Von Erzeuropa zu Antieuropa

Milan Kunderas Mitteleuropa-Essay

Milan Kunderas Essay Der entführte Westen oder Die Tragödie Mitteleuropas erschien erstmals im November 1983. Der tschechische Schriftsteller im französischen Exil publizierte ihn in der Zeitschrift Le Débat.1 Im April 1984 brachte The New York Review of Books die englische Übersetzung. Sie setzte beidseits des Atlantiks eine Debatte in Gang, die in verschiedenen Sprachen geführt wurde. 1984 erschien die polnische Übersetzung, ergänzt durch kritische Texte, die aus dem Ungarischen, Französischen und Englischen übersetzt waren.2 In den folgenden Jahren gewann der Essay noch an Bedeutung; für Mitteleuropa sollte er eine ähnliche Tragweite erhalten wie Francis Fukuyamas The End of History? (1989) für die internationale Politik.3

Kundera beschrieb in seinem Essay die Tragödie der Polen, Ungarn und Tschechen – die Slowaken erwähnte er nicht explizit –, die infolge der in Jalta getroffenen Beschlüsse nach 1945 unter die Herrschaft Sowjetrusslands gelangt waren. Die Gesellschaften dieser Länder rebellierten wiederholt gegen den Kommunismus – 1956 in Ungarn und Polen, 1968 in Polen und der Tschechoslowakei, 1970, 1976 und 1980 in Polen. Der Widerstand gegen die aufgezwungenen Regime stützte sich auf das eigene kulturelle Erbe. Mitteleuropa wollte nach Kundera „ein verdichtetes Abbild Europas sein, ein erzeuropäisches kleines Europa, das verkleinerte Modell des Europas der Nationen, aufgebaut auf der Regel: maximale Vielfalt auf minimalem Raum. Wie konnte man da nicht angesichts eines Russlands in Angst und Schrecken versetzt werden, das auf der entgegengesetzten Regel gründete: minimale Vielfalt auf maximalem Raum?“4 Auf die eine Seite stellte Kundera also ein „Erzeuropa“, das sich durch seinen Reichtum an Nationen, Kulturen, Religionen und Sprachen auszeichnet, durch seine Wertschätzung von Vielfalt und das Prinzip der gewaltfreien Lösung gesellschaftlicher Konflikte. Diesem stellte er in Gestalt von Russland einen „Anti-Westen“ gegenüber, dessen Identität auf Einheitlichkeit beruht, und dessen Einheitlichkeit gewaltsam durchgesetzt wird.
Mithilfe dieser Gegenüberstellung – beruhend auf einem idealisierten Bild Mitteleuropas und einem Schreckbild Russlands – gelang dem Autor etwas Ungewöhnliches: Er dividierte Osten und Westen so weit auseinander, dass der bislang übersehene Raum dazwischen sichtbar wurde. So erweiterte er die gesamteuropäische Debatte um die Vorstellung einer Region, deren kollektive Identität sich über die Kultur definiert. Damit schlug er ein außerpolitisches Narrativ vor, das eine Erklärung für transnationalen Widerstand gegen die UdSSR bot.
Zugleich lieferte Kundera eine Grundlage für Ansprüche gegenüber dem Westen. Sowjetrussland hatte nach seiner Auffassung Gebiete kolonisiert, die ihm kulturell fremd waren, doch auch Westeuropa habe Verrat geübt und seine jüngere Schwester „Mitteleuropa“ am Ende des Zweiten Weltkriegs im Stich gelassen, um sich selbst Sicherheit und Wohlstand zu sichern.5
Ungeachtet aller Vereinfachungen (oder vielleicht gerade dank ihnen) schuf Kundera auf diese Weise aus Geopolitik Geopoetik. Während der gesamten Nachkriegszeit war Europa vom Blockdenken gelähmt gewesen. Während des Kalten Kriegs erkannten beide ideologischen Lager in Europa die Vorherrschaft des jeweils anderen über das von ihm kontrollierte Gebiet an. Als ebenso unantastbar galten auch die sinnstiftenden Narrative beider Lager. Kunderas Mitteleuropa-Essay setzte die Phantasie in Bewegung, seine europäische Landkarte leitete sich nicht von der realen Politik ab, sondern von einer Erzählung.
In der Auseinandersetzung mit Kunderas Essay stellten Kritiker wie Adam Zagajewski seine Darstellung eines einheitlichen Russland und einer einheitlichen russischen Kultur in Frage.6 Andere zweifelten sein Bild von Mitteleuropa an. Dieses sei keineswegs frei von Verfolgung gewesen.7 Und wieder andere erweiterten den Raum um die baltischen Staaten.8 Doch auch wenn Mitteleuropas Ausdehnung und Identität strittig blieben,9 so fand die Existenz dessen, was Mitteleuropa genannt wurde, als Quelle der Inspiration in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre doch prinzipiell Anerkennung.10 Die Faktizität von Kunderas Mitteleuropa-Erzählung sowie ihre Brauchbarkeit für die Errichtung des künftigen Europa standen außer Frage.11 Auch das Ziel fand Akzeptanz: Auf der von Kundera gezeichneten kulturell-geographischen Landkarte war die Mitte mit dem Westen identisch. In der Wiedervereinigung der Mitte mit dem Westen sollte die Geschichte an ihr Ende kommen.
Nach dem Zerfall des Sowjetimperiums und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Staaten Mitteleuropas geschah etwas Beispielloses: Die Geschichte der Region folgte dem Skript des Essays. 1991 schlossen sich Polen, die Tschechoslowakei (ab 1993 Tschechien und die Slowakei) und Ungarn zur Visegrád-Gruppe zusammen, die ihre Beziehungen auf die geteilte kulturelle Tradition stützte. Sie schlossen 1992 das Mitteleuropäische Freihandelsabkommen (Central European Free Trade Agreement; CEFTA), die erste internationale Vereinbarung, die die Bezeichnung „Mitteleuropa“ als politische Kategorie verwendete. 1994 stellten die mitteleuropäischen Staaten den Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union, 2003 unterzeichneten sie den Beitrittsvertrag und 2004 wurden sie gemeinsam mit sechs weiteren Ländern in die Union aufgenommen. Zwanzig Jahre nach Erscheinen des Essays Der entführte Westen erfüllte sich damit das darin skizzierte geographisch-kulturelle Programm: Die UdSSR verlor ihre imperiale Herrschaft über die Hälfte des Kontinents, und Mitteleuropa vereinte sich mit dem Westen. 2004 fand das entschlossene Engagement Mitteleuropas für die institutionelle Verankerung in der EU seinen Abschluss. Doch dieser sollte sich zugleich als Beginn eines unvorhergesehenen Konflikts herausstellen.

Fahrlässiges mapping

Heute, zwei weitere Jahrzehnte später, hat die Neuauflage des Essays „Die Tragödie Mitteleuropas“ ihre Berechtigung. Genauso berechtigt, wenn nicht unumgänglich, ist eine neuerliche Auseinandersetzung mit Kunderas Text, denn Der entführte Westen macht die Leser heute ratlos.
Der Essay erlaubt uns zwar, das rasende Tempo zu verstehen, mit dem in den 1990er Jahren Staaten, die einander im Grunde nicht besonders nahestanden, zueinander fanden und sich unversehens dem Westen zuwandten. Er erklärt zudem das aus dem Mythos der „Rückkehr nach Europa“ resultierende Selbstwertgefühl. Ihrem Selbstverständnis nach sind diese Länder weniger von Europa „aufgenommen“ worden, als vielmehr auf ihren angestammten Platz zurückgekehrt.

Doch der Essay trägt nichts zum Verständnis der Jahre danach bei, vor allem nichts, um das vergangene Jahrzehnt zu verstehen. Es ist an der Zeit, den Text mit unserer Gegenwart zu konfrontieren und eine Reihe von Fragen an ihn zu stellen: Was ist der Grund dafür, dass 20 Jahre nach dem EU-Beitritt rechtsnationale Parteien in Polen und Ungarn den Austritt aus der EU betreiben? Warum gelten Polen, Ungarn und die Slowakei als Länder, in denen gegenüber Minderheiten besonders große Intoleranz herrscht? Warum werden die Menschenrechte in diesen Ländern in Frage gestellt und das Prinzip der Gewaltenteilung unterminiert, die Verfassungen verletzt und die Medien politisiert? Warum werden gerade in Polen und Ungarn die reproduktiven Rechte von Frauen beschnitten? Warum werden die Pläne der EU für eine ökologische Transformation der Volkswirtschaft sabotiert?
Eine kritische Lektüre von Kunderas Essay hat mit der Frage zu beginnen, was der Autor unter „Mitteleuropa“ verstand. Kundera verwendet diese Bezeichnung ausschließlich für drei Länder: Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn. Sie stehen bei ihm nicht etwa als pars pro toto, das auch auf Litauen, Belarus, die Ukraine oder weitere zwischen dem Osten und dem Westen gelegene Länder verweisen würde. Vielmehr bilden diese drei Staaten ein Ganzes. Kundera spielt vage auf ein mit der österreichisch-ungarischen Monarchie gleichgesetztes Mitteleuropa an, aber auch auf das Gebiet, das die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg besetzt hatte. Doch keines dieser beiden Konstrukte stellt in vollem Umfang Mitteleuropa dar. Dieses Spiel mit Geschichte und Geographie gibt dem Autor erheblichen Spielraum, bringt aber auch eine gewisse Nonchalance in sein „mapping“.
Denn Kundera beruft sich zwar auf die k.u.k.-Monarchie, nimmt sich aber das Recht heraus, eine willkürliche Auswahl zu treffen. Hätte er die gesamte Habsburgermonarchie von 1867–1918 gemeint, dann hätte dies nicht nur Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn eingeschlossen, sondern auch die Ukraine, Rumänien, Kroatien, Serbien und Slowenien. Nur bei dieser Konfiguration – neunzehn Nationen und Ethnien, 52 Millionen Einwohner, 670 000 km2 – wäre der Satz von der „maximalen Vielfalt auf minimalem Raum“ wirklich zutreffend gewesen.
In der Zwischenkriegszeit standen vor allem Polen und Ungarn nicht mehr für harmonische Vielfalt, sie entwickelten sich vielmehr zu aggressiven nationalistischen Staaten. Kundera greift in seinem Essay eines der wesentlichen Merkmale des Habsburgischen Mitteleuropa heraus – seine ethnische, sprachliche, religiöse und kulturelle Vielfalt – und projiziert es auf drei willkürlich aus dessen historischer Landkarte gewählte Länder. Was waren seine Beweggründe? Er glaubte zu wissen, dass „die anderen mitteleuropäischen Nationen das Kaiserreich 1918 frustriert auseinanderfliegen ließen, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass es trotz seiner Unzulänglichkeiten unersetzlich war“.12 Der aufschlussreiche Zusatz „trotz seiner Unzulänglichkeiten unersetzlich“ zeigt das Problem auf und löst es gleichzeitig: Kundera konnte sich nicht auf den Habsburgerstaat als Ganzes beziehen, da nicht alle darin vertretenen Nationen diese Einheit akzeptierten; er konnte auch die Nationalismen jener Zeit nicht außer Acht lassen, da sie es waren, die zum Zerfall des mitteleuropäischen Ganzen geführt hatten. Kunderas raffinierter Schachzug bestand darin, dass er sich zwar eindeutig auf die Erinnerung an die k.u.k.- Monarchie bezog, aber gleichzeitig die Polen, Tschechen und Ungarn als Nationen hervorhob, deren Wille, zu Europa zu gehören, stärker gewesen sei als der Wunsch nach staatlicher Unabhängigkeit. Auf diese Weise konstruierte er eine „wahre“ Mitte – der Preis dafür war, dass ein großer Teil Mitteleuropas wegfiel.

Volk und Zwölftonmusik

Die Idee, die diese drei Staaten verband, fand Kundera in der Kultur. Er beschreibt sie recht vage als Ausdruck kollektiver Identität, Inspiration zu gemeinschaftlichem Handeln und Kitt der Gesellschaft.
Kundera ging es darum, dass die europäische Kultur, die durch die Nationen Mitteleuropas geschaffen und weitervererbt worden war, die Grundlage für das Zugehörigkeitsgefühl der Polen, Tschechen und Ungarn bildete – eine Sprache, die es erlaubte, die eigene Identität zu verstehen und gegen die Unterdrückung durch den Osten Widerspruch zu formulieren. In dieser Auslegung ist Kultur weniger die Summe aller Kunstwerke oder eine Aufzählung von Stilen und Konventionen, sondern gelebter Alltag. Doch wem gehört die Kultur? Wer versteht sich auf sie, wer führt sie aus, wer bringt sie hervor? Wer kennt sie und wer bekennt sich zu ihr? Die Antwort auf diese Fragen bringt eine weitere Widersprüchlichkeit des Essays ans Licht: Kundera betont ausdrücklich, dass in Mitteleuropa, anders als in Westeuropa, die Kultur das gesellschaftliche Band darstellt – sie entstehe nicht nur als Ausdruck gemeinschaftlicher Bestrebungen, sondern werde auch von allen rezipiert. Sie sei nicht elitär, sondern allgemein geteilte, unmittelbare Äußerung des kollektiven Lebens.
Seine Beispiele bezieht Kundera allerdings durchweg aus der Hochkultur des Modernismus. Er nennt Arnold Schönberg und die Zwölftontechnik, Béla Bartók, den Prager Strukturalismus, Kafka, Hašek, Musil, Broch, Gombrowicz, Schulz und Witkiewicz . . . Man darf davon ausgehen, dass die ersten Leser des Essays – Intellektuelle, Historiker, Dissidenten – unter den erwähnten Künstlern „ihre“ Autoren fanden und diese auch als die wahren Vertreter Mitteleuropas betrachteten. Doch welcher gesellschaftlichen Gruppe gehörten die Rezipienten der Zwölftonmusik, des Prager Strukturalismus und der Romane Musils oder Brochs an? Kundera behauptet, dass „das Volk und die Kultur“ in Mitteleuropa eine Einheit bilden, doch in seinem Text ist dieses „Volk“ identisch mit der tonangebenden Gesellschaftsschicht aus künstlerischer Elite und bürgerlicher Intelligenz. Eben diese Schicht begann sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Verständnis modernistischer Kunst anzueignen, brachte diese in das Bildungswesen ein und sicherte den Hauptwerken des Modernismus einen dauerhaften Platz im Kanon. Zweifelsfrei steht Kafka, Musil, Gombrowicz und den anderen dieser Platz auch zu. Das Problem besteht darin, dass jene Volkskultur, auf die sich Kundera beruft, im Kanon – mit der Ausnahme von Hašek – nicht repräsentiert ist.
Kundera griff, wie gesagt, drei Nachfolgestaaten der k.u.k.-Monarchie heraus, denen er die Fähigkeit zur Überwindung ihrer Nationalismen und die Bereitschaft zur Integration in Europa zuschrieb. Doch auch wenn es im Namen ganzer Nationen entworfen wurde, beschränkte sein Mitteleuropa-Konzept sich letztlich auf eine bestimmte Klasse: Es ist, wie Kants Ästhetik, eng an die Intelligenz und das Bürgertum geknüpft. Mit Blick auf diese Gesellschaftsschicht wurde es entworfen, an sie war es gerichtet.
Wir haben es also mit zwei bezeichnenden Verkürzungen zu tun: Die erste betrifft Kunderas mapping, das die Vorstellung nahelegt, der gewaltsame Kampf von Ländern und Völkern um Souveränität sei abgeschlossen und die genannten Staaten hätten eine einheitsstiftende Idee von Mitteleuropa hervorgebracht. Die zweite Verkürzung besteht in seiner Darstellung der bürgerlichen Intelligenz als maßgebende gesellschaftliche Klasse in puncto Staatsbürgertum und kulturelle Kompetenz. Weder die Souveränitätsbestrebungen noch die innergesellschaftlichen Konflikte der „Nationen Mitteleuropas“ spielen in Kunderas Konzeption eine Rolle. In diesen Lücken – und im Versuch, sie mit unrealistischen Idealbildern zu kaschieren – liegen die Wurzeln der aktuellen Probleme Mitteleuropas.

Von Erzeuropa zu Antieuropa

Dass es gerade die Gesellschaften Mitteleuropas waren, die die europäische Identität bewahrten, hatten sie laut Kundera vor allem durch die Bereitschaft ihrer Bürger bewiesen, ihr Leben für Europa und die europäische Kultur hinzugeben. Die Revolutionäre, die gegen Sowjetrussland protestierten, waren für ihn die einzigen Hüter der mitteleuropäischen Idee. Die Zugehörigkeit zu Mitteleuropa, befand Kundera, müsse man sich verdienen.
In den 1990er Jahren trug die Idee dieser Ausnahmestellung dazu bei, dass Mitteleuropa zu neuem Leben erwachte. Längerfristig führte jedoch gerade dieses Selbstverständnis zur antieuropäischen Wende in der polnischen, ungarischen und slowakischen Politik. Mag auch diese Tendenz in Polen unter der amtierenden liberal-katholischen Koalition unter Ministerpräsident Tusk vorübergehend gebremst sein, kann sie doch unter einer anderen Regierung sogar gestärkt zurückkehren.
Selbstverständlich ist Kundera für diese Wende nicht verantwortlich. Doch das Festhalten an dem durch ihn begründeten Mythos spitzt den Konflikt zwischen Mitteleuropa und der EU weiter zu. In Kunderas Augen sind die Mitteleuropäer europäischer als die Europäer: Ihr Europäertum basiere auf authentischen kulturellen Grundlagen, es sei egalitär und opferbereit. Dieser bürgerliche Heldenmythos schrieb den drei Nationen, genau genommen ihren Politikern, das Privileg zu, europäische Identität auf der Grundlage einer „authentischen Kultur“ zu definieren.
Ausschlaggebend für besagte Identität sind nach dieser Vorstellung nicht die Sprache des Rechts, die Einhaltung demokratischer Prozesse, die Fürsorge für Schwächere und die Bemühung um eine Angleichung des Lebensstandards. Der entscheidende Faktor ist vielmehr der kulturelle Auftrag. Eben diese Mission veranlasste Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán, von einer „moralischen Überlegenheit“ der Ungarn über den „dekadenten Westen“ zu sprechen, und den damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda, die EU eine „imaginäre Gemeinschaft ohne große Bedeutung für Polen“ zu nennen.13 Sie liefert die Grundlage dafür, dem Westen eine übertriebene Anwendung des Prinzips der Gleichheit vor dem Gesetz vorzuwerfen und Bürger, die den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) anrufen, als „Vaterlandsverräter“ zu diffamieren.14

Auf den ersten Blick steht dieser Vorwurf klar im Widerspruch zu Kundera, der ja postulierte, in Mitteleuropa seien „Vaterland und Europa eins“.15 Der Weg von seinem pro-europäischen Essay zu den antieuropäischen Selbstbildern, die heute in einigen mitteleuropäischen Ländern kursieren, führt indes über die Überzeugung von der eigenen Sonderstellung. Kunderas Text erzeugte in Mitteleuropa eine charakteristische Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstüberschätzung: Man war gedemütigt von der Unterwerfung durch die UdSSR, zugleich aber zu höchster Bedeutung erhoben, welche die des Westens noch übertraf. Eben dieses Denken verleitet Spitzenpolitiker in Polen, Ungarn und der Slowakei heute zu der Annahme, sie könnten Brüssel unter Berufung auf Mitteleuropas kulturelle Werte ihre Bedingungen diktieren.

Die Furcht in der Geschichte Mitteleuropas

Kunderas Eloge auf die Mitte Europas steht in diametralem Gegensatz zu Istvan Bibós Studio Die Misere der osteuropäischen Kleinstaaterei, die er 1946 zur Pariser Friedenskonferenz zwischen den Alliierten und Ungarn vorlegte.16Die Texte unterscheiden sich in nahezu allem – Umfang, Schlüssigkeit der Argumentation, dem historischen Hintergrund bis hin zur grundlegenden Haltung ihrer Autoren: In Kunderas Augen steht Mitteleuropa für die Hoffnung auf Europas Wiedergeburt als kulturelles Ganzes, für Bibó hingegen ist es seit dem 19. Jahrhundert die „kritische Zone der Welt“. Einig war man sich nur in einem Punkt: Eine prägende Rolle für die reale Gestalt Mitteleuropas spielte die Furcht, von der Landkarte zu verschwinden.
Von diesem gemeinsamen Punkt aus bewegen sich die beiden Autoren jedoch in verschiedene Richtungen. Bibó schreibt, in der Zwischenkriegszeit habe „die existenzielle Angst um das Kollektiv“ die Polen, Ungarn und Tschechen dazu gebracht, die Nation über das Gesetz zu stellen, was auch hieß, demokratische Rechte zu verletzen, Zensur einzuführen und Bürgerrechte zu beschränken:

Dabei traten die unterschiedlichsten Formen der Deformation und Korrumpierung von Demokratie auf, von subtilen, manchmal gar nicht bewussten bis hin zur gröbsten: das Ausspielen des allgemeinen Wahlrechts gegen die Entwicklung der Demokratie, ein ungesundes, auf unklaren Kriterien basierendes System von Koalitionen und Kompromissen [. . .] Umstürze und Übergangsdiktaturen.17

Infolge dieses Prozesses habe sich in Mitteleuropa der Politikertyp eines „falschen Realisten“ herausgebildet, der in der Gesellschaft einen „hysterischen Geisteszustand“ auslöse. Dieser bestehe im fehlenden Gleichgewicht „zwischen dem Realen, dem Möglichen und dem Wünschenswerten“,18 oder anders gesagt: in der Überzeugung, dass wir recht haben mit dem, was wir verlangen, und uns auch unbedingt zusteht, was wir wollen.
Auch bei Kundera tritt die Furcht auf, „von der Landkarte zu verschwinden“. Er beginnt seinen Essay mit der Botschaft, die der Leiter der Ungarischen Presseagentur während der ungarischen Revolution 1956 per Telex in die ganze Welt sandte: „Wir werden für Ungarn und für Europa sterben.“19 Die Bereitschaft, für Europa zu sterben, zieht Kundera immer wieder als Beleg für die europäische Identität der Mitteleuropäer heran. Damit stellt Kundera die Furcht in ein radikal anderes Licht: Bei Bibó ist sie ein Affekt, der ausnahmlos alles deformiert – die Demokratie, das politische Denken, die Fähigkeit zur Analyse der Realität, den psychischen Zustand der Gesellschaft. Bei Kundera geht gerade aus ihrer Verwandlung jener Wagemut hervor, der zur Gründung Mitteleuropas führt, der seinen Zusammenhalt garantiert und es mit dem Westen verbindet.
Doch diese Idee der Umwandlung von Furcht in Mut verschleiert eher ein Problem, als es zu benennen. Denn der Mut führt hier nicht etwa dazu, dass Mitteleuropa sich seiner eigenen Geschichte stellen würde. Das Jahr 1989 hätte Gelegenheit für diese Art von Selbsterkenntnis geboten – doch man hielt sich stattdessen lieber an Idealbilder im Geiste Kunderas. Dahinter verbirgt sich ein Unbehagen am Aufdecken einer Reihe von unbequemen Wahrheiten in Bezug auf Mitteleuropas Toleranz, seine politischen Systeme und inneren Ungleichheiten.

Toleranz, Demokratie, Gleichheit

Eine Lobeshymne auf die mitteleuropäische Toleranz anzustimmen war Kundera nur möglich, weil er den Holocaust unerwähnt ließ. Diese Lücke entband ihn von der Notwendigkeit, an den Antisemitismus der Polen, Ungarn und Slowaken zu erinnern.20 Nur dank dieses aktiven Vergessens konnte Mitteleuropa auf der internationalen Bühne das Psychodrama seiner Unschuld inszenieren. Doch in diesem Drama führt eine panische Angst vor der Wahrheit Regie. Um die Lüge aufrechtzuerhalten, muss man zu Willkür und Manipulation greifen – zu Gesetzen, die die Freiheit der Wissenschaft einschränken, zur Zensur der Kunst, zu Konzepten wie dem „präemptiven“ Antisemitismus,21zum Vertuschen der Geschichte und zu den Fiktionen einer auf Kriegsreparationen abzielenden Geschichtsschreibung.
Eine weitere unbequeme Wahrheit steckt in der Geschichte der Demokratie in den mitteleuropäischen Ländern, die Kunderas Essay zufolge tief in den europäischen liberalen Traditionen verwurzelt seien. Indessen waren Polen und Ungarn in der zweiten Dekade der Zwischenkriegszeit autoritärer Staaten, die mit großen Schritten auf den Faschismus zusteuerten: Minderheiten gegenüber kam eine aggressive Assimilationspolitik zur Anwendung, schwerste Konflikte glaubte man durch Umstürze oder Hochsicherheitsgefängnisse zu lösen. Das bewusste Vergessen dieser „Traditionen“, ihre Ausblendung aus der eigenen Geschichtsschreibung führt dazu, dass die gegenwärtigen Staaten Mitteleuropas auf jene altbekannten Methoden zurückgreifen und sich dabei auf ihre – von Kundera verbürgerte – Ausnahmestellung berufen. Im Namen ihrer „wahren“ Europäizität streben sie in der EU nach einer Position der „maximalen Vorteile bei minimaler Verantwortung“.
Doch vollziehen sie damit eine Art separatistisches Harakiri auf Raten: 2015 verweigerten Polen und Ungarn gemeinsam die Aufnahme von 7000 Flüchtlingen aus Syrien, ab 2021 musste Polen täglich eine Strafe von einer Million Euro zahlen, da die PiS-Regierung sich weigerte, das bindende Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) umzusetzen. Dieser hatte entschieden, dass Polen die Arbeit seiner Disziplinarkammer einstellen müsse, da diese gravierend gegen die Unabhängigkeit der Justiz verstößt. Von 2022 bis 2024 hatten Polen und Ungarn wegen der Verletzung der Rechtsstaatlichkeitsstandards der EU keinen Zugriff auf Mittel aus dem Europäischen Wiederaufbaufonds.
Die dritte unbequeme Wahrheit hat ihre Wurzeln in der Wirtschaftsgeschichte. Man muss sich die Frage stellen, warum Kundera es nicht unternahm – was antisowjetisch und solidarisch zugleich gewesen wäre –, Mitteleuropa mit dem von der UdSSR kolonisierten Gebiet gleichzusetzen. Warum nahm er trotz seiner wiederkehrenden Verweise auf Sowjetrussland nicht Bezug auf die gemeinsame Erfahrung des Kommunismus und überging sowohl Rumänien, Albanien, die DDR und Bulgarien als auch den östlichen Rand Europas, also Litauen, Lettland, Estland, Belarus und die Ukraine?
Ganz offensichtlich war dies seiner Sicht auf den Kommunismus geschuldet. Für Kundera war der Kommunismus ausschließlich Unterdrückung – ein rein äußerlicher Druck, der zwar das Leben einschränkt und die Freiheit raubt, aber an der Wirtschaft, der Struktur der Gesellschaft und der kulturellen Praxis nichts ändert. Auf dieser Grundlage konnte er ein Bild von Staaten konstruieren, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg keine radikale Umgestaltung erforderlich gewesen wäre. Tatsächlich aber kämpften diese Staaten schon in der Zwischenkriegszeit mit ernsthaften Schwierigkeiten: In Polen und Ungarn (von Rumänien und Albanien ganz zu schweigen) hatten Überreste feudaler Strukturen überdauert, zwischen den städtischen Zentren und der Provinz herrschte gewaltige Ungleichheit der Entwicklung, es fehlte an gepflasterten Straßen und Brücken, die Industrialisierung war schwach, die Arbeitslosigkeit groß, das mittlere Bildungswesen nur den Eliten zugänglich, Analphabetismus war weit verbreitet, die Minderheitenpolitik wurde immer drakonischer und die Außenpolitik zunehmend irrational. Keines dieser Probleme kommt bei Kundera vor, und so konnte der Autor behaupten, der Kommunismus, verstanden als pure Gewalt, habe Mitteleuropa zwar unterjocht, doch dieses sei in seinem Kern unangetastet geblieben.
Anders als es Kundera darstellt, lag die Gemeinsamkeit der Staaten Mitteleuropas vor dem Krieg vor allem in ihrem Elend und ihrer zivilisatorischen Rückständigkeit. Hätte er diese Wahrheit anerkannt, dann hätte er Mitteleuropa nicht nur nicht mehr idealisieren können, sondern sich auch eingestehen müssen, dass Reformen in der Nachkriegszeit unabdingbar waren – wenn auch nicht unter sowjetischen Bajonetten.
Doch nach 1989 setzte sich Kunderas Sicht von den „Nationen“ Mitteleuropas als innerlich kohärenten und einheitlichen Gebilden durch, die eher bürgerlich als plebejisch, eher städtisch als ländlich geprägt seien. Das Ergebnis war, dass sowohl der Kommunismus als auch das Elend ausgeblendet wurden. Und mit dieser Haltung verband sich die Vorstellung, die unterschiedlichen Schichten und Gruppen innerhalb dieser Gesellschaften würden nach 1989 von derselben Position und unter identischen Bedingungen starteten. Die Folgen zeigten sich erst spät, sie begleiten uns jedoch bis heute in Form einer drastisch ungleichen Vermögensverteilung und zerbrochenen gesellschaftlichen Beziehungen. Das Einzige, womit man den neoliberalen Regierungen in diesen Ländern beikommen konnte, schien ein katholisch verbrämter Nationalismus zu sein – mit dem Ergebnis, dass Polen, die Slowakei und Ungarn heute in mehr oder weniger großer Nähe zum Faschismus oszillieren, den Viktor Orbán euphemistisch „christlicher Nationalismus“ nennt.
Dies sollte uns zu denken geben: Alle vier Staaten in Kunderas Mitteleuropa traten nach 1989 in einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte im Zeichen von Demokratie, Pluralismus und Menschenrechte ein, doch unter nationalistisch-rechten Regierungen glitten drei von ihnen schnell in ein vordemokratisches Stadium zurück. Zudem genießen antieuropäische politische Gruppierungen, die unablässig die Notwendigkeit betonen, „die wahren europäischen Werte“ zu schützen, hier beträchtliche Unterstützung.
So sehen die Konsequenzen einer ungeprüft übernommenen Hypothese über Mitteleuropas Sonderstellung aus.

Die eigentliche Tragödie

Kundera ist für den Nationalismus in Polen oder Ungarn nicht verantwortlich. Doch sein Essay begünstigte das Verdrängen grundlegender Wahrheiten über unsere Region. Es sind dies der Antisemitismus als gesellschaftlicher Kitt, der Kommunismus der Nachkriegszeit als notwendige Etappe gesellschaftlicher Reformen, der Autoritarismus als Regierungspraxis und die fehlende Solidarität als Grundsatz der Sozialpolitik.
Aus diesen Gründen muss Der entführte Westen heute einer kritischen Lektüre unterzogen werden. Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass der Mythos von Mitteleuropas Sonderstellung zunächst zur Folge hat, dass wir unsere unmittelbaren Nachbarn vernachlässigen, dann die eigene Demokratie verletzen und am Ende manipulativ von Souveränität sprechen, um europäische Gesetze nicht zur Anwendung zu bringen. Um nicht in dieses Fahrwasser zu geraten, muss man sich um ein tieferes Verständnis der wahren Bedrohungen bemühen.
Am Ende seines Essays greift Kundera zu drastischen Worten: Mitteleuropas wahre Tragödie, schreibt er, sei der Westen, der seinen Glauben an die Kultur verloren habe und im Begriff stehe, „den Sinn für seine eigene kulturelle Identität zu verlieren“.22 Ich bin nicht der Meinung, dass diese Diagnose zutraf. Und selbst wenn sie zugetroffen hätte, wäre das keine Tragödie gewesen. Die weit ernsthaftere Bedrohung für Mitteleuropa ist Mitteleuropa selbst. Man könnte einwenden, dass Kundera immerhin mit seiner äußerst negativen Einschätzung Russlands recht behalten hat – im Februar 2026 jährt sich Russlands massiver Überfall auf die Ukraine zum vierten Mal. Ich fürchte jedoch, dass sogar in diesem Punkt der unstrittigen Verurteilung des Aggressors Selbstkritik zu folgen hat. 1989 präsentierten sich, ganz im Einklang mit Kunderas Essay, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn Europa gegenüber als einzige Staaten der Mitte. Hätte man 1990 – anders als der Essay vorschlägt – eine Allianz mitteleuropäischer postkommunistischer Staaten gegründet, dann wäre die Ukraine heute Mitglied der EU und nicht Opfer des russländischen Angriffs geworden. Eben deshalb denke ich, die größte Gefahr für Mitteleuropa ist Mitteleuropa selbst – seine mangelnde Solidarität mit den Nachbarstaaten und der EU, seine Angst vor den in der eigenen Geschichte verborgenen Wahrheiten und seine Gleichgültigkeit gegenüber innerer Ungleichheit.
Zu ergänzen wäre noch unsere Gegenwart: Flüchtlingskrise, Klimakrise und die Krise der Demokratie. Die Antworten, die die EU auf diese Krisen findet – die nach der Pandemie entwickelten Hilfsprogramme, die Unterstützung der Ukraine, die Verteilung der Flüchtlinge, der Rückzug aus der Kohlewirtschaft – sind weder perfekt noch ausreichend, und doch liegt in ihnen mehr Wahrhaftigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit als in der Politik der mitteleuropäischen Staaten. Die wahre Tragödie bestünde darin, dass Mitteleuropa versucht, sich von diesem Prozess abzukoppeln und den Ausgang der Geschichte am Rand des Spielfelds abzuwarten. Dann würde die Mitte an die Peripherie rücken.

„Un occident kidnappé ou La tragédie de l’Europe centrale“, in: Le Débat, 27/1983, S. 3–23. Die erste deutsche Übersetzung von Cornelia Falter erschien in: Kommune, 7/1984, S. 43–52. 2023 erschien im Kampa Verlag der Essay „Der entführte Westen. Die Tragödie Mitteleuropas“, übersetzt von Uli Aumüller. Zürich 2023, S. 43–80. Der Band enthält auch Kunderas Rede von 1967 „Die Literatur und die kleinen Nationen“ sowie Einführungen von Jacques Rupnik und Pierre Nora. Die deutschen Zitate folgen dieser Übersetzung.

In: Zeszyty Literackie, 5/1984. Daran schloss sich eine breite Debatte an. Kunderas Essay er schien 2023 in einer neuen Übersetzung: Milan Kundera: Zachód porwany albo tragedia Europy Środkowej. Przeł. Marek Bieńczyk. Warszawa 2023.

Francis Fukuyama: The End of History? In: The National Interest, Summer 1989, S. 3–18. Aus diesem Aufsatz entwickelte Francis Fukuyama die Monographie: The End of History and the Last Man. New York 1992.

Kundera, Der entführte Westen [Fn. 1], S. 51/52.

„Europa“ und „Mitteleuropa“ sind im Polnischen feminin. Die Bezeichnung „jüngere Schwester“ verwendet Kundera nicht. Sie bezieht sich auf die Monographie von Jerzy Kłoczowski: Młodsza Europa. Europa Środkowo-Wschodnia w kręgu cywilizacji chrześcijańskiej średniowiecza. Warszawa 1998.

Adam Zagajewski: Wysoki mur, in: Solidarność i samotność. Kraków 1986. Die deutsche Übersetzung von Olaf Kühl erschien 1986 bei Hanser unter dem Titel Solidarität und Einsamkeit. Die Polemik von János Kis, François Bondy und Georges Nivat publizierte die Zeitschrift Zeszyty Literackie, 7/1984.

Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. New York 2010.

Czesław Miłosz: O naszej Europie, in: Kultura, 4/1986, S. 3–12.

Spór o Europę Środkową, in: Zachód porwany. Eseje i polemiki. Wrocław 1984.

Leszek Szaruga: Wielkie oczekiwanie, in: Kultura, 5/1986, S. 28–42. – György Konrád: „Mein Traum von Europa“, in: Kursbuch, 81/1985, S. 175–193. – Danilo Kisz: Wariacje na tematy środkowoeuropejskie, in: Res Publica, 1/1989, S. 21–29.

Myśli o naszej Europie. Wrocław 1988.

Kundera, Der entführte Westen [Fn. 1], S. 57.

Duda nannte anlässlich seines Besuchs in Leżajsk 2018 die EU eine „imaginäre Gemeinschaft“ ohne jegliche Bedeutung für die Polen. EU-Posten für polnische Parteigünstlinge. Der Spiegel,30.11.2018.

Unter den PiS-Regierungen 2005–2007 und 2015–2023 wurde Kritik an Polen, sei es der Hinweis auf polnischen Antisemitismus, sei es auf mangelnde Toleranz oder Kritik an der Kirche, als „Verrat“ betrachtet. Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk wurde nach einem Interview, in dem sie das Bild eines toleranten, offenen Polen in Frage stellte, beschimpft und bedroht. Gegen sie wurde auch ein Antrag auf ein Verfahren wegen Verunglimpfung des Staates eingebracht. Eine Welle von Hass traf den Regisseur des Films Pokłosie (Nachlese, 2012) Władysław Pasikowski und seinen Hauptdarsteller Maciej Stuhr. Der Film behandelt die Aufdeckung eines Massakers an Juden während des Zweiten Weltkriegs, begangen von polnischen Nachbarn. Auch Agnieszka Holland wurde wegen ihres Films Zielona Granica (Die grüne Grenze, 2023), der den Grenzschutz an der polnisch-belarussischen Grenze in kritischem Licht zeigt, als Verräterin beschimpft und von Regierungsmitgliedern mit Kollaborateuren mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg verglichen.

„Nein, für sein Vaterland und für Europa sterben ist ein Satz, der weder in Moskau noch in Leningrad gedacht werden könnte, aber eben in Budapest oder in Warschau“. Kundera, Der entführte Westen [Fn. 1], S. 44.

Bibó István: A kelet-európai kisállamok nyomorúsága. Budapest 1946.

Bibó, hier zitiert nach ders: Válogattot tanulmányok, Bd. 2, in: Mágyar Elektronikus Könyvtár, <https://mek.oszk.hu/02000/02043/html/60.html>.

Ebd.

Kundera, Der entführte Westen [Fn. 1], S. 43.

1965 kam Ján Kadárs und Elmar Klos’ Film „Der Laden auf dem Korso“ (Obchod na korze) in die tschechoslowakischen Kinos. Er erzählt von der Arisierung jüdischen Eigentums in der Slowakei, die unter Aufsicht der Deutschen und mit wiederholter Beteiligung der Gesellschaft durchgeführt wurde. Kundera muss diesen Film gekannt haben, zumal er 1966 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde.

Dieses Konzept, das von der polnischen nationalistischen Rechten unterstützt wird, fand Ausdruck in den Publikationen des polnisch-amerikanischen Historikers Marek Jan Chodakiewicz: Massacre in Jedwabne, July 10, 1941. Before, During, and After. Boulder 2005 und After the Holocaust. Polish-Jewish Conflict in the Wake of World War II. Boulder 2003. Chodakiewicz erkennt zwar an, dass Polen unter deutscher Besatzung in Jedwabne und nach dem Kriegsende Verbrechen begangen haben. Er hält diese Gewalt jedoch für gerechtfertigt. So sieht er in den nach 1944 an Juden begangenen Massakern eine Reaktion auf Aktionen jüdischer Kommunisten, die für die Einführung eines revolutionären marxistisch-jüdischen Regimes in Polen gekämpft hätten, auf jüdische Racheakte in Selbstjustiz gegen Polen, die während der deutschen Besatzung Juden geschädigt hatten, und auf Versuche von Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft, ihr von den Nazis konfisziertes Eigentum wiederzuerlangen, das von Polen übernommen worden war. Die Ermordung von Juden nach Kriegsende sei Teil des Kampfes gegen den Kommunismus und eine präemptive Maßnahme gegen jüdische Racheakte und Ersatzansprüche für jüdisches Vermögen gewesen.

Kundera, Der entführte Westen [Fn. 1], S. 79.

Published 16 February 2026
Original in Polish
Translated by Marlis Lami
First published by Czas Kultury 21 (2023) (Polish version); Osteuropa 8–9/2025 (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Czas Kultury © Przemysław Czapliński / Czas Kultury / Eurozine

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