Nicht alles was global ist, ist gleichzeitig kosmopolitisch

An Interview with Saskia Sassen, by Nina Fürstenberg.

Saskia Sassen antwortet auf Fragen über die Eigenschaften von Netzwerken, Fernsehen, Internet und den Unterschieden zwischen kosmopolitisch und global.

Nina Fürstenberg:
Ist es möglich, dass man in Bezug auf Sozialbeziehungen eine klare Unterscheidung zwischen traditionellem Fernsehen, oder Broadcasting, und dem Internet trifft? Kann man sagen, dass das Fernsehen eher die Konstruktion einer nationalen Gemeinschaft begünstigt, während das Internet die Bildung von Netzwerken fördert – Beziehungen im Netz, wie schon der Name sagt?

Saskia Sassen: Fernsehprogramme sind national, sie können aber auch nur örtlich gebunden sein. Oft beschäftigen sie sich auch nur mit einzelnen Städten. In den Vereinigten Staaten hat jede Stadt ihr eigenes lokales Fernsehen, das sich mit den Anliegen der Stadtbewohner beschäftigt.
Das Besondere am Fernsehen ist, dass es sich um ein Massenphänomen handelt, das Standards setzt und das neutralisiert: es ist eine Einbahntechnologie, das einen Konsumenten voraussetzt. Das Internet hingegen ermöglicht Interaktivität, Antwort und Interaktion – das ist der grundlegende Unterschied zwischen diesen beiden Medien.

Im Übrigen kann Internet genauso lokal orientiert sein wie das Fernsehen: denken wir etwa an die digitale Stadt von Amsterdam. Hier ist das Ziel und der Effekt des Internets die Stärkung von Verbindungen unter den einzelnen Gebieten der Stadt. Aber nicht nur das, durch die digitale Stadt hat sich die Lesben- und Schwulencommunity von Amsterdam selbst entdeckt. Und viele andere Interessensgemeinschaften sind ebenso in der Lage, sich die Vorteile des Internets zunutze zu machen.

NF: Das heisst also, dass es möglich ist, vielfältige Beziehungen und Auseinandersetzungen zu führen.

SS:
Für mich stellen die Vereinfachungen im Bereich der neuen Technologien eine Vielzahl von Problemen dar. Das Fernsehen entfremdet am meisten, weil es sich durch die Stärkung von Massenprodukten eine standardisierte und homogenisierte Community schafft. Aber natürlich kann das Internet die gleichen Effekte wie das Fernsehen auslösen, denn viele nutzen es bloß in eine Richtung, etwa um zu surfen. Sie nutzen es unter Verzicht auf, oder mit einer rein oberflächlichen Form von Interaktivität.

Von den technischen Möglichkeiten her wäre Interaktivität längst möglich, aber in Wirklichkeit sind wir nichts anderes als KonsumentInnen. Ich sehe einen Haufen Jugendlicher, die das Internet nur dazu benutzen, um willkürlich herumzusurfen und irgendwelche Flüche anzubringen. Aber durch die Möglichkeit der Interaktivität kann das Netz auch eine Art von Gemeinschaft forcieren; so etwas zu bieten, ist das Fernsehen nicht in der Lage.
Beides sind Technologien, die in der Gesellschaft verwurzelt sind, und das worin sie verwurzelt sind, macht auch den Unterschied.

NF: Soll das heißen, dass das Entscheidende der Kontext ist, in dem sie benutzt werden?

SS:
Genau. Ich habe sehr viel darüber geschrieben, wie genau die selben Eigenschaften des Internets, die Interaktivität garantieren, Machthierarchien entstehen lassen können, besonders was die Finanzmärkte betrifft.
Zum Beispiel Frauen nutzen das Internet auf eine ganz andere Weise. Zwischen Individuum und Technologie stehen ganze Welten – diese Welten verändern sich aber durch die speziellen Kulturen und Subkulturen, aus denen die User herkommen.

NF:
Kann der Begriff network eine Möglichkeit zur Beschreibung von Sozialbeziehungen, die aus dem Internet heraus entstehen, sein?

SS:
In der Soziologie ist network ein Begriff, der schon sehr lange Zeit verwendet wird. Es ist erst seit Kurzem, dass er mit den digitalen Technologien in Verbindung gebracht wurde, die wir network technologies nennen. Den Terminus gibt es aber schon länger. Die Idee unterscheidet sich nicht sehr von der Vorstellung von Community, dennoch gibt es Unterschiede. Was wir heute haben, ist ein Begriff von sozialem Netzwerk, der in gewisser Weise von der Technologie, vom Computernetzwerk geformt ist. Die Bedeutung dieser Art von Netzwerk unterscheidet sich aber von der traditionellen Vorstellung.

NF:
In welchen Kontexten hat man zuerst den Ausdruck network verwendet?

SS:
Zum Beispiel in der Geschichte der Emigration. Wen man darauf bezogen über Netzwerk spricht, ist damit weniger das starke und dominante Bild von heute gemeint. Es ist vielmehr ein Netz unter EmigrantInnen gemeint, die Intensität der Kommunikation zwischen der Gemeinschaft derer, die aufbrechen und derer, die angekommen sind, so wie sich Familien bilden. Es handelt sich also um ein althergebrachtes Sozialmodell.

NF:
In welcher Form bilden und nutzen EmigrantInnen Netzwerke?

SS:
In Bezug auf Emigration wurde der Begriff Netzwerk in drei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Interaktionen und “Netze” bestehen an Orten, in denen sich die EmigrantInnen aufhalten, etwa in einer Ankunftsstadt wie New York oder auch zwischen der Gemeinschaft die emigriert und derjenigen, die angekommen ist. Das ist die erste Bedeutung des Wortes, während die zweite Form Ende der 80er Jahre entstanden ist. Sie besteht in der Definition einer ganz besonderen Bewegung: der kontinuierliche Einwanderungsstrom, der in die unterschiedlichen Häuser der Verwandten und Freunde der ausgewanderten Gemeinschaft aufgenommen wird. Schließlich gibt es noch eine dritte Bedeutung des Wortes, die mit den neuen Technologien zusammen hängt: die neuen Technologien ermöglichen dem EmigrantInnennetz einer bestimmten Nationalität, über das Land hinauszugehen, in dem es sich befindet. Dadurch entsteht eine Dichotomie zwischen der Ursprungsgemeinschaft und der Gemeinschaft des Aufenthaltsortes.

NF:
Kann ein Netzwerk oder unterschiedliche EmigrantInnennetzwerke globale Bedeutung haben?

SS:
Wenn wir uns auf MigrantInnennetzwerke beziehen, meinen wir üblicherweise “one to one”-Kommunikation: eine Form von Diaspora, deren Verbindungen über die ganze Welt gespannt sind. Sobald dieses Netzwerk damit beginnt, das Internet zu nutzen, erlaubt die Intensität der Kommunikation, Projekte auch über das Internet zu verfolgen. So kann sich das EmigrantInnennetz wirklich als globales Netzwerk etablieren.

So sind beispielsweise die Griechen nicht nur in Boston und mit den Griechen im eigenen Land in Verbindung, sondern auch mit denjenigen, die sich in Buenos Aires oder in Italien aufhalten. Auf diese Weise bewegen wir uns von einem Netzwerk der EmigrantInnen, das einfach gesprochen das Ursprungsland mit dem Ankunftsland vereint, zu einem Netzwerk, das sich auf einem globalen Niveau bildet. In diesem Fall erzeugen die neuen Technologien eine ganz spezifische Differenz, wie ich versucht habe anhand meiner Arbeit zu zeigen.

Die neuen Technologien ermöglichen auch armen Menschen, sich auf globalem Niveau zu organisieren. Sie ermöglichen den Zusammenschluß von globalen, nicht-kosmopolitischen Subjekten. Bei globaler Politik neigt man dazu, an eine Bewusstseinsform zu denken, die alle Menschen dieser Welt miteinander verbindet und durch das Internet ermöglicht wird.
Es ist eine Form des Kosmopolitismus, aber es gibt auch eine Form der Politik, die durch die neuen Medien ermöglicht wurde. Eine nicht-kosmopolitische Form von globalem Bewusstsein, einem Gefühl einer globalen Bewegung anzugehören. Die EmigrantInnen sind ein sehr gutes Beispiel für diesen globalen Nicht-Kosmopolitismus.

NF:
Einen Moment, können Sie genauer erklären, was sie unter nicht-kosmopolitischen Formen des globalen Bewusstseins verstehen?

SS:
Die Nicht-Globalen, die Umweltschützer machen eine globale Arbeit, sie sind aber keine KosmopolitInnen. Der Großteil der Anstrengungen, der heute im Bereich der Menschenrechte unternommen wird, bildet jetzt ein Netzwerk, es ist eine globale Anstrengung. Aber nicht aus diesem Grund verstehen sich die AktivistInnen als kosmopolitisch. Das Gleiche gilt für die Armen und EmigrantInnen. Sie alle sind noch immer in stark lokalen Kämpfen engagiert. Dieses Konzept finde ich sehr positiv und wichtig. Auch die neuen Arbeiter der Finanzwelt sind globalisiert, aber nicht notwendigerweise kosmopolitisch. Die Kategorie Kosmopolit ist eine ganz besonders elitäre und spezielle Kategorie.

NF:
Hat nicht schon früher Kant diese Vorstellung von Kosmopolitismus entwickelt?

SS: Ja, sie kommt von Kant und seiner Vorstellung von Weltbürgertum. Die Globalisierung kann die Teilhabe an einer kosmopolitischen Kultur ermöglichen, aber bis zu einem gewissen Grad ist das ein Privileg der Eliten. Ich könnte viele andere Netzwerke nennen, die global agieren und untereinander eine intensive Auseinandersetzung führen.
Sie schaffen in gewissem Sinne ein Bewußtsein, ein politisches Bemühen, eine globale soziale Bewegung für die Umwelt, für Menschenrechte oder für spezifische Themen unterschiedlicher Gebiete.
Diese Netzwerke sind nicht kosmopolitisch in dem Sinne, dass wir dort angekommen sind, wo bei Kant der ewige Friede beginnt. Kant hat gesagt, dass wir den Frieden nicht in Bezug auf unsere eigenen Interessen und unsere eingeschränkten und fixierten Fragestellungen erreichen könnten, sondern wenn wir in gewissem Sinne alles das tranzendierten und universeller würden.
Das erscheint mir wirklich als sehr schöner Gedanke, aber der Großteil der Menschen ist tief und radikal mit den eigenen Unterschieden, Trennungen und lokalen Kämpfen beschäftigt, weil sie daraus Geld gewinnen müssen. Wenn man reich und gebildet ist und zudem noch die Möglichkeit zu reisen hat, hat man natürlich diese Option.

NF:
Und doch ist es gerade modern, vom “neuen Kosmopolitismus” zu sprechen.

SS:
Viele verwenden diesen Terminus mit Bezug auf globales Business und einer Reihe von Dingen, die nichts Genaues aussagen, so wie es sich Kant vorgestellt hätte. Dieser neue Kosmopolitismus ist viel weniger raffiniert. EinGedanke der weiter führt, ist von den Leuten begründet, die in globalen Netzwerken arbeiten und sich selbst als globale AktivistInnen verstehen. Diese Leute beschäftigen sich mit sehr spezifischen Fragen, die manchmal rein lokale Bezüge haben. Der Unterschied ist, dass diese Orte Teil eines globalen Netzes sind. Das Beispiel der EmigrantInnen ist sehr klar und deswegen einfach zu verstehen. Wir können aber auch die UmweltschützerInnen als Beispiel nehmen, die auf lokaler Ebene die Menschen dazu bewegen möchten, den Müll in Bombay, Sao Paolo oder Sidney zu trennen. Sie erachten das als eine globale Anstrengung und wissen, dass sie, um Erfolg zu haben, überall durchgesetzt werden muss. Diese Menschen sind keine Kosmopoliten. Sie sind global, aber nicht kosmopolitisch – es ist wichtig, dass sie das verstehen

NF:
Sehen wir uns noch ein weiteres Beispiel an.

SS:
Als weiteres Beispiel kann eine Armenorganisation, wie die SPARC, dienen, die von Frauen begründet wurde, die sich mit Wohnproblemen beschäftigen.
Das ist ein globales Netzwerk. Diese Frauen kämpfen für Unterkünfte in den eigenen Wohngebieten. Sie verhandeln mit den örtlichen Verwaltungen über die Situation vor Ort. Sie sind nicht kosmopolitisch, haben aber ein globales Bewusstsein. Sie wissen, dass sie die Frauen der wichtigsten Weltstädte sind, besonders in der südlichen Hemisphäre, die für genau die gleichen Ziele kämpfen. Sie fühlen sich als Teil eines globalen Netzwerks – geschaffen durch das Internet.

Published 18 September 2002
Original in English
Translated by Edith Wildmann

Contributed by Reset © Reset eurozine

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