Europäische Geschichten. Auf dem Weg zur Meistererzählung?

Einleitung

Sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Erinnerungskulturen im Begriff, ihre nationalen Grenzen zu überschreiten, wie die Debatten rund um die Gedenktage deutlich machen.

Die Europäer müssen ihre Geschichte neu schreiben

Geschichte ist quer durch Europa vom Gegenstand der Historiker zunehmend zur öffentlichen Sache und zum Instrument der Politik geworden. Von der glücklichen Geschichtsvergessenheit der Nachkriegsjahre über die Einklagung der Verantwortung für historische Verbrechen durch die 68er bis zur Geschichtsbesessenheit der letzten beiden Jahrzehnte1 im Westen, von der verordneten Befreiungsgeschichte zur Befreiung der Geschichte(n) im Osten, haben sich höchst verschiedene “Erinnerungskulturen” herausgebildet, die anlässlich des 60. Jahrestags des Kriegsendes auf besonders dramatische Weise kulminieren und aufeinanderstoßen.

Der Eurozine-Schwerpunkt Europäische Geschichten geht von dem exemplarischen Charakter dieses Gedenktages für die Zukunft des neuen Europa aus und präsentiert Ausschnitte aus einer Debatte, die im Begriff ist, die nationalen Grenzen der Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur zu überschreiten.

In der Regel verblassen Gedenktage im Laufe der Zeit, bis sie schließlich ad acta gelegt oder von neuen Erzählungen überschrieben werden. Der Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, der 8. bzw. 9. Mai, zeigt eine entgegengesetzte Dynamik: Es scheint, dass er noch nie soviel Gewicht hatte wie heute, 60 Jahre nach dem Ereignis. Wie erklärt sich dieses Phänomen?

Das Datum stellt den zentralen Bezugspunkt für die über Jahrzehnte dominierenden Narrative der Siegermächte und die Gründungsmythen der europäischen Nachkriegsgesellschaften dar: Für die betroffenen Länder markierte es einen Bruch und Neubeginn, für die USA und Sowjetunion eine Legitimationsquelle für ihre konkurrierenden hegemonialen Ansprüche und damit den Anfang des Kalten Krieges.

Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums und damit der bipolaren Ordnung, und in der Folge die Osterweiterung haben die eingespielten Interpretationen der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte radikal in Frage gestellt – sowohl in West- als auch in Osteuropa, und zwingen dazu, die “Stunde Null” neu zu bewerten, mit dem Resultat, dass wir es heute mit “so vielen Kriegen wie Nationen” zu tun haben.2 Zugleich zeichnet sich eine Internationalisierung des Gedenkens ab, wie Andreas Langenohl zeigt.

Der 8. Mai und die Europäische Union

Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs ist konstitutiv für die Entstehung der Europäischen Union. Die alten Erzfeinde sollten versöhnt und in eine Interessengemeinschaft eingebunden werden, die einen neuen Krieg unmöglich machen würde. Zugleich beruhte der Erfolg dieser Gemeinschaft auf der Anerkennung der Teilung Europas, mit der die andere Hälfte des Kontinents abgeschrieben und von den Segnungen in Gestalt von Demokratie, Frieden und wirtschaftlichem Aufschwung ausgeschlossen wurde.

Erst mit dem unerwarteten Zusammenbruch des Sowjetimperiums 1989 rückte Osteuropa wieder in den politischen Horizont der inzwischen größer gewordenen Union, so dass nach langen Verhandlungen im Mai 2004 weitere acht Länder der Region aufgenommen werden konnten.

Der komfortable historische Konsens, den die westeuropäischen Gesellschaften schon lange im Inneren und untereinander gefunden hatten, ist spätestens mit der Osterweiterung fragwürdig geworden. Denn 1945 hat “eine völlig andere Bedeutung […] in fast ganz Osteuropa, für fast alle Bürger jener Länder, die der Union 2004 beitraten. Für sie bedeutet 1945 den Übergang von einer Besatzungszeit zur nächsten, von der Naziherrschaft zur Sowjetherrschaft”, so Timothy Snyder.

Zugleich ist diese andere Bedeutung ihrerseits nicht eindeutig: In den meisten ehemaligen Satellitenstaaten bzw. Sowjetrepubliken entzündeten sich mit dem Zusammenbruch der auferlegten offiziellen Geschichtsdoktrin heftige, bis heute offene Kontroversen um die Re-Interpretation der eigenen Geschichte, die entscheidend sein werden für die Herausbildung neuer nationaler Identitäten. Man denke etwa an die baltischen Länder: Was aus der einen Perspektive Kollaboration war, ist aus der anderen Widerstand gewesen.

Wie Snyder meint, wird es für die erweiterte EU – als Voraussetzung für ihren Zusammenhalt – wichtig sein, ein historisches Bewusstsein zu entwickeln, das den Neuankömmlingen einen angemessenen Platz verschafft und sie in eine breite Diskussion einbindet. Was heute offensichtlich fehlt, ist eine übergreifende Darstellung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – hier ist die Union nach wie vor gespalten und viele der neu hinzugekommenen Gesellschaften noch innerlich zerrissen.

Der 9. Mai und Russland

Russland war der Hauptsieger im Zweiten Weltkrieg und ist der große Verlierer von 1989. Mit seinem Festhalten am Mythos des Großen Vaterländischen Kriegs – der letzten noch nicht diskreditierten sowjetischen Errungenschaft – schreibt es die Ordnung von Jalta fort, um seine geopolitische Position und seine Ansprüche auf die Region zu behaupten. Lev Gudkov zeigt, welche Funktion dieser Mythos darüber hinaus als Quelle des nationalen Selbstbewusstsein und der Legitimität “der zentralisierten und repressiven sozialen Ordnung” hat.

Als sich am 9. Mai auf Einladung des russischen Präsidenten die höchsten politischen Vertreter der ehemaligen Allierten bzw. der betroffenen Länder in Moskau trafen, um des Sieges vor 60 Jahren zu gedenken, sahen sich viele Gäste mit einer Interpretation der Geschichte konfrontiert, die sich kaum mit ihrer eigenen Sichtweise versöhnen lässt. Putins Rhetorik machte schon anlässlich seines Auschwitz-Besuchs im Januar 2005 deutlich, dass er eine historische Kontinuität konstruieren will, die den sowjetischen Mythos restauriert und in eine Linie mit der imperialen russischen Geschichte und dem globalen Kampf gegen den Terrorismus bringt. Diesem Programm folgte auch die Inszenierung in Moskau.

“Bis heute wirkt das Tabu, die Kehrseiten des Sieges aufzuarbeiten.” schreibt Gudkov. Es scheint noch ein weiter Weg, bis sich die russische Darstellung des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen mit jenen der – befreiten oder besetzten? – Nachbarn versöhnen lässt.

Von einer für alle verbindlichen “Meistererzählung” des Zweiten Weltkriegs sind die Europäer noch weit entfernt – wenn sie denn überhaupt ertrebenswert ist. Sehr viel wäre bereits gewonnen, wenn die Pluralität der bestehenden Geschichten in einen gemeinsamen, den nationalen Rahmen überschreitenden öffentlichen Raum gestellt und diskutiert würde.

Exemplarische Ansätze hierzu stellen das Gemeinschaftsheft des russischen Magazins NZ mit der deutschen Zeitschrift Osteuropa zum Thema “Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg” dar, aus dem Eurozine einen großen Teil der Beiträge für diesen Schwerpunkt nimmt. Aber auch die Übersetzung von Adam Krzeminskis überaus instruktivem Artikel “So viele Kriege wie Nationen” aus Polytika ins Englische und Deutsche in signandsight und Perlentaucher oder das Dossier der Neuen Zürcher Zeitung über den “Mai 1945 – ein Ende mit Folgen” (30. April / 1. Mai 2005).

Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999. Ute Frevert, "Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited. Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik". In: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 40-41/2003), auch www.bpb.de/files/HEKVE4.pdf. Pierre Nora, Gedächtniskonjunktur

Published 3 May 2005
Original in German

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