Die Sicherheiten einer Offenen Stadt

“Die Kultur der städtischen Lebensform ist […] gleichbedeutend mit Offenheit, Offenheit sowohl im Sinne des Unvoreingenommenen wie des Zugänglichen, im Sinne des Unentschiedenen wie des noch nicht Abgeschlossenen, des Experimentellen wie des nicht Planbaren.”
Rolf Lindner (2004, S. 388)

Der Sicherheitsdiskurs als Nerv der Zeit

Konfliktuelle Auseinandersetzungen um Nutzungen des öffentlichen Stadtraumes sind ein Zeitthema. Seit mehr als einem Jahrzehnt lassen sich in europäischen Städten (und darüber hinaus) Ausgrenzungstendenzen beobachten, die auf eine Rücknahme bereits erreichter demokratischer Grundrechte verweisen. Zum einen handelt es sich um Raumbeschneidungen vielfältiger Natur. Sie äußern sich in Verboten, die vor allem für von Armut betroffene Menschen, für Fremde, Jugendliche und Marginalisierte zu gelten scheinen: Versammlungsverbote, Bettelverbote, Alkoholverbote, Verhaltensanweisungen und vieles mehr – Verbote, die als eine andernorts beschriebene städtische “Sauberkeits-, Ordnungs- und Sicherheitspolitik”, kurz “SOS”, in Erscheinung treten. (Rolshoven 2010a, 2010b, 2010c, 2008) Zum anderen handelt es sich um einen sich zuspitzenden, von Politik und Medien gleichermaßen getragenen Sicherheitsdiskurs, der Gefahren benennt oder evoziert, die vornehmlich von den eben genannten gesellschaftlichen Gruppen ausgingen. Er scheint den Nerv der Zeit zu treffen: Es ist die Rede von vielfältigen Zumutungen und Belästigungen bis hin zu Kriminalitätsvorwürfen. Zum dritten vollziehen sich diese Entwicklungen parallel zu dem wachsenden Zulauf, den Rechts- oder “Volks”-Parteien mit ihrer antidemokratischen Gratwanderung erzielen, der Migrations- und Diversitätsfeindlichkeit aufstellt und sich auf die Kultivierung und Privilegierung des Eigenen stützt, das mit Trachtenjacke, Dirndl und anderen Dimensionen “eigener”, regionaler Kulturbetonung scheinbar harmlos daherkommt.

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Der Sicherheitsdiskurs durchzieht Wahlversprechen und Werbeanzeigen, Schlagzeilen von Lokalzeitungen, Gratisblättern und Nachrichten, er nährt politische Reden, den Buchmarkt und nicht zuletzt die Wirtschaft, vornehmlich jene Produktionszweige, die auf die Herstellung von Sicherheitsdispositiven spezialisiert sind. Als gesprochenes Wort dringt der Diskurs in die Alltagsunterhaltungen der StadtbewohnerInnen, zwischen Tür und Angel, beim Einkauf, unter NachbarInnen und ArbeitskollegInnen; er erzeugt hier – und das ist die von Michel Foucault aufgezeigte Wirkungsmacht des Diskurses – eigene “Realitäten”; er wird zum Tischgespräch, infiltriert das Bewusstsein und hält schließlich als Ausgrenzungsargument und Vektor für individuelle Ängste her. Sündenböcke, die für die Verunsicherung der Stadtbevölkerung verantwortlich zeichnen, sind leicht gefunden und mit einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen denunzierbar.

Der Sicherheitsdiskurs warnt vor Kriminalität und Gefahr und benennt dabei ganz konkrete städtische Orte und gesellschaftliche Gruppen: von Armut betroffene Menschen in vernachlässigten Stadtquartieren, AusländerInnen, Drogenkranke, Jugendliche und ihre Treffpunkte im öffentlichen Raum. Der Blick auf konkrete Anhaltspunkte in wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesen Räumen und Gruppen macht jedoch stutzig. Wie vor allem Ethnographien zeigen (vgl. Rolshoven & Klengel 2014), finden im städtischen Alltag vielerlei konstruktive Begegnungen, Aushandlungsprozesse und Arrangements statt, die individuelle Alltagssicherheiten als einen, wenn auch anstrengenden, Lernprozess ausweisen. Die städtischen Kriminalitätsraten verzeichnen einen steten Rückgang, und prominente Argumentarien zur Legitimierung einer Ausgabenerhöhung im Bereich präventiver SOS-Politiken verlieren an Boden: So lässt sich die einen Kausalzusammenhang postulierende so genannte Broken-Windows-Theorie, derzufolge ein äußerlich vernachlässigtes Stadtviertel erst recht zu kriminellen Handlungen einlade, wissenschaftlich nicht belegen.1

Prominente kultur- und sozialwissenschaftliche, ökonomische und politische Analysen zeigen auf, dass vielschichtige und ineinander greifende Prozesse der Gesellschaftsveränderung Ursache individueller Verunsicherungen sind (Bauman 2003a und 2003b; Glasauer 2005; Maeder & Streuli 2002). Die diskursive Aufrechterhaltung eines an Produktivität orientierten fordistischen Arbeitsethos führt angesichts der Verknappung von Arbeit und Arbeitsplätzen zu einem Widerspruch, dessen Auflösung der individuellen Biografie anheimfällt (Weissengruber i. E.). Arbeitslosigkeit bei einem gleichzeitigen Abbau von Sozialleistungen und einem sichtbaren und spürbaren Auseinanderklaffen von Armut und Reichtum in der Gesellschaft wird als persönliches Scheitern erlebt und äußert sich in Ohnmachts- und Wutgefühlen (Katschnig-Fasch 2003). Angesichts der fehlenden Greifbarkeit von supranational verflochtenen Machtmechanismen und undurchsichtigen wirtschaftlich-politischen Gemengelagen, die gesellschaftliche Entwicklungen mit verantworten, richten sich Unmut und Angst auf der einen und Handlungsorientierung auf der anderen Seite auf die Lebenswelten in Reichweite: Probleme werden im kulturellen Nahraum geortet. Sie haben somit einen Projektions- und Illusionscharakter.

Die positiven Momente des Gesellschaftswandels, die Diversität und Fremdheiten vielfältiger Natur mit sich bringen, und ihre kulturkonstruktiven Seiten unterliegen dagegen an diskursiver Wirkmächtigkeit, weil Struktur und Handlung von problematisierenden Diskursen überlagert sind. Die Geschichte zeigt, dass die Position gesellschaftlicher Gegenentwürfe, die sich in Wissenschaft und Medien ebenso wie in sozialen Bewegungen äußern, ein Trägheitsmoment hat, das ihnen den Status der Ideologie verwehrt. So werden die positiven Folgeerscheinungen der Öffnung von Grenzen, Märkten, Mentalitäten und individuellen Verhaltenskorsetts, die eine Veränderung gesellschaftlicher Grundstrukturen mit sich bringen könnten, in der öffentlichen Rede meist unterschlagen. Es fehlt an diskursmächtigen sozial verträglichen, humanistisch-demokratischen Entwürfen, die alle BürgerInnen einladen, an einer gerechten und solidarischen Gesellschaft mitzuwirken. Beides – Klage und Gegenkonzept – sind natürlich nicht neu, aber im Sinne des Ideals eines demokratischen Zivilisationsprozesses erscheint es notwendig, immer wieder an sie zu appellieren und anzuknüpfen. Welche kulturdynamischen und stadtpolitisch wirksamen Öffnungsdiskurse und Gegenreden bieten sich aktuell an?

Die Proklamation einer Offenen Stadt als empowering concept

Ein im Kontext der kritischen Kulturwissenschaft sowie der Architektur im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts empirisch erprobtes Konzept ist das der Open City, der Offenen Stadt. Es lädt dazu ein, sich für die Öffnung von Stadt und Gesellschaft zu engagieren und sich aktueller Prozesse bewusst zu werden, deren urbanistische und gesetzgeberische Implikationen für die einen Sicherheit und Ordnung, für die anderen Unsicherheit und Diffamierung bedeuten. Es leitet den kulturellen Nahblick an, ein genaues Hinschauen und Hinhören ebenso wie räumliche und soziale Aushandlungsprozesse, die jede Generation neu herausfordern und die für eine pluralistische Gesellschaft charakteristisch sind. Eine offene Stadt zu postulieren manifestiert ein Ideal, das bei näherem Hinschauen keineswegs realitäts- oder realisierungsfern ist. Was lässt sich darunter verstehen?

Im Rahmen der Kulturanalyse amerikanischer Literatur aus dem 19. Jahrhundert hat sich der Literaturwissenschaftler Stefan Brandt mit dem Motiv der Open City befasst (Brandt 2010). Er stellt fest, dass das in der jeweils zeitgenössischen Literatur gespiegelte, moderne Stadtbild seit Beginn der industrialisierten Stadtwerdung zwischen einem Negativszenario, das Anomie, Gewalt, Dunkelheit und Sünde evoziert, und einer optimistischen Fortschrittsvision, die Zivilisation, Kosmopolitismus, Aufklärung, sozialen Aufstieg und Toleranz in den Vordergrund stellt, oszilliert. Diese Ambivalenz berührt Repräsentationen ebenso wie Praktiken und haftet dem Stadtleben bis heute an. Aber sie ist natürlich auch eine Ambivalenz, die dem Dispositiv der Gesellschaft, ihren Idealen, Projekten, Herausforderungen und Dramen selbst zugrunde liegt: Sie bezeichnet die Realität des Zusammenlebens von Menschen, die stets einen zugleich offenen wie geschlossenen Raum erzeugen. Offenheit und Geschlossenheit durchdringen einander auf den Ebenen der Praxen und der Repräsentationen. Wenn wir Kultur als in steter Veränderung begriffenen sozialen Prozess untersuchen, müssen wir Ideale als wirkmächtig und realitätsfähig begreifen: Vom Offenheitsideal geht eine emanzipatorische Kraft aus (Brandt 2010, S. 141).

Die amerikanische Urbanistin Jane Jacobs hatte als eine der ersten TheoretikerInnen den Begriff der Open City zu Beginn der 1960er Jahre aufgegriffen (Jacobs 1961, S. 196) und damit die Auseinandersetzung in Architektur, Planung, Soziologie und Literaturwissenschaft angeregt. Die Offene Stadt erscheint hier als ein Konstrukt, das zukünftige Qualitäten einer idealen Stadt benennt, aber auch Ansätze dafür in den aktuellen Stadtwirklichkeiten erkennt. Der Architekturtheoretiker Tim Rienits definiert Open City in Anlehnung an Jacobs als sozial-urbane Bedingung für Vermischung, Emanzipation und Partizipation (Rienits 2008, S. 29). Er sieht die Bedingung von Offenheit historisch in einer Stadt mit kleinräumigen, überschaubaren Strukturen. Diese ermöglichen und beherbergen städtische Vielfalt und damit die Unterschiede ohne Entmischung: Der Umgang mit dem Fremden ist ihm zufolge und in bester Simmel’scher Tradition die größte Herausforderung der offenen Stadt. Sie bedarf der laufenden Vermittlung (Rienits 2008, S. 29 und 31).
Rienits hatte gemeinsam mit Fabienne Hoelzl und anderen – unter der Leitung des holländischen Architekten und Urbanisten Kees Christiaanse – Open City als “empowering concept” der 4. Architekturbiennale in Rotterdam 2009 proklamiert (Rienits 2008, S. 29 und 2009). Für den Architekturdiskurs der Gegenwart setzte das Motto der Biennale ein wichtiges stadtpolitisches Zeichen, denn es formulierte eine Gegenrede zu einer Architekturmoderne, die in der die Öffentlichkeit ihre splendid starship kultiviert, Großskulpturen schafft, die nicht selten als “unversöhnliche Solitäre” den Raum beherrschen und, wie Stephan Braunfels schreibt, sich einem städtischen Gesamtzusammenhang “geradezu autistisch entziehen”(vgl. Braunfels 2003).

Die Größe und modernistische Prominenz vieler Bauten gerät zu einem Versuch, die wirtschaftliche Sichtbarkeit des Standorts und dessen Identifizierung herzustellen. Übersehen wird dabei, dass im Schlagschatten dieser kostspieligen icons städtische Finanzen und stadtbürgerliche Öffentlichkeit absorbiert und die soziale Fragmentierung und Polarisierung in den Städten vorangebracht werden. Gentrifizierungsprozesse, die durch planerische Verschönerungsmaßnahmen auf der einen Seite ehemals vernachlässigte Quartiere zweifelsohne attraktivieren, bringen in ihrem wenig beachteten Fahrwasser auf der anderen Seite Verteuerungs- und soziale Verdrängungsprozesse mit sich. Die Architekturavantgarde, die eine Open City postuliert und damit Zugang zu Raum, Netzwerken und Infrastrukturen als Ressourcen des urbanen Lebensraumes eröffnen möchte, erklärt sich für die städtebaulichen Fehlentwicklungen der Vergangenheit mit verantwortlich. Die Stadt wird als ein Möglichkeitsraum entworfen, in dem sich Partizipation und Zukunftsgestaltung konkretisieren.

Ebenfalls in Anlehnung an Jane Jacobs segelt auch der amerikanische Soziologe Richard Sennett unter der Flagge der “Open City”(Sennett 2006). Seine Vision einer offenen Stadt orientiert sich sowohl am gebauten Raum als auch am demokratischen Leitbild einer städtischen Gesellschaft. Er kritisiert die zunehmende Abhängigkeit der Städte von überlokalen Wirtschaftsinteressen, ihre regulative Überdeterminierung, die “control freakery” und den “horror of disorder” (Sennett 2006). Unordnung und Dissonanz sieht er dagegen als Bedingungen von Dichte, Vielfalt und Komplexität, jenen Grunddeterminanten von Urbanität, die bereits die Chicago School of Urban Ethnography proklamiert hatte und die zum Leitbild der amerikanischen und europäischen Stadtforschung geworden sind (vgl. Deegan 2001).
Ein menschenfeindlicher und baulich nicht nachhaltiger sozialer Wohnungsbau, der funktionalistische Städtebau mit seiner zunehmend Monofunktionalität schaffe geschlossene Systeme, in denen Dynamik und Innovation keinen Platz mehr hätten (Sennett 2006). Die bauliche Gestaltung einer Offenen Stadt dagegen beschreibt Sennett anhand dreier Figuren. Er sieht sie erstens in Übergangsräumen: verbindenden Brücken oder durchlässigen Mauern, die schützen und zugleich überwindbar sind. Zweitens sieht er sie in der offenen architektonischen Form (“incomplete form”): in Gebäuden, die sich nicht hermetisch abschließen, die untereinander kommunizieren und sich an sich wandelnde Bedürfnisse adaptieren lassen. Drittens fordert er auf zu “development narratives”, zu offenen, an Dissonanzen und Kontingenzen orientierten und evolutionär angelegten Baudiskursen, die sich dem Unerwarteten öffnen, die aber auch – und hier spricht er mit der Zunge eines Architekten – an Wachstum orientiert sind (ebd.).

Städtische Aushandlungsprozesse vor dem Hintergrund einer pluralistischen Metakultur

Diesem Blick auf den gebauten Raum fehlt die handlungstheoretische Perspektive. Welche Rolle spielen die StadtbewohnerInnen im Konzept der Offenen Stadt? Der Soziologe Detlev Ipsen hat sich damit befasst und beschreibt die Offene Stadt als ein bewegliches Gebilde, als Konfiguration unterschiedlicher Gruppen von BewohnerInnen (Ipsen 1999). Offenheit definiert er als strukturelle Voraussetzung dieser Konfiguration. Entscheidend für ihre Realisierung sei die Herausbildung einer makropolitisch induzierten Metakultur, eines dritten Raumes, der alle sich zueinander divergent positionierenden Teilkulturen übergreift: “Die interkulturelle Kommunikation wird erleichtert, wenn sich die Mitglieder der einzelnen kulturellen Gruppen auf etwas Gemeinsames beziehen können”, nämlich “gemeinsam geteilte Bilder (images) und Orte, die sich mit diesen Bildern verbinden” (Ipsen 1999). Das Gemeinsame des dritten Raumes bezeichnen Hartmut Häußermann und Detlev Ipsen als Metakultur, die sich auf geteilte Regeln des Zusammenlebens beziehen. Diese kann in einem Einvernehmen über gemeinsame demokratische Regeln und Werte wie Toleranz und Freiheit bestehen oder über gemeinsam genutzte Orte und Bauten hergestellt werden. Dazu zählen Parks, Plätze, Kultur- oder Bildungseinrichtungen, aber auch Nischen, Brachen und Ränder (Häußermann & Ipsen 2004, S. 4) – letztere als Räume, deren Nutzung sich ökonomisch überlebt hat, “die einer geringen formalen Regulierung unterliegen” und mit denen sich “Aufwertungserwartungen” verbinden lassen (ebd., S. 6). Für die zukünftige Erschließung und Verwaltung solcher Räume rät Ipsen, “die Entwicklung einer gemeinschaftszentrierten Ökonomie” unabhängig von kurzfristigen Renditeerwartungen zu unterstützen (ebd., S. 7).

Damit ein dritter Raum als Metakultur funktioniert, muss er politisch und diskursiv von den repräsentativen Akteuren und Akteurinnen einer Stadt – von PolitikerInnen, Intellektuellen, Kultur- und Medienschaffenden – unterstützt werden. Sie können dazu beitragen, die Offene Stadt zu einem immanenten Thema der Stadtentwicklung zu machen. Öffnung, so schreibt auch der amerikanische Raumplaner John Friedman (Friedman 2002), müsse zu einem ständigen stadtpolitischen Diskurs werden, der die BewohnerInnen zu Mitdenken und zu Mitverantwortung einlade. Friedman beschreibt die Offene Stadt als Gegendiskurs zu den manifesten Schließungstendenzen, die sich in den amerikanischen Städten nach den terroristischen Anschlägen von Nine-Eleven beobachten lassen: “Wenn wir die Welt aussperren und die Stadt abriegeln, dann schließen wir uns im Gefängnis unserer eigenen Ängste ein.” (ebd., S. 282) Die Open City wird hier nicht nur als Idealbild einer für von außen kommende Menschen gastfreundlichen Stadt gepflegt, sondern auch als die Grundlage für Gleichheit und Angstfreiheit aller Ansässigen.
Friedman definiert die Offene Stadt über drei politische Merkmale. Eine Bürgerbeteiligung, zum Ersten, stärke Identität und Position des Einzelnen und sei Voraussetzung für die individuelle Übernahme von Raumverantwortung. Bürgerbeteiligung beruht auf “Stadtbürgerschaft”, umfasst politische Partizipation, das Recht auf Zugang zum öffentlichen Raum und das Recht auf öffentliche Unterstützung; sie fußt auf dem Grundsatz der Gleichheit aller StadtbewohnerInnen (ebd., S. 285). Damit dies gelingt, sei “eine breite öffentliche Debatte über öffentliche und private Bürgertugenden” notwendig (ebd., S. 286). Eine solche Debatte lässt sich als Metakultur im Sinne Ipsens begreifen, in der das selbst gesetzte Leitbild der Offenheit in seiner konfliktuellen Ambivalenz einer steten und anhaltenden Auseinandersetzung bedarf. Zur zweiten Bedingung einer Offenen Stadt erklärt Friedman einen ausgewogenen ökologischen Fußabdruck als “Indikator für die ökologischen Auswirkungen des urbanen Lebens” und als “materielle Grundlage der Vision von der Offenen Stadt”: Jede/r könne und dürfe nur so viel an Ressourcen verbrauchen, wie nachwachsen oder nachproduziert werden kann (ebd., S. 283f.). Da Friedman die terroristische Bedrohung Amerikas und Europas als eine Folge des Ungleichgewichtes in der globalen Ressourcenverteilung interpretiert (ebd., S. 284), definiert er, zum Dritten, als ressourcenschonende Maßnahme, regionale Zusammenschlüsse zu kooperativen Netzwerken sowie Städtekoalitionen (ebd., S. 286).

Open City – eine Stadt für ihre BewohnerInnen

Für den akteursorientierten kulturwissenschaftlichen Zugang birgt das Motto der Open City ein Potenzial besonderer Art in der Auseinandersetzung mit den aktuellen Schließungstendenzen in den Städten der späten Moderne, in denen “die moderne Öffentlichkeit”, wie Wolfgang Kaschuba 2010 schreibt, “zum öffentlichen Fahndungsraum mutiert” (Kaschuba 2010, S. 32) und der Indizien für forcierte Segregationen liefert: Die beunruhigenden Entwicklungen des europaweiten antimuslimischen Klimas, die Verstärkung der Außengrenzbefestigungen der EU, der große Stimmenzuwachs der Rechtsparteien.

Die Grazer Kulturanthropologin Elisabeth Katschnig-Fasch und der Berliner Ethnologe Wolfgang Kaschuba haben sich intensiv mit solchen Öffnungs- und Schließungsszenarien in den Städten der Gegenwart befasst. Anders als ihre KollegInnen aus Soziologie, Architektur und Planung gehen sie davon aus, dass die lebensweltlich orientierte Perspektive der StadtbewohnerInnen mit lokalem Bedeutungshorizont und global induzierter Entwicklung zusammenfallen. Katschnig-Fasch sieht den Begriff der “lebbaren Stadt” als ein zentrales Orientierungsszenario, das die Stadträume als Arena von Leben und Identität anerkennt und sie aus der “Perspektive der Menschen” wahrnimmt und respektiert (Katschnig-Fasch 2001, S. 134). Aus dieser Perspektive stellen sich Zuwanderung und Fremdheit als ein Ferment dar, das sich im alltäglichen Erleben in seinen bereichernden, bisweilen aufregenden ebenso wie in seinen schwierigen und konfliktuellen Dimensionen darstellt. Um zu fruchten, bedarf der kulturdynamische Charakter der Fremdheit einer politisch-diskursiven, metakulturellen Unterstützung. Kaschuba plädiert darüber hinaus “für eine heterogene und offene Kultur als zentrale urbane Ressource” zu argumentieren, die sich gegen alltägliche Diskriminierungen verwahre und kulturelle Fremdheit als Qualität anerkenne: “Wer Stadt in ihrer Offenheit begreift”, so schreibt er, müsse sich an “sozialer Heterogenität, kultureller Vielfalt und symbolischer Vielsprachigkeit” orientieren (Kaschuba 2005. S. 10).

Ein Schlüsselbegriff für Qualitäten der Offenheit ist Migration. Sie ist, als Grundlage der europäischen Stadt, eine historische Tatsache. “Nur das freie Zusammenspiel von Bewegung, Veränderung und Fremdheit schafft als Charakteristikum urbanen Lebens jene kulturelle und soziale Spannung, aus der in der Tat ‘Kreatives’ entsteht: die Fähigkeit zu neuen kulturellen Entwürfen, Bewegungen und Synthesen.” (Kaschuba 2010, S. 32) Das Leitmotiv der Fremdheit als Ferment von Kultur durchdringt alle großen historischen Erzählungen, die Enzyklopädien, Monographien und Schulbücher füllen. Sie schildern “Migrationswissen” als transkulturelles Wissen (Kaschuba 2010, S. 32). Es betrifft jedoch keineswegs nur die national Fremden, sondern ebenso Fremdheit im Eigenen, die angesichts der gesellschaftlichen Vielfalt Normalität in jeder Gesellschaft ist.

Erol Yildiz, Detlev Ipsen und Hartmut Häußermann plädieren in diesem Sinne für eine offene Stadtgesellschaft, die eine aktive Einwanderungspolitik betreibt und Migration nicht einseitig als Belastung, sondern als für die Erneuerung der Gesellschaft notwendige Ressource betrachtet (Häußermann & Ipsen 2004, S. 4; Yildiz 2013). Sie teilen die Auffassung, dass Differenz als Leitkategorie von Urbanität (vgl. Wirth 1938) die Bedingung der offenen Stadt ist und der Fremde die Schlüsselfigur der modernen globalisierten und kosmopolitischen Netzwerkgesellschaft. Nur die Erfahrung der Differenz ermöglicht den Dialog (Katschnig-Fasch 2001, S. 135).
Die Städte der Spätmoderne bergen zahlreiche Möglichkeiten für Offenheit: im Sinne eines “kulturellen Pluralismus der Lebensstile” sowie durchlässiger und differenter Räume vor dem Hintergrund des relativ hohen Lebensstandards der westlichen Welt (Kaschuba 2010, S. 35). Diese Offenheit, die auch einem idealistischen Begriff des öffentlichen Raumes zugrunde liegt, beruht auf demokratischen Grundrechten, die mit sozialen Bewegungen auf dem Weg in die Moderne erkämpft wurden und die nach wie vor verteidigt werden müssen. Wenn die Städte ihre demokratische Disposition zu Offenheit durch legislative Maßnahmen sowie durch diskursive, räumliche und soziale Schließungen aufs Spiel setzen, dann schränken sie nicht nur bestehende Grundrechte ein, sondern sie verlieren auch “ihre wichtigsten Ressourcen: die freie Bewegung von Menschen und Ideen, die besondere Atmosphäre urbaner Räume sowie die Fähigkeit”, im öffentlichen Raum Nähe und Distanz zugleich einzuüben (ebd., S. 32).

Literatur

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Yildiz, Erol (2013): Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht. Bielefeld: Transcript.

Zur Illustration hier aus der Fülle der Literatur nur drei Hinweise, die sich auf lokale und supranationale Sicherheits- bzw. Gefährdungsdiskurse beziehen: Basler (2007), Breckner et al. (2007, S. 21-43) und Pain (2000, S. 365-387).

Published 19 November 2014
Original in German
First published by Dérive 57 (2014)

Contributed by Dérive © Johanna Rolshoven / Dérive / Eurozine

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