Willkommen in der Wüste des Realen, Teil II

In einem seiner weniger bekannten Romane (Tunnel zu den Sternen) sucht Robert Heinlein nach einer Antwort auf die Frage: “Welche Spezies ist die tödlichste?” Die Antwort lautet selbstverständlich: “Der Mensch” – das einzige Lebewesen, das ohne naturgegebene Notwendigkeit, also nicht unter dem Diktat des Instinkts handelnd, tötet, verstümmelt und zerstört. Für den Menschen ist selbst der Überlebenskampf nichts Natürliches mehr: Wenn ein Tier angegriffen wird, reagiert es unmittelbar instinktiv mit Kampf oder Flucht; der Mensch hingegen plant im Voraus und trifft Vorsorge, er wählt den Angriff als beste Verteidigungstaktik, ohne zu erwägen, ob seine Existenzgefährdung real oder lediglich eine vorgestellte ist. Das Trachten nach dem Schutz des eigenen Lebens (im Gegensatz zum Instinkt bei Tieren, der zur Aufrechterhaltung der Art dient) und nach Erhaltung aller, die eigene Person konstituierenden, individuellen Faktoren (ob es sich dabei nun um physische Integrität, materielle Güter oder psychologische Merkmale handelt), macht die menschliche Spezies zur gefährlichsten aller Arten: Menschen sind imstande, für “eine Hand voll Dollar” zu töten (auch wenn sie nicht der Hunger dazu treibt), für Ehrbegriffe, Gott, für König und Vaterland oder auch einfach um des Tötens willen, aus purer Lust daran. Jean-Paul Sartre hat diese Erkenntnis mit dem Diktum “l’enfer c’est les autres” kurz und bündig auf den Punkt gebracht: Wir neigen dazu uns die Hölle, die Quelle von unermesslichem Leid und Verlust, als “etwas Anderes”, etwas nicht zum Menschen Gehörendes vorzustellen; doch die Hölle, das sind gerade die anderen, unsere Mitmenschen. Jede Beschreibung der Hölle, ob verbal oder bildlich, untermauert dies: Die Darstellung von Dämonen, Teufel und ähnlichen Wesen orientiert sich ja am Menschen, überzeichnet ihn nur, verleiht ihm eine Reihe zusätzlicher phallischer Merkmale (Hörner, Schwanz, Speer, Dreizack) und zeigt ihn in einer Position absoluter und unerschütterlicher Macht.

Da die Idee der Hölle nichts anderes ist als einer der unzähligen, vergeblichen Versuche das Reale darzustellen, dieses schwarze Loch in der Struktur unserer empirisch wahrgenommenen Umgebung, das sich in ihr nicht manifestierende Zeit-Raum-Gebilde, das sich jedem Darstellungsversuch entzieht (Symbolisierung, Sprache), ist es folgerichtig, dass sich das Reale auch in unseren “Mitmenschen” (eine Übersetzungsvariante von Sartres “les autres”) findet. Obwohl diese Tatsache immer irgendwie im Raum steht, unheimlich am Rande unseres Bewusstseins lauert, wird die unmittelbare Vergegenwärtigung doch durch die Existenz eines Über-Ich, sei es individueller oder sozialer Natur, überlagert. Wir wähnen uns in Sicherheit, gehen davon aus, dass sich unser Nachbar nicht plötzlich und ohne ersichtlichen Grund in einen vergewaltigenden und plündernden Wahnsinnigen verwandelt. Natürlich wissen wir um die Erkenntnisse der Psychiatrie, die eine derartige Verwandlung erklären (Traumata, eine sich bis dato nicht manifestierende genetische Fehlfunktion etc.) und die Möglichkeit nicht unbedingt von der Hand weisen, doch reichen uns schon allein diese rationalen Erklärungen, um (unsere Augen davor zu verschließen und) ruhig zu schlafen.

Nicht, weil es in unserer Natur liegt, unseren Nachbarn zu lieben und ihm zu vertrauen, schlafen wir ruhig, sondern weil wir an die schützende Hand des Namens-des-Vaters glauben, jenen von Jacques Lacan geprägten, berühmten Begriff, der die Existenz eines verbietenden und mit Kastration drohenden Vaters symbolisiert (le nom du père / le non du père) und als Metapher für den leiblichen Vater, den Staat oder Gott steht. Natürlich ist die Welt voll von Einbrechern, Dieben, Mördern, Massenmördern und Terroristen, aber sie gehören einer anderen Gruppe Mensch an, sind nicht unsere Nachbarn, nicht unseresgleichen. Der Name-des-Vaters, in unserem Fall der Staat mit seinem Apparat von Polizeieinheiten, Gerichtssystemen, Staatsanwälten, Gefängnissen und Todeszellen, schützt uns vor diesen “anderen”. Diese Institutionen stellen einen der Hauptgründe dar, warum wir die Oberhoheit des Staates anerkennen und uns in sie fügen. Der Name-des-Vaters ist niemals eine separate, in sich geschlossene und/oder sich selbst dienende Entität; vielmehr steht er als Variable für die endlose Reihe von Schutzvorkehrungen, die wir gegen unsere Mitmenschen, unsere Brüder (nicht Schwestern) treffen. Unser Nachbar hat ein Gewissen; wenn er diesem zuwider handelt, so verfolgt ihn dabei stets die immanente Angst, die anderen Nachbarn könnten ihn bei seiner Missetat erwischen und könnten ihn im Zuge des permanenten Kampfes um Vormachtstellung im nachbarlichen Mikrokosmos in Misskredit bringen. Wenn diese Angst allein nicht ausreicht, ihm Einhalt zu gebieten, so bleibt noch der Staat mit seinen Gefängnissen und Todeszellen, und sollten selbst diese nicht genügen, so liegt die Verantwortung bei den psychiatrischen Anstalten, die ihn für wahnsinnig erklären, aus dem nachbarlichen Mikrokosmos entfernen und ihn zum Nicht-Subjekt machen werden. Bis vor kurzem fungierten noch Gott und/oder religiöse Institutionen als letzte Instanz des Namens-des-Vaters; heute, da Gott und Religion weitgehend passé sind, nehmen psychiatrische Anstalten ihren Platz ein, die schon seit Ende des 18. Jahrhunderts auf diese Funktion vorbereitet wurden.

Es ist das Reale, das uns den Schlaf raubt, das sich dem dichten Netz der Kontrolle und Gegenkontrolle, für das der Name-des-Vaters steht, entzieht. In der Sphäre des Realen entbehren die phallische Funktion und die Androhung der Kastration jeder Bedeutung. Erdbeben und Stürme sind in dieser Sphäre des Realen anzusiedeln: Einem Sturm kann man kaum mit Kastration drohen. Das steht nicht in unserer (noch irgendjemandes) Macht. Sollte sich so manche Science-Fiction-Vorhersage bewahrheiten, werden wir vielleicht einmal imstande sein, das Kommen eines Erdbebens rechtzeitig zu erkennen, seine Stärke zu mindern, seine Richtung umzulenken oder es sogar zur Gänze abzuwenden. Mit Drohungen können wir jedoch nichts ausrichten: Das Beben fürchtet uns nicht. Es kennt keine Angst, hat keine Ideen oder Gefühle, denen eine Bedeutung in der symbolischen Ordnung, das heißt in der Sprache, zukommt. Es entzieht sich also ihrem zentralen, kastrierenden Prinzip, dem Phallus. Eine Naturkatastrophe unterliegt nicht dem phallischen Prinzip; sie ist einfach nur, oder, wenn wir über Know-how und Mittel verfügen diese abzuwenden, dann ist sie eben nicht.

Die erste Einladung

Slavoj Zizek verlieh den 9/11-Anschlägen auf das World Trade Center den Namen “Die Wüste des Realen” (in Anlehnung an den Film Matrix), womit er den Aufbruch in eine neue Phase unserer Beziehung zum Realen ankündigt (und unsere unzulänglichen Versuche aufzeigt, dem Realen einen Namen zu verleihen, es zu symbolisieren und damit zu domestizieren). Das Reale regnete nun nicht mehr als Feuer und Schwefel vom Himmel; es zeigte sich neuerdings in Menschengestalt – Personen, die vertraut genug mit unserer Zivilisation waren, um ein Flugzeug zu entführen und zu fliegen. In dieser multikulturellen Welt, in der wir heute leben, hätte jede dieser Personen unser Nachbar sein können und hätte aus diesem Grund, zumindest theoretisch, der Kontrolle des Namens-des-Vaters unterliegen müssen. Leider war dem nicht so: Diese Personen hatten kein Gewissen im Sinne der westlichen Zivilisation, auch hatten sie keine Angst vor dem amerikanischen Machtapparat, vor Polizei oder Armee, Gefängnissen oder Todeszellen, und noch nicht einmal der Tod selbst vermochte sie abzuschrecken.

Mit der Existenz solcher Menschen konfrontiert zu werden, bedeutete einen scharfen Einschnitt in die symbolische Ordnung der amerikanischen Bevölkerung, obwohl gerade diese Kultur in Hollywood-Filmen schon immer mit dem Realen geflirtet hatte, mit Naturkatastrophen, Fremdinvasionen oder auch “dem Bösen in Reinform” – Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten und demzufolge nicht mehr der Kontrolle und Gegenkontrolle des Namens-des-Vaters unterstanden. Mit 9/11 ging der Flirt in eine ernste Beziehung über, die an diesem Wendepunkt, wie so oft, albtraumhafte Dimensionen annahm. Unzählige Male hatte ein US-Publikum die Vernichtung der riesenhaften, phallischen Türme New Yorks durch Naturkatastrophen, Bombenanschläge oder Fremdinvasionen auf der Leinwand bezeugt; nur dieses Mal war es real, eine Begegnung mit dem Realen. Und dieses Mal trat das Reale auch nicht in Form von Naturkatastrophen, von fremden Kreaturen oder auch nur in Form eines einzigen Wahnsinnigen auf, dessen Gewalttat auch sein eigenes Ende bedeuten musste. In diesem Fall manifestierte sich das Reale als durchorganisierte Gruppe, deren Attentäter zwar selbst beim Anschlag umkamen, doch die Organisation als Ganzes blieb bestehen (wie man allgemein annahm).

Die Auswirkungen waren unterschiedlicher Natur. Einerseits blieb die Bedrohung durch die al-Qaida, das vergegenständlichte Böse in Reinform (nicht unähnlich der Terror-Organisation Spectre aus verschiedenen James-Bond-Filmen), bestehen und war dazu angetan die Angst weiter zu schüren. Andererseits hatte die Bedrohung letztendlich zumindest Gestalt angenommen und konnte symbolisiert werden. Mit der Schaffung (und Überzeichnung) einer permanenten Bedrohung durch eine transnationale Organisation des Bösen in Reinform (und ihrem satanisch anmutenden Anführer), gelang es der US-Regierung, das Reale als eine Gruppe von religiösen Fanatikern zu domestizieren, die sich ihren sicheren Platz im Himmel bereitwillig mit dem Freitod erkauften. Nun war es möglich, das Reale zum Ziel einer ununterbrochenen Kriegsanstrengung zu machen (“Krieg gegen den Terror”), es konkret einzuordnen und als etwas Definierbares und Kontrollierbares darzustellen.

Diese erste Begegnung mit dem Realen war also sicher domestiziert worden, konnte als casus belli sogar zum eigenen Vorteil für die Invasion im Irak und Afghanistan genützt werden. 9/11 war nicht mehr nur der unaussprechliche, unbeschreibliche Terrorakt, sondern darüber hinaus der Anlass für die Invasion amerikanischer und britischer Truppen im Irak, wo sie mehr Menschen hinmetzelten, als in den Anschlägen von 9/11 ums Leben gekommen waren. Doch handelte es sich dabei ja um einen “Kriegsakt”, womit der Platz in der symbolischen Ordnung klar definiert war (außer vielleicht für jene, die unmittelbar vor Ort in die Kriegshandlungen involviert waren). Der Absenz eines Über-Ichs im Sinne unseres westlichen Gewissens bei den al-Qaida Milizen begegnete man mit der militärischen Macht der US-Armee. Und obwohl sie nicht dafür ausgelegt war, es mit Terrororganisationen wie der al-Qaida aufzunehmen, so war die Stationierung der US-Truppen doch notwendig zur Restauration und Stärkung des Namens-des-Vaters, der gemeinsam mit seiner herausragendsten phallischen Repräsentation zerstört worden war.

Die zweite Einladung

Die zweite Einladung in die “Wüste des Realen” traf ziemlich genau vier Jahre später ein: Hurrikan Katrina, der noch vor Eintreffen mit einem Vornamen versehen und so symbolisiert worden war (die Namensgebung von Hurrikans, Stürmen und Tornados stellt einen weiteren Domestizierungsversuch des Realen dar), prallte auf die Südostküste der USA und richtete im Großraum New Orleans verheerende Verwüstungen an. Der Wirbelsturm war schon lange vorhergesagt worden, doch hatte man seine Auswirkungen gravierend unterschätzt. Ohne Zweifel handelte es sich auch im Fall von Hurrikan Katrina um eine Begegnung mit dem Realen, doch diese Art Begegnung ist heute weitgehend Bestandteil unseres Alltags: Ein Jahr zuvor waren Sumatra, Sri Lanka, Thailand und Indien von einer furchtbaren Tsunamikatastrophe heimgesucht worden, in der mehr als 200 000 Menschen umkamen. 1999 legte ein Erdbeben die türkischen Städte Izmit und Gölcük in Trümmer und forderte, laut inoffiziellen Quellen, 30 000 Todesopfer. Die Katastrophe in New Orleans stellte also nicht wirklich etwas Neues dar.

Was diesmal wirklich bis dato ungesehen war und als unfassbare Überraschung kam, war das totale Versagen der US-Regierung im Krisenmanagement. Sogar jene “Dritte-Welt”-Länder, die ein Jahr zuvor mit der Tsunamikatastrophe konfrontiert gewesen waren, hatten effizientere Maßnahmen gesetzt, als es die USA in New Orleans taten; ja, sogar die türkische Regierung, die im Ruf steht, in der Krisenbekämpfung eher nachlässig vorzugehen, schaffte es bei dem großen Beben vor sechs Jahren, einen gewissen Anstand und Respekt vor dem menschlichen Leben zu wahren. Die US-Regierung jedoch versuchte sich für ihr Versagen aus der Verantwortung zu ziehen, indem sie argumentierte, dass die Schuld für die Ineffizienz im Katastrophenmanagement dem schieren Ausmaß der Zerstörung zuzuschreiben sei und dass die Vernichtung von US-Bürgern durch US-Bürger noch erschwerend hinzugekommen sei. Überraschenderweise ließ dann der Sicherheitschef von New Orleans (ein nach 9/11 geschaffenes Amt), Oberst Terry Ebbert, verlauten, dass die Zahl der Todesopfer doch nicht so katastrophal war, wie zuvor angenommen und fügte weiters hinzu, dass die Suche nach Toten ohne Medienpräsenz vonstatten gehen sollte. Dieses Vorgehen versuchte er unter dem Vorwand der Rücksichtnahme plausibel zu machen: “Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in Houston vor dem Fernseher und sehen, wie eine Leiche vom Grundstück ihrer Eltern entfernt wird. Das ist doch nicht zumutbar.” Dabei ging es ihm wohl vielmehr um die Besitzlosen unter den Toten. Ganz offensichtlich hofften die seit 9/11 amtierenden Sicherheitschefs (ganz richtig), dass es sich bei den meisten Toten um Obdachlose oder Menschen ohne Wohnsitz handeln würde, die in der Statistik nicht aufscheinen und so die Zahl der Todesopfer auf ein “akzeptables” Maß reduzieren würden. In Houston würde sie niemand vermissen oder darauf warten, dass ihre Leichen vom eigenen Grundstück entfernt würden. Wer dem Staat zu Lebzeiten eine Unperson gewesen war, der brauchte auch jetzt nicht als Leiche auftauchen, um ihm Schande zu bereiten.

Doch die Unzulänglichkeit und Vertuschungsversuche der US-Regierung nach Katrina seien hier nur am Rande erwähnt. Der Hurrikan selbst stellte eine kurze Begegnung mit dem Realen dar, eine Begegnung allerdings, die schon erwartet und symbolisiert/dargestellt worden war. Die wahre Begegnung mit dem Realen fand in der Zeitspanne zwischen dem Aufprall des Hurrikans und dem “Anlaufen der Rettungsaktionen” statt, hier kam es zu einem Bruch, einer Leerstelle in der symbolischen Ordnung von “Katastrophe und Rettung”. Der wahre Abgrund, eine Welle von Vergewaltigungen, Plünderungen und Morden, tat sich in der Zeit dazwischen auf. Nachdem sich die Aufregung darüber wieder gelegt hatte, dementierten die anerkannten internationalen Berichterstatter plötzlich und meinten, dass die Vorkommnisse übertrieben dargestellt worden waren, dass die zuvor kolportierten Ausmaße der Vorgänge nur teilweise dokumentiert seien und dass die meisten Augenzeugen verschwunden seien. Doch in diesem furchtbaren Intervall zwischen dem Hurrikan und dem Zeitpunkt, da die US-Regierung letztendlich wieder die Kontrolle erlangte – nicht so sehr über die schrecklichen Grausamkeiten, die sich dort abspielten, als vielmehr über die Berichterstattung in den Medien – wurden hunderte, wenn nicht tausende Menschen vergewaltigt, ermordet, belästigt und beraubt. Weiters ließen die ersten Tage der Berichterstattung durchsickern, dass die zuständigen “Sicherheitskräfte” nicht nur extrem schießwütig waren, sondern sogar einige Morde auf ihr Konto gingen.

Kurz gesagt, es hat sich gezeigt, dass der Zusammenbruch des amerikanischen Konzepts von “Zivilisation, wie wir sie kennen” der Auslöser für den Zusammenbruch eines ohnedies nicht sehr ausgeprägten Über-Ichs in der Bevölkerung war. Iwan Karamasow sagte: “Esli Boga net – znachit, vsio pozvoleno” – “Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt”. Lacan setzte dem entgegen, dass genau das Gegenteil der Fall sei: Wenn es keinen Gott gibt, ist nichts erlaubt, denn ohne den Namen-des-Vaters gibt es niemanden, der seine Erlaubnis zu irgendetwas erteilen könnte. Auf die Praxis übertragen heißt das, dass wir in einem Universum ohne jedwede Ordnung leben, in dem allein das Gesetz des Stärkeren, des “Fressen oder Gefressen werden” herrscht. In diesem Fall existiert keine Instanz, die das Gebot “Du sollst nicht töten” erlässt – im Umkehrschluss wird also die “Erlaubnis” zu leben verweigert. Und diese Gesetzlosigkeit ist es, die in New Orleans eintrat, mit einem geringfügigen Unterschied: Was sich in den Tagen von Katrina als abwesend erwies, war nicht Gott, sondern die Zivilisation, oder, klarer ausgedrückt, die grundlegende Infrastruktur des Kapitalismus.

Der Name-des-Vaters lebt hier nicht mehr

In der zivilisierten Welt ist das Über-Ich keine Struktur, die zum Kapitalismus als solchem gehört: Sie ist vielmehr eine psychische Fähigkeit, die sich im Zuge der Zivilisation herausformte, nämlich durch Sprache, das Patriarchat und die Klassengesellschaft im Allgemeinen. Das kapitalistische Über-Ich markiert lediglich die letzte Phase der Ausformung, auch wenn man uns glauben machen will, es sei tatsächlich die einzig mögliche Form, die das Über-Ich annehmen kann, doch dies ist nur die logische Fortführung des Anspruchs, der Kapitalismus sei unter den heutigen Bedingungen die einzig mögliche Zivilisationsform. Dieser Anspruch wurde von niemandem klarer zum Ausdruck gebracht als von Tony Blair in seiner Ansprache nach den Bombenattentaten in der Londoner U-Bahn: Hin- und hergerissen zwischen seiner Pflicht als Premierminister, nach London, dem Ort der Katastrophe, zurückzukehren, und seiner Pflicht, als Mitglied des G8-Weltwirtschaftsgipfels in Gleneagles zu bleiben, konstatierte Blair, dass dieses Attentat als Anschlag auf “sein Land und andere zivilisierte Staaten weltweit” zu werten sei. Der betroffene Gesichtsausdruck der hinter ihm stehenden anderen sieben Staats- und Regierungschefs sprach Bände, an ihnen konnte man ablesen (zumindest hatte es diesen Anschein), dass die von Blair angesprochenen “zivilisierten Staaten” von den G8-Staaten repräsentiert wurden, also vom Kapitalismus. Doch trifft diese Überzeugung Blairs, dass nämlich Zivilisation mit Kapitalismus gleichzusetzen sei, weder auf sein Land noch auf sechs der anderen G8-Staaten zu; für George W. Bush und dessen Land mag es stimmen, denn in den USA ist Zivilisation tatsächlich mit Kapitalismus identisch.

Das ist der Grund dafür, dass in den USA beim Zusammenbruch des kapitalistischen Gebildes (also der den Kapitalismus konstituierenden Faktoren wie materielle Verhältnisse, Lebensstile, Produktionsbedingungen, Handel, Konsum und Kommunikationstechnologie) auch die Zivilisation den Bach runtergeht. In den meisten europäischen Staaten wie auch den Ländern der “Dritten Welt”, die auf eine Zivilisationsgeschichte vor dem Kapitalismus zurückblicken können, mag der Kollaps der kapitalistischen Infrastruktur samt Überbau zwar eine Katastrophe bedeuten, doch ist hier die Übernahme durch die jeweils zu Grunde liegende vorkapitalistische Kulturform gesichert, wenigstens so lang bis die Krise überwunden ist. In den USA jedoch, die von Immigranten aus der ganzen Welt besiedelt wurden, welche ihren Platz in der Zivilisation, der sie entstammten, eingebüßt hatten und die im Zuge der Besitznahme des Landes alle vorhandenen vorkapitalistischen Kulturformen fast vollständig auslöschten, beginnt (und, wie mit gutem Grund zu befürchten ist, endet) die Zivilisation mit dem Kapitalismus.

In beiden Fällen, während des Tsunamis im Indischen Ozean letztes Jahr als auch in dem großen Erdbeben in der Türkei vor sechs Jahren, wurde die kapitalistische Infrastruktur durch “Force Majeure” vernichtet. In der Folge brach auch hier zum Teil Chaos aus: Es kam zu Plünderungen, Kämpfen um Hilfslieferungen, vereinzelten Morden, vielleicht auch einigen wenigen Vergewaltigungen, und, wer weiß, in Extremsituationen sogar zu Kannibalismus. Vielleicht herrschte dort eine gewisse Zeit das Gesetz der Wölfe, des homo homini lupus. Aber es gab auch gegenseitige Hilfestellung; in den meisten betroffenen Gebieten setzten vorkapitalistische Kulturreflexe ein; die Menschen halfen sich gegenseitig und der vorherrschende Gemeinschaftsgeist, das Gebot “Liebe deinen Nächsten” hielt das mögliche Aufflammen eines unkontrollierten, ethisch nicht verankerten Individualismus in Zaum. Es ist weiters bekannt, dass sich in der Türkei ultranationalistische, urfaschistische Gruppierungen gemeinsam mit Sozialisten und anarchistischen Splittergruppen an den Hilfsaktionen beteiligten, wenn nicht Hand in Hand, dann doch Seite an Seite. Zusammenfassend kann man für beide Fälle behaupten, dass die Gebote “Du sollst nicht töten” und “Liebe deinen Nächsten” zumindest teilweise Gültigkeit hatten. Dies bedeutet, dass bei Ausfall des kapitalistischen ein vorkapitalistisches Über-Ich die Führung übernahm, denn ersteres funktioniert nur im Zusammenspiel von a) den durch den Kapitalismus bereitgestellten materiellen Gütern und dem darauf basierenden Gesellschaftssystem und b) der sanktionierenden und regulierenden Macht des kapitalistischen Nationalstaates. Der Kapitalismus funktioniert dort als soziales Über-Ich, wo er durch die Bereitstellung der materiellen Mittel vielleicht nicht den Wunsch, auf jeden Fall aber die Notwendigkeit, die Hand gegen den Nachbarn zu erheben, eliminiert und, wenn dies nicht ausreicht, seinen Sanktionsapparat in Form von Polizei, Gefängnis und elektrischem Stuhl in Stellung bringt. Dies sind jedoch lediglich zwei der Instanzen des Namens-des-Vaters, und beide sind brüchig angesichts eines Zusammentreffens mit dem Realen. Die anderen Instanzen sind vorkapitalistischer Natur und basieren auf Konzepten wie Familie, Sittlichkeit, Gemeinschaft und gegenseitiger Hilfestellung, deren Wert mit dem Aufstieg des Kapitalismus extrem gefallen ist.

Da die USA Kapitalismus mit Zivilisation gleichsetzen und alle vorkapitalistischen Kulturformen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch eliminiert haben, bietet sich für die Vorkommnisse in New Orleans die Erklärung an, dass beim Zusammenbruch des kapitalistischen Über-Ich kein anderes Über-Ich einspringen konnte, nicht einmal vorübergehend. Die Bewohner von New Orleans (jene, die es sich nicht leisten konnten die Stadt vor dem Hurrikan Katrina zu verlassen) waren mit dem Ausfall von Kommunikationsmöglichkeiten, Elektrizität, Trinkwasser und Einkaufsmöglichkeiten allein gelassen. Ihr Staat, der als die vorherrschende Weltmacht galt, immerhin mächtig genug, um anderen Nationen das eigene Wirtschafts- und Sozialsystem zu oktroyieren, war abwesend: Stattdessen regierten Bandenkriege, Plünderer und Vergewaltiger die Stadt, und Sicherheitskräfte, die nichts ausrichten konnten und auf unschuldige Menschen schossen, die versuchten diesem anarchistischen Chaos zu entkommen. Das amerikanische Über-Ich war zusammengebrochen.

Das New-Orleans-Desaster (und hier müssen wir dankbar sein, dass nicht auch Hurrikan Rita mit der gleichen Wucht zuschlug, denn sonst müssten wir auch von einem Houston-Desaster sprechen) zeigte, dass trotz des augenscheinlichen Ruhms der amerikanischen Zivilisation ihr überaus delikates Gleichgewicht zwischen den materiellen Verhältnissen und der Zwangsgewalt des Staates in solchen Konfrontationen mit dem Realen extrem leicht (wenn auch nur vorübergehend) zu erschüttern ist. Fast scheint es, als wäre den Amerikanern das Böse angeboren, das nur auf eine Gelegenheit seiner Verwirklichung wartet. Diese Aussage ist, wenn sie auch metaphysisch anmuten mag, nicht so weit von der Wahrheit entfernt: Es war das “Es-Böse”, wie Zizek es nennt, das in New Orleans die Herrschaft übernahm. Es war nicht jenes Böse, das unter Vorgabe und in Erfüllung eines “übergeordneten Guten” handelt, wie wir ihm im Autodafé der Inquisition oder im Terrorregime nach der Französischen Revolution begegnen (“das Über-Ich-Böse”); noch war es jenes Böse, das nur dem individuellen Zugewinn dient (“das Ich-Böse”); es war vielmehr jenes Böse, das im Dienste des Genusses (jouissance) steht. So stand New Orleans, zumindest eine Zeit lang, im Zeichen unkontrollierter jouissance: Die Menschen mordeten, plünderten und vergewaltigten nur aus dem einfachen Grund, weil sie es konnten. Sie plünderten nicht aufgrund von materieller Not (sicher trieb manche auch der Hunger dazu, doch das ist hier nicht relevant), sie vergewaltigten nicht um der sexuellen Lustbefriedigung willen (die nur selten der Grund für Vergewaltigungen ist) und sie töteten nicht aus Wut, Rachsucht oder materieller Gier.

In dem Joel-Schumacher-Film 8mm – Acht Millimeter aus dem Jahr 1999 wird der Privatdetektiv Tom Welles (dargestellt von Nicholas Cage) von einer reichen, älteren Witwe angeheuert, die im Tresor ihres verstorbenen Mannes eine kleine Rolle Acht-Millimeter-Film findet, auf der die Folter und Ermordung einer jungen Frau zu sehen ist. Beunruhigt darüber, gibt sie Welles den Auftrag herauszufinden, ob der gefilmte Mord real ist, ob es sich also um einen “Snuff-Streifen” mit einem vor laufender Kamera getöteten Opfer handelt. Der Film führt uns tief in den Sumpf der Pornoindustrie, wo wir wiederholt mitgeteilt bekommen, dass es keine “Snuff-Movies” gibt, da das schlecht fürs Geschäft sei und das Ende der Pornoindustrie bedeuten würde. Gerade dann, wenn wir geneigt sind, diese einleuchtenden Argumente zu glauben, stellt sich heraus, dass der 8mm-Streifen doch “Snuff” war, dass also die darin gezeigte Frau tatsächlich zu Tode gefoltert worden war. Doch war der Film kein Produkt der Pornoindustrie, wie sich bei Fortgang der Handlung weiter herausstellt: Der alte und reiche Mann selbst hatte Regisseur, Kameramann sowie den männlichen Darsteller (“die Maschine”, die nur hinter einer Ledermaske verborgen auftritt) engagiert, und auch die Frau, obwohl diese natürlich keine Ahnung von der wahren Intention ihres Auftraggebers hatte. Als Welles auf die Wahrheit stößt, zwingt er den Sekretär des Verstorbenen (der durchwegs als Mittäter agierte) ihm Rede und Antwort zu stehen. Auf seine Frage: “Warum hat er es getan?”, antwortet ihm dieser: “Weil er konnte.” Nicht, weil der Gehalt des 8mm-Filmes, den wir irgendwie am Rande mitbekommen (nur teils und hinter vorgehaltener Hand), außerordentlich erotisch war: ganz im Gegenteil, der Film ist schlecht gemacht, mit unprofessioneller Kameraführung und schlechter Ausleuchtung. Nicht, weil die Verstümmelung und Ermordung des Opfers dem Verstorbenen Lust bereitete. Nein, was dem alten Mann wirklich Lust bereitete, war die Möglichkeit es zu tun, die Macht des “Ich kann” und nicht das Ergebnis.

In der amerikanischen Kultur (wie in jeder anderen auch) ist diese Macht des “Ich kann” den sehr reichen Menschen vorbehalten. Trotzdem, in allen anderen Kulturen, ob europäisch, asiatisch oder sogar lateinamerikanisch, denen noch irgendeine Form von vorkapitalistischem Über-Ich zu Eigen ist, ist dieses “Ich kann” allein wohl kaum ausreichend: Die tief verankerten und weiterreichenden Instanzen des Namens-des-Vaters funktionieren als Barriere, verhindern die jouissance des “Ich kann”. In den USA, die ihre Zivilisation mithilfe rücksichtsloser Ausrottung der gesamten Urbevölkerung und einer in der Menschheitsgeschichte ungesehenen Sklavenherrschaft errichteten, lautet das Gebot “Du sollst nicht töten” richtiger “Du sollst nicht töten, wenn du damit nicht auch davonkommst”. Das New-Orleans-Desaster zeigte, dass unter extremen Umständen die Macht des “Ich kann” nicht nur den Reichen vorbehalten ist. Wann immer die USA von einem Desaster heimgesucht werden (auch in Form einer Wirtschaftskrise – einer Neuauflage der Großen Depression von viel umfassenderen Dimensionen), wird das gesamte Land im Sinne von homo homini lupus zu einem Terrain der Gesetzlosigkeit werden. Ein jeder Mensch, der Gelegenheit dazu hat, ungeachtet seiner ethnischen Herkunft oder seiner Klassenzugehörigkeit, seiner Alters- oder Einkommensgruppe, wird von der Macht des “Ich kann” Gebrauch machen.

Das New-Orleans-Desaster ist wahrscheinlich nur der Vorspann zu einem Film, den wir schon in naher Zukunft in seiner ganzen Länge zu sehen bekommen werden. Die zunehmende Brüchigkeit der amerikanischen Zivilisation, zusammen mit der Instabilität ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht, rückt eine Massenwanderung durch die “Wüste des Realen” über geraume Zeit in den Bereich des Möglichen. Der jüngst öfter vernommene Aufruf zur Besinnung auf Werte wie Familie, Sittlichkeit und Religion (die puritanische Ausprägung des Christentums) durch die Konservativen in den USA zeigt, dass auch sie sich dieser Möglichkeit bewusst sind (obwohl sie nicht wissen was sie wissen) und ihr Bestes tun, um sie abzuwenden. Aber sie sind leider zum Scheitern verurteilt, da (a) der Stellenwert der Familie in den USA heute ein geringer ist, wie sich am Scheitern und Zerbrechen so vieler Familien zeigt; (b) Sittlichkeit nicht mit Ethik gleichzusetzen ist; und (c) eine Religion, wie sie von den Ultrakonservativen gepredigt wird, nur dazu angetan ist den Hass zu schüren, wie das Thema Abtreibung hinlänglich illustriert. Um ihren nächsten Ausflug in die “Wüste des Realen” zu überleben, müssen die Amerikaner zunächst lernen jene kulturellen Prioritäten zu setzen, die sie vor so langer Zeit verworfen haben, nämlich Nächstenliebe, Gemeinschaftsgeist und gegenseitige Hilfestellung. Diese Prioritäten müssten allerdings universale Gültigkeit haben, die USA müssten das Gebot der Nächstenliebe auf die ganze Welt ausdehnen, müssten freiwillig ihr fragiles und ohnedies mit einem Ablaufdatum versehenes Zwangsregime aufgeben, dessen Macht sie derzeit noch genießen: Sie müssten die Macht des “Ich kann” aufgeben. Ob sie dazu imstande sind ist die Frage, die sich für uns alle stellt, weltweit.

Published 15 December 2005
Original in English
Translated by Kira Nathani
First published by Wespennest 141 (2005) (German version)

Contributed by Wespennest © Bülent Somay/Wespennest Eurozine

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