Blech und Vergoldung

Die Gedächtnislandschaft SFRJ

Ein Finanzexperte, der im öffentlichen Raum die Börsenzahlen der vergangenen Woche kommentiert, unterliegt in gewissen Fällen dem Paragraphen 34b des Wertpapierhandelsgesetzes. Er oder sie muss also das persönliche Portfolio offen legen, etwa in der Form: “Der Autor ist im Besitz von Aktien des Unternehmens X …” Die Pflicht zur Offenlegung potenzieller Interessenkonflikte ist ein Merkmal regulierter Finanzmärkte.

Eine Geschichtsexpertin oder ein Hobby-Historiker, die im öffentlichen Raum die Vergangenheit ganzer Länder und Kontinente kommentieren, einschließlich der grauenvollen Zahlen von Gewaltopfern der Kriege und Diktaturen, unterliegen keinem vergleichbaren Paragraphen. Das Recht auf Meinungsäußerung, unabhängig von der Person des Meinenden und ohne Rücksicht auf Interessenkonflikte, ist Bestandteil der Redefreiheit, ein Merkmal liberaler Staatsverfassung.

Verwunderlich ist es dennoch! Denn die öffentliche Stellungnahme zur Geschichte beeinflusst ihren Gegenstand unter Umständen weit mehr als der wöchentliche Börsenkommentar die aktuelle Kursentwicklung. Wird doch die kollektive Vergangenheit gewissermaßen erst im öffentlichen Austausch von Vergangenheitsbildern konstituiert, und ist doch die persönliche Befangenheit beim historischen Rückblick in der Regel größer als bei der wöchentlichen Rückschau auf die Kurstafel der Frankfurter Börse.

Jede persönliche Stellungnahme zur Geschichte steht im Zusammenhang mit einem persönlichen Portfolio, einer einmaligen Verstrickung, die wir niemals aufheben, in der Bemühung um Sachlichkeit und Distanz allerdings reflektieren und hinterfragen können. Unser persönliches Portfolio – das kulturelle, das soziale, das ökonomische Kapital – geht mit bestimmten Deutungen der Geschichte konform, fördert Loyalität gegenüber bestimmten Erinnerungsmilieus, weckt Misstrauen oder Hass gegenüber anderen. Kein Wunder: Das Portfolio ist ja selbst ein Produkt der Geschichte, es fußt auf Siegen und Niederlagen einer bestimmten sozialen Schicht, einer ethnischen Gruppe, eines sozialen Milieus, auf Verlusten und Gewinnen im Wechsel der Kriege und Unrechtsregime, es ist verwoben mit unserem Familienerbe, mit den Leidens- und Erfolgsgeschichten unserer Vorfahren, in der breiten Spanne zwischen KZ- und ZK-Erfahrung. Unser Blick in die Vergangenheit wird verklärt und getrübt durch ein Erbe, das uns auch emotional bewegt und verpflichtet. Offen gelegt werden die Quellen der persönlichen Befangenheit in der Regel nicht.

Das kann auch gut sein in einer Umgebung, in der die sachliche Debatte im Handumdrehen in eine Disqualifikation des Gegenübers aufgrund seiner Zugehörigkeit zu diesem oder jenem familiengeschichtlichen Lager umschlägt – in dem polaren Schema von kommunistisch versus nationalistisch etwa, einem umgepolten Relikt der jugoslawischen Ära. In produktiven Kontexten hingegen könnte gerade die Bekanntgabe persönlicher Portfolios zur Aufhebung von Denkschemata beitragen. Der Einblick in die konkreten Lebenswelten und Lebensläufe eines Familiennarrativs widerlegt die polaren Fantasmen. Er öffnet den Blick in unterschiedlichste Erinnerungsbestände und fördert somit den inter-memorialen Dialog. Er zeugt von persönlicher Verstrickung und der Unvermeidbarkeit von Interessenkonflikten, zugleich auch von der Möglichkeit ihrer produktiven Hegung in der erzählenden Offenlegung.

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Der Autor ist im Besitz eines baufälligen Sommerhauses auf einer kleinen Adria-Insel. Zur Erbschaft gehörte auch der mobile Besitz der fernen Verwandten: das gesammelte Gerümpel mehrerer Generationen. Den Kram haben wir nicht entsorgt, sondern gesichtet und gewichtet, mit Liebe fürs Detail – ein fataler Fehler. Denn Sichtung und Gewichtung haben aus dem “Gerümpel” Lebensspuren gemacht, Zeugen einer bewegten Familiengeschichte, die sich nicht mehr “entsorgen” lassen. Aus “Grundstück” und “Bausubstanz” wurde dementsprechend ein Erinnerungsort, der sich dem Abriss widersetzt und Renovierungsarbeiten behindert.

Geerbt haben wir also gewissermaßen auch das Hortungs-Syndrom der Tante S. (1918-1996), ohne jene krankhaften Ausmaße allerdings, die das Syndrom bei dieser letzten Bewohnerin des Hauses angenommen hatte. Kein wurmstichiges Möbelstück durfte entsorgt, kein Utensil ersetzt, kein Dokument in der Jugendstil-Kommode berührt werden. Die Dokumente haben das Geheimnis des Syndroms schließlich gelüftet. Der Enteignungsbescheid Nr. 3723/45 vom 8.1.1946 listet bekannte Gegenstände auf: die Möbel (“Stoff-Fauteuil, 3 Stück à 150.-“), das Geschirr (“Schüssel, Porzellan mit Deckel, 1 Stück, 90.-“), die Kleidung (“Damenhüte, mit Schachtel, 12 Stück à 20.-“), die Spielsachen (“Kinderbügeleisen, 1 Stück, 10.-“), die Utensilien (“Brotkörbchen, geflochten, 1 Stück, 10.-“), die Bücher (“Skifahren, mit Nachw. der Ustascha-Jugend”). Von den insgesamt 335 Gegenständen tauchen in dem endgültigen Gerichtsurteil 3723/45-4 vom 26.1.1946 nur noch sechs auf: 1) drei Herren-Nachthemden, 2) leichter Sommermantel, 3) kurze Unterhose, 4) Streichriemen für Rasiermesser, 5) Stock, 6) alte Herrenschuhe. Die Revision ist den Bemühungen von Großtante M. (1891-1978) zu verdanken: Enteignet wurde schließlich nur, was eindeutig ihrem Mann gehörte: dem zum Tode verurteilten, einige Jahre später aus der Haft entlassenen Volksfeind, Großonkel V. (1889-1974). Tante S., die Tochter der beiden, entwickelte eine krankhafte Bindung an die geretteten Gegenstände und eine paranoide Angst vor dem sozialistischen Staat.

Die Nachkriegsgeschichte der Familie, zwischen Arbeitsexil der Tochter und feuchtem Parterre-Dasein der Eltern verlaufend, ist ein typisches Fallbeispiel der Entnazifizierung auf jugoslawische Art. Die Jugendstil-Kommode verschweigt es nicht: In der Zeit des kroatischen Marionettenstaates der Achsenmächte 1941-45 wohnte die Familie in einer staatseigenen, vermutlich enteigneten Villa an feinster Zagreber Adresse. Zur Arbeit hatte es Dr. iur. V. nicht weit: Hügel runter, Hügel rauf, und schon war er im Zentrum der Macht, als Ministerial- und Regierungsbeamter im Wirtschaftsbereich. Nach der Kapitulation Italiens dann als Gespanschafts-Verwalter in Zadar/Dalmatien. Stimmt es, dass die baldige Absetzung von diesem Posten im April 1944 seiner politischen Unzuverlässigkeit wegen erfolgte? Wie gelangte er überhaupt in die Zentrale der Macht: Großonkel V., der notorische Trotzkopf? Und wie verhält sich sein Aufstiegswille zu seinem chronischen Geldmangel? Ein Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen, in sozialer “Mesalliance” mit einer Gutbürgerlichen. Der Bildungsweg ihrer einzigen Tochter S., vom Wiener Pensionat “Unsere liebe Frau von Sion” bis zur “Facoltà di giurisprudenza” in Rom. Ein Leben über den Verhältnissen, Verschuldung als Dauerzustand, schließlich der Weltkrieg. Und doch ein Aufatmen – in der Hoffnung auf eine gute Besoldung in den Führungsetagen der Diktatur.

Nutznießer und Opfer der Kriege können verwandt sein. Der Großonkel V. war seit einem Monat im Verwaltungsamt in Dalmatien, als sein neunjähriger Großneffe M. im Spiel mit einer Achsenmacht-Granate erblindete. Zunächst hoffte man noch auf ärztliche Hilfe; der hohe Onkel könnte doch sicher vermitteln; man setzte zum Festland über; doch der Weg zum Großonkel wurde durch Flugzeugbeschuss vereitelt. Im Luftwaffenstab der Wehrmacht an der östlichen Adriaküste diente zu diesem Zeitpunkt auch der Bordschütze J. (1921-1986), später weltberühmter Künstler, ab 1961 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Die Düsseldorfer Werkkunstschulabsolventin H. hätte theoretisch seine Studentin werden können, doch sie heiratete im gleichen Jahr den inzwischen erwachsenen M. und kam so nach Jugoslawien; sieben Jahre später wurden H. und M. meine Eltern. Hat Joseph Beuys im Dezember 1943 meinen zukünftigen Vater auf dem Rettungsweg zum Großonkel V. aus dem Flugzeug beschossen?

Der Autor dieser Zeilen bildet sich ein, dass sein persönliches Portfolio eine gute Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit kollektiven Geschichtsbildern darstellt. Zum Portfolio gehört die Erfahrung eines mehrfachen Außenseitertums als Kind einer so genannten Ausländerin und eines so genannten Kriegsinvaliden im sozialen Einheitsbrei einer Zagreber Plattenbau-Siedlung, mit hohem Anteil an Kader-Familien der Armee. Der geerntete Spott (“Sva-bo, Sva-bo!”), die horrenden Vorurteile, die hochmütige Abwehrreaktion der Familie flossen in ein Ur-Misstrauen gegenüber kollektiven Wahrheiten ein: vom tödlichen Kiez-Gemunkel bis zur tödlichen Phrasendrescherei der Polit-Bonzen im südslawischen Absurdistan. Zum Portfolio gehört auch ein neurotisches Sensorium für die Arroganz der Gesunden, Erfolgsgewohnten und Mächtigen; für das Leiden der Geschädigten und Machtlosen. Zum Portfolio gehört nicht zuletzt das schillernde Kapital einer im Schweigen und Vergessen beinahe versunkenen Familiengeschichte. Ohne persönlich durchlebte Traumata bleibt die Geschichte einerseits fern genug, um den Affektpegel gering zu halten; aufgrund der dicht gesäten Spuren von Leid und Verstrickung liegt sie andererseits nahe genug, um bohrende Fragen und die Versuchungen des Mitgefühls wach zu halten.

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Was ist im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte aus Jugoslawien geworden – im Rückspiegel der kollektiven Erinnerung? Das einfachste Bild ergibt sich, wenn man sich die mnemonischen Extremisten vor Augen hält und ihre eigenen Feindbilder zu einer Typenlehre postsozialistischer Erinnerungskultur verdichtet.

Der dominante Typus wäre in dieser Sicht der postjugoslawische Nationalist. Sein chauvinistisches Weltbild gehört im Einzelfall zum Familienerbe (zumal wenn es um Angehörige der nach 1990 wieder ins Land geeilten extremistischen Emigration geht). Mehrheitlich aber ist der Nationalist ein Wendehals und sein aktuelles Weltbild ein typisches Produkt der Umbrüche um 1990. Die Zerstörung der jugoslawischen Völkergemeinschaft erreichte er durch: a) die Entdeckung konfessioneller Unterschiede, b) die Erfindung neuer Sprachen, c) den Zwangsumbau des kollektiven Gedächtnisses, d) die Neuauflage von Grenzwächter-Mythen, e) den Einsatz von Schuss- und Stichwaffen, f) ethnische Säuberung. Das Geschichtsbild des Nationalisten ist revisionistisch (Verdrängung des Antifaschismus durch Antikommunismus), dichotom strukturiert (Patrioten versus Verräter), martyrologisch fundiert (Nationalgeschichte als Leidensgeschichte) und aufs Vorgestern fixiert (Hobbys: Umwertung der Erinnerungsorte, Aufrechnung von Opferzahlen). Sein damaliges Arrangement oder gar Identifikation mit dem funktionstüchtigen Vielvölkerstaat sucht der Nationalist heute durch das Bild vom kommunistischen Völkergefängnis und einer Sackgasse der Nationalgeschichte zu verdrängen. Der Rückblick des Nationalisten auf das Objekt seiner Zerstörung ergibt außerdem das Schreckensbild stalinistischer Diktatur, umfassender Rückständigkeit, ethnisch ungerechter Sozialsysteme, politisch korrumpierter Künste, restlos dirigierter Medien, verseuchter Landschaften und kanzerogener Lebensmittel; das Hauptopfer dieser Zustände war just die Nation des jeweiligen Nationalisten. (Ist nicht auch der Autor dieser Zeilen, der die ideologische Position seiner Eltern verschleiert und das nachträgliche Wissen vom Untergang des Staates in die nekrophile Formel vom “südslawischen Absurdistan” einfließen lässt, ein notorischer Nationalist?)

Der aus der Defensive langsam wieder in die Offensive übergehende Widerpart des Nationalisten wäre in dieser Sicht der postjugoslawische Nostalgiker. Im Einzelfall geht es um verwirrte Senioren, die ihrer Jugend nachtrauern, oder um verwirrte Adoleszenten, deren “linke” Gesinnung die lächerlichsten Aufhänger findet. Mehrheitlich aber ist der Nostalgiker ein Transitionsverlierer, der seinen verlorenen Privilegien nachtrauert, offen oder insgeheim seinem jugo-kommunistischen Weltbild treu bleibt und ein bizarres Geschichtsbild pflegt, in dem die alten Dogmen und die besondere persönliche Erfahrung – gesammelt in den Führungsetagen der jugoslawischen Diktatur – eine harmonische Verbindung eingehen. Sein Geschichtsbild ist dogmatisch petrifiziert (Titoismus, Antifaschismus), dichotom strukturiert (linke Kosmopoliten versus rechte Chauvinisten), auf paranoide Weise anational (Leugnung der Nationalgeschichte) und aufs Vorgestern fixiert (Hobby: Pflege kommunistischer Erinnerungsorte). Der Rückblick des Nostalgikers auf den untergegangenen Staat ergibt das idyllische Bild ethnischer Befriedung, umfassender Modernisierung, internationalen Ansehens, sozialer Sicherheit, blühender Künste, seriöser Medien, gentechnikfreier Lebensmittel. Der Untergang des Staates hat weniger mit seinen Schwächen, viel mehr mit seinen Feinden zu tun: den entfesselten Nationalisten, der deutschen Außenpolitik, der Verschwörung des Vatikans und des IWF. Die Schattenseiten des Systems entschärft der Nostalgiker durch den Vergleich mit Rumänien/DDR und andere Formen kontextbezogener Betrachtung; eine ebensolche Betrachtung anderer Epochen und Staaten (zum Beispiel der jüngsten Geschichte) kommt ihm nicht in den Sinn.

Damit wäre die Typenlehre postsozialistischer Erinnerungskultur bereits komplett. Selbstredend gilt sie für den ganzen postjugoslawischen Raum und für die gesamte Zeit seit der Wende: Die lokalen Differenzen und die seitherige Entwicklung lassen das Gesamtbild quasi unberührt. Zumal die trügerischen Anzeichen einer Entfaschisierung selbstverständlich nicht auf einen wahren Gesinnungswandel der notorischen Nationalisten, sondern auf den Druck von EU, UNO und NATO zurückgehen. Wie auch, in konträrer Sichtweise, der schleichende Abbau patriotischer Gesinnung und nationaler Identität selbstverständlich keinem genuinen Kräfteschwund des nationalen Geistes entspringt, sondern der Zersetzungsarbeit heimatloser Gesellen und dem globalistischen Terror von EU, IWF und WTO.

Die Vorteile der Holzschnitttechnik in der Darstellung komplexer Zusammenhänge liegen auf der Hand: Typen ersetzen das Porträt von Millionen, charakteristische Tendenzen werden zur Kenntlichkeit gebracht, der schnelle Überblick ist gewährleistet – vornehmlich für Gesinnungsgenossen sowie für Polit-Touristen im Kurzurlaub. Bei der gehobenen Variante dieses Verfahrens – exemplarisch vertreten etwa bei Dubravka Ugresic (Die Kultur der Lüge, 1995) oder jüngst bei Todor Kuljic (Umkämpfte Vergangenheiten, 2010) – kommen wir zudem in den Genuss gelungener literarischer Stilisierung oder bestechender wissenschaftlicher Systematik. Einiges muss beim Holzschnittverfahren allerdings auch geopfert werden. Wegfallen müssen alle Differenzierungen, die sich mit den naiven Fantasmen nationaler Homogenität, oder aber mit der kommoden Haltung supranationaler Äquidistanz nicht vereinbaren lassen. Vernachlässigt werden müssen alle historischen Zusammenhänge, die jenseits der willkürlich gesetzten Stunde Null der jeweiligen Erinnerungspolitik liegen (1941 versus 1991). Aus dem Blick fallen müssen alle Entwicklungstendenzen in den sozialen oder statistischen Randlagen der Gesellschaft, die unter Umständen jedoch gerade die entscheidenden sind. Der mnemonische Extremismus mit seiner grobschlächtigen Optik steht wohl im historischen Zusammenhang mit jener besonderen Unmündigkeit, die im Schatten des verordneten Geschichtsbewusstseins und seiner grob gezimmerten Kulissen in den sozialistischen Jahrzehnten gedieh. Wer ist übrigens völlig immun gegen die Versuchungen binärer Optik? Zum Glück mehren sich Anzeichen, dass zwischen den Extremen auch anderes existiert, und zwar schon lange, sogar die ganzen Jahre hindurch, und zwar in landes- und ortsspezifischer Form und Dichte.

Die Kultur der Vielfalt ist allerdings ein landes- und ortsübergreifendes Desiderat. Damit ist, neben der Öffnung des Raums auch für marginalisierte Erinnerungsgemeinschaften, vor allem die strukturelle Vielfalt gemeint, die auf der Unterscheidung, gesonderten Pflege und produktiven Zusammenführung einzelner gesellschaftlicher Bereiche und Perspektiven beruht. Die Unterschiede zwischen persönlicher Zeugenschaft, Erinnerungskultur und Geschichtswissenschaft, zwischen Gedenkstätte und Geschichtsbuch, zwischen Stammtisch und Parlament sollten endlich auch im postsozialistischen Absurdistan ernster genommen werden – ich denke jetzt konkret an Kroatien. Die Erkenntnis sollte endlich Verbreitung finden, dass jedes Leid, unabhängig von den Verirrungen, mit denen es verbunden sein mag, das Recht auf Zeugenschaft hat; dass diese Zeugenschaft aber zu keinem öffentlichen Denkmalbau und zu keinerlei Geschichtsschreibung berechtigt. Bis an die Stammtische sollte das heilsame Bewusstsein dringen, dass nicht eine, sondern unzählige Vergangenheiten existieren, dass Jugoslawien also eine zerklüftete Gedächtnislandschaft darstellt, nicht Hölle oder Paradies, sondern beides und vieles mehr; und dass ein Urteil, ganz besonders über die höllischen Aspekte, damit nicht überflüssig, sondern umso dringlicher wird. Und dass Geschichte nicht im Vergehen, sondern in der Aushandlung entsteht und daher weder am Stammtisch noch vor der Gedenkstätte, noch im Geschichtsbuch, noch irgendwo sonst jemals zum Abschluss kommt.

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Zu den Lebensspuren der Familie, deponiert in der insularen Kommode, gehört ein diskretes Grabschild aus goldfarbenem Blech, 20 x 15 Zentimeter: “Hier ruht in Frieden Dr. V. R. (1889-1974).” Das Grab von Großonkel V. – Gymnasiast, Jura-Student, k.u.k. Leutnant, Familienvater, Rechtsanwalt, Verwaltungsbeamter, Volksfeind, Häftling, Arbeitsloser – wird bis heute ordentlich geführt in den Registern der Zagreber Friedhöfe. Hatten die Verbliebenen das Grab ohne Inschrift belassen, aus Vorsicht oder Angst? Oder ist die Wahl schließlich auf ein anderes Material gefallen, dauerhafter als Blech? Seit 15 Jahren schon steht unser Entschluss, den entlegenen Friedhof aufzusuchen und den Stand der Dinge zu prüfen. Mitzunehmen wäre: ein Akku-Bohrer, zwei Schrauben, das Schild. In der Abendstille wird der Bohrer gespenstisch kreischen, als versuche jemand, einen gewaltsamen Schlussstrich zu setzen in einer zähen Geschichte. Wir werden Papa M. den Anblick beschreiben: das Grab, den Todeskitsch ringsherum, die versöhnliche Haltung der Bäume in den Alleen. Das goldfarbene Schild wird auffällig im Zwielicht schimmern, ein wenig aus nachgeholtem Trotz, ein wenig aus Scham, am meisten aus Pietät: Homines sumus.

Published 28 February 2011
Original in German
First published by Wespennest 159 (2010) (German version)

Contributed by Wespennest © Svjetlan Lacko Vidulic / Wespennest / Eurozine

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