Heftbeschreibungen Osteuropa 12/2009

21 January 2010
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Stefan Troebst
Slavizität
Identitätsmuster, Analyserahmen, Mythos

Die Vorstellung eines sämtliche Slawen oder Slawischsprachige in Raum und Zeit verbindenden Elements hat viele Gesichter: “Slavizität” fungiert periodisch als politisch wirksames Mobilisierungsinstrument, sie leitet das Erkenntnisinteresse kulturwissenschaftlicher Forschung, und sie ist bis heute ein höchst produktiver Mythos in Kunst und Literatur. Im Zeichen der “Slawisierung” der Europäischen Union ist mit dem Aufkommen neuer Dimensionen von Slavizität zu rechnen.

Hans Lemberg
Hej Slované!
Die Slawische Idee bei Tschechen und Slowaken

Tschechen und Slowaken, geographisch benachbart und im kurzen 20. Jahrhundert in der Tschechoslowakei vereinigt, stützten sich im 19. Jh. auf die Slawische Idee. Je stärker die nationalen Bewegungen heranreiften, desto mehr trat der Slawische Gedanke in den Hintergrund, ohne ganz aufgegeben zu werden. Die Fixierung auf Russland als Stütze, später auf die Sowjetunion als “Befreier” überlagerte sich mit der “Slawischen Idee”. Das war eine der Ursachen, weshalb sie in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zu einem schwachen Mythos verblasste.

Martina Baleva
Martyrium für die Nation
Der slawische Balkan in der ostmitteleuropäischen Malerei des 19. Jahrhunderts

Am Anfang stand Delacroix. Er gab dem Unabhängigkeitsstreben der Griechen künstlerischen Ausdruck. Danach richteten Künstler aus Ostmitteleuropa ihr Interesse auf den Balkan. Sie widmeten den anti-osmanischen Aufständen der südslawischen Völker zahlreiche Bilder und machten deren Sache bekannt. Dabei griffen sie auf archetypische Motive der abendländischen Bildtradition zurück, schufen so das Nar-rativ des nationalen Martyriums und Stereotypen über den Balkan. Mit ihrem uvre beeinflussten sie die Selbstwahrnehmung der Sla-wen und förderten deren Nationsbildung. Gleichzeitig kritisierten die Künstler implizit die politischen Verhältnisse in der Heimat und brach-ten ihre eigenen nationalen Ambitionen zum Ausdruck.

Ute Raßloff
Ungar, Slawe, Gorale, Slowake
Jánosik als mythischer Volksheld

Legenden sind ein Speicher der Ideengeschichte. Die Entwicklung der slawischen Idee in der Slowakei lässt sich exemplarisch an der Figur des Karpatenräubers Juraj Jánosik ablesen. Der historische Jánosik hatte im 18. Jahrhundert an den Aufständen des ungarischen Adels teilgenommen und wurde später als Räuber hingerichtet. Die Väter des Panslawismus machten aus ihm einen slawischen Recken. Die Dichter des Vormärz erklärten Jánosik zum slowakischen Nationalhelden. Aber erst im Neoslawismus wurden der Figur ethnische Züge verliehen. Diese verlor sie auch dann nicht, als sie im 20. Jahrhundert zum Sozialrebellen und in kommunistischer Zeit zum Partisanen stilisiert wurde. Heute ist die Figur in der Slowakei eine popkulturelle Ikone, die kommerziell – und immer noch politisch – verwertet wird.

Markus Krzoska
Historische Mission und Pragmatismus
Die slawische Idee in Polen im 19. und 20. Jahrhundert

Polen sollte im Denken der Romantik eine führende Rolle in einem panslawischen Bund spielen. Die Identifikation mit der slawischen Gemeinschaft stand jedoch stets im Widerspruch zum polnisch-russischen Antagonismus. Während des Zweiten Weltkriegs rückte der “ewige” germanisch-slawische Konflikt in den Vordergrund. Polen knüpfte neue Verbindungen zu den slawischen Nachbarn. Die Sowjetunion hatte daran nur geringes Interesse. Nach 1948 diente ihr die slawische Idee als Propagandamittel, um ihren Einfluss in Ostmittel- und Südosteuropa zu sichern. Im polnischen Exil wirkte die slawische Idee weiter. Auch aus Polens Kultur ist sie nicht verschwunden, doch ihre politische Bedeutung ist marginal.

Jan C. Behrends
Die “sowjetische Rus'” und ihre Brüder
Die slawische Idee in Russlands langem 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert trat die slawische Idee in Russland in drei Varianten auf: als Neoslawismus des späten Zarenreichs, als panslawische Rhetorik im Hochstalinismus und als Splitter in der postsowjetischen Suche nach russischer Identität. Jeweils beriefen sich die Propagandisten auf den Panslawismus des Zarenreiches. Das zeigt die Wirkungsmacht nationaler Mythen aus dem 19. Jahrhundert.

Georg von Rauch
Eine taktische Waffe
Der sowjetische Panslawismus

Der sowjetischen Außenpolitik war die Frage nach einer slawischen Gemeinsamkeit fremd. Panslawistische Tendenzen galten als reaktionäre Begleiterscheinungen des zaristischen Imperialismus. Im Zweiten Weltkrieg wurde der panslawistische Mythos reaktiviert. Hinter dem sowjetischen Panslawismus der Nachkriegszeit steht das Ziel, die nationale Eigenart der Völker zu demontieren, damit die Nationen im Schmelztiegel der Sowjetunion aufgehen. Der Panslawismus ist somit zu einem taktischem Instrument geworden.

Vladimir Claude Fisera
Kommunismus und slawische Idee
Von der Kommunistischen Balkanföderation zum gesamtslawischen Komitee (1920 – 1946)

Die slawische Idee spielte nach dem Ersten Weltkrieg in unterschiedlichen Versionen in den von den Kommunistischen Parteien Ostmittel- und Südosteuropas formulierten Konzepten zur zwischen- und inner-staatlichen Ordnung eine Rolle. In den 1930er Jahren setzte die Sowjetunion die slawische Idee gelegentlich zur Legitimierung ihrer außenpolitischen Interessen ein. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR verschmolzen kommunistische und slawische Ideologie nahezu. Nach der Sowjetisierung Ostmitteleuropas und dem Bruch mit Tito warf Moskau die slawische Idee über Bord.

Sylwester Fertacz
Von Brüdern und Schwestern
Das Allslawische Komitee in Moskau 1941 – 1947

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hob Moskau ein All-slawisches Komitee auf der Taufe. Ziel war es, den Widerstand der Slawen in den besetzen Ländern zu mobilisieren und für Unterstützung im Ausland zu werben. Nach dem Krieg wirkte das Komitee zunehmend als sowjetische Propagandaagentur. “Komitees der slawischen Einheit” in Ostmitteleuropa gerieten zunehmend unter ideologischen Druck. Aus einer Institution slawischer Kooperation wurde mehr und mehr ein Instrument stalinistischer Subordination. Das Zerwürfnis zwischen der UdSSR und Jugoslawien beendete die Ära slawischer Zusammenarbeit.

Rumjana Mitewa-Michalkowa
Aufstieg und Fall der Slawischen Idee
Das Slawische Komitee in Bulgarien 1944 – 1991

In Bulgarien wurde 1944 wie in anderen osteuropäischen Staaten ein Slawisches Komitee gegründet. Seine Geschichte illustriert das Spannungsverhältnis von Slawischer Idee, sozialistischer Ideologie und nationalen Interessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente der Rückgriff auf die Slawische Idee der Konsolidierung kommunistischer Herrschaft. Nach der Entstalinisierung kam es in Bulgarien zu einem Strategiewechsel. Das Komitee wandte sich nun an die Auslandsbulgaren, die zur Rückkehr in die sozialistische Heimat bewogen werden sollten. Die Slawische Idee spielte kaum noch eine Rolle. Ab 1969 betrieb das Komitee reine staatssozialistische Auslandspropaganda.

Ludwig Elle
Unter Brüdern
Die Sorben und die slawische Solidarität im 20. Jahrhundert

Die Idee der “slawischen Wiedergeburt” inspirierte im 19. Jahrhundert auch die sorbische Nationalbewegung. Die engsten Kontakte pflegten die Sorben mit den Tschechen. Nach 1918 hofften manche in der Lausitz, die neu entstandene Tschechoslowakei würde zum Mentor der Sorben werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sogar Stimmen, die eine Angliederung der Lausitz an die CSR forderten. Auch nach Polen und Jugoslawien bauten sorbische Verbände in den Nachkriegsjahren Beziehungen auf. Doch slawische Wechselseitigkeit, die über Rhetorik hinausging, war den kommunistischen Herrschern nicht genehm. Erst nach 1989 konnten die Sorben wieder mehr Brücken nach Tschechien und Polen schlagen.

Maria Bobrownicka
In, mit oder gegen Europa
Slawische Modelle der Nationalkultur

Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich Denker aus Ostmitteleuropa und Südosteuropa mit der Kultur ihrer Nation und deren Stellung in Europa. Auf dem Boden des Panslawismus gedieh ein Mythos, der das slawische Kulturmodell in Gegensatz zum europäischen rückte. Diese Abgrenzung, die sich aus der “verspäteten” Nationsbildung und einem damit verbundenen Minderwertigkeitskomplex speiste, führte zum Kult der Tradition und Folklore. Prominente Vertreter dieses Denkens waren Ján Kollár und Ludovit Stur. Doch es gab auch andere Strömungen: Die tschechische Literatengruppe der lumirovci etwa plädierte dafür, die “entwickelten” europäischen Nationen einzuholen und Kosmopolitismus mit Heimischem, die universelle Ästhetik mit der Ästhetik der Folklore zu versöhnen.

Monika Rudas-Grodzka
Versklavtes Slawentum
Messianismus und Masochismus bei Mickiewicz

Das Stigma von den Slawen als Sklaven ist seit der Antike verbreitet. Versklavung hat eine sexuelle Konnotation. Adam Mickiewicz nimmt das historische Urteil über die sklavenhafte Natur der Slawen an. Er macht es zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen über die Bestimmung des slawischen Volkes. Er verleiht ihm einen neuen Sinn und in-tegriert es in seine messianistischen Ideen. Dieser Messianismus ist masochistisch. Mickiewicz erhebt die staatliche Unabhängigkeit, die Polen gerade verloren hat, zu einer politischen Religion.

Agnieszka Gasior
Kunst und Weltfrieden
Alfons Muchas Slawisches Epos

Alfons Mucha ist durch seine Plakatkunst als wichtiger Jugendstilkünstler bekannt. Sein Monumentalwerk Das Slawische Epos wurde dagegen von der Kunstgeschichte wenig beachtet. Auf zwanzig großformatigen Gemälden (1911 – 1926) stellt es die slawische Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart dar. Der Zyklus ist erfüllt von der Idee, die Slawen hätten die gemeinsame historische Mission zur Erlö-sung der Menschheit. Mit diesem Thema und dessen symbolistischer Verarbeitung kam Mucha in seiner Heimat zu spät. Doch in den letzten Jahren lebt das Interesse am Slawischen Epos wieder auf.

Anne Cornelia Kenneweg
Moralische Migräne
Krleza, Krizanic und die (süd)slawische Idee

Als erster Panslawist gilt der kroatische Dominikanerpater Juraij Krizanic. In den Debatten über die kroatische Nation und die südslawische Einheit spielte er im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Auch einer der wichtigsten Autoren der modernen kroatischen Literatur, Miroslav Krleza, setzte sich mit ihm auseinander. Er erkennt in dem Kleriker eine Figur, in dessen Leben und Werk das Dilemma einer kleinen Nation am Rande Europas zum Ausdruck gekommen sei. Als zerrissener und marginalisierter Intellektueller sei Krizanic der Prototyp eines kroatischen Don Quijote, in dessen Nachfolge sich Krleza gerade während des Zweiten Weltkriegs sah.

Tatjana Petzer
Figuren der Einheit
Rhetorik und Realität der südslawischen Integration

Der Südslawismus strebte nach einer Gemeinschaft aller Balkanslawen. Seine Strömungen verfolgten verschiedene politische und kulturelle Ziele, glichen sich aber in ihrer Rhetorik der Einheit. Die Idee der Einheit kristallisierte sich in Konzepten wie dem des “Südens” oder des zunächst positiv konnotierten “Balkan”, in gemeinsamen Festen, Ritualen und Bauvorhaben. Diese Formen der Einheit lösten im Laufe des Jahrhunderts Begeisterung, Ironie, Distanzierung, Ablehnung und neues vorsichtiges Interesse aus. Im Bedeutungs- und Funktionswandel einheitsstiftender Begriffe und Rituale spiegelt sich die politische und kulturelle Geschichte des slawischen Südostens Europas.

Norbert Franz
Slawen(dis)kurs
Die deutsche Slawistik und ihr Gegenstand

Die Slawistik als “Wissenschaft von den Slawen” entstand im romantischen 19. Jahrhundert. Das wissenschaftliche Studium der Slawen und die politischen Emanzipations- und (Wieder)Vereinigungsbestrebungen waren eng miteinander verbunden. So dominierte die Frage nach den gemeinsamen Wurzeln der slawischen Sprachen und den Gesetzmäßigkeiten ihrer Unterschiede das Fach. Spätestens seit dem Ende des Ost-West-Konflikts ist die Einheit der Slawistik in Frage gestellt. Will man sich nicht bloß auf die Tradition des Faches berufen, könnte die Auseinandersetzung mit dem Slawendiskurs eine kulturwissenschaftliche Neubegründung des Faches leisten.

Christian Lübke
Aufstieg, Fall, Wiederbelebung
Entwicklungslinien der Slawenforschung

Die deutsche Geschichtswissenschaft ging fast zwei Jahrhunderte von einer irgendwie gearteten Einheit der Slawen aus. Bei den slawischen Völkern Ostmitteleuropas hingegen wurde die Idee der slawischen Einheit schon im 19. Jahrhundert von nationalen Geschichtsbildern abgelöst. Dabei spielte auch eine Rolle, dass der Panslawismus sich in eine großrussisch-imperiale Idee verwandelte. Nach der Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs erlebte die Slawenkunde im Osten wie im Westen Europas eine Blütezeit. Seit den 1970er Jahren und endgültig seit 1989 wurde sie von einer struktur- und kulturgeschichtlichen Erforschung Ostmitteleuropas abgelöst. In Russland und Belarus hingegen feiert der Panslawismus als Einheit der Ostslawen auf den Ruinen der zerfallenen Sowjetunion fröhliche Urstände.

Frank Hadler
Alter Slowake!
“Vernünftiger Staatshistorismus” statt “Slawenbeschwörung”

Die im Großmährischen Reich des 9. Jahrhunderts lebenden Slawen wurden lange als Vorfahren der Tschechen und Slowaken angesehen. 15 Jahre nach dem Ende der Tschechoslowakei fordert die Regierung in Bratislava unter dem Motto eines “vernünftigen Staatshistorismus” nun die Historiker mit der Behauptung heraus, Großmähren sei der Staat der “Alten Slowaken”, und der 894 verstorbene Svätopluk sei ihr “König” gewesen.

Wilfried Jilge
Fragmente der Einheit
Ostslawisches Gemeinschaftsdenken in der Ukraine

In der Ukraine beschwören einzelne Politiker und Parteien immer wie-der ein ostslawisches Gemeinschaftsbewusstsein. Doch in der ukrainischen Realpolitik spielt die Idee einer Vereinigung mit Russland und Belarus keine Rolle. Der Appell an die ostslawische Einheit dient vor allem dazu, im Osten und Süden der Ukraine Wähler für antiwestliche Zwecke zu mobilisieren. Die integrative Kraft des ostslawischen Denkens bleibt begrenzt.

Elena Temper
“Der reinste slawische Stamm”
Identitätsbildung à la bielarusse

Belarus ist nicht national konsolidiert. Dem Konzept eines Nationalstaats in der Tradition der Französischen Revolution steht die Idee einer spezifischen slawischen Nation gegenüber. Präsident Lukasenka stilisiert Belarus zunehmend zum Retter der “bedrohten slawischen Zivilisation”. Die institutionelle Verankerung der slawischen Idee auf Staatsebene macht Belarus zum Antemurale Slavicum.

Tilman Berger
Potemkin im Netz
Slovio und die Pseudo-Panslawen

Im Internet gibt es etliche Seiten, die panslawistisches Gedankengut verbreiten. Beachtung verdient die Plansprache Slovio. Die Analyse der Organisation World Slavic Congress zeigt, dass es sich um ein weitgehend virtuelles Universum slawischer Emigranten handelt, die den Machtverlust der slawischen Staaten zu kompensieren versuchen. Es mangelt an ideologischer Kohärenz und realem politischen Gewicht.

Published 21 January 2010

Original in German
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Contributed by Osteuropa
© Osteuropa

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