Von Kropotkin zu Bin Laden

Analogien des Terrors

13 September 2004
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Die Angst der Metropolen vor dem Terror ist nicht neu. Was heute mit al-Qaida gemeint ist, war vor hundert Jahren der Anarchismus, die geheimnisvolle "Schwarze Internationale".

Der Terrorismus ist so alt wie die Menschheit. Es gab ihn zu allen
Zeiten, auf allen Kontinenten, im Zusammenhang mitjeder Art von
Konfession oder Überzeugung. Woher das manische Sicherheitsbedürfnis, das
heute zu beobachten ist? Woher die Vorstellung eines unsichtbaren,
krakenarmigen Feindes, der hinter jedem Attentat und überall auf der Welt
vermutet wird? In der Geschichte gab es Epochen, die der unseren ähneln.
Etwa die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Auch damals verschmolzen der
Terrorismus und die Angst vor ihm in einer Weise, die es den
Zeitgenossen unmöglich machte, beides auseinander zu halten.

Anlässlich eines internationalen revolutionären Kongresses 1881 in
London plädierte der russische Fürst Pjotr Kropotkin1 für gewaltsame
Aktionen und bezeichnete sie als “Propaganda der Tat”. Auch schon einige
Jahre zuvor hatten symbolträchtige Anschläge auf Kaiser Wilhelm I. und
die Könige von Spanien und Italien stattgefunden. Am 24. Juni 1894 aber
tötete der junge italienische Einwanderer Sante Jeronimo Caserio, der dem
anarchistischen Umfeld zuzurechnen war, den französischen Präsidenten
Sadi Carnot – der Höhepunkt einer ganzen Serie von anarchistischen
Anschlägen in Frankreich.

Die gesamte internationale Gemeinschaft sah sich bedroht, denn nicht
allein Frankreich war von solchen Attentaten betroffen. Die 1890er-Jahre
wurden geradezu ein “Jahrzehnt der Bomben”. Anschläge mit Dynamit – einer
ganz neuen Erfindung – in rascher Folge richteten sich gegen Monarchen,
Präsidenten und Minister. Andere trafen offizielle Gebäude. In Frankreich
begann die Serie der Gewalt mit dem Jahr 1892. Der berüchtigte
französische Terrorist Ravachol2 wurde nicht nur zu einem Helden der
Legenden und Volkslieder. Schenkt man der Historikerin Barbara Tuchman
Glauben, so verkörperte er auch jenen “Atem des Hasses und des
Widerstands”3, den wir heute mit Ussama Bin Laden assoziieren. Auch
damals flirteten Intellektuelle und Sprösslinge aus gutem Hause mit der
Gewalt.

Dass die Attentate mehr oder weniger zeitgleich in verschiedenen Ländern
stattfanden, erweckte den Eindruck, es gebe eine Art “Schwarze
Internationale”. Von Russland, das damals ein bedeutendes Zentrum
radikaler Opposition war, ging durch das Attentat auf Zar Alexander II.
1881 und andere Anschläge der Gruppe Narodnaja Wolja (“Volkswille”) ein
starker Impuls für die gewaltbereiten Anarchisten in ganz Europa aus.
Auch die Vereinigten Staaten blieben von terroristischer Gewalt nicht
verschont: 1901 ermordete der Anarchist Leon Czolgosz den US-Präsidenten
William McKinley, der das Land durch seinen Sieg über Spanien in eine
imperialistische Großmacht mit Sendungsbewusstsein verwandelt hatte.

Ein Jahrhundert später ist kaum noch nachzuvollziehen, wie sehr die
damalige Welt in ständiger Angst vor dem Terror lebte. Eine Stadt wie
Paris zitterte bei der bloßen Vorstellung neuer Attentate. Das Bürgertum
verstand nicht, woher dieser Hass kam, und mit jedem neuen gewalttätigen
Vorfall nahm die Furcht der Eliten vor einem Aufstand der Massen zu.
Jeder Arbeiter wurde als potenzieller Verbrecher dargestellt und jeder
Anarchist als “tollwütiger Hund”, den es mit allen Mitteln auszuschalten
galt. “Ein Verbrechen gegen die menschliche Rasse”: so beschrieb Theodore
Roosevelt, McKinleys Nachfolger, den Terrorismus. Einige Länder
versetzten ihre Armeen in Alarmzustand.

Nach der Ermordung Carnots im Jahr 1894 sahen sich Regierungen und
Polizeibehörden gezwungen, endlich länderübergreifend tätig zu werden.
Den ersten Vorschlag zur internationalen Zusammenarbeit machte Italien.
Es galt als Brutstätte des internationalen Terrorismus und versuchte auf
diese Weise, sein angeschlagenes Image aufzupolieren. Mehrere
italienische Bürger waren an Anschlägen auf Staatsoberhäupter beteiligt
gewesen. Außerdem genossen die italienischen Einwanderer im übrigen
Europa keinen guten Ruf; ihre großen lokalen Gemeinschaften, zu denen die
Saisonarbeiter hinzukamen, erweckten Vorurteile und Misstrauen.

So kam es, dass am 24. November 1889 in Rom eine Internationale
Konferenz zur Verteidigung gegen den Anarchismus eröffnet wurde. Die 21
vertretenen Länder entschieden einstimmig, der Anarchismus sei nicht als
politische Doktrin zu werten. Anschläge von Personen, die sich auf ihn
beriefen, sollten als kriminelle Handlungen gelten. Doch die Einmütigkeit
hatte wenig konkrete Folgen. Zwar arbeiteten die Polizeibehörden enger
zusammen, aber in der Praxis entschieden die Regierungen nach Gutdünken,
ob sie einen anarchistischen Ausländer seinem Heimatstaat überstellten
oder nicht. Die großartigen Beschlüsse bestanden nur auf dem Papier – und
zwar deshalb, weil sie sehr bald überholt waren. Mit dem Beginn des 20.
Jahrhunderts ebbte die Welle des anarchistischen Terrors in den meisten
Ländern ab.

Doch in der Vorstellung ihrer Zeitgenossen existierte die Schwarze
Internationale weiterhin als eine nicht fassbare, weit verzweigte
Organisation. Sie war umgeben von der Aura einer großen revolutionären
Kraft, die in Wirklichkeit nur der Fantasie von Polizei und Presse
entsprang. Natürlich reisten einige Terroristen von Land zu Land, und
ihre Gruppen hielten untereinander Kontakt. Was die einen taten,
inspirierte die anderen zur Nachahmung. Aber ein internationales Netzwerk
existierte nicht und eine große Verschwörung schon gar nicht. Ebenso
wenig gab es eine zentrale Befehlsgewalt: Es handelte sich um Individuen,
die sich in kleinen Zellen zusammengeschlossen hatten und nach eigenem
Gutdünken aktiv wurden. Ihre einzige Gemeinsamkeit war der Hass auf den
Status quo, der einen großen Teil der Gesellschaft ausgrenzte.

Schon damals herrschte die Vorstellung einer allumfassenden Mobilität.
Angesichts der wachsenden Globalisierung und des technischen Fortschritts
konnte man erstmals in der Geschichte von einem Weltmarkt sprechen, auf
dem sich Güter, Dienstleistungen, Kapital und Personen frei bewegten.
Aber die Belle Époque war nicht für alle schön. Während eine kleine
bürgerliche Elite ihren Wohlstand mehrte, profitierte der allergrößte
Teil der Menschen gar nicht oder kaum vom Anwachsen des Reichtums und
hatte auch in der Politik nichts mitzureden.

“Arbeiterklasse, gefährliche Klasse”, sagten die Mächtigen. Der Arbeiter
war verachtet und gefürchtet. Er wurde vom Bürgertum physisch fern
gehalten und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Dies war das
gesellschaftliche Klima, in dem der anarchistische Terror mythische
Gestalt annehmen konnte. Barbara Tuchman hat ihn als Symptom einer
kranken Gesellschaft bezeichnet, in der die Arbeiterklasse vergeblich auf
Gleichberechtigung drängte. Die Urheber der Anschläge rechtfertigten
ihre Taten als legitime Waffe im Kampf für Gerechtigkeit und als
Selbstverteidigung einer unterdrückten, benachteiligten Gruppe innerhalb
der Gesellschaft. Ihre Zellen verstanden sich als Avantgarde eines
heimatlosen Proletariats, obwohl einigen Aktivisten sehr wohl bewusst
war, dass sie nur eine winzige Minderheit bildeten. So schrieb Pjotr
Kropotkin einmal an Enrico Malatesta4 : “Ich fürchte, wir beide sind die
Einzigen, die noch an eine unmittelbar bevorstehende Revolution glauben.”

Faktisch vertraten die Terroristen einzig und allein sich selbst. Als
Weltanschauung war der Anarchismus nie eine geschlossene oder homogene
Bewegung – weder theoretisch noch politisch. Zudem lehnte der Großteil
der Anarchisten Gewaltanwendung ab. Diejenigen, die sich “zum Handeln”
entschlossen, waren nicht selten Einzelgänger. Die Zellen, in denen
Anschläge geplant wurden, ähnelten pseudoreligiösen Sekten und waren oft
schlecht organisiert. Dennoch wurde nach jeder neuen Aktion der
Anarchismus in der Öffentlichkeit als ein internationaler Organismus
dargestellt, kraftstrotzend und leistungsfähig – mit dem Ergebnis, dass
auch seine mythische Anziehungskraft zunahm. Irgendwo fand sich immer ein
Fanatiker, der bereit war, die Fackel im Namen der internationalen
Bruderschaft der Unterdrückten weiterzutragen.

Um 1900 kam die anarchistische Gewalt dann fast völlig zum Erliegen.
Führende Anarchisten wie Pjotr Kropotkin erkannten, dass die Terrorakte
keine Veränderungen bewirkten und die gewählte Strategie zunehmend
selbstzerstörerisch war. Denn jeder Anschlag entfremdete die
gewaltbereiten Anarchisten weiter von der Arbeiterklasse, in deren Namen
sie angeblich handelten, die aber den alternativlosen Angriffen auf die
Herrschaft oftmals befremdet gegenüberstand. Der Terrorismus war beim
Versuch, den Staat zu schwächen, nicht nur gescheitert – er hatte sogar
das Gegenteil bewirkt und die Macht von Polizei, Armee und Regierung
gestärkt.

Ein weiterer, vielleicht wichtigerer Grund war, dass die Proletarier in
vielen Ländern inzwischen eine Möglichkeit hatten, sich politisch zu
artikulieren: die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaften. Zwischen 1895
und 1914 wurden diese für Anarchisten ungeheuer attraktiv; das zehrte
aber auch an ihrer antiautoritären Identität. Der Sozialismus versprach
den Arbeitern menschliche Würde, eine eigene Identität und die Akzeptanz
als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Er schuf eine Bewegung, dank
deren die Arbeiter nicht mehr vereinzelt dem Rest der Gesellschaft
gegenüberstanden. Das legale Vorgehen erwies sich als wirksamer,
politische und soziale Rechte und wirtschaftliche Besserstellung zu
erringen.

Unterdessen lebte der Terrorismus an den Rändern Europas fort. In
Russland, Spanien und auf dem Balkan riss die Serie der Attentate bis zum
Ersten Weltkrieg nicht mehr ab. In diesen Ländern bot sich den Arbeitern
unter den anhaltend repressiven Verhältnissen kein anderer Ausweg –
angesichts von Systemen, die ständig das Gefühl der massenhaften
politischen und sozialen Ausgrenzung nährten.

Die Analogie zur Gegenwart: Ähnlich wie die Arbeiter im 19. Jahrhundert
sehen sich in unserer Zeit die Muslime häufig mit einer Mischung aus
Furcht und Verachtung konfrontiert. Was dem anarchistischen Terroristen
der bürgerliche Staat war, sind für einen Dschihad-Terroristen die USA:
ein Symbol des Hochmuts und der Macht schlechthin. So gesehen ist Ussama
Bin Laden eine Art Ravachol des 21. Jahrhunderts – der “Atem des Hasses
und des Widerstands” für seine Jünger, das willkommene Schreckgespenst
für Polizeibehörden und Geheimdienste.

Die so genannten heiligen Krieger ähneln den anarchistischen Terroristen
noch in einem weiteren Punkt: Während sie in Wirklichkeit nur eine
Vielzahl kleiner Grüppchen sind, halten sie sich für eine Avantgarde und
glauben, dass sie die unterdrückten Massen mit spektakulären Aktionen zum
Aufstand bewegen könnten.5Saudi-Arabien spielt am Ende des 20.
Jahrhunderts die Rolle, die Italien am Ende des 19. innehatte – und was
das brutale Erwachen der internationalen Gemeinschaft betrifft,
entspricht der 11. September 2001 ungefähr dem 24. Juni 1894.

Vor allem hat die Ähnlichkeit zwischen dem heutigen Terrorismus und
seinem anarchistischen Vorläufer aber mit den Ursachen ihres Entstehens
zu tun. Die Muslime auf der ganzen Welt sind gegenwärtig im Gefühl des
Unbehagens und der Krise vereint. Im Vergleich mit den 1980er-Jahren
wirkt die gesamte arabische Welt heute enttäuschter, verbitterter und
weniger kreativ. Ein Gefühl der Solidarität mit anderen Muslimen nährt
sich aus dem Glauben, eine fremde Macht bedrohe den Islam.

Diesen fruchtbaren Boden bearbeitet eine fanatische Minderheit. Sie ist
entschlossen, mit Gewalt “die Mauern der Unterdrückung und der Demütigung
zu durchbrechen”, wie es Bin Laden in seiner berüchtigten Fatwa von
1996, seinem angemaßten Rechtsgutachten gegen den Westen, ausdrückte.
Wieder drängt sich der Vergleich mit den Anarchisten des 19. Jahrhunderts
auf. Genau wie sein anarchistischer Vorläufer wird der Dschihad-Terror
in seiner eigenen Gewalt untergehen. Auch diesmal wird das Ende umso eher
kommen, je früher der arabischen und muslimischen Welt echte Aussichten
geboten werden, ihr Ausgeschlossensein zu überwinden.

  1. Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, 1842 als russischer Adliger geboren, widmete sein Leben dem Anarchismus. Er lebte in Russland, Frankreich, Spanien, Großbritannien und der Schweiz und starb 1921 in der Sowjetunion.
  2. François Claudius Koenigstein (1859-1892), genannt Ravachol, wurde für seine Anschläge zunächst zu lebenslanger Haft, später wegen Mordes zum Tode verurteilt und auf dem Schafott hingerichtet. Bei seinem Prozess rief er: "Es ist die Gesellschaft, die Verbrecher hervorbringt. Anstatt auf sie einzuschlagen, solltet ihr Geschworene eure Intelligenz und eure Kräfte lieber dazu verwenden, die Gesellschaft zu verändern. Mit einem Streich würdet ihr so alle Verbrechen abschaffen. Und weil ihr die Ursachen bekämpft habt, werden eure Taten viel größer und fruchtbarer sein als eure heutige Justiz, die sich dazu erniedrigt, die Folgen zu bestrafen."
  3. Barbara Tuchman, Der stolze Turm. Ein Porträt der Welt vor dem Ersten Weltkrieg, 1890-1914. München und Zürich (Knaur) 1969.
  4. Enrico Malatesta (1853-1932), Ideologe und Anführer der italienischen Anarchisten.
  5. Siehe Pierre Conesa, "Asymmetrische Feindschaft. Eine Typologie der Selbstmordattentate", Le Monde diplomatique, Juni 2004.

Published 13 September 2004

Original in French
Translation by Herwig Engelmann
First published in

Contributed by Le Monde diplomatique (Berlin)
© Le monde diplomatique Eurozine

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