Finnland, Lappland, Russland und ich

Ich bin eine finnische Schriftstellerin und bildende Künstlerin, die 1958 in Lappland geboren wurde. Ich habe in Helsinki ein Studium der Anthropologie absolviert und bin in der Sowjetunion der Breschnew-Ära und in Russland gewesen, um dort zu studieren und herumzureisen. Im Laufe meines Lebens habe ich in nordnorwegischen Fischfabriken Fische sortiert, in Stockholmer Krankenhäusern und Hotels geputzt, im freien Christiania in Kopenhagen in einem Lebensmittelgeschäft und in einer öffentlichen Sauna gearbeitet. Ich habe in Texas gelebt und bin auf einem Motorrad der Marke Harley Davidson durch die Vereinigten Staaten gefahren. Jetzt wohne ich mit meiner Familie im Zentrum von Helsinki.

Floating sauna on Tornio river, Finland. Photo: Timo. Source:Flickr

Finnland

Von jedem Winkel der Welt aus betrachtet liegt Finnland sehr weit im Norden. Die finnische Nordgrenze verläuft achtzig Kilometer südlich des Polarmeers. Im Westen liegt die Großmacht Schweden, im Osten die Großmacht Russland, im Norden das durch sein Öl schlagartig reich gewordene Norwegen, im Süden das winzige Estland. Irgendwie ist Finnland eine Insel, auch wenn es nur im Westen und im Süden vom Meer umgeben ist. Von der Fläche her misst Finnland zwei Mal so viel wie Deutschland, hat aber nur fünf Millionen Einwohner. Der finnische Teil Lapplands ist größer als Belgien, Holland und die Schweiz, wird aber nur von 180 000 Menschen und 200 000 Rentieren bewohnt.
Achthundert Jahre lang gehörte Finnland zu Schweden. Dann brach ein Krieg zwischen Schweden und Russland aus. Er endete 1809 mit einer Niederlage Schwedens, das nun gezwungen war, Finnland an Russland abzutreten. Damals entstand der Begriff Suomen Lappi, Finnisch Lappland. Bis dahin wurde der Bereich, der sich nördlich des Polarkreises vom Atlantik bis zur Halbinsel Kola erstreckte, Lapinmaa genannt, Lappmark. Gut hundert Jahre lang war Finnland autonomer Bestandteil des russischen Reiches, bis 1917 die bolschewistische Revolution Finnland die Unabhängigkeit ermöglichte. Die finnische Unabhängigkeitserklärung wurde von Lenin, Stalin und Trotzki unterschrieben. Neben der staatlichen Selbstständigkeit bescherte die bolschewistische Revolution dem Land eine Verkehrsverbindung nach Petsamo am Polarmeer. Dadurch besaßen die Finnen von 1922 bis 1944 einen eigenen Eismeerhafen, der dann im Krieg an die Sowjetunion verloren ging.

Finnland ist also ein sehr junger unabhängiger Staat mit eigener finnisch-ugrischer Sprache und Kultur und einer Bevölkerung, deren Vorfahren aus dem Westen, dem Osten und dem Süden kamen.

Lappland

Der finnische Teil Lapplands wurde bereits in der Steinzeit besiedelt. An Flussläufen hat man Steinäxte aus der Zeit von 6000 v. Chr. gefunden. Auch in meinem Heimatdorf sind archäologische Ausgrabungen gemacht worden, bei denen man auf steinzeitliche Funde gestoßen ist. Mein Vater fand 1962 auf unserem Feld einen eisenzeitlichen Frauenschmuck aus der Zeit um 600 v. Chr. Uralische nomadische Stämme von Jägern und Fischern besiedelten das Land, die späteren Samen, die sich in vier nomadische Hirtenvölker mit jeweils eigener samischer Sprache teilten. Als die nordischen Länder entstanden und gegen Ende des 18. Jahrhunderts Staatsgrenzen gezogen wurden, akzeptierten die Samen diese Grenzen nicht, sondern zogen weiterhin mit ihren Rentieren durch die alten Nutzungsgebiete. Die Zentralgewalten in Norwegen, Schweden, Russland und Finnland versuchten diesen Menschen Fesseln anzulegen, aber das gelang ihnen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Festansiedlung der Samen war ein langsamer, aber stetig voranschreitender Prozess.

In prähistorischen Zeiten bewegten sich die Bewohner Lapplands mit ihren Rentierherden ungebunden in Ost-West-Richtung, den Jahreszeiten folgend. Im Norden bildete das Eismeer die Grenze, im Süden war der Weg blockiert, weil dort finnische Neusiedler herandrängten und nach und nach samisches Land für den Ackerbau eroberten. Die Finnen drängten die Samen immer weiter zurück, weshalb sie heute – wie auch in Norwegen, Schweden und Russland – nur noch im äußersten Norden leben. Diese Entwicklung war möglich, weil die Eroberer den Ureinwohnern überlegen waren und weil sie über die besseren Waffen verfügten.

Muttersprache: Meänkieli

Meine Vorfahren väterlicherseits waren finnische Neusiedler, die Herkunft meiner Mutter lässt sich nicht über die Provinz Lappland hinaus zurückverfolgen. Meine Eltern bauten im Heimatdorf meiner Mutter an der Westgrenze, also in unmittelbarer Nähe zu Schweden, ein Haus und gründeten eine Familie mit sechs Kindern. Das westliche Grenzgebiet der Provinz Lappland ist kulturell wie sprachlich eine Region für sich. Unsere Muttersprache heißt Meänkieli (Tornedalfinnisch), sie wird beiderseits der Grenze gesprochen und hat einen versöhnlichen Geist. In der Sprache selbst werden Widersprüche vermieden, immer wird nach dem Einklang gesucht. Sie ist aus den alten finnischen Ansiedlungen hervorgegangen und hat als Mittlerin zwischen den Finnen und den Samen fungiert.

Grenzregionen sind überall auf der Welt sehr spezielle Milieus. Die Menschen dort sehen und erleben mehr, sie haben Erfahrung mit dem Anderssein und das macht es ihnen leichter, Unterschiedlichkeit zu akzeptieren. Meine Heimatregion ist nicht zuletzt deshalb schon immer eine Gegend internationaler Begegnungen gewesen, weil der finnisch-schwedische Grenzfluss Tornionjoki in den Bottnischen Meerbusen, also in die Ostsee mündet. Von jeher sind auf diesem wichtigen Verkehrsweg Reisende aus der ganzen Welt gekommen, um den mystischen Norden kennenzulernen.

Zum Aspekt der Internationalität kommt in der Kultur der Meänkieli-Region meiner Heimat ein ganz anderer, nicht minder starker Wirkungsfaktor hinzu, nämlich der Laestadianismus. Die Laestadianer sind eine im 19. Jahrhundert erblühte religiöse Erweckungsbewegung mit eigener Lebensweise und ganz eigenen internen Regeln. In einigen Punkten kann man sie mit den Amischen in den USA vergleichen. Der Einfluss dieser Bewegung ist tiefgreifend und ihr geistiges Erbe noch immer lebendig.

Die Lebensweise meiner Familie war stark finnisch, leicht laestadianisch und so gut wie gar nicht samisch geprägt, obwohl fast alle Familienmitglieder ihr eigenes Rentiereigentumszeichen und im Winter den Hof voller Rentiere hatten. Wir ernährten uns von Viehhaltung im kleinen Umfang, von Waldarbeit, Fischerei und Rentierzucht. Wie alle anderen Familien in meinem Heimatdorf waren wir weitgehend autark. In meiner Kindheit war es in Lappland üblich, dass in jedem Haus viel mehr Leute lebten als nur die Angehörigen der Kernfamilie. Bei uns wohnten zuerst die Eltern meines Vaters, dann die Eltern meiner Mutter, diverse Onkel väterlicher- und mütterlicherseits, unverheiratete Tanten und oft auch Vagabunden. Im Sommer wurden in Lappland Waldarbeiten in riesigem Umfang durchgeführt, und das lockte ungebundene junge Männer aus dem Süden an. Die brauchten Unterkünfte, und viele von ihnen übernachteten auch bei uns. Lappland ist schon immer ein gelobtes Land für allerlei Vagabunden, Abenteurer und auch Kriminelle gewesen, in dessen Wäldern man sich leicht verstecken konnte. Noch in den Dreißigerjahren hielt die finnische Zentralgewalt Lappland für eine Region ohne Zucht und Ordnung, obschon man seit 1809 versucht hatte, dort für zivilisatorische Entwicklung zu sorgen. Die großen Entfernungen, das strenge Klima, die schlechten Straßen und die dünne Besiedlung machten es äußerst schwer, für die Einhaltung der gesetzlichen Ordnung zu sorgen.

Sunset over the Gulf of Bothnia. Photo: Johan from Turku. Source:Wikipedia

Das mythische Nordland: wild, karg, bedrohlich

Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über Lappland finden sich in Tacitus’ Germania aus dem Jahr 98. Die im äußersten Norden des Bottnischen Meerbusens gelegene Stadt Kemi war bereits im 14. Jahrhundert ein bedeutendes Handelszentrum. Pelze, Rentierprodukte und Fisch wurden exportiert, Salz und Gewürze importiert. Geschichten über das mythische Nordland fanden durch Seemänner und Kaufleute auch in Mitteleuropa Verbreitung, und nach und nach kamen von dort Forschungsreisende, Geografen, Historiker, Abenteurer und Touristen nach Lappland. Der schwedische Kosmopolit und Geistliche Olaus Magnus schrieb 1555 ein Buch über seine Reisen nach Lappland, in dem er die dort ansässigen Menschen als stark, tüchtig und sehr abergläubisch bezeichnet. Nach diesem Werk kamen vor allem im 18. Jahrhundert Angehörige wissenschaftlicher Gesellschaften und Akademien aus ganz Europa nach Lappland, insbesondere aus England, Frankreich, Italien und Deutschland. Diese Leute haben Dutzende großartige Bücher über ihre Reisen in jene nahezu unbewohnte, wilde Gegend geschrieben, wo die Sonne im Sommer überhaupt nicht untergeht und im Winter überhaupt nicht aufgeht. Über ein Land, wo einem im Winter die Kälte zusetzt, während die Polarlichter am Himmel lodern, und wo im Sommer eine Mückenwolke die schöne Landschaft verhüllt.

In den Jahren 1736–1737 kam die Expedition von Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, einem Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften, nach Lappland. Ihre Absicht bestand darin, mit Hilfe der Sterne die Erdkrümmung am Polarkreis zu messen und so die Form der Erde zu bestimmen, also festzulegen, ob die Erde an den Polen platt oder elliptisch war. De Maupertuis stellte fest, dass Descartes’ elliptische Version falsch und Newtons Abplattungsversion richtig war. Die Franzosen hielten sich ein Jahr in meiner Heimatgegend auf, und die Geschichten über sie und ihre sonderbaren Lebensgewohnheiten wurden von einer Generation zur nächsten weiter überliefert. Übrigens wurden im Lauf jenes Jahres auch Kinder gezeugt, die unser genetisches Erbe auffrischten.

Anfang des 19. Jahrhunderts hielt sich der Italiener Giuseppe Acerpi in meiner Heimat auf. Seine Schilderung Lapplands steckt voller Entsetzen. In dem Buch, das er über seine Reise schrieb, erwähnt er ein Gebäude aus dicken Balken und ohne Schornstein, in dem er mit seinen Begleitern übernachtete. Diese Hütte diente in meiner Kindheit als Kühlhaus und wurde erst in den Achtzigerjahren abgerissen, als sie bereits vollkommen morsch geworden war. Wenn ich als junger Mensch an dem Gebäude vorbeiging, amüsierte mich jedes Mal der Gedanke an den italienischen Akademiker, der die Bewohner Lapplands als wilde, Furcht einflößende, mutige Draufgänger erlebt hatte und die Natur als karg, schauderhaft und bedrohlich.

Die Furcht vor dem Süden

Die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens verbrachte ich an meinem Geburtsort im finnischen Teil Lapplands. Wir waren umgeben von Wald, und ich verlebte die frühe Kindheit zwischen Bäumen und Rentieren. Unser Dorf war ein typisches lappisches Dorf mit wenigen Häusern am See, einer kleinen Schule, einem kleinen Laden und einem einzigen Auto, mit dem man einmal im Monat kollektiv zum Einkaufen nach Schweden fuhr. Heute hat sich das Dorf geleert und es gibt keine Schule mehr. In der Nähe unseres Dorfs befindet sich die erste touristische Sehenswürdigkeit Lapplands, der Berg Aavasaksa. Es ist ein alter heiliger Berg der Samen, den Touristen seit dem 17. Jahrhundert erklommen haben, um die Mitternachtssonne zu bewundern. Auf eben diesem Berg hat De Maupertuis seine Messungen vorgenommen.

Die gemeinsame Sprache mit den Leuten auf der schwedischen Seite der Grenze ist immer ein starkes verbindendes Element gewesen, aber es bestand auch keine Scheu vor Leuten, die anders sprachen. Oft ist die Sprache ja nur etwas, hinter dem die Menschen sich verstecken. Wenn es keine gemeinsame Sprache gibt, kann die Kommunikation unter Umständen direkter sein und manchmal sogar tiefer gehen. Schweden, also der Westen, war jedenfalls ein natürlicher Bestandteil meiner Kindheitslandschaft. Man konnte über die Brücke mal eben ins Nachbarland laufen und zum Beispiel Bananen kaufen, die es auf der finnischen Seite noch nicht gab. Schweden war eine Großmacht, Finnland ihr sonderbarer Vetter. Wir Grenzbewohner hatten das Privileg, auf der Alltagsebene mitzuverfolgen, wie die Großmacht, in der es seit Jahrhunderten keinen Krieg gegeben hatte, ihren Wohlstand ausbaute. Wir nahmen uns ein Beispiel an Schweden, wollten aber auch stolz die Besonderheiten unserer eigenen Kultur bewahren.

Der Norden war ebenfalls eine vertraute, selbstverständliche Himmelsrichtung für uns. Nach Nordnorwegen ging man hauptsächlich zur Saisonarbeit in die Fischfabriken. Nur wenige gingen nach Südfinnland oder gar nach Helsinki, das man für viel zu abgelegen hielt. Vor allem aber mied und fürchtete man den Süden aus historischen Gründen. Aus dem Süden kam die Staatsmacht, die alle möglichen Gesetze und Bestimmungen erließ, ohne die Einheimischen im Norden zu fragen. Darum ist das Verhältnis zwischen Lappland und Südfinnland auch heute noch kühl. Die Zähmung Lapplands, die 1809 begonnen und bis in die Vierzigerjahre hinein von der Staatsgewalt immer mehr intensiviert wurde, gefiel den Lappländern nicht. Man erlebte es als Vorschrifts- und Unterdrückungspolitik der Herren aus dem Süden, die sich um die Ansichten und das Wohlergehen der Bewohner Lapplands nicht scherten.

1941, im Zweiten Weltkrieg, ließ es die Staatsgewalt zu, dass Nazideutschland die Region de facto besetzte, und nach dem Krieg schlug sie sogar vor, Lappland an die Sowjetunion abzutreten, damit diese Abstand von anderen Gebietsansprüchen nahm. Das vermittelte den Menschen im Norden den Eindruck, bloß eine Last für die Staatsmacht zu sein, oder ein Spielball, der mal in diese und mal in jene Richtung geworfen wurde. Die natürlichen Reichtümer Lapplands sind enorm. Wald gibt es reichlich, ebenso riesige Gewässer, und in der Erde schlummern wertvolle Mineralien. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die wirtschaftliche Ausbeutung der Region einen neuen Aufschwung. Gewässer wurden genutzt, um Elektrizität für die Industrieansiedlungen im Süden zu gewinnen, und diese Zerstörung von lappischen Flüssen und Seen ist nach wie vor ein Grund für Verbitterung. Ein weiteres Dauerthema ist die Kahlschlagpolitik der Forstunternehmen, die einer Schändung der lappischen Wälder gleichkommt. Die Nutzung der Flüsse für die Stromgewinnung und die weitläufige Zerstörung der Wälder durch die Holzveredlungsindustrie dauert an, auch wenn heutzutage der Tourismus die Haupterwerbsquelle in Lappland ist.

Und der Osten?

Das Verhältnis der Bewohner Lapplands zum Westen und zum Norden ist ein bisschen mürrisch, aber billigend, das zum Süden eher schwierig. Und das Verhältnis zum Osten? Durch die gesamte Geschichte hindurch haben Finnen ein gespaltenes Verhältnis zum Osten gehabt. Unabhängig vom gerade herrschenden russischen Gesellschaftssystem begegnet ein Teil der Finnen den Russen mit Angst, während ein anderer Teil ihnen positiv gegenübersteht und die große Mehrheit sich in ihrer Meinung nach der jeweiligen Propaganda richtet. Lancieren Staatsmacht und Medien die russisch-finnische Freundschaft, stimmt das Volk in diesen Chor mit ein. Beschwört die offizielle Propaganda aber Ressentiments gegenüber Russland, schlägt auch dies schnell in unserem Volk an. Es hat bei uns schon immer Machthaber gegeben, die Russenhass heraufbeschwören und solche, die beschwichtigen. In den Zwanzigerjahren unternahmen finnische Stammeskrieger Züge nach Osten, um die stammverwandten Völker aus den Klauen des Bolschewismus zu befreien. Diese wollten sich jedoch nicht befreien lassen, und unsere Krieger kehrten mit leeren Händen nach Hause zurück. Die Dreißigerjahre waren eine Blütezeit des finnischen Nationalismus und des Russenhasses, die Jahrzehnte nach dem Krieg wiederum eine Ära der Solidarität und der finnisch-sowjetischen Freundschaft, und seit 1991, als die Welt einpolig und die USA durch die Nato zur Weltpolizei wurde, die sich das Recht nimmt, überall auf der Welt Krieg zu führen, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten, kehren wir auch in Finnland allmählich wieder zum Nationalismus und zum Russenhass der Dreißigerjahre zurück.
Das Verhältnis der Lapplandbewohner zum Osten ist vor allem von der Grenze bestimmt gewesen. Bis zur Unabhängigkeit Finnlands war die Ostgrenze offen. Menschen aus Lappland zogen ungehindert auf die Halbinsel Kola und zurück. Nach der Unabhängigkeit von 1917 schloss sich die Grenze zwischen Finnland und der Sowjetunion nach und nach. Noch in den Zwanzigerjahren konnte man in Lappland relativ frei nach Osten gelangen. Als die Stadt Petsamo, wo Skoltsamen lebten, im Jahr 1922 Finnland zugeschlagen wurde, zogen einige Freunde unserer Familie dorthin und gründeten Fischfabriken. Meine Großeltern fuhren jährlich nach Petsamo, um diese Freunde zu besuchen und machten dabei auch Abstecher nach Murmansk, das als nördlichster Marinestützpunkt des zaristischen Russlands erbaut worden war. Vor dem Zweiten Weltkrieg war es eine sehr belebte Polarmeermetropole gewesen – und die gesamte Nordkalotte ein Paradies für Spione.

Weder Russland noch die Sowjetunion wurde in der arktischen Region sonderlich bestaunt, denn wir Finnen sind mit den finnisch-ugrischen Völkern verwandt, die die gesamte arktische Zone Russlands bis hin zum Pazifik besiedeln. Die finnisch-ugrischen Völker verbindet ein spezielles Zusammengehörigkeitsgefühl, obschon in allen arktischen Völkern, auch in denen, die nicht zu den Finno-Ugriern gehören, ein gemeinsamer Geist herrscht. Als ich in Christiania lebte, wo es viele Inuit aus Grönland gab, freundete ich mich zuerst mit ihnen an. Eine gemeinsame Sprache hatten wir nicht, aber wir verstanden uns sofort.

Die Befremdung gegenüber dem Osten setzte erst ein, als sich der eiserne Vorhang zwischen Finnland und den Staaten der Sowjetunion senkte. Was man nicht kennt, löst leicht Ängste aus. Lappland blieb im Westen, jenseits der Grenze fing der wilde Osten an. Bald aber gelang es den Lapplandbewohnern zwei Löcher in den eisernen Vorhang zu bohren, und über diese beiden Grenzübergangsstellen wurden Reisen in den Osten wieder möglich. Bereits in den Sechzigerjahren begann der Bustourismus von Rovaniemi nach Murmansk und wurde von Jahr zu Jahr reger. Die Bewohner Lapplands fuhren übers Wochenende hin, um die Großstadtatmosphäre, das gute russische Essen und den billigen Wodka zu genießen. Bekanntermaßen ist der Wodka ja das Lieblingsgetränk der Finnen, der Samen und der Russen. Was man kennt, löst auch keine Ängste aus.

Winterkriege

Viele Finnen haben noch immer Angst vor den Russen. Hinter dieser Angst stecken vor allem die Erfahrungen aus dem Winterkrieg von 1939/40. Damals blühte der Nationalismus in Finnland wie in ganz Europa, und Nationalismus führt oft zum Krieg. So kam es denn auch. Nach erfolglosen Verhandlungen über Gebietsabtretungen griff die Sowjetunion Finnland an. Die erbittertsten Kämpfe des Winterkrieges wurden in Lappland ausgetragen, und im Verhältnis zur Bevölkerungszahl kamen mehr lappländische als sonstige finnische Soldaten ums Leben. Der Winterkrieg dauerte 105 Tage und endete mit Friedensverhandlungen. Trotz des Krieges gab es in Lappland wesentlich weniger Russenhass als anderswo in Finnland, denn die Lappländer waren arme Leute, und viele von ihnen sympathisierten mit der Sowjetunion. Außerdem gehörten wir Menschen im Norden in gewisser Weise ja dem gleichen Volk an. Das Nordische verband uns, die Kälte, das strenge Klima, Lebensweisen, Lebensformen, Broterwerb. Dinge, von denen die Menschen aus dem Süden nichts verstanden. Es gab durchaus Lapplandbewohner, die nicht gegen die Rote Armee kämpfen wollten, weil sie sich mit ihr eher identifizierten als mit der finnischen Armee, die sich in den Händen jener Herren befand, die Lappland ausbeuteten.

Auf den Winterkrieg folgte der Fortsetzungskrieg, in dem Finnland an der Seite Nazideutschlands die Sowjetunion angriff. Für die gemeinsame Idee der deutschen und finnischen Armee, ein Großfinnland zu errichten, das sich bis zum Ural erstreckte, konnte sich das langsame, arme, unterdrückte und im Prinzip friedliche lappische Volk nicht begeistern. Man zog betrübt und nur gezwungenermaßen in den Fortsetzungskrieg, der in Lappland als “Krieg der Herren” bezeichnet wurde.

In beiden Kriegen war Lappland ein zentraler Schauplatz. Während des Fortsetzungskrieges lebten mehr als 220 000 deutsche Soldaten in Lappland, von denen viele der SS angehörten. Finnische Einwohner gab es nur 150 000. In Rovaniemi, dem Hauptquartier der deutschen Heeresleitung, waren 6000 Deutsche stationiert, Finnen gab es 8000, hauptsächlich Frauen, Kinder und Alte. Den gesamten Fortsetzungskrieg über waren die Deutschen für die Verteidigung Lapplands verantwortlich. Die Lappländer selbst wurden zum Kämpfen in den Süden geschickt, was für große Verbitterung sorgte, weil die Männer ihre Frauen und Töchter in der Obhut der Deutschen zurücklassen mussten. Ganz Lappland war praktisch von Deutschen besetzt, auch wenn für die Besetzung das Wort “inbunden” (Einbindung) verwendet wurde. Die Zivilbevölkerung freundete sich mit den deutschen Soldaten an, und aus diesen Beziehungen gingen viele deutsch-finnische Kinder hervor.

Es gab damals in Lappland auch Gefangenenlager, die von Deutschen und Finnen für russische Kriegsgefangene eingerichtet worden waren. Zigtausend Soldaten vegetierten dort vor sich hin. Die meisten starben an Hunger, Kälte und Krankheiten. Es wurden aber auch Gefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt. Sie bauten für die Deutschen Straßen und arbeiteten im Wald. Einige Gefangene aus Völkern, die mit den Finnen verwandt waren, wurden als Arbeitskräfte in lappländischen Häusern untergebracht, weil die eigenen Männer an der Front waren. Auch in solchen Verhältnissen entstanden Kinder, und unser genetisches Erbe wurde vielfältiger.

Die Erinnerungen an den Krieg waren in meinem Elternhaus sehr lebendig, es verging kein Tag, an dem nicht an den Krieg zurückgedacht wurde. Verwandte von mir waren im Krieg gewesen, ein Teil war umgekommen, ein Teil verwundet worden, ein Teil litt bis zum Tod unter schlimmen traumatischen Erlebnissen. All das war in meiner Kindheit Alltag, und so lernte ich sehr früh, den Krieg zu hassen.

Mein Vater war Nationalist, aber deutschgesinnt und schon in seiner Jugend gern gereist, was damals nicht dem Zeitgeist entsprochen hatte. Er war aus Kemi in mein Heimatdorf gekommen. Seine Eltern waren Beamte gewesen, also Herren, die Eltern meiner Mutter hingegen, die in unserem Dorf lebten, gehörten dem echten lappischen Lumpenproletariat an. In einer Großfamilie aufzuwachsen, mit Eltern aus so unterschiedlichen sozialen Schichten, bedeutete einen großen Reichtum für mich. Von der väterlichen Seite kam das Herrschaftliche, von der mütterlichen Seite das Proletarische.

Metropole Murmansk

In meiner Kindheit hörte ich die Geschichten meines Vaters über seine Reisen nach Marokko, Malta und Großbritannien und beschloss, ebenfalls zu reisen, wenn ich groß war. Aber dass mich meine erste Auslandsreise nicht nach Deutschland, sondern in die Sowjetunion führte, war nur möglich, weil mein Vater starb und meine Mutter über alles entscheiden durfte. Ich wollte unbedingt nach Murmansk, weil Murmansk in den Siebzigerjahren noch immer die einzige Großstadt nördlich des Polarkreises war. Es war außerdem die am nächsten gelegene Metropole, und ich war begierig, das aufgekratzte Leben, die Energie und das Tempo einer großen Stadt zu erleben, nachdem ich so viel davon gehört und darüber gelesen hatte. Ich war fünfzehn, als ich in den Touristenbus nach Murmansk stieg, bereit, den Menschen und der Lebensweise einer richtigen Stadt zu begegnen, von der ich letztlich doch nur eine Ahnung hatte, als Kind aus einem kleinen Dorf. Schließlich gibt es in Lappland nur kleine Ansiedlungen, die man schwerlich als Städte bezeichnen kann.

Diese Reise sollte mein Schicksal bestimmen. Ich verliebte mich in Murmansk und beschloss, Russisch zu lernen. Ich verliebte mich in diese riesige, zwischen Fjälls am Ufer eines Fjords erbaute Stadt, in der 500 000 Menschen lebten. Das Durchschnittsalter der Einwohner betrug fünfundzwanzig Jahre. Ich verliebte mich in Murmansk, in seine ethnischen Restaurants, in seine seltsamen Ladenschilder, in seine Buchstaben, in seine unkomplizierten und gastfreundlichen Menschen. Schon bei dieser ersten Reise begeisterte ich mich für die Sowjetästhetik, weil sie so anders war als bei uns. Die Architektur, die Verpackungen der Waren in den Geschäften, das Spielzeug, die Kleider, die Werkzeuge, die Art zu arbeiten. Wohin ich auch schaute, konnte ich nur staunen. Alles wirkte groß, aber gleichzeitig auch irgendwie unschuldig. Alles sah fremd, sonderbar, geheimnisvoll und zugleich faszinierend und vertraut aus. Ich hatte das Gefühl, in der Zeit in zwei Richtungen zu reisen: in die Kindheit meiner Eltern und in die Zukunft. Murmansk war eine Mischung aus der damals sehr lebendigen Vergangenheit und heftigem Zukunftsstreben. Ich hatte dort das Gefühl, von der Enge meines Dorfs befreit zu sein, von der laestadianischen Beklemmung, die Welt kam mir groß und offen vor. Als wäre im Prinzip alles möglich.

Als ich nach Hause kam, fing ich an, Russisch zu lernen. Mein Wunsch bestand darin, bei meiner nächsten Reise in die Sowjetunion die Straßenschilder lesen zu können.
Nach dieser ersten Reise beschäftigte ich mich mit der Sowjetunion und später mit Russland. Als ich 1981 in Moskau studierte, verliebte ich mich auch in diese Stadt. In ihre Irrationalität, in ihre Wildheit, in ihre Orthodoxie (auch in der Sowjetunion), in ihre unfassbare Größe, in das bodenlose Menschengewimmel. Ich beschloss, sobald ich genug Geld beisammen hätte, mit der Transsibirischen Eisenbahn auf eine Abenteuerreise nach Sibirien und in die Mongolei aufzubrechen, so wie es die europäischen Forschungsreisenden getan hatten, die seit dem 17. Jahrhundert in mein Heimatdorf gekommen waren. Sibirien und die Mongolei interessierten mich auch deshalb sehr, weil schon im 19. Jahrhundert finnische Anthropologen und Sprachwissenschaftler gen Osten gereist waren, um die mit uns verwandten Völker in Sibirien zu erforschen. Ich wollte dieselben Dörfer und Städte sehen und erleben, wollte wissen, wie sie sich in gut hundert Jahren verändert hatten, wer dort lebte und wie die Sowjetmacht diese Regionen geprägt hatte.

Die Fahrt nach Sibirien wurde 1986 möglich, als mein erstes Buch Yhden yön pysäkki (Haltestelle einer Nacht) als bestes Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde. Von dem Preisgeld kaufte ich mir sofort Zugfahrkarten in Richtung Sibirien und buchte Übernachtungen. Dann sprang ich in den Zug nach Moskau. Dort bereitete ich mich ein paar Wochen auf die Reise vor, und an der Schwelle zum Frühling hängte ich mir die Kamera um und bestieg einen Zug der Transsibirischen Eisenbahn, mit dem Reiseziel Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Auf dieser Reise beruht der Roman Abteil Nr. 6, den ich 25 Jahre später schrieb.
Der russische Philosoph und Schriftsteller Vikor Jerofejew hat einmal gesagt, Russland sei ein Paradies für Schriftsteller und eine Hölle für Leser. Ich bin der gleichen Ansicht, denn als Autorin ist Russland für mich eine gewaltige Quelle der Inspiration und eine Schatzkammer. Und zwar deshalb, weil Russland einen immer überrascht. Alles ändert sich und wird dann in einer anderen Form wieder wie zuvor. Wie die übrige Welt und das Weltall befindet sich auch Russland in ständiger Bewegung, nichts bleibt an Ort und Stelle, aber dieser Wandel bewirkt in Russland eine Kette von Absurditäten, die nicht abreißt. Auch jetzt gärt es in Russland wieder, und ich verfolge die Entwicklung mit Interesse.

Kurz gesagt, liebe und hasse ich die Tiefe, den Wahnsinn, die Oberflächlichkeit und die Unberechenbarkeit Russlands. Nach wie vor können dort am Eingang eines Restaurants oder eines Geschäfts folgende Schilder hängen:
Geschlossen
Geöffnet
Wegen Inventur geschlossen
Pause,
und wenn du dich traust, die Tür anzufassen, mag es zunächst den Anschein haben, als wäre zu, aber wenn du es noch einmal versuchst, ist sie doch nicht abgesperrt und das Lokal oder der Laden hat geöffnet!

Grenzverkehr heute

Die Grenze zwischen Finnland und Schweden in Lappland ist schon seit Jahren vollkommen offen. Im Tornio-Tal hat man Wohnungen entlang der Grenzlinie gebaut, und die kleinen Ansiedlungen auf beiden Seiten befinden sich auf dem Weg der Vereinigung. Lappland ist nur durch Kooperation vor der Verödung zu retten. Langsam kehren wir in die gleiche Situation zurück, die in der anfänglichen Dämmerung der Geschichte herrschte, als die Lappmark noch ein großes Gebiet war und man noch keine Staatsgrenzen festgelegt hatte. Norwegen verfolgt seine eigene Linie und ist nicht gewillt, mit den anderen zu teilen. Russland hat nach dem Zerfall der Sowjetunion seine Grenze geöffnet. Letztes Jahr wurde die Visumpflicht zwischen Norwegen und Russland aufgehoben, und nun können Arbeitskräfte aus Murmansk mühelos morgens zur Arbeit nach Norwegen und abends zurück nach Hause pendeln. Der Handel mit Russland und der Tourismus sind die wichtigsten Einkommensquellen für die Leute in Lappland. Im Verhältnis zu den Russen lautet die Prämisse trotzdem: Ihr Geld ist recht, aber man begegnet ihnen kühl. Nach wie vor halten die Finnen die Russen für die fremden Anderen, mit denen man nicht unbedingt Bekanntschaft schließen will. Einer meiner Brüder lebt mit seiner Familie in Ivalo, also sehr weit im Norden. Er hat dort Läden aufgebaut und betreibt ein Tourismusunternehmen. Durch ihn kann ich aus der Nähe verfolgen, wie sich die Beziehungen zwischen dem Gebiet Kola und Finnisch-Lappland entwickeln. Seit zwanzig Jahren kommen russische Touristen nach Finnland, um für den täglichen Bedarf einzukaufen, so wie wir in meiner Kindheit nach Schweden fuhren. Aber jetzt, da die Wirtschaftssanktionen der EU gegenüber Russland in Kraft getreten sind und der Kurs des Rubel gesunken ist, sieht es so aus, als würde sich das Grenzgeschäft verringern und die Zahl der russischen Touristen zurückgehen. Handel und Tourismus in Lappland und Ostfinnland befinden sich in der Krise.

Trotz des wachsenden Massen- und Eventtourismus der letzten Jahre ist Lappland noch immer eine einzigartige Region. Das Beste daran ist die Natur. Sie ist nach wie vor relativ sauber, und ihr Herz bilden die Flüsse, Seen, Bäche, das Ringelreihen der Gewässer, die Fjälls und die riesigen Sumpfgebiete. Noch gibt es die verschneiten Winterwälder, die Polarlichter, die Kälte, die Klarheit des Frühlings, die nachtlose Nacht im Sommer und die einzigartige Laubfärbung im Herbst, auch wenn die Klimaerwärmung all das bedroht.

Published 29 October 2014
Original in Finnish
Translated by Stefan Moster
First published by Wespennest 167 (2014) (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Wespennest © Rosa Liksom / Wespennest / Eurozine

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