Visualisierung oder Vision

Bilder bestimmen zunehmend unsere Welt und unseren Alltag, in der Werbung, der Unterhaltung, der Politik, selbst in der Wissenschaft beginnen sie, sich vor die Sprache zu drängen. Vor allem die Massenmedien fluten unsere Sinne täglich. Scheinbar haben die Bilder den – nie ausgerufenen – ‘Paragone’ zwischen Wort und Bild für sich entschieden. Doch umstritten bleibt, ob das Wort oder das Bild am Anfang war oder wer von beiden am Ende ist. Hat gar das Bild das letzte Wort? Die gesteigerte Aufmerksamkeit für alles Bildliche rückt die Frage ins Blickfeld, was ein Bild überhaupt sei: Urbild und Abbild, Vorbild und Nachbild, Bild und Gegenbild; uns begegnen Kopien ohne Originale, Simulationen und Simulacra, Modelle und Metaphern, Wunschbilder, Wahnbilder und Trugbilder – es gilt, das gesamte Bildregister semantisch zu prüfen und in den jeweiligen theoretischen und praktischen Verwendungszusammenhängen zu präzisieren. Um den anschwellenden ‘Bildersturm’ (Genitivus subjektivus) mit Augenmaß bewältigen zu können, bedürfte es einer Bild-Kompetenz, die unserer Schriftkultur fehlt. Der Analphabetismus ist hierzulande weitgehend überwunden, das Problem des ‘Anikonismus’ oder der Unfähigkeit, Bilder angemessen zu interpretieren, ist indes noch nicht einmal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.

In den Wissenschaften avancierte das Bild zum eigenständigen Werkzeug des Denkens. Bilder zählen als Argument und Beweis, sie dokumentieren und entwerfen, modellieren und simulieren, zeigen Sichtbares und Unsichtbares. Um ein aktuelles Beispiel zur Visualisierung aufzugreifen: Dieses Jahr wurde der Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung und Entwicklung des ‘grün fluoreszierenden Proteins GFP’ vergeben. Mit seiner Hilfe kann man die Bewegung und Interaktion der eigentlich unsichtbaren Proteine verfolgen und etwa die Verbreitung von Krebszellen oder die Entwicklung von Nervenzellen beobachten. Etwas zuvor Unsichtbares wurde sichtbar gemacht. Und auch die Kunst wurde dadurch inspiriert: So implantierte der Künstler Eduardo Kac einem Kaninchen das fluoreszierende Protein einer Tiefseequalle. Das Säugetier leuchtete unter UV-Strahlung grün und trug dem Künstler den Ruf ein, die ‘transgene Kunst’ begründet zu haben. Darüber berichteten die gegenworte bereits ausführlicher (in Heft 9 über Wissenschaft und Kunst im Jahre 2002).

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: die Visualisierung eines Bildes im Bild. Die Entdeckung eines bislang verborgenen Bildnisses in einem Porträtgemälde von Robert Campin wurde von den Presseagenturen gemeldet und von einigen Kunstkritikern als Sensation gefeiert. Die Visualisierung des Miniatur-Porträts im Fingerring der eigentlich Porträtierten erfolgte durch vielfache Vergrößerung einer digitalen Abbildung. Der aufgetauchte Schemen wurde zunächst als Selbstbildnis des Künstlers gedeutet, jedoch folgte das Dementi der das Original verwahrenden National Gallery in London auf dem Fuße und machte die computergestützte Visualisierung zur Makulatur: Das angeblich vom Künstler versteckte und jetzt entdeckte Porträt entpuppte sich als ein Riss in der Farbe. Die Entdeckung erwies sich als Wunschbild und Trugbild in einem. Visualisierung oder Vision? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Wissenschaft in ihren unterschiedlichen Disziplinen, sondern auch die Kunst, die allerdings schon immer und eher als die Wissenschaft wusste: “Man im Bilde gern genießt, was im Leben uns verdrießt!”

Published 7 January 2009
Original in German
First published by Gegenworte 20 (2008)

Contributed by Gegenworte © Gegenworte / Eurozine

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