmabahçe und diverse Lustschlösser wurden 1924 per Gesetz durch die Grosse Türkische Nationalversammlung der Nation übertragen, “mit allen Einrichtungsgegenständen, Gemälden, Kunstwerken und sämtlichen anderen beweglichen Sachen”. Atatürk nutzte Dolmabahçe als Sommerresidenz, empfing dort ausländische Diplomaten und hohe Gäste. 1930 versammelte sich im grossen Saal, der den Sultanen zur Entgegennahme von Gratulationen an den zwei hohen islamischen Festtagen gedient hatte, die Alliance Internationale de Tourisme unter dem riesigen Kristallleuchter. Hier veranstaltete Atatürk den Kongress für türkische Sprache, ein Schlüsselereignis für die neue Turkifizierungspolitik. Das Publikum hat, mit langen Unterbrechungen, seit 1937 Zugang zu dem monströsen Zuckerbäckerpalast. Am 10. November 1938 senkte sich die türkische Fahne über Dolmabahçe, Atatürk war in seinem Krankenzimmer gestorben. Vor der Überführung nach Ankara wurde der Staatsgründer im Festsaal der Sultane aufgebahrt.

Die Istanbuler konnten über die Jahrhunderte ihren Herrscher – wenn überhaupt – zu Pferd oder bei seiner Kutschenfahrt zum Freitagsgebet aus der Nähe sehen. Die Hauptmoscheen hatten Logen (Hünkar Mahfili), in denen er verborgen für die Gemeinde am Gottesdienst teilnahm. Mit der Ausweisung des Sultans und Kalifen verloren diese prächtigen, mit Fayencen verkleideten Räume ihre Funktion. Die Hagia Sophia als älteste und ehrwürdigste Sultansmoschee wurde 1934 der Verwaltung für Fromme Stiftungen entzogen und der Generaldirektion für Museen unterstellt. Ein Jahr später mussten türkische Besucher, wie ausländische Touristen auch, eine Eintrittskarte lösen, um das Innere zu betrachten. Für die Aya-Sofya-Medrese, die in osmanischer Zeit die unangefochtene Rolle einer juristisch-theologischen Eliteanstalt einnahm und um deren grosszügig dotierte Lehrkanzeln die Professoren mit Zähnen und Klauen kämpften, gab es keine Verwendung. Sie wurde abgerissen, weil sie nicht im amtlichen Verzeichnis der schützenswerten Baudenkmäler stand.

Die Forderung nach Wiedereröffnung der Aya Sofya als Moschee gehört zum politischen Repertoire der religiösen Parteien. Seit 1968 kam es zu gewalttätigen Demonstrationen, Soldaten mit Stahlhelm schützten das Bauwerk vor den Anhängern Necmettin Erbakans. Kurz vor der Militärintervention vom 12. September 1980 ging die Minderheitenregierung Demirel den Demonstranten einen kleinen Schritt entgegen und öffnete die Sultansloge für Beter. Die Generäle machten nach dem 12. September diesem Versuch, ein nationales Museum sukzessive in eine Moschee zurückzuverwandeln, ein Ende. Es blieb ein vorläufiges Ende, denn 1991 wurde die Sultansloge erneut zugänglich gemacht.

Unter Atatürk, vor allem aber unter seinen Nachfolgern Inönü (1938-1950) und Bayar (1950-1960), wurde in Istanbul eine Anzahl historischer Moscheen abgerissen, teils wegen angeblicher Baufälligkeit, teils weil sie dem Strassenbau im Weg standen. Die osmanischen Friedhöfe mit ihren charakteristischen Kopfsteinen wurden vielfach eingeebnet. Die modernen Stadtteile im Norden blieben lange ohne Gebetshäuser. Die konsequent neoosmanische Moschee von Sisli wurde erst 1945 in Angriff genommen.

Die Auseinandersetzung um einen Moscheeneubau am zentralen Taksim-Platz hielt bis 2002 an. Er steht für die Klagen observanter Türken über die “Stadteile ohne Gebetsruf”. Die Forderung nach einer Moschee am Taksim reicht in die 1960er Jahre zurück, kurz vor ihrer Verwirklichung rollten am 12. September 1980 erneut Panzer durch die Strassen der Stadt und das Projekt wurde aufgeschoben. Schliesslich beanspruchten die neuen Machthaber unter General Kenan Evren wie schon ihre Vorgänger vom 27. Mai 1960, das kemalistische Erbe zu verwalten. Der von den Generälen eingesetzte Bürgermeister wollte das Verkehrschaos in Gross-Istanbul militärischer Disziplin unterwerfen und setzte auf ein Parkhaus auf dem einzigen freien Grundstück in der Nähe des Platzes. Die Kämpfer für eine Moschee mussten sich nun pfiffigere Argumente ausdenken: Die türkische Aussenpolitik wende sich mehr und mehr der islamischen Welt, den arabischen Staaten zu. Bei einer islamischen Konferenz im Sheraton-Hotel sei 1983 das Fehlen einer Moschee schmerzlich aufgefallen, und Parkflächen könne man immer noch unter der Moschee anlegen.

Für die “Anhänger einer zeitgenössischen Lebensweise”, wie sich die Wortführer der Säkularen gerne nennen, hat der Taksim-Platz einen ebenso grossen Symbolwert wie – negativ – für die militanten Religiösen. Dieser kosmopolitischste Standort der Türkei schliesst das Siegesdenkmal von 1928 ein, den zentralen Ort für Kranzniederlegungen an republikanischen Feiertagen. Die Figuren stellen Atatürk, zwei seiner Generäle und Vertreter von Volk und Heer dar. Aufmerksame Betrachter entdecken an dem Denkmal Medaillons mit den Gesichtern von zwei Frauen. Beide tragen einen Schleier, die eine verhüllt ihr Antlitz, die andere öffnet den Gesichtsschleier mit einem fröhlichen, der Zukunft zugewandten Ausdruck.

Während die Taksim-Moschee bisher nicht verwirklicht ist, konnte als unübersehbare
Signatur der wirtschaftlichen Öffnung unter dem Ministerpräsidenten Turgut Özal das erste McDonald’s-Restaurant in der Türkei mit 150 Plätzen in derselben Gegend nicht aufgehalten werden. Es wurde 1986 eröffnet und fand bald türkische Nachahmer in der Fastfood-Branche. Die gutgestellten jugendlichen Gäste wissen vielleicht vom Hörensagen, dass der Taksim-Platz auch die Bühne für die studentischen Demonstrationen gegen einen Besuch der Sechsten us-Flotte am 16. Februar 1969 war sowie für die besonders blutigen Ereignisse vom 1. Mai 1977, als Unbekannte von den Hausdächern in eine Gewerkschaftskundgebung schossen. 34 Todesopfer und Hunderte von Verletzten waren zu beklagen.

Die Jahrzehnte zwischen 1960 und 1980 waren durch eine konfliktreiche Polarisierung zwischen “links” und “rechts” gekennzeichnet. Die Presse berichtete fast täglich von gewaltsamen Demonstrationen, Entführungen und politischen Morden. Eines der prominentesten Opfer war Abdi Ipekçi, der Chefredakteur der liberalen Tageszeitung “Milliyet”. Heute erinnern ein Strassenname und ein Denkmal an die Gewalttat vom 1. Februar 1971. Auch die anhaltende Wirtschaftskrise veränderte das Bild der Stadt in diesen Jahren.In der einst (und heute wieder) florierenden Hauptstrasse von Beyoglu schienen die Lichter auszugehen.

Ein Bestandteil der institutionellen Deosmanisierung Istanbuls war auch die Auflösung des Bab-i Mesihat hinter der Süleymaniye-Moschee. Hier hatte der Scheichülislam, der höchste islamische Würdenträger, seine Amtsgebäude. Unter der Republik zogen vorübergehend die Lehrer und Schülerinnen des ersten Istanbuler Lyzeums für Mädchen ein. Noch in den 1920er Jahren wurden die Räume dem Müftü der Provinz Istanbul übergeben.

Entspannung dank der nato

Die Deosmanisierung Istanbuls vollzog sich parallel zu einer flächendeckenden Austrocknung islamischer Institutionen. Vor diesem Hintergrund war das Fortbestehen des Ökumenischen Patriarchats für viele national religiöse Türken eine schmerzliche Realität.

Ankara gelang es aber ebenso wenig, den Patriarchen auf seine Rolle als “Erzbischof von Konstantinopel” zu reduzieren, wie das Konstrukt einer türkisch-orthodoxen Kirche mit einem Gegenpatriarchen namens Papa i. Eftim durchzusetzen. Die griechische Minderheit wurde zur Geisel der gespannten Beziehungen zwischen Ankara und Athen. Während des Zweiten Weltkriegs, in dem die Türkei neutral geblieben war, wurden griechische Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren wie die Angehörigen anderer nichtmuslimischer Minderheiten in Arbeitsbataillonen rekrutiert. Mitglieder der Gemeinschaft, die eine Sondersteuer auf Vermögen nicht aufbrachten, wurden ins ostanatolische Askale deportiert. Die Aufnahme der Türkei und Griechenlands in die nato (1952) und die Wahl einiger Istanbuler Griechen ins Parlament entspannte das Verhältnis. Als sich aber am 6./7. September 1955 offensichtlich provozierte Proteste gegen die Zypern-Politik Athens zu pogromartigen Ausschreitungen ausuferten, war das türkisch-griechische Verhältnis für lange Zeit irreparabel beschädigt. Neben Lynchmorden und Vergewaltigungen kam es zur Zerstörung von mehr als 70 Kirchen. Auf der zentralen Istiklâl-Strasse Beyoglus (der ehemaligen Grande Rue de Pera) wurden sämtliche griechischen Läden geplündert. In den folgenden Jahren verliessen bis auf etwa 2000 Menschen die letzten Griechen die Polis.

Der Mob hatte 1955 auch armenische und jüdische Einrichtungen nicht verschont, obwohl weder Armenier (etwa 50 000 Menschen) noch Juden (37 000) für aussenpolitische Verwicklungen in Haftung genommen werden konnten. Die Türkische Republik ist zwar Rechtsnachfolger des Osmanischen Staates, hat aber nach “Lausanne” die armenische Frage, das heisst die juristische und materielle Klärung der Massaker, ad acta gelegt. Folgenlos war schon der sogenannte Jungtürken-Prozess geblieben, der ab April 1919 in Istanbul geführt wurde. Er sollte vor allem klären, ob die “Vernichtung” der Volksgruppe das Ziel der Deportationen von 1915 war, wer die Befehle erteilte und wer die Tätergruppen waren. Die Verteidigung sprach damals von “kriegsbedingten Notwendigkeiten” und “Umsiedlungen”. Das jahrzehntelange Tabu um diese Ereignisse hat sich, zumindest unter den massgeblichen Historikern der Istanbuler Universitäten, aufgelöst. Die Beiträge armenischer Wissenschaftler, Ärzte und Künstler zur spätosmanischen und frührepublikanischen Kultur der Türkei wurden freilich von niemanden im Lande geleugnet. Die Baumeisterfamilie Balyan, deren Moscheen, Kirchen und Paläste (wie Beylerbeyi und Dolmabahçe) beide Ufer des Bosporus dekorieren, ist ein prominentes Beispiel für die innige Verbindung der Armenier mit der osmanischen Welt.

Ideal ist das Einfamilienhaus mit Garten

Die Musealisierung der sultanischen Residenzen einschliesslich der kleineren Pavillons links und rechts des Bosporus war einfacher als die Verlegung der Regierung mit ihrem umfangreichen Apparat. Die Hohe Pforte, das Amt des Grosswesirats, des Staatsrats und wichtiger Ministerien, wurde Sitz des Gouverneurs der Provinz Istanbul. Das republikanische Istanbul wurde wie alle grösseren Städte an der kurzen Leine der Provinzverwaltung geführt. Erst 1953 entstand mit dem Rathaus am Atatürk-Boulevard ein repräsentativer Grossbau für den Bürgermeister. Zusammen mit dem 1955 vollendeten Hilton-Hotel leitete er die Ära des “Internationalen Stils” in der Türkei ein.

Das alte Istanbul schloss zwar eine Menge kleinerer Grünflächen ein, war doch das Ideal des türkischen Wohnens das Einfamilienhaus mit Garten. Doch wurde mit zunehmender Bevölkerungsdichte das Bedürfnis nach Parkanlagen spürbar. Der Gülhane-Garten unterhalb des Topkapi-Serails wurde vor dem Ersten Weltkrieg der erste für die Öffentlichkeit zugängliche Park. Freilich war der grösste Teil der Palastgärten durch Eisenbahnen, Depots und Kasernen zerstört. Es sollte sehr lange dauern, bis mit der Neugestaltung der Ufer von Goldenem Horn und Bosporus grössere Grünflächen gewonnen wurden.

Ebenso stark wie die Verlegung der Hauptstadt nach Ankara haben die Flächenbrände der letzten 150 Jahre dazu beigetragen, Istanbul zu deosmanisieren. Ab dem späten 19. Jahrhundert datieren ältere Einwohner die Geschichte der Stadt nach den grossen Bränden, die in ein, zwei Tagen und Nächten ganze Quartiere verschlangen. Zwischen 1908 und 1921 wurden im Jahresdurchschnitt 1630 Häuser durch Feuer vernichtet. Innerhalb des von den Theodosianischen Mauern abgegrenzten Altstadtdreiecks gibt es fast kein Quartier, welches die Zeiten des Sultan Abdülhamid II. unbeschädigt überdauert hat. Die Chronisten des 20. Jahrhunderts begnügen sich mit der Registrierung der grossen Brände, die mindestens fünfhundert Häuser, Dutzende von Moscheen und Kirchen und einen oder zwei Märkte verschlangen. Dass die Archive der osmanischen Administration und des Hofes, ein riesiges Gedächtnis mit Millionen von Urkunden und Registern, erhalten blieben, kann man nur staunend auf die Habenseite der Geschichte buchen. Die Archive bewahren nicht nur die wichtigsten Zeugnisse der türkischen Vergangenheit, sondern sind auch für mehr als 30 Staaten von Belang, die einst ganz oder teilweise Bestandteil der osmanischen Länder waren.

Die Brandkatastrophen waren zwar für die Einwohner ein grosses Unglück, boten aber früh die Gelegenheit zu einer mehr oder weniger zaghaften Begradigung des Strassennetzes mit seinen unzähligen engen und krummen Sack- und Suchgassen. Die Brandversicherung verbreitete sich trotz mancher Einsprüche von islamischen Gelehrten, die ein Prinzip der Scharia, nämlich das Verbot des kalkulierten Risikos, verletzt sahen. Die Risikoabschätzung setzte eine kleinteilige Kartierung der Stadt voraus, aus der hervorging, welche Häuser ganz, welche teilweise oder gar nicht mit Holz errichtet wurden. Der Topograf Jacques Pervititch begann 1922 mit der vollständigen Aufnahme der Riesenstadt. Seine Auftraggeber waren ausländische Versicherungsgesellschaften, die sich schon seit Jahrzehnten um den Istanbuler Markt balgten.

Via Triumphalis für die Gastarbeiter

Der französische Berater Henri Prost (1874-1959) hat im Auftrag der Regierung am stärksten in den Stadtplan eingegriffen. Die Schneise des von ihm konzipierten Atatürk-Boulevards war so breit, dass sie, ähnlich wie die vom Taksim abgehende Inönü-Promenade, einen bepflanzten Grünstreifen in der Mitte erlaubte. Die Grünanlage am Atatürk-Boulevard musste bald dem Verkehr weichen, für den der bekennende Automobilfreund Prost Istanbul ja auch erschliessen wollte. Sammeltaxis amerikanischer Marken (dolmus) und Minibusse fuhren über die neuen Boulevards. In der Menderes-Bayar-Zeit (1950-1960) wurden die Küstenparallelen an Marmarameer und Bosporus angelegt. Für die ersten aus Deutschland zurückkehrenden Gastarbeiter war die E 6 eine Via Triumphalis von der bulgarischen Grenze bis Istanbul, danach waren ihre Ford und Opel auf anatolischen Erdstrassen härteren Tests ausgesetzt. Eine Zeitlang setzte man in Istanbul wie anderswo auf die “Gehörnten”, das heisst elektrische Oberleitungsbusse. Die Strassenbahngeleise wurden erst auf der europäischen Seite, dann auch drüben in Üsküdar und Kadiköy herausgerissen. 1990 ist man reuevoll zur Tram zurückgekehrt und verlängerte die Metrostrecke vom Taksim-Platz nach Karaköy am Goldenen Horn.

Istanbul, das in den osmanischen Jahrhunderten die Reichtümer vieler Länder konsumierte, war nun, wie der Dichter Yahya Kemal einmal schrieb, aufgefordert zu produzieren. Allerdings erfolgte die sprunghafte Industrialisierung der 1970er Jahre ohne Flächennutzungspläne. Die Ansiedlung von Fabriken war so anarchisch wie die Anlage von Wohnvierteln. Illegale Siedlungen (gecekondu) folgten den Arbeitsplätzen. Erst nach 1980 erhielt Istanbul eine Planungshoheit, die es ermöglichte, das Goldene Horn zu sanieren und umweltschädliche Gewerbegebiete, wie das Gerberviertel in Kazliçesme vor den Landmauern, nach Asien umzusiedeln.

Die ersten Squatter-Areale haben sich längst durch Amnestien nach Wahlen und die Bereitstellung von Infrastruktur (Strassen, Wasser, Elektrizität) in durchschnittliche Wohngebiete verwandelt. Für Beobachter ist es verblüffend, in diesen sogenannten Gecekondu-Gebieten sechs- bis siebenstöckige Apartmenthäuser zu sehen, die nach dem Yapsat-Prinzip (“bau und verkauf”) errichtet wurden: Ein Bauunternehmer bietet den Grundstückbesitzern (man müsste eher von Besetzern sprechen) eine oder zwei Eigentumswohnungen als Gegenleistung in einem Neubau an. Sogar Hotels in der Innenstadt wurden ohne Genehmigung errichtet, ganze Universitäten und sogar das neue amerikanische Generalkonsulat über dem Bosporus sind Schwarzbauten.
Für die Wohlhabenden entstehen Satellitenstädte (uydu kent) mit grossen Grünflächen zwischen den Häusern, Swimmingpools und Tennisplätzen. Die Reichen bezahlen die Abschottung von den Düften der Lahmacun-Buden, wo die Pizza der kleinen Leute feilgeboten wird, mit absurd langen Anfahrten. Alle Bewohner der Stadt haben hingegen Aussicht auf geringere Luftverschmutzung, denn seit 1993 werden Erdgasleitungen verlegt.

Das Centro storico der Touristen und Archäologen umfasst nur 5 Prozent der Fläche, und vielleicht 10 Prozent aller Einwohner der Megastadt wohnen im Zentrum. Die Probleme des durchschnittlichen Istanbulers sind nicht die dekorative Wiederherstellung von ein paar Holzhäusern hier und die Freilegung einer römischen Säulenbasis da. Die Menschen an der Peripherie der Stadt besuchen weder die höchst erfolgreiche Biennale noch Kammerkonzerte in der Irenenkirche. Ihre Themen sind die steigenden Brotpreise, die überfüllten Schulklassen, die unsicheren Arbeitsplätze. Die meisten wissen, dass sie mit ihren Jobs in der Bekleidungs- und Textilindustrie, aber auch in anderen Branchen mit Billigarbeitern in China und Bangladesh konkurrieren.

Istanbul hat seine enormen Probleme bei der Wasserversorgung und Müllabfuhr seit 1994 etwas besser im Griff. Damals übernahm die islamistische Wohlfahrtspartei die Stadtregierung und die Mehrheit der 33 Arrondissements. Ob die Kommunalpolitik damit transparenter geworden ist, wie die Wahlwerbung der Partei versprach, darf man bezweifeln. Von 200 000 versprochenen Sozialwohnungen wurden nur wenige gebaut und von diesen viele unter der Hand verschachert. Der massive Klientelismus, der sich auf die gemässigte Nachfolgerin, der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (akp), übertragen hat, wird von den Istanbulern, die nichts anderes kennen, schulterzuckend hingenommen.

Ist Istanbul unter der akp-Regierung in Stadt und Land frömmer, islamischer geworden? Die Zahl der Moscheen, über 2000, hat nicht sprunghaft zugenommen, auch nicht die der Religionsdiener. Andererseits ist der islamische Habitus Istanbuls insbesondere im Fastenmonat Ramadan durch zahlreiche Zelte für die Mahlzeiten, aber auch durch traditionelle Vergnügungsangebote ausgeprägter als zuvor. In einigen Vorstadtarrondissements wird eine als islamisch bezeichnete Moral sichtbar durchgesetzt. Sie drückt sich vor allem in einem eingeschränkten Bewegungsradius der Frauen aus. Insgesamt aber ist Istanbul nach allen mehr oder weniger sichtbaren Formen der Reosmanisierung kein reaktionäres Gegenmodell zu einem angeblich nüchtern-progressiven Ankara geworden (auch dort stellt die akp den Oberbürgermeister).

Die Anziehungskraft der Stadt für Migranten aus dem In- und Ausland bleibt. Vorschläge wie die des damaligen Bürgermeisters und heutigen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, ein Visum von Zuzüglern aus Anatolien zu verlangen, machten Schlagzeilen, bewirkten aber sonst nichts. Die Attraktion Istanbuls hat nicht nur ökonomische Gründe. Für junge Leute, die in einer östlichen Provinz aufwachsen, in der es weder ein Kino noch eine halbwegs anständige Buchhandlung gibt, in der die soziale Kontrolle in den Wohnstrassen übermächtig ist und der religiöse Lebensstil auch Schulen und Universitäten beherrscht, ist und bleibt Istanbul ein Magnet.

Ottomanica in der Vitrine

In der Türkei sehnt sich fast niemand nach den Sultanen und Kalifen zurück. Der kulturelle Neoosmanismus enthält vor allem elitäre und kulinarische Komponenten. Nur wenige Liebhaber beschäftigen sich mit der Aufarbeitung der Tradition, doch stösst man heute bei der Beschäftigung mit dem literarischen und musikalischen Erbe, der mystischen Spiritualität und anderen Antiquitäten nur noch bei einigen Stahlhelm-Kemalisten auf höhnisches Unverständnis.

Der neutürkische Begriff “nostalji” evoziert eher osmanische “Haute Cuisine”, Kütahya-Fliesen im modernen Badezimmer und eine Vitrine mit dem handschriftlichen Koran des Urgrossvaters in der Ecke des Salons. Touristen werden überall von dieser neoosmanischen Welle mitgetragen. Das Çiragan-Kempinski bietet Wellness wie “Royal Ottoman hydrotherapy bath” und “Ottoman Beauty”. Eine “traditionelle Abreibung mit dem kese genannten Handschuh” ist für beachtliche 100 Dollar zu haben. Aber auch für Ahmed Normalverbraucher öffnen sich mehr und mehr Hamams zu vernünftigen Preisen.

Mit der Verklärung der Vergangenheit kann man die Krankheiten der modernen Megalopolis nicht heilen. Für die meisten Bewohner der Stadt gibt es keine Alternative zu einem westlichen Lebensstil. Eine sichtbare säkulare Mittelschicht übernimmt als Vorposten und Vermittler einer europäischen Lebensweise jene Funktionen, die früher von den nicht-muslimischen Minderheiten ausgefüllt wurden. Wer zweifelt, dass Istanbul eine europäische Metropole geworden ist, wird beim Vergleich mit den Städten des arabischen Ostens, mit Teheran oder Karachi, eines Besseren belehrt.

Published 2 November 2005

Original in German
First published in du 10/2005

Contributed by du
© Klaus Kreiser/du Eurozine

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