Der Krieg und das fehlende ontologische Zentrum der Politik

Sabine Reul und Thomas Deichmann im Gespräch mit dem Philosophen Slavoj Zizek.

15 March 2002
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Sabine Reul und Thomas Deichmann trafen den Philosophen Slavoj Zizek an der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2001 für ein Gespräch über sein Buch Die Tücke des Subjekts.

Sabine Reul & Thomas Deichmann: Ihre beiden nun auch in Deutschland verlegten Bücher Die Tücke des Subjekts und Die gnadenlose Liebe handeln von der Krise des Subjekts und der Politik. Werfen die Ereignisse vom 11. September ein neues Licht auf Ihre Diagnose?

Slavoj Zizek: In den letzten Wochen hören wir unentwegt, nichts werde mehr so sein, wie es war. Ich frage mich, ob wirklich eine so fundamentale Änderung stattfindet. Selbstverständlich gibt es eine Änderung der Wahrnehmung und Darstellung. Aber ich glaube nicht, dass wir von einem Bruch sprechen können. Bestehende Einstellungen und Ängste wurden eher bestätigt, und was wir vorher durch die Medien über den Terrorismus hörten, ist tatsächlich eingetreten. In den beiden Büchern beschäftige ich mich stark mit dem, was wir als Digitalisierung oder Virtualisierung der Wirklichkeit bezeichnen. Zwar haben 60 Prozent der Menschen auf dieser Erde noch nie ein Telefon benutzt. Trotzdem leben etwa 30 Prozent von uns in einem digitalisierten Universum, das künstlich konstruiert, manipuliert und nicht mehr naturhaft oder traditionell ist. Man kann es ironisch fassen: In allen Bereichen haben wir zunehmend das Ding ohne sein Wesen. Wir haben Bier ohne Alkohol, Fleisch ohne Fett, Kaffee ohne Koffein – und sogar virtuellen Sex ohne Sex. Nun haben wir auch die virtuelle Wirklichkeit – Realität ohne Realität, oder eine gänzlich regulierte und dinghafte Wirklichkeit. Aber die Sache hat eine Kehrseite: Ich sehe im gesamten 20. Jahrhundert eine Gegentendenz, für die der Philosoph Alain Badiou eine gute Formel gefunden hat: “La passion du réel” – die Passion des Wirklichen. Das heißt, gerade weil das Universum, in dem wir leben, ein Universum toter Konventionen ist, muss die einzig wirklich authentische Erfahrung ein äußerst gewaltsames, erschütterndes Erlebnis sein. Dann haben wir das Empfinden, wieder im wirklichen Leben angekommen zu sein.

SR & TD: Ist es das, was wir gerade erleben?

SZ: Ich denke, dies hat vielleicht das gesamte 20. Jahrhundert definiert, das wirklich mit dem Ersten Weltkrieg begann. Wir alle erinnern uns an die Kriegsberichte von Ernst Jünger, in denen er die Erfahrung des direkten physischen Kampfes als authentisch zeichnete. Auf der Ebene der Sexualität wäre meines Erachtens der archetypische Film des 20. Jahrhunderts Oshima’s Reich der Sinne, wo es darum geht, dass man in der sexuellen Begegnung wirklich radikal bis zum Ende geht, wenn man sich praktisch zu Tode foltert. Damit die Begegnung authentisch wird, muss sie extrem gewaltsam sein. Emblematisch ist für mich in diesem Sinn auch eine andere Figur – der so genannte “cutter”, eine in den Vereinigten Staaten weit verbreitete pathologische Erscheinung. Es sind meist Frauen, aber auch Männer, etwa zwei Millionen, die sich mit Rasierklingen schneiden. Das hat nichts mit Masochismus oder Selbstmord zu tun. Sie fühlen sich einfach als Personen nicht real, und die Idee ist, nur durch den Schmerz und wenn warmes Blut fließt, fühlt man sich wieder als Teil des Lebens. Diese Spannung ist meines Erachtens der Hintergrund, auf dem wir diesen Akt verorten müssen.

SR & TD: In Die Tücke des Subjekts schreiben Sie, die Wirklichkeit oder auch die Artikulation des Subjekts werde durch die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte unterbunden.

SZ: Der Ausgangspunkt meines Buchs über das Subjekt ist die Beobachtung, dass heute fast alle philosophischen Strömungen, auch wenn sie noch so gegensätzlich scheinen, in einer gewissen grundsätzlich anti-subjektivistischen Haltung übereinstimmen. Habermas und Derrida zum Beispiel würden beide sagen, dass das Cartesianische Subjekt dekonstruiert, oder, im Falle Habermas, in eine umfassendere intersubjektive Dialektik eingebettet werden musste. Kognitivisten, Hegelianer, alle sind in diesem Punkt einer
Meinung. Ich bin versucht zu sagen, wir müssen zum Subjekt zurück – allerdings nicht zum rein rationalen Subjekt Descartes’. Ich denke, das Subjekt ist seinem Wesen nach politisch. Damit meine ich, es ist ein Stück Freiheit, wo man nicht mehr in einer festen Substanz verwurzelt ist, oder, anders gesagt, sich in einer offenen Situation befindet.

Wir haben heute die biogenetische Technologie, und das ist für mich eine Situation, in der Subjektivierung notwendig ist. Wir können nicht mehr einfach alte Regeln anwenden. Wir begegnen Paradoxen, aus denen es keinen unmittelbaren Ausweg gibt. In diesem Sinn ist Subjektivität als solche politisch. Der Raum des Subjekts ist der Raum radikaler politischer Entscheidung. In den letzten Jahren erleben wir eine seltsame Rehabilitation der Unterscheidung zwischen Ethik und Politik durch die Dekonstruktivisten und Pseudo-Kantianer wie Habermas oder Apel. Politik sei eine Sache strategischer Entscheidungen, die durch grundsätzlichere ethische Erwägungen einzubetten oder zu begründen sei. Diese Unterscheidung fällt meines Erachtens im Konstruktivismus. Hier wird Ethik selbst zu einer Frage der politischen Entscheidung. Oder um es mit Kant zu sagen: Es ist das “ästhetische Urteil”, dem man kein universelles Gesetz zugrunde legen kann, sondern in dem man unter Bezug auf ein Beispiel das universelle Gesetz selbst neu erfinden muss. Und ist dies nicht, was uns heute mit der Biotechnologie begegnet? Man kann auf sie nicht einfach bestehende Regeln anwenden, sondern man muss die Regeln neu schaffen. Sie ist durch die Vergangenheit einfach nicht gedeckt.

SR & TD: Aber diese Art Subjektivität scheint verschwunden zu sein. In Ihren Büchern sprechen Sie von einer post-politischen Welt.

SZ: Wir leben nicht wirklich in einer post-politischen Welt, aber das bestehende Universum präsentiert sich in dem Sinn als post-politisch, als dass es eine Art grundlegende gesellschaftliche Übereinkunft zu geben scheint, elementare soziale Fragen nicht mehr als politische Entscheidungen zu behandeln. Sie werden zu einfachen administrativen Entscheidungen oder Gesten. Und die verbleibenden Konflikte betreffen größtenteils kulturelle Differenzen. Wir haben die aktuelle Form des globalen Kapitalismus plus irgendeine Art toleranter Demokratie als ultimative Form dieser Vorstellung. Und wir haben das Paradox, dass nur wenige bereit sind, diese Welt in Frage zu stellen.

SR & TD: Und woran könnte das liegen?

SZ: In dieser post-politischen Welt scheint es noch immer eine Spannung zu geben zwischen dem, was wir generell toleranten Liberalismus nennen und dem Multikulturalismus. Aber obwohl ich Nietzsche nie mochte, bin ich versucht zu sagen: Wenn es eine Definition gibt, die wirklich passt, dann ist es sein alter Dualismus zwischen aktivem und passivem Nihilismus, also aktiver Nihilismus im Sinne, das Nichts zu wollen, diese aktive Selbstzerstörung, die genau das ist, was ich schon als Passion des Realen bezeichnet habe, also die Vorstellung, man müsse, um authentisch zu leben, sich selbst zerstören. Und auf der anderen Seite der passive Nihilismus, was Nietzsche mit dem “Letzten Menschen” meinte, also einfach ein dummes, selbstzufriedenes Leben ohne große Leidenschaften. Das Problem des post-politischen Universums liegt darin, dass wir diese beiden Seiten haben, die in einer Art tödlicher Dialektik eingefangen sind. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, muss die Subjektivität, denke ich, neu erfunden werden.

SR & TD: Sie schreiben an anderer Stelle, die westlichen Eliten verlören die Nerven, sie wollten alle alten Konzepte wie Humanismus oder Subjektivität zum Fenster hinauswerfen. Sie dagegen schreiben, es sei wichtig zu schauen,
was am Alten bewahrenswert ist.

SZ: Natürlich bin ich nicht gegen das Neue. Ich bin sogar fast geneigt, Virginia Woolf zu zitieren, die, ich denke es war 1914, schrieb, es sei so, als sei die ewige menschliche Natur verwandelt. Ein Mensch zu sein, heißt nicht mehr das Gleiche. Wir sollten, zum Beispiel, die sozialen, inter-subjektiven Auswirkungen des Cyberspace nicht unterschätzen. Nehmen wir die eigenartigen Phänomene, die wir beispielsweise im Internet beobachten. Es gibt so genannte Cam-Websites, auf denen Menschen einer anonymen Öffentlichkeit ihre intimsten Geheimnisse preisgeben, und zwar bis auf die vulgärste Ebene. Selbst ich mit meinen dekadenten Neigungen war schockiert zu erfahren, dass Leute Videokameras in ihre Toiletten stecken, so dass man sie beim Stuhlgang beobachten kann. Das ist eine neue Konstellation. Es ist nicht privat, aber auch nicht öffentlich, und es nicht die alte Geste des Exhibitionismus. Wie auch immer, hier geschieht etwas Radikales.

SR & TD: Dass wir in einem Zeitalter des radikalen Wandels leben, sagen ja viele…

SZ: Ja, uns werden eine Reihe von Begriffen dafür angeboten. Man spricht vom Paradigmenwechsel; New Age-Leute sagen uns, wir hätten keinen cartesianischen, mechanistischen Individualismus mehr, sondern einen neuen universellen Geist. Ähnliches sagen die Soziologen der Zweiten Moderne. Und die psychoanalytischen Theoretiker meinen, der Oedipuskomplex sei verschwunden und wir lebten in einer Ära universalisierter Perversion. Diese Antworten sind falsch und registrieren den Bruch, den wir erleben, nicht, denn sie sind zu sehr im Alten verwurzelt. Um das Neue zu erfassen, muss man mit dem Alten beginnen. Damit meine ich, dass wir den Abgrund des Neuen nur wirklich erfassen können, wenn wir das, was geschieht, am Maßstab des Alten messen. Hier möchte ich auf Pascal verweisen. Pascals Problem war ebenfalls die Konfrontation mit der Modernität und der modernen Wissenschaft. Er wollte in diesem neuen, modernen Zeitalter ein alter orthodoxer Christ bleiben. Seine Ergebnisse waren viel radikaler und für uns heute interessanter als die der liberalen englischen Philosophen, die die Modernität einfach hinnahmen. Wir sehen das Gleiche in der Filmgeschichte, mit der Einführung des Tons. Was ist das Problem, könnte man sagen: Man fügt dem Bild den Ton hinzu und erhält eine realistischere Wiedergabe der Wirklichkeit. Aber das stimmt nicht. Und interessanterweise waren konservative Regisseure am sensibelsten für die Folgen der Einführung des Tons. Sie waren skeptisch – Chaplin zu einem gewissen Grad und Fritz Lang. Langs Testament des Dr. Mabuse realisierte die gespenstische Aura der Stimme auf wundervolle Weise, da er erkannte, dass die Stimme nie einfach zum Körper gehört. Hier hatte also ein Konservativer, so als fürchte er die Unheimlichkeit des neuen Mediums, ein wesentlich schärferes Gespür für seine radikalen Möglichkeiten. Das Gleiche sehen wir heute. Die Leute, die einfach meinen, wo liegt das Problem, werfen wir uns doch einfach in die digitale Welt, sehen nicht, was wirklich vor sich geht.

SR & TD: Woher mag das kommen, dass die Leute heute gerne alle fünf Minuten eine neue Ära ausrufen?

SZ: Es ist der verzweifelte Versuch, das Trauma des Neuen zu verdrängen und eine zutiefst konservative Haltung. Die Verkünder neuer Paradigmen sind heute die wahren Konservativen. Im Film Der große Diktator persifliert Charlie Chaplin Hitler als Hinkel. Es gibt eine wunderbare Szene, in der Hinkel eine große Rede hält und völlig sinnlose, obszöne Wörter spricht. Gelegentlich versteht man ein vulgäres deutsches Alltagswort wie “Wiener Schnitzel” oder “Kartoffelstrudel”. Diese geniale Einsicht, dass die Stimme eine Art spektrales Gespenst ist, hatten Konservative mit ihrem Gespür für das Neue. Alle großen Brüche sind so entstanden. Nietzsche war in diesem Sinn konservativ, und ich würde jederzeit sagen, das gilt auch für Marx. Wir sollten gerade heute diese Haltung schätzen. Ist man überrascht und schockiert, sollte man nicht so tun, als sei da nichts. Man kann nicht einfach sagen: Nun gut, lasst uns digitale Spiele spielen. Wir sollten die Fähigkeit, richtig überrascht zu sein, nicht verlernen. Das Gefährlichste wäre heute meines Erachtens, einfach mit dem Strom zu schwimmen.

SR & TD: Kehren wir also zurück zu den Dingen, die uns in letzter Zeit überrascht haben. Sie haben in einem Artikel geschrieben, die Terroristen seien nicht irgendwo da draußen, sondern Teil unserer Zivilisation.

SZ: Das ist natürlich meine Antwort auf die populäre These von Huntington und anderen über den so genannten Kampf der Kulturen. Ich lehne diese These aus einer Reihe von Gründen ab. Erstens ist der heutige Rassismus genau dieser Rassismus der kulturellen Differenz. Er sagt nicht: Ich bin besser als ihr, sondern: Ich will meine Kultur, und ihr könnt eure haben. Genau das sagt heute jeder Rechte. Solche Leute können sehr post-modern sein. Sie akzeptieren, dass es keine natürliche Tradition gibt und dass jede Kultur konstruiert ist. In Frankreich gibt es neo-faschistische Rechte, die sich explizit auf den Dekonstruktivismus beziehen. Sie sagen: Ja, er lehrt uns, dass es keinen Universalismus gibt, sondern nur partikulare Identitäten. Also sollten die Schwarzen ihre Kultur haben, und wir die unsere. Bemerkenswert waren auch die ersten Reaktionen der amerikanischen “moral majority” auf die Anschläge vom 11. September. Pat Robertson ist etwas exzentrisch, aber Jerry Falwell gehört zum Mainstream. Seine Reaktion war die gleiche wie die der Araber, auch wenn er sie einige Tage später widerrief. Er sagte, die Bombardierung des World Trade Centre zeige, dass Gott die Vereinigten Staaten nicht mehr schütze, weil sie sich dem Bösen, der Homosexualität und der Promiskuität, verschrieben hätten. Nach Schätzungen des FBI gibt es in den Vereinigten Staaten heute mindestens zwei Millionen radikale – also auch gewaltbereite – Rechtsextreme. Sie sind zum Teil recht gewalttätig, töten Ärzte, die Abtreibungen durchführen; ganz zu schweigen vom Bombenattentat in Oklahoma City. Aus meiner Sicht zeigt dies, dass die gleiche anti-liberale, gewalttätige Einstellung auch bei uns existiert, und das ist für mich der Beweis, dass der Terrorismus ein Phänomen unserer Zeit ist, das sich nicht einer bestimmten Zivilisation zuschreiben lässt.

SR & TD: Heißt das, er ist kein arabisches oder islamisches Problem?

SZ: Was den Islam betrifft, sollten wir die Geschichte betrachten. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang Ex-Jugoslawien. Warum war Bosnien der Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen? Weil es die ethnisch gemischteste Republik Ex-Jugoslawiens war. Warum? Weil Bosnien von den Muslimen dominiert wurde, die historisch definitiv am tolerantesten waren. Wir Slowenen und die Kroaten, beide katholische Völker, haben sie hingegen schon vor Hunderten von Jahren vertrieben. Das beweist, dass der Islam nicht inhärent intolerant ist. Die Frage ist also, warum dieser terroristische Aspekt des Islam heute auftritt. Die Spannung zwischen Toleranz und fundamentalistischer Gewalt entsteht innerhalb einer Zivilisation, nicht zwischen ihnen. Im Sender CNN sahen wir Präsident Bush, wie er den Brief eines siebenjährigen Mädchens verlas, dessen Vater Pilot und nun in Afghanistan im Einsatz ist. Sie schrieb, sie liebe ihren Vater, aber wenn ihr Land seinen Tod brauche, sei sie bereit, ihren Vater für ihr Land zu opfern. Bush sagte, dies sei ein Beispiel für amerikanischen Patriotismus. Machen wir ein einfaches Gedankenexperiment und stellen uns das gleiche Ereignis mit einem afghanischen Mädchen vor. Sofort würden wir sagen: Was für ein Zynismus, was für ein Fundamentalismus, was für eine Manipulation kleiner Kinder. Da gibt es also schon Unterschiede in unserer Wahrnehmung. Aber das, was uns an anderen schockiert, tun wir selbst in gewisser Weise ebenso.

SR & TD: Sind Multikulturalismus und Fundamentalismus also zwei Seiten der gleichen Münze?

SZ: Gegen Toleranz ist natürlich nichts einzuwenden. Aber mit der multikulturellen Toleranz kauft man gleichzeitig eine Reihe anderer Dinge ein. Ist es nicht symptomatisch, dass der Multikulturalismus genau in dem historischen Moment explodierte, als die letzten Spuren der Arbeiterpolitik aus dem politischen Raum verschwunden waren? Für viele ehemalige Linke ist der Multikulturalismus eine Art Ersatz-Arbeiterpolitik. Wir wissen nicht einmal, ob die Arbeiterklasse überhaupt noch existiert, also reden wir über die Ausbeutung anderer. Das wäre als solches vielleicht kein Problem. Aber es besteht die Gefahr, dass Fragen der wirtschaftlichen Ausbeutung in Probleme der kulturellen Toleranz verwandelt werden. Und dann muss man nur noch einen Schritt weiter gehen, wie Julia Christova in Etrangers à nous mêmes, und sagen, wir könnten andere nicht tolerieren, weil wir das Andere in uns selbst nicht tolerieren können. Da haben wir dann einen reinen pseudo-psychoanalytischen kulturellen Reduktionismus.

Ist es nicht traurig und tragisch zugleich, dass heute rechte Populisten die einzige relativ starke politische Bewegung sind, die noch direkt die Arbeiterklasse anspricht? Als ich vor drei Jahren Le Pen auf einem Kongress des Front National erlebte, war ich schockiert. Er holte einen schwarzen Franzosen, einen Algerier und einen Juden auf die Tribüne, umarmte sie und sagte: Sie sind genauso Franzosen wie ich. Meine Feinde sind nur die internationalen kosmopolitischen Unternehmen, die französische Interessen mit Füßen treten. Der erste Preis ist also, dass nur noch die Rechten über ökonomische Ausbeutung sprechen.

SR & TD: Und der zweite?

SZ: Was mir auch an der multikulturellen Toleranz missfällt, ist, dass sie häufig in dem Sinn heuchlerisch ist, dass das Andere, das sie toleriert, bereits ein reduziertes Anderes ist. Das Andere ist in Ordnung, so lange es um Essen, Kultur und Tänze geht. Aber was ist mit der Kliterodektomie ­ der Mädchenbeschneidung? Oder mit meinen Freunden, die sagen, wir müssen andere Religionen respektieren? Schön und gut, aber wie halten wir es mit alten hinduistischen Bräuchen, also etwa dem, dass, wenn ein Mann stirbt, seine Frau verbrannt wird? Wie respektieren wir das? Hier haben wir ein Problem. Diese Vorstellung der Toleranz maskiert jedoch vor allem ihr Gegenteil: die Intoleranz. In meinen Büchern befasse ich mich immer wieder mit dem Umstand, dass in dieser liberalen Perspektive der Andere stets als etwas erscheint, das uns in irgendeiner Weise verletzen kann.

SR & TD: Sprechen Sie hier von dem, was wir als Opferkultur bezeichnen?

SZ: Heute ist der Opferdiskurs fast der vorherrschende Diskurs. Man kann Opfer des Rauchens, der Umwelt oder des sexuellen Missbrauchs sein. Wie hier das Subjekt auf Opfer reduziert wird, finde ich traurig. Dahinter steckt eine äußerst narzisstische Vorstellung der menschlichen Persönlichkeit. Und, in der Tat, eine intolerante, denn was sie besagt, ist, dass wir keine gewaltsamen Begegnungen mit anderen mehr tolerieren können – und solche Begegnungen sind immer gewaltsam.

SR & TD: Wie meinen Sie das?

SZ: Nun, sprechen wir über sexuelle Belästigung: Natürlich bin ich gegen so etwas. Aber seien wir ehrlich: Sagen wir, ich bin einem Mann oder einer Frau leidenschaftlich verbunden oder verliebt und erkläre diesem Menschen meine Liebe, meine Leidenschaft. Das hat immer etwas Gewaltsames oder Schockierendes. Es klingt vielleicht wie ein Witz, soll aber keiner sein: Das Spiel der erotischen Verführung lässt sich nicht politisch korrekt vollziehen. Es gibt den Augenblick der Gewalt, in dem wir sagen: Ich liebe dich, ich will dich, und dieser gewaltsame Aspekt lässt sich nicht umgehen. Daher denke ich, dass auch die Furcht vor sexueller Belästigung in gewisser Weise eine Angst vor der zu offenen, zu gewaltsamen Begegnung mit dem anderen Menschen zum Ausdruck bringt. Aber es gibt noch eine weitere Sache, die mich am Multikulturalismus stört. Wenn Leute mich fragen, wie kann ich sicher sein, dass ich kein Rassist bin, antworte ich: Es gibt nur einen Weg – wenn ich mit Angehörigen anderer Gruppen Beleidigungen und schmutzige oder brutale Witze austauschen kann und wir dabei beide wissen, dass es nicht rassistisch gemeint ist. Dieses politisch korrekte Spiel hingegen – Oh, ich respektiere dich, wie interessant sind deine Gebräuche -, das ist invertierter Rassismus und ekelhaft. In der jugoslawischen Armee waren wir alle gemischter Nationalität. Wie habe ich dort Freundschaft mit Albanern geschlossen? Indem wir begannen, Obszönitäten, sexuelle Anspielungen und Witze auszutauschen. Der politisch korrekte Respekt aber ist, wie Freud es so schön nannte, “zielgehemmt”. Die Aggression gegen den Anderen ist dabei noch immer da.

SR & TD: In Ihrem Buch sprechen Sie von einer “wahren Universalität” als Gegenteil dieses falschen Respekts. Was verstehen Sie darunter?

SZ: Hier muss ich mir eine einfache Habermassche Frage stellen: Wie lässt sich Universalität in unserer Erfahrung begründen? Natürlich nehme ich dieses post-moderne Spiel nicht hin, dass jeder von uns sein eigenes Universum bewohnt usw. Ich glaube an die Universalität. Ich glaube aber nicht an eine Universalität fundamentaler Regeln oder Vorstellungen. Die politische Universalität ist die einzige, zu der wir Zugang haben. Das ist keine abstrakte, idealistische Solidarität, sondern Solidarität im Kampf. Der authentische Moment der Solidarität ist für mich der, in dem wir – beispielsweise als Feministen und Ökologen oder Feministen und Arbeiter – plötzlich entdecken: Mein Gott, wir kämpfen ja für die gleiche Sache. Diese politische Universalität wäre die einzige authentische. Aber sie fehlt heute natürlich, weil Politik heute zunehmend nichts Weiteres ist als das Aushandeln von Kompromissen zwischen verschiedenen Standpunkten.

SR & TD: Kann man sagen, diese Postpolitik untergräbt gerade die Freiheit, von der in den letzten Wochen so viel die Rede ist?

SZ: Ich würde sagen, dass dem, was uns heute als Freiheit verkauft wird, diese radikale Dimension von Freiheit und Demokratie fehlt: die Überzeugung, dass grundlegende gesellschaftliche Entscheidungen durch eine möglichst große Anzahl von Menschen oder eine Mehrheit diskutiert und entschieden werden sollten. In diesem Sinn haben wir heute keine wirkliche Erfahrung der Freiheit. Unsere Freiheiten reduzieren sich zunehmend auf die Freiheit, den Lebensstil zu wählen. Man kann sogar bis zu einem gewissen Grad seine ethnische Identität wählen. Nehmen wir Bosnien, wo es viele gemischte Familien gab. Als der Krieg ausbrach, mussten sie wählen: Bist du pro-serbisch, pro-kroatisch oder pro-muslimisch? Das steckte nicht in den Genen, sondern musste entschieden werden.

Aber diese neue Welt der Freiheit, wie sie Ulrich Beck beschreibt, der meint, alles sei eine Frage der reflexiven Verhandlung oder freien Wahl, kann neue Unfreiheiten beinhalten. Wir wissen beispielsweise, wie schwer es heute sein kann, auch als Akademiker oder Journalist ein feste Stelle zu finden. Oft leben wir mit einem 2- oder 3-Jahresvertrag, den man dann immer wieder neu aushandeln muss. Das erleben die meisten von uns als traumatisch – denn man kann nie sicher sein. Aber dann kommt der post-moderne Ideologe und sagt: Oh, das ist aber doch nur eine neue Freiheit. Du kannst dich jetzt alle zwei Jahre neu erfinden! Ich denke, zur Explosion dieser neuen Freiheiten, die in den Bereich dessen fallen, was Foucault “Sorge für das Selbst” nannte, gehört auch größere gesellschaftliche Unfreiheit. Vor 20 oder 30 Jahren wurde noch darüber diskutiert, ob die Zukunft nun faschistisch, kommunistisch oder kapitalistisch sein würde. Keiner diskutiert heute mehr solche Fragen. Diese grundsätzlichen gesellschaftlichen Optionen werden nicht mehr als etwas wahrgenommen, das entschieden werden kann. Der Bereich fundamentaler gesellschaftlicher Fragen ist einfach entpolitisiert worden. Ich finde es sehr traurig, dass wir – gerade in einer Zeit gewaltiger sozialer Veränderungen, in der sich ganze gesellschaftliche Koordinaten verschieben – das nicht mehr als etwas sehen, das wir frei entscheiden.

SR & TD: Würden Sie das auch in Hinblick auf das ehemalige Jugoslawien sagen? In Serbien gab es im vergangenen Jahr im Zuge des Regierungswechsels große Freiheitsversprechen. Viel ist daraus bislang nicht geworden.

SZ: Es gibt einfach Situationen, in denen erbitterte politische Auseinandersetzungen stattfinden, aber von keiner der beteiligten Parteien gesagt werden kann, sie repräsentiere ein authentisches demokratisches Engagement. Ich sehe heute in Serbien – um einen naiven Begriff zu verwenden ­ kein authentisches demokratisches Subjekt. Hier stimme ich wieder mit Alain Badiou überein: Eine wirklich emanzipatorische politische Kraft gibt es nicht immer. Man kann sogar sagen, dass es sie meistens nicht gibt. Nur selten gibt es eine Art Explosion authentischer demokratischer politischer Subjektivität. Politik ist heute rar.

SR & TD: Um mit dem 11. September zu schließen: Einige Wochen sind vergangen, und nun erleben wir einen seltsamen Krieg, von dem gesagt wird, er werde lange dauern. Was empfinden Sie dabei?

SZ: Was mir Sorge bereitet, ist, dass viele Amerikaner die Angriffe vom 11. September als etwas erleben, das sie zu Unschuldigen macht: Früher hatten wir Vietnam und so weiter ­ aber nun sind wir Opfer, und deshalb ist es legitim, wenn wir uns jetzt mit dem amerikanischen Patriotismus identifizieren. Diese Geste ist riskant. Die große Alternative für die Amerikaner liegt heute, wie mein Freund Ariel Dorffmann kürzlich schrieb, darin, dass sie die Chance haben, Mitglied der Völkergemeinschaft zu werden. Amerika verhält sich immer, als sei es etwas Besonderes. Es sollte in diesem Angriff die Gelegenheit erkennen, nicht mehr etwas Besonderes sein zu wollen, sondern einfach und wahrlich Teil dieser Welt. Das ist die große Option. Die Vorstellung, dass nun das reichste Land der Erde eines der ärmsten bombardiert, ist zutiefst beunruhigend und tragisch. Das erinnert mich an den bekannten Witz über den Idioten, der im Dunkeln seinen Schlüssel verliert und ihn unter der nächsten Laterne sucht. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er: Ich weiß, ich habe ihn dort verloren, aber hier lässt es sich besser suchen. Aber auch die Linke hat mich zutiefst enttäuscht. Der Rückzug auf diese sichere pazifistische Einstellung – Gewalt gebiert immer mehr Gewalt, gebt dem Frieden eine Chance – ist abstrakt und greift hier nicht. Zunächst einmal ist das keine universelle Regel. Ich frage meine linken Freunde, die dieses Mantra vortragen: Was hättet ihr unter Hitler gesagt? Hättet ihr da auch gesagt, wir können keinen Widerstand leisten, weil Gewalt nie hilft? Es ist einfach eine Tatsache: Es gibt einen Punkt, da muss man kämpfen. Hier liegt für mich nicht das Problem, sondern darin, dass dieser Krieg nie die Lösung sein kann.

Genauso irreführend ist die Idee, diese Anschläge seien so etwas wie eine Art Arbeiterrevolte der Dritten Welt gegen den amerikanischen Imperialismus. Dann wäre auch der amerikanische Fundamentalismus, über den wir vorhin sprachen, eine Reaktion der Unterdrückten, was er ganz offensichtlich nicht ist. Wir stehen also vor der Herausforderung, unsere Koordinaten zu überdenken. Und ich hoffe, da kann das positive Resultat dieser Ereignisse liegen: dass wir es nicht nutzen, um weiter immer das Gleiche zu tun, sondern um darüber nachzudenken, was sich in unserer Welt wirklich ändert.

SR & TD: Vielen Dank für das Gespräch.

Published 15 March 2002

Original in English
Translation by Thomas Deichmann & Sabine Reul
First published in

© Thomas Deichmann, Sabine Reul, Slavoj Zizek / Novo Magazin / Eurozine

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