Einige lockere Sentenzen

Als das Wort Essayist in die englische Sprache Einzug hielt, war es zunächst als Beleidigung gemeint. Im Januar 1610, als Shakespeare am Sturm schrieb, wurde eine Komödie seines Konkurrenten Ben Jonson am Hof von König James I. aufgeführt. Im zweiten Akt von Jonsons Epicoene rezitiert eine groteske Rittergestalt namens Jack Daw aus einigen seiner Schriften, die einfach lächerlich sind. Daws Freunde nehmen ihn auf die Schippe und vergleichen seine Prosa mit der von Seneca und Plutarch. Als Daw beleidigt ist, steigern seine Freunde ihre Herausforderung und verweisen darauf, die beiden antiken Autoren seien «sehr ernsthafte Schriftsteller gewesen». Daw widerspricht. «Ernsthafte Esel» nennt er sie mit einem lahmen Wortspiel. «Pure Essayisten, ein paar lockere Sentenzen, das ist alles.»

Man nimmt an, dass Daw eine Karikatur von Francis Bacon ist, dem großen Staatsmann und Wissenschaftstheoretiker, dessen 1597 publizierte Essays den Begriff des Essays in die englische Prosa einführten. Bacon übernahm den Begriff von Michel de Montaigne, dessen erstes Buch mit Essais 1580 in Frankreich erschienen war. Wie Seneca schrieb auch Montaigne in einem sehr persönlich gefärbten Stil, doch was ihn von jenem unterschied, war die Tatsache, dass er auf eine Art und Weise Selbsterforschung betrieb, die zugleich wissbegierig, streng, skeptisch und intim war. In Frankreich war ein essayeur ein Beamter, der Münzen oder Getreide auf ihre Reinheit und ihren Wert untersuchte; ähnlich war ein essai ein Examen, um einen akademischen Grad zu erlangen. Montaigne untersuchte die Bedeutung und den Wert der ziellosen Bewegungen seines Geistes und beschrieb sein Leben als fortlaufenden Schreib- und Denkprozess, dessen Ergebnisse im Lauf der Zeit angezweifelt, verworfen oder weiterentwickelt werden konnten. Ein für die eigene Komplexität aufgeschlossener Geist ist auch für die Komplexität der Welt offen.

Auch das Nomen Essay schlich sich unter negativen Vorzeichen in die englische Sprache ein. In der zweiten Szene von Shakespeares King Lear, uraufgeführt 1606, platzt Gloucesters Bastard Edmund vor Missgunst. Edmund ist nicht der Erstgeborene und muss einen Weg finden, dennoch ans Erbe zu kommen. Er löst das Problem durch Verrat. Er schreibt einen Text über die Unterdrückung von Kindern durch ihre Eltern und spielt ihn in die Hände seines Vaters als angeblichen Brief seines Bruders Edgar, Gloucesters ältestem Sohn und rechtmäßigen Erben. «I hope, for my brother’s justification, he wrote this but as an essay or taste for my virtue», sagt Edmund zu seinem Vater und gebraucht als einer der ersten den Begriff essay im Englischen. (Tieck: «Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schrieb dies nur als Prüfung und Versuchung meiner Tugend.») Die List funktioniert. Gloucester ist zornig über Edgars scheinbaren Verrat, enterbt ihn schließlich und begünstigt Edmund. Hier wird der Begriff Essay im Sinne von List und Betrug verstanden. (Dieselbe Konnotation findet sich bei Shakespeare im 110. Sonett: «These blenches gave my heart another youth / And worse essays prov’d me thee my best love.» / «Untreue machte mich noch einmal jung / und schlimme Prüfung zeigte dich als einz’ge Liebe.») Nicht ganz grundlos stellt Edmund ein soziales Arrangement in Frage, das über Jahrhunderte vernünftig und angemessen erschienen war, aber die «paar lockeren Sentenzen» in seiner Fälschung verraten ein so extremes Eigeninteresse, dass er mehr Machiavelli als Montaigne ähnelt.

In einer geschickten Volte enthält Edmunds Text Einwände gegen das Erstgeborenenrecht, die Shakespeare in der ersten englischen Übersetzung von Montaignes Essais aus dem Jahr 1603 gefunden hatte. Indem der hinterlistige Edmund diese Einwände als die von Edgar ausgibt, wendet Shakespeare Montaignes Worte gegen ihren eigenen Sinn. Shakespeare schwächt jedoch Montaigne nicht und ist auch nicht einfach nur gewitzt. Gemeinsam trugen beide Autoren zu einer spürbaren Verschiebung in unserer Wahrnehmung der Autonomie des Einzelnen und der Relativität der Werte bei. In King Lear setzt Shakespeare diese Verschiebung in der Figur des Edmund in Szene, um die Stimmungen seiner Zeit besser erforschen und zeigen zu können.

In den Vereinigten Staaten ist das Wort Essayist zwar noch kein Schimpfwort, aber der Essay selbst, jene Form, die Montaigne oder Virginia Woolf gefallen hätte, ist in jüngster Zeit in Misskredit geraten. Das mag seltsam klingen, denn auf den ersten Blick sieht es so aus, als erfreuten wir uns gerade eines goldenen Zeitalters des Essays. Erzählungen und Zeugnisse in der ersten Person beherrschen die sozialen Medien ebenso wie die Websites vieler Zeitungen und Zeitschriften und werden auch im Druck häufiger veröffentlicht, nicht nur auf den Meinungsseiten, wo sie alte Bekannte sind, sondern auch in Buchrezensionen, die ihre vorgebliche Objektivität nach und nach abgestreift haben.

Der schiere Umfang dieser Art des Schreibens hat jedoch weniger mit der Beliebtheit des Essays zu tun, als vielmehr mit dem in einer Aufmerksamkeitsökonomie herrschenden Zwang zu publizieren. Das Modell ist einfach. Eine Zeitschrift oder eine Website bezahlt Autoren ziemlich schlecht, damit sie anklickbare Stückchen in der ersten Person abliefern, die vor Selbstentblößung und Provokation übersprudeln; die Leser reagieren dankbar und klicken und gehen dann zum nächsten Stück über, während die Publikation wertvolle Userdaten und Werbeeinnahmen sammelt. Doch obwohl sie für gewöhnlich zwanglos, fragmentarisch und improvisiert sind, gerieren sich diese Mikrotexte nicht wie Essays. Die Prosa großer Essayisten wie Montaigne, James Baldwin und Marilynne Robinson ist gleichermaßen kompromisslos erforschend wie persönlich und informell. Und auch wenn Francis Bacon als Essayist nach wohl dosierter Unpersönlichkeit strebte, war er doch zugleich ein Wissenschaftstheoretiker und wusste wie Montaigne, dass Erkenntnis immer ein Versuch, eine Annäherung ist, ob das auf einer Buchseite geschieht oder unter der Linse eines Mikroskops. Ein Essay enthüllt, wo die Auseinandersetzung eines Autors mit sich selbst oder die Untersuchung einer brennenden Frage vorübergehend innehält. Que sais-je?, fragte Montaigne. «Was weiß ich?» Er richtete das Mikroskop auf sich selbst oder einen Teil der Welt und versuchte, es herauszufinden.

Da Erkenntnis immer nur eine Annäherung ist, sind gute Essayisten mit ihren eigenen Einsichten nie lange zufrieden, weil diese schnell erstarren können und nicht mehr hinterfragt werden. Aber ein gewisses Maß an gesunder Skepsis, vor allem, wenn es sich um politische Fragen handelt, wird heute von manchen als Manko angesehen und als Grund, dem Essay misstrauisch zu begegnen. Wie zwei meiner Kolleginnen bei The Point, Jon Baskin und Anastasia Berg, kürzlich in einem Artikel gezeigt haben, haben einige linke Autoren in den Vereinigten Staaten nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten 2016 großes Gewicht auf die «Standortbestimmung» gelegt, auf die Orientierung ihres Denkens und Schreibens ausschließlich am Ziel der Erreichung eines politischen Ziels. Eine Autorin sollte sich demnach nicht damit abgeben, Unstimmigkeiten zu erörtern oder öffentlich verschiedene Gedankengänge auszuprobieren. Vielmehr sieht sich die Autorin, nach der kritischen Analyse von Baskin und Berg, «außer, dass sie ihre öffentlichen Äußerungen manchmal filtert, um eine bestimmte ideologische Agenda zu befördern» auch noch in der Verantwortung, die Öffentlichkeit vor Ideen zu «schützen», die nicht durch eine zulässige politische Strategie gedeckt sind. Standortbestimmung zielt nicht so sehr auf die Frage «Was weiß ich?» ab, sondern vielmehr auf die Frage «Was darf ich wissen?»

Standortbestimmung ist in landesweiten Zeitungen inzwischen fast so weit fortgeschritten wie in kleinen literarischen und politischen Zeitschriften. Außer ihren Stammkolumnisten bietet die New York Times heute viele weitere Leitartikler auf, die ihre vorrangige Aufgabe darin sehen, Botschaften zu versenden, statt Aufklärung und Überzeugungsarbeit zu betreiben. Mag sein, dass Redakteure gern essayistische und analytische Beiträge veröffentlichen würden, aber ihre Chefs schwer davon überzeugen können. Standortbestimmung ermöglicht uns das erhabene Gefühl der unerschütterlichen Überzeugung: In unruhigen politischen Zeiten hilft nur Unbeirrbarkeit. Aus dieser Sicht ist jeder undisziplinierte Essayist oder Wortführer – was heißen soll, jeder, der unvoreingenommen und selbstkritisch ist – ein potenzieller Edmund, ein Opportunist, der seine Interessen wahrnehmen will, indem er die sozialen Normen herausfordert.

In ihrer Einleitung zum Jahrgang 2017 von The Best American Essays, einer Anthologie, die seit 1986 jährlich in den Vereinigten Staaten erscheint, erklärte Leslie Jamison, die Gastherausgeberin, dass sie dem erhabenen Gefühl der unerschütterlichen Überzeugung seit Trumps Wahlsieg zwiespältig gegenübersteht. Sie gibt zu, dass sie am Morgen nach der Wahl «dachte, dass jetzt nichts mehr zählt außer der Meinungsseite und Demonstrationen. Vielleicht waren nur noch Artikel über Politik mit einem groß geschriebenen P von Belang.» Nach einiger Zeit änderte sie jedoch ihre Meinung: «Essays sind nicht nur dann politisch, wenn sie sich mit politischen Inhalten mit einem großen P befassen – soziale Gerechtigkeit, das gesellschaftliche Leben, Rechtsstaatlichkeit und Regierungshandeln –, sondern wenn sie sich der Unbestimmtheit und dem Zweifel verpflichtet fühlen. Sie sind voller Selbsthinterfragung, misstrauisch gegenüber gängigen Narrativen, offen für Gegenargumente … Der Essay beharrt darauf, dass jedes Bewusstsein bei genauerem Hinsehen unendlich komplex ist. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Xenophobie oder der Suche nach einem Sündenbock.» Für Jamison kann der Essay mit seiner Tendenz zur breit gefächerten Wissbegier fest gefügte Meinungen erschüttern und einen gesunden Skeptizismus gegenüber der Politik befördern. Der Essay könnte dazu beitragen, den Geist demokratischen Misstrauens zu erhalten.

Jamisons zwiefältige Vision von einem Essay mag hart erarbeitet sein, absolut einleuchtend ist sie dennoch nicht. Wie kann ein Essay unmissverständlich einen bestimmten Standpunkt vertreten – «Politik mit einem großen P», wie sie es nennt und zugleich skeptisch und antidogmatisch sein – «der Unbestimmtheit und dem Zweifel verpflichtet», «voller Selbsthinterfragung»? Wie kann man auf der Notwendigkeit einer Standortbestimmung bestehen und zugleich alle Standpunkte in Frage stellen?

Noch etwas anderes irritiert, die Tatsache nämlich, dass nicht alle zwanzig Beiträge, die Jamison für die Anthologie ausgewählt hat – alle aus dem Jahr 2016 –, Essays sind. Einige sind Polemiken, kontrovers, um unterhaltsam und provokant zu sein. (Die Grundbedeutung von polemisch ist kriegerisch, was dem Wesen des Essays fundamental widerspricht.) Ein Beitrag der Autorin June Thunderstorm zum Beispiel liefert, was ihr Pseudonym verspricht: ein Sommerunwetter, das über den Siegesparaden der Antiraucherkampagnen niedergeht.

Ein anderes Problem besteht darin, dass alle Beiträge in Jamisons Auswahl zuerst in Periodika erschienen, die im politischen Spektrum der Vereinigten Staaten eindeutig links angesiedelt sind, wie The New York Times Magazine, n+1, Granta, Transition, The Baffler und Harper’s Magazine. Dasselbe trifft auf die vierundzwanzig Essays zu, die Hilton Als für den Jahrgang 2018 von BAE ausgewählt hat. Jamisons und Als’ Begriff von Politik ist eng gefasst: Offenbar verfügen Konservative über keine akzeptablen Narrative. Als ist sogar noch unerbittlicher in Bezug auf die Notwendigkeit einer Standortbestimmung. In seiner Einleitung betont er, der Essay der Zukunft werde oder «sollte wenigstens mit Fragen vornehmlich politischer Natur beginnen, und wer nicht dieser Ansicht ist, sollte vielleicht noch einmal nachdenken». Darüber hinaus besteht Als darauf, dass solche Essays notwendig eine bestimmte Form haben müssten: Da wir «bekanntlich in einer zerrissenen Welt (leben), müssen auch Essays zerrissener, gebrochener werden, so wie die Macht bestrebt ist, ihre Herrschaft weiter auszubreiten, indem sie noch mehr Menschen zugrunde richtet, Unschuldige einsperrt und die Liebe schmerzhaft bestraft».

Jamisons und Als’ Zuschnitt des Essays auf einen politischen Zweck und auf Überzeugung ist für die Reihe BAEuntypisch. In der Einleitung zum Jahrgang 2002 erklärte der Gastherausgeber Stephen J. Gould zum Beispiel, er sei «versucht gewesen, eine Anthologie allein mit Beiträgen zu 9/11 zusammenzustellen (es gibt schon so viele gute, und es werden noch so viele erscheinen), aber Anstand und Moral untersagten es mir, diesen Kurs einzuschlagen. Wir dürfen einfach nicht bösartigen Irren zugestehen, dass sie die Geschichte auf ihre Weise definieren.» Gould wollte die Reduktion des Inhalts dieses Bandes auf die Stimmungslage und das Personal eines bestimmten politischen Moments vermeiden, so überwältigend die damit verbundenen Tragödien und Schrecken gewesen sein mögen. Von vierundzwanzig Essays der Ausgabe von 2002 befassen sich nur acht mit 9/11, mit dem World Trade Center oder mit Terrorismus. Von den sechzehn anderen widmen sich einige der Hochschulbildung, einer beschäftigt sich mit der Restaurierung eines Stradivari-Violoncellos aus dem Jahr 1707, und in einem anderen verteidigt Mario Vargas Llosa die Literatur. Mit ruhiger Entschlossenheit und einer Prise Konservatismus unternahm Gould alles ihm Mögliche, um die amerikanische Gesellschaft von der Nabelschau abzuhalten und zu selbstbezüglich, zu hoffnungslos und zu destruktiv zu werden.

In gewisser Weise folgte Gould dem Beispiel Montaignes. In seiner Einleitung zur Ausgabe 2018 von Best American Essays wies Robert Atwan, der die BAE-Reihe ins Leben gerufen hat und sie managt, darauf hin, dass Montaignes Skeptizismus vielleicht von einem gewissen Konservatismus gefärbt gewesen sei. Montaigne war offen gegenüber Ideen und einem Denken, das alles andere als träge und beruhigend war, aber, schreibt Atwan, «er genoss auch die Vorteile seines Titels, seiner Besitztümer, seines Grundbesitzes, seiner Gewohnheiten und seines Katholizismus. Da keine bestimmte Lebensweise als allen anderen überlegen nachgewiesen werden konnte», mutmaßt Atwan, «kann man sich auch entspannen und die Lebensbedingungen akzeptieren, die das eigene Umfeld eröffnet.»

Vielleicht fürchtete Montaigne, dass das alltägliche Leben unmöglich würde, wenn er sein ganzes Leben in Einklang mit seinem Skeptizismus führte. Vielleicht fand er Trost in dem folgenden Paradox: «[F]estzustellen, dass das Wissen in der Erkenntnis besteht, dass man nichts mit Gewissheit wissen kann, drückt eine Gewissheit aus», wie Atwan es formuliert. Eindeutig ist jedenfalls, dass es, mit Montaigne beginnend, ein dauerhaftes Charakteristikum des Essays ist, jeden Dogmatismus und ein Denken anzuzweifeln, das in nicht hinterfragten Positionen und Thesen erstarrt ist. Ein solcher Skeptizismus kann eine sehr wandelbare Sache sein und sich gegen die Idee wenden, dass eine bestimmte Politik oder eine bestimmte Lebensweise zum Schreiben von Essays gehört oder dass ein gebrochener Stil zwangsläufig wirksamer ist als ein Essay, der klar und einfach geschrieben ist.

Wer immer sich für den Essay in den Vereinigten Staaten und die Vielfalt der Formen, die er in letzter Zeit angenommen hat, interessiert, kann sich den besten Überblick verschaffen, wenn er kursorisch in der Reihe Best American Essays liest, deren erste Folge 1986 erschienen ist und die nun zweiunddreißig Bände umfasst. Denn unterschwellig stellt BAE eine exzellente Geschichte der Konstanz und des Wandels dar, die der Essay in den vergangenen drei Jahrzehnten in unserem Land durchlaufen hat. Gastherausgeber der Anthologie waren sowohl Essayistinnen als auch Romanciers, Lyrikerinnen, Journalistinnen, Redakteure, Historiker, Naturwissenschaftlerinnen, Psychologen und Ärzte. Der eingeladene Herausgeber oder die Herausgeberin muss eine Einleitung schreiben und etwa zwanzig Essays aus annähernd hundert auswählen, die Atwan zuvor gesammelt hat. In manchen Folgen der Reihe wird die Auswahl der Essays aus Zeitschriften mit großer Verbreitung wie dem New Yorker, Vanity Fair oder dem New York Times Magazine dominiert; in anderen herrschen Essays aus kleinen Zeitschriften wie The Threepenny Review, Raritan, Salmagundi oder Granta vor. Im Lauf der Zeit hatte die Reihe eine reichhaltige Auswahl von Essayisten, Schreibstilen und Geschmacksvorlieben der Herausgeber zu bieten und gezeigt, dass immer noch Essays geschrieben werden, auch wenn die Erfordernisse des Journalismus die Autorinnen eher in Richtung Reportage, Porträts und Standortbestimmung drängen. (Eine Alternative zu BAE ist The Oxford Book of Essays, herausgegeben von John Gross. Die Anthologie wurde 1991 veröffentlicht und enthält 140 Essays von britischen und amerikanischen Autoren, vom frühen siebzehnten Jahrhundert bis zum späten zwanzigsten, und präsentiert den Essay als eine Form intellektueller Literatur. Ähnlich lesen treue Anhänger des Essays in Großbritannien auch die Gastkolumne des Times Literary Supplement, Janan Ganesh in der Financial Times und die London Review of Books, insbesondere das «Diary».)

In den Einleitungen der Gastherausgeber von BAE ist ein immer wiederkehrendes Thema der Unterschied zwischen dem Artikel und dem Essay. Atwan führte dieses Thema in seinem Vorwort zum ersten Band 1986 ein. Der Artikel, womit er einen Zeitungs- oder Zeitschriftenbeitrag ebenso meint wie eine wissenschaftliche Arbeit, ist zweckgebunden – «informativ, unpersönlich, themenbezogen». Thema und Absicht sind zeitgebunden und haben daher eine begrenzte Haltbarkeitsdauer. Der Essay dagegen ist dynamisch, «manchmal mit Ideen und ihrer Erörterung befasst, manchmal auf der Suche nach Eloquenz und Charme», und hat kein Verfallsdatum. Die Gastherausgeberin Elizabeth Hardwick spitzte diesen Gegensatz in ihrer Einleitung zur Ausgabe von 1986 dramatisch zu. Sie greift ein Stichwort von William Gass auf und nennt den Artikel «ein furchtbares Gebilde», das «mit seinen Fußnoten, Referenzen und Absicherungen von Anfang an eine Verteidigungshaltung einnimmt». Er hat den Glanz «einer geputzten Treppenstufe – ganz und gar zweckmäßige Wirtschaftlichkeit und Reinlichkeit». Dagegen ist der Essay «eine große Aue für Stil und Originalität, frei von jedem Zwang zur Rechtfertigung außer jener, die persönliche Intelligenz und Brillanz von sich aus liefern … Auf diesem Weg erworbenes, durchaus wichtiges Wissen ist um des puren Vergnügens willen erwünscht.»

Cynthia Ozick, die wie Hardwick und Gass Romane und Essays schreibt, schlägt in ihrer Einleitung zur Ausgabe von 1998 einen ähnlichen Ton an. «Der Nutzen des Essays liegt in seiner Nutzlosigkeit: Er verweigert sich dem pädagogischen, polemischen oder gesellschaftspolitischen Gebrauch», behauptet sie. «Ein Artikel ist Geschwätz. Ein Essay ist Reflexion und Einsicht.» Ozick griff hier eine Klage wieder auf, die sie fünf Jahre zuvor in ihrem Essay mit dem auf Henry James gemünzten Titel «‹It Takes a Great Deal of History to Produce Little Literature›» erstmals vorgebracht hatte. Darin beklagte sie «den Niedergang des Essays zugunsten des ‹Artikels› – dieses armseligen, teamgesteuerten, hässlichen, zurechtgestutzten, unterentwickelten, schnellschussartigen, windigen, billigen, fahrigen Gebildes». Sie fährt fort: «Der Essay entwickelt sich allmählich und hat Geduld. Der Artikel ist hastig, rastlos und kurz. Der Essay reflektiert seine Vorgänger und wächst organisch aus einem Kontext heraus, wie ein grüner Zweig aus einem Ast. Der Artikel eilt vorwärts, verachtet amnestisch alles Nachdenkliche und schwelgt in Geschwätz und Polemik, ein Speichellecker der Aktualität.»

Gass und Hardwick setzen den Artikel herab, um den Essay zu erhöhen. Beide, der Essay und der Artikel, sind Prosa, aber der Artikel ist ganz und gar Arbeit und nirgends Spiel, ein Produkt der Fabrik statt der Aue oder des Salons. Ozicks Ansatz ist anders. Sie will den Artikel vernichten, um ihre Definition des Essays zu begründen. Doch ihre Stellungnahme für den Essay stützt sich auf ein außerordentlich heftiges Plädoyer, das den Eindruck erweckt, als sei der Essay ein äußerst fragiles Gebilde, trotz der intellektuellen Kraft, die sie in ihm findet, und trotz der elf Jahre nachdrücklicher Fürsprache, die die Anthologiereihe bereits für ihn geleistet hatte, bevor sie 1997 als Gastherausgeberin eingeladen wurde.

In bestimmter Hinsicht stimmt Ozick auch mit Leslie Jamison nicht völlig überein. Während Ozick an der Nutzlosigkeit des Essays festhält, betont Jamison dessen Fähigkeit zum gesellschaftlichen Engagement. Beide Autorinnen sind sich aber einig, indem sie die originäre Essayistin als eine heroische Gestalt ansehen. Dieser Ansatz unterscheidet sie von Atwan, der zwar die Verschiedenheit von Artikel und Essay anerkennt, sie beide aber als Geschwister in Prosa behandelt, insofern beide Erkenntnis und Wissen durch unterschiedliche Narrative und analytische Methoden gewinnen. Der Artikel trennt zwangsläufig Verstand und Imagination, wogegen der Essay beide einen Dialog miteinander führen lässt.

Ein Körnchen Wahrheit steckt auf jeden Fall in dem hinterlistigen Brief, den Edmund im Sturm schreibt – manchmal kommt ein Essay in Verkleidung daher. Etwa die Arbeit von Larissa MacFarquhar. Sie ist feste Mitarbeiterin beim New Yorker und gegenwärtig eine der talentiertesten und einfallsreichsten Autorinnen in den Vereinigten Staaten. Bekannt ist sie für ihre Artikel über Dichter und Romanciers wie John Ashbery und Chimamanda Ngozi Adichie, Philosophen wie Paul und Patricia Churchland und Derek Parfit, und die unterschiedlichsten Persönlichkeiten aus der Kultur wie Quentin Tarantino und Aaron Swartz (ein amerikanischer Programmierer und Hacktivist, der sich 2013 das Leben nahm).

MacFarquhars Zeitschriftenbeiträge laufen gewöhnlich unter der Bezeichnung Porträt, weil sie die Lebensgeschichte einer Person erzählen, die in den Schlagzeilen ist oder an einem beruflichen Wendepunkt steht. Dieses Etikett ist ihrer Arbeit jedoch nicht angemessen. In den Vereinigten Staaten gibt es zwei herkömmliche Regeln für das Porträt in einer Zeitschrift: die Erzählung in der ersten Person und die Darstellung der physischen Erscheinung des Porträtierten und seiner Lieblingsspeisen (je glamouröser, exzentrischer oder aufsehenerregender, desto besser). MacFarquhar ignoriert diese Konventionen, weil sie zwischen dem Leser und dem Gegenstand eine Mauer errichten. Wie sie vor einigen Jahren dem Guardian erklärt hat, versucht sie mit ihrer Melange aus der Sprache der Tatsachen und den ausgreifenden Möglichkeiten narrativer Prosa, «ein Gefühl der Vertrautheit herzustellen, das Gefühl, dass man sich so weit wie möglich im Inneren der Personen befindet und verstehen kann, warum sie für bestimmte Ideen und Vorstellungen entbrannt sind, was sie bewegt und was sie antreibt». MacFarquhar reißt die Mauer nieder, um uns mit viel Tiefe und Feingefühl die inneren Antriebe und Bewegungen einer anderen Person deutlich zu machen. Manchmal ist MacFarquhars Erzählung und Analyse so sehr von den Gedanken und vom Tonfall dieser Person durchtränkt, dass es klingt, als habe diese das Porträt selbst geschrieben. Zuweilen klingt ihr Text über Adichie mehr wie eine Kurzgeschichte über sie als wie ein Porträt.

MacFarquhars Arbeit wurde nie in die Best American Essays aufgenommen, vielleicht, weil ihr Gestus zu fiktional erscheint. Ihre Vorliebe für die indirekte Rede – die es ermöglicht, die Stimme und auch die Manierismen einer Person im Text durchscheinen zu lassen – ist zwar im Roman gebräuchlich, weniger aber in nichtfiktionaler Literatur. Ein anderer Autor, der bei BAE auffällig fehlt, ist Ta-Nehisi Coates, weithin bekannt für seinen Essay «The Case for Reparations», der 2008 in The Atlantic erschien, und für seine Bücher Between the World and Me (2015). 1und The Beautiful Struggle(2008). In einer Verknüpfung von Geschichtsschreibung und Reportage plädiert «The Case of Reparations» dafür, dass die systematische Ausbeutung und der Raubbau, die die US-Regierungen an der schwarzen Bevölkerung seit der Gründung des Staates betrieben haben, Grund genug für den Kongress seien, über einen Gesetzesentwurf nachzudenken, der die fortdauernden Auswirkungen der Sklaverei bis zum heutigen Tag feststellt und Abhilfe schafft.

Meine Zusammenfassung von «The Case for Reparations» muss den Eindruck erwecken, es handele sich um ein trockenes politisches Positionspapier, was nicht der Fall ist. «The Case for Reparations» ist die Arbeit eines Autors, der im Essay bestens bewandert ist. Als Coates noch ein Kind war, forderte ihn seine Mutter auf, sein Verhalten schriftlich zu erklären, so oft er in der Schule Probleme bekommen hatte. Dieses Ritual «des ständigen Fragens, Fragen als Ritual, Fragen als Erörterung eher denn als Suche nach Gewissheit», wie es Coates formuliert, leitet «The Case for Reparations» auf zweierlei Weise. Zum einen durch die unbequemen Fragen zur US-Geschichte und der Sozialpolitik, die der Essay stellt, zum anderen durch das Beispiel von Coates selbst als afro-amerikanischer Autor, der «mit einem freien Geist» lebt, aber nicht weiß, «ob er jemals wirklich in einem freien Leib leben kann», wie es Jesse McCarthy, mein Kollege bei Point, formuliert hat. Coates folgt darin dem Beispiel von James Baldwin, einem der besten amerikanischen Essayisten des zwanzigsten Jahrhunderts, dass sein Schreiben und noch mehr sein forschendes Fragen daran erinnern soll, dass der Augenblick der tiefsten Verzweiflung auch zu durchdringender Klarheit führen kann. Wie es in einem alten Spiritual der Sklaven heißt: «The very time I thought I was lost, my dungeon shook and my chains fell off.» («Just, als ich mich verloren gab, bebte mein Kerker, und die Ketten fielen ab.»)2

In seiner lebendigsten Form ist ein Essay pragmatisch, ein spezifischer Intellekt zu einem bestimmten Zeitpunkt, der herauszufinden versucht, was er denkt. Das Verlangen des Essayisten, in die eigenen Gedanken oder die anderer einzutauchen, mag unverschämt und preziös erscheinen, aber es kann auch befreiend sein – die Öffnung eines Raums, in der der Gedanke zu Extremen vorstößt, die der Kulturbetrieb nicht vereinnahmen oder nicht nachvollziehen kann. Anstatt Gewissheiten über den Zustand der Welt zu liefern, personifiziert ein Essayist einen Zustand der Neugier oder des Zweifels. Wenn ein Essay Überzeugungen transportiert, basieren diese auf etwas anderem als auf Korrektheit, und sie gehen einher mit der Wahrnehmung, dass ein Essay in einer Welt existiert, die für Essays oft wenig Geduld hat. Wenn wir eine große Essayistin lesen, lernen wir sie teilweise über ihr Vorgehen der Selbsterkundung kennen, darüber, wie sie sich selbst kennenlernt, indem sie die Art und Weise erkundet, wie sie sich selbst unbekannt bleibt und Teile der Welt ihr unbekannt bleiben. Die Kraft einer Essayistin liegt ebenso in ihren Schlussfolgerungen wie in ihrer Fähigkeit, diese in Frage zu stellen. Viel mehr, als nach Zustimmung zu verlangen, ermutigen Essays uns, selber zu denken.

Auf Deutsch erschienen unter der Titel: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. München: Hanser 2016.

In: James Baldwin: Nach der Flut das Feuer. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, München: dtv 2019.

Published 25 November 2019
Original in English
Translated by Jochen Schimmang
First published by Wespennest 177 (2019) (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Wespennest © John Palattella / Wespennest

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