Die Theorie der feinen Leute und ich

George Blecher über die Aktualität von Thorstein Veblens “Theorie der feinen Leute” und darüber, wie die “räuberische Aggression” der “leisure class” die eigene Person durch die “barbarische Kultur von Reichtum und Wettbewerb” erfassen kann.

Kürzlich habe ich einiges Geld geerbt. Nicht genug, um mir Zugehörigkeit zur “müßigen Klasse” zu garantieren, wie sie der norwegisch-amerikanische Ökonom Thorstein Veblen genannt hat, obwohl es zu seiner Zeit wohl dazu gereicht hätte. Aber vielleicht ist es allein schon die Tatsache, dass ich ziemlich vorsichtig mit dem ererbten Betrag umgehe, die mich in die Denk- und Handelssphären der müßigen Klasse versetzt. Laut Veblen hat diese ja ihre Ursprünge in einer aggressiven, konkurrenzorientierten Kriegerklasse. Und ist nicht meine Heimlichtuerei, wie jede Geheimniskrämerei bezüglich kleinerer oder größerer Vermögen, eine primitive Form von provokantem Verhalten, um andere zum Wetteifern, zum “neidvollen Vergleich” herauszufordern?

Als ich das Geld erbte, hatte ich zunächst einmal das Gefühl, ich müsste es vergraben. Schließlich war es ja meine Versicherung gegen den Untergang, und ich musste sichergehen, dass niemand mir diese Gewähr wieder wegnahm. In einem Land wie den Vereinigten Staaten, wo der Bürger sich ohne Sozialzuschüsse durchkämpfen muss und jeder unter Kreditkartenschulden, Bildungsdarlehen, Krankenversicherungskosten und der Einsamkeit langer Bürotage leidet -, ist es da nicht vernünftig, seine Notgroschen einfach zu verbuddeln? Wenn ich mir um mein Geld schon nicht Glück kaufen kann – ein bisschen Seelenruhe sollte es doch garantieren.

Aber schnell kamen andere Gefühle in mir auf: Verlockung! Begehren! Der Wunsch nach Macht! Ich wollte meinen Reichtum vorführen, das Geld ausgeben, um anderen meine Potenz zu beweisen. Ich wollte erwerben – die “räuberische Aggression” ausüben, die Veblen zum Hauptmerkmal der müßigen Klasse erklärt.

Eine der Sachen, die ich mich entschloss zu erwerben, war eine Tweedjacke. Nun besitze ich zwar schon eine, Teil der Uniform von Veblens Gelehrten-/Dienerklasse, deren Angehöriger ich zweifellos bin. Ich trage sie gerne, aber es ist halt nur eine Tweedimitation. Jetzt, wo ich Geld hatte, wollte ich ein Sakko von Harris – und nicht irgendeines, sondern ein besonderes, eines mit mehr Tweed drin als in jedem anderen Harris-Sakko.

In seinem ersten und berühmtesten Buch, The Theory of the Leisure Class (1899, dt.: Theorie der feinen Leute1), nimmt Veblen solche Denkweisen mit äußerster Präzision aufs Korn. Er spricht von der Notwendigkeit der müßigen Klasse, Geld so auszugeben, dass es dem “Zweck des vorteilhaften neidvollen Vergleichs mit anderen Konsumenten dient” – es also auf eine Weise auszugeben, dass andere Menschen sich dabei arm vorkommen. Das kann etwa durch den Erwerb von handgemachten anstelle von maschinell gefertigten Gegenständen geschehen.

Gewisse Konsumenten sträuben sich gegen das maschinell Hergestellte, weil billig Produziertes gemeinhin als “gewöhnlich” gilt. Handgemachtes ist in der Regel teurer und gilt deswegen als “feiner”. Gemäß Veblens Gesetz vom “demonstrativen Konsum” wollen wir es alle immer den finanziell Bessergestellten gleichtun und geben ständig Geld aus, nur um unsere Finanzkraft zu beweisen.

Als ich die perfekte Tweedjacke kaufen wollte – Veblen würde meine Fixierung auf die Marke Harris als “konkurrenzorientierte Modemanifestation” bezeichnen – musste ich feststellen, dass die Preise stark variierten, wobei einzelangefertigte Jacken bis zum Fünfzehnfachen von maschinell hergestellten kosteten. Es gab einen Punkt, an dem ich sogar nach Schottland fliegen wollte, nur um mir eine Harris-Tweedjacke zu einem günstigeren Preis als in New York machen zu lassen. Aber mein Akquisitionsgelüst geriet mit meinem Sparsinn in Konflikt und schließlich kaufte ich doch eine Konfektionsjacke. Aber ich schämte mich! Ich war einfach ein Feigling, nicht in der Lage das Geld auszugeben, das mich zum Herren der Welt gemacht hätte! Offensichtlich tritt man nicht über Nacht zu den feinen Leuten über, zumindest nicht im eigenen Kopf.

Die Theorie der feinen Leute ist das Produkt einer jungen Kultur, in der die akademische Drangsal noch nicht so ausgeprägt war wie an den großen Universitäten Europas. Wenn man sie mit Freuds Traumdeutung, welche ein Jahr nach der Theorie der feinen Leute publiziert wurde, vergleicht, werden die Differenzen im Argumentationsansatz bald sichtbar. Während Freud die ersten hundert Seiten seines Buches darauf verwendet, die gesamte Literatur über Traumpsychologie durchzukämmen und seine Sache mit der nervösen Exaktheit eines Dissertanten vor der Prüfungskommission vorträgt, gibt es in Veblens Buch weder eine Fußnote noch eine Bibliografie. Auch erklärende Beispiele bringt er wenige und diese nur in großen Abständen. Obwohl von enormer Belesenheit (vielleicht eine kleine Übertreibung eines studentischen Bewunderers, aber man sagt, er hätte 26 Sprachen beherrscht), verbirgt er diese hinter mitreißenden Generalisierungen und stellt sich lieber als brillanten Amateur dar denn als Mann akademischer Legitimation. Trotzdem oder gerade deswegen erschließt sein Buch wirkliches Neuland. Es enthält die Wurzeln der Semiotik, und während andere Ökonomen der Chicago School die Spezialitäten des Großstadtlebens untersuchten, richtete Veblen seinen gottlosen Blick auf für trivial gehaltene Dinge wie Rasenanlagen, Spazierstöcke, Mode und Haustiere und spann daraus seine Verhaltenstheorien. Es ist kein Zufall, dass er zu den Gründervätern der New School for Social Research gehört, dem späteren Lehrplatz von Horkheimer und Adorno. Als Beispiel Veblens Ansichten über den Hund:

“Er ist das schmutzigste aller Haustiere, behaftet mit den widerlichsten Gewohnheiten. Dies versucht er durch eine servile, kriecherische Haltung gegenüber seinem Herrn und durch Aggressivität gegenüber allen anderen wiedergutzumachen. Er empfiehlt sich somit insofern unserer Gunst, als er unserer Neigung zur Herrschsucht entgegenkommt, und da er gleichzeitig Kosten verursacht und keinem nützlichen Zweck dient, kann er seines Prestiges versichert sein. In unserer Vorstellung verbinden wir ihn außerdem mit der Jagd – dieser so ungemein verdienstvollen und räuberischen Beschäftigung.” (141) Ausgelassen, verschroben, überzogen und dabei immer mit dem gewissen Körnchen Wahrheit: Niemand anderer könnte diese Passage so formulieren wie Veblen.

Ein kurzer Abriss von Veblens Theorie der feinen Leute: In einer fernen “anthropologischen” Vergangenheit, fern wie die verschiedenen Prähistorien, die Freud in seinem Spätwerk postuliert, existierte die idyllische Welt einer “primitiven Unzivilisiertheit”, gekennzeichnet einerseits durch Faulheit und Ineffizienz, andererseits durch “andere, für das kollektive Leben zum Teil wertvolle und ihm förderliche Eigenschaften, wie zum Beispiel Wahrheitsliebe, Friedfertigkeit, guter Wille und ein Interesse an Menschen und Dingen, das weder vom Wettbewerb noch vom Neid gefärbt war” (216/217). Eine Welt also von RousseauŒschen edlen Wilden, zum Untergang verdammt durch das Auftreten aggressiverer Gruppen, insbesondere durch den “langschädelig-blonden” Typus, sprich Arier, welchen Veblen ursprünglich in Europa ansiedelt und mit dem er Konkurrenzverhalten und Bereicherung – den “räuberischen Lebensstil” also – aufziehen sieht: “Beim Übergang zum räuberischen Lebensstil ändern sich jedoch die Bedingungen des Wettbewerbs. Gelegenheit und Anreiz nehmen an Umfang und Bedeutung zu, die Tätigkeit der Männer trägt mehr und mehr den Charakter einer Heldentat, und der neidvolle Vergleich eines Jägers oder Kriegers mit dem andern wird zusehends gewohnter und geläufiger. Die sichtbaren Beweise der Kühnheit – die Trophäen – erobern sich einen Platz in den Denkgewohnheiten der Menschen und werden allmählich zum wesentlichen Bestandteil des Lebens. Beute, Jagd- und Kriegstrophäen sind Beweise überlegener Kraft. Der Angriff wird zur gültigen Form des Handelns, und die Beute bezeugt die erfolgreiche Aggression.” (35)

Neue Machtstrukturen bildeten sich heraus, eine Herrenklasse, die körperliche Arbeit, weil diese zu wenig aggressiv war, vermied und ihre Zeit hauptsächlich mit Krieg, Jagd, Sport und frommen Bräuchen verbrachte. Frauen, gemeinsam mit Sklaven der alltäglichen Plackerei für die Gesellschaft ausgesetzt, wurden zum Besitzgut der Männer und danach wurde der Wunsch nach Besitztümern auf Güter ausgedehnt. Da Besitztum mehr auf dem Wunsch, sich selbst mächtiger als andere darzustellen, als auf Bedarf beruht, basiert es weniger auf Nützlichkeit als auf Imponiergehabe. Prestigekonsum und demonstrativer Müßiggang, die exzessive und verschwenderische Akquisition von Gütern und Zeit, begannen zu zentralen Werten der Gesellschaft zu werden. Mit der Industrialisierung wurde der Raubtrieb subtiler, Akkumulation von Reichtum wird nun zum Gesellschaftsideal. Und weil alle vom Raubtrieb heimgesucht werden und chronisch unzufrieden sind, kann “das Streben nach Reichtum schwerlich eine individuelle Erfüllung finden, und eine allgemeine Befriedigung des Wunsches nach Wohlstand kommt offensichtlich auch nicht in Frage” (48).

Veblen widmet einen Großteil seines Buches der Analyse verschiedener Aspekte der “barbarischen Kultur” des Reichtums und der Konkurrenz. Sein Ansatz ist frei, pseudoanthropologisch und eher impressionistisch als wissenschaftlich, bietet aber einsichtige Beobachtungen etwa zur wechselnden Rolle der Frau (von der beweglichen Habe zum Objekt der Bewunderung bis zum Individuum mit größerem Wunsch nach “Werknutzen” als beim männlichen Gegenspieler) sowie zum Untergang der Industriekapitäne und dem Aufkommen “seelenloser” Aktiengesellschaften. Das einzige Gegengewicht, das er einer von ihm als verschwenderisch und grausam beschriebenen Gesellschaft zugute hält, ist der “Werkinstinkt”: der Wunsch und die Notwendigkeit, Güter zu produzieren. Für Veblen verweisen die Maschine und der Ingenieur, der sie entwirft, auf einen effizienteren und weniger verschwenderischen Lebensstil, und eine Gesellschaft, die in Ingenieure und Maschinen investiert, bewertet seiner Meinung nach Kooperation höher als Konkurrenz. Man kann verstehen, dass Veblen in seinen späten Jahren einen Hoffnungsschimmer in der Sowjetunion sah, obwohl er Stalin zutiefst misstraute und eher dem Darwinismus als dem Dialektischen Materialismus zugeneigt war. Die folgende Passage über “industrielle Effizienz” gehört zum Optimistischsten in der Theorie der feinen Leute: “Der Schwerpunkt der kollektiven Interessen jeder modernen Gesellschaft liegt in der industriellen Leistungsfähigkeit. Der Einzelne dient den Zielen der Gesellschaft um so besser, je höher seine – um einen vulgären Ausdruck zu gebrauchen – produktive Leistung ist. Was dem kollektiven Interesse am besten dient, sind Ehrlichkeit, Fleiß, Friedfertigkeit, guter Wille, Altruismus, die Fähigkeit, Kausalzusammenhänge zu erkennen und sich ein Denken anzueignen, das frei ist von animistischen Überzeugungen oder vom Gefühl der Abhängigkeit von übernatürlichen Mächten, die in den Verlauf der Ereignisse eingreifen. Angesichts solch prosaischer Eigenschaften läßt sich wenig zugunsten der Schönheit, der moralischen Ausgezeichnetheit, des Wertes oder der Würde von Menschen sagen, die diese Merkmale besitzen, und man findet in der Tat nicht den geringsten Grund, sich für eine kollektive Lebensweise zu begeistern, wie sie sich notwendigerweise aus der uneingeschränkten Herrschaft der genannten Eigenschaften ergeben würde. Doch gehört diese Überlegung nicht in unsere Diskussion. Eine moderne industrielle Gesellschaft funktioniert dann am besten, wenn diese Eigenschaften gemeinsam auftreten und wenn die Menschen sie in höchstmöglichem Maße besitzen.” (219)

Nach der Theorie der feinen Leute hat Veblen eine Anzahl weiterer Bücher geschrieben, an verschiedenen Universitäten unterrichtet und ist in den freidenkerischen Zwanzigerjahren über Clubs und Diskussionsgruppen sogar kurzfristig in Mode gekommen. Populär oder nicht, er hat sich immer als einen Außenseiter gesehen, sein Denken war unsystematisch (Feine Leute war sein einziges Buch, das zumindest Kapiteleinteilungen aufweist), seine Persönlichkeit exzentrisch, nie hat er ein System entwickelt oder sich irgendeiner Denkschule angepasst. Seine nachdrücklichste Einsicht war eine negative: Von allen radikalen Denkern stellte er allein fest, dass der gewinnsüchtige Instinkt nicht auszurotten wäre. Anders als Marx, der im Kapitalismus ein Durchgangsstadium der Geschichte sah, identifizierte Veblen diesen als die dunkle und widerspenstige Seite der menschlichen Natur.

Was hat sich seit Veblen geändert? Wahrscheinlich die augenfälligste Veränderung ist der Aufbruch einer Industriegesellschaft, die Veblen noch als die einzige Hoffnung für ein gewisses Maß an Rationalität und sozialer Ernsthaftigkeit betrachtet hatte, in Richtung Osten. Ohne Industrie, impliziert Veblen, sind den räuberischen Impulsen keine Grenzen gesetzt. Und genau das ist geschehen. Die auch für amerikanische Verhältnisse außergewöhnliche Gier in den Neunzigerjahren, als die Leute nicht in konkrete Werte, sondern in Abstraktionen investierten; der obsessive Umgang mit Prominenz, um gewisse Leute von anderen zu unterscheiden; der beispiellose Schuldenberg, den US-Amerikaner angehäuft haben im Versuch, immer mehr Güter anzuschaffen -, all das könnte nicht besser in Veblens Modell passen. Die Tatsache, dass in den USA alles, Sport, Schulen, Kunst und Medizin, privatisiert wurde, ist eine weitere Entwicklung, die Veblen vorausgesagt hat. Und während der globale Kapitalismus versprochen hat, den Lebensstandard in den armen Ländern anzuheben, haben wir dort nur allzu häufig den Aufstieg von Räuberbaronen gesehen, um nichts gewinnsüchtiger als jene, die Veblens Kritik inspiriert haben.

Die vielleicht interessanteste Veränderung, zumindest in den USA, ist die Tendenz zum Mittelmaß, insbesondere bei der müßigen Klasse selbst. Schulen zum Beispiel sind viel weniger exklusiv als noch zu Veblens Zeiten. Egal wie teuer Universitäten geworden sind, Mittelklassefamilien sind bereit, horrende Schulden zu machen, nur um ihre Sprösslinge nach Harvard zu verfrachten. Die Klasse der Handwerker und Diener ist zum Großteil verschwunden, und der Lebensstil der Reichen unterscheidet sich nicht mehr in dem Ausmaß von dem der weniger Reichen. Tennis, Segeln, Fliegen war früher einmal für die Reichen und Berühmten reserviert.

Über die Hälfte des Landes scheint in den USA die Ideale einer politischen Partei zu unterstützen, deren Führer stolz die müßige Klasse repräsentieren, während der müßigen Klasse selbst offensichtlich keine Zeit zum Müßiggang mehr bleibt: Niemand in Amerika arbeitet härter. Max Weber hätte das wohl der protestantischen Ethik zugeschrieben, aber ich vermute, dass Veblen näher am Kern der Sache ist: In einer Zeit, in der die alten Oberschichtvergnügen demokratisiert sind bis auf das Niveau der Gewöhnlichkeit, gibt es wohl kein größeres Vergnügen als “die herrische Aggression” und ein “ebenso rücksichtsloses wie folgerichtiges ständisches Denken” (228).

All das scheint uns in keinem Fall Glück zu versprechen. Anstatt unsere verrückte, aggressive Last-Days-of-Rome-Demokratie noch irgendwie genießen zu können, existieren wir isolierter voneinander denn je, und die “Absenz der Selbstsucht”, die Veblen noch als eine Möglichkeit des Industriestaates voraussah, erscheint uns wie ein entfernter Traum. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung. Ich brauchte ziemlich lange, um herauszufinden, dass ich auch etwas anderes mit meiner Erbschaft anfangen könnte: einen Teil davon abgeben.

Alle Seitenzahlen der folgenden Zitate beziehen sich auf: Thorstein Veblen (1857-1929): Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Aus dem Amerikanischen von Suzanne Heintz und Peter von Haselberg. Fischer Taschenbuch Verlag, 6. Auflage, Frankfurt/M. 2000.

Published 19 March 2004
Original in English
Translated by Walter Famler

Contributed by Wespennest © Wespennest Eurozine

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