Ein heimatloser Lokalpatriot

Betrachtungen über Novi Sad und Serbien vor und nach den Balkan Kriegen.

In meinem vor dem Krieg geschriebenen Essaykranz nannte ich mich einen heimatlosen Lokalpatrioten aus Novi Sad, doch bis die Miniatur-Essays auch in Buchform unter dem Titel Peremvidéki élet [Leben im Randgebiet] erschienen, war der heimtückische Krieg ausgebrochen: Ein Vielvölkerstaat war in Begriff zu zerfallen. Die Antizipation rächte sich: Die Heimatlosigkeit wurde zu einem alltäglichen Erlebnis, der Lokalpatriotismus hingegen absurd. Ich machte die Erfahrung, dass es nichts Qualvolleres gibt als das Zerfallen eines Staates, bei dem der eine Teil der Staatsbürger sein Blut dafür vergießt, damit dieser endgültig verschwinde, der andere Teil hingegen sein Blut vergießt, damit er auferstehe. Sowohl in der einen Gruppe als auch in der anderen entstehen neuere Differenzen in jener Frage, warum er verschwinden müsse oder warum er aber auferstehen solle.

Der heimatlose Lokalpatriot fand seinen Platz in dieser Zukunft nicht. Das Durcheinander wurde beherrschend, im späteren Verlauf plante allein die rohe Gewalt mit ihrer rustikalen Sprache die Zukunft.

Eine andere Planungskraft fand sich nicht, denn es war ja kein Bürgerkrieg ausgebrochen, sondern die Nationen waren in Konfrontation miteinander gelangt. Im Bürgerkrieg ist, sieh da, auch das noch besser, dass man letzten Endes zwischen den Ideen wählen kann, man sich für das Alte oder das Neue, für das Gute oder das Böse entscheidet, oder eben Außenstehender bleibt; im ethnischen Krieg ist die Möglichkeit der Wahl nicht gegeben, der Einsatz ist ein viel höherer und somit auch beängstigender. Im ethnischen Krieg kann das Individuum nicht frei entscheiden, dieser Krieg schließt all jene aus, die nicht in die Geschichte der einander gegenüberstehenden Parteien gehören. Infolgedessen beraubt dieser Krieg denjenigen seiner Heimat, der nicht in die eine oder andere große Nationalgeschichte, in die eine oder andere Kollektivität hineingeboren wurde. Individuum bleibt nur der, der aus der großen kollektiven Erzählung ausgestoßen wurde, der zur Verbannung verurteilt wurde, also seinen klaren Verstand und seine persönliche Autonomie bewahrt, doch dafür bezahlt er mit einem hohen Preis, mit der Heimatlosigkeit. Eine Heimat findet allein der Kollektivismus, dies gilt auch für jene Ausnahmen, die ihn nur halbherzig akzeptieren.

Gnadenlose Wirklichkeit wurde das, was ich vor dem Zerfall Jugoslawiens und zu Beginn dessen nur auf der Ebene des Lebensgefühls formuliert habe, was eventuell einem schlechten Allgemeinbefinden entsprang, oder ich könnte auch sagen, was ich als Symptom meiner kulturellen Neurose freilegte. Der Begriff des heimatlosen Lokalpatriotismus verlor seine romantische Aura und das aus dem (National)Staat ausgeschlossene Individuum stellte bildlich den hoffnungslosen Kampf dar. Es hatte die Bedeutung einer Sehnsucht nach einer neuen und andersgearteten Region, es repräsentierte eine an die bürgerliche Landeseroberung erinnernde Nostalgie in einer solchen Welt, in der die bürgerlichen Grundlagen vollkommen fehlten.

Nach dem Zerfall Jugoslawiens entfaltete sich die Tragödie Novi Sads: Die bürgerliche Tradition wurzelte in der Nostalgie nach der “sündigen” Monarchie, in der historischen Heimatlosigkeit, das heißt in einem Topos, den der Nationalstaat zwangsläufig verachtet und als feindschaftliche Vorstellung bezeichnet hatte. Novi Sad musste sich zwangsläufig balkanisieren, denn das donauländische Gleichgewicht war ins Schwanken geraten, sobald es nicht mehr in das gleiche Staatsgebilde gehörte wie Ljubljana und Zagreb. Der Zerfall des einstigen Jugoslawien warf den Schatten des Verdachts auf jenes hybride Paradigma Novi Sads, das an der Grenze zwischen Mitteleuropa und dem Balkan im Zeichen der Andersartigkeit geboren war. Damit verlor Novi Sad sein autonomes Image und verwandelte sich in eine Provinz Belgrads.

Die Wahrheit muss ausgesprochen werden! Novi Sad sagte den Regionen den Krieg an, mit denen es durch seine Traditionen verknüpft war, man könnte auch sagen, dass es zeitgleich mit dem Zerfall des Staates auch seine eigene Vergangenheit beseitigte. Möglich, dass dies eine temporäre Kriegserklärung war, die nationale Euphorie wird nicht ewig anhalten, doch der Krieg hat stattgefunden, die Kriegshandlungen des Armeekorps von Novi Sad in Baranya wurden durch zahlreiche Mehrparteienwahlen legalisiert. Die Gefechtslinie war nicht weit von Novi Sad, die Nähe der etwa hundert Kilometer entfernt liegenden Front von Baranya gab der Himmel bekannt und spürten auch die Straßen. Dort oben kreisten Militärhubschrauber, den Himmel zerfurchten Jagdflugzeuge, auf der Fahrbahn rasten die Rettungswagen mit ihren Sirenen, die Straßen der Stadt waren von Soldaten in Tarnkleidung bedeckt.

An diese äußerlichen Dinge, ich könnte sie gar nicht alle aufzählen, passte ich mich relativ schnell an. Über die Kriegsmeldungen im Rundfunk oder Fernsehen war ich eine Weile empört, später waren sie mir gleich, und so ging es mir auch mit den militärischen Idiomen in der Umgangssprache oder der Sprache auf der Straße. Ich nahm zur Kenntnis, dass die Welt eine andere Sprache spricht. Die Lüge warf mich nach einer Zeit nicht mehr um, ich schützte mich nicht einmal mit der Erklärung, dass ich es sowieso nicht glaubte, sondern versuchte eher, aufmerksam zuzuhören und die Wahrheit aus der Lüge herauszuschälen. Und die Wahrheit war, dass ich eine Heimat verloren hatte, in der ich aufgewachsen war, in der ich meine Lebenserfahrung erworben hatte. Die Erfahrungen hatten auch ansonsten ihren Wert verloren, doch auch ihre Glaubwürdigkeit. Nach dem Berliner Mauerfall hatten sich das Ideensystem, der politische Diskurs derart verändert, dass es unmöglich war, sich auf die Vergangenheit zu berufen, denn diese beglaubigte nichts mehr. Der Bestand an Begriffen hatte sich demokratisiert, der Diskurs hatte sich verändert, die Realität jedoch nur gewissermaßen, doch der Diskurswechsel verdammte uns alle dazu zu heucheln, als habe sich auch die Realität verändert. Während der Verleugnung der Deformationen des alten Systems spazierten wir unumgänglich in diese Falle hinein, wir mussten uns selbst irreführen, um nicht Gefangene der kompromittierten Vergangenheit zu werden.

Der Zerfall eines Staates bringt unumgänglich ein apokalyptisches Allgemeinbefinden mit sich, insbesondere in den Städten, wo dies in alle Poren des Lebens eindringt. Während dieser Zeit hielt ich mich viel in meinem Heimatdorf auf, wo diese Veränderung nicht in dem Maße zum Ausdruck kam, nicht weil die Menschen auf dem Lande anders dachten, sondern weil die menschlichen Beziehungen einen bescheideneren, doch abgeklärteren Wirkungskreis besaßen. Das Gewebe der dichten, doch übertragenen und deshalb schwankenderen Beziehungen in der Stadt begann sich rasch aufzulösen: Ehen explodierten, Familien zerfielen, Freundschaften gingen kaputt, und all dies ging automatisch von statten, entfachte nicht den Wunsch nach Selbstreflexion. Die sozialistische Wertordnung fiel auseinander, doch eine andere wurde nicht geboren, eine wilde und extreme Improvisation gewann Oberhand, die den Anschein der Veränderung schuf. Bei den Mehrparteienwahlen stimmte die Mehrheitsnation für die kriegerischen nationalistischen Parteien, da sie das Gefühl hatte, der Zerfall Jugoslawiens sei eine frevlerische Verschwörung gegen die serbischen nationalen Interessen.

Auf dem Amselfeld empfingen Millionen jene Ankündigung, dass die nationalen Interessen, wenn notwendig, auch mit Waffen verteidigt würden, mit Jubelgeschrei. Belgrad schwamm im Freudentaumel bei der Aufhebung der Autonomien der Wojwodina und Kosovos. Auch das Erscheinungsbild Novi Sads veränderte sich, die mehrsprachigen Aufschriften verschwanden langsam von den Gebäuden der Stadt, grobe Hände rissen unter Leitung der klassischen Schriftstellerpersönlichkeit der serbischen Literatur die mehrsprachige Aufschrift sogar von der Wand des wojwodinischen Schriftstellerverbandes, unter der Leitung derjenigen Person, die im späteren Verlauf triumphierend verkündete, der Kommunismus sei auch prawoslawisch inspiriert und dieser Wert dürfe nie in Vergessenheit geraten. Der Kommunismus sei demnach – aus religiösen Gründen – ein bleibender nationaler Wert. Die ungarische, rumänische und slowakische Sprache wurde aus dem öffentlichen Leben, den Behörden verdrängt, all dies informierte bildlich darüber, dass aus den sozialistischen Ruinen ein neuer Nationalstaat enstand. Der Bau des Nationalstaates begann in den Städten, das Lumpenproletariat der Vorstädte wurde zum Tagelöhner der Nation.

Nur dass es eine viel unmöglichere Aufgabe ist, aus solchen Ruinen zu bauen, als der Burgbau zu Déva. Kein Wunder, dass die eine Seite immer wieder aufs Neue einstürzte, und der Ruinenhaufen umso höher wurde, je mehr Opfer man brachte, jedoch wurde der Anschein erweckt, die Fundamente seien höher. Bei solcherlei Bauvorhaben werden die Städte zu den größten Opfern, eben die, welche die Vorboten der Modernisierung waren. Die Städte wurden von den Alteingesessenen attackiert, damit sie die Dekadenten, die Modernen umerzögen. Lebensüberdrüssige Intellektuelle fielen vor den auf den Straßen randalierenden Massen auf die Knie in der Hoffnung, dem Volk und dem authentischen Leben begegnet zu sein. Novi Sad taumelte beleidigt rückwärts, in die Umarmung, nach der es sich sehnte. Das Gefühl der Stadtbewohner befand sich nicht im Einklang mit der Politik der Stadtbewohner, der sentimentale, nostalgische Lokalpatriotismus wurde zeitweilig mit der kämpferischen politischen Integration konfrontiert, doch in der Regel ging Letztere als Sieger hervor. Daher bedauerten die Einwohner Novi Sads sentimental jenes Opfer, das sie auf den Opferaltar des Nationalstaates gelegt hatten, doch es kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn dieses zurückzunehmen, denn sie hielten Letzteren für wichtiger. Es wurde um Novi Sad geweint, doch die Menschen stimmten für die Macht, also trafen sie eine Entscheidung. Die Bürger achteten ihre Nation in viel stärkerem Maße als ihre Stadt. Die Katastrophe erfolgte danach zwangsläufig.

1992 kündigte man mir meinen Arbeitsplatz, damit erlosch der Kontakt zu meinen alten Bekannten und Freunden. Manchmal traf ich den einen oder anderen von ihnen auf der Straße, in der Regel nahmen sie überrascht zur Kenntnis, dass ich noch immer in Novi Sad lebte. Einige Jahre zuvor wäre ihnen so etwas gar nicht in den Sinn gekommen. Ich musste eine Antwort auf die Frage geben, warum ich trotzallem noch immer in Novi Sad lebte.

Die meisten meinten, ich sei nach Budapest übergesiedelt, wie viele andere, die entweder aus Zwang, auf der Flucht vor der militärischen Einberufung, oder aber in der Hoffnung auf ein bequemeres, sorgloseres Leben nach Ungarn übergesiedelt waren. An den Zurückgebliebenen stellte ich merkwürdige Veränderungen fest, der große Exodus stellte zwangsläufig die gesteigerte Gefahr des Aussterbens ihrer Gemeinschaft in Aussicht, wodurch das Allgemeinbefinden der Minderheit depressiv wurde. Einen gewissermaßen größeren Optimismus strahlten diejenigen aus, die fortgingen und die den Bleibenden regelmäßig eine Lektion in Ungarntums-Leistung erteilten. Auf den intellektuellen Foren in Budapest suchten die von hier Fortgegangenen in der Regel nach Verrätern der Minderheit. Daraus folgte, dass das beste Mitglied der Minderheit jenes ist, das gar nicht mehr zur Minderheit gehört, sondern Bewohner eines Budapester “Minderheiten-Freilichtmuseums” ist und die Minderheit berufsmäßig repräsentiert.

Diese Situation bedeutete eine außergewöhnlich große moralische Bürde, denn auch die letzte Stütze, das Bewusstsein der Würde, wurde verletzt. An dieser Stelle möchte ich auf nur ein extremes Beispiel verweisen, doch sind im alltäglichen Leben zahlreiche andere zu finden. Jene wehrpflichtigen jungen Männer, die untertauchten und nicht flohen, oder aber den aktiveren Widerstand wählten, standen mit gesenktem Haupt vor denjenigen, die übergesiedelt waren und noch vor der allgemeinen Amnestie zu Besuch kamen. Die geblieben waren, hatten ihre Heimat verloren, die geflohen waren, fanden eine Heimat. Alle wurden in einen Zustand der Bewusstseinsspaltung getrieben. Die Fortgegangenen prahlten mit dem materiellen Wohlstand, zogen jedoch die Zurückgebliebenen in puncto Volkstreue zur Rechenschaft, die Zurückgebliebenen aber hatten gelernt, dass das Leben am Randgebiet auch innerhalb der Nation Rechtsberaubung bedeutet und das Staatsinteresse wichtiger als die Nation ist. Diese zwei Dinge können nicht in Einklang gebracht werden, und diese Lektion lernen wir auch heute noch, was durch zahlreiche, schwere moralische Bürden zusätzlich erschwert wird.

Stellen wir uns nur jenen ungarischen jungen Mann aus der Wojwodina vor, der an einem der Schlachtfelder im Balkan beteiligt war und entgegen seines Willens, seines moralischen Gefühls an den Mordtaten teilgenommen hat. Oder, wenn er nicht unmittelbar teilgenommen hat, doch potenziell aktiv an den Kriegsgeschehnissen beteiligt war. Generationen tragen diese schreckliche Last auf ihren Schultern, die Zahl wird noch viel größer, wenn wir auch jene hinzuzählen, die durch verwandtschaftliche, freundschaftliche Beziehungen fähig zur Empathie mit diesen sind. Es ist also leicht auszurechnen, dass das Ringen mit diesem großen Trauma den bedeutenden Anteil der Minderheit kennzeichnet. Ganz zu schweigen, welches Trauma jene Tatsache verursacht, dass man hier lebt – und zum Schweigen verurteilt ist.

Die Heimatlosigkeit ging also mit einem doppelten Schuldbewusstsein, doch zugleich auch mit einer doppelten Ausgrenzung einher. Bei der nationalen Zugehörigkeit eröffnete sich die Andersartigkeit als Schuldbewusstsein, bei der staatlichen Zugehörigkeit hingegen repräsentierte sie einen ewigen Nachteil. Eine Ausgrenzung ist dies, da jene klare Erkenntnis daraus erfolgt, dass man selbst unter den besten Umständen und Voraussetzungen nicht gleichgestellt sein kann. Im Mutterland ist man ein “Jugo”, also mehr oder weniger ein Fremder, im eigenen Staat hingegen die Person, die umsichtig oder grob eingeschmolzen werden muss, die also ihre Identität opfern muss, um sich vom Stigma des Fremden zu befreien. Das Mitglied einer Minderheit ist immer fremd und heimatlos. Um sich zu entschädigen, wird es zum Lokalpatrioten – solange das möglich ist.

Was hätte ich also auf die neugierigen Fragen antworten sollen? Ich war doppelt fremd, doch bereits ohne die Möglichkeit des Außenstehenden. Innerhalb von allem, doch nirgendwo Zuhause, überall als Fremder. Ich unternahm Versuche mit mir selbst: Ich hätte gerne gewusst, was der kleinste geistige Raum ist, den man als sein Eigen erklären kann. Wie kann die kleinste Einheit, das Atom des Lokalpatriotismus beschrieben werden? Ich wollte dies nur beschreiben, nur das war noch geblieben. Ich war kein Handelnder mehr, nur Zeuge. Der Zeuge ist verpflichet alles zu sagen, selbst das, was der Handelnde aus richtigen moralischen Überlegungen zeitweilig verschweigt.

In der Straße, in der ich wohne, haben der Reihe nach Blumenläden eröffnet, doch sind immer mehr Straßenlaternen erloschen, da es niemand für lohnenswert erachtete, die ausgebrannten Leuchtkörper auszuwechseln. Die Geschäfte schwammen im Lichterglanz, die Straßenlaternen waren erloschen. Die jungen Verkäuferinnen kleideten sich weiterhin modisch, ebenso wie in der Zeit Titos, als sie die modischen Sachen in Triest gekauft hatten, und Jugoslawien in den Augen der Bürger, die in den Ländern des real existierenden Sozialismus lebten, den Vorposten der westlichen Welt repräsentierte, nur der Absatz ihrer Schuhe war etwas stärker abgelaufen, denn dazu reichte es nämlich nicht mehr. Die Frauenschuhe mit den abgenutzten Absätzen zeigten als erste den Triumph des Nationalstaates an.

Die holländischen Blumen dufteten, um die Blumenläden herum schlichen die staatlichen Devisenspekulanten, die kleinen Cafés waren gefüllt mit fröhlichen jungen Menschen. Die Bürger hielten krampfhaft am Anschein fest. Das Land gab vor, nichts von serbischen paramilitärischen Einheiten zu wissen, von der Bombardierung Sarajewos, von den Massengräbern in Kroatien und Bosnien, den flüchtenden nationalen Minderheiten. Die herrschende Ordnung gewann die Wahlen umso überlegener, je größer die Zahl der muslimischen und kroatischen Opfer auf den Schlachtfeldern in Bosnien und Kroatien war. Erst die Wahlstatistiken werden überzeugend belegen, dass sich in Serbien wahrlich nur sehr wenige als unschuldig bezeichnen können, höchstens verstreute und verachtete, kleine “nationslose” Gruppen “heimatloser Vagabunden”. Das ist die Erklärung dafür, dass niemand Kenntnis von den erlöschenden Straßenlaternen nehmen wollte, die Dämmerung konservierte den Anschein besser und verbarg das Verschwinden des 20. Jahrhunderts in geschickter Weise. Wenn ich es recht überlege, dann kann ich auch sagen, dass in der Wojwodina das 20. Jahrhundert mit 1918 begonnen hat und mit 1993, dem Abkommen von Dayton, mehr oder weniger auch beendet worden ist, doch ohne jegliche Lehre. Diese Jahrzehnte sind im dämmerigen Halbdunkel der Vergangenheit davongefloßen, und dies war genauso ein an eine Halluzination erinnernder Anblick, wie als die Neonröhren an der Straße einzeln erloschen, und die Straße einer Panikstimmung anheim fiel.

Meiner Lektüre nach war dies ein kühl berechnendes Jahrhundert, das die großen Versprechen des 19. Jahrhunderts gnadenlos leugnete und enthüllte. Auf die Art Luzifers erfüllte es unsere Utopien, so gewissenhaft und minuziös wie ein preußischer Beamter.

Ich jedoch habe noch jetzt das Gefühl, dass ich vergebens vor dem kafkaesken Schiebefenster herumstehe, in Prag und Budapest, in Warschau und Sofia wurden die totalitären Parteiführer gestürzt, in Belgrad wurden sie gefeiert und ein Jahrzehnt hindurch bei zahlreichen Wahlen wiedergewählt. Zum Unglück der Wojwodina verlängerte sich das Dahinsiechen des verstümmelten 20. Jahrhunderts, denn in Osteuropa, so sagt man, ist das Jahrhundert in Wirklichkeit mit dem Jahr 1989 zu Ende gegangen, zur Verlängerung in der Wojwodina kam es, da auf der Landkarte Jugoslawiens einige unklare Abschnitte der Friedensverträge von Versailles und Trianon präzisiert werden mussten, und so gelangte Jugoslawien unter ein neues Messer von Versailles. Diese Operation zog die Existenz Jugoslawiens in Zweifel, doch legte sie die Wojwodina endgültig auf den Opferaltar. Wenn es keine Wojwodina gibt, dann wird auch Novi Sad nur eines von vielen Städtchen wie beispielsweise Kragujewac oder Nis.

Der Wahrheit gemäß ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung freiwillig auf den Opferaltar getreten, bei den Massenversammlungen, den Mehrparteienwahlen, den populistischen Demonstrationen forderten Millionen den absolutistischen, zentralistischen Staat, denn so fühlten sie sich in größerer Sicherheit. Milosevic war kein äußerer Zwang, sondern zog geradewegs in die Seelen ein, sein Geist schlummerte auch in denjenigen, die gegen ihn revoltierten. Wenn die vielen Qualen, die damit einhergegangen sind, langsam zu einer auskühlenden Erinnerung werden, und zwischen der Wahrheit und der Lüge eine klare Unterscheidung getroffen werden kann, dann kommt das Schwerste: Dann muss dieser Geist aus den Seelen gerissen werden. Möglicherweise wächst dadurch die Zahl der heimatlosen Lokalpatrioten, da in ihnen dann die Frage hervorbrechen wird, was das für eine Heimat gewesen sei, die ihre Seelen zum Kauf feil geboten hat. Ich wage zu hoffen, dass sie die Kraft dazu haben werden, sich eine Stadt zu suchen, die ihnen verzeiht.

Viele, die gestern das Messer von Versailles noch für gerecht erachtet hatten, waren plötzlich aufgebracht und sprachen von Ungerechtigkeit und der Diktatur einer Großmacht. Dabei handelt es sich nur darum, dass die Geschichte nie gerecht ist, diese Lektion haben die einander misstrauenden, kleinen Nationen Osteuropas mit ihrem bitteren Schicksal, ihrer traumatisierten Seele gut gelernt. Die Serben kannten die unheilverkündende Tiefe dieses Zustandes nicht, denn Serbien trat gewissermaßen begünstigt in das 20. Jahrhundert, war der Liebling Europas, wurde von den Großmächten damit ausgezeichnet, dass sie ihm das verbliebene Erbe der einstigen, zum Großteil vernichteten Monarchie anvertrauten, in der Hoffnung, Serbien würde schon Maß haltend, vernünftig damit wirtschaften. Dies war eine solche Last, die zu einem beispielhaften Wert hätte veredelt werden können.

Wenn ich auf die vergangenen siebzig Jahre zurückblicke, so muss ich doch sagen, dass Serbien mit dieser Aufgabe nicht fertig wurde, da die entsprechende kulturelle Tradition fehlte, die bürgerliche Daseinsform, das europäische Bewusstsein, zu etwas berufen zu sein: Zur großen Verblüffung und Empörung der Welt hat es vollkommen versagt. Ein Land wurde geboren, doch die überwiegende Mehrheit seiner Bürger betrachtete es nicht als sein Eigen. Selbst derjenige nicht, der in seinem Land Städte zerstörte.

Es geschahen respektable Versuche, vor allem in dem einen oder anderen besseren Abschnitt der Tito-Ära, als es den Anschein hatte, die Bürger des Turms zu Babel würden auf eine irgendwie geartete, institutionelle Lösung stoßen. Nur dass, all jenes, was recht und billig schien, zugleich Wert und von oben ausgehende Gewalt war. Es ist ein häufiger Fall in dieser Region, dass die aufklärerischen Ideen der Gesellschaft durch eine moderne Elite oder durch einen über diktatorische Macht verfügenden Herrscher von oben aufgezwungen werden, doch Zwang verdirbt, korrumpiert, schlägt wie ein Bumerang zurück und kompromittiert die im Übrigen nützlichen Ideen. Dies geschah auch mit der nationalen Toleranz der Kommunisten. Nur eine Sache ist schlimmer als das, nämlich wenn eine gewaltsame Elite im Dienste der brutalsten Versessenheiten der Massen steht. Dies ist in Serbien passiert. Als die Säulen der kommunistischen Gewalt eingestürzt waren, stellte sich sogleich heraus, dass man die Menschen nicht zum Guten zwingen kann. Der Einsturz der Säulen begrub den Wunsch nach Freiheit. Was im Einparteiensystem bloße Sehnsucht gewesen war, wurde in der Demokratie zu überflüssigem Luxus, wurde von der Mehrzahl nicht benötigt. Dies ist verständlich, denn in Serbien geriet der Kommunismus nicht durch den Wunsch nach Freiheit in Zweifel, sondern durch den Willen, dass eine Nation die anderen Nationen nach ihrem eigenen Ebenbild schnitzen wollte. Die Chauvinisten wollten das Vorhaben der Assimilation mit grober Gewalt, die Liberalen mit raffinierteren Mitteln verwirklichen, denn sie hofften darauf, dass die Kroaten, die Slowenen, die Muslime und die Ungarn sozusagen freiwillig, im Namen der universalen Werte in den großen serbischen Schmelztiegel einträten. Häufig verlautete: Es muss wie in Amerika vorgegangen werden. Nur dass das ursprüngliche Ziel eines Gedankens sofort deutlich wird, wenn sich ein barbarischer Unternehmer findet, der ihn verwirklichen will. Und es fand sich einer! Viele taumelten zwar vor der praktischen Konsequenz ihrer eigenen Theorie zurück, doch die Theorie selbst nahmen sie nicht unter die kritische Lupe. Die reine Hand wird leicht schmutzig und kann auch vom oppositionellen Quellwasser nicht gereinigt werden. Nur von der Konfrontation.

All das, was sich in Serbien nach dem Zerfall Jugoslawiens abgespielt hat, ist zugleich das hartnäckige Zeugnis der Tatsachen dahingehend, warum Jugoslawien zerfallen musste. Das bedrückende Schicksal der Minderheiten deutet das Ausscheiden der Slowenen, Makedonier und Kroaten. Das Ende der Geschichte deutet und entschlüsselt das Ganze der Geschichte.

Dieser Ausgang zeichnete sich nicht nur in spektakulären politischen Kämpfen ab. Die Macht integrierte ihre Gegner in Fragen, welche die Angelegenheit der Nation betrafen, denn die Mehrheit der Opposition und der Andersdenkenden konnte gerade hinsichtlich dessen nicht in einem alternativen Ideensystem denken und wurde somit zur Geisel der Macht. Es wurde erneut deutlich, dass die hartnäckigsten Diktaturen auf nationalen allgemeinen Übereinkommen aufbauen und nicht einmal Gewalt anwenden müssen, denn sie wissen das Volk hinter sich. Die Freiheit und die Angelegenheit der Nation gelangen in starre Konfrontation, wenn im Verhältnis der beiden zueinander Letztere Vorteil genießt. Die Elite forderte größere Freiheit, doch die Angelegenheit der Nation und ihre Ideale wollte sie nicht und wagte sie nicht, kritisch zu überdenken, daher blieb nichts anderes als das zeitweilige Auflodern, das peinliche Schmollen, der unfruchtbare Protest. Diese mussten nicht mit Gewalt unterdrückt werden, die Andersdenkenden missten nur manchmal nachdrücklicher daran erinnert werden, dass die Abmachung nicht so gelautet hatte. Es reichte nicht einmal zu einer sanften Revolution, die Nationenidee bot bloß eine sanfte Diktatur an. Die Diktatur war weiterhin ebenso wabbelig wie zur Zeit Titos, nur die nationale Unterstützung nahm zu.

Die Andersdenkenden mussten nicht verfolgt werden, denn die große Mehrheit dieser kehrte als verlorener Sohn in den Beichtstuhl des Nationalstaates zurück. Daher erinnert jeder Protest an ein Strohfeuer, und dies war es auch in Wirklichkeit. Es nutzte höchstens dazu, dass CNN eine Reportage darüber erstellte. In dieser Situation führte die intellektuelle Elite ebenso ein Doppelleben wie zur Zeit des Einparteiensystems. Der berufsmäßig staatliche Intellektuelle wurde in seiner Freizeit zu einem unabhängigen Intellektuellen. Jene mit einem Doppelleben aber müssen nicht verfolgt werden, da reicht auch der rügende Blick des gestrengen Vaters aus. Diese Situation entschlüsselt auch jene Frage, warum zur Zeit des Einparteiensystems keine maßgebliche Samisdat-Literatur existiert hat oder keine wegweisende intellektuelle Elite, die das Risiko auf sich genommen hätte. Das nationale allgemeine Übereinkommen hat jegliche Alternative unmöglich gemacht.

Ohne die Achtung der Andersartigkeit und deren Geltendmachung kann in dieser Region nicht von Humanismus gesprochen werden. Novi Sad aber wird ohne das Spiel der Andersartigkeiten nur eine graue serbische Provinz mit einer schönen Vergangenheit. Dies bekommt es als Lohn für die Aufopferung seiner Eigenartigkeit. Der größere Teil der einstigen Oppositionellen wurde leichtfertig zum Mitläufer der unmenschlichen Politik, doch auch jene, in denen sich das Gewissen sträubte, kamen ins Schwanken, wenn sie die tiefen Schichten des alltäglichen Lebens mit kritischem Geist hätten freilegen müssen. Während sie auf eine Art großzügige, humanistische Gleichheit schworen, vergaßen sie, das die Gleichheit an sich etwas Gewaltsames und Unmenschliches ist. Selbst diejenigen, die wegen der Bombardierung Sarajewos oder Vukovars in Aufruhr gerieten, dachten die Achtung der Andersartigkeit nicht konsequent zu Ende. Dies belegt die überraschende Einseitigkeit der serbischen Antikriegsliteratur. Es wird ein Panorama des Leids gezeichnet, jedoch verschwiegen, warum es dazu kam und wer die Verantwortlichen sind. Der Dämon bleibt namenlos und unbekannt, nicht wie in der deutschen Prosa der Nachkriegszeit, die den bösen Geist auch in den Reihen der Gemeinschaft erkannte. In dieser Literatur erwachte die Dramaturgie der soap operas zum Leben: Wenn es nicht einige böse und verruchte Menschen gäbe, dann wäre alles in Ordnung. Es bleibt also nichts anderes, nur Selbstmitleid als Ersatz des Gewissens, was der berühmte Satz der Koryphäe der serbischen Antikriegsliteratur exakt ausdrückt: “Wir alle sind Albaner!”, so äußerte er in Gedanken vertieft, während die albanischen Massengräber ausgehoben wurden, und die Minderheiten der Wojwodina in Angst und Schrecken lebten.

So wie der Staat zerfiel, so versank auch Novi Sad. Denn die authentischen und autonomen Werte der Randgebiete können nur in einem mosaikartigen, vielfältigen Staat, der die Zeichen des Multikulturellen trägt, befreit existieren. Die Stadt an der Donau, die an der Grenze von Mitteleuropa und dem Balkan liegt, hätte die glückliche Begegnung der Andersartigkeiten repräsentieren können, wenn sich die Umstände in anderer Weise entwickelt hätten. Am Treffpunkt unterschiedlicher Kulturen, im ethnisch bunten einstigen Jugoslawien, in Besitz verschiedener kultureller Traditionen nährte Novi Sad Vorstellungen, dass eine Stadt etwas anderes ist als ein Land, vielleicht sogar mehr, und daher geeignet zur Utopie eines freien und unabhängigen Stadtbewohners ist.

Es war ein gutes Zusammenspiel der Umstände. Ich kam mit dem Fahrrad aus dem 35 Kilometer entfernt gelegenen Srbobran in die Stadt, tatsächlich fiel die Wahl deshalb auf Novi Sad, da man diesen Weg mit dem Fahrrad am leichtesten zurücklegen konnte. Ich kam im Jahre 1956 nach Novi Sad, und dies fiel glücklich mit der Tatsache zusammen, dass zu dieser Zeit in Jugoslawien ein frischer Wind zu wehen begann. Die Vorteile des Abkommens von Jalta begannen sich damals zu entfalten, und die Spuren der Veränderung waren als erstes in den Städten zu spüren. Die moderne Welt brach beinahe auf einmal auf uns ein: In den sechziger Jahren war es bereits leicht, einen Reisepass zu bekommen, doch viel wichtiger als das war, dass sich die Ideen der Modernität frei im geistigen Leben verbreiteten. Die Möglichkeiten schienen größer als die im Übrigen äußerst strengen, ideologischen Festlegungen. Dieser Zauber dauerte bis 1968, die Unterdrückung der Studentendemonstrationen legte jedoch offen, dass die Gesellschaft doch einen schmutzigen Handel mit der Macht abgeschlossen hatte. Jetzt ist schon klar, warum es so leicht war die Unzufriedenheit der Studenten unwirksam zu machen, auf dem Hauptplatz von Belgrad tanzte die Jugend in ihrer Freude einen Volkstanz, der den Geist der Partisanentraditionen erweckte, mit dem gleichen Handelsgeist, mit dem am Ende der Demonstrationen von 1997 unter dem Kreuz der prawoslawischen Geistlichen die bereits rituell gewordene Polizeiabsperrung durchbrochen wurde. Drei Jahrzehnte waren vergangen, doch nichts hat sich verändert: Der alte Handel war erneut lebendig geworden.

Zuvor jedoch hatten die trügerischen Möglichkeiten ihr Spiel mit uns gespielt. In den sechziger Jahren begann Novi Sad vor meinen Augen aufzublühen. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Alles befand sich Aufruhr, obschon nichts eine endgültige Form fand. Das Durcheinander des Neuen und der Abwechslung überflutete die Stadt. Auch der Bewegungsraum erweiterte sich, denn die große Welt stand offen, darauf achteten wir, nicht aber auf die Hindernisse, die sich vor uns auftürmten. Europa lenkte unsere Aufmerksamkeit vom Balkan ab. Die verlockenden Fernen trösteten uns und führten uns in die Irre. Der strenge Druck des Parteistaates linderte sich, die titosche paternalistische Dezentralisation befreite den Ethos der Verschiedenheit. Novi Sad – so schien es – repräsentierte den Treffpunkt der Andersartigkeiten, denn der Geist der Stadt, seine bunte ethnische Zusammensetzung, seine in der Monarchie wurzelnde Tradition lüftete die Möglichkeit dessen, dass eine Stadt existieren könne, die über den nationalstaatlichen Rahmen hinausweist und die ihren Namen auch so erhalten hat, dass ihre Patin, Maria Theresia, auf die Gründungsurkunde Folgendes schrieb: Sei dies Neoplanta und benenne sie jedes Volk auf seiner eigenen Sprache. So wurden Újvidék, Novi Sad und Neusatz geboren.

Dieses europäische semiotische Abenteuer wurde jedoch in den neunziger Jahren unterbrochen. Nur wenige, nur die heimatlosen Lokalpatrioten hätten daran festgehalten. Novi Sad hat seine einzige und wichtigste Besonderheit verloren. Endgültig? Übergangsweise? Die Frage schmerzt zu sehr, daher wäre es verfrüht, sie zu beantworten. Zumindest eine gewisse Hoffnung soll dem heimatlosen Lokalpatrioten bleiben, auch dann, wenn er weiß, dass diese Stadt sich selbst nicht mehr erlösen kann, höchstens ein andersgeartetes Europa fähig dazu wäre, ihr – und jedem anderen unglückseligen Randgebiet – neues Leben einzuhauchen.

Postskriptum aus dem Jahre 2001

Zu meinem 60. Geburtstag – an György Konrád

Alles ist geschehen. Ich habe die zerbombten Brücken von Novi Sad gesehen, doch auch die zertrümmerten albanischen Backstuben. Über Ersteres sprechen alle, über Letzteres kaum einer. Ich habe die Graffiti gesehen: “NATO-Faschisten”. Dies galt bereits den Ungarn. Dann streifte auch ich mehr als ein Jahr später an den berühmten Oktobertagen tagelang durch die Straßen. Ich wartete auf etwas, das nicht kam. Aber etwas geschah doch, die Polizisten stellten die Gewehre an ihre Beine und spezielle Einheiten für die innere Sicherheit ermutigten die Massen. An der Spitze einer der Marschkolonnen marschierte der Anführer einer bürgerlichen Partei, die Menschenmenge hinter ihm sang Cetnici-Lieder. Sie werden gewinnen! Irgendwo ist ein Drehbuch entstanden, und die Masse wurde gebeten, die Rollen zu spielen. Die Masse hat sie gespielt. Wie schon so oft. Auch vor zehn Jahren hat sie eine Art Rolle gespielt, eine Million Menschen hat sich in Belgrad zusammengegerottet, um den Führer zu feiern, der am 5. Oktober 2000 vielleicht der einsamste Mensch in Serbien war. Zumindest einige Tage lang. In Belgrad rauchte das Parlamentsgebäude, dann trafen die Befreier, wie sie durch die Lautsprecher genannt wurden, mit einem Sonderbus ein. Wir waren glücklich. Auf dem Freiheitsplatz in Novi Sad feierte die Menge, auf dem Podium sangen gerade die Künstler des ungarischen Theaters von Novi Sad Ausschnitte aus dem Rock-Musical Hair. Die Befreier stiegen aus dem Bus und es ertönte ein nationalistisches Cetnici-Lied. Ich betrachtete die Schauspieler und dachte daran, dass sie dies alles vielleicht noch ertragen. Sie sind noch zu jung, haben kaum die Akademie absolviert.

Eine Epoche ist mit jener sicheren Erkenntnis zu Ende gegangen, dass sie in anderer Form wiedergeboren ist. Radomir Konstantinovic, der hervorragende serbische Schriftsteller, stellte einmal fest, dass bei den großen oppositionellen Massenversammlungen, die Europa einige Male bewundert hat, mehrere Zehntausende aus voller Kehle riefen: “Nieder mit dem roten Pack!”, doch aus keiner Kehle verlautete: “Nieder mit dem Nationalisten-Pack!” Auch nach der “Befreiung” ist dies nicht geschehen. Etwas ist zu Ende, aber etwas findet demnach seine Fortsetzung. Möglich, dass die Schauspieler, denen die Melodie von Hair im Halse stecken geblieben ist, auch dies einmal erleben werden.

Und dann habe ich an einem Tag geträumt, dass die Konditorei Dornstädter in Novi Sad umgebaut worden sei, die zu Beginn des Jahrhunderts noch eine angenehme mitteleuropäische Atmosphäre
verströmte. Die Konditorei Dornstädter verteidigte sich auch während der Zeit des königlichen Jugoslawien hartnäckig. Erst nach 1945 veränderte sich alles, ebenso wie die ethnische Landkarte der Wojwodina. Zuerst erhielt sie den Namen Moskau, doch danach erfolgte der Bruch mit den Russen und Stalin. Eine Konditorei mit Namen Moskau könne ja wohl doch nicht das Herz der Stadt schmücken, dachte sich die Macht, und so wurde aus ihr die Konditorei Zagreb. Doch dann wurde auch dieser Name verdächtig. Die Kroaten wollen sich loslösen, tuschelten die Eingeweihten, alle wollen sich loslösen. Die Muslime, die Mazedonier, die Slowenen. Zum Teufel mit ihnen. Und die Kanonen begannen zu dröhnen. Aus der Konditorei Zagreb wurde folglich die Konditorei Athen. Ihr Name hätte auch erneut Moskau werden können, doch keinesfalls Dornstädter.

Aber ich habe doch davon geträumt, dass die Konditorei Dornstädter renoviert würde, und bin aufgeschreckt, da niemand einkehren wollte. Die Konditorei war leer. Sie war renoviert worden, doch niemand wollte sie. Auf dem Freiheitsplatz sang die Masse patriotische Lieder, von dem Podium aber fehlten die ungarischen Schauspieler von Novi Sad. Niemand sang Hair.

Ich hob meine Hand und gab dem Kellner ein Zeichen, er kam sogleich. Ich bestellte einen Kaffee. Er brachte ihn auch rasch und fragte, was für eine Zeitung ich wünschte. Aus Wien, Paris, Budapest, Berlin oder aber aus London? Die Auswahl war noch größer als früher, als er nur die Wiener und Budapester empfehlen konnte. Ich blickte ängstlich auf die Masse, die sich auf dem Freiheitsplatz versammelte. Der Herr träumt nur von Novi Sad, sagte der Kellner. Sicherlich dachte er, dass ich ein heimatloser Herumtreiber von der träumerischen Art bin.

Published 29 November 2002
Original in Hungarian
Translated by Éva Zádor
First published by Magyar Lettre Internationale

Contributed by Magyar Lettre Internationale © László Végel / Magyar Lettre Internationale / Eurozine

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