Ortswechsel

Notizen zu einem Essayfilm

Es gibt drei Möglichkeiten, wie ich dieses Filmprojekt beginnen könnte, aber meine Protagonistin Katarina Hedrén müsste dabei stets im Mittelpunkt stehen. Sie ist es, die den Film, den ich machen werde, inspiriert. Durch ihre Erfahrungen und Beobachtungen beginne ich, den Ort, an dem ich angekommen bin, zu verstehen: Schweden.

Von weit her aus Südafrika zog ich von Johannesburg (Jo‘burg) nach Göteborg (Go‘burg). Katarina Hedrén ist Schwedin und zog vor einigen Jahren nach Südafrika. Wir trafen uns in Jo‘burg und wurden Freundinnen. Nachdem wir nun Orte getauscht haben und in gegenüberliegenden Hemisphären leben, haben wir Wege gefunden, um über Geschichten, das Persönliche und das Politische, Erinnerungen und Sprache nachzudenken. Diese Recherche beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, an einen anderen Ort auf der Welt zu ziehen und Zugehörigkeiten zu entdecken beziehungsweise zu erforschen, was Zugehörigkeit eigentlich bedeuten könnte. Mit Freude beobachten wir unsere kulturellen Kontexte, flüstern uns mit gedämpfter Stimme zu, und fragen uns, ob Schwed_innen wirklich menschlich sind. 1

Beginn 1:

AUSSEN – VERSCHNEITER WALDWEG, WALD BEI FALUN – TAG

Bäume bewegen sich langsam unter dem schweren Schnee. Es ist still, eine Stille, wie sie nur bei Schneefall eintritt. Eine Figur, KATARINA im Schneeanzug mit Skimaske und Skibrille, bewegt sich stetig und gewandt auf dem Langlaufweg voran.

Voiceover – KATARINA

Ich habe eine besondere Erinnerung aus Foskros, als ich allein im Wald Ski gefahren bin. Es gab zwei Langlaufloipen, eine war zweieinhalb Kilometer (rote Loipe) und die andere fünf Kilometer (gelbe Loipe) lang. Ab einem bestimmten Alter konnte ich die gelbe Strecke bewältigen. Ganz allein auf diesem Weg zu sein, nur von Bäumen umgeben und nur die Geräusche des Waldes zu hören, ist fast unbeschreiblich. Es war so friedlich und beruhigend. Ich fühle und rieche es, während ich das schreibe, daher ist die Vorstellung, dass ich nicht dazugehören würde, absurd.

Beginn 2:

AUSSEN – FALUN – TAG

Bilder der Stadt Falun mit der Kirche im Zentrum. Die verlassene Kupfergrube bildet einen Kontrast zum Faluån, dem Fluss, der sich durch die Stadt zieht. Kleine malerische Häuser auf beiden Seiten des Ufers. Die Bäume stehen in üppiger Frühjahrsblüte.

Voiceover – KATARINA

Ich wuchs in einer kleinen schwedischen Stadt namens Falun auf. 2005 zog ich nach Johannesburg in Südafrika. Es ist ein seltsamer Zufall, dass ich von einer Bergbaustadt in eine andere gezogen bin. Erst jetzt habe ich begonnen, darüber nachzudenken, was das wohl bedeuten mag. Die Kupferminen von Falun wurden 1992 stillgelegt, die Geschichte der Goldminen Johannesburgs beginnt 1886. Johannesburg ist eine riesige und pulsierende Stadt ohne Fluss, sie ist wasserarm und trocken. Die einzige Brücke, die Nelson Mandela Bridge, hängt über einem Bahngleiskomplex. Die Stadt zieht Menschen aus dem ganzen Kontinent wie ein Magnet an. Sie sind auf der Suche nach Arbeit und wollen ihre Träume verwirklichen. Vielleicht bin auch ich nach Johannesburg gekommen, um nach etwas zu suchen.

Beginn 3:

AUSSEN – DIE SCHNEEBEDECKTE STADT FALUN ZU WEIHNACHTEN – NACHT

Familien mit Kindern auf dem Weihnachtsmarkt. Die Straßen sind mit festlichen Lichtern geschmückt, die sich im Schnee spiegeln. An den Flussufern geht vom weißen Schleier des Schneefalls ein nebliges geheimnisvolles Glühen aus. In der Ferne sind Weihnachtslieder zu hören. Rezitation aus dem Gedicht Tomten.

Voiceover – KATARINA

Så har han sett dem, far och son,

ren genom många leder,

slumra som barn; men varifrån

kommo de väl hit neder?

Släkte följde på släkte snart,

blomstrade, åldrades, gick – men vart?

Gåtan, som icke låter

gissa sig, kom så åter!

(Untertitel)

So hat er sie gesehen, Vater und Sohn,

war Generationen schon geblieben,

schlummern wie Kinder; doch wovon

zeugten sie, fanden sich ein hienieden?

Ein Geschlecht folgte dem andern geschwind,

erblühte, alterte, ging – doch wohin?

Das Rätsel, dem Blick entwunden,

hat so zurückgefunden!

Ich bin angespannt, wenn ich an den Beginn des Films denke. Es ist mir wichtig, in jeder der Szenarien Katarina in ihrer schwedischen Umgebung einzuführen, ohne sie direkt zu zeigen – ihr Gesicht ist nicht sofort zu sehen. Stattdessen möchte ich, dass das Publikum den singenden Tonfall ihrer Stimme hört, wenn sie sich an die Gerüche und Texturen des Waldes erinnert, und sieht, mit welcher Leichtigkeit sie auf dem Schnee dahingleitet, was ihre Befürchtung, vielleicht nicht dazuzugehören, widerlegt. Die Gegensätze zwischen Falun und Johannesburg im zweiten Szenario sind augenscheinlich, aber ich möchte, wie gesagt, ihre schwedische Identität durch den Ort unterstreichen. Das beliebte Gedicht Tomten von Viktor Rydberg, das im dritten möglichen Filmbeginn rezitiert wird, ist eine populäre Weihnachtserzählung über ein mystisches Geschöpf (einen Gnom), das den Sinn des Lebens betrachtet, während es über alle Lebewesen, den Zyklus der Jahreszeiten und über Leben, Altern und Tod nachdenkt. Es erinnert uns daran, dass alle Geschöpfe «seit Generationen schon» Teil dieses Zyklus sind.

Wie beginnt man also in einem Land, in dem mit Unbehagen über ethnische Zugehörigkeit gesprochen wird, jene Geschichte zu erzählen, die mich interessiert: über Katarina Hedrén, die 1972 im Alter von zwei Jahren aus Äthiopien von einem weißen schwedischen Paar adoptiert wurde. Ihr Vater war Mathematikprofessor und ihre Mutter Schullehrerin. Ihre Entscheidung für die Adoption steht im Mittelpunkt des Films: Welche persönlichen Gründe motivieren Menschen dazu, Kinder aus fernen Ländern zu adoptieren? Das Paar hat fünf Kinder: Der ältere Bruder von Katarina und ihrem Zwillingsbruder stammt von den Philippinen, die zwei jüngeren Schwestern aus Guatemala.

Die schwedische Haltung zur transnationalen Adoption weist im europäischen Vergleich eine lange Tradition auf. Dahinter steht der konsequente Wunsch, Gutes zu tun, was für die Doktrin des schwedischen Exzeptionalismus mit seinem Beharren auf einem Humanismus, der auf einer Blindheit gegenüber unterschiedlichen Hautfarben basiert, von zentraler Bedeutung ist. Die Tatsache, dass im Unterschied zum englischen «race» das schwedische «ras» («Rasse») nicht länger Teil des Wortschatzes ist, bestätigt diese Blindheit gegenüber unterschiedlichen Hautfarben. Dies hat zu einem besonders komplexen Problem geführt, nämlich dass die Existenz rassistischer Vorurteile in der Gesellschaft geleugnet wird. Darüber hinaus wird durch die Nichtanerkennung, ja die Leugnung dieser Dimension die gelebte Erfahrung vieler transnational Adoptierter und der Rassismus, der das Leben der in Schweden lebenden Minderheit dieser Adoptierten erschwert hat (und weiterhin erschwert), vernachlässigt.

Viele Adoptierte haben ihre Erfahrungen, die konfliktäre und widersprüchliche Positionen sichtbar machen, niedergeschrieben oder dokumentiert: Einerseits haben sie Akzeptanz über Sprache und Kultur erlebt, andererseits aber Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit erfahren.

1.April

Liebe Katarina,  

ich habe mir die Fotos, die du mir von deiner Kindheit geschickt hast, immer wieder angesehen und dabei stets versucht, sie auf zwei Arten zu verstehen. Oberflächlich betrachtet weisen die Fotografien eine Besonderheit auf: Neben den Eltern und der Familie sind bei festlichen Anlässen viele braune Kinder zu sehen. An der Weihnachtstafel der Familie zeigt sich ein ethnisches Gemisch: die weiße Großmutter mit dem kleinen braunen Kind auf ihrem Schoß, und die weiße Mutter, die mit ihren braunen Kindern beschäftigt ist oder mit ihnen spielt, so wie es jede Mutter machen würde. Aber dann haben die Fotos auch etwas ganz Gewöhnliches: eine Normalität, eine alltägliche Banalität, die einfach nur zeigt, wie sich Eltern um ihre Kinder kümmern, und wie Familien das Heranwachsen ihrer Kinder und Familientreffen dokumentieren. Und dann gibt es Fotos, die besondere Momente zeigen, wie das Wandern auf einem Hügel mit Bergen im Hintergrund: Du und dein Bruder schwungvoll Hand in Hand mit eurer Mutter; es sieht wie ein Familienurlaub (eine Wanderung) aus.

2. April

Liebe Jyoti,

ich bin begeistert. Dein Blick auf und deine Gedanken über meine Familie werden mich wahrscheinlich dazu bringen, «uns und sie» mit neuen Augen zu sehen. Exzeptionalismus und stereotype Zuschreibung – Rassifizierung – in einem an und für sich gewöhnlichen Leben und an einem an und für sich gewöhnlichen Ort, in beziehungsweise an dem ich mir von dem Moment an, in dem ich in der fünften oder sechsten Klasse meine kindliche Niedlichkeit verloren hatte, nichts anderes wünschte, als mich einzufügen: Das ist die Geschichte meines Lebens.

In meinem Verständnis von Tobias Hübinettes und Carina Tigervalls Forschungen wird dieses Sich-Einfügen als eine verinnerlichte Erfahrung beschrieben, in der man sich die Eigenschaften (Werte) der Umwelt aneignet. Sie beobachten, dass «Adoptierte mehr oder weniger vollständig koloniale und rassistische Stereotypen internalisiert haben, auch wenn sie biologisch gesehen selbst keine Weißen sind. Da sie in durchwegs weißen Stadtteilen und Umgebungen aufgewachsen sind und dort zumeist leben, ist diese Verinnerlichung rassistischer Bilder und Fantasien weder eine Überraschung noch etwas Abweichendes. Um nicht für nicht-westliche Migranten_innen gehalten zu werden, bemühen sich die Adoptierten sehr, andere nicht-weiße Menschen und Adoptierte zu meiden.»2

Als ich im südafrikanischen Apartheidsregime aufwuchs, zeigte sich diese Spaltung in der Art und Weise, wie ich ethnische Zugehörigkeit verinnerlichte, welche Stereotypen sie hervorbrachte und an welche Wünsche sie gebunden war. Sie zeigte sich auch in der Bedeutung, die Exzeptionalismus innerhalb der (indischen) Gemeinschaft und außerhalb der Gemeinschaft im weitesten Sinne hatte. Die Apartheid-Rassentrennung bedeutete eine auferlegte Homogenität von schwarzen, weißen, indischen und farbigen Gemeinschaften, die nicht nur Stereotypen voneinander schufen, sondern auch kulturelle und auf Ethnie basierende Essenzialismen reproduzierten. Um mich selbst außerhalb dieser Stereotypen zu verorten, distanzierte ich mich zum Beispiel von bestimmten kulturellen Registern, die als «indisch» galten. In meiner Erinnerung hatten diese mit Werten, ästhetischen Entscheidungen (wie ich zum Beispiel meine Haare trug oder mich kleidete), Sprache oder Kunst und Kulturveranstaltungen zu tun, zu denen ich mich hingezogen fühlte. Mehr als alles andere verabscheute ich die Bilder von gehorsamen indischen Frauen, mit denen ich im indischen Kino konfrontiert wurde. In der südafrikanischen indischen Community gab es starke weibliche Vorbilder – politische Aktivistinnen und hochqualifizierte Berufstätige; von ihnen gab es zwar nicht allzu viele, aber sie waren sichtbar und man kannte sie. Doch ich empfand immer noch Unbehagen, als «eine von ihnen» wahrgenommen zu werden, und vermied häufig öffentliche Zusammenkünfte der indischen Community. Während ich Hübinettes und Tigervalls Untersuchungen lese, beginne ich mich zu fragen, ob rassistischer Selbsthass beziehungsweise internalisierter Rassismus nicht mehr ist als die Sehnsucht, den eigenen Platz außerhalb ethnisch homogener Räume zu finden. Geht es dabei nicht auch darum, abseits von Stereotypen verstanden zu werden – und, was noch entscheidender ist, darum, dass der aufgestaute Druck, Stereotypen zu vermeiden, den eigenen (schwarzen) Exzeptionalismus beweisen soll?

Es braucht Zeit, um eine Verbindung zur eigenen ethnischen Zugehörigkeit zu finden, die von innen heraus bestimmt ist und nicht von außen, also von den anderen, auferlegt wird.

2. Mai

Liebe Katarina,

ich stelle mir eine Sequenz im Film vor, in der ich mich mit deiner Mutter unterhalte. Wir sprechen nicht über euch, deine Geschwister – die Kinder, die sie in ihrem Haus großgezogen hat. Ich bin neugierig auf ihr Leben mit deinem Vater, ihrem Mann, dem Mann, mit dem sie im Bett lag. Was war das für ein flüsterndes Zureden voller Hoffnungen, Träume und Wünsche, das von einer Adoption zur nächsten (Zwillinge) und dann zur dritten Adoption (zwei junge Mädchen) führte – die Entscheidung, nicht mehr Babys oder Kleinkinder zu adoptieren, sondern Schwestern, die deinem Alter von acht Jahren entsprachen? Welche Sehnsüchte füllen die Leere einer kinderlosen Existenz?

Ich denke an die Fragen, die ich deiner Mutter stellen würde: Wie trifft eine Frau die Entscheidung, fünf Kinder großzuziehen, die aus so unterschiedlichen geografischen und historischen Kontexten stammen? Welche Rolle spielt ein Mann, ihr Mann, dein Vater, beim Unterhalt von fünf Kindern, wenn eine Frau sie betreut?

13. Mai

Meine liebe Jyoti,

sicherlich war da Liebe und der Wunsch, uns eine Mutter zu sein (und nicht nur, sich um uns zu kümmern wie eine Aufseherin oder Lehrerin), sicher stand die Liebe im Mittelpunkt, und am Anfang gab es Hoffnungen, Träume und Wünsche.

In meinen Adoptionspapieren, die ich ab und zu betrachte, las ich, dass sich meine Eltern schriftlich dazu verpflichteten, sich um uns (meinen Bruder und mich) zu kümmern, als ob wir ihre eigenen Kinder wären …

Was bedeutet das überhaupt? Das ist keine sarkastische oder rhetorische Frage, ich will tatsächlich wissen, was sie gemeint haben, was wir meinen, was ich meinen würde …

Was wären wir, wenn wir nicht dazu geworden wären (zu ihren Kindern)?

Es bedeutet, dass wir nie ihre Kinder sein würden, sondern dass sie sich dazu verpflichteten, so zu handeln, als ob– ein ganzes Leben lang. Stell dir das vor!

Das verwirrt meinen Verstand und meine Seele. Ich suche immer noch nach Formen, um über die Erfahrung der Adoption zu sprechen, die eher existenziell als exzeptionell sind, die sich mehr auf Verben, Poesie und Abstraktionen stützen als auf Nomen und Statistiken, und die die Frage anstoßen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und in dieser Welt zu leben, in der Herkunft und Zugehörigkeit so wichtige Komponenten darstellen. Über ein adoptiertes Kind wird so oft wie über ein «Phänomen» geredet – anders als bei einem leiblichen Kind. Selbst adoptierte Erwachsene werden als «Adoptivkinder» bezeichnet («adoptivbarn»).

‹Wenn du nicht weißt, woher du kommst, wie weißt du dann, wohin du gehst?›

Ich kann diese Aussage nicht ertragen. Sie klingt wie ein Vorwurf.

Die bürokratischen Strukturen, die die Fähigkeit des Adoptierenden, für die Adoptierten zu sorgen und sie zu betreuen, überprüfen und bewerten, betrachten häufig die materielle Sicherheit der Vormunde, und zwar ihr Einkommen und ihre Ressourcen, und weniger die emotionale Stärke, die erforderlich ist, um mit komplexen Geschichten von Traumata oder Isolation umzugehen, die oft Teil der psychologischen Konstitution von Kindern sind, die von Adoptionsagenturen aus Waisenhäusern gebracht werden. Eine transnationale Adoption trägt immer das Stigma der «Rettung»: Das Leben in der Ersten Welt könne für ein Kind aus der Dritten Welt nur besser sein, angesichts der wirtschaftlichen, sozialpolitischen und infrastrukturellen Risiken, denen Kinder in ihren «Heimatländern» ausgesetzt sind. Die wohlmeinenden, guten Absichten und die «Rettung» eines Kindes in Not scheinen die Hoffnungen, Träume und Wünsche kinderloser Paare zu erfüllen. Aber wenig Augenmerk wurde darauf gelegt, inwiefern die Erziehungsberechtigten darauf vorbereitet werden, mit den komplexen Vorurteilen umzugehen, mit denen die Adoptierten in einem Land konfrontiert werden, das die Existenz «rassischer» Kategorisierung per se ebenso systematisch geleugnet hat wie die Diskriminierung aufgrund ethnischer Unterschiede.

Reenactment 1:

INNEN – FRISEURSALON, JOHANNESBURG – TAG

KATARINA sitzt in einem Friseurstuhl, trägt enganliegende schwarze Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover und Stiefeletten mit dünnen Absätzen. Nahaufnahmen von ihren Haaren, die zu langen dunkelbraunen Dreadlocks geflochten werden.

Zwischenschnitt zu Fotos, die KATARINA als Kind mit kurz geschnittenen Haaren zeigen. Zu sehen sind auch Fotos mit ihrer Mutter, deren Haare ebenfalls immer kurz sind – gewellt und erdbeerblond.

Voiceover – KATARINA

Ich hielt meine Mutter nie für stylish, aber für gepflegt, was mit dem schwedischen Wort «parant» ausgedrückt wird. Mein Wörterbuch übersetzt es mit «sehr elegant« und «auffallend», aber ich würde «streng» und vielleicht «imposant» hinzufügen. Früher war ich neidisch auf die Mütter einiger Freund_innen, die jünger waren und Jeans und lange Haare trugen. Ich habe diese bildliche Erinnerung an meine Mutter: nichts an ihr ‹flattert im Wind›. Sie hat viel Haarspray benutzt. Ich habe ihr zu Weihnachten immer dosenweise Haarspray geschenkt. Mein eigener Stil ist zweifellos stark davon beeinflusst. Ich sage immer, dass die Wahl meiner Haare – die Dreadlocks, die mir bis zur Taille reichen – ein Geschenk an mein inneres Kind sind, das sein Haar nicht lang wachsen lassen konnte. Im Nachhinein betrachtet wollte ich eine Mutter sein, deren Haar im Wind flattert.

Die Zeugnisse, Geschichten und Memoiren von Eltern, die transnationale Adoptivkinder aufgezogen haben, und von adoptierten Erwachsenen zeichnen zerbrochene Beziehungen, schmerzhafte und oft verwirrte Empfindungen und ungelöste Gefühle nach, die nicht in einer binären Logik des Für oder Gegen etwas gelesen werden können beziehungsweise sollten. Vielmehr laden sie zu einer genaueren Betrachtung dessen ein, was jede Geschichte einzigartig macht. Sie laden zur Erforschung und Untersuchung ein, warum einige Adoptierte ihren Weg finden, andere hingegen keine Richtung einschlagen, die sie ihre eigene nennen können beziehungsweise – so meine Behauptung – scheinen sie ihren Weg in unzähligen ungelösten Wutanfällen, Verlassenheitsängsten und dem Gefühl zu verlieren, nie vollständig akzeptiert zu werden oder dazuzugehören.

Reenactment 2:

AUSSEN – MUNRO DRIVE, JOHANNESBURG – TAG

Der Munro Drive ist eine malerische, gewundene Straße, die einen atemberaubenden Blick auf den nördlichen Teil von Johannesburg bietet. KATARINA joggt an der hüfthohen Steinmauer entlang, die die Straße begrenzt. Den Soundtrack bildet ein traditioneller schwedischer Hirtengesang (Kulning), der einen starken Kontrast zur städtischen Dichte herstellt.

Voiceover – KATARINA

Wo verortet man sich in einer Welt, in der wir von der Herkunft definiert werden, in der die Frage: ‹Woher kommst du?› bedeutet: ‹Was bist du?›

Wie kann ich mich als äthiopische Schwedin in Südafrika verstehen oder du dich als indische Südafrikanerin in Schweden?

9. Juni

Liebe Katarina,

Chimamanda Ngozi Adichie3hat eine bemerkenswerte Karriere gemacht, indem sie behauptete, einer «einzigen Geschichte» ausgesetzt gewesen zu sein, und sie warnt vor deren Gefahren. Wenn ich daran denke, dass du in Falun aufgewachsen bist, kann ich mir keinen Augenblick lang vorstellen, dass du einem einzigen Narrativ, einer Geschichte allein ausgesetzt warst. Und selbst wenn das eine Narrativ, das dich gefesselt hat, jenes des schwedischen Nationalismus oder der schwedischen Mythen und Legenden war, hätte es zwiespältige und widersprüchliche Narrative aus deinen eigenen Erfahrungen gegeben, die jede Gewissheit einer Geschichte im Singular in Frage gestellt hätten.

11. Juni

Meine liebe Jyoti,

ich bin fasziniert von deiner Wortwahl «Chimamanda … hat eine bemerkenswerte Karriere gemacht, indem sie behauptete, einer ‹einzigen Geschichte› ausgesetzt gewesen zu sein …». Dem stimme ich zu. Das soll nicht heißen, dass sie keinen sinnvollen Beitrag geleistet hätte, aber sie ist wohl eine der ersten, die eine einzige Geschichte über einzige Geschichten geschrieben und daraus ein Geschäft gemacht hat. Menschen wie wir müssen darauf achten, nicht zu Kleindarsteller_innen in diesem Zirkus zu werden, der schwarze Menschen braucht, deren einzige Geschichte darin besteht, dass ‹wir unsere Geschichten erzählen müssen› … Es gibt viele Geschichten, genau wie du sagst, und Gefühle der Marginalisierung existieren neben Gefühlen des Zuhauseseins und der Zugehörigkeit.

Unter den Fotos, Dokumenten und Briefen, die mir Katarina geschickt hat, befindet sich ein Bild, das Mitte der Siebzigerjahre von der KFUK-KFUM, der globalen Jugendorganisation für Menschenrechte und Gerechtigkeit (YWCA–YMCA), verwendet wurde. Die Überschrift lautet «Weltweite Zusammenarbeit».

Oberflächlich betrachtet weckt das Bild die Vorstellung eines Strebens nach menschlicher Solidarität. Es ist offensichtlich, dass das Foto inszeniert wurde: durch die Stimme des Erwachsenen, der die Kinder auffordert, nach oben zur Kamera über ihren Köpfen zu schauen und vielleicht auf den Ort auf dem Globus zu zeigen, aus dem sie stammen, auf ihren Ursprung. Das Foto wurde in Schweden aufgenommen, und Katarina und ihre Geschwister wurden dabei für die Plakatkampagne eingesetzt (der kleine weiße Junge kam durch einen Nachbarn dazu). Das Bild legt nahe, dass der Ursprung der Ort ist, aus dem man herkommt.

Aber dort, wo Katarina Hedrén oder eine(r) von uns ein Gefühl der Zugehörigkeit findet, ist oft nicht der Ort, aus dem sie oder wir herkommen. Herkunft ist ein gefährliches Konzept, um Zugehörigkeit zu bestätigen. Auf ihm basieren rassistische Vorurteile und die Sprache, die verwendet wird, um Diskriminierung zu rechtfertigen.

In einem seiner Interviews spricht James Baldwin über Heimat (in Bezug auf Zugehörigkeit). Er beschreibt Heimat als etwas, das man mit sich nimmt. Das ist eine eindrucksvolle Idee, die sich von der Vorstellung unterscheidet, dass Heimat ein Ort sei, den man zurücklässt. Man nimmt «die Heimat mit sich mit», schlägt Baldwin vor, um besser zu verstehen, wo man gewesen ist, und um das eigene Selbst besser zu kennen.

 

 

 

Berggren, Henrik/Trägårdh, Lars: Ist der Schwede ein Mensch? Was wir von unseren nordischen Nachbarn lernen können und wo wir uns in ihnen täuschen. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahlmann. München: btb 2016.

Hübinette, Tobias/Tigervall, Carina: To (not) name the unnameable and (not) speak about the unspeakable: Writing about experiences of racialisation among adult adoptees and adoptive parents of Sweden (https://www.academia.edu/19402541/To_not_name_the_unnameable_and_not_speak_about_the_unspeakable_Writing_about_experiences_of_racialisation_among_adult_adoptees_a_nd_adoptive_parents_of_Sweden, Zugriff: 19. August 2019).

Published 19 December 2019
Original in English
Translated by Elisabeth Fraller
First published by Wespennest 177 (2019)

Contributed by Wespennest © Jyoti Mistry / Katarina Hedrén / Elisabeth Fraller / Wespennest / Eurozine

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