Neuer Antisemitismus?

Wandel und Kontinuität der Judenfeindschaft

21 April 2005
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1. Drei Schlaglichter

(1) Gegen den TV-Sender Premiere läuft ein Bußgeldverfahren wegen Verletzung der Menschenwürde. In der sogenannten Reality-Show “Big Brother” erzählte ein Teilnehmer judenfeindliche Witze: “Da stehe ein vierjähriges Mädchen am Schornstein und werde gefragt, worauf es warte. Die Antwort: Auf Papa und Mama.” Nachdem er drei weitere Judenwitze vorgetragen hat, wird er von einem anderen Teilnehmer abgelöst, der Türkenwitze erzählt.1

(2) “Die Araber sind die natürlichen Bündnispartner eines nationalsozialistischen Europas” – so Michael Kühnen, der inzwischen verstorbene Vordenker der Neonazis. “Der arabische Nationalismus kämpft, wie der europäische, gegen den Imperialismus und für die Freiheit. (…) Und schließlich leidet die arabische Nation unter dem Terror des Zionismus, der auf arabischem Boden seinen Piratenstaat Israel errichtete und das arabische Volk der Palästinenser teils tötete und vertrieb, teils unterwarf und bis heute unterdrückt. Der Zionismus aber ist bekanntlich der Hauptfeind des Nationalsozialismus, der dem zionistischen Streben nach Weltherrschaft einen erbarmungslosen Widerstand entgegensetzt. Dies alles sind Voraussetzungen zur Bildung eines europäisch-arabischen Großraumes.”2

(3) Vor wenigen Wochen wurde die RAF-Sympathisantin Andrea Klump zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie an einem Sprengstoffanschlag beteiligt war. Der Anschlag in Budapest galt einem Bus mit 28 sowjetischen Juden, die nach Israel ausreisen wollten. Die Juden sollten getötet werden, um den Zuzug von Siedlern zu verhindern. Da der Zeitzünder falsch eingestellt war, wurden “nur” sechs Personen verletzt. Als Täter wird neben einem RAF-Mitglied eine palästinensische Terrorgruppe vermutet. Die Attentäter von Budapest nannten sich “Bewegung für die Befreiung Jerusalems”.3

Seit 1989 ist eine massive Zunahme antisemitischer Straftaten in Europa festzustellen. Die Straftaten reichen von Gewalttaten gegen Juden über die Schändung jüdischer Friedhöfe und Angriffe auf jüdische Einrichtungen bis zu Propagandadelikten. In Großbritannien und Deutschland war die erste große Welle schon Anfang der 90er Jahre zu verzeichnen. In Gesamteuropa nahm die Anzahl der Straftaten ab 2000 nochmals sprunghaft zu. Derselbe Befund gilt auch für Belgien, die Niederlande und Schweden, also Länder, in denen die Zahl der Antisemiten relativ gering ist. Die bisherigen Höchststände an Straftaten verzeichnete Großbritannien im Jahre 2000, Deutschland im Jahr 2001 und Frankreich ein Jahr später.4 Seitdem ist ein Rückgang auf einem insgesamt hohen Niveau festzustellen.

Die starke Zunahme der Straftaten hat große öffentliche, politische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregt. Allerdings entzündete sich die Diskussion, ob die Übergriffe Ausdruck eines wesentlich veränderten Antisemitismus in Europa sind, nicht an der Zahl der Straftaten. Dies wäre auch wenig plausibel, da die gesamte Geschichte des modernen Antisemitismus von wellenförmigen Zu- und Abnahmen antisemitischer Übergriffe gekennzeichnet ist. Insofern bedeutet die wachsende Anzahl an Straftaten seit 1989 “nur”, daß sich das Lager der militant-aktivistischen Antisemiten vergrößert und verstetigt hat. Ob sich darüber hinaus der Antisemitismus, den sie in die Tat umzusetzen versuchen, verändert hat, werde ich im folgenden erörtern.

Die steigende Zahl der Straftaten wird einerseits auf eine neue Tätergruppe, andererseits auf einen neuen Begründungszusammenhang zurückgeführt. Bei der neuen Tätergruppe handelt es sich um junge, meist männliche Erwachsene muslimischer beziehungsweise arabischer, nordafrikanischer oder türkischer Herkunft. In Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien wird der größere Teil der antisemitischen Gewalttaten diesem Täterkreis zugeordnet. Darin sieht Pierre-André Taguieff “das beunruhigendste Phänomen” des gegenwärtigen Antisemitismus.5 Allerdings kann man diese Tätergruppe keineswegs umstandslos einem islamistischen oder arabischen Antisemitismus zuordnen. Zwischen ihrer Herkunft und ihrem Antisemitismus besteht keine monokausale Beziehung. Vielmehr entwickelt sich der Antisemitismus in Einwanderergruppen häufig erst aufgrund ihrer Erfahrungen im Einwandererland. Zu den Ursachen gehört auch ihre soziale und rassistisch begründete Ausgrenzung.6 Daneben sind auch in diesen Ländern nach wie vor Rechtsradikale als Täter zu nennen. Hinzu kommt, so stellen manche Beobachter fest, ein Antisemitismus in der Linken und radikalen Linken, der sich hauptsächlich gegen Israel und – gepaart mit dem Antiamerikanismus – gegen die kapitalistische Globalisierung richtet.7

Entfaltet sich derzeit also tatsächlich ein neuartiger Antisemitismus? Es gibt zwei Anhaltspunkte, die für diese These sprechen könnten. Erstens ist zu klären, inwiefern der islamistische Antisemitismus eine neue Form darstellt. Zweitens richten sich die diversen Spielarten des Antisemitismus insbesondere gegen Israel und stellen sich deshalb als Antizionismus dar. Der antizionistische Antisemitismus ist den verschiedensten politischen Lagern gemeinsam und gestattet es, deren ansonsten gewaltige Unterschiede wenigstens ideologisch zu überbrücken. Meine These lautet, daß wir es nicht mit einem neuartigen Antisemitismus zu tun haben. Denn unter neuartig verstehe ich, daß sich grundlegende Strukturen ändern, so daß von einem neuen Typus des Antisemitismus zu sprechen wäre. Statt dessen werden die hergebrachten Strukturen des Antisemitismus an die veränderte weltgeschichtliche Lage angepaßt. Der Mauerfall und die Auflösung der Sowjetunion bedeuteten das Ende der bipolaren Nachkriegsordnung. Die politischen, ökonomischen und militärischen Konsequenzen dieser Zäsur stellen hergebrachte Identitäten, Selbst-, Freund- und Fremdbilder in Frage. Der Antiamerikanismus scheint so begründet wie noch nie zu sein, das antikommunistische Feindbild hat ausgedient, während der Islamismus zum Hauptfeind emporstieg. Im Zuge dieses Umbruches wurde der Antisemitismus neu justiert. Das gilt generell für den Antisemitismus in Europa, sowohl für muslimische Einwanderer als auch für die Mehrheitsgesellschaft. Ein fundamentaler Umbau des Antisemitismus aber war und ist nicht notwendig, damit er seine zentrale weltanschauliche Funktion in der seit 1989 und seit dem 11. September veränderten Welt erfüllen kann. Neu ist vielmehr, daß sich die unterschiedlichsten antisemitischen Gruppen in ihrer Weltanschauung angleichen.

2. Islamisierter Antisemitismus

Die Bezeichnungen islamistischer oder gar islamischer Antisemitismus halte ich für problematisch. Angemessener ist es, von einem islamisierten Antisemitismus zu sprechen. Denn der Antisemitismus, der in der arabischen beziehungsweise muslimischen Welt vertreten wird, ist in allen wesentlichen Hinsichten ein Import aus Europa. Der moderne europäische Antisemitismus wurde nur an die islamistische Semantik angepaßt, was keine grundlegenden Veränderungen erforderte. Mit der Islamisierung von Teilen der muslimischen Bevölkerungen in Europa wurde diese Variante des modernen Antisemitismus zurück nach Europa importiert.

Diese Behauptung wäre sowohl historisch als auch systematisch zu belegen. Auf die Geschichte des Antisemitismus im arabischen Raum kann ich hier aber nicht näher eingehen.8 Nur soviel zur Übersicht: Die Geschichte des Antisemitismus in der arabischen Welt beginnt im wesentlichen im 20. Jahrhundert. Im Kontext der antikolonialen, antibritischen und antifranzösischen Befreiungsbewegungen eskalierten während der 20er und 30er Jahre allmählich die Konflikte zwischen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Siedlern in Palästina. Im Zuge dieser Entwicklung wurden grundlegende Texte des europäischen Antisemitismus übersetzt und verbreitet. Machtpolitisch lag es zum Beispiel für die palästinensische Nationalbewegung nahe, die Unterstützung des nationalsozialistischen Deutschlands zu suchen. Mit Frankreich, England und den Juden schien man dieselben Feinde zu haben. Das führte in den 30er Jahren zu Parolen wie: Nein, Monsieur, nein, Mister, Gott im Himmel, Hitler auf Erden. Nach der Staatsgründung Israels 1948 wurde die antisemitische Propaganda intensiviert, anstatt dem jüdisch-arabischen Konflikt eine eigenständige, realitätsgerechte Deutung zu geben. Insbesondere in Ägypten spielten in den 50er Jahren rassistische und nationalsozialistische Propagandisten eine beträchtliche Rolle. Die nationalsozialistische Form des Antisemitismus wurde allerdings verdrängt, weil sich die arabische Welt nun an der Sowjetunion beziehungsweise an Ideologien eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus orientierte. In dieser Zeit wurde die Sowjetunion zum Hauptexporteur antisemitischer Schriften. Dieser stalinistisch geprägte, antizionistische Antisemitismus ließ sich gut im arabisch-israelischen Konflikt verwenden. Denn der antizionistische Antisemitismus fokussiert auf die Verteufelung Israels und die Rechtfertigung des Antisemitismus nach der Shoah. Darauf werde ich weiter unten noch eingehen.

Den Islamismus kann man mit der Gründung der Muslimbruderschaft in Ägypten 1928 beginnen lassen. Bis in die 70er Jahre aber behaupteten sich der Nationalismus, der sowjetische Sozialismus und der Nasserismus als Leitideologien. In Palästina zum Beispiel bekam die ursprünglich säkular orientierte PLO erst ab etwa 1980 islamistische Konkurrenz durch die sich formierenden palästinensischen Muslimbrüder. Sie kämpften zunächst nicht gegen Israel, sondern gegen die PLO, deren Sozialismus und säkularer Nationalismus die angeblich autochtone, muslimisch-traditionale Identität bedrohte. Israel tolerierte diese islamistischen Bestrebungen zunächst, um die PLO zu schwächen – wie Rabin später erklärte, der “größte Fehler”, den Israel je begangen habe (Süddeutsche Zeitung, 19. März 1993). Aus den palästinensischen Muslimbrüdern ging schließlich zu Beginn der ersten Intifada 1987 die Hamas hervor, die jeden Friedensschluß mit Israel ablehnt und heute zu den Hauptverantwortlichen für die Attentate gegen die israelische Zivilbevölkerung zählt.

Der Konflikt zwischen PLO und Hamas ist symptomatisch für den Umbruch der Leitideologien in der arabischen Welt. Die Islamisten verstehen sich als revolutionäre Bewegung, die die arabischen Nationalstaaten von ihrem gottlosen, westlich korrumpiertenWeg abbringen will. Die vermeintliche Rückbesinnung auf die eigenen religiösen und politischen Wurzeln gewinnt ihre Attraktivität aus dem Scheitern des westlichen Nationalismus und Sozialismus in der arabischen Welt. Tatsächlich jedoch ist diese Rückbesinnung keine Rückkehr zu einem ursprünglichen, authentischen Islam, sondern eine mit Koran-Zitaten ausstaffierte Erfindung von Traditionen zu gegenwärtigen politischen Zwecken. Der Islamismus ist mit anderen Worten eine genuin moderne religiöse Ideologie mit antimoderner Stoßrichtung, dem Ziel verschrieben, die politische Macht zu übernehmen.9

In diese Grundorientierung fügt sich der moderne Antisemitismus problemlos ein, was an vier zentralen Merkmalen10 aufgezeigt werden kann. Als Beispiele wähle ich die Charta der Hamas,11 die 1988 formuliert wurde und bis heute unverändert gültig ist, sowie das von Said Qutb verfaßte Dokument “Unser Kampf gegen die Juden”.12 Qutb (1906-1966) war einer der wichtigsten Ideologen der ägyptischen Muslimbruderschaft, die primär gegen die “falschen Muslime” im Inneren der islamischen Gesellschaften kämpfte. Er agitierte für einen politischen Islamismus und gegen die herrschenden Regime im arabischen Raum. Nasser ließ Qutb 1966 in Ägypten hinrichten. Qutbs Schriften gewannen posthum sehr großen Einfluß und sind bis heute Schlüsseltexte des Islamismus.

(1) Jeder Antisemitismus erhebt eine umfassende Klage gegen die moderne Gesellschaft und gegen die Zerstörung der angeblich traditionellen, harmonischen und authentischen Lebensformen. Dabei werden die Juden insbesondere für den Materialismus, die “Geldwirtschaft” und eine amoralische Verrohung verantwortlich gemacht. In den Worten von Said Qutb: “Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus steckte ein Jude; hinter der Doktrin der animalistischen Sexualität steckte ein Jude und hinter der Zerstörung der Familie und der Erschütterung der geheiligten Beziehungen in der Gesellschaft steckte ebenfalls ein Jude.”13 Gemeint sind Karl Marx, Sigmund Freud und Émile Durkheim, deren Lehren angeblich die religiösen, ökonomischen, sexuellen und familialen Grundlagen der islamischen Lebensgemeinschaft zerstören. Solche antimodernen Klagen lassen sich je nach zeitlichem Kontext auf eine Vielzahl von Themen ausweiten. So können zum Beispiel die abstrakte Kunst, die Frauenemanzipation und das großstädtische Leben für die Moderne stehen, denen eine in der “Volksseele” verwurzelte Kunst, die patriarchale Familie und die dörfliche Gemeinschaft entgegengestellt werden. Demgemäß zerrüttet die Moderne eine organisch gewachsene, authentische Lebensform. Tatsächlich handelt es sich dabei um moderne Erfindungen einer vormodernen heilen Welt. Der Antimodernismus ist eine moderne Ideologie, die eine Vergangenheit als Gegenbild zur Gegenwart erträumt. Die gilt auch für den Islamismus. Er erfindet ein vergangenes goldenes Zeitalter, das er der korrupten, gottlosen Gegenwart entgegen setzt. Da die Moderne – von Geld über Presse bis zu Sexualmoral und Kunst – im Antisemitismus als Phänomen verstanden wird, hinter dem die Juden stecken und durch das sie “unsere” angeblich traditionale Lebensweise zerrütten, ist der Antisemitismus eine genuin moderne Weltanschauung mit dezidiert antimoderner Stoßrichtung. In der antimodernen Klage treffen sich Antisemitismus und Islamismus. Dementsprechend macht Qutb eine “antagonistische jüdische Macht” für den Niedergang der islamischen Welt im allgemeinen und für die Modernisierungsprozesse, denen Ägypten unter Nasser ausgesetzt war, im besonderen verantwortlich.14

(2) Damit bin ich schon beim zweiten Merkmal des modernen
Antisemitismus, der angeblichen jüdischen Macht. Genauer: Im Antisemitismus personifizieren die Juden die zentralen modernen Machtmittel und die Medien der modernen Gesellschaft. Sie verkörpern das Geld, die Börse, das Finanzkapital, die Presse. Dadurch verfügen die Juden vermeintlich über eine weltumspannende Macht, kraft derer sie alle Völker, Religionen und Kulturen bedrohen. Das Phantasma jüdischer Macht führt im Antisemitismus dazu, jedes nur erdenkliche und als verwerflich beurteilte historische Ereignis den Juden zur Last zu legen. Entscheidend hierfür ist die Personifikation von Macht. Denn dadurch erscheint jedes beliebige historische Ereignis oder der soziale Wandel generell als eine absichtsvolle, geplante Tat, für die ein namhaft zu machender Täter verantwortlich ist. Aus anonymen sozialstrukturellen Prozessen werden Verschwörungen, die im verborgenen angezettelt wurden. Dieses Merkmal wird in einem immer wiederkehrenden Bild ausgedrückt: Ein blutrünstiger Jude beugt sich über die Weltkugel und hält, wie ein Marionettenspieler, Uncle Sam oder eine andere Machtfigur in der Hand.

Die Hamas etwa erklärt, daß die Juden durch ihren Reichtum in der Lage sind, die “Weltmedien” zu beherrschen und “Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt anzustacheln”. Sie steckten “hinter der Französischen Revolution und hinter den kommunistischen Revolutionen”, ebenso hinter dem Ersten Weltkrieg, “um das islamische Kalifat auszulöschen. (…) Sie standen auch hinter dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie immensen Nutzen aus dem Handel mit Kriegsgütern zogen und die Etablierung ihres Staates vorbereiteten”.15 Diese macht- und verschwörungstheoretische Rhetorik entnehmen die Islamisten offensichtlich nicht dem Koran, sondern den Grundtexten des europäischen Antisemitismus. “Ihre Machenschaften wurden in den Protokollen der Weisen von Zion geplant, und ihr gegenwärtiges Verhalten ist der beste Beweis für das, was dort gesagt wurde.”16 Bei den “Protokollen der Weisen von Zion” handelt es sich um den wohl einflußreichsten antisemitischen Text des 20. Jahrhunderts überhaupt, der im Umfeld der zaristischen Geheimpolizei gefälscht wurde und seit den 20er Jahren in riesiger Anzahl weltweit vertrieben wird. Die sogenannten Protokolle bringen den verschwörungstheoretischen Grundzug auf den Punkt: Eine angebliche jüdische Geheimregierung plant in ihren Sitzungen die nächsten Schritte auf dem Weg zur Weltherrschaft und zur Unterwerfung aller Völker. Da “der Jude” im verborgenen agiert, spannt er andere ein, um seine klandestinen Machenschaften auszuführen.

(3) Hieraus ergibt sich ein drittes, nicht minder wesentliches und generelles Merkmal. Der Antisemitismus hat eine dreigliedrige Struktur.17 Erstens gibt es die jeweilige Wir-Gruppe, also zum Beispiel die Muslime oder die Deutschen. Im Antisemitismus sind die Wir-Gruppen immer partikulare Gruppen, die in aller Regel als Volk, Rasse und/oder Religionsgemeinschaft konzipiert werden. Solche partikularen Gruppen sind notwendigerweise nicht singulär. Völker, Rassen und Religionen gibt es nur im Plural. Dem deutschen Volk steht zweitens das französische gegenüber, den Ariern die Slawen, den Muslimen die Christen. In solchen Gegensatzpaaren werden zeitgenössische Feindschaften und Konkurrenzen festgehalten, wie sie unter anderem für den Nationalismus typisch sind. Mit dem Antisemitismus aber kommt etwas Drittes hinzu: Die Juden werden gerade nicht in der gleichen Weise wie die Franzosen, Slawen oder Christen als anderes Volk, als andere Rasse oder andere Religion konzipiert, sondern als Träger einer weltumspannenden, verborgenen Macht, die nicht nur die Weltherrschaft anstrebt, sondern die Unterschiede zwischen allen Völkern, Rassen und Religionen zersetzen will. Dementsprechend verkörpern die Juden den Internationalismus und werden sowohl vom “kapitalistischen Westen als auch vom kommunistischen Osten” unterstützt. “Sie regten die Errichtung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates an, um (…) die Welt mit Hilfe ihrer Mittelsmänner zu beherrschen.”18 Letztlich ist das Ziel der “jüdischen” Bestrebungen, alle unsere partikularen Identitäten aufzulösen. “Der Jude” als Dritter transzendiert, bedroht und zersetzt die binäre Unterscheidung zwischen uns und den anderen, dank derer die partikulare Gruppen-Identität konstruiert wird. “Der Jude”, so heißt es 1886 zum Beispiel beim französischen Antisemiten Édouard Drumont, “der Jude ist von einem unerbittlichen Universalismus”.19 Bei Drumont ist darunter vor allem die Französische Revolution, die Aufklärung, der Liberalismus und der Kapitalismus zu verstehen, allesamt Phänomene, die angeblich seit alters her bestehende Traditionen, Sitten und Wirtschaftsweisen der Franzosen, aber auch der Deutschen zersetzen. Sein deutscher Zeitgenosse Adolf Stoecker ergänzte die Liste um die Sozialdemokratie, etwas später wurden auch noch der Kommunismus und Amerikanismus hinzugefügt. Alle diese “-ismen” stehen in politischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht für eine dynamische, sich permanent verändernde Moderne, die wie das Geld oder McDonald’s nicht an dieser oder jener Grenze haltmacht.

In der antisemitischen Weltanschauung findet man regelmäßig nicht nur die Sorge um die eigene Wir-Gruppe. Vielmehr wird auch anderen Völkern, Rassen und Religionen bescheinigt, vom “Juden” bedroht zu sein. In der Charta der Hamas heißt es dementsprechend, daß die Juden die kommunistische Revolution gegen die Russen zu verantworten hätten und überdies aufgrund ihres Reichtums in der Lage waren, “die Macht über die imperialistischen Völker zu gewinnen und diese zu veranlassen, viele Länder zu kolonialisieren”. Zudem könne der Rest der Welt davon ausgehen, daß nach der “zionistischen” Eroberung des gesamten arabischen Raumes “der Jude” sich andere Weltgegenden unterwerfen werde.20 Entsprechend müsse der Kampf gegen den “Weltzionismus” (Hamas) oder “den internationalen Juden” (Hitler) weltweit geführt werden. Aber auch diese Schlußfolgerung ist nicht neu. So prognostizierte beispielsweise die Deutsch-Soziale Reformpartei schon 1899: “Dank der Entwicklung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgültig durch völlige Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet) schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden.”21

Daraus ergibt sich eine verblüffende Konsequenz: Da “der Jude” in die Position des Dritten gerückt wird, ist der moderne Antisemitismus genuin transnational, transrassisch beziehungsweise transreligiös und im gleichen Atemzug und aus dem gleichen Grund heraus national, rassisch und religiös. Dies vermeintliche Paradox hat zu großen Verwirrungen und Ungereimtheiten in geläufigen Antisemitismustheorien geführt, weil häufig der eine gegen den anderen Aspekt ausgespielt wurde, anstatt ihre konstitutive Zusammengehörigkeit zu begreifen. Der Antisemitismus ist national, rassisch beziehungsweise religiös, je nachdem, wie er die eigene Wir-Gruppe definiert. Er ist transnational, transrassisch oder transreligiös, weil er die Juden als Weltfeind imaginiert. Beides zusammen aber bedeutet, die Welt aus Sicht der eigenen Wir-Gruppe zu beschreiben, also von einer Mehrzahl an Völkern, Rassen oder Religionen auszugehen, und diese Ordnung der Welt – und nicht nur die Existenz der eigenen Gruppe – durch die Juden bedroht zu sehen.

Da die Welt national, rassisch beziehungsweise religiös zu ordnen sei, wird der Dritte aus der Welt gerückt. Er ist als Antagonist aller Wir-Gruppen identifiziert, als der große Verschwörer und Zersetzer aller Ordnung. Deshalb ergibt sich aus der Logik dieser antisemitischen Konstruktion, den Juden das Existenzrecht zu bestreiten. Diese Konsequenz wird manchmal ausdrücklich gezogen, manchmal bleibt sie implizit. Das ist ein wichtiger Unterschied, der aber über die dem Antisemitismus inhärente Logik nicht hinwegtäuschen kann. Im Antisemitismus kann nur eine “Lösung der Judenfrage” kohärent sein, die die Juden in der Welt zum Verschwinden bringt. Folglich stellt der sogenannte eliminatorische Antisemitismus, der manchem Islamisten bescheinigt wird, kein neues Phänomen dar, er ist weder spezifisch für den Islamismus noch für die Konfrontation mit Israel. Der Befund ist keineswegs tröstlich, verdeutlicht aber bis in die extremste Zuspitzung des Antisemitismus hinein, daß selbst der islamisierte Antisemitismus strukturell der europäische Antisemitismus ist.

(4) Ich habe bislang so getan, als wäre es kein bedeutsamer Unterschied, ob der Antisemitismus mit einem nationalistischen, rassistischen oder religiösen Selbstbild verbunden ist. Er ist bedeutsam, gleichwohl nur sekundär. Ich werde dies nun als viertes Merkmal des modernen Antisemitismus für die Unterschiede zwischen der nationalen und der islamisierten Variante darlegen.

Ich hoffe, trotz der gebotenen Kürze deutlich gemacht zu haben, daß weite Teile der antisemitischen Weltanschauung nur geringe Modifikationen erfordern, sollen die Selbstbilder von nationalen auf religiöse Semantiken umgestellt werden. Der Grund hierfür ist schlicht, daß der Antisemitismus ein umfassendes “Zerrbild der Gesellschaft” (Rürup) anbietet, das die Modernisierung von der Ökonomie über die Familie bis zur Kunst beklagt und als jüdische Machenschaften denunziert. Insofern sind die Zerrbilder nahezu unabhängig von der nationalen beziehungsweise religiösen Definition der Selbstbilder. Das gilt zum Beispiel für weite Teile der Charta der Hamas, die offensichtlich von den Protokollen der Weisen von Zion, einem säkularen Text, inspiriert sind und ihn auch ausdrücklich nennen.

Hinzu kommt, daß im islamisierten Antisemitismus Religion und Nation nicht in jedem Einzelfall, aber in der Regel verbunden werden. So bezeichnet sich die Hamas als Flügel der “weltweiten Organisation” der Muslimbrüder, fügt aber hinzu: Die Hamas “ist eine eigenständige palästinensische Bewegung (…), die dafür kämpft, daß das Banner Allahs über jeden Zentimeter von Palästina aufgepflanzt wird”. Weiter heißt es: “Irgendeinen Teil Palästinas aufzugeben, bedeutet, einem Teil der Religion abzuschwören; der Nationalismus der Islamischen Widerstandsbewegung (i.e. die Hamas) ist Teil ihres Glaubens”.22 Die Hamas ordnet sich also einerseits in eine globale islamische Widerstandsbewegung ein, beansprucht aber als palästinensisch-islamische Widerstandsbewegung zugleich die Hoheit über ein bestimmtes Territorium. Palästina, das Land, der Boden wird zu etwas Heiligem erklärt, typisch für radikalere Spielarten des Nationalismus.

Solche Vermischungen von nationalen und religiösen Bestimmungen sind überall im modernen Antisemitismus zu finden. Gerade deshalb bin ich so skeptisch gegenüber grundsätzlich angelegten typologischen Unterscheidungen des Antisemitismus. Sie mögen den einen oder anderen Fall für sich reklamieren können, gehen aber im großen und ganzen an den antisemitischen Quellen vorbei. Denn in den Quellen ist die Vermischung typisch, so daß eine typologische Entmischung in die Irre führt. Solche Typologien rücken nicht die Analyse der nationalreligiös-rassischen Kombinatorik in den Mittelpunkt. Vielmehr entsorgen sie die Frage, welchen Sinn die “vermischten” Selbst- und Fremdbilder haben, indem sie ihre Integration in scheinbar distinkte Formen des Antisemitismus zerlegen. Das gilt insbesondere auch für den rassistischen Antisemitismus. Sicherlich ist der nationalsozialistische Antisemitismus rassistisch. Aber genauso sicher ist er nationalistisch. In “Mein Kampf” werden Nationalismus und Rassismus keineswegs eklektisch, sondern systematisch integriert, so daß die Rede von einem rassistischen Antisemitismus im Gegensatz zu einem nationalistischen bestenfalls verkürzend ist.

Analoges gilt für den islamisierten Antisemitismus. Ihn religiös zu nennen, ignoriert wesentliche Aspekte. Der “jüdischen Gefahr” soll nicht alleine durch Gebet und rechten Glauben begegnet werden, sondern durch politische Organisation und militärische Macht. Eingebettet in einen spezifischen zeitgeschichtlichen, kulturellen und religiösen Kontext, zielt auch der islamisierte Antisemitismus auf seine politische Realisierung. Die Hamas wie die Islamisten überhaupt erheben den Anspruch auf Souveränität über dieses oder jenes Territorium. Folgerichtig spricht die Hamas regelmäßig von “arabischen und islamischen Völkern” – Völkern im Plural, doppelt bestimmt durch eine ethnische (beziehungsweise geographische) und eine religiöse Semantik. Damit aber wird das Grundmuster des in Europa entstandenen Nationalismus reproduziert: eine partikulare Personengruppe, die sich bedroht sieht, will der Bedrohung Herr werden, indem sie einen eigenen, von den Fremden und dem Fremden gereinigten Staat für sich beansprucht. “Ein Volk, ein Staat, eine Nation” ist die Maxime dieser Ideologie.23 Ich denke deshalb, daß ich meine andernorts aufgestellte These, daß nicht jeder Antisemitismus nationalistisch ist, der Nationalismus aber als die Leitideologie für den modernen Antisemitismus fungiert, auch für den islamisierten Antisemitismus aufrechterhalten kann.

3. Antizionistischer Antisemitismus

Der französische Philosoph und Politologe Pierre-André Taguieff spricht in seinen jüngsten Schriften von einer neuen Judeophobie. Diese aktuelle Gestalt sei die “neue weltweite antijüdische Konstellation, die sich seit den sechziger Jahren nach dem Sechs-Tage-Krieg (Juni 1967) auf der Grundlage eines radikalen ‘Antizionismus’ gebildet hat und Israel sein Existenzrecht verweigert”. Die neue Judeophobie sei auf die “Verteufelung Israels und ein damit verbundenes Amalgam zentriert, in dem Juden, Israelis, Zionisten, Rassisten und sogar Nazis ein und dasselbe sind”. Wesentlich für diese Judeophobie sei, daß der Antisemitismus sich selbst als Antirassismus darzustellen versuche, indem er Israel als rassistischen Staat angreife.24

An dieser Beschreibung des derzeitigen Antisemitismus ist vieles zutreffend, allerdings nur unter zwei Vorbehalten. Sie tendiert erstens dazu, den Antisemitismus zu verabsolutieren und andersgeartete Gründe für die Feindschaft gegen Israel zu ignorieren. Damit wird die Sicht unzulässig vereinfacht. Der arabisch-israelische Konflikt hat auch zu einer Feindschaft geführt, die nicht genuin antisemitisch ist. Ebenso wie es eine berechtigte Kritik des jüdischen Nationalismus und Nationalstaates gibt, gibt es einen Antisemitismus, der sich als Antizionismus darstellt, tatsächlich aber nichts anderes ist als eine Spielart des modernen europäischen Antisemitismus. Beide Formen mögen in der politischen Auseinandersetzung zuweilen schwer zu trennen sein und sich tatsächlich wechselseitig beeinflussen. Die permanente Konfrontation im Nahen Osten bietet zudem eine Vielzahl von Anlässen für antisemitische Hetze. Sieht man aber nur den Antisemitismus, übersieht man das tatsächlich Neue. Es liegt nicht auf der weltanschaulichen Ebene, sondern in deren Kontext. Der arabische Antisemitismus unterscheidet sich vom europäischen grundlegend dadurch, daß er von einem jüdisch-arabischen Konflikt, dem Palästina-Konflikt, begleitet wird. Eine irgend vergleichbare Konfliktsituation gab es in der europäischen Geschichte nie. Der Antisemitismus in Europa war weltanschaulich motiviert, ohne daß es eine davon unabhängige Konkurrenz der Interessen gegeben hätte. Im Gegensatz hierzu gibt es im Nahen Osten tatsächlich eine Konkurrenz um Land, um Wasser, um Sicherheit, kurz um Lebenschancen, die überdies in die machtpolitische Auseinandersetzung zwischen den arabischen Staaten und Israel eingebettet ist. Hätten sich die Rothschilds im 19. Jahrhundert entschlossen, ihre Bank zu verkaufen, hätte diese Entscheidung zu keinerlei Reduktion des Antisemitismus geführt. Heute hingegen, so Michel Wieviorka, würde eine “Verhandlungslösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes (…) entschieden zur Eindämmung des Antisemitismus beitragen”.25 Kurz, ich meine, daß Brian Klug zuzustimmen ist, “that the hostility towards Israel, at bottom, is not a new form of antisemitism; it is a function of a deep and bitter political conflict. (…) This is not to say that antisemitism cannot and does not enter into anti-Zionism in the Arab and Muslim world. Clearly it does.” 26

Diese Verworrenheit zu ignorieren und zu vereinseitigen, erleichtert es, einen neuartigen Antisemitismus zu postulieren. Ich denke – und dies ist mein zweiter Vorbehalt -, daß nicht der antizionistische Antisemitismus neuartig ist. Vielmehr etabliert sich gegenwärtig eine Konstellation, in der gerade diese Spielart des Antisemitismus die unterschiedlichsten politischen Lager im Antisemitismus kooperations- und koalitionsfähig macht. Im antizionistischen Antisemitismus können sich der islamisierte, der rechtsradikale, der marxistisch-leninistische, der globalisierungskritische und der Antisemitismus der Mitte treffen. Hierfür ist die (allerdings nicht neue) Legitimation des Antisemitismus als Antirassismus und Antifaschismus und, damit verbunden, die Camouflage des Antisemitismus als Antizionismus wesentlich. Denn die antirassistische Legitimation und die antizionistische Camouflage erlauben scheinbar die Integration des Antisemitismus nach der Shoah in demokratische, linke und universalistische Ideologien.

Taguieff selbst räumt ein, daß der antizionistische Antisemitismus schon in den 60er und 70er Jahren entstand. Zugleich sollen die jüngste Gewaltwelle und insbesondere der Umstand, daß sie von muslimischen Einwandererkindern verursacht wurde, aber die Neuartigkeit belegen. Tatsächlich hat sich der antizionistische Antisemitismus27 in der Sowjetunion bereits in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Überdies hat er Wurzeln, die mindestens bis in die 20er Jahre zurückreichen. Hitler zum Beispiel prognostizierte schon 1920, der “ganze Zionistenstaat soll nichts werden als die letzte vollendete Hochschule ihrer internationalen Lumpereien”.28 Ein zionistischer Staat wäre nur scheinbar ein jüdischer Nationalstaat, tatsächlich eine Machtbasis des internationalen Judentums auf seinem Weg zur Weltherrschaft. Im Grunde haben wir dieselbe Behauptung oben schon von der Hamas gehört. In der Zwischenzeit wurde der antizionistische Antisemitismus allerdings um zwei Elemente erweitert, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg und nach der Shoah Sinn machten. Beide findet man spätestens um 1950 voll entwickelt in der stalinistischen Ideologie.29

Das erste Element erweitert die Behauptung, ein jüdischer Staat sei eigentlich nur eine internationalistische Machtbasis, um den Antiamerikanismus in antiimperialistischem Gewand. So wird zum Beispiel 1952 in einem stalinistischen Schauprozeß Israel als “amerikanischer Paschalik”, das heißt als amerikanischer Verwaltungsbezirk, bezeichnet. Überdies seien die Zionisten unter den “amerikanischen Monopolisten” zahlreich vertreten und würden generell nicht dem “werktätigen Volk Israels”, sondern dem “amerikanischen Imperialismus” dienen.30 Der machtpolitische Hintergrund für diese Identifikation von Zionismus und Amerikanismus ist für die Epoche des Kalten Kriegs offensichtlich. Hinzu kommt, daß die USA als Chiffre für besonders rabiate Modernisierung und kapitalistische Vergesellschaftung stehen, so daß sich Antisemitismus und Antiamerikanismus leicht verbinden lassen.

Das zweite Element bezeichnet man in der Antisemitismusforschung als Täter-Opfer-Umkehr. Sie wird nach der Shoah zentral. Denn angesichts der nationalsozialistischen Judenvernichtung steht jeder Antisemitismus vor dem Problem, die Fortsetzung des Antisemitismus rechtfertigen zu müssen. Im Grunde gibt es hierfür nur drei Möglichkeiten: Entweder man begrüßt den Mord an den Juden oder man leugnet Auschwitz. In der bürgerlichen, linken und linksradikalen Öffentlichkeit jeder Couleur sind solche Behauptungen tabuisiert. Für die dritte Möglichkeit gilt dies nicht. Sie ist die, die sich bis weit in das rechtsradikale Lager hinein durchgesetzt hat und die nicht nur, aber auch im antizionistischen Antisemitismus zentral ist. In dem schon genannten Schauprozeß wird den angeklagten Zionisten, tatsächlich jüdischen Kommunisten, vorgeworfen, sie seien Nazi-Kollaborateure gewesen, hätten nach dem Krieg Nazi-Täter gerettet und seien mit den westdeutschen Neonazis verbündet. Sie hätten die Shoah benutzt, um “sich mit einem Panzer gegen jegliche Kritik zu wappnen und ihr wahres Gesicht geschworener Klassenfeinde mit dem Leiden der Juden zur Zeit der wütenden Naziherrschaft zu verhüllen”.31 In solchen Formulierungen wird die Shoah zwar nicht direkt geleugnet, doch werden die Juden einerseits für sie (mit)verantwortlich gemacht, andererseits wird ihnen vorgeworfen, sie würden die Shoah benutzen, um ihre Verschwörungen, ihr Macht- und Geldstreben zu verbergen. Aus den Opfern der Shoah werden (Mit-Täter, die von wahrhaften Antifaschisten und Anti-Antisemiten bekämpft werden müssen. Zudem gestattet diese Täter-Opfer-Umkehr eine antisemitische Erklärung für die Gründung Israels. Juden haben demnach gerade nicht als Opfer des Nationalsozialismus Israel gegründet, sondern, wie es zum Beispiel in der Charta der Hamas heißt, den Zweiten Weltkrieg angezettelt, “um die Etablierung ihres Staates vorzubereiten”.32 In diesen tausendfach zu findenden Behauptungen erscheint Auschwitz als ein innerjüdisches Komplott in zionistischer Absicht, so daß die Identifikation von Nazis und Zionisten, von Hakenkreuz und Davidstern berechtigt zu sein scheint. Wer antifaschistisch, antinazistisch, antirassistisch ist, muß demnach antizionistisch sein.

Die Täter-Opfer-Umkehr bildet den Kern des europäischen Antisemitismus nach Auschwitz. Hohmanns Rede vom jüdischen Tätervolk ist hierfür ebenso typisch wie Martin Walsers Verdacht, die Juden würden Auschwitz benutzen, um uns heute kleinzuhalten. Doch ist diese Täter-Opfer-Umkehr keineswegs spezifisch deutsch oder österreichisch. Das Problem, die Schuld für Auschwitz abzuwehren, besitzt zwar eine besondere Bedeutung im Land der Täter, ist aber mitnichten auf Deutschland beschränkt. Das gilt für alle Varianten der Auschwitz-Leugnung und -Relativierung. In zahlreichen europäischen Ländern – etwa in der Schweiz, in den Niederlanden und vielen osteuropäischen Staaten – wurde in den letzten Jahren über die Mitverantwortung für die Judenvernichtung gestritten, was zu antisemitischen Erklärungen, sprich: Umkehrungen des Täter-Opfer-Verhältnisses reichlich Anlaß bot. Der Grund dafür ist mit Händen zu greifen: Nicht nur Deutsche, sondern jeder Antisemit steht vor dem Problem, die Fortsetzung des Antisemitismus nach der Judenvernichtung rechtfertigen zu müssen. Und die kohärenteste Legitimation besteht darin, “die Juden” selbst noch für die Shoah verantwortlich zu machen. Das kann man in einer demokratischen Öffentlichkeit nicht allzu deutlich aussprechen, während Ayatollah Khomeini 2001 expressis verbis erklärte: “Es gibt Dokumente, die nachweisen, daß es eine enge Zusammenarbeit der Zionisten mit Nazi-Deutschland gab und übertrieben fabrizierte Zahlen in bezug auf den jüdischen Holocaust, um Mitleid bei der öffentlichen Meinung zu erzeugen.”33 Einerseits gebe es gar nicht so viele jüdische Opfer, die überdies instrumentalisiert werden würden, um die Weltmeinung zu beeinflussen. Andererseits haben die Zionisten, sprich die Juden, mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet und sind ihrerseits schuldig, und den Nazis verwandt. Dieselben Thesen stellt, wie zitiert, die Hamas auf. Sie sind sowohl für den säkularen arabischen als auch für den islamisierten Antisemitismus typisch. Er konnte diese Konstruktion aus dem marxistisch-leninistischen Antizionismus übernehmen, der im Zeichen des Kalten Kriegs erfolgreich eine ideologische Brücke in den arabischen Raum schlug. Die Täter-Opfer-Umkehr ist im säkularen wie im islamisierten Antisemitismus so attraktiv, weil sie die israelische Staatsgründung delegitimiert. Israel erscheint nicht mehr als ein Staat der Überlebenden, vielmehr figuriert Auschwitz als ein “jüdisch-nazistisches Komplott”, um Israel gründen zu können.

Ansonsten blieb der antizionistische Antisemitismus bis 1989 im wesentlichen auf die Parteien und Strömungen beschränkt, die sich am Marxismus-Leninismus orientierten.34 In Westdeutschland waren dies neben diversen kommunistischen Parteien antiimperialistische Gruppen, insbesondere Palästina-Solidaritätsgruppen.35 Allerdings war der Antisemitismus in der Linken immer umstritten und führte zu heftigen Auseinandersetzungen, die 1991 im Kontext des ersten Irak-Krieges so weit eskalierten, daß manche Kommentatoren von einem Ende der Neuen Linken sprachen. Diese Auseinandersetzungen sind bis heute nicht beendet.36 Derzeit sind im linken Spektrum am ehesten globalisierungskritische Gruppen in der Gefahr, Elemente des antizionistischen Antisemitismus aufzunehmen und erneut mit einem Antiamerikanismus zu verknüpfen. Auch wenn es entsprechende Vorkommnisse gibt und eine seriöse Untersuchung aussteht, kann man von einem generellen Antisemitismus weder in der radikalen Linken in Deutschland noch in derjenigen etwa Frankreichs sprechen. Offensichtlich existieren starke Gegenkräfte innerhalb der Linken selbst. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, daß der Antisemitismusvorwurf gegen die radikale Linke zuweilen instrumentalisiert wird – sei es, um die Linke zu delegitimieren, sei es, um die eigene Sekte im linksradikalen Spektrum zu profilieren. Deshalb wird gerne übersehen, daß sich u. a. “Attac” – nach entsprechenden Vorkommnissen in den eigenen Reihen – intensiv mit dem Antisemitismus auseinandersetzt.

In der Mitte der Gesellschaft hat der antisemitische Antizionismus lange Jahre kaum eine Rolle gespielt. Das hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren allmählich verändert. Ein Beispiel hierfür ist die Wahlwerbung Jürgen Möllemanns im Jahr 2002. In seinem Flugblatt griff er nicht nur Scharon unzulässig an, als handle es sich um ein die Wahlen in Nordrhein-Westfalen betreffendes Politikum. Möllemann verknüpfte seine Intervention zudem mit der Behauptung, Michel Friedman fördere durch die Art seines Auftretens den Antisemitismus in Deutschland. Unübersehbar brachte diese Invektive die Figur der Täter-Opfer-Umkehr ins Spiel: Die Juden sind aufgrund ihrer Handlungen selbst schuld, wenn wir Judenfeinde werden. Ebendieser bislang dominierende Topos ­ die Täter-Opfer-Umkehr mit Blick auf die nationalsozialistische Vergangenheit – wird neuerdings ergänzt durch Einlassungen zu Israel, die eine vermeintliche jüdische Täterschaft und die globale jüdische Macht plausibilisieren sollen. “Hier dient Israel als Katalysator und Projektionsschirm für Ressentiments, die ihre eigentliche Ursache in Schuldgefühlen der Europäer und im traditionellen Antisemitismus der abendländischen Kultur haben.”37 Durch die Verbindung mit antizionistischen Elementen und dem Antiamerikanismus gewinnt der Antisemitismus damit selbst in der demokratischen Öffentlichkeit wieder verstärkt weltanschauliche Züge. Das Konstrukt einer amerikanisch-jüdischen, imperialistischen, rassistischen, Menschen- und Völkerrecht verletzenden Macht erlaubt es Europa, sich seiner Identität als humaner Kulturgemeinschaft zu versichern. Die Grenzen zwischen argumentierender Kritik und identitätsstiftender Feindschaft werden bis in die seriösen Zeitungen hinein verwischt.

4. Neue Eintracht im Ost-West-Konflikt

Wir haben es gegenwärtig weniger mit einem neuartigen Antisemitismus als mit einer Reproduktion des europäischen Antisemitismus zu tun, der im wesentlichen schon um 1950 an die veränderte weltgeschichtliche Lage angepaßt wurde. Nach 1989, also nach dem Zusammenbruch des alten Ost-West-Gegensatzes, fügen sich die unterschiedlichen Entwicklungslinien des marxistisch-leninistischen beziehungsweise islamisierten Antizionismus und der antisemitischen Vergangenheitsbewältigung zunehmend ineinander, so daß sich ansonsten schwer kompatible Ideologien, Parteien und Bewegungen im Antisemitismus amalgamieren können. Nicht nur die RAF, Möllemann und der Ex-Grüne Karsli haben die palästinensische Sache, oder was sie dafür halten, mit antisemitischen Begründungen unterstützt. Inzwischen gibt es nicht nur eine beträchtliche Zahl rechtsradikaler Sympathie-Erklärungen zugunsten des arabischen Antisemitismus, sondern auch direkte Verbindungen zwischen Organisationen. Die Zusammenarbeit drückt sich zum Beispiel in Links aus, die wechselseitig auf die Websites islamistischer und rechtsradikaler Organisationen verweisen.38 Zudem versuchen Rechtsradikale zur Zeit massiv, Einfluß auf die Anti-Irak-Kriegs-Haltung der meisten Deutschen zu gewinnen, indem sie Israel, verbunden mit den USA, zum eigentlichen Kriegstreiber und -gewinnler erklären. Hinzu kommt eine beträchtliche Anzahl arabischer beziehungsweise muslimischer Immigranten und deren Nachfahren in Europa, die mit islamistischen, teils dezidiert antisemitischen Organisationen wie zum Beispiel “Milli Görüs”, dem “Kalifatstaat” oder der “Muslimbruderschaft” sympathisieren. Auch solche Konstellationen vernetzen den Antisemitismus im arabischen und europäischen Raum. Da es sich beim islamisierten Antisemitismus – zumindest strukturell – um einen Import des europäischen handelt, fällt der Rückimport leicht. Würden die allermeisten Aktivisten muslimischer beziehungsweise arabischer und türkischer Herkunft die einheimischen Neonazis in Frankreich wie in Deutschland nicht so entschieden hassen, wäre längst mit viel weitergehenden Bündnissen zu rechnen, als “nur” mit der Ausbildung militanter Rechtsradikaler in palästinensischen Lagern, von der etwa Hans-Joachim Klein, ehemaliges Mitglied der Revolutionären Zellen, bereits in den späten 70er Jahren berichtet hat. Allerdings waren deutsche Linksradikale bei der PFLP, Rechtsradikale hingegen bei der Al Fatah. Letztlich glaube ich aber nicht, daß derartige Entwicklungen allein allzu große Wirkungen zeitigen werden. Faktisch bleiben all diese Bestrebungen auf relativ kleine und marginale Bevölkerungsgruppen beschränkt, die aufgrund ihres Gewaltpotentials den Staatsgewalten im übrigen ein Dorn im Auge sein müssen.

Nicht nur die Brisanz, sondern auch das eigentlich Neue an der gegenwärtigen Lage sehe ich darin, daß sich in den verschiedensten politischen Lagern und Bevölkerungsgruppen wieder ein in den Grundzügen identischer Antisemitismus etabliert. Dessen Modell ist der antizionistische Antisemitismus, gereinigt vom Stalinismus und den ideologischen Einfärbungen durch den Kalten Krieg.

Während der letzten Jahre, verstärkt nach dem 11. September, hat man uns versucht, einen “clash of civilizations” einzureden. Der eine oder andere Antisemitismuskritiker, der im Antisemitismus einen Wesenszug muslimischer Identität meint identifizieren zu können, ohne die europäischen Wurzeln und Verwandten zu benennen und die insbesondere in Frankreich extreme Ausgrenzung der maghrebinischen Einwanderer in den banlieus zu kritisieren, trägt hierzu unfreiwillig oder absichtlich bei. Insbesondere die westlich-christliche und die östlich-islamische Welt werden einander entgegengesetzt. Damit wird ein duales Deutungsschema – Ost versus West – nach dem Zusammenbruch des “Ostblocks” in seine althergebrachte Position zurückverschoben. Entstanden in den griechischen Perserkriegen, verfestigt im Römischen Reich, in den Kreuzzügen und Türkenkriegen, wird die Unterscheidung zwischen Orient und Okzident, zwischen Morgenland und Abendland, heutzutage neu belebt.39 Europa scheint eines solchen Gegenbildes zu bedürfen, um sich seiner Identität als westliche, zivilisierte Welt nach dem Verlust des “asiatisch-bolschewistischen Barbaren” zu versichern.

Diese islamophobe Entwicklung, die die rassistische Diskriminierung der muslimischen Einwanderer in Europa forciert, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn der Antisemitismus ist geradezu darauf spezialisiert, solche dualen Deutungsschemata aufzuheben – und zwar in den drei Wortbedeutungen von “aufheben” zugleich: bewahren, auf eine höhere Stufe heben und überwinden. Das Dual Abendland/Morgenland überwindet der Antisemitismus, indem er eine dritte Position, die “des Juden”, zum umfassenden Feind erklärt. Unter dieser Perspektive erscheint “der Jude” als Weltfeind, womit sich der Antisemitismus wortwörtlich zur Weltanschauung aufwirft. “Der Jude” negiert die Ost-West-Grenze, ist der Antagonist sowohl des alten Europas wie des Islams. Hier können antiamerikanische Einstellungen nahtlos anschließen, so daß sich das Gegenbild eines amerikanisch-jüdischen, imperialistischen, kulturzersetzenden Weltfeindes ergibt, der die Kinder in palästinensischen Flüchtlingslagern mit Panzern und in deutschen Städten mit – zynischerweise ausgerechnet “Hamburger” genannten ­ Lebensmitteln bedroht. In diesem Feindbild treffen sich Ost und West, Morgenland und Abendland, links und rechts, eher offener und eher latenter Antisemitismus.

Ob und wie stark sich diese abzeichnende Tendenz in zukünftigen Jahrzehnten verfestigen wird, ist schwer vorherzusagen. Gewiß scheint mir aber zu sein, daß wir bei den aktuellen Neuarrangements nicht nur mit einer dauerhaften Verfestigung eines antiarabischen, antiislamischen Feindbildes im wieder traditionell verorteten Ost-West-Gegensatz rechnen müssen. Gerade im Zuge dieser Verfestigung gewinnt die Position des Dritten an Bedeutung – der Antisemitismus könnte genauso wie in der Hoch-Zeit der nationalistischen Feindschaft und imperialistischen Konkurrenz zwischen den europäischen Staaten gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufblühen.

Auch der Ost-West-Gegensatz ließe sich analog dazu in der Figur des Dritten weltanschaulich überbrücken. Wem diese Position zugeschrieben werden dürfte, steht auf jeden Fall fest: dem jüdisch-imperialistischen Feind aller Völker, aller Kulturen und Traditionen. So heißt es etwa beim Führer der iranischen Revolution Khomeini: “The most important and painful problem confronting the subjugated nations of the world, both Muslim and non-Muslim, is the problem of America. (…America) exploits the oppressed people of the world by means of the large-scale propaganda campaigns that are coordinated for it by the international Zionism. By means of its hidden and treacherous agents, it sucks the blood of the defenseless people.”40 Genau in diesem Sinne schrieb Michael Kühnen, wie schon zitiert, in den 80er Jahren: “Die Araber sind die natürlichen Bündnispartner eines nationalsozialistischen Europas”, weil sie dieselben Feinde, den Imperialismus und den Zionismus, hätten. Diese extremen islamistischen beziehungsweise neonazistischen Positionen haben mittlerweile zumindest in Bruchstücken und in etwas anders vorgetragener Terminologie sogar die Mitte des politischen Spektrums erreicht. Man muß diese Fragmente nur entsprechend zusammenfügen: Martin Walser schlägt Ignatz Bubis und Genossen zunächst die “Moralkeule” aus der Hand und läßt seinem Todeswunsch gegen den zum Täter erklärten Überlebenden der Shoah, Marcel Reich-Ranicki, dann freien Lauf. Möllemann glaubt öffentlich, daß Friedman und Scharon schuld am Antisemitismus seien – ein Bekenntnis, das die deutsch-arabische Freundschaft stützt, während Roland Kochs hessische CDU illegale Geldzuwendungen als Zuflüsse aus dem Nachlaß von Juden tarnt. Der Bundeskanzler und die Justizministerin a. D. steuern eine Portion Antiamerikanismus bei, während die Grünen in Karslis proarabischem Engagement den Antisemitismus erst entdecken, nachdem er zur FDP wechselte. Dieses Gebräu enthält fünf der attraktivsten Elemente eines zukünftigen Antisemitismus: Täter-Opfer-Umkehr, Tötungswunsch, jüdisches Geld, Antiamerikanismus, Feindschaft gegen Israel.

Sicherlich wiederholt sich die Geschichte nicht. Noch sicherer ist, daß sich tiefsitzende, grundlegende Schemata von Weltanschauungen immer wieder variierend reproduzieren. Die antisemitische Figur des Dritten und der Gegensatz von Ost und West gehört zu den weltanschaulichen Schemata, die tief in der europäischen Geschichte verwurzelt sind. In dem Maße, wie der Gegensatz zwischen Morgenland und Abendland reproduziert wird, gewinnt die Konstruktion des Dritten an Attraktivität. Das Dritte wird in dem Maße bedeutend, wie die duale Unterscheidung Sinn, Ordnung und Identität stiftet. Ohne Dual ist das Dritte nicht in Sicht. Auch deshalb muß die Reflexion wie die Bekämpfung des Antisemitismus mit der Reflexion und Bekämpfung der Feindschaft gegen die Muslime verbunden werden. Der Anti-Antisemitismus braucht den Anti-Rassismus und umgekehrt.

  1. Süddeutsche Zeitung vom 14. Oktober 2004, S. 35.
  2. Michael Kühnen, Politisches Lexikon für die Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF), 1987, o.O., Vgl. Alfred Schobert, "'Kulturrevolution' im Neonazismus der 80er Jahre. Antiamerikanismus, Antisemitismus und die Mär von der arabischen Welt als natürlichem Alliierten der Deutschen", in: Archiv Notizen des DISS, 1/2002, S. 4-9.
  3. Vgl. Oliver Tolmein, "Die Rückkehr des Verdrängten", in: jungle world, Nr. 42, 6. Oktober 2004, S. 9.
  4. Siehe im einzelnen Werner Bergmann, "Auschwitz zum Trotz. Formen und Funktionen des Antisemitismus in Europa nach 1945", in: Christina von Braun, Eva-Maria Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, S. 117-141; Werner Bergmann, Juliane Wetzel, Manifestations of Anti-Semitism in the European Union. Synthesis Report on behalf of the EUMC, März 2003; Pierre-André Taguieff, "Angesichts einer neuen Judeophobie. Eine Herausforderung für Frankreich", in: von Braun, Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil, S. 193-199.
  5. Taguieff, "Angesichts einer neuen Judeophobie", S. 198.
  6. Michel Wieviorka, "Der Antisemitismus heute", in: Mittelweg 36, 13. Jg., Heft 4, S. 30-32; Ulrich Bielefeld, Nicola Tietze, "Editorial", in: ebenda, S. 8-10; zur Bildung muslimischer Identität in Großbritannien siehe Alexandra Frosch, Klaus Holz, "Die kulturelle Dimension der Integrationspolitik. Muslime und die britische race relations politics", in: Gernot Saalmann (Hrsg.), Religionen und Nationen. Fundamente und Konflikte, Münster 2005, S. 59-81.
  7. Eine präzise quantitative Zuordnung ist nicht möglich und im gegenwärtigen Zusammenhang auch unbedeutend. Unstrittig ist, daß es sich bei den Tätern mit migrantischem Hintergrund um eine quantitativ beträchtliche Gruppe handelt. In Frankreich ist die Mehrzahl der antisemitischen Straftaten wahrscheinlich von jungen Männern aus muslimischen, nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Einwandererfamilien verübt worden. In Deutschland ist ihr Anteil vermutlich deutlich geringer, doch sind die Zahlen noch unsicherer als in Frankreich. Insgesamt aber sind in Deutschland nach wie vor Rechtsradikale die Haupttätergruppe. Aktuelle empirische Studien über den Antisemitismus in diesem Bevölkerungsteil, die wissenschaftlichen Standards genügen, liegen noch nicht vor. Statt dessen werden publizistische Schnellschüsse veröffentlicht, die mit undifferenzierten Antisemitismusvorwürfen gegen die islamischen Minderheiten in Europa die Islamophobie fördern. Vgl. generell zur Kritik der diversen Zahlenangaben und der vermeintlich monokausalen Beziehung zwischen Herkunft und Antisemitismus bei Einwandererkindern Denis Sieffert, "Antisémitisme. Entre réalités et manipulations", in: Étienne Balibar et al., Anitsémitisme, l'intolerable chantage, Paris 2004, S. 11-23.
  8. Vgl. Michael Kiefer, Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften. Der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002; Bernard Lewis, "Treibt sie ins Meer!" Die Geschichte des Antisemitismus, überarb. Ausg., Frankfurt am Main 1989, Götz Nordbruch, "Antisemitismus als Gegenstand islamwissenschaftlicher und Nahost-bezogener Sozialforschung", in: Werner Bergmann, Mona Körte (Hrsg.), Antisemitismusforschung in den Wissenschaften, Berlin 2004, S. 241-269.
  9. Vgl. Gerda Bohmann, "Radikaler Islamismus. Beharrlicher Traditionalismus oder Aufbruch in die Moderne? Eine historisch-genetische Provokation", in: Ulrich Wenzel, Bettina Bretzinger, Klaus Holz (Hrsg.), Subjekte und Gesellschaft. Zur Konstitution von Sozialität, Weilerswist 2003, S. 323-343, 2003; Gerda Bohmann, "Verstehen eines fremden Weltbildes durch Rekonstruktion. Das Beispiel des radikalen Islamismus", in: Jürgen Renn, Ilja Srubar, Ulrich Wenzel (Hrsg.), Kulturen vergleichen. Sozial- und kulturwissenschaftliche Grundlagen und Kontroversen, Opladen (im Erscheinen).
  10. Vgl. hierzu Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.
  11. Ich zitiere die Charta der Hamas nach der englischen Übersetzung (www.thejerusalemfund. org/carryover/documents/charter.html) und den Auszügen in deutscher Übersetzung in der jungle world, 27. November 2002.
  12. "Unser Kampf gegen das Judentum" von Said Qutb ist nur in Teilen ins Englische und Deutsche übersetzt. Die Auszüge finden sich in Ronald L. Nettler, "Past Trials and Present Tribulations. A Muslim Fundamentalist Speaks on the Jews", in: Michael Curtis (ed.), Antisemitism in the Contemporary World, London 1986, S. 102ff. In der jungle world vom 27. November 2002 sind einige Absätze in deutscher Übersetzung dokumentiert.
  13. Qutb, ebenda.
  14. Qutb, ebenda. Vgl. Götz Nordbruch, "Modernisierung, Anti-Modernismus, Globalisierung - Judenbilder, Verschwörungstheorien und gesellschaftlicher Wandel in der arabischen Welt", in: von Braun, Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil, S. 201-219.
  15. Charta der Hamas, Art. 22.
  16. Charta der Hamas, Art. 32. Zur arabischen Rezeption der "Protokolle der Weisen von Zion" siehe Nordbruch, "Modernisierung, Anti-Modernismus, Globalisierung".
  17. Die Konstruktion der Juden als Dritte ist ein Schlüssel zum Verständnis der antisemitischen Weltanschauung. Ausführlich hierzu Klaus Holz, "Die antisemitische Konstruktion des Dritten und die nationale Ordnung der Welt", in: von Braun, Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil, S. 43-61.
  18. Charta der Hamas, Art. 22.
  19. Édouard Drumont, La France Juive. Essai d´histoire contemporaine, 2 Bd., Paris 1886, S. 58.
  20. Charta der Hamas, Art. 22.
  21. Zit. n. Wilhelm Mommsen, Deutsche Parteiprogramme, Bd. 1, München 1964, S. 84.
  22. Charta der Hamas, Art. 2, 6, 13.
  23. In diesem politischen Gestaltungsanspruch sieht Gerda Bohmann die Modernität des Islamismus. Vgl. dies., "Radikaler Islamismus".
  24. Pierre-André Taguieff, "Angesichts einer neuen Judeophobie", S. 193, 196.
  25. Michel Wieviorka, "Der Antisemitismus heute", S. 32.
  26. Brian Klug, "The collective Jew. Israel and the new anti-Semitism", in: von Braun, Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil, S. 235.
  27. Hier geht es nur um den als Antizionismus auftretenden Antisemitismus. Von diesem ist der Antizionismus als (meist innerjüdische) Kritik des jüdischen Nationalismus ebenso zu unterscheiden wie vom religiösen Antizionismus, der erst mit der Ankunft des Messias eine Rückkehr ins Heilige Land erlaubt.
  28. Adolf Hitler, "Warum sind wir Antisemiten? Rede auf einer NSDAP-Veranstaltung", in: Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924, hrsg. v. Eberhard Jäckel und Axel Kuhn, Stuttgart 1980, S. 184-204, Zitat S. 190. Diese frühe Thematisierung des Zionismus geht auf den Einfluß Alfred Rosenbergs zurück (Der staatsfeindliche Zionismus. Auf Grund jüdischer Quellen erläutert, Hamburg 1922). Schon der Buchtitel macht deutlich, daß der jüdische Nationalismus nicht als normaler, Staaten begründender Nationalismus, sondern als paradoxe Ideologie verstanden wird. Der jüdische Nationalismus ist allen Staaten feindlich, weil "der Jude" zur Gründung eines Staates unfähig ist und er statt dessen "als Dritter in einem anderen Staate" lebt (Hitler, ebenda, S. 189). Der jüdische Nationalismus wird als staatenzersetzenden Inter-Nationalismus angeprangert.
  29. Die palästinensische Propaganda dieser gleichzusetzen (Taguieff, "Angesichts einer neuen Judeophobie", S. 196), ist historisch falsch. Der Geburtsort dieses Antisemitismus ist die UdSSR. Sie exportiert ihn im Zeichen des Kalten Kriegs und der Konkurrenz um Einfluß im Nahen Osten.
  30. Alle Zitate aus dem Schlußplädoyer des Anklägers im tschechoslowakischen "Prozeß gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slánský an der Spitze", S. 612, deutsche Ausgabe, hrsg. vom Justizministerium der DDR, 1953, o.O.
  31. "Prozeß gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums", S. 613f.
  32. Charta der Hamas, Art. 22.
  33. Zit. n. Kiefer, "Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften", S. 136.
  34. Systematisch hierzu Thomas Haury, Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002; Holz, Nationaler Antisemitismus, S. 431-482.
  35. Vgl. Thomas Haury, "Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus", in: Léon Poliakov (Hrsg.), Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992, S. 125-159; Martin W. Kloke, Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses, Frankfurt am Main 1990; Volker Weiss, "'Volksklassenkampf'. Die antizionistische Rezeption des Nahostkonflikts in der militanten westdeutschen Linken", in: Moshe Zuckermann (Hrsg.), Antisemitismus, Antizionismus, Israelkritik, Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXIII, Göttingen 2005, S. 214-238.
  36. Und haben in Gestalt der deutschen Antideutschen eine neue Sekte hervorgebracht, die sich, wie ihre Vorgänger, am Problem einer links-deutschen Identität abarbeitet. Zur Übersicht siehe Thomas Haury, "Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken", in: Doron Rabinovici, Ulrich Speck, Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt am Main 2004, S. 143-167; Gerhard Hanloser (Hrsg.), "Sie waren die antideutschesten der deutschen Linken", Münster 2004.
  37. Werner Bergmann, "Auschwitz zum Trotz", S. 139.
  38. Juliane Wetzel, "Die internationale Rechte und der arabische Antizionismus im World Wide Web", in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12, Frankfurt am Main 2003, S. 121-144.
  39. Vgl. Hans-Joachim Gehrke, "Der Ost-West-Gegensatz als europäische Erinnerungsfigur", in: Stuttgarter Bibliothek für Zeitgeschichte (im Erscheinen).
  40. Imam Khomeini, Islam and Revolution. Writings and Declarations, London 1985, S. 304f.

Published 21 April 2005

Original in German
First published in Mittelweg 36 2/2005 (German version)

Contributed by Mittelweg 36
© Klaus Holz/Mittelweg 36 Eurozine

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