Die Donau und die Mitte des Kontinents

Mittel- oder, wie man aus guten Gründen mittlerweile sagt, Zentraleuropa bedeutet: im Überhang des Geschichtlichen zu leben, sich in einem symbolischen Raum zu befinden beziehungsweise zu bewegen, der mehrfach codiert ist. In seinem allegorischen Roman Donau abwärts sieht Péter Esterházy[1] im Anschluss an Heinrich Heine den Halbkontinent Europa durch zwei Flüsse nicht nur topografisch, sondern auch symbolisch markiert: durch Rhein und Donau, durch Nordsee und Schwarzes Meer. Eigentümlich, dass es keinen großen Fluss aus der Mitte heraus gibt, der ins so benannte Mittelmeer mündet.

Der Rhein, so ließe sich sagen, ist der Fluss der Deutschen und ihrer westlichen Nachbarn (weshalb ich es nicht nur politisch ungustiös, sondern auch immer komisch gefunden habe, wenn beispielsweise beim Kirtag, deutsch-deutsch: Kirchweihfest, in meiner an der Thaya, einem Nebenfluss der Donau, gelegenen Wahlheimat Drosendorf um zwei Uhr nachts “Die Wacht am Rhein” gegrölt wurde), während die mehr nach Osten als nach Süden fließende Donau wie kein anderes Gewässer einem ganzen Imperium seinen inoffiziellen Namen gab, eben der Donaumonarchie, die viele, wenn auch nicht alle Völker des Imperiums miteinander verband.

Esterházy beschreibt wie Magris und andere die Donau als eine Landstraße, als eine Schlagader des Kontinents. Als ein Sinnbild für ein kollektives Gedächtnis. Wahrscheinlich lösen Flüsse einen enormen metaphorischen Überschuss aus, das macht sie ästhetisch wie literarisch so anziehend wie verfänglich. Womöglich hat sich im kollektiven Gedächtnis vieler dieser Länder eine kräftige Erinnerungsspur gehalten, die zeitlich mit der langen Geschichte kaiserlich-katholischer Herrschaft und räumlich mit der Donau und all ihren mächtigen Nebenflüssen, den alpinen, pannonischen, balkanischen, verknüpft ist.

In jedem Fall kombiniert der Fluss auf kongeniale Weise zeitliche und räumliche Phänomene: Er stellt den Raum dar, teilt ihn, durchquert ihn, und weil er zugleich ein bewegliches Phänomen ist, materialisiert er die Zeit. Und wir selbst bewegen uns in dieser Vierfach-Dimension. Der Fluss ist die älteste Wasseruhr. Insofern auch spiegelt die Donau den zentraleuropäischen Raum “komplex”.

Indem sich die Zeit ablagert und materialisiert, korrespondiert dieser bewegte Raum mit dem, was der russische Literaturtheoretiker Michail Bachtin als “Chronotopos” bezeichnet hat. Insofern bildet die Donau einen Raum von und für Geschichten ab. In diesem Chronotopos verschmelzen “räumliche und zeitliche Merkmale zu einem sinnvollen und konkreten Ganzen”[2] (Bachtin), in dem sich der Raum erfüllt und die Zeit sich materialisiert, vergeht, sich vergießt.

Dieser Raum ist wie kaum ein anderer durch Ungleichzeitigkeit und Mehrfachkodierung charakterisiert. Mindestens drei symbolische Ablagerungen im “flüssigen Code der kulturellen Vielfarbigkeit” (Esterházy) sind es, die wir als Besucher und Besucherinnen unserer Nachbarländer zu entschlüsseln haben: die nationalen Codes all jener zum Teil aggressiven Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts, die uns zumeist völlig verschlossen sind (wie viel beziehungsweise besser wie wenig wissen wir zum Beispiel von den nationalen Archiven von Kroaten, Ungarn, Slowaken, Rumänen oder von Bulgaren etwa im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Italien), und jene teils grotesken, teils grausamen kommunistischen und postkommunistischen Symbolbestände, die niemals unseren eigenen Lebensalltag bestimmt haben und die wir einstmalige Westler nur als mediale Zaungäste der “Ostler” kennen gelernt haben: Auch der kommunistische Schiffbruch hat seine mehr oder minder unbeteiligten Zuschauer.

Gleichsam dazwischen gibt es die beschworenen Gemeinsamkeiten, die vor und nach 1989 “Mitteleuropa” zu einer vernehmlichen und verhaltenen Utopie – unter selbstgewähltem Ausschluss der meisten österreichischen Linken – gemacht haben, für die einen als Rückkehr nach Europa und als Hinwendung zu Zivilgesellschaft und Europäischer Union, für die anderen als Versprechen, dass das kleine Österreich durch seine neue politische und kulturelle Zentrallage ein wenig größer sein könnte als zuvor.

In der Tat sind Österreichs Nachbarländer, südlich, nördlich, östlich in Vertrautheit fremde kulturelle Gebilde. In Szeged etwa hatte ich den Eindruck, dass die jungen Menschen an der Universität, die ganz der heutigen Zeit entsprechend gekleidet waren, sich durchaus so ähnlich bewegten und so ähnlich gestikulierten wie bei uns die Menschen vor 1960, in Zagreb, meiner jüngsten Station ausländischer Lehrtätigkeit, ist es mir nicht anders ergangen: Es ist als wären die Menschen wie in einem fantastischen Roman vom Jahr 1960 in die Jahre 2004, 2005, 2006 katapultiert worden. Der Kommunismus, so ließe sich sagen, war in der Terminologie Lévi-Strauss eine “kalte”, eine statische Gesellschaft, ausgestattet mit einer Kultur, in der die Zeit gleichsam eingefroren war.

Noch immer erinnert, wenn auch nicht ohne Verfremdung und Verschiebung, manches an der Gegenwart in diesen Nachbarländern an die eigene Vergangenheit, grotesk übermalt von zwei Generationen kommunistischer Herrschaft: die Obstbaumalleen in Mähren etwa von den Riesenfeldern, wie es sie sonst nur in Kanada oder den USA gibt; nicht zu vergessen das gastronomische Ambiente an den Rändern der Ränder, das es hierzulande nur mehr in einigen selbstvergessenen Winkeln in Mühl-, Wald- und Weinviertel gibt; die alten abgeschabten Barockhäuser und Schlösser auf der einen, das mittlerweile verwaiste realsozialistische Industrieareal oder die Kombinatsbauten auf der anderen Seite, die vom kommunistischen Evangelium zeugen, den Widerspruch zwischen Stadt und Land einzuebnen. So viele Zukünfte, die bereits Vergangenheit geworden sind. Wenn man nicht von der scheinbar unaufkündbaren historischen Arroganz durchdrungen ist, dass die Welt sich auf dem Weg zu jenem unaufhaltsamen Fortschritt befindet, den wir verkörpern, dann liegt in einer solchen Feststellung kein Hochmut. Es könnte ja durchaus sein, dass so manches beim forschen Marsch in die Zukunft vergessen wurde, was wir vielleicht viel später schmerzlich vermissen.

Vertraute und fremde Räume. Nie hatte ich bei meinen zahllosen Besuchen im Süden, Norden und Osten jenseits der alpenländischen Grenzen vor und nach 1989 das Gefühl, mich ganz in der Fremde zu befinden, manches war sogar vertrauter als beim westlichen Nachbarn, bei dem nie etwas an die eigene Vergangenheit erinnerte. Diese Gemeinsamkeiten, die von nationalen, postkommunistischen Kontrasten gleichsam überschrieben sind, beziehen sich in der Tat auf alle Bereiche eben jener Kultur, die in den englischen Cultural Studies als the “whole way of life” aufscheinen.[3] Eine solche vergangene Gemeinsamkeit hat übrigens schon Claudio Magris in seinem legendären, für die österreichische wie für die gesamte zentraleuropäische Diskussion so entscheidenden Buch Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur hervorgehoben. Nicht so sehr die politischen Manifeste und Erzählungen sind es, nicht die allgemeinen Werte machen dieses Gemeinsame im Fremden aus, sondern vielmehr der “Bereich der Gefühle und Alltagswerte, des Lebensstils”, eine bestimmte “geistige Atmosphäre” und ein soziokulturelles “Klima”, eine Kultur jenseits des Sprachlichen.[4]

Wie aktuell ist die Beschwörung dieses gemeinsamen mitteleuropäischen “Komplexes” beziehungsweise Raumes? Befinden wir uns noch immer auf der Fahrt donauab- und -aufwärts oder ist es nicht ein Sinnbild, dass die letzten beiden Patrouillenboote der österreichischen Marine nunmehr ihre unwiderruflich letzte Fahrt hinter sich gebracht haben und damit auch die Geschichte dieser ruhmreichen Marine der einstigen europäischen Landmacht Österreich an ein Ende gekommen ist?

Von Kritikern ist wiederholt der Verdacht geäußert worden, dass es sich bei der Beschwörung von Mitteleuropa (heute scheint sich, wie gesagt, allmählich der weniger aufgeladene und belastete Begriff von Zentraleuropa durchzusetzen, der nicht mehr an den deutschen Nationalliberalen Friedrich Naumann und die Kriegsziele des Wilhelminischen Deutschlands für den Ersten Weltkrieg erinnert) um ein nostalgisches Minderheitenprojekt einer Hand voll mittlerweile entmachteter Intellektueller aus verschiedenen Ländern handelt, die sich dazu noch untereinander gründlich missverstehen.

Gegen Ende des Jahres 2006 fand in der Diplomatischen Akademie Wien ein internationales Symposion statt, das in dem mittlerweile gängig gewordenen “mitteleuropäisch”-englischen Sprachton fragte, ob “Central Europe still exists”. Kurze Zeit später veröffentlichten Österreichs Zeitungen Umfragen, aus denen hervorging, dass der mehrheitlich durch die Kronen Zeitung medial formatierte österreichische Mensch nur zu einem Drittel eine mitteleuropäische Partnerschaft im Hinblick auf gemeinsames Agieren in der Europäischen Union wünscht, während eine knappe Mehrheit, die Unentschlossenen nicht mitgerechnet, sich ausdrücklich gegen eine solche Zusammenarbeit stemmt. Dass die intellektuellen und literarischen Beziehungen, von Ausnahmen abgesehen, einigermaßen anämisch geblieben und dass überdies die Havels, Konráds (und auch Buseks) in die Jahre gekommen sind, rundet das Bild ab. Österreich droht zu einer Schweiz innerhalb der Europäischen Union zu avancieren. Umgekehrt nimmt die Bedeutung der deutschen Sprache in den neuen alten Nachbarländern stetig ab, muss nicht nur dem Englischen, sondern mittlerweile – leicht absurd in diesem Teil Europas – oftmals auch dem Spanischen weichen. Anscheinend sind wir einander nicht fremd genug, um uns anziehend zu finden – das wäre übrigens eine Umschreibung von Nachbarschaft – und gleichzeitig zu fremd, als dass wir so selbstverständlich kommunizieren, wie wir das – nicht ohne Ironie, Boshaftigkeit und andere Distanzrituale – mit unseren deutschsprachigen Nachbarn, Deutschen, aber auch Schweizern, tun. Das ist eine Frage der Sprache, aber nicht nur der Sprache.

“Mitteleuropa” rückt unversehens in die Ferne. “Mitteleuropa” ist indes in einem ganz gegenwärtigen Sinn Realität, nämlich in den Städten und auf den Straßen. Nirgends ist und war das so uneigennützig und humanistisch sich gerierende Projekt erfolgreicher als im Bereich des ökonomischen Eigennutzes. Die Geschichte, wonach wir Österreicher die Mentalität der Menschen in Zentral-, Ost- und Südosteuropa besser verstehen, hat sich ausgezahlt, sie hat sich ökonomisch sozusagen selbst erfüllt. Die alt-neuen Nachbarländer sind mit Namensschildern der OMV, von BILLA und ASFINAG, von Erster Bank und Raiffeisen gepflastert. Nicht zu vergessen die Versicherungen, Möbelhäuser und die Palette von Lebensmittelmarken. Vermutlich nicht einmal zu Monarchie-Zeiten waren die zentraleuropäischen Länder und Gebiete derartig flächendeckend von österreichischen Firmen und Kapital dominiert, wie das heute, fast 20 Jahre nach dem Eisernen Vorhang, der Fall ist. Die österreichischen Banken profitieren vom Sparsinn der österreichischen Bevölkerung und vom konsumistischen Nachholbedarf postkommunistischer Menschen, die Schulden in Kauf nehmen, um sich im Hier und Jetzt mit dem zu versehen, was die dort drüben, jenseits der unsichtbaren Grenze schon seit Jahrzehnten im Überfluss zu besitzen scheinen: an erster Stelle repräsentative Karosserien. Von nur einem Prozent des dort erzielten Reibachs ließen sich schöne Projekte im Bereich von Kultur und Wissenschaft finanzieren.

Verglichen mit den hochkarätigen nationalen Schnäpsen ihrer widerständigen Völker war der habsburgische Mythos, den Magris allzu linear aus der österreichischen Literatur destillierte, zu Lebzeiten der Monarchie von der Harmlosigkeit einer bunten Fassbrause, wie man sie übrigens noch in den frühen 1990er-Jahren in Mähren kredenzt bekam. Er glich jenen Akten, die die österreichische Beamtenschaft so legendär gemacht haben. Man kann das sehr schön an eben jenem so genannten Kronprinzenwerk ersehen, das offiziell den Namen Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild trug und Regionen, Städte und Landschaften der Doppelmonarchie einträchtig versammelte und miteinander verband – es war dies der letztendlich untaugliche Versuch, so etwas wie die Vereinigten Staaten von Österreich zu kreieren, zu einem Zeitpunkt, als die meisten Nationen sich längst für ein symbolisches Eigenheim entschieden hatten, das sich in Schule, Medien und Kultur tagtäglich manifestierte. Vergebens findet man in der Schnitzler-Welt eine Repräsentation jener Multiethnizität, für die die Monarchie im Nachhinein steht: Nicht weil sie nicht existierte, nicht weil man sie verachtete, sondern weil sie im symbolischen Haushalt der Deutschsprachigen, Juden inbegriffen, offenkundig keine maßgebliche Bedeutung besaß. Sie war nicht der Rede wert.

Schmerzhaft mutet auch der habsburgische Mythos bei Grillparzer an: der Volkskaiser Rudolf, den ungarische und österreichische Historienmaler vielfach ins Bild gesetzt haben. Die Figur war als Doppelschlag konstruiert: zum einen gegen den hochfahrenden Typus des modernen Nationaltyrannen, der für Grillparzer in Napoleon seine historisch gültige Passform bekommen hatte, zum anderen gegen das restaurative Kaisertum nach 1815, dem der Gründerkaiser als leuchtendes Vorbild entgegengehalten wurde. Ein mustergültiger Anfang wurde da – und an diesem Punkt ganz ähnlich wie bei nationalen Gründungsmythen – literarisch in Szene gesetzt: denn das Recht, das Rudolf setzt, gründet sich auf Gewalt und auf den Triumph über einen anderen. Auch wenn Grillparzer wie sein Held Triumphalismus vermeiden wollte: dass sein habsburgischer Mythos mit unbarmherziger Logik mit dem tschechischen Nationalbewusstsein in Konflikt kommen musste und diesen, wie allen kollektiven Narzissmus kränken musste, war unvermeidbar, auch und vielleicht gerade weil Grillparzer ein so entschiedener Gegner des Nationalismus gewesen ist. Der genealogische Staatsmythos sollte die Antwort auf jene Erfindung des Nationalen sein, die die Monarchie erschütterte und aus ihr ein Exerzierfeld für aggressive Identitätspolitik machte. Dass der aufgeklärte, eher linksliberale Habsburg-Dichter in Konflikt mit den deutschnationalen Revolutionären geraten musste, liegt auf der Hand: denn die Demokratie beruhte eigentlich schon seit der Französischen Revolution auf der Idee, Demokratie in einem homogenen Nationalstaat zu formatieren und zu verwirklichen. Der Fall Grillparzer, der von der Kritik an der Metternich’schen Zensur zum Lobpreis des greisen Feldmarschall und Revolutionsgegners Radetzky führte, ist durch und durch ein österreichisches Grundproblem geblieben: Einem übernationalen Konservativismus, der sich auch in modernen Narrativen über “Mitteleuropa” findet, stand ein überzogener Nationalismus identitätsverunsicherter Menschen entgegen, von denen viele ins siegreiche Berliner Nachbarreich blickten, das die Menschen deutscher Zunge durchaus gewaltsam und nicht in Folge einer volonté générale vereinigt hat. Diesen schmerzhaften Prozess hat Friedrich Herr in seiner Aufsatzsammlung Der Kampf um die österreichische Identität schmerzhaft beschrieben: “Deutsche Österreicher ersehen 1849 das Heil im Schoße der Allmutter Germania, rufen nach einem deutschösterreichischen Heiland.”[5] Womit wir wieder beim versoffenen nächtlichen Chorgesang des Kirtages in der österreichischen Provinz angelangt wären.

Diese deutsch-österreichische Nabelschnur hat der jüdische Schriftsteller und Essayist Joseph Roth mit einiger Konsequenz durchtrennt. Es ist hierzulande wenig bekannt, dass sich der literarische Meister des Marginalen Anfang der 1920er-Jahre durchaus mit deutschen Belangen identifiziert hat und zum Beispiel Friedrich Ebert eine ähnlich sentimental-tragische Reverenz erwiesen hat wie später “seinem” Kaiser, dem der junge Roth zu dessen Lebzeiten durchaus gleichgültig bis unfreundlich gegenübergestanden hat. So beschreibt die dramatische Kehre des Intellektuellen und Schriftstellers vom linkspazifistischen, österreichischen Deutschen zum christlich-konservativen, militärisch friedfertigen universalistischen Österreicher exemplarisch eine Suche nach jener österreichischen Identität, die in den 1950er- und 60er-Jahren so wichtig für die Erfindung Österreichs als Nation gewesen ist.

Mit dem zunächst als Fortsetzungsroman in der Frankfurter Zeitung erschienenen Radetzkymarsch hat Roth den Grillparzer’schen Gründungsmythos durch einen zweiten ergänzt und erneuert: Die Doppelmonarchie beginnt mit der märchenhaften Errettung durch den Kaiser. Anders als in der Historie ist es kein Attentat (jenes Attentat, dem wir bekanntlich die Wiener Votivkirche verdanken), sondern eine lebensrettende Tat auf dem Schlachtfeld, die die Niederlage im Krieg gleichsam durch die Rettung kompensiert. Denn auf eine Niederlage lässt sich keine staatliche Gewalt gründen. Aber die Niederlage bleibt Teil der narrativen Matrix. Der Gründer der neuen Adelsdynastie, Trotta, der Großvater, bleibt der einzige Held im Roman, während sein Sohn als Bezirkshauptmann sein Land verwaltet wie sein Alter Ego, der Kaiser, mit dem er am Ende fast zu einer Figur verschmilzt. Und der Enkel, der gleich zu Beginn des Krieges auf groteske und sinnlose Weise ums Leben kommt, ist der Wiedergänger seines Großvaters ex negativo. Was also adelt, ist nicht nur die heroische Rettung, die ja den Untergang der Monarchie nicht verhindern kann, sondern auch die Niederlage selbst. Der habsburgische Mythos des Joseph Roth ist eine Geschichte der Nobilitierung des historischen Verlierers.

Die erste große Stunde erlebt der Mythos von dem friedfertigen, humanen übernationalen Märchenkaiserreich in den ersten beiden Dezennien der Zweiten Republik. Der habsburgische Mythos ist gewiss nicht der einzige narrative Komplex, die Unschuld der Berge und der Natur gehört ebenso dazu wie die “immerwährende Neutralität” seit 1955. Aber wo historische Größe und vermeintliche Leistung ins Spiel kommt, da sind die Berge, die Gemütlichkeit und selbst die Neutralität zu wenig, da ist neben den musikalischen Wunderknaben die Geschichte jener Dynastie gefragt, die zeitweilig beinahe mit Österreich verschmolz: die Casa de Austria. Man braucht nur oft genug in diplomatischen Vertretungen des Landes im Ausland gewesen zu sein, um diese auffällige Bezugnahme wahrzunehmen, die das große alte Österreich mit dem modernen demokratischen Kleinstaat harmonisch in ein symbolisches Tableau bringt. So funktioniert die nationale Rückversicherung, das, was auch als Erfindung von Tradition bezeichnet worden ist, auf Geschichten, die konzeptionell dem Nationalstaat wie seiner demokratischen Verfasstheit zuwiderlaufen. Denn was immer die Monarchie gewesen sein mag, eines war sie ungeachtet unbestreitbarer liberaler Rechtsstandards niemals: ein demokratischer oder vordemokratischer Nationalstaat.

Die staatstragenden Grillparzer-Inszenierungen der 1950er- und 60er-Jahre wie die filmischen Schmachtfetzen über den Kaiser und seine unglückliche Elisabeth und all die literarischen und filmischen Historienmalereien haben wie jede Erinnerungsstrategie auch die Funktion, dass sie etwas vergessen machen sollten. An die gute alte Zeit des 19. Jahrhunderts zurückzudenken (solche Rückbezüge scheinen übrigens auch heute noch, gerade in manchen Nachfolgestaaten, zu funktionieren), impliziert immer auch ein Vergessen. Etwas zu erzählen bedeutet, etwas anderes nicht zu erzählen, eine symbolische Unterlassung. Sich also an den Kaiser und das Wien vor dem Ersten Weltkrieg zu erinnern, bedeutete auch, sich nicht an jene Katastrophen zu erinnern, die sich 1934, 1938 und in gewissem Maße auch 1945 ereignet hatten. So wurde zum eigentlichen Unglück der Weltgeschichte, dass die Monarchie, das vorgebliche Reich der Sicherheit, untergegangen war. An seine Stelle waren all die hässlichen Diktaturen getreten, über die man gar nicht lange nachdenken wollte. Zum Moment der symbolischen Schonung seiner selbst trat noch die Produktion der Differenz: denn wenn Identität durch das Erzählen von Geschichten bewirkt wird, dann doch auch so, dass es sich um Geschichten handelt, in denen der Unterschied zwischen Mein und Dein zu Tage tritt. Die Geschichte von der langlebigsten Monarchie Europas konnte dem jungen Österreich niemand streitig machen, schon gar nicht die Deutschen, von denen sich abzugrenzen die vornehmste Aufgabe auf dem Weg zu einer eigenen, nicht-deutschen Identität wurde.

Das Kaiserhaus wird keinesfalls von allen so geschätzt wie von jenen Schriftstellern, die ihre Jugend noch vor 1918 erlebt hatten, so wie Roth, Zweig oder auch Werfel. Die beiden nicht- traditionellen Lager, der aus dem Jahr 1848 entstandene Deutschnationalismus wie auch die Sozialdemokratie, standen in teilweise schroffem Gegensatz zum habsburgischen Mythos. Immerhin haben sich nicht wenige linke Intellektuelle der Kreisky-Ära – Handke ist nur einer von Vielen – einen multiethnischen Ersatzstaat geschaffen: das titoistische Jugoslawien, an dessen Spitze ein Marschall stand, dessen österreichische Wurzeln sehr viel attraktiver waren als die jenes prekären Weltkriegsgefreiten aus Braunau. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien als sozialistische Variante des habsburgischen Mythos: mit einem kommunistischen (statt eines katholischen) Universalismus, einem autoritären, aber sozialen Regime mit menschlichem Antlitz, ein Doppelgänger des neutralen, aus der Geschichte entlassenen Österreichs (Österreich, das neutrale Land des Westens, Jugoslawien, das neutrale im Osten) – eine geradezu ideale Synthese aus Sozialismus und historischer Vielvölkerei. Das ist die symbolische Raumordnung, die Peter Handke in seinem Roman Die Wiederholung entwickelt: Den Zwillingen auf der regionalen Ebene – Kärnten und Slowenien – stehen auf der größeren Bühne das titoistische Jugoslawien und Kreiskys Österreich gegenüber.

Dieser Mythos hat 1989 bekanntlich nicht überdauert, er war mit dem Tod Titos bereits ausgehöhlt. Auf den Verlust reagierten Handke und andere mit einer Aggressivität, die nur dann erklärlich ist, wenn man weiß, in welchem Ausmaß die Konstruktion österreichischer Identität mit dem fremden Jugoslawien verquickt gewesen ist. Es war nicht so sehr das Interesse an den Ereignissen in Ex-Jugoslawien als vielmehr dessen Stellvertreterfunktion im symbolischen Haushalt der jungen österreichischen Nation.

Mitteleuropa als symbolische Konstruktion gibt es also nicht nur einmal, sondern vielmals, und sie ist für jeden, der an ihr weiterstrickt, ganz unterschiedlich. Notorisch unterliegt sie der Instrumentalisierung, so etwa, wenn, wie in den Manifesten, aber auch den literarischen Werken der zentraleuropäischen Dissidenz, Mitteleuropa zu einem mehr oder minder vernetzten symbolischen Raum avanciert wie bei Danilo Kis und seiner Utopie eines mitteleuropäischen Eisenbahnfahrplanes, aber auch in den Manifesten eines Konrád oder Kundera. Einem Raum, der sich signifikant vom Westen Europas, aber auch von der euroasiatischen Imperialmacht Sowjetunion unterscheidet. Dass dieses Mitteleuropa Österreich eigentlich auslässt, liegt auf der Hand, nicht nur weil es das ehemalige Territorium der einstigen Hegemonialmacht darstellt, sondern weil dieses Österreich Nationalsozialismus, Weltkrieg und Shoah anders erfahren und erzählt hat und weil es jenes halbe Jahrhundert kommunistischer Herrschaft nicht durchlaufen hat, wobei nie ganz klar ist, ob der autoritäre austriakische Etatismus, den viele Kritiker der Monarchie angelastet haben (etwa Karl Postl alias Charles Sealsfield in seiner wütenden Philippika Austria as it is), nun ein Gegenbild zum realen Sozialismus darstellt oder dessen Durchsetzung mental Vorschub geleistet hat. Denn eines steht außer Zweifel: Die habsburgische Kaisergeschichte ist kein demokratischer Mythos, weshalb in den dissidenten Mitteleuropa-Texten die Erinnerung an die Monarchie zurücktreten muss. Was hingegen in den Vordergrund tritt, sind die tragischen Erfahrungen und die schon bei Magris festgehaltene gemeinsame geistige Atmosphäre, in deren Tradition sich die dissidenten Intellektuellen und Schriftsteller stellen. Hintergründig operiert auch ihre Geschichte mit dem Verweis auf die Aktualität eines Transnationalismus, der schon einmal kulturelle und politische Realität gewesen sei. Weil er antinationalistisch ist und zugleich den Anschluss an das westliche Europa proklamiert, wurde er von einer ganzen Generation von Intellektuellen aus der Tschechoslowakei, Ungarns, Jugoslawiens und teilweise auch Polens als aktuell empfunden.

Momentan sieht es so aus, dass wir uns nicht in der Richtung jenes Flusses bewegen, der von West nach Ost fließt. Es gibt, wenn überhaupt, nur symbolische Schiffsfahrten in die andere Richtung, stromaufwärts, um möglichst bald zu anderen Gestaden zu gelangen: Der Rhein-Main-Donau-Kanal, der sich mir bei meiner Recherche zum Thema Donau, Rhein und Heinrich Heine aufdringlich in den Vordergrund schob, ist ja eine künstliche Verkehrsader, die beide Teile des Kontinents miteinander verbindet. Aber immerhin könnte es dabei ja auch zu interessantem Kulturschmuggel kommen, wenn die Passagiere etwas anderes mitbrächten als jene postkoloniale und postsozialistische Scham, die alles vergessen (machen) will.

Das kontinentale Mediterrane n’existe pas? Mittelmeer und Mitteleuropa sind kulturhistorisch besehen eigentümliche Selbstzentrierungen. Die Mitte ist nämlich keine Himmelsrichtung, sondern der Ort einer Selbstsetzung, von dem aus Orientierungen vorgenommen werden. Die Mitte ist dort, wo ich mich befinde. Le centre c’est moi. Das Privileg in der Mitte zu sein, das selbst verliehen ist. Die abschätzige Bewertung der Mitte in Gestalt des Mittelmäßigen ist vermutlich jüngeren Datums. Die Bezeichnung Mittelmeer verdankt sich einer älteren Topografie, in der das Meer die Mitte zwischen dem Süden des heutigen Nordafrikas und dem Norden des heutigen südlichen Europas bildete. Vom Mittelmeer ist eigentlich nur die Bezeichnung geblieben. Die Industrielle Revolution hat, wie die Romanistin Birgit Wagner in einem Vortrag[6] über die europäischen Himmelsrichtungen gezeigt hat, die reale und symbolische Topografie und die Bewertung der Himmelsrichtungen zu Gunsten der nördlichen Länder Europas verschoben. Was nunmehr als fortschrittlich gilt und was zählt, hat immer schon nördlich der Alpen und zum Teil noch weiter nördlich stattgefunden. Für die West-Ost-Achse hat sich diese Asymmetrie schon früher eingestellt, spätestens seit dem Niedergang des Byzantinischen Kaiserreiches. Von der jeweiligen Mitte aus werden die Himmelsrichtungen angepeilt und bewertet.

Aber das Zentrum dieses Kontinents liegt heutzutage gewiss nicht in seiner vermeintlich geografischen Mitte, sondern trotz des Wiederaufstiegs, vor allem Wiens, aber auch Berlins viel weiter westlich; ist vielleicht gar nicht mehr geografisch zu orten, liegt irgendwo zwischen Frankfurt, Brüssel, Paris, Berlin und London. Die Mitte ist ein prosperierendes Epizentrum unter mehreren, das nicht vor der Wiederholung der Geschichte gefeit ist: das wäre eine durch Deutschland mit Hilfe Österreichs dominierte europäische Großregion. Der Widerstand dagegen ist voraussehbar. Insofern ist Europa bis heute keine Einheit in der Vielfalt, sondern eine Vielfalt in der Differenz, einer Differenz, in die Macht, ökonomische, politische und kulturelle, eingeschrieben ist. Das bekommen alle real oder symbolisch Reisenden zu spüren. Nicht nur im Falle der Donau. Aber hier besonders.

Was vom habsburgischen “Mediterranen” womöglich bleibt, ist die Erinnerung an Mischung, Heterogenität und Polyfonie; sie könnte ein Korrektiv jenes Provinzlertums sein, das sich jeden Tag im Kleinformat austobt und auslobt, jene unbekümmerte nationalstaatliche Borniertheit, die sich die Gunst der österreichischen Nachkriegsgeschichte als Verdienst anrechnet und auf die armen Nachbarn herabschaut: Das war immer schon das Glück des Kleinbürgers, der sich für die eigenen “Stachel im Fleisch” (Canetti) an dem rächen will, bei dem dies ohne Gefahr möglich scheint.

 

Referenzen

[1] Péter Esterházy: Donau abwärts. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki, Salzburg/Wien: Residenz 1992.
[2] Michail Bachtin: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik. Aus dem Russischen von Michael Dewey, Frankfurt/Main: Fischer 1989, S. 8.
[3] Wolfgang Müller-Funk: Kulturtheorie. Einführung in Schlüsseltexte der Kulturwissenschaften. Tübingen: Francke/UTB 2006. Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang auch die von mir geleiteten FWF-Forschungsprojekte zum Thema “Selbst- und Fremdbilder” beziehungsweise “Zentren und Peripherien in der Habsburger Monarchie zwischen 2000 und 2006”. Insbesondere Edit Király und Ursula Reber haben dabei wichtige Beiträge zum Thema “Raum” und “Donau” geliefert, vgl. hierzu: Endre Hárs, Wolfgang Müller-Funk, Ursula Reber und Clemens Ruthner (Hg.): Zentren, Peripherien und kollektive Identitäten in Österreich-Ungarn. Tübingen: Francke 2006.
[4] Claudio Magris: Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur. Neuauflage, übersetzt von Madeleine von Pásztory und Renate Lunzer, Wien: Zsolnay 2000, S. 23.
[5] Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität. Wien: Böhlau 1981, S. 210.
[6] unpublizierter Vortrag an der Universität Wien

Published 24 April 2007
Original in German
First published by Wespennest 146 (2007)

© Wolfgang Müller-Funk / Wespennest / Eurozine

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