Zugehörigkeit zum Westen

Gedanken über die Todesstrafe, die Türkei und die Europäische Union

Soll die Türkei ihre kulturelle und politische Zugehörigkeit an der westlichen Welt orientieren oder hat sie doch eine Sonderstellung inne? Und welche Argumente außer den vielzitierten wirtschaftlichen Aufstiegschancen sprechen für einen Beitritt der Türkei in die Europäische Union?

Die Blick – und Marschrichtung der Menschen aus der Türkei war stets auf den Westen ausgerichtet. Das galt auch zu dem Zeitpunkt, als sie von Mittelasien aus, wo sie seit Jahrhunderten als Nomaden lebten, in den Mittleren Osten auswanderten, dort sesshaft wurden, das Osmanische Reich gründeten und Konstantinopel-Istanbul zu seiner Hauptstadt machten. Diese Orientierung nach Westen ist so ausgeprägt, dass wir alle, unsere Geschichtslehrer eingeschlossen, betrübt waren, wenn wir in den Schulbüchern nach der Lesart der offiziellen Geschichtsschreibung lesen mussten, dass “die Osmanen bis vor die Tore Wiens kommen konnten, aber von dort aus (herrjeh, nur bis dahin!) nicht mehr weiter”. Kein türkisches Kind wuchs auf, ohne im Geschichtsunterricht diese Trauer in sich gespürt zu haben, weil wir nicht weiter als Wien nach Westen gekommen waren. Umgekehrt kann kaum die Rede davon sein, dass wir ein vergleichbares Empfinden bezüglich der entgegengesetzten Himmelsrichtung, der des Ostens, in uns trügen.

Das ist keine Denkart, die nur uns zu eigen ist. Während meiner Kindheit in den sechziger und siebziger Jahren, waren die in Italien produzierten Comics mit den Abenteuern von amerikanischen Helden wie Tom Miks, Teksas und Zagor die am meisten gelesenen. Interessant war, dass auch die amerikanischen Comichelden in diesen Büchern stets gen Westen zogen, ausschließlich nach Westen. Mit meinem kindlichen Verstand versuchte ich eine Antwort auf die Frage zu finden: Vom Westen aus gesehen, befanden wir uns im Mittleren Osten. Warum wollten aber ausgerechnet diese Amerikaner, die ja selbst im Westen lebten, noch weiter nach Westen ziehen? Auch wenn ich damals keine plausible Antwort auf diese Frage finden konnte, verstand ich schon, dass der Westen eine sehr heilige und wichtige (!) Himmelsrichtung sein musste.

Wie alle meine Altersgenossen, deren gebildete Eltern sich als republikanische Revolutionäre verstanden, wurde auch ich mit dem revolutionären Gedankengut Atatürks großgezogen. Dazu gehörte auch der folgende Satz aus Atatürks berühmter Rede, die er anlässlich des 10. Jahrestages der Republikgründung hielt: “Wir werden unsere nationale Kultur auf ein Niveau bringen, das über dem der modernen Zivilisationen liegt!” Diese Aussage beinhaltete den universalen und zugleich anspruchsvollen Wunsch, der eigenen Nationalkultur einen Platz auf der Ebene der hochentwickelten zeitgenössischen Zivilisationen zu verschaffen. Sie gab allerdings Anlass für eine in der Türkei immer noch verbreitete Fehlinterpretation, weil die darin enthaltene Zieladresse “moderne Zivilisationen” mit “westlichen Zivilisationen” gleichgesetzt wurde. Aber Japan zum Beispiel, ein Land, dem es gelang, einen Platz unter den modernen Zivilisationen für sich in Anspruch zu nehmen, hat eine geographische Adresse, die im Osten liegt. Auch wenn sie heute nur noch in Geschichtsbüchern existieren, lagen viele Zivilisationen, die ihre Zeit prägten, geographisch gesehen im Osten, wie zum Beispiel die ägyptische, griechische, arabische und osmanische Zivilisation. Jedes Mal, wenn ich an diese Kursabweichung auf unserem kulturellen Kompass denke, für die wir viele Generationen lang einen hohen Preis bezahlt haben und heute noch zahlen, fällt mir unweigerlich der Roman Die Blendung des großen Elias Canetti ein.

Die Türkei steht vor Problemen wie Korruption, Armut und deren Folgeerscheinungen wie Chaos, Vertrauensverlust und Ausbildungsmisere. Bestimmte Themen wurden bis vor kurzem, nicht zuletzt wegen der orientalischen und islamischen Einflüsse in unserer Kultur, stets tabuisiert; über sie wurde, wenn überhaupt, nur innerhalb einer intellektuellen Elite diskutiert. In den letzten Jahren, in denen wir zumindest in technischer Hinsicht den Anschluss an das 21. Jahrhundert gefunden haben, wird diesbezüglich zunehmend auch in breiteren Bevölkerungsschichten gesprochen und (in Fernsehen, Internet und in Printmedien) öffentlich diskutiert. Bei diesen Themen handelt es sich um Meinungsfreiheit, die Nutzung der Muttersprache für alle Angehörigen der im Land vertretenen Kulturen, einschließlich der kurdischen Kultur. Auch bestimmte Begriffe aus dem Koran, die Abschaffung der Todesstrafe, das Verlangen nach einem transparenten Regierungsapparat, der für sein Handeln dem Volke gegenüber zur Rechenschaft gezogen werden kann, sind inzwischen Diskussionsgegenstand. Es sind also Themen, die anzusprechen in anderen Ländern mit muslimischer Bevölkerung nicht einmal im Traum vorstellbar wären. Und die Entstehung dieses Diskussionsforums zum jetzigen Zeitpunkt ist weder auf einen Zufall, noch auf ein Wunder zurückzuführen.

Während der Buchdruck im Osmanischen Reich aus Zensurgründen erst 300 Jahre nach seiner Erfindung eingeführt wurde, fanden das Internet und die privaten Fernsehsender zeitgleich mit Europa Eingang in die Türkei. Der Wunsch der Menschen in der Türkei nach einer Verbesserung ihres Lebensstandards in ökonomischer Hinsicht und auf der Ebene der individuellen Freiheiten erfuhr eine Beschleunigung durch diese technologische Revolution. Technologien alleine aber nutzen nicht. Begriffe, die keine gesellschaftliche Akzeptanz finden, sind in der jeweiligen Gesellschaft nicht überlebensfähig. Wir streben heute die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an und können auf dem kulturellen Weltatlas als ost-mediterrane Menschen aus der Türkei bezeichnet werden.

Die von mir in meinen beiden letzten Romanen Kumral Ada – Mavi Tuna (Mediterranean Waltz) und Uzun Beyaz Bulut-Gelibolu (The Long White Cloud-Gallipoli) hervorgehobene Definition unserer kulturellen Identität als “Türken aus der Türkei” und zugleich “Ost-Mediterraneer” löste eine heftige Diskussion unter den türkischen Intellektuellen aus. Manche beschuldigten mich, von Europa verblendet zu sein. Andere wiederum machten sich diese Definition zu eigen. Meine Definition soll nur daran erinnern, dass die Zugehörigkeit zum ost-mediterranen Kulturraum etwas anderes ausdrückt, als die Zugehörigkeit zum Euro-Asiatischen. Ich denke, dass unsere Kultur im 21. Jahrhundert mit balkanischem, ägäischem, kaukasischem, persischem und mittelöstlichem Einfluss durchaus orientalische und zugleich mediterrane Züge trägt. Für mich hat diese Feststellung nichts damit zu tun, unsere orientalischen Eigenschaften ablehnen zu wollen.

Als Ost-Mediterraner jedenfalls ist uns bekannt, dass die Osmanen, unsere Ahnen, mit den Reformen des Kaiserlichen Erlasses von 1839 zum ersten Mal ihren Wunsch nach Europäisierung offiziell bekundeten, weil Europa die Werte des Westens verkörperte. Uns ist aber ebenfalls bekannt – weil im Geschichtsunterricht sorgsam beigebracht-, dass diejenigen reformistischen Herrscher der Osmanen, die die Orientierung nach Westen einleiteten, von den konservativen und radikal-islamischen Gegenreformern dafür grausam bestraft wurden. Denn in unserem Land haben die Bemühungen um die gesellschaftliche Modernisierung bisher nie die volle Akzeptanz in der Gesellschaft finden können. So wurden auch die nach der Gründung der Türkischen Republik (1923) eingeleiteten Reformen in den Bereichen der Ausbildung und der ökonomischen Entwicklung von den gleichen Kreisen sabotiert, deren Interessen nicht in der gesellschaftlichen Aufklärung lagen. So wurden den Modernisierungsbemühungen ihre wichtigste Grundlage entzogen, nämlich die der Unterstützung durch die breite Masse der Gesellschaft. Zuvor aber, noch zur Zeit des Osmanischen Reiches, wurde mit dem Kaiserlichen Erlass von 1856 (dem sogenannten Neugestaltungserlass) der zweite bedeutende Reformschritt auf dem Wege der Europäisierung eingeleitet. So gesehen, kann das im August 2002 im Türkischen Parlament beschlossene Reformpaket, das unter anderem die Aufhebung der Todesstrafe, die freie Nutzung der Muttersprache für die Minderheiten und die Festschreibung des Rechts auf Meinungsfreiheit beinhaltet, als unsere dritte große Reformbewegung bezeichnet werden.

Bevor ich mich auf den Weg zur Bozcaada-Insel begab, wo ich einen Vortrag auf einem Türkisch-Griechischen Freundschaftsfestivals im Rahmen der Europäischen Union halten wollte, kaufte ich mir eine Flasche Sekt. Auf dieser schönen ägäischen Insel mit dem griechischen Namen Tenedos, auf der – wenn auch nur noch wenige – Griechen mit den Türken zusammen leben, wollte ich mit der Flasche Sekt das neue Gesetz zur Abschaffung der Todesstrafe feiern, welches wenige Tage zuvor verabschiedet worden war. In dem sehr typisch türkischen Kaffeehaus, in dem ich meinen Vortrag hielt, versuchte ich Blickkontakt zu den Dorfbewohnern herzustellen, die gekommen waren, um mir zuzuhören. Dann las ich ihnen die folgende Passage aus einem Artikel vor, den ich vor einigen Monaten in meiner Kolumne Salz/Pfeffer in einer Tageszeitung veröffentlicht hatte: “Wir müssen die Todesstrafe abschaffen, nicht etwa, um in die Europäische Union aufgenommen zu werden. Wir müssen sie abschaffen, weil wir unseren Kindern eine freiere, reichere und transparenter regierte Türkei vererben wollen. Wir müssen sie abschaffen, weil die Todesstrafe uns nicht gut ansteht.” In dem Moment, als ich diese Worte sprach, fiel mir jedoch ein, wie frisch noch die Kindheitserlebnisse der Generation meines Vaters sein müssten. Die Bilder von an Galgen hängenden Menschen, die zur Abschreckung auf zentralen Plätzen der Städte hingerichtet wurden, mussten dieser Generation noch in den Knochen sitzen. Die Vorstellung über diese angsteinjagenden Szenen liess mich erschaudern. Ein Kältegefühl, in Nebel verhüllt, wie die Darstellung Alt-Londons in Dickens´ Romanen, scharf wie eine Guillotine, deren Erfinder zu sein, die Franzosen nie stolz machte. Ich musste daran denken, dass der Spruch “Man bräuchte bloß drei von der Sorte auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul hängen lassen, dann würden die restlichen schon stramm stehen” diese Zeiten überlebt hatte, auch wenn nur als geschmackloser Stammtischwitz. Trotzdem, dieser groteske Spruch trug in sich soziokulturelle Spuren, die noch nicht ausgestorben waren. Ich erinnerte mich der verschwommenen Bilder der Vollstreckung von Todesurteilen an dem ehemaligen Ministerpräsidenten Adnan Menderes (1961), zu dem ich keinerlei politische Nähe empfinde und an den drei linken Studentenführern (Gezmis, Inan und Aslan) (1972), die wegen ihrer politischen Gedanken und Aktionen zum Tode verurteilt wurden, obwohl sie niemanden umgebracht hatten (1972). Ja, auch im Gedächtnis meiner eigenen Generation hatten Hinrichtungen ihren Platz.

Der arabische Journalist Emir Tahiri leitete seinen Artikel vom 8. August 2002 in der Zeitung Sarküleswat mit den Sätzen ein: “Noch vor dem Ende des Sommers werden der einzige Henker in Istanbul und seine beiden Gesellen arbeitslos werden … Mit der Aufhebung der Todesstrafe hat das türkische Parlament den Henkern das Handwerk gelegt.” Er führte weiter aus, dass die Abschaffung einer der wichtigsten Strafmaßnahmen in der islamischen Welt durch das türkische Parlament zumindest Anlass für diesbezügliche Diskussionen in anderen islamischen Ländern geben könnte. Die Türkei, in der seit 18 Jahren sowieso kein einziges Todesurteil mehr vollstreckt wurde, könnte als weltweit einziger laizistischer Staat mit muslimischer Bevölkerung tatsächlich eine Vorreiterrolle in der islamischen Welt übernehmen.
Aus all diesem Optimismus darf allerdings nicht die irreführende Annahme abgeleitet werden, die Abschaffung der Todesstrafe hätte in der Türkei eine entsprechende gesellschaftliche Akzeptanz gefunden. In dieser von politischer Verunreinigung, hoher Inflation und Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Phase, in der das Bruttosozialprodukt des Landes auf 2.200 US $ pro Jahr und Bewohner sank und in der die Qualität der Ausbildung einen hoffnungslosen Tiefstand erreicht hat, machte das Parlament mit dem Reformpaket kurz vor den vorgezogenen Wahlen ein Wahlgeschenk an das Volk, das sich von dem Beitritt in die Europäische Union die Lösung aller dieser Probleme erhofft. So wie in Frankreich, in den USA und (vor allem gerade in der letzten Zeit) in England weite Kreise der Bevölkerung die Todesstrafe befürworten, so existieren solche Kreise auch in der Türkei.

Besonders brisant sind die Bestrebungen, die Situation des PKK-Führers Öcalan politisch auszunutzen, der für den Tod von mehr als 30.000 Menschen durch terroristische Angriffe verantwortlich gemacht wird und nunmehr durch die neue Reform der Todesstrafe entgeht. Die nationalistische Partei der Nationalen Bewegung(MHP) scheint entschlossen zu sein, die in der Person Öcalans personifizierte, abschreckende Wirkung der Todesstrafe konsequent zum Wahlkampfthema zu machen. Es scheint, als würde es den Politikern in der Türkei wiederholt gelingen, emotionale Themen und berühmte Personen – es sei dahin gestellt, ob sie für das “Gute” oder für das “Böse” herhalten müssen -, trotz der Fülle der ungelösten Grundprobleme wie Arbeitslosigkeit und Ausbildungsmisere, als Wahlkampfmittel zu instrumentalisieren.

Viele der jetzt eingeführten wichtigen Reformen, vor allem die Abschaffung der Todesstrafe und das Bekennen zur Meinungsfreiheit, konnten noch keine Akzeptanz in breiten Bevölkerungsschichten finden. Daher nickten meine Zuhörer beim Festival über die Europäische Union in Bozcaada zustimmend mit dem Kopf, wenn ich ihnen erzählte: “Das Bruttosozialprodukt unserer Nachbarn in Griechenland beträgt 11.000 US $ pro Jahr und Person. Wenn wir auch diesen Einkommensstandard erreichen wollen, müssen wir der EU beitreten und folglich müssen wir die Todesstrafe abschaffen.” Wenn ich ihnen aber erzählte, dass wir die Todesstrafe abschaffen müssen, weil sie uns nicht gut ansteht, stellten sie sich taub und starrten mich teilnahmslos an.

Am selben Abend feierten wir in einem ehemals griechischen Weingut die Abschaffung der Todesstrafe mit meinem italienischen Sekt, begleitet von Nilüfers vorzüglichem Auberginenkebap mit Ingwer und Gewürznelken. Wir, die intellektuellen Türken, waren, so wie seit den Reformen des Kaiserlichen Erlasses von 1839 wieder unter uns; keiner der Dorfbewohner war dabei. Ich musste an ein amerikanisches Sprichwort denken, das ich sehr schätze: “Freiheit ist wie Geld; man muss sie verdienen können, ohne sie auszugeben.” Von weitem aus konnte man ein schönes mediterranes Lied wahrnehmen, dessen Bouziki-, Saz- und Gitarrenklänge die Ufer der Insel von beiden Seiten des Ägäischen Meeres streiften.
Dieser Essay basiert auf einer Rede anlässlich eines Türkisch-Griechischen Freundschaftsfestivals am 12. August 2002 auf der Insel Bozcaada. Er erschien am 20.10.2002 erstmals auf Deutsch in der Zeitschrift Freitag. Eurozine veröffentlicht diesen Essay mit freundlicher Genehmigung von Freitag.

Published 28 November 2002
Original in Turkish
Translated by Tarik Seden

Contributed by Varlik © Buket Uzuner Freitag Eurozine

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