Eine Art Bürgerkrieg

23 April 2001
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Wochenlang habe ich es vor mir hergeschoben, diesen Aufsatz über die Gewalt zu Papier zu bringen. Um ganz ehrlich zu sein: Je näher der Termin rückte, desto deutlicher wurde mir bewusst, dass ich ihn gar nicht schreiben wollte. Ich hatte keine Lust, mich in diese endlose Aufzählung von Abartigkeiten zu vertiefen, die im Augenblick die dunkle Seite der südafrikanischen Seele umhüllt. Obwohl die Gewalt immer auch Gegenstand meiner Romane gewesen ist, auch wenn sie in den Sachbüchern, die ich geschrieben habe, Thema war, hatte ich auf einmal nicht mehr den Mut zu einer weiteren Reise in die Hölle. Trotzdem tat ich wochenlang so, als schöbe ich das Unvermeidliche nur aufgrund anderer Arbeiten vor mir her. Pflichtbewusst sammelte ich ein dickes Bündel Zeitungsausschnitte zu den verschiedenen Facetten des Themas, machte mir Notizen und brachte ein paar Gedanken zu Papier. Damit verschaffte ich mir wenigstens die Illusion, dass ich wirklich die Absicht hatte, den erbetenen Aufsatz zu schreiben. Dann tat ich, was ich noch niemals zuvor gemacht hatte: ich bat um eine Fristverlängerung. Schließlich, es war am Tag vor dem Abgabetermin, und ich konnte die Sache beim besten Willen nicht länger hinauszögern, warf ich einen Blick in Dantes Inferno und las wieder einmal diese furchtbaren Zeilen: “Laßt alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet.”

Das alles klingt sehr melodramatisch, doch bitte ich Sie zu bedenken: in eben dieser Woche ging im Zentrum meiner Heimatstadt Kapstadt, mitten im Nachmittagsverkehr, eine Autobombe hoch und man kann von Glück sagen, dass niemand dabei ums Leben kam. Es war die neunzehnte Autobombe innerhalb von zwei Jahren und die dritte in diesem Monat. Die Bombe davor war vor einem Nachtklub explodiert, und bei der ersten handelte es sich um eine mittägliche Detonation in einem teuren Einkaufszentrum. Darüber hinaus fand diese Woche mit der Verurteilung von vier Mördern für eine Greueltat ihren Abschluss. Was sich ereignete, als im Gerichtssaal die Urteile verkündet wurden, offenbarte einen derartigen Riss durch die Gesellschaft und eine solche moralische Verkommenheit, dass es zumindest mir die Sprache verschlug. Diese Angelegenheit gehört allerdings in einen tieferen Vorhof der Hölle, und wir müssen uns zunächst einmal mit anderen Vorhöfen beschäftigen.

Deshalb – und gewissermaßen als Einstieg – ein paar der Notizen, die ich in den vergangenen vier Wochen angelegt habe.

Kevin (ein weißer Freund, der in Johannesburg wohnt) rief mich an, um mir zu berichten, dass er, als er gestern Abend nach Hause kam, Unterlagen vom Auto ins Haus getragen, diese im Flur auf einem Tisch abgelegt hatte und dann zurückgegangen war, um die Tür zu schließen. Da entdeckte er einen Schwarzen auf seiner Treppe, der mit einem Gewehr auf seinen Kopf zielte. Angst, Adrenalin, Geistesgegenwart, nennen Sie es, wie Sie wollen, irgendein Überlebensinstinkt befähigte ihn dazu, die Tür zuzuschlagen und den Riegel vorzuschieben, bevor der Schütze reagieren konnte. Die Erfahrung aber ließ ihn schlotternd zurück und den ganzen Tag hatte er weiche Knie.

(Ich habe mich dafür entschieden, in diesem Artikel die Menschen nach ihrer Hautfarbe einzuordnen, weil sich dadurch auf vielfältige Weise verdeutlichen lässt, wie jene Bereiche der Gesellschaft, die durch die Apartheid und in Jahrhunderten des Kolonialismus am brutalsten behandelt wurden, jetzt von einer neuen Welle der Gewalt traumatisiert werden, die in ihrer Intensität fast schon als selbstmörderisch zu bezeichnen ist. Gleichzeitig aber verringert das das Maß der Schuld des einzelnen Individuums, auch wenn ein Großteil dieser moralischen Fehlfunktionen den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zuzuschreiben ist. Trotzdem müssen die Menschen auch in diesem ganzen finsteren Durcheinander noch für ihre Taten verantwortlich gemacht werden können.)

Meine Stieftochter erzählte mir heute abend bei ihrem Anruf, dass eine Bewegung sie, als sie in einem Stau festsaß, dazu veranlasste, zu dem Auto neben ihrem hinüberzusehen, aus dem heraus der weiße Fahrer sie anstierte und dabei masturbierte.

Paul, weiß und Mitte zwanzig, beschrieb mir beim Mittagessen, wie er letztes Jahr im Auto überfallen wurde und man mit ihm ans Ende einer Piste außerhalb von Durban fuhr, wo ihn die schwarzen Kidnapper zwangen, sich am Wegesrand mit dem Gesicht nach unten auf die Erde zu legen. Dann hielten sie ihm ein Gewehr mit der Mündung an den Hinterkopf, und er dachte schon, dass sie ihn wie Meuchelmörder erschießen würden. Doch aus irgendwelchen Gründen taten sie es nicht, sondern fuhren lachend mit seinem Auto davon.

Das also heißt es, heutzutage hier zu leben. Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit meiner Freunde aus der weißen Mittelklasse ebensolche Geschichten erzählen kann. Dennoch gehören wir zu der sozialen Gruppe, die noch am wenigsten von der Gewalt in Mitleidenschaft gezogen wird. Diejenigen meiner Freunde, die in Kapstadt wohnen – der Stadt, die bei Mord, versuchtem Mord, Vergewaltigung, Überfall und Raubüberfall zur gewalttätigsten des Landes geworden ist, müssten, statistisch betrachtet, schon ziemlich viel Pech haben, mit den Schurken zusammenzutreffen, die in den aufgezählten Kategorien zu Hause sind. Selbst der oberflächlichste Beobachter der gewalttätigen Entwicklung in Kapstadt würde nur zu bald feststellen, dass Gewaltverbrechen viel häufiger in den verarmten Vororten, die von Schwarzen und Farbigen bewohnt werden, anzutreffen ist, als in den weißen Vorstädten. Kürzlich nun hat ein offizieller Bericht dieses Straßen- und Stammtischgerede bestätigt und einige weitere Details hinzugefügt, um die Gelder zu rechtfertigen, die dafür ausgegeben wurden, das Offensichtliche zu belegen. So erfahren wir aus diesem Bericht, dass die Art der Gewaltverbrechen von Vorstadt zu Vorstadt variiert. Die psychologischen Ursachen hinter dieser Vielfalt werden nicht erklärt. Die Unterschiede veranschaulichen allerdings die Dynamik, die in den jeweiligen Gemeinwesen wirkt. So weist zum Beispiel die schwarze Township Kayelitsha eine niedrigere Rate an Drogenkriminalität auf, aber eine “weit höhere Rate bei bewaffneten Raubüberfällen und angezeigten Vergewaltigungen” als, sagen wir, die Farbigensiedlungen Bishop Lavis oder Elsie’s River, in denen Drogen eine große Rolle spielen. Im Gegensatz dazu spielen in der schwarzen Township Gugulethu Schusswaffen bei Mord, versuchtem Mord, Überfall und Vergewaltigung eine herausragende Rolle. In den weißen Wohngebieten – und in Mittelklassevorstädten der Farbigen wie Athlone – stehen Diebstahl und Einbruch ganz oben auf der Verbrechensliste, dafür ist die Rate der Gewaltverbrechen weit niedriger.

“Gewaltverbrechen leisten den größten Beitrag zur paranoiden Angst vor Verbrechen”, halten die Verfasser des Berichts abschließend etwas Offensichtliches fest. Und sie weisen darauf hin, dass die Mehrzahl der Mordopfer junge Männer der Altersgruppe zwischen achtzehn und einundzwanzig sind. Genauer noch: einer der Verfasser erklärte mir, dass es meistens eine Angelegenheit “zwischen schwarzen jungen Männern sei, die einander umbringen. Hier gibt es nichts, was sich nicht mit den Großstädten von Brasilien oder der Vereinigten Staaten vergleichen ließe.”

Wenn es zum Ausbruch von Gewalt kommt, spielt gewöhnlich auch Alkoholmissbrauch eine Rolle, sei es nun in Bars, Shebeens oder in den Familien. Untersuchungen des Medical Research Council belegen, dass siebzig Prozent der Gewaltopfer, die in Kapstadts Krankenhäusern landen, einen “hohen Blutalkoholspiegel” haben. In den Wohngebieten der Schwarzen und Farbigen stehen “nahezu einhundert Prozent” der schweren Übergriffe mit Alkohol in Zusammenhang. Darüber hinaus wurde mir mitgeteilt, dass “bei einer hohen Prozentzahl der Fälle der Angreifer dem Opfer bekannt ist, es sich entweder um ein Familienmitglied oder einen Bekannten der Familie handelt. Es ist wichtig, dass man weiß, dass die meisten Gewaltverbrechen nicht von Fremden begangen werden, bei denen eine unbekannte Person in Ihr Haus einbricht und Sie angreift oder Sie in Ihrem Auto überfällt und entführt. In bestimmten Gebieten sind vor allen Dingen häusliche Gewalt und der Mord an Familienmitgliedern verbreitet, und sehr oft setzt der Partner der Frau dabei eine Schußwaffe ein.” Der Bericht erwähnt eine “vergiftete Umwelt” als Lebensumfeld für so viele schwarze und farbige Kinder. “Stellen Sie sich einen Jungen vor, der in einem chaotischen, gewalttätigen Haushalt heranwächst, der dieselbe Gewalt und das selbe Chaos zudem in der Schule und auf der Straße erlebt”, so wurde mir gesagt, “und wenn dieses Kind sechs Jahre alt wird, besitzt es bereits eine Vorstellung von der Welt, die besagt, dass es sich durchschlagen muss, indem es jedem anderen misstraut und sich hyperaggressiv verhält.” Ein wichtiger Fingerzeig hier ist der Bezug auf einen Jungen. Die meisten Gewalttäter, wenn nicht gar alle, sind Männer. Unglücklicherweise wird ihnen das, was sie tun, von den Frauen verziehen, von denen viele wissen oder zumindest den Verdacht haben müssen, dass ihre Männer, Freunde, Väter, Brüder und Onkel an den abscheulichen Verbrechen beteiligt sind, die unsere “vergiftete Umwelt” geschaffen haben.

Eine Beschreibung dieser “vergifteten Umwelt” könnte sich in etwa folgendermaßen lesen:
1) Ein achtzehnjähriger farbiger Mann wird bei einem offenkundig mit kriminellem Bandentum in Verbindung stehenden Überfall erschossen, als er sich in Woodlands, Mitchells Plain, neben einem Mini-Markt gerade mit einem Freund unterhält.

2) Tito Mboweni, der Präsident der Reserve Bank, wird in einem Laden für Autoersatzteile in Johannesburg von bewaffneten schwarzen Räubern überfallen. Ihm wird sein Handy gestohlen.

3) Nach einem Trinkgelage bringt Pieter Odendaal, der weiße Besitzer einer Baufirma, nachgewiesenermaßen seinen schwarzen Angestellten Mosoko Rampuru um, indem er ihn hinter seinem Lieferwagen herschleift.

4) Ein schwarzer, neunjähriger Junge aus Klipspruit, Soweto, der vier Jahre lang von mindestens zehn seiner erwachsenen Nachbarn missbraucht worden war, wird in ein Kinderheim eingeliefert, weil er nachweislich seine jüngeren Brüder, deren ältester erst drei Jahre alt ist, missbraucht hat.

5) Elie Ntjana, ein achtzehn Jahre alter Student aus Jeppe, einem Stadtteil von Johannesburg, wird wegen Grausamkeit und Bestialität Tieren gegenüber verurteilt, weil er eine Katze tötete und danach versuchte, sich an ihr sexuell zu vergehen.

6) Als sechs Männer an einem Rentenzahltag in der Northern Province bei einem versuchten Überfall das Feuer auf einen Geldtransporter eröffnen, werden ein schwarzer Rentner und ein schwarzer Sicherheitsbeamter erschossen und zwei schwarze Räuber schwer verwundet.

7) Eine einundzwanzigjährige Weiße wurde in ihrem Auto überfallen und vergewaltigt, als sie in der Nähe von Kempton Park, Gauteng, unterwegs war. Die Frau befand sich zusammen mit einem weißen Freund in dem Auto, als vier schwarze Männer auf die Straße sprangen und ihnen den Weg versperrten. Die Männer bedrohten das Paar mit Schußwaffen und vergewaltigten nacheinander die Frau. Bevor sie schließlich mit ihrem Auto davonfuhren, raubten sie ihr noch Schmuck und Handy.

8) Allan Meyer, ein vierunddreißig Jahre alter Drogenbaron, wird in der Einfahrt zu seinem Haus in Belgravia Estate, Athlone, erschossen.

9) Vor einem Gericht im Free State sagen zwei schwarze Elektroingenieure aus, dass Chris van Zyl, ein weißer Bauer, “uns die Sachen vom Leibe riß, mit einem Seil fesselte und dann verkündete: ’Ich werde euch zeigen, wie ich Kaffern umlege.'” Er schoss in den Boden zwischen ihren Beinen, trat sie in den Unterleib, die Rippen und die Nieren und schleifte einen von ihnen hinter seinem Motorrad her. v
10) Die Polizei der Northern Province hat in sechs Monaten ebenso viele Sangomas (Kräuterheiler) verhaftet, weil sie sich an Teenagern sexuell vergangen und Kundinnen zum Beischlaf gezwungen hatten, wollten diese von ihren Krankheiten geheilt werden. Einer der Kräuterheiler kettete einen Teenager an sein Bett und vergewaltigte ihn innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehrfach.

11) Am Nationalen Frauentag werden mindestens neun Fälle von Vergewaltigung bei der Polizei angezeigt. Zu diesen Fällen gehört auch die Vergewaltigung einer schwarzen Sechzehnjährigen und die Gruppenvergewaltigung einer schwarzen Neunzehnjährigen durch drei schwarze Männer.

12) In Zusammenfassung einer Woche schlimmster Gräueltaten veröffentlichte die Zeitung The Mail & Guardian einen Cartoon, der Südafrika bei der Therapie auf der Couch eines Psychiaters zeigt. Südafrika sagt: “Wie meine Woche war? Na ja, ich hab eine Ziege gefickt, meine Kinder als Sexsklaven verhökert (mit Ausnahme der Inzestbälger, die ich bereits um die Ecke gebracht hatte), hab mich in Kinderpornos gesuhlt und natürlich kleine Mädchen als Heilmittel gegen AIDS vergewaltigt …”

Eine derartige Liste ließe sich noch endlos lang fortsetzen. Diese Zwischenfälle habe ich jedoch aus lediglich vier Zeitungen zusammengestellt: zwei Ausgaben der Cape Times und zwei Ausgaben des Mail & Guardian, die im Juli und August des Jahres 2000 erschienen sind. Es waren mitnichten die einzigen Meldungen in diesen Zeitungen, die sich mit dem Thema Gewalt beschäftigten, doch vermögen bereits diese wenigen Meldungen eine Vorstellung von der “vergifteten Umwelt” vermitteln. Wie auch diese Zusammenstellung gewaltsamer Todesfälle, die am Montag von Safm, einem landesweiten Radiosender, gemeldet wurden, und die ich anhand meiner Aufzeichnungen rekonstruiere: Die ersten Nachrichten des Tages berichteten von fünf Toten durch Gewalt: ein Raubüberfall, bei dem eine chinesische Mutter und ihre Tochter in ihrem Juweliergeschäft in einem vornehmen Einkaufszentrum in Sandton erstochen wurden; ein Überfall auf einen Bauernhof, bei dem einer der schwarzen Täter tot zurückblieb und ihre bejahrten weißen Opfer in ernstem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten; die Ermordung eines schwarzen Politikers in KwaZulu/Natal sowie außerhalb von Soweto die Entdeckung eines unbekannten schwarzen, männlichen Leichnams mit einem Einschussloch im Schädel. Die zweiten Nachrichtensendung eine Stunde später fügte dem noch die Ermordung eines neun Jahre alten Mädchens aus einer Township bei Kapstadt hinzu, die ironischerweise den Namen Happy Valley trägt. Es handelte sich bereits um das siebente Mädchen, das in den vergangenen vier Wochen in den Wohngebieten der Farbigen um Kapstadt herum vergewaltigt und ermordet worden war. Die Nachrichten um neun Uhr morgens meldeten, dass im Verlauf des Wochenendes in und um Pretoria insgesamt neunzehn Menschen ermordet worden waren. In der zweiten Meldung dieser Sendung drehte es sich um einen Vorbericht zu einem Gerichtsverfahren, das an diesem Morgen vor dem Obersten Gericht in Kapstadt beginnen sollte. In diesem Gerichtsverfahren ging es um die Vergewaltigung, widernatürliche Schändung und brutale Abschlachtung der vierzehnjährigen Valencia Farmer durch vier junge – einer war erst fünfzehn Jahre alt – farbige Verbrecher im Juli 1999. Nach der Gruppenvergewaltigung wurde – man kann das bloß als Blutrausch bezeichnen – insgesamt dreiundfünfzig Mal auf sie eingestochen. Zudem schlitzte man ihr die Kehle auf. Wie durch ein Wunder lebte sie noch volle zwei Tage und war in der Lage, der Polizei die Namen ihrer Peiniger zu nennen. Der Terminologie der Regenbogennation zufolge war Valencia Farmer eine Farbige. Am Abend des selben Tages berichteten die Nachrichten über ein Drama in einer weißen Familie aus einem Vorort von Port Elizabeth. Ein Mann hatte seine beiden Kinder, seine Frau und schließlich sich selbst erschossen. Als nächstes wurde den Hörern mitgeteilt, dass ein Weißer in einem Vorortbahnhof von Kapstadt durchgedreht war, sich zum “Gottessohn” erklärt und fünf Menschen erstochen hatte, weil “alle, die gesündigt haben, sterben müssen”. Seiner Tobsucht wurde schließlich durch die Polizei ein Ende gesetzt, die ihn erschoss. Sie mussten allerdings ganze sieben Kugeln in ihn hineinpumpen, bevor er endlich zusammenbrach. Danach folgte eine Meldung über einen einundzwanzigjährigen schwarzen Jugendlichen aus Soshanguve, einer Township in der Nähe von Pretoria, der seine Freundin und einen Lehrer erschossen hatte, weil er glaubte, dass sie ein Verhältnis miteinander hätten.

Erhält man all diese Meldungen im Verlaufe eines einzigen Tages, dann ist unschwer zu begreifen, woher die paranoide Angst vor Gewaltverbrechen kommt. Noch fällt es schwer, sich ein Bild davon zu machen, wie sehr die “vergiftete Umwelt” alles durchdringt. Eines steht außer Zweifel: ein Leben ist nichts wert, so wenig wie in Kriegszeiten. Ohne jedes moralische Bewusstsein werden Menschen missbraucht und weggeworfen. Und noch weniger kann von Achtung des Rechts die Rede sein. Und als wäre die Gewalt nicht schon schlimm genug, ist die außerordentliche Gefühllosigkeit derer, die vergewaltigen, überfallen und töten, fast noch beängstigender als die Verbrechen, die sie verüben. Und noch schlimmer ist die extreme Gleichgültigkeit, mit der die Gesellschaft mittlerweile diese Gewalt zu tolerieren scheint. So brachte zum Beispiel eine Befragung von über sechsundzwanzigtausend Jugendlichen und Tausender erwachsener Frauen und Männer in den Elendsvierteln und Townships der Schwarzen südlich von Johannesburg das Ergebnis, das acht von zehn jungen Männern davon überzeugt waren, dass die Frauen selbst – oder zumindest teilweise – daran Schuld seien, wenn es zu sexueller Gewalt käme. Fünf von zehn jungen Frauen waren derselben Meinung. Und jeweils fünf von zehn jungen Frauen und Männern vertraten die Ansicht, dass es keine sexuelle Gewalt darstelle, wenn man jemanden, den man kenne, zum Sex zwänge. Ein Interviewer, der an dieser Befragung mitarbeitete und bei der Verurteilung von zehn schwarzen Männern zugegen war, die der Gruppenvergewaltigung eines dreizehn Jahre alten schwarzen Mädchens für schuldig befunden wurden, berichtete, dass die Eltern der Vergewaltiger die Überzeugung vertraten, dass das Mädchen selbst an der Vergewaltigung Schuld habe.

Diese Verdrehung des moralischen Gefüges in vielen Bereichen der Gesellschaft geriet während der Verhandlung gegen vier junge Männer, die der Ermordung von zwei jungen Menschen und des versuchten Mords an der Freundin der beiden auf einem malerischen Pass im Weingebiet am Kap im Juli 1999 angeklagt waren, auf erschreckende Weise erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Obwohl die Opfer weißer Hautfarbe und die Täter Farbige waren, kann man das Verbrechen nicht als rassistische Tat werten. (Man kann bei den meisten Verbrechen, die ich hier aufgelistet habe, keine rassistischen Motive unterstellen, mit Ausnahme der Übergriffe weißer Farmer/Arbeitgeber auf ihre schwarzen Angestellten und der Anschläge schwarzer Angreifer auf weiße Farmer.) Der Überfall auf dem Pass geschah aus einer zufällig sich bietenden günstigen Gelegenheit heraus. Zufällig in dem Sinne, dass die Mörder bereits beschlossen hatten, die ersten Menschen, die ihnen über den Weg liefen, auszurauben und zu ermorden. In ihrem Jargon hieß das, “jeden Scheißer umzulegen”.

Was war geschehen? An einem späten klaren Winternachmittag waren die einundzwanzigjährige Marisa du Toit, der fünfundzwanzig Jahre alte Dorian van Rendsburg und die einundzwanzigjährige Audrey Myburg zum Pass hochgefahren, um bei Sonnenuntergang den Blick über das Franschhoek Valley zu genießen. Sie hielten an einem Aussichtspunkt an, stiegen aus dem Auto und erfreuten sich an dem schönen Augenblick, als der achtzehnjährige Heinrico Pietersen, der dreiundzwanzig Jahre alte Morne Lakay, der ebenfalls dreiundzwanzigjährige Dawid Williams und der siebenundzwanzig Jahre alte Jehan Abrahams auftauchten. Lakay sprang aus dem Auto und schoss in die Luft.

Während der Verhandlung erzählte Audrey Myburg, dass sie sich “umdrehte und einen Mann mit einem Gewehr sah, aus dessen Mündung noch Pulverdampf aufstieg. Er richtete die Waffe auf uns. Er und die anderen befahlen uns, uns an der Umfassungsmauer hinzusetzen und die Taschen zu leeren. Wir folgten ihren Anweisungen und gaben Geld, Schmuck und Kreditkarten heraus. Sie fragten uns nach den Geheimnummern der Kreditkarten und herrschten uns dann an, aufzustehen und von der Mauer ins Tal zu springen. Wieder machten wir, was sie sagten und kletterten auf die Brüstung der Mauer. Dabei wurde Dorian erschossen. Marisa fing an zu weinen und ich versuchte, sie zu besänftigen. Sie befahlen uns, Dorians Leiche über die Mauer zu werfen. Sie war zu schwer für uns. Dann wurden wir angewiesen zu springen. Uns war klar, dass wir in den Tod springen würden. Wir sprangen, und ich landete auf einem Vorsprung. Marisa rutschte nach unten und griff nach einem Zweig, der über eine Kluft hing. Pietersen kam nach unten geklettert und fragte mich wieder nach meiner Geheimzahl. Ich sagte sie ihm, aber er meinte, ich würde lügen. Ich bat ihn, meiner Freundin helfen zu dürfen, doch er erlaubte es nicht. Marisa rief zu mir herüber: ’Es spielt keine Rolle, was du sagst. Er wird uns sowieso erschießen.’ Dann schoss er mir in die Hüfte. Ungefähr fünf Sekunden lang verlor ich das Bewusstsein, und als ich wieder zu mir kam, rutschte ich den Hang hinunter. Ich hörte Marisa schreien und einen weiteren Schuss. Ich hörte ihren Körper fallen. Ich stellte mich tot, damit mich diese Kerle in Ruhe ließen. Ich hörte Autos davonfahren. Ich schaffte es, mich wieder nach oben zu schleppen.” Was Audrey Myburg nicht ahnte, als sie sich tot stellte war, dass Jehan Abrahams bereits dabei war, zu ihr hinunterzuklettern, um ihr den Kopf abzuschlagen. Er kehrte nur wieder um, weil Dawid Williams ihm zurief, dass sie schnell verschwinden müssten. Danach, und auch das wurde während der Verhandlung bewiesen, fuhren die vier bei ihren Freundinnen vorbei und schenkten ihnen die Sonnenbrillen, Uhren und den Schmuck ihrer Opfer. Das Verbrechen bereitete den vier Mördern nicht die leisesten Gewissensbisse. Auch während der Verhandlung zeigten sie keinerlei Reue.

Als das Urteil verkündet wurde, war der Gerichtssaal mit den Familien und Freunden der Täter wie der Opfer überfüllt. Richter Deon van Zyl beschrieb die Männer als “unmenschliche, grausame und böse” Mörder, die “keine Spur eines Interesses an den Folgen ihrer Taten an den Tag legten”. Das rief ablehnendes Gemurmel auf den Besucherbänken hervor. Als der Richter jeden der Angeklagten aber wegen der Morde und des versuchten Mordes zu zweimal lebenslänglich und zusätzlich zu fünfzehn Jahren wegen Raubes verurteilte, brach im Gerichtssaal ein Tumult aus, der von beleidigenden Zwischenrufen gekrönt wurde. “Er hat doch nicht geschossen. Er hat niemanden umgebracht”, jammerte Jehan Abrahams’ Schwester.

“Rassist”, brüllte Lakays Freundin.
“Du hättest nie so hart zugelangt, wenn es nicht Weiße gewesen wären, die getötet wurden.”
Der Aufruhr war derartig heftig, dass es die Gerichtsdiener aufgeben mussten, die Ordnung wiederherzustellen und stattdessen versuchten, den Saal zu räumen. Die ganze Zeit über fuhr der Richter mit der Urteilsverkündung fort, obwohl ihn niemand verstehen konnte. Die Familien der Opfer wurden, weil sie Beleidigungen über sich ergehen lassen und Schlägen ausweichen mussten, unter Bewachung zu einem Hinterausgang gebracht. Draußen auf der Straße ging der Aufruhr weiter. Ein Zeitungsfotograf wurde von einem aufgebrachten Anhänger der Mörder mit einem Faustschlag niedergestreckt. Seine Kamera wurde zerschlagen. Naomi, Pietersens Mutter, brach weinend zusammen. Als sich die Menge zerstreut hatte und die Emotionen etwas abgekühlt waren, erzählte Helen, die Mutter von Lakay, den Reportern, dass ihr Sohn ein gottesfürchtiger Mensch sei, der “immer wieder versucht hat, mein Herz zu gewinnen, indem er mir Blumen schenkte”, und in der örtlichen Kirche am Heiligen Abendmahl teilnahm. Reverend Adrian Green, Williams Onkel, fügte hinzu, dass sein Neffe ein langjähriges Mitglied der Kirche sei, das “in einem Augenblick der Schwäche gefehlt hätte”. Er vertrat die Meinung, dass die Rechte der Schuldigen nicht in Betracht gezogen worden waren. Allerdings führte er nicht aus, worin seiner Ansicht nach diese Rechte bestünden.
Die Reaktionen auf die Verhandlung ließen eine Reihe von Problemen deutlich werden: erstens sind die Richter angewiesen worden, als Bestandteil der “Politik der harten Hand” seitens der Regierung, in Fällen wie diesem, in denen die Schuld außerhalb jedes Zweifels steht, nicht mit “Weichei”-Urteilen aufzuwarten. Zweitens sind in diesem Fall alle Vorwürfe des Rassismus haltlos, auch wenn man zugeben muss, dass die meisten Richter weißer Hautfarbe sind und Rassismus in manchen Fällen ihre Urteile motiviert haben mag. Zieht man die Forderungen heran, die die farbige Gemeinde im Fall Valencia Farmer nach Wiedereinführung der Todesstrafe geäußert hat, sowie die Fälle von gewaltsamen Entführungen, Vergewaltigungen und Morden, bei denen jungen Mädchen die Opfer waren, scheint es mehr als nur wahrscheinlich, dass ebendiese Forderungen auch in diesem Fall erneut erhoben worden wären, hätte es sich bei den Ermordeten um Farbige gehandelt. Was mich bei den Franschhoek-Morden aber am meisten entsetzte, war die Unfähigkeit der Familien, die Bösartigkeit des Verbrechens einzusehen, das die Täter begangen hatten. Den Worten von Reverend Green zufolge, hatten diese ungeratenen Jungen “in einem Augenblick der Schwäche gefehlt”. Eine solche Erklärung geht völlig an der Schrecklichkeit ihrer Tat vorbei. Sie wird ihrer Entscheidung, jeden “Scheißer” umzubringen, der des Weges kommt, überhaupt nicht gerecht. Sie beschreibt auch nicht im geringsten die Kaltblütigkeit, mit der sie töteten. Sie nahm zudem keinerlei Bezug auf Jehan Abrahams’ Absicht, Audrey Myburg den Kopf abzuschlagen. Noch zog sie ihre Gefühllosigkeit nach begangener Tat in Betracht. Dem Wesen nach war das, worauf Reverend Green unfreiwillig hinwies, der Zusammenbruch des moralischen Lebens: da waren angeblich gläubige Menschen, die in die Kirche gingen, in einem Glauben beteten, der die Vorstellungen von Gut und Böse, richtig und falsch hervorhebt, und die dennoch nicht dazu in der Lage waren, diese Lehren auf ihr Leben anzuwenden. Ganz deutlich wurde uns vor Augen geführt, dass die Gewalt nicht lediglich Bestandteil einer “vergifteten Umwelt” ist, sondern zugleich Ausdruck eines weit größeren Übels.

Eines Übels, das sich an vielen weiteren Beispielen der Gewalt nachweisen lässt, die ich noch gar nicht erwähnt habe. Hier ließen sich zum Beispiel die Kapstädter “Taxi-Kriege” anführen, die in den vergangenen fünf Monaten die Leben von sieben Minibus-Fahrern und drei Pendlern gefordert haben und bei denen fast dreißig verwundete Passagiere zu beklagen waren. Dieser Krieg wird zwischen den Betreibern der Minibus-Taxis, die die Pendler zwischen den Townships und der Innenstadt befördern, und dem Busunternehmen Golden Arrow, geführt, das dieselben Dienste anbietet. Aus wirtschaftlichen Gründen heraus ist der Busfahrpreis deutlich niedriger als die Preise, die die Taxi-Betreiber verlangen. Dadurch fühlten sich die Betreiber der Minibus-Taxis benachteiligt und heuerten einen Killer an, damit er auf die Busfahrer schieße. Seit mehr als zwanzig Jahren schon sind Kriege zwischen den verschiedenen Taxi-Unternehmen sowie zwischen den Taxi-Unternehmen und den großen Transportunternehmen in diesem Land einer der mörderischen Charakterzüge dieses Wirtschaftszweiges.

Weitere Beispiele dieser hinterhältigen Gewalt sind die Selbstschutztruppen, die in vielen Townships entstanden sind, in denen die Unfähigkeit der Polizei, mit der Kriminalität fertig zu werden, die Menschen dazu gezwungen hat, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Parallel dazu gibt es immer wieder Berichte über Korruption innerhalb der Polizei, die zum Zusammenspiel mit Gangstern und Taxi-Warlords geführt hat, ganz zu schweigen von anderen Formen der Kriminalität, die beständig die Bemühungen zur Verbrechensvorbeugung unterlaufen.

Zu alldem kommt noch die Entscheidung des Commissioners der Polizei, Jackie Selebi, bestimmte Verbrechensstatistiken nicht zur Veröffentlichung freizugeben und diejenigen Polizisten zu entlassen, die mit den Medien kommunizieren. Ganz offensichtlich fürchtet das Ministerium für Schutz und Sicherheit, dass die Gewalt Südafrikas Bild im Ausland trüben könnte. Doch hat einer der Kommentatoren völlig Recht, wenn er darauf hinweist, dass “eine Beschneidung des Zugangs der Medien zu Regierungsinformationen eines der ernstesten Probleme darstellt, denen sich die Nation gegenübersieht”, und dass das schwerwiegende Folgen für das internationale Erscheinungsbild des Landes hat, zumal die gesamte Region erst kürzlich durch den Missbrauch der Presse in Zimbabwe unter ein Stigma geraten ist. Ganz offensichtlich hat die Nichtveröffentlichung der Verbrechensstatistik in der Öffentlichkeit zudem die Meinung hervorgerufen, dass Gewaltverbrechen ein weit schwerwiegenderes Problem darstellen, als die meisten Menschen bislang angenommen haben.

Nimmt man das tägliche Bombardement mit Grausamkeiten, die von Radio, Fernsehen und Zeitungen berichtet werden, fällt es schwer, zu einer anderen Schlussfolgerung zu gelangen als der, dass sich das Land in den Klauen eines Krieges befindet. einer Art Bürgerkrieg. Zwar gibt es keine Schlachten, sondern nur vereinzelte Zwischenfälle – Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen, Attentate (auf Verbrecher, Warlords, Politiker, Richter), Bombenanschläge und das wahllose Feuer auf Pendler. In alldem, für sich genommen, ist wenig Sinn zu entdecken. Niemand übernimmt Verantwortung für den Terror in den Städten oder versucht gar, einen Fall zu rechtfertigen. Am ende eines jeden Tages bleibt dem Land nichts anderes übrig, als die Toten und Verkrüppelten zusammenzuzählen und sich zu fragen, welche Verzweiflung das Herz der Nation befallen hat.

Published 23 April 2001

Original in English
Translation by Thomas Brückner
First published in

Contributed by Wespennest
© Wespennest Eurozine

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