Verkörperte Kognition und reflexive Verfahren

Grenzen digitaler Technologien

31 July 2014
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Edith Ackermann ist Entwicklungspsychologin, Universitätsdozentin und in der Forschung und als Beraterin für Firmen, Institutionen und Organisationen tätig, die sich für die Schnittstellen zwischen Lernen, Lehren, Design und digitalen Technologien interessieren. Die Honorarprofessorin der Université Aix-Marseille ist Visiting Scientist am Massachusetts Institute of Technology, School of Architecture, und Senior Research Associate an der Harvard Graduate School of Design, Responsive Environments and Artifacts Lab. Sie begann ihre wissenschaftliche Laufbahn als Assistentin an der Fakultät für Psychologie der Université de Genève, später war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre International d'Epistémologie Génétique unter der Leitung von Jean Piaget in Genf. Ackermann war Senior Research Scientist am MERL (Mitsubishi Electric Research Laboratory, Cambridge, MA) und Associate Professor of Media Arts and Sciences am MIT Media Laboratory in Cambridge, MA. In ihrer Forschungs- und Beratertätigkeit interessiert sie sich besonders für die neuen Funktionen, die digitale Medien im kreativen und didaktischen Bereich übernehmen können. Beratend tätig war sie für Unternehmen wie das LEGO-Lerninstitut oder das San Francisco Exploratorium Science Museum. Daneben betreut sie aber auch Architekturstudenten des MIT bei ihren Abschlussarbeiten. Das vorliegende Interview wurde per Skype und Email geführt.

Urs Hirschberg: Lass uns, bevor wir zur Intuition kommen, über Begabung sprechen. Wenn Architekten gefragt werden, wie sie entwerfen, sagen viele, sie könnten es im Grunde nicht erklären. Manche behaupten sogar, Entwerfen könne nicht gelehrt werden. Wenn das zuträfe, wäre damit nicht das Architekturstudium an sich in Frage gestellt?

Edith Ackermann: Wie Intuition ist “Begabung” ein Gebrauchsbegriff, der cum grano salis zu verwenden ist. Unter einer begabten Person verstehen wir für gewöhnlich jemanden mit einer angeborenen Gabe, einer überdurchschnittlichen Fähigkeit oder der Veranlagung zu Leistung und Erfolg. Das Problem liegt in meinen Augen weniger darin, wie wir uns entlang des Natur versus Kultur-Kontinuums als in der implizierten Veränderlichkeit oder Formbarkeit des Denkens positionieren, die mit angeborenen bzw. erworbenen Dispositionen, Kompetenzen oder Charaktereigenschaften assoziiert wird.

Photo: Bkmzde. Source:Shutterstock

Studenten beizubringen, wie sie ihre “Talente” als Architekten und Designer entfalten, ist eine spezielle Herausforderung, denn was das Erlernen des Handwerks oder die Entwicklung eines Gespürs fürs Entwerfen betrifft, haben Worte nicht immer den Effekt, dass darauf auch Taten folgen. Leider treten jene Studenten, die im Unterricht am meisten reden oder ihre Professoren imitieren, nicht immer mit den originellsten, erstaunlichsten oder erfreulichsten Ergebnissen hervor. Das soll nicht heißen, dass besonnenes Engagement, Selbstreflexion und Durchhaltevermögen keine wesentlichen Voraussetzungen dafür seien, ein guter Theoretiker und erfolgreicher Architekt zu werden.

Lernen bedeutet Konzentration und Abschweifung, Perspektivenwechsel und Aneignung eines “neuen Blicks”. Das Ausdenken und Hervorbringen neuer Ideen nimmt geistige und körperliche Aspekte, sowie Aspekte des Selbst in Anspruch, auf die wir kaum Einfluss haben. Beim Lernen geht es, wie bei der Kunst zu leben, darum, Unwägbares in den Griff zu bekommen, nicht darum, etwas zu beherrschen, das wir nicht vorhersagen können. Ein außergewöhnlicher Lehrer ist, glaube ich, einer, der versteht, dass Unterrichten immer indirekt funktioniert, dass die Lernenden Gründe haben mögen, an ihren Überzeugungen festzuhalten, und dass für einen erfolgreichen Entwurfsarchitekten mehr notwendig ist als den Professor zu imitieren, sich auf Expertenmeinungen zu stützen oder Anweisungen zu befolgen. So ein Lehrer weiß auch, wann er nicht eingreifen soll.

UH: Das klingt, als sei auch Talent nötig, um Talent zu fördern. Wie verhält es sich dann mit der Intuition? Sie wird oft für eine mystische Fähigkeit oder göttliche Eingebung gehalten. Ist Intuition, vom psychologischen Standpunkt aus gesehen, eine angeborene Fähigkeit oder etwas, das wir mit der Zeit erwerben?

EA: Intuition ist ein unglücklicher Begriff für eine eigentlich tiefgreifende Vorstellung: die menschliche Fähigkeit, etwas zu verstehen, ohne es durchdacht zu haben und unbewusst überraschende innere (und äußere Ressourcen) zu mobilisieren, wenn sie in situ gebraucht werden. Intuition erfordert, dass wir ein “Gefühl für das, was wichtig ist” (in Abwandlung von Damasios “Gefühl für das, was geschieht”1) entwickeln, bevor wir überhaupt behaupten oder belegen können, dass wir recht haben. Es geht darum, Situationen zu “durchblicken”, die wir anders nicht begreifen oder erklären können. In seiner weniger vorteilhaften Konnotation evoziert der Begriff das Instinktive (das Tier in uns) oder wird, wie Du sagst, ins Mystische (göttliche Eingebung) erhoben. In beiden Fällen meint der Begriff den plötzlichen Ausbruch ungeprüfter “Wahrheiten” oder kryptischer Prophezeiungen (Offenbarungen, innere Rufe).

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1921) definiert Intuition als “Wahrnehmung […] durch das Unbewusste”2 und stellt sie der sinnlichen Wahrnehmung (durch Sinneseindrücke) gegenüber. Intuitive Menschen verlassen sich in Jungs Typologie hauptsächlich auf ihre Sinne, um äußere Situationen mit anderen, scheinbar unzusammenhängenden Gedanken, Bildern, Möglichkeiten und Auswegen zu verbinden. Durch einen vorwiegend unbewussten assoziativen Prozess kommen diese Menschen zu überraschenden Erkenntnissen, können aber nicht sagen, warum sie so und nicht anders gedacht oder empfunden haben oder was sie überhaupt zu ihren Gedanken veranlasst hat. Das passiert eher im Nachhinein. Heute wissen wir, dass Intuition weniger mit einem bestimmten psychologischen Typus zu tun hat. Vielmehr ist sie ein wirkungsvolles heuristisches Instrument, das die meisten Menschen benützen, um sich in Situationen über Wasser zu halten, die für ein Begreifen im herkömmlichen Sinn zu unkalkulierbar oder verwirrend sind.

UH: Wenn wir Intuition als strategisches Instrument denken, wie kann sie uns im Alltag oder architektonischen Entwurfsprozess dienlich sein, wenn es um die Lösung von komplexen oder schwierigen Aufgaben geht?

EA: Intuition berührt auch die Vorstellung, dass sich im zwischenmenschlichen Bereich die Spannungen, die wir wahrnehmen (das Dilemma, vor dem wir stehen), oft nicht lösen (beheben oder wegreden) lassen, sondern gesteuert (aufmerksam beobachtet) werden müssen. So gesehen können diese nicht bloß dadurch austariert werden, dass man die Ursache des Problems ausklammert oder Optionen vergleicht. Gefordert ist stattdessen die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, das Problem in Grenzen zu halten, wachsam zu bleiben und sich immer wieder neu anzupassen.

UH: Manche Menschen “vertrauen” auf ihre Intuition…

EA: Alternativen zum Begriff “Intuition” findet man in Polanyis “implizitem Wissen”,3 definiert als Wissen, von dem ein Handelnder weiß, dass er es hat (z.B. wie man einen Wettbewerb gewinnt, ein guter Trainer ist, einen Ball fängt), das er aber nur durch (kundiges) Ausüben beschreiben kann. Solche partiell ungeprüften aber souveränen Akte (Erkenntnisse oder Know-how) ähneln Schöns “reflection-in-action”4 (dem Vermögen, über eine praktische Handlung zu reflektieren, während man sie ausübt), Lakoff und Johnsons “Leben in Metaphern” (situierte und verkörperte Kognition)5 und Bruners “enaktiver Darstellung” (performative Akte).6 Unser menschliches Streben zielt nicht auf den Widerspruch sondern auf die Versöhnung von Bauchgefühl und Intellekt, dem Tier und dem Genie in uns, ab. Zu diesem Zweck geben wir dem Intellekt eine helfende Hand und unseren Sinnen etwas, woran sie sich festhalten können.

UH: “Lautes Denken” oder Introspektion werden oft eingesetzt, um Architekten beim Entwerfen dazu zu bringen, ihre Erkenntnisse zu verbalisieren – oder in anderer Form zu externalisieren –, während sie sich durch Probleme hindurcharbeiten. Ist Introspektion Deiner Meinung nach ein geeignetes Verfahren für Architekten, um Erkenntnisse über den eigenen Entwurfsprozess zu gewinnen?

EA: Intuition gibt, wie wir gesehen haben, Anleitung zur Problemlösung, ohne intellektuell zu belasten. Introspektion wiederum gestattet uns, “nach innen zu schauen” und unsere inneren Gedanken und Gefühle zu untersuchen, als seien sie nach außen gestülpt. Als Selbstprüfungstechnik und Methode in der Psychologie eingesetzt, ist die Introspektion ein zweifelhafter Segen. Zum einen bewirkt fast jeder Versuch, das eigene Seelenleben – oder das Anderer – offenzulegen, eine Veränderung genau jenes Seelenlebens, das wir begreifen möchten.7 Hinzu kommt, dass laut der Theorie des adaptiven Unbewussten unsere mentalen Prozesse – auch “high-level”-Prozesse (wie Zielsetzung und Entscheidungsfindung) – der Introspektion zumeist verschlossen bleiben.8 Kurz gesagt, Introspektion funktioniert sehr gut als Fenster zu dem, was wir gegenwärtig denken, allerdings kann sie nicht erklären, wie wir zu diesen Gedanken gekommen sind. Und “lautes Denken” (Ich-Aussagen) sind nur dann nützlich, so lange sie durch andere Methoden wie Beobachtung oder klinische Interviews ergänzt werden.

UH: Du sagtest, wir “geben dem Intellekt eine helfende Hand”. Don Norman spricht von externen Hilfsmitteln, von “Dingen, die uns schlau machen”. Architekten arbeiten immer wieder mit externen Hilfsmitteln in Form von Skizzen, Modellen, Diagrammen etc. Sind architektonische Instrumente wie diese auch Beispiele für die von Dir erwähnte “verkörperte Kognition”?

EA: “Situiertes” Lernen und “verkörperte” Kognition betonen die Bedeutung des In-der-Welt-Seins, den Kontakt mit Dingen – die tatsächliche Berührung – als Anker für das Denken. Und niemand sagt es eloquenter als Francis Bacon in dem berühmten Zitat: “Weder die bloße Hand, noch der sich selbst überlassene Geist vermag Erhebliches; durch Werkzeuge und Hilfsmittel wird das Geschäft vollbracht; man bedarf dieser also für den Verstand wie für die Hand”.9 Dem Verstand eine helfende Hand zu geben bedeutet, dass ein Großteil des gewonnenen Wissens knowledge-in-action ist: wir denken und handeln gleichzeitig! Der Hand ein Werkzeug zu geben bedeutet wiederum, dass die erforschten Materialien und verwendeten Werkzeuge maßgeblich dazu beitragen, unser Handeln in der Welt zu erweitern und zu vermitteln.

Ich möchte embodied cognition (“verkörperte” Kognition) der Vorstellung vorbehalten, dass unser Körper seine eigene Intelligenz besitzt (er “denkt” genauso wie unser Verstand), dass unser Wissen und Know-how so tief in der sensomotorischen Erfahrung eingeschrieben sind, dass wir buchstäblich davon leben. Embedded cognition (“eingebettete” Kognition) hingegen besagt, wie intelligente Wesen (Körper/Geist in situ) die Welt, in der sie leben, gestalten und zurichten.

Für Phänomenologen bezieht sich “verkörperte” Kognition auf die intuitive Erfahrung des In-der-Welt-Seins. Beim Werkzeuggebrauch geht es dagegen um die menschliche Fähigkeit, die Reichweite über den Zugriff der bloßen Hand (von Körper/Verstand) hinaus zu verlängern und dadurch Macht zu empfinden. Michael Polanyi schreibt: “Wann immer wir bestimmte Dinge [ein Werkzeug oder eine Sonde] gebrauchen […], verändern diese Dinge ihr Aussehen. [Stattdessen] können wir sagen, dass wir uns die Dinge einverleiben […], [oder] dass wir unseren Körper soweit ausdehnen, bis er sie einschließt und sie uns innewohnen.”10 Maurice Merleau-Ponty formuliert es so: “Sich an einen Hut, an ein Automobil oder an einen Stock gewöhnen heißt, sich in ihnen einrichten, oder umgekehrt, sie an der Voluminosität des eigenen Leibes teilhaben zu lassen.”11 Der Punkt hier ist: obwohl es eine physische Abgrenzung zwischen Leib und Werkzeug gibt, verblasst diese Abgrenzung durch den Gebrauch des Werkzeugs: das gehandhabte Werkzeug wird zur Verlängerung und somit zu einem Teil unserer selbst. Und so ist es genau diese Fähigkeit, Grenzen zu ziehen und zu verwischen, umzuschalten, die Perspektive zu wechseln, die uns am Leben hält und schlauer macht. Es ist eben nicht so, dass wir im Prinzip nur Cyborgs wären, wir kommen zur Vernunft, indem wir lernen, ins kalte Wasser zu springen und neu zu sehen.

UH: Bedeutet dies, dass die von Architekten verwendeten Tools intuitiv als Verlängerung des Körpers betrachtet werden können?

EA: Heidegger unterscheidet zwei Arten des Werkzeuggebrauchs. Bei der ersten, der “Zuhandenheit”, benützt jemand ein Werkzeug wie eine physische Verlängerung seiner selbst; der Fokus liegt auf der Aufgabe und die Benutzer nehmen das Werkzeug als solches nicht wahr (das Werkzeug ist, als Phänomen transparent). Bei der zweiten Art, der Vorhandenheit, wird das Werkzeug als separate Entität behandelt, die Benutzer nehmen “seine” Eigenschaften bewusst wahr (das Werkzeug ist, als Phänomen präsent). Dies geschieht zumeist, wenn eine “Störung” auftritt (zum Beispiel, wenn das Werkzeug nicht wie erwartet funktioniert und dadurch die Aufmerksamkeit auf sich lenkt).

Der Begriff der Bewusstheit wiederum erfasst die Art und Weise, wie kreative Menschen zwischen den Modi hin- und herspringen, wenn sie mit einem Gegenstand, Werkzeug oder Medium interagieren. Der Akzent liegt auf der Interaktion: ich kann mit meinem Werkzeug eins (verschmolzen) sein (solange alles reibungslos läuft). Doch sobald etwas Unerwartetes eintritt, schalte ich um, ich behandle das Werkzeug als eigenständige Entität und stelle dessen Handhabung neu ein.12 Anders gesagt, der Lernprozess ist Resultat des bewussten oder unbewussten Wechselns (1) zwischen Einziehen/Heraustreten (Immersion, Separation); (2) zwischen Zentrierung und Dezentrierung (als Selbst behandeln/als das Andere behandeln); und (3) zwischen Aufnahme/Projektion nach außen (internalisieren/externalisieren).

UH: Digitale Phänomene unterliegen nicht denselben Gesetzen wie analoge: sie können nichtlinear sein, unberechenbar, fehlerträchtig, sie können abstürzen und wir verstehen nicht, warum. Sie sind in der Lage, Aufgaben zu bewältigen, die außerhalb von allem liegen, was wir ohne sie erreichen könnten. Manchmal sind sie geradezu irrwitzig. Können wir trotzdem Intuition für sie entwickeln?

EA: Ganz recht, die Sache wird kompliziert, wenn die von uns verwendeten Werkzeuge anfangen, eigenständig zu agieren, den Großteil einer Aufgabe alleine bewältigen oder ganz und gar das Ruder übernehmen, indem sie Probleme auf ihre Weise lösen). Dann werden sie von Denkhilfen zu in ein Gerät oder Computerprogramm (Maschine, Automat) eingebetteten Operationen. Aus mentalen Hilfsmitteln (Beschreibung, Notation, Modell) oder Werkzeugen (Instrument, Abakus) werden “erweiterte” oder vermischte Realitäten, virtuelle Welten, künstliche Partner, Avatare (Simulationen).

In einer Ankündigung ihres jüngsten Buchs Alone Together schreibt Sherry Turkle: “Facebook. Twitter. Second Life. Smartphones. Roboter-Haustiere. Robot Lovers. Vor dreißig Jahren fragten wir uns, wozu wir Computer verwenden sollten. Heute lautet die Frage, wozu wir sie nicht verwenden (sollten).”13 Ob wir die bisher unvorstellbaren, durch digitale Technologien möglich gewordenen Optionen als Verarmung oder als Glück empfinden, ist eine wichtige Frage. Noch spannender ist es jedoch, sich zu fragen, ob wir den Einfluss der Technologien auf unsere Art zu denken, lernen und leben, überhaupt noch wahrnehmen, geschweige denn in Frage stellen, da sich das Maschinelle (bzw. angeblich Menschenähnliche) immer mehr in die von uns bewohnten Zeit-Räume integriert bzw. auflöst.

UH: Wenn sich die neuen Technologien in unserem Alltag auflösen, werden wir neue Arten von Intuition für sie entwickeln?

EA: Es ist schwer zu sagen, welche Intuition unterschiedliche Menschen für sie entwickeln werden, aber eines steht fest: nicht alle Hybride und Quasi-Objekte, die wir in unseren Alltag integrieren, sind so inspirierend oder lebendig wie Beziehungs-“Partner”. Manche vereinnahmen uns, andere halten uns auf Distanz. Manche sind folgsam, andere scheinen einen eigenen Kopf zu haben. Manche sind winzig und begleiten uns überall hin; andere sind groß und unhandlich, halten uns “geerdet”, an Ort und Stelle, ja eingesperrt: sie verlangen, dass wir ihnen gegenüber eine bestimmte Position einnehmen. Donald Norman führte den Begriff der “Sichtbarkeit”14 (affordance) für die Fähigkeit eines Gegenstands ein, Zweck und Art seiner Verwendung zu signalisieren. Als Beispiele für Gegenstände mit schlechter Sichtbarkeit nennt er eine Lampe, bei der nicht ersichtlich ist, wo sich der Anschaltknopf befindet, und einen Türgriff, der nicht verrät, ob man drücken oder ziehen soll. Schließlich könnte selbst ein banaler Türgriff etwas Erfreuliches sein, wenn es ihm über das Einlassgewähren hinaus gelänge, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, unseren Atem anzuhalten und – warum nicht? – unsere Schritte zu verlangsamen! Auch er könnte Empfindungen bezüglich Durchgang und Schwellen auslösen und die Erfahrung des Durchquerens bereichern. Er könnte eine Sprache sprechen, die unsere innersten Sehnsüchte erreicht. Selbstverständlich ist auch bei digitalen Artefakten Sichtbarkeit gefordert, aber damit ist es nicht getan. Sichtbarkeit heißt, dass ein Artefakt seine Verwendbarkeit kenntlich macht; um Phantasien und Hochgefühle auszulösen, braucht es jedoch mehr. Dieses “mehr” ist vielleicht seine ungewöhnliche Mischung aus Autonomie und Reaktivität: eine Einladung zum Spielen und Tanzen!

Verkörperte Interaktion, wie sie in der HCI (Human Computer Interaction) eingesetzt wird, versucht zu verstehen, welche Rolle der menschliche Körper bei der Konzeption von und Interaktion mit Technik spielt. Interaktionen gelten als intuitiv, wenn ein Nutzer ohne ausführliche Einweisung, Erklärung oder Hilfestellung die Technik sofort erfolgreich und unbewusst bedienen kann. Im Rekurs auf Heidegger definiert Paul Dourish verkörperte Interaktion (embodied interaction) als “die Produktion, Handhabung und Weitergabe von Bedeutung durch engagierte Interaktion mit Artefakten”.15 Dourish betont die Dualität des erlebten versus wahrgenommenen Körpers. Faktisch bewohnen wir die Welt durch unseren erlebten oder empirischen Körper (frz. corps propre) und das ist nicht dasselbe wie den eigenen Körper im Spiegel als eines von mehreren Objekten in der Welt zu sehen. Durch Empathie stellen wir eine Beziehung zu anderen Menschen her – nicht nur als Objekte in der Welt, sondern auch als erlebte Körper.

UH: Du hast viel über neue, von digitalen Medien hervorgebrachte Formen von Kreativität geforscht und geschrieben. Man betrachtet die Intuition beim Entwerfen oft in engem Zusammenhang mit Kreativität. Wie würdest Du dieses Verhältnis beschreiben und welchen Einfluss haben dabei digitale Tools?

EA: Begabung, Intuition, Kreativität – Du verlangst von mir, ein Riesenthema nach dem anderen abzuhandeln! Um Deine Frage zu beantworten, müssen wir zuerst ermitteln, was wir mit “Kreativität” meinen. Ich habe kürzlich einen Artikel geschrieben, in dem ich Lubart zitiere, der sich mit unterschiedlichen Traditionen von Kreativität beschäftigt, die wir in unterschiedlichen Kulturen finden. Nach Lubart ist Kreativität in westlichen Kulturen zumeist produktorientiert, originär und auf Problemlösung durch “Betreten von Neuland” ausgerichtet.16 Das westliche Verständnis stellt zudem den individuellen Ertrag (Eigenwerbung, persönliche Vorteile) über die Belange der Allgemeinheit (gesellschaftliche und Umweltthemen wie Luftqualität oder Gemeinwohl) und favorisiert eine auf Wettbewerb und Fortschrittsglauben beruhende Arbeitsethik. In östlichen Philosophien hingegen stehen die Verwurzelung in der Tradition, das Streben nach Harmonie (Gleichgewicht) und die “emotionalen, persönlichen und intrapsychische Elemente”17 der Kreativität (innere “Wahrheit”) im Vordergrund. Das angestrebte Ziel ist weniger Innovation oder Originalität, sondern Einklang (mit dem arbeiten, was da ist), Verlangsamung (Wohnen), Loslassen (Sich-Treiben-lassen) und neu Sehen (den Blick des Anfängers annehmen).

Die heutigen “cultures of creativity” ziehen sich quer durch Generationen, soziale Gruppierungen und Territorialgrenzen – ob geographischer, nationaler oder ethnischer Natur. Die digitalen Medien und das Internet spielen dabei in der Tat eine große Rolle, da sie neue Ausdrucksformen, neue Arten des Teilens und Austauschens und neue Aneignungsformen ermöglichen. Aneignung meint den Prozess, bei dem ein Einzelner oder eine Gruppe Dinge kennenlernt und Interesse an ihnen entwickelt, indem er sie sich aneignet. Es ist ein eminent kreativer Prozess, der oft zu unerwartetem Gebrauch, cleveren Wendungen und überraschenden Ergebnissen führt. Der Zusammenhang von Kreativität und Intuition hat viel mit Aneignung zu tun. Damit sich eine Technologie entwickeln und den Bedürfnissen des Nutzers besser entsprechen kann, ist mehr nötig als bloße Adaptierung. Innovative Langzeiteffekte stellen sich ein, wenn Nutzer sich die Technologie aneignen, zu eigen machen und in ihr Leben integrieren.

UH: Am MIT hast Du mit vielen Nerds, Techies und Geeks zusammengearbeitet – mich eingeschlossen. Ich habe den Eindruck, Dir waren stets diejenigen Aspekte eines Projekts oder einer Technologie am wichtigsten, bei denen wir etwas lernen, den Verstand einschalten, unsere Erfahrung erweitern können. Warum ist das Deiner Meinung nach so schwierig?

EA: Diejenigen, die kodieren können, sind nicht immer die Besten, wenn es ums Ausdenken kreativer Verwendungen geht, und diejenigen, denen die User wirklich am Herzen liegen, fällt oft nichts Vernünftiges ein, wenn es innovative Konzepte, Szenarios oder Produkte zu entwerfen gilt. Eine Lektion habe ich bei der Arbeit mit “Geeks”, Designern und Lehrern aller Art gelernt: wenn man für Andere innovativ sein will, ist es vielleicht das Beste, nicht zu spekulieren, was User wünschen, oder zu tun, was sie sagen. Stattdessen sollte man genau zuhören und dann die eigene Expertise einbringen, um gemeinsam etwas herzustellen, das die User – und man selbst – lieben, sobald es da ist!

Eine zweite, nicht minder wichtige Lektion ist, dass die Szenarios, die wir uns ausdenken, und die Tools, die wir bauen, über bloße Funktionalität und Benutzerfreundlichkeit hinaus für den User kinästhetisch und propriozeptiv stimmen und seine Phantasie, sein Interesse auf längere Zeit bannen sollen (ich wachse mit meinen Tools und meine Tools wachsen mit mir). Menschen sind körperliche Wesen, eingebettet in eine physische Welt. Aber sie sind auch neugierige Köpfe und verspielte Naturen. Und sie können eine Ewigkeit (über den Cool-Faktor hinaus) an einer Aufgabe dranbleiben, wenn das, worin sie sich verbeißen, ihnen Spaß macht. (Anstrengender Spaß ist ihnen lieber als Bedienerfreundlichkeit).

UH: Anstrengender Spaß ist immer noch Spaß. Viele digitalen Produkte, denen wir ausgesetzt sind, machen überhaupt keinen Spaß. Sie sind nervig, unintuitiv, stinklangweilig. Siehst Du eine Möglichkeit, das zu ändern?

EA: Nicht alle Artefakte, die wir designen oder mit denen wir interagieren, eignen sich gleichermaßen als Projektionsmaterial. Manche sind eindeutig besser geeignet, sinnvolle und erfreuliche Begegnungen zu begünstigen. Deshalb ist es für Designer und User so wichtig, Verantwortung für ihre Produkte zu übernehmen und nicht in die trivial-konstruktivistische oder neoempiristische Falle tappen. Erstere geht davon aus – ich karikiere die konstruktivistische Position – dass, egal mit welchem Material man es zu tun hat, die Lernenden ihre Erfahrung ohnehin projizieren werden (warum sich also den Kopf über das Setting zerbrechen). Die zweite beruht, wie erwähnt, auf der Vorstellung, dass die Erkenntnisse, die man durch Interaktion mit coolen Tools gewinnt, schon in den Materialien drinstecken (warum sich also den Kopf über die Lernenden zerbrechen). Hier eine Balance herzustellen, scheint der Weg zu sein, den es zu beschreiten gilt. Doch das ist, wie wir wissen, wesentlich leichter gesagt als getan.

  1. Antonio Damasio, The Feeling of What Happens. Body and Emotion in the Making of Consciousness, Harcourt 1999. Dt. Ausgabe: Antonio R. Damasio, Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. Aus dem Englischen von Hainer Kober, München 2000.
  2. Carl Gustav Jung, Psychologische Typen. Gesammelte Werke, Bd. 6, Freiburg im Breisgau 1981, S. 434.
  3. Michael Polanyi, The Tacit Dimension. Chicago 1967. Dt. Ausgabe: Michael Polanyi, Implizites Wissen. Übersetzt von Horst Brühmann, Frankfurt am Main 1985.
  4. Donald Schön, The Reflective Practitioner. How Professionals Think in Action, London 1983.
  5. George Lakoff und Marc Johnson, Metaphors We Live By. Chicago 1980. Dt. Ausgabe: George Lakoff/Mark Johnson, Leben in Metaphern. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Astrid Hildenbrand, Heidelberg 1998.
  6. Vgl. Jerome Bruner, Acts of Meaning, London 1993.
  7. Vgl. auch Edith Ackermann, "Hidden Drivers in Pedagogic Transactions: Teachers as Clinicians and Designers", in Be Creative ... Reinventing Technologies in Education. Proceedings of the 9th European Logo Conference, Porto 2003, S. 29-38.
  8. Vgl. Timothy D. Wilson, "Knowing When to Ask: Introspection and the Adaptive Unconscious", Journal of Consciousness Studies 10, 9 (2003), S. 131-140.
  9. Francis Bacon, Instauratio Magna. Novum Organum. Übers. J. H. Kirchmann, Nordersted 2008, S. 30.
  10. Michael Polanyi, Implizites Wissen, Frankfurt/M 1958, S. 23f. Polanyi und Merleau-Ponty nehmen hier Bezug auf das, was Heidegger die "Zuhandenheit" von "Zeug" nennt. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1976, S. 136.
  11. Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung. Aus dem Französischen übersetzt von Rudolf Boehm, Berlin 1966, S. 173.
  12. So genannte Dual-Prozess-Theorien in der Kognitiven Psychologie unterscheiden zwischen automatischen und kontrollierten Prozessen. Ein kontrollierter Prozess wird "unter Kontrolle und durch Aufmerksamkeit des Subjekts" aktiviert und "kann in neuen Situationen, für die keine automatischen Abläufe erlernt wurden, ausgelöst, verändert und angewendet werden." Wilson, "Knowing When to Act" (wie Anm. 8), S. 2-3.
  13. Sherry Turkle, Alone together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, New York 2011. Dt. Ausgabe: Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern. Aus dem Englischen von Joannis Stefanidis, München 2011.
  14. Donald Norman, The Psychology of Everyday Things. New York 1988, S. 9. Dt. Ausgabe: Donald A. Norman, Dinge des Alltags. Gutes Design und Psychologie für Gebrauchsgegenstände. Deutsche Übersetzung von Katharine Cofer, Frankfurt/Main, New York, 1989, S. 14.
  15. Paul Dourish, Where the Action Is. Foundations of Embodied Interaction. Cambridge, MA 2004, S. 126.
  16. Todd I. Lubart, "Creativity across Cultures", in Robert J. Sternberg (Hg.), Handbook of Creativity, Cambridge 1999, S. 339-350.
  17. Ebd.

Published 31 July 2014

Original in English
Translation by Marion Kagerer
First published in GAM 10 (2014)

Contributed by GAM
© Edith Ackermann, Urs Hirschberg / GAM / Eurozine

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