Zinedine Zidane oder das Spiel mit den Zugehörigkeiten

28 August 2006
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Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema kommen kann, möchte ich ein paar Rahmeninformationen zur Figur Zinedine Zidane zusammenstellen – Informationen, auf die in der Analyse des Zugehörigkeitenspiels immer wieder Bezug zu nehmen sein wird.

Zinedine Zidane, geboren am 23. Juni 1972, war bis Mai diesen Jahres Mittelfeldspieler bei Real Madrid. Der 80 Kilogramm schwere und 1.85 Meter große Fußballstar (auf seinen Körper wird es später noch ankommen) hat in seiner Karriere verschiedene Titel erringen können, von denen ich nur einige nennen möchte: Mit Juventus Turin wurde er italienischer Meister und gewann den italienischen Supercup, mit Real Madrid holte er die spanische Meisterschaft und 2002 den UEFA Champions-League-Pokal, mit der französischen Nationalmannschaft war er 1998 Weltmeister und 2000 Europameister. Die FIFA ernannte ihn dreimal zum Weltfußballer des Jahres. Für seine Leistungen während der WM 1998 und 2006 erhielt er zweimal den Goldenen Ball.1

Die Erfolge des Fußballers verbinden sich mit einer Reihe von Orten in Europa. Seine Karriere begann in La Castellane, seinem Geburtsort – einem der verrufenen nördlichen Stadtteile von Marseille, wo er vor allem als “Yazid” bekannt ist. Mit 13 Jahren ging er für seine Ausbildung als professioneller Fußballer nach Cannes. In der großbürgerlichen Mittelmeerstadt, bekannt für das Filmfestival, lernte Zidane seine spätere Ehefrau, die Tänzerin Véronique, kennen – eine gebürtige Rodezerin aus dem französischen Aveyron mit einer Großmutter im spanischen Andalusien. Im Verein AS Cannes erlebte Zidane 1989 seinen ersten Einsatz als Berufsspieler. Von der Spielprämie kaufte er sich seine erste Levi’s. 17 Jahre nach dem Erwerb der ersten Markenjeans, auf dem Filmfestival in Cannes dieses Jahres, zeigten die beiden Künstler Philippe Parreno und Douglas Gordon ihr mit 18 Kameras gefilmtes Kunstwerk “Zidane. Ein Porträt des 21. Jahrhunderts”.

Zu Beginn der 1990er Jahre erlaubte es die finanzielle Situation Zinedine Zidanes, seinem 1953 aus Algerien eingewanderten und aus der algerischen Kabylei stammenden Vater (Smaïl) und seiner Mutter (Malika) ein Haus mit Garten in einem Vorort von Marseille zu kaufen, nicht weit von der Hochhaussiedlung seiner Kindheit.

1992 ging Zidane nach Bordeaux – der Stadt des FC Girondins. Bordeaux verlieh ihm den Spitz- und Kosenamen “Zizou”. Die Metropole des französischen Rotweins ist der Ort, wo er geheiratet hat und sein erster Sohn Enzo zur Welt kam – und die Stadt, wo er 1996 in einem Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und der Tschechischen Republik als Nationalspieler entdeckt wurde.

1996 warb der verstorbene Giovanni Agnelli, Fiat-Konzern-Leiter und Ehrenpräsident von Juventus Turin, dem FC Girondins ihren begnadeten Kicker Zidane ab. Zizou zog mit seiner Familie und seinen Freund Malek aus La Castellane in die norditalienische Industriestadt. Sein ehemaliger Trainer in Cannes hat die italienische Zeit als die entscheidende Ausbildungsphase der Fußballkunst Zizous beschrieben. In die Turiner Periode fällt die Geburt des zweiten Sohnes des Fußballstars, Luca. Seine beiden Jüngsten haben das Licht der Welt dann unter dem Stern des madrilenischen Vereins erblickt. Denn 2001 wechselte Zidane zu Real Madrid, was den spanischen Club 66 Millionen Euro kostete.

Am 12. August 2004 verkündete Zizou, mit unverschnürten Adidas- Sportschuhen an den strumpflosen Füßen, in Jeans und T-Shirt gekleidet, den Franzosen und damit auch dem Rest der Welt seine Entscheidung, aus der französischen Nationalelf auszuscheiden. Das Interview machte Schlagzeilen. Annähernd ein Jahr später, am 3. August 2005, kam es dann zum berühmten Rücktritt vom Rücktritt. Mit dem Satz “Nur Idioten ändern nicht ihre Meinung!”2 erklärte Zidane, wieder in der französischen Nationalelf spielen zu wollen.

Hier in Deutschland hat Zidane mit dem Endspiel bei der jüngsten Fußballweltmeisterschaft seine Karriere als Profifußballer endgültig beendet, auch wenn weiterhin richtig bleibt, was er 2004 gesagt hatte: “Nur Idioten ändern nicht ihre Meinung!” Die Karrieren der Werbeikone Zidane und des humanitär engagierten Zidane sind damit freilich nicht beendet.3 Der Vertrag mit dem Konzern Danone beispielsweise ist noch bis 2015 gültig, auch bleibt Zidane bis auf weiteres UN-Botschafter des guten Willens, Pate des Vereins zur Hilfe für Kinder mit der Blutkrankheit Leukodystrophie und Pate des Vereins zur Hilfe für Kinder in der algerischen Sahelzone. Dem eigenen Wunsch gemäß möchte Zidane zukünftig in der Nachwuchsförderung Real Madrids tätig werden: “Mein Ziel ist es nicht, in der Nähe der ersten Mannschaft zu bleiben, sondern den Kindern zu geben, was mir der Fußball in ihrem Alter gegeben hat.”4

Eine Vielzahl von Presseartikeln, Reportagen und Essays, ein Kinofilm und ein Comic haben Zidanes Biographie, seine Laufbahn und die fußballerischen Leistungen gewürdigt. Aus all diesen Darstellungen ergibt sich das Bild einer schillernden Figur, die unterschiedliche Angebote unterbreitet, sich zu ihr in Beziehung zu setzen. Die Gestalt Zinedine Zidanes stellt – anders gesagt – verschiedene Muster bereit, Zugehörigkeit zu konstruieren. Deshalb möchte ich in einem ersten Schritt die Grundmuster solcher Zugehörigkeitskonstruktionen nachzeichnen, um in einem zweiten Schritt deren Bedeutung für die Bildung von Gemeinschaften unter den Nachkommen der Einwanderer in Deutschland und Frankreich aufzuzeigen. Anhand der Narrative über Zidane sollen im folgenden die verschiedenen Modi aufgedeckt werden, die den Glauben an Gemeinsamkeit strukturieren. Ich möchte die veröffentlichten Beschreibungen des Fußballstars nutzen, um den von Max Weber beschriebenen ethnischen Gemeinsamkeitsglauben beziehungsweise die heute in der Soziologie vieldiskutierte sogenannte Ethnizität genauer zu erfassen. Dabei stehen die Begründungen im Vordergrund, auf denen Gemeinschaftsvorstellungen beruhen. Darüber hinaus werde ich die unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Kritik benennen, die aus den Begründungen von Zugehörigkeitsgefühlen hervorgehen. Grundlage dafür sind Aussagen über Zidane, die ich aus Interviews mit Muslimen, Kabylen und Palästinensern in Deutschland und Frankreich gewonnen habe. Die Muslime, deren Aussagen herangezogen werden, habe ich in der islamischen Hochschulgemeinde der Universität Hamburg, im Norddeutschen Bund Muslimischer Frauen und in einer muslimischen Jugendorganisation in Frankreich getroffen. Sie sind alle Kinder von Immigranten aus der Türkei, Marokko oder Tunesien. Die Kabylen, die ich zitiere, sind Studenten an verschiedenen Pariser Universitäten. Auch sie sind Nachkommen von ausländischen Arbeitnehmern, in diesem Falle aber aus der ehemaligen französischen Kolonie Algerien. Sie glauben an eine Gemeinschaft, die sich aus den Werten der Berbersprache Kabylisch ableitet. Bekanntlich ist die Kabylei eine Region in Algerien, aus der – wie schon gesagt – der Vater Zinedine Zidanes stammt. Und schließlich zitiere ich Palästinenser, die ich in verschiedenen palästinensischen oder arabischen Kulturvereinen in Berlin gesprochen habe. Sie sind die Kinder von Eltern, die in den 1970er und 1980er Jahren aus palästinensischen Lagern im Libanon in die bundesdeutsche Hauptstadt geflüchtet sind.

Bei der Auswertung dieser Interviewäußerungen geht es nicht um das, was offene oder verdeckte Bezüge auf den Islam, auf die kabylische Sprachkultur oder Palästina impliziert (also nicht um die Frage, welche positiven oder negativen Qualitäten mit den Gemeinschaftsbildern jeweils verbunden sind), sondern um eine möglichst trennscharfe Unterscheidung verschiedener Modi des Glaubens an eine wie auch immer inhaltlich definierte Gemeinschaft. Ich möchte ethnische Gemeinschaftsbildungen in der westeuropäischen Einwanderungsgesellschaft, unabhängig von Herkunft, Religion und Kultur, mit Hilfe von Zinedine Zidane in den Blick nehmen und als Ausdruck impliziter Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen verstehen.

I.

Nun aber zurück zur Figur Zinedine Zidane und ihren Angeboten, an Gemeinsamkeiten zu glauben. Insgesamt sechs Grundmuster sind zu unterscheiden, die Zugehörigkeitsgefühle begründen können.

Der 14-jährige Karim aus La Castellane, der im lokalen, von Zidane unterstützten Sportverein Nouvelle Vague spielt, stellt fest: “Zizou, das ist ein Künstler mit einem großen Herz.”5 Solche Aussagen betonen den Genius, der den Fußballer in seiner Partikularität heraushebt. Das Bild vom Genie verdrängt die roten und gelben Karten, die Fehlpässe, die Patzer im Umgang mit der Presse. Der Fußballkünstler dient allen, die an seine einmalige schöpferische Kraft glauben, als lebende Projektionsfläche für ein Wir der Auserwählten. Michel Platini, der französische Fußballstar aus den 1980er Jahren, ist stolz darauf, mit Zidane verglichen zu werden. Er sagt: “Man muß solche Spieler schützen. Das sind Künstler, die vom Aussterben bedroht sind – solche, die es immer schaffen, den letzten Pass zu spielen, die schöne Geste.”6

Dem Genius Zidane steht Zinedine als Sohn aus einer Einwandererfamilie und Familienvater mit Herz, Ehefrau und vier Kindern gegenüber. Immer wieder wird dem erfolgsverwöhnten Fußballer eine besondere Sorge für seine Kinder und ihre Erziehung attestiert. Die deutsche Zeitschrift Brigitte erwähnt: “Jeden Morgen bringt der Familienmensch Zidane seinen Nachwuchs in die Schule.”7 In der taz fragt ein Journalist: “[…] wer zöge den Familienvater Zidane nicht dem von seiner Gattin geschaffenen Amüsierbuben Beckham als Nachbarn vor?”8 Die Chronik berichtet, daß Zinedine die erste Immobilie für seinen Vater erwarb, damit die Eltern der Enge und dem Lärm der Hochhauswohnungen im sozialen Brennpunkt Marseilles entkommen konnten.

Aus dem “Familienmenschen” geht das zweite Zugehörigkeitsmuster hervor: der Diskurs über die Wurzeln. Der Vater Smaïl Zidane, den Zinedine einmal als den “Besitzer der Wahrheit” bezeichnet haben soll, ist in Algerien geboren, er stammt aus der Kleinen Kabylei. Er kam 1953 als Arbeitnehmer aus dem unter Kolonialmacht stehenden französischen Département in die Metropole – ins damalige Mutterland. Dort wohnte er zunächst in St.Denis in einem Barackenlager, unweit des heutigen Stade de France, wo sein Sohn 1998 Frankreich mit zwei Toren zum Weltmeistertitel verhalf. Später führte Smaïl die Arbeitssuche nach Marseille, wo er schließlich Schichtarbeiter in der Supermarktkette “Casino” wurde und mit seiner – ebenfalls aus der Kabylei stammenden – Frau Malika sowie den fünf Kindern in eine der eigens für die Zuwanderer gebauten Hochhaussiedlungen zog. Das von Medien und Chronisten gepflegte Bild von Vater Zidane bildet den Ausgangspunkt für die multiplen Herkunfts- und Wurzelnarrative: Zinedine als “Kabyle […] aus den Marseiller Slums”,9 als “Mann, der […] die Rassisten die Araber hat lieben lassen”10 oder als “Sohn muslimischer Einwanderer aus Algerien”.11

Man beschreibt Zinedine Zidane jedoch nicht nur als guten Sohn und Vater, sondern zeichnet ihn auch als treuen Freund und solidarisches Mannschaftsmitglied – und damit komme ich zu einem dritten Grundmuster in den Zugehörigkeitsgefühlen. Für sein Engagement bei Juventus Turin zog der Fußballer nicht nur mit Frau und Kind nach Turin, sondern auch mit seinem Jugendfreund Malek aus Marseille. Der Biograph Dan Franck berichtet, daß Zidane einen Aufenthalt in der Stadt Laval nutzte, um seine Freundschaft zu einem gewissen Mustapha Mazouz zu pflegen. “Er ist aus der Heimat”, soll Zidane erklärt haben.12 Es ist nicht klar, welche Heimat hier eigentlich gemeint ist, Marseille, Algerien oder die Kabylei. Für das Narrativ über den treuen und solidarischen Zidane wäre die definitive Antwort auf diese Frage allerdings unerheblich: Entscheidend ist das Bild vom Kumpel “Yazid”, dem erfolgreichen Fußballer und Millionär, der zu denen hält, die seine Freunde sind. Nach dem Elfmeterschießen im Viertelfinale der WM 1998 Frankreich–Italien, so berichtet es eine Anekdote, war Zidane zunächst einmal verschwunden. Er nahm an den unmittelbar auf den Sieg der Franzosen folgenden Jubel nicht teil, weil er seinen weinenden Freund von Juventus Turin, Christian Vierie, Spieler der gegnerischen Mannschaft, tröstete.13 In der anrührenden Episode verkörpert Zidane genauso wie in den Erzählungen über seine Unterstützung des Stadtteilvereins Nouvelle Vague im verrufenen Castellane ein durch Treue, Solidarität und Teamgeist ausgezeichnetes Wir. Man nennt ihn in diesem Kontext häufig “Yazid”.

Solidarität und Treue, die mit dem Kickerstar verbunden werden, erscheinen besonders prägnant, wenn sie der sozialen und ökonomischen Erfolgsgeschichte Zidanes gegenübergestellt werden – dem vierten Muster in dem Glauben an die “Zidane-Gemeinschaft”. Viele Journalisten stellen die Finanzkraft des sich alles leisten könnenden Fußballstars mit einem Jahreseinkommen von fast 15 Millionen Euro dem eingeschränkten Konsumvermögen seines Elternhauses gegenüber – einem Elternhaus, das die mühselige Schiffsreise für den Heimaturlaub in Algerien auf sich nehmen mußte, weil die Flugtickets zu teuer waren. Zidane ist nicht nur die meistgeliebte Persönlichkeit der Franzosen, sondern auch der Liebling der Sponsoren. Die Beschreibungen seines Reichtums klingen allerdings weder mißgünstig noch besitzen sie die in gewisser Weise sozialrevolutionäre Kolorierung, die in den Narrativen über die Herkunft des Immigrantensohns durchscheint. Tatsächlich akzentuiert die Gegenüberstellung des “Businessmannes” Zidane mit der wirtschaftlichen Situation der eingewanderten Unterschicht in den französischen Vorstädten die Geschichte eines schwindelerregenden gesellschaftlichen Aufstiegs. “Aber Geld ist nie sein Antrieb gewesen”, betont Gerd Kröncke in der Süddeutschen Zeitung, “deshalb blieb er auch frei von der Vulgarität eines David Beckham”.14

Die vier Zugehörigkeitsmuster – Genius, Wurzeln, Solidarität und Erfolg – finden in zwei weiteren Kategorien der Gemeinschaftsbildung ihre Ergänzung: der Physis und dem Respekt vor der Freiheit der Person. Zidane flößt nicht nur Respekt ein, vielmehr hat man ihn zum Inbegriff des Respekts stilisiert. Und wieder stellt Smaïl, Vater Zidane, in diesem Zusammenhang eine zentrale Vermittlungsinstanz dar. Seinem Biographen soll Zinedine gestanden haben: “Mein Vater hat mir während meiner ganzen Kindheit wiederholt, dass man den anderen immer respektieren muss. Ich habe in meinem Leben bisher nie aufgehört im Sinne dieser Regeln zu handeln, selbst wenn ich mit Freunden Fußball spielte.”15 Der Respekt, um den es bei dieser Gemeinschaftsvorstellung geht, ist die Achtung vor der Freiheit einer Person, ihrem Vermögen, autonom entscheiden zu können. Es ist etwa der Respekt vor der individuellen Entscheidung des Fußballers, sich aus der französischen Nationalelf zurückzuziehen, was im übrigen einige – wie der ehemalige Trainer der Mannschaft von Auxerre oder auch der ehemalige Nationaltrainer Aimé Jacquet – als die Anmaßung eines sich überschätzenden Auswahlspielers kritisiert haben.16 Es ist die zu respektierende Freiheit Zidanes, die französische Nationalhymne nicht mitzusingen und statt dessen vor dem Spielbeginn bewegungslos – wie eine Statue der Osterinsel, schreibt die französische Sportzeitung L’Equipe – in die Leere zu schauen.17 “Er ist Zinedine Zidane, Fußballer”, heißt es bei Dan Franck zum verweigerten Singen. “Der Mann ist gegenüber niemandem verantwortlich, nur vor sich selbst. Seine Freiheit hat diesen Preis.”18 Es geht mit anderen Worten um einen Respekt, dessen Gegenstand die individuelle Freiheit ist. Und in dieser Verbindung umschreiben beide Begriffe – Freiheit wie Respekt – die Projektionsfläche für ein Wir, das sich mit Aspirationen auf Freiheit begründet. Die auf die Kunst seines Fußballspiels verweisende Kreativität und Ästhetik bestimmen diesen Freiheitsbegriff, der folglich weder mit der Belohnung für geleistete Arbeit noch mit der Anerkennung für eingehaltene Regeln oder Konventionen verwechselt werden darf.

Zinedine Zidane ist ein Sportler. Somit beruhen die Narrative über seine Person alle mehr oder weniger auf Beobachtungen körperlicher Leistungen. “Was bei ihm verblüfft, ist diese perfekte Mischung aus technischer Begabung und robuster Physis”, schrieb ein Kommentator in der FAZ kurz vor der WM 2002. Auch der schon erwähnte Film der französischen und schottischen Bildhauer, Philippe Parreno und Douglas Gordon, “Zidane. Ein Porträt des 21. Jahrhunderts”, thematisiert “den Körper eines Athleten”; für die Veranstalter der “Art 37” 2005 in Basel ist die Darstellung dieses Körpers “eine unvergleichliche und atemberaubende Erfahrung”.19 Ein Kommentar in der Zeitung Le Figaro beschreibt den Zidane des Films gar “als schönes Tier”, auf einer grünen Savanne, vor dem das Publikum im Stadion erschauert.20

Die Figur Zinedine Zidane bietet uns also sechs unterschiedliche Modi an, Wir-Gefühl zu empfinden: Genius, Wurzeln, Solidarität, Erfolg, Respekt vor der individuellen Freiheit und schließlich die Physis.

II.

Im nächsten Schritt möchte ich nun die Stimmen der von mir interviewten deutschen und französische Muslime, Kabylen und Palästinenser zu Wort kommen lassen. Ihre Aussagen über den Fußballstar verdeutlichen, daß in den sechs verschiedenen Weisen, eine Gemeinschaft zu konstruieren, zugleich sechs verschiedene Formen impliziter Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zum Ausdruck kommen. Zunächst die Genie-Gemeinschaft:

“[…] Ich weiß nicht, ob er Kabylisch spricht”, sagt ein Student eines kabylischen Vereins. “Aber er ist einfach eine internationale Person. Er muß über jedem ethnischen Etikett stehen. Er engagiert sich für universelle Dinge, für Kinder und so etwas. […] Aber ich bin stolz, daß er zu meiner Sippe gehört. Allerdings kann ich auch verstehen, wenn ein arabischer Algerier auf ihn stolz ist.” (Studentenverein Tikli, St.Denis, 18. April 2005)

Als Genie überragt Zidane alle. Sein einzigartiges Fußballspiel macht aus ihm eine universelle Persönlichkeit, die über den ethnischen Differenzen und nationalen Konflikten steht. Seine kabylische Herkunft – seine Zugehörigkeit zur vom zitierten Studenten geteilten Sippe – tritt ganz hinter der Außergewöhnlichkeit des Kickers zurück. Deshalb darf auch der politische Gegner – hier der arabische Algerier – stolz auf den kabylischen Zidane sein. Die Narrative von der Vollkommenheit stellen beispielhafte Individuen in den Vordergrund, außergewöhnliche Persönlichkeiten, in denen die Partikularität der Gemeinschaft gespiegelt wird. Das Genie einzelner Personen und ihre übernatürlichen Leistungen für die Menschheit konkretisieren Ideen, die den Glauben an Gemeinsamkeit begründen und das (Wieder-)Erkennen des Besonderen der Gemeinschaft ermöglichen. Ein HamburgerMuslim hat dank Zidane ein Gefühl davon, “wer wir [also die Muslime, NT] in der Welt sind”.

Gemeinschaftsvorstellungen, die das Genie einzelner Personen trägt, sind nicht nur Gegenbilder zu erfahrener Mißachtung oder ausbleibender Anerkennung. Sie sind vor allem Gegenentwürfe zur Gesellschaft und ihrer Ordnung. Das Narrativ vom Genie der Gemeinschaft läßt Muslime, Kabylen oder Palästinenser zu außerordentlichen Weltbürgern werden, denen die Bundesrepublik und Frankreich, ja selbst Europa zu klein sind. Egal ob meine Interviewpartner sich als Muslime, Kabylen oder Palästinenser beschreiben, sie stellen mit Blick auf die Ausnahmeleistungen Zidanes der gesellschaftlichen Realität eine utopische Vollkommenheit entgegen: entweder vollkommene Gerechtigkeit und Gleichheit oder einen gegen alle sozio-ökonomischen sowie politischen Schwierigkeiten immunen sozialen Aufstieg.

Das Bild von der Gemeinschaft der Muslime, Kabylen oder Palästinenser ändert sich, wenn die Wurzeln des Fußballers und der Familienmensch Zidane, das heißt das zweite Grundmuster der Zidane-Gemeinschaft, ins Zentrum der Gemeinschaftserzählung rücken. “Er ist großzügig und bescheiden”, erklärt mir ein Student der kabylischen Sprache in Paris. “(Das sind die Qualitäten der Kabylen). Ich weiß nicht, […] selbst wenn er ein bißchen schüchtern ist, also gut […] er ist einfach eine Quelle des Stolzes für die Kabylen.” Die Gemeinschaft, die hier angedeutet wird, weist nicht – wie die Genie-Gemeinschaft – über sich hinaus. Die an der Gestalt Zidanes identifizierten Qualitäten weisen vielmehr in die partikulare Gemeinschaft hinein. So können sie als Instrumente zur Differenzierung nach außen eingesetzt werden. Dementsprechend gibt ein Hamburger Muslim zu Protokoll:

Besonders jetzt in den Jugendlichenkreisen, die sich natürlich auch für Fußball sehr interessieren, ist das schon ein Held, das war teilweise mit Mike Thyson, ein schlechtes Beispiel, aber Zinedine Zidane ist bodenständig, hat eine Familie und ist sehr angesehen aufgrund seiner Leistung und seiner Herkunft und seiner Religion, das hilft, […] verhilft schon auch, bestimmte Werte zu vermitteln.

Die Wurzel-Gemeinschaft kennt keine kosmopolitischen Individualisten. Sie besteht aus Individuen, die Autoritätsstrukturen rechtfertigen und Ordnungen aus Herkunftsnarrativen sowie Traditionen ableiten. Das Projekt der Gemeinschaft, das sich mit Hilfe eines Diskurses über ihre spezifischen Wurzeln rechtfertigt, zielt darauf, etablierte Ordnungen zu erhalten. Es wendet sich zum Beispiel gegen Ideen, die die Autorität des Nationalstaats in Frage stellen, gegen Entwicklungen, die die Geschlechterrollen entdifferenzieren oder die Institution der Familie verändern.

Die Narrative über Herkunft und Traditionen unterscheiden sich von denen, die eine Solidargemeinschaft durch die Bezugnahme auf eine Religion, eine Sprache oder ein nationales Territorium begründen. “Zinedine” ist arabisch und heißt auf deutsch soviel wie “die Schönheit der Religion”, was für viele Muslime eindeutig auf den Islam verweist:

Also das ist ein muslimischer Name. Aber wenn Sie jemand sein wollen, der der Umma etwas geben will, dann reicht es nicht, dass Sie Zinedine Zidane heißen; sondern Sie müssen mit Ihren Handlungen und Haltungen etwas aussagen können. Wenn er zum Beispiel bei religiösen Festen in großen Moscheen wäre, und den Leuten das Gefühl gegeben hätte: “Das ist unser Bruder, das ist ein weltbekannter Fußballer, aber er kommt zu uns.” Das ist dann eine andere Message.

In den Augen des hier zitierten Muslims aus Hamburg gehört Zidane zur Gemeinschaft der Muslime, wenn und soweit er sich als Bruder zeigt. Das heißt, wenn er seine individuelle Partikularität ablegt und in der Masse der am Festtagsgebet in einer Moschee teilnehmenden Gläubigen untergeht. Mit anderen Worten, der dritte Modus des Gemeinsamkeitsglaubens – die Solidarität – läßt die Individualität verschwinden. Hier steht das Handeln der Gemeinschaft im Vordergrund, die Praxis eines Kollektivsubjektes und nicht ein einzelner Akteur, der nach Maßgabe eigener Vorstellungen und Absichten handelt. Ein muslimischer Jurastudent, ebenfalls aus Hamburg, setzt die entsprechende Betonung: “Es geht ja drum, daß er als Muslim nichts Gutes tut für die islamische Gemeinschaft. […] Ich meine, was unterscheidet Beckham von Zidane, nur der Name. Mehmet Scholl heißt auch Mehmet und ist nicht besser.”

Ganz anders hingegen ein Palästinenser aus Berlin, der steif und fest behauptet, die Eltern von Zidane seien aus Algerien nach Palästina ausgewandert und erst nach der Gründung Israels Richtung Marseille aufgebrochen. Er berichtet, daß Zidane (wohlgemerkt, ohne es öffentlich zu sagen) seinen ersten Weltfußballertitel den Palästinensern zugeeignet habe, weil er sich mit ihnen in Treue und Solidarität verbunden fühle: “Na ja, er hat seinen Pokal gespendet, den Palästinensern das Geld und den Titel gegeben.”

Die Narrative von der Solidaritätsgemeinschaft, die das individuelle Handeln abschatten, setzen die Kritik an Individualismus und Einzelkämpfertum frei. Diese Kritik richtet sich – so zumindest die Verfechter eines solchen Gemeinschaftsprojekts – in aller Regel gegen den Kapitalismus und die mit ihm verbundenen Machtstrukturen, wie sie staatliche und internationale Institutionen legitimieren.

Im Gegensatz zur Solidaritätsgemeinschaft muß die Gemeinschaftsvorstellung, die sich an Erfolg (am vierten Grundmuster in den Zugehörigkeitskonstruktionen) orientiert, individuelle Leistungen herausstellen – und sei es mit Hilfe der Phantasie, wie folgendes Zitat von dem Vorsitzenden eines palästinensischen Kulturvereins verdeutlicht:

Besonders für die Palästinenser macht Sieg viel aus. Wenn ein Araber irgendwo einen Sieg macht oder stark ist, dann ist er ein Palästinenser. Deswegen ist auch Zidane ein Palästinenser. Viele haben gesagt, als Gaddafi in Libyen seine Revolution gemacht hat: “Oh, seine Mutter ist Palästinenserin!” Oder Mohammed Ali, oder … wie heißt der noch … Michel Jackson, viele sagen, er ist Palästinenser gewesen.”

Im Unterschied zur Gemeinschaft, die im Genie ihre eigene Verkörperung identifiziert, sind die Repräsentanten einer Erfolgsgemeinschaft keine außergewöhnlichen Individuen. Vertreter der Erfolgsgemeinschaft sind vielmehr Personen, die sich durch Arbeit, Fleiß und Können in der sozialen Konkurrenz durchgesetzt haben. Deshalb kann Zidane in den Augen eines muslimischen Studenten aus Hamburg durchaus als Vorbild für die Jugendarbeit der Moschee dienen. “[…] gerade das versuchen wir den Jugendlichen zu vermitteln, daß alles möglich ist. Man muß es nur wollen und sich dafür einsetzen.”

Die Muslime, Kabylen oder Palästinenser einer Erfolgsgemeinschaft sind keine Weltbürger, sondern Staatsbürger, die den sozialen Aufstieg vollziehen, vollzogen haben oder vollziehen wollen. Zidane repräsentiert in diesem Zusammenhang den Einwanderersohn, der zum französischen Staatsbürger geworden ist und aufgrund seines selbsterworbenen Könnens die Stufen der sozialen Leiter erklommen hat. Auf die Frage “An was denken Sie, wenn Sie den Namen Zinedine Zidane hören?” antwortet eine Studentin der kabylischen Sprache:

Ich denke “Integration” und “Erfolg”. Ja, Zidane ist ein Integrierter. Er spricht kein Kabylisch. Er ist Franzose und hat es geschafft. […] er zeigt, daß man es mit seinen eigenen Mitteln schaffen kann, wenn man sich anstrengt.

Die erfolgreiche Karriere des Fußballers, den man zum Stellvertreter des eigenen Gemeinschaftsprojekts erklärt, erlaubt es, sich selbst und weitere Mitglieder der eigenen Gemeinschaft als legitime Konkurrenten anderer sozialer Gruppen zu sehen. Gleichzeitig steht der von Zidane ehrlich und mühsam erarbeitete Aufstieg für die Kritik an derjenigen Verteilung gesellschaftlicher Güter, die sich an Privilegien und Traditionen orientiert – und eben nicht an erbrachten Leistungen. Darauf lenkt eine Studentin aus einer kabylischsprachigen Familie in Paris den Blick:

Für mich ist wichtig, daß er zeigt, daß es nicht nur Ursprungsfranzosen (Français de souche) in Frankreich gibt. […] Ja, es muß mehr solche Leute wie Zidane geben. Man sollte die zeigen, zum Beispiel mehr Leute wie er in verantwortungsvollen Posten, nicht nur im Sport. Das zeigt einfach, daß wir ein Teil der Gesellschaft sind.

Während für die Erfolgsgemeinschaft Zidane als reüssierender Immigrantensohn aus dem stigmatisierten Vorort Marseilles im Mittelpunkt steht, feiert die Gemeinschaft des Respekts vor der individuellen Freiheit – das fünfte Grundmuster im Gemeinsamkeitsglauben – die Abweichungen Zidanes von bestimmten nationalen und sozialen Normen. “Zidane gehört zur muslimischen Gemeinschaft in Frankreich, weil es für uns [Journalisten einer französischsprachigen muslimischen Internetzeitung, NT] nicht auf das Bekenntnis ankommt”, beteuert ein muslimischer Student in Paris und fügt hinzu: “Na klar macht er mich stolz. Er macht mich stolz, weil er den Franzosen eine Lektion erteilt: Hier einer, den ihr zehn Jahre lang angehimmelt habt, und er ist ein Muslim, einer von denen, die ihr nicht sehen wollt.” Mein Gesprächspartner spielt darauf an, daß die französische Regierung religiöse Symbole in der Schule verboten hat, um damit insbesondere die islamischen Kopftücher der Schülerinnen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Der junge Mann zeigt sich überzeugt davon, daß die Figur Zinedine Zidane die Franzosen dazu zwingt, ihre muslimischen Mitbürger inklusive ihrer religiösen Überzeugungen und ihrer religiösen Rechte zu respektieren und anzuerkennen. Eine andere muslimische Studentin erzürnt sich darüber, daß der Fußballstar in den französischen Medien “Zizou” genannt wird. “Damit wollen die doch nur vergessen machen, daß er einen muslimischen Namen hat; daß er noch etwas anderes ist als ein französischer Nationalheld. Man kann nämlich sehr wohl Tore für Frankreich schießen und Zinedine oder meinetwegen Yazid heißen. Aber nein, die müssen immer das Maghrebinische verschwinden lassen.”

Die Gemeinschaft, die in Zidane den Respekt vor der Partikularität fordert (sei es nun die muslimische, kabylische oder palästinensische), braucht den öffentlichen Raum – eine nationale oder internationale Sphäre, in der sich die Freiheit zur Partikularität bestätigen und bewähren kann. Nur solche Öffentlichkeiten vermögen den Respekt zu vermitteln, den die Gemeinschaft zur Begründung ihrer eigenen Existenz und Freiheit braucht. Die Sprache dieser Respekt- und Freiheitsgemeinschaft ist die des Rechts. Es geht darum, Rechte zu haben, Rechte zu geben oder zu erhalten, nicht aber – wie im Falle der Erfolgsgemeinschaft – um das Siegen, Bessersein oder die Ungerechtigkeit der Güterverteilung.

Ganz anders stellt sich die Sachlage für die an der Physis orientierte Gemeinschaft dar, für das sechste und letzte Vergemeinschaftungsmuster:

Wenn ich Zidane hör, dann kommt die nationale Hymne in meinen Kopf [gemeint ist nicht die französische, sondern die Hymne, NT], daß er ein Araber [ist]. Und dann wird mir [der] nationale Verein, [der] französische, so vollkommen sympathisch, ob die gut spielen oder schlecht, aber Zidane ist da, dann kommt er […]

Der zitierte Palästinenser, der in einem Berliner Stadtteilverein arabischen Jugendlichen Sprachunterricht erteilt, empfindet eine Art Blutsverwandtschaft mit dem Fußballstar. In seiner Vorstellung verbindet ihn und den Fußballstar das Arabischsein, das weder gemeinsame Arabischkenntnisse noch eine identische Staatsangehörigkeit benötigt. Die Natur avanciert zum tragenden Zugehörigkeitsmodus. Sie entlastet vom Zwang zur Begründung einer Gemeinschaftsvorstellung. So erzählt ein von mir interviewter Palästinenser in einem Stadtteilcafé: “Zwar ist mein Pass libanesisch, aber man geht ja nach den Eltern, was deren Blut ist. Deswegen bin ich Palästinenser.” Blutsbande brauchen keine Bilder oder Diskurse über Recht, Kultur, Geschichte oder kompetitiv erbrachte Leistung. Palästinenser sind dann einfach die, “die mit ihrem Körper […] spielen”.

Die Physis, die weder das Genie von Zinedine Zidane noch seine Herkunft, seine Solidarität, seinen Erfolg oder den Stolz über seine Differenz braucht, entbindet von reflexiver Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen. “Nee, du bist Palästinenser, Libanese oder sonstwas, aber Deutscher bist du nicht, obwohl du genauso lange lebst wie die Deutschen eigentlich, die blonde Haare haben. Du lebst genauso wie die, du paßt dich auch genauso wie die an, aber Deine Haar- und Hautfarbe stimmt nicht.” Diskriminierung und Ungerechtigkeit sind nach dieser Lesart Ausdruck für die Natur der Dinge – für Haar- und Hautfarbe. Die Physisgemeinschaft kann sich mit anderen Worten nur als ein Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse beschreiben und spiegelt letztlich die Ohnmacht derjenigen wider, die diese Physisgemeinschaft erzählend beschwören.

Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen über die sechs verschiedenen Orientierungen und die ihnen korrespondierende implizite Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen. Bevor ich abschließend auf das Spiel der Zugehörigkeiten mit den Nationen und Europa eingehe, möchte ich diese sechs Orientierungen noch einmal zusammenfassen:

Ist das Genie der Kern, auf dem der Glaube an Gemeinsamkeit beruht, dann bilden Einzigartigkeit und Perfektion in ihrer Distanz zum Alltäglichen die Kategorien, über die gesellschaftliche Kritik transportiert wird. Die Genie-Gemeinschaften sind utopische Gegenentwürfe zur Gesellschaft, ihrer unvollkommenen politischen beziehungsweise ökonomischen Ordnung und den in ihr vorherrschenden Wertüberzeugungen. Zu diesen Gemeinschaften gehört Zidane als der außergewöhnliche Künstler, dessen Fußballspiel über den nationalen Rahmen Frankreichs hinausgewachsen ist. Er präsentiert seine Künste vor dem Publikum der ganzen Welt und bringt sein Team durch Traumtore in Führung – egal, ob er im Trikot der französischen Nationalmannschaft spielt oder für Real Madrid antritt.

Sind die Wurzeln die zentralen Momente, welche die Gemeinsamkeit begründen, dann werden unwandelbare Traditionen zu Trägern gesellschaftlicher Kritik. Autorität und über sie legitimierte Hierarchien sind zentrale Elemente in diesen wertkonservativen Gemeinschaftsprojekten, die aus der Familienordnung das Grundmuster aller Sozialbeziehungen ableiten. Zidane spielt hier als Kabyle oder als Familienmensch: als treuer Ehemann, der sich um die Erziehung seiner Kinder sorgt, und in seinem eigenen Vater den Besitzer der Wahrheit erkennt. Er ordnet sich dabei der Autorität einer französischen Nation unter, die – in dem hier zum Tragen kommenden Verständnis – ihre Legitimität aus Ordnungskategorien der Familie schöpft.

Orientiert sich der Gemeinsamkeitsglaube an Solidarität und Treue, dann steht das Gemeinschaftsprojekt entweder im Kontrast zum Individualismus und Pluralismus oder zum marktwirtschaftlich vermittelten, auf den einzelnen ausgerichteten Leistungsideal. Zidane schießt seine Tore und spendet sein Geld ausschließlich zugunsten des Kollektivs: im Interesse der Palästinenser, im Interesse der Kabylen oder im Interesse der Muslime. Die Interessen der Nationen oder der Fußballprofession sind zweitrangig gegenüber denjenigen der Solidaritäts- und Treue-Gemeinschaft.

Steht der Erfolg im Zentrum der Begründung einer Gemeinschaft, dann werden die Leistungen der Dazugehörigen aufgezählt. Leistungsstatistiken und Narrative über sozialen Aufstieg sind Ausdruck für eine Kritik an der etablierten Verteilung gesellschaftlicher Güter. Zidane spielt hier als französischer Staatsbürger, der es dank seiner harten Arbeit und seiner Leistungen geschafft hat, gesellschaftlich aufzusteigen und die Hochhaussiedlungen mit ihren sozialen Problemen hinter sich zu lassen.

Steht das mit der Freiheit verwobeneRespektprinzip im Mittelpunkt, dann ergibt sich aus der Partikularität der minoritären Gemeinschaft eine Kritik an der politischen und kulturellen Hegemonie der Mehrheit. Dieses Gemeinschaftsprojekt existiert durch Personen, die in der Öffentlichkeit Freiheits- und Gleichheitsrechte einklagen. Hier spielt vor allem der Zidane, der die Nationalhymne nicht singt, der Differenz und Distanz dokumentiert. Es ist das Spiel Zinedines (oder Yazids) gegen Zizou.

Wird die Physis zur zentralen Begründung der Gemeinsamkeiten, dann konstruiert sich die Gemeinschaft als stigmatisierte, als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die biologischen Merkmale der Individuen bestimmen die Zugehörigkeit zur Gruppe. Hier schießt der “dunkelhäutige Athlet” – der “Beur” – Tore für Frankreich.21

III.

Die Gemeinschaftsprojekte und -vorstellungen entwickeln ihr kritisches Potential vor allem in bezug auf die Nation, nationalstaatliche Organisation und nationale sozio-ökonomische Strukturen. Zidane würde nicht als Muslim, Kabyle oder Palästinenser spielen, wäre er nicht in der französischen Nationalelf gewesen. Er könnte auch nicht der Fußballer sein, der Respekt vor Freiheit, sozialem Aufstieg, vor den Wurzeln und der Solidarität erspielt, hätte er nicht den Welt- und Europameistertitel für Frankreich geholt. Selbst die Genie- und Physisgemeinschaften brauchen Zidanes nationales Engagement: erstere, um über den nationalen Rahmen und seine Enge hinauszuweisen, letztere, um ihr Gefühl von Disqualifikation und Marginalisierung zu konterkarieren. Der Nationalstaat spielt also im Match der Zugehörigkeiten mit – und zwar nicht nur passiv und gegen seinen Willen, sondern durchaus aktiv in der Absicht, die nächste Spielrunde zu erlangen. Er ist ein Akteur, weil er institutionelle Vorgaben ins Spiel bringt und nicht zuletzt eine eigene Definition dessen, was als nationale Gemeinschaft zu gelten hat. Wovon hier die Rede ist, illustriert der begeisterte Blick Daniel Cohn-Bendits auf die französische Nationalelf. Im Jahr 2004 betonte der Europapolitiker: “In den [deutschen, NT] Fußballclubs sind drei Viertel aller Mitglieder Migrantenkinder. Diesen wurde aber lange verweigert, deutsche Staatsbürger zu werden. Sie können nicht für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielen. […] Deshalb haben wir keinen Zinedine Zidane in unserer Nationalelf. Wir brauchen aber viele tausend talentierte Jungs, die träumen, für Deutschland spielen zu können, um einen Zidane zu haben.”22 Man mag über Cohn-Bendits Behauptung geteilter Meinung sein, im Kern lenkt sie die Aufmerksamkeit auf das Faktum, daß der Nationalspieler Zinedine Zidane neben seiner Stürmerrolle in subnationalen und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen auch mögliche Konflikte über die Legitimität nationaler Zugehörigkeit verkörpert. In ihm kristallisieren sich Fragen von Exklusion und Inklusion, kristallisieren sich die Herausforderungen pluralistischer Gesellschaftsstrukturen, die sich mit der Festlegung nationaler Identität nicht beseitigen, sondern allenfalls unsichtbar machen lassen. Folglich kann es auch nicht überraschen, wenn Jean-Marie Le Pen 1996 die “Gefälligkeitsnaturalisierten” der Nationalmannschaft denunziert und Zidane als einen in Frankreich geborenen Algerier angeprangert hat, oder der ehemalige Minister in der Regierung Silvio Berlusconis, Roberto Calderoli, der französischen Nation erklärt, ihre Identität geopfert zu haben, indem sie “Schwarze, Islamisten und Kommunisten” in der Nationalelf aufgestellt habe.23 Umgekehrt hat die spanische Regierung mit einem Bild von Zidane, der den EU-Verfassungsvertrag liest, für das europäische Verfassungswerk geworben. Vielleicht hat die Spanier diese Lektüre der Nummer 5 bei Real Madrid – anders als die Franzosen, denen ein solches Bild nicht geboten wurde – zur Annahme der EU-Verfassung bewogen? Wir wissen es nicht, doch belegen die national- und europapolitischen Beispiele, daß in der Figur des Fußballstars Zidane konkurrierende und widerstreitende Dynamiken von Zugehörigkeitsgefühlen zusammenlaufen – Zugehörigkeitsgefühle, die sich in ihrem widersprüchlichen Aufeinandertreffen sowohl definieren als auch wechselseitig verstärken. Denn “der Bursche [Zidane, NT] hat”, wie der österreichische Journalist Samo Kobenter schreibt, “weder Stand- noch Spielbein, sondern eine beidbeinig unendlich fein entwickelte Balance, die ihm jede Drehung, jeden Haken, jede Pirouette, jede Körpertäuschung ansatzlos aus der Ruhestellung wie aus der Bewegung gestattet”.24 Solche Balancen, die Drehungen und Wendungen, Haken, Täuschungen und unvermutete Pirouetten ermöglichen, zeichnen auch die Zugehörigkeitskonstruktionen in der deutschen und französischen Einwanderungsgesellschaft gegenüber ihren Rivalen, also den jeweiligen Nationalstaaten, aus. “Kein anderer [als Zidane, NT] dreht sich in vollem Lauf mit dem Ball am Fuß um die eigene Achse und streichelt die Kugel mit der Sohle, während zwei Rivalen von Weltklasse die Orientierung verlieren”, heißt es bei Peter Burghardt in der Süddeutschen Zeitung über ein Spiel von Real Madrid gegen Juventus Turin im Jahre 2003. Die nationalstaatlichen Rivalen laufen tatsächlich Gefahr, im Spiel der Zugehörigkeiten, das die Nachkommen der Einwanderer mit ihren subnationalen und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen eröffnet haben, die Orientierung zu verlieren. Angestammte Ordnungs- und Rechtfertigungsmuster, mit denen nationale Gemeinschaften ihre Hierarchien und Strukturen legitimiert haben, sind angesichts “der Dribbelkunst, der Ballkontrolle und -führung, des schwankenden Stils, der flüssigen Doppeldrehungen und der choreographischen Übersteiger” faktisch ins Wanken geraten.25 Die subnationalen und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen in der Einwanderungsgesellschaft haben nämlich, ausgenommen die Physis-Gemeinschaft, gegenüber den Nationalstaaten ein entscheidendes Privileg – einen Vorzug, den sie sich in der kritischen Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Stigmatisierung erarbeitet haben: Sie können ihre Orientierung und Akzentuierung jederzeit wechseln, was den im Spiel eingesetzten Zugehörigkeitskategorien wohlgemerkt nichts von ihrer Ernsthaftigkeit nimmt. Diese Gemeinschaftsvorstellungen agieren wie Zinedine Zidane als offensive Mittelfeldspieler – und zwar als offensive Mittelfeldspieler, die ihre Ballkünste, die reiche Palette ihrer Spielzüge, stets als den Ausdruck ihres wahren Selbst verstehen und als eine existentielle Notwendigkeit begreifen. Ein womöglich offenes Tor müssen sie nicht verteidigen. Daraus erwächst eine Freiheit, die sich die nationalstaatlichen Verteidiger von Traditionen, Normen, Institutionen und Geschichte nicht leisten können. Die Gemeinschaften spielen ihre Bälle mit schwer zu berechnenden Flugbahnen, sie konzentrieren sich ganz auf situative Gelegenheiten, die gegnerische Verteidigung zu durchbrechen. Diese Strategien befördern die Kreativität der Gemeinschaftsvorstellungen, begründen ihre Drehungen und Schwankungen, spornen nicht zuletzt zu mitunter sogar kapriziösen Stilisierungen an – zu jener “reinen Verzierung”, die noch unlängst die Süddeutsche Zeitung Zidanes Ballkunst im Spiel gegen Brasilien attestiert hat.26

Jedoch beleuchten Zidanes alle Erwartungen irritierendes Foul gegen den italienischen Verteidiger und die daraus resultierenden Konsequenzen (der Platzverweis, das Verschwinden der Nummer 10 in den Katakomben des Berliner Stadions, die fehlende Unterstützung der auf dem Feld verbliebenen Rumpfmannschaft beim abschließenden Elfmeterschießen, die deutliche Zäsur im weiteren Spielverlauf) eine Schwachstelle im Gefüge der subnationalen und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen. Was Zidanes aggressiver Übergriff schlagartig zu Bewußtsein brachte, ist das Faktum, daß alle Dribbelkunst, all die kapriziösen Stilisierungen und Körpertäuschungen, dank derer angestammte Ordnungs- und Rechtfertigungsmuster der Nationalstaaten so erfolgreich erschüttert werden können, stets Ausdrucksformen von Einzelpersonen und ihrem individualisierten Spiel mit möglichen Zugehörigkeiten sind. Die changierenden Orientierungen und Akzentuierungen des Gemeinsamkeitsglaubens beruhen immer auf individuellen Erfahrungen mit Gesellschaft. Sie entspringen einer permanenten Selektion zwischen unterschiedlichen Legitimationsangeboten für das gesellschaftliche Zusammenleben. Diese individualisierte soziale Erfahrung bringt denjenigen, die Gemeinsamkeitsglauben in ihrem gesellschaftlichen Handeln mobilisieren, überhaupt erst multiple Zugehörigkeitsoptionen in den Blick. Damit wird sichtbar, daß die sub- und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen in der Einwanderungsgesellschaft keineswegs auf einem kohärenten Erleben von Gesellschaft beruhen, das in die geläufigen Selbstbeschreibungen eines Kollektivsubjekts eingeschlossen wäre. Sie gehen vielmehr aus individualisierten Erfahrungen mit gesellschaftlichen Strukturen und Ordnungsnormen hervor. Und aus dieser Perspektive stellen sich die Orientierung versprechenden Traditionen, Werthierarchien und Autoritätsstrukturen sowohl auf der Ebene ihrer inhaltlichen Bestimmung als auch auf der Ebene ihres Begründungsmodus als auszuwählende Optionen im gesellschaftlichen Handeln dar. Deshalb kann das gesellschaftliche Handeln je nach subjektiver Wahl und individueller Auslegung der verfügbaren Gemeinsamkeitsvorstellungen derart schillern und zu ganz unerwarteten Wendungen im Spiel mit den Zugehörigkeiten führen. Gerade solche Spielräume hat Zinedine Zidane mit seinem Foul im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 vorgeführt. Er ist in der 110. Minuten des Matches, zehn Minuten vor dem Ende seiner Berufskarriere, aus den Kollektiverzählungen der vorgestellten Gemeinschaften ausgestiegen, um auf die ihn persönlich beleidigende Provokation eines Gegenspielers zu reagieren. Für den hier verfolgten Gedanken kann die Frage unbeantwortet bleiben, ob er sich mit seinem Kopfstoß in den Dienst anderer Kollektivsubjekte (der Ehre seiner Familie oder der als Terroristen stigmatisierten Muslime) gestellt hat. Entscheidend ist im gegenwärtigen Zusammenhang vielmehr der unaufhebbare Bezug der Tat auf die Person Zinedine Zidanes, auf das individuelle und situative Erleben einer Beleidigung durch den Gegenspieler. Was für das Kollektiv der französischen Mannschaft, für die Verteidigung der französischen Nation, für die Gemeinschaft der Muslime, Kabylen oder Palästinenser oder ihre verschiedenen Begründungsmodi womöglich auf dem Spiel steht, ist kein Teil solchen Erlebens.

Die Mobilitäten der subnationalen und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen sowie die Schwankungen ihrer individualistischen Spieler bleiben den auf historische und machtpolitische Stabilisierung fixierten Nationalstaaten versagt. Sie sind in dieser Hinsicht so unbeweglich wie ihre Territorien: Ihr Spiel strukturiert sich über die einfache Variation von Inklusions- und Exklusionsmechanismen. Den einen oder anderen Treffer können sie hinnehmen, ohne deshalb schon verloren zu haben. Doch bleibt die Palette ihrer Spielzüge beschränkt, was sie zu Eindeutigkeiten verurteilt, die berechenbar sind. Deshalb stellen die Wankelmütigkeit und Unvorhersehbarkeit – die “Pirouetten”, die “Drehung ” oder “Körpertäuschung ansatzlos aus der Ruhestellung wie aus der Bewegung” – der Zugehörigkeitskonstruktionen die größten Herausforderungen für die europäischen Nationalstaaten dar. Die Nationalstaaten können, anders ausgedrückt, die Pluralisierung der gesellschaftlichen Beziehungen, wie sie die subnationalen und transnationalen Gemeinschaftsvorstellungen in den nationalen, demokratisch und rechtsstaatlich organisierten Raum hineintragen, durchaus inklusiv beantworten, auch wenn exkludierende nationale Selbstverständnisdebatten oder Versuche, die Differenz unsichtbar zu machen, diesen Prozeß begleiten. Wie solche Inklusionen operieren, zeigt die prompte Reaktion des französischen Staatspräsidenten auf die Rote Karte, die Zidane zu Gesicht bekam: Noch bevor klärende Informationen über die Kopfstoßattacke gegen den italienischen Nationalspieler Marco Materazzi bekanntgeworden waren, erklärte Jacques Chirac in seiner Begrüßungsansprache für die aus Berlin zurückkehrende Nationalmannschaft am 10. Juli 2006: “Lieber Zinedine Zidane, ich möchte Ihnen im intensivsten, vielleicht im härtesten Moment Ihrer Karriere die Bewunderung und Zuneigung der ganzen Nation sagen, auch ihren Respekt, aber vor allem ihre Zuneigung und Bewunderung. Sie sind ein Virtuose, ein Genie des Weltfußballs. Sie sind ein Mensch mit Herz, mit Engagement und Überzeugung. Deswegen bewundert und liebt Sie Frankreich.”27 Ungeachtet seiner Funktionen im Spiel der subnationalen und transnationalen Zugehörigkeiten, kommt der Figur Zinedine Zidane eben auch eine wichtige Rolle in der Verteidigung der nationalen Einheit zu, nämlich als Symbol für das republikanische Integrationsmodell. Im Spiel der französischen Nation ist die Nummer 10 der Nationalmannschaft kein Mittelfeldspieler mit schwankendem Stil und flüssigen Doppeldrehungen, sondern ein eindeutig positionierter und bodenständiger Verteidiger der Werte der Französischen Republik. Jacques Chirac hat es in aller Deutlichkeit hervorgehoben: “Über die Leistungen hinaus haben Sie [gemeint sind hier alle Spieler der Nationalmannschaft, NT] Frankreich vor Augen geführt, daß es stark ist, wenn es in seiner Vielfalt vereint ist und wenn es Selbstvertrauen besitzt.”28 Offensichtlich fällt die Verteidigungsstrategie des französischen Staatspräsidenten völlig anders aus als diejenige, die der ehemalige Minister der Regierung Berlusconis, Roberto Calderoli, angesteuert hatte oder Jean Marie Le Pen für Frankreich und seine Nationalmannschaft bevorzugt hätte.

Nolens volens hat Zinedine Zidane ausgerechnet bei seinem letzten internationalen Auftritt den inkludierenden Spielzug der Französischen Republik außer Kraft gesetzt. Der republikanische Mythos, den die Worte des französischen Staatspräsidenten wieder in Geltung setzen sollten (und zwar mit Erfolg, wie Umfragen unter den Franzosen und die Reaktionen der französischen Presse zeigen), geriet für einen Augenblick in die Krise.29 Gleichzeitig schien es, als ob der offensive Mittelfeldspieler das Spiel der Zugehörigkeiten aus der “beidbeinig unendlich fein entwickelte[n] Balance” geworfen habe.30 Die Projektionsfläche der multiplen Wir-Konstruktionen war in ihren Konturen verwischt. Am 12. Juli 2006, drei Tage nach dem Endspiel, hat sich Zinedine Zidane in einem Fernsehinterview für sein Verhalten, insbesondere bei den Kindern, die sein Foul gesehen hatten, entschuldigt: “Ich habe reagiert, und natürlich ist das keine erlaubte Geste. Ich möchte dies laut und deutlich sagen. Milliarden von Fernsehzuschauern, vor allem Tausende von Kindern haben das gesehen. Ihnen gegenüber entschuldige ich mich, auch gegenüber den Erziehern.”31 Der Fußballstar hat seine individualistische Geste wieder in die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens eingeordnet. Das Spiel kann erneut aufgenommen werden.32 Jedoch: Den ernsten, verantwortungsvollen Worten Zidanes folgen die Sätze: “Ich habe Kinder, ich weiß, was das heißt. Ich werde ihnen immer sagen, sich niemals auf die Füße treten zu lassen.”33 Zidanes Erziehungsgrundsatz stellt das Individuum warnend dem Sozialverband gegenüber – und zwar als ein Wesen, das sich selbst heilig ist. Daß dieses Individuum unantastbar sei, ist die Grundüberzeugung, die zu den eingangs beschriebenen Formen von Gemeinschaftsglauben gehört. Sie entscheidet über deren Beschaffenheiten mit und prägt folglich das gesellschaftliche Handeln. Wer sich ihr verschreibt, will nicht ausschließen, daß Kopfstöße ausgeteilt werden, sobald das Gefühl vorherrscht, auf die Füße getreten worden zu sein.

  1. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt prüft die FIFA allerdings noch, ob Zidane der Titel des besten Spielers der WM 2006 wegen seines Kopfstoßes gegen Marco Materazzi wieder aberkannt werden muß.
  2. L'Equipe, 5. August 2005: "Je ne calcule pas".
  3. Folgt man den Presseerklärungen und Vertrauensbekundungen seiner Vertragspartner, werden daran auch sein "unverzeihlicher" Fehler und seine 14. Rote Karte nichts ändern (vgl. zum Beispiel die Werbungen in L'Equipe, 11. Juli 2006).
  4. L'Equipe, 28. April 2006: "Sept matches, je peux le faire".
  5. Le Parisien, 13. August 2004: "A la Castellane, c'est le temps des regrets".
  6. L'Express, 29. März 2001: "Michel Platini: Le football est devenu une tragédie permanente".
  7. Brigitte 13/2004: "Zinedine Zidane ... ein seltsames Spiel", S.69.
  8. taz, 5. Juli 2004: "Raus aus dem Elysium".taz, 5. Juli 2004: "Raus aus dem Elysium".
  9. Samo Kobenter, Abseitsfalle. Essays zu Fußball, Literatur und Politik, Wien 2004, S. 26.
  10. L'Express, 16. August 2004: "Nous l'avons tant aimé".
  11. Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2004: "Zinedine Zidane".
  12. Dan Franck, Zidane. Le roman d'une victoire, Paris 2004, S. 178.
  13. Ebd., S.159.
  14. Süddeutsche Zeitung, 27. April 2006: "Der König geht".
  15. Franck, Zidane, S. 44.
  16. L'Express, 8. August 2005: "L'art du contre-pied".
  17. L'Equipe, 2. Juli 2006: "Le Match de sa vie".
  18. Franck, Zidane, S. 62.
  19. Art 37 Basel, Filmpremiere: "Zidane a 21st Century Portrait".
  20. figaroscope, 24. Mai 2006: "Beau comme un safari".
  21. "Beur" (abgeleitet vom französischen Wort "Arabe") ist mittlerweile eine pejorative Bezeichnung für Araber. Es handelte sich bei diesem Wort ursprünglich um eine Selbstbeschreibung der Jugendlichen der Protestbewegungen in den 1980er Jahren. Sie denunzierten die Diskriminierungen der Kinder aus Familien, die aus Nordafrika eingewandert waren, und forderten gleichzeitig gesellschaftlichen sowie politischen Respekt vor ihrer Differenz. Als in den 1990er Jahre französische Politiker (bis hin zu Vertretern der rechtsextremen Front National) die Wortschöpfung übernahmen, verlor die Prägung ihre gesellschaftskritische Schärfe. Heute empfindet die Mehrheit derer, die als "Beurs" bezeichnet werden, das Wort als stigmatisierend. Der Ausdruck "dunkelhäutiger Athlet" geht auf einen Artikel zurück, den Jürg Altwegg in der FAZ vom 17. August 2005 benutzt hat, um die französischen Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Helsinki zu beschreiben. Vgl. Frankfurter Allgemeine, 17. August 2005: "Mit Zidane ist der Mythos in Blau wieder da".
  22. www.cohn-bendit.com/de/events/aktuelles/berichte21.html [downloaded 20. Juni 2004].
  23. Libération, 13. August 2004: "Sur l'aile gauche ou droite, un symbole"; Le Monde, 11. Juli 2006: "Une victoire 'contre des Noirs et des islamistes'".
  24. Kobenter, Abseitsfalle, S. 24.
  25. Les Inrockuptibles 545, 9.- 15. Mai 2006: "Zidane au crible".
  26. Süddeutsche Zeitung, 3. Juli 2006: "Die stillen Tage von Zidane".
  27. www.elysee.fr/elysee/root/bank/print/55069.htm [downloaded 13. Juli 2006]: "Discours de M. Jacques Chirac, Président de la République à l'occasion du déjeuner avec l'équipe de France de football". Chirac hat ähnliche Worte schon am Abend unmittelbar nach dem Ende des Spiels Frankreich gegen Italien formuliert.
  28. Ebd.
  29. Vgl. Le Parisien, 11. Juli 2006: "Zizou, on t'aime"; Le Monde, 13. Juli 2006: "Les paradoxes de l'affaire Zidane".
  30. Kobenter, Abseitsfalle, S. 24.
  31. L'Equipe, 13. Juli 2006: "Zinédine Zidane s'est excusé, auprès des jeunes surtout, mais il ne regrette pas son geste compte tenu des propos de Materazzi".
  32. Und wird es auch, wie u. a. ein Pressekommunique des Rektors der Pariser Moschee, Dalil Boubakeur, zeigt: "Die Pariser Moschee bringt ihre brüderliche Unterstützung und ihre bewundernde Zuneigung Zinedine ZIDANE, dem würdigen Sohn der muslimischen Gemeinschaft und der gesamten französischen Nation, in der harten Bewährungsprobe entgegen, die er seit dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 in der Folge seiner Auseinandersetzung mit einem für seine Provokationen und seine Gewalt bekannten Spieler der italienischen Mannschaft zu bestehen hat." "Sein Leiden und der Schaden an seiner Würde werden von der gesamten Gemeinschaft geteilt." (www.saphirnews.com/index.php?action=article&id article=410777&preaction=nl&id= 1868443&idnl=13122&) [downloaded, 17. Juli 2006].
  33. L'Equipe, 13. Juli 2006.

Published 28 August 2006

Original in German
First published in Mittelweg 36 4/2006

Contributed by Mittelweg 36
© Nikola Tietze/Mittelweg 36 Eurozine

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