"Das Trauma muss dem Gedächtnis unverfügbar bleiben"

Trauma-Ontologie und anderer Miss-/Brauch von Traumakonzepten in geisteswissenschaftlichen Diskursen. Teil I

19 March 2008
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I

Die Beziehung zwischen den Geisteswissenschaften und den psychologischen Forschungsbereichen ist seit jeher spannungsreich. Dies war bereits während der Siebzigerjahre der Fall, als die philologischen Disziplinen und insbesondere die Germanistik mitunter auch manches sozio- und psychologische Interesse entwickelten und dabei insbesondere die Freudsche Psychoanalyse konsultierten. Seither haben sich beide Fachbereiche erheblich verändert. Den philologischen Fächern scheint die Erinnerung an die psychoanalytischen – und bisweilen sozialrevolutionär intendierten – Theorie- und Methodenabenteuer einiger ihrer Repräsentant/innen von damals in nachhaltiger Weise peinlich geworden zu sein, weshalb im geisteswissenschaftlichen Mainstream mittlerweile die so genannte “Re-Philologisierung” Einzug gehalten hat (Erhart, 2004): weg von der theoretischen und interdisziplinären Ambition und zurück zu einer sozusagen reinen Philologie, die die formale Beschreibung und motiv- und ideengeschichtliche Verortung von Textkorpora nach Vorgehensweisen vollzieht, die sich nicht grundsätzlich von denen der Zeit bis zu den Sechzigerjahren unterscheiden.


Psychologie und Sozialwissenschaften hingegen konnten, soweit sich erstere nicht überwiegend biologisierte und zweitere nicht allein in quantitativer Statistik verblieb, die Tradition der rekonstruktiv-hermeneutischen Methoden für sich erschließen und durchaus bemerkenswerte Fortschritte in Verfahren und Erkenntnisgewinn erzielen, besonders in der Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit, der Bindungstheorie, den relationalen, systemischen Ansätzen, der transgenerationalen und (familien-)biografischen Perspektive, wie auch in der Forschung über borderline und psychotische Phänomene, in der empirischen Psychotherapieforschung und insbesondere in der klinischen Psychotraumatologie, wie auch, in Hinsicht auf sozialpsychologische Belange, in der qualitativen Forschung insgesamt. Im Hinblick auf die psychodynamischen Aspekte dieser Gegenstandsbereiche ist es seither möglich geworden, weit über die Referenz auf Sigmund Freud hinauszugehen und somit auf einer von denkschulen-logischen Beeinträchtigungen zunehmend befreiten Grundlage zu arbeiten. Für die Zukunft stehen also in diesen Feldern auch weiterhin neue und zielführende Erkenntnisse darüber in Aussicht, nach welchen Gesetzmäßigkeiten menschliche Interaktion und individuelle personale Entwicklung ablaufen und wie diese sich im soziokulturellen, medialen und ästhetischen Austausch auf gesellschaftlicher Ebene auswirken (Weilnböck, 2006 b, c).

Die Tatsache, dass diese beachtliche Entwicklung auf einen gemeinsamen Nenner der rekonstruktiv-hermeneutischen Verfahren gebracht werden kann, die mittels interpretativer Auswertungen von empirischem, narrativem Material arbeiten, stellt eigentlich eine viel versprechende Nähe zu den exegetischen Geisteswissenschaften her. Besieht man jedoch die philologischen Fächer, lässt sich erkennen, dass diese im Großen und Ganzen an den Entwicklungen in den sozio- und psychologischen Disziplinen weder Anteil haben noch auch nur wirklich von ihnen Notiz nehmen. Immerhin jedoch eine kleine Anzahl Fachvertreter/ innen ist erkennbar, die einen bestimmten Gebrauch von einigen ausgewählten psychologischen Konzepten machen. Vor allem das Konzept des Psychotraumas erfährt seit einiger Zeit großen Zuspruch – mitunter auch bei solchen Philolog/innen, die ansonsten wenig disponiert scheinen, kulturelle Phänomene aus (sozial-)psychologischer Perspektive zu betrachten (z. B. Mülder-Bach [Hrsg.], 2000, Weilnböck, 2001).

Bei genauerer Prüfung wird jedoch deutlich: Dass das Trauma zu einer Art Schlagwort für eine kleine und heterogene Gruppe von Philolog/innen geworden ist, wäre heillos überschätzt, würde sie als Hoffnungszeichen eines ernsthaften interdisziplinären Bemühens um (sozial-) psychologisch und psycho-dynamisch versierte Kulturwissenschaften genommen. Bedauerlicher- und gleichzeitig auch tragischer Weise nämlich erweist sich dieses spezielle Interesse an dem Trauma als ein recht zwiespältiges Phänomen. Sind doch viele Auslegungen und Anwendungen des Begriffs nicht nur irreführend und widersprüchlich; vielmehr verkehren sie zentrale Aspekte von individuellen und gesellschaftlichen Dynamiken der seelischen Verletzung sowie ihre klinisch-therapeutischen Implikationen mitunter ins Gegenteil, so dass sich insgesamt abzeichnet: Hier wird in einer Weise über psychotraumatologische Gegenstände – und zumeist pathetisch nominalisiert über das Trauma – gesprochen, die den Status quo der Nichtkooperation zwischen den philologischen und den psychologischen Disziplinen langfristig eher weiter verfestigen als auflösen wird.

Ein Hauptgrund für diese systematischen, wenngleich eventuell weitgehend unbewusst erfolgenden Verzerrungen des klinischen Traumabegriffs (wie in der Vergangenheit so manch anderer interdisziplinärer, psychologischer Konzepte) scheint die Beharrungskraft des geisteswissenschaftlichen Gegenstands- und Methodenverständnisses zu sein. Man gewinnt nicht selten den Eindruck, als ob sich die Philologien zunächst im Überschwang einer anfänglichen interdisziplinären Begeisterung, und manchmal wohl auch eines diskurspolitischen Zugzwangs, bestimmte psychologische Konzepte zueigen machten (Trauma, Gedächtnis, Narzissmus, Übertragung, Körper[bild] etc.), um dann jedoch die bestehenden philologischen Interpretations- und Verfahrensgewohnheiten, die durchweg rein textlogisch und nicht handlungstheoretisch verfasst sind, nur umso mehr zu untermauern, anstatt sie einer interdisziplinären Differenzierung und Öffnung zu unterziehen. Eine wirkliche, integrative Zusammenarbeit z. B. mit den (tiefen-)psychologischen Forschungsbereichen, die auch in die Exegese der großen Kunstwerke selbst eingreift und nicht nur bei philosophischer Metatheorie und hehrer Modellbildung verbleibt, ist im allgemeinen weder tatsächlich erwünscht, noch – und dies will ich im Folgenden versuchen, anschaulich zu machen – scheint sie derzeit überhaupt möglich zu sein.

Denn: Aufgrund der eigenwilligen philologischen Anverwandlungen des klinischen Psychotrauma-Konzepts ist eine Zusammenarbeit selbst beim besten Willen zum Scheitern verurteilt, wann immer der Versuch einer ernsthaften interdisziplinären Operationalisierung dieser Konzepte für eine konkrete Forschungsfrage unternommen wird. Genauer gesagt: kein/e klinische/r Psychotherapeut/in wird wirklich nachvollziehen und für ihre/seine Arbeit nutzbar machen können, was in den Philologien eigentlich gemeint ist, wenn von dem Trauma die Rede ist; und je genauer die Kliniker/innen sich mit diesen Diskursen auseinandersetzten, umso fremder und zeitweise gar unsinniger müssten sie ihnen erscheinen. Die Philolog/innen hingegen scheinen mir in diesen Zusammenhängen vielfach außerstande überhaupt nachzuvollziehen, inwiefern der behände Übertrag eines handlungslogischen Konzepts in einen weitgehend texttheoretisch verfahrenden Kontext ein konzeptionelles Problem darstellen soll, als ob der essentielle Unterschied zwischen beiden und der daraus entstehende Vermittlungsbedarf gar nicht gesehen würde.

Im Grunde nämlich scheinen hier zwei verschiedene Sprachen gesprochen zu werden. Dass dies jedoch kaum jemand zu bemerken und ansprechen zu wollen scheint, wird wohl auch damit zu tun haben, dass die deutschsprachigen Philologien überhaupt kaum mit Vertreter/innen der klinischen oder der empirischen Fächer ins Gespräch kommen. Und die Empiriker/innen aus den Handlungswissenschaften, die ja zunächst mit ihren eigenen Forschungsaufgaben zu tun haben, scheinen in den seltenen Momenten einer wechselseitigen Berührung von Forschungsambitionen nicht selten von zuviel bildungsbürgerlichem Respekt betroffen zu sein, um die akademischen Vertreter/innen von Ästhetik, Kunst, Kultur und Geschichte allzu schonungslos auf die brüchige Logik und fragwürdigen Implikationen ihrer oft genauso beeindruckenden wie empirisch vagen Begriffsadaptionen hinzuweisen. Höflich und unsicher ob des so unterschiedlichen Forschergestus scheinen sie zu zögern, ihren Verständnisschwierigkeiten hinreichend Ausdruck zu verleihen, und sind umso mehr gefährdet, sich mit philosophischem Ungefähr beschwichtigen zu lassen.

II

Stellen wir uns einen jungen Psychotraumatologen vor, der sich kundig und engagiert in seinem klinischen Arbeitsfeld bewegt und von seinem Naturell her eine aufgeschlossene und gutmütige Person ist. Sein Name sei Dr. Gutherz. Stellen wir uns weiterhin vor, Dr. Gutherz wäre während seiner klinischen Ausbildung und der Arbeit in der psychotraumatologischen Therapie aufgefallen, dass nicht wenige Bücher zu seinem Thema aus dem Bereich der Geistes- und Literaturwissenschaften stammen. Und da er auch an kulturellen und ästhetischen Themen sehr interessiert und selbst ein eifriger Leser von belletristischer Literatur ist, beschließt Dr. Gutherz also, einige dieser Publikationen näher anzusehen. Zuerst fällt ihm ein Buch in die Hände, das denTitel Trauma.Zwischen Psychoanalyse und kulturellem Deutungsmuster trägt (Bronfen et al., Hrsg., 1999). Schon die Buchgestaltung findet Dr. Gutherz sehr ansprechend. Das Cover zeigt ein Modell des Jüdischen Museums in Berlin von Daniel Libeskind, dessen Zick-Zack-Form die Shoah symbolisieren will – das mutmaßlich größte historische Gewaltund Trauma-Ereignis in der westlichen Geschichte. In diesem Buch findet Dr. Gutherz einen Artikel des Literaturwissenschaftlers Manfred Weinberg, der in den späten Neunzigerjahren auch Sprecher des von der DFG finanzierten Sonderforschungsbereichs Literatur und Anthropologie an der Universität Konstanz war.

Nach einem kurzen Gespräch, das Dr. Gutherz mit einem befreundeten Geisteswissenschaftler geführt und in dem er sich versichert hat, dass die Literatur-Anthropologie ein neuer, hoffnungsvoller Zweig der Literaturwissenschaften ist, beschließt er, diesen Artikel zu lesen. Auch ist, so denkt Dr. Gutherz, bereits die erste Seite sehr viel versprechend, da sie eine Definition des klinischen Psychotrauma-Begriffes enthält, der er gänzlich zustimmen kann. Gleichzeitig jedoch stellt sich für ihn bereits hier auch eine erste Überraschung ein. Denn im Anschluss an diese psychologische Definition betont der Autor Weinberg unmissverständlich, dass ihn genau diese klinischen Aspekte des Leidens an und des Heilens von seelischen Verletzungen bei seiner Beschäftigung mit dem Trauma ausdrücklich nicht interessieren (Weinberg, 1999,S. 173).

Welch erfrischend unorthodoxe Herangehensweise, denkt Dr. Gutherz. Ist er doch unkonventionellen, avantgardistischen und poetischen Sichtweisen grundsätzlich sehr zugetan. Und musste er doch dergleichen in seiner eher bodenständigen klinischen Arbeit oft genug bitterlich vermissen. Deshalb hofft Dr. Gutherz hier, dass er bei diesem philosophischen Zugang besondere Einsichten über psychische Traumata und ihre Therapie erhalten wird, die einem Kliniker ansonsten nur schwerlich zugänglich sind. Für einen flüchtigen Moment freilich wundert er sich darüber, wie jemand, der sich intensiv mit dem Thema Psychotrauma auseinandersetzt, so gar kein Interesse an den klinisch-therapeutischen Aspekten des Leidens und Heilens haben kann und wo dessen Interesse dann eigentlich liegen mag. Neugierig und fasziniert wie er ist, stellt Dr. Gutherz dergleichen Fragen jedoch hintan und ist gespannt, in dem vorliegenden Artikel zu lesen.

Gewiss: Das Weiterlesen fällt ihm anfangs keineswegs leicht. Denn Dr. Gutherz stößt auf mancherlei komplexe philosophische Gedanken über Fragen der “Wahrheit” und “Angemessenheit von symbolischer Repräsentation”, über das Wesen des Gedächtnisses, über “Trauma und Geschichte” und Historismus sowie über “Trauma und Literatur”. Ferner finden sich Bezüge zu den Stichworten Monotheismus und Urszene; und auch wenn diese Begriffe Dr. Gutherz dank seiner sporadischen Freud-Lektüre vage vertraut sind, ist die Lektüre eine Herausforderung, denn Weinberg schien sogar drei Formen von Ur-Szenen konzipieren zu wollen, die sich jeweils auf griechische Mythen beziehen. Im Unterkapitel “Trauma und Gespenst” (Weinberg, 1999, S.181ff.) wird dann in weiterhin recht anspruchvoller und komplexer Weise der Philosoph Jacques Derrida zitiert, und zwar mit Gedanken über Phantome und Geister und darüber, wie diese die historische Zeit außer Kraft setzten.

Vom Dargebotenen stark beansprucht und auch etwas verwirrt, findet Dr. Gutherz die Lektüre dennoch faszinierend, wenngleich Weinberg wiederholt apodiktische Feststellungen formuliert, ohne sich der Mühe zu unterziehen, diese durch weitere Argumentation oder gar Verweise auf empirische Befunde zu Psychotraumatik zu fundieren – denn er ist ja, wie gesagt, an diesen Aspekten ausdrücklich nicht interessiert. Bisweilen sind diese apodiktischen Aussagen immerhin knapp und prägnant gehalten, z. B. wenn Weinberg anführt: “Kürzer gesagt: Das Trauma ist die unverfügbare Wahrheit des Erinnerns” (ebd., S. 204). Doch häufiger handelt es sich um sehr komplexe, gewundene und teilweise sogar rätselhafte Gedankenfiguren. Über Hesiod und Platon, aber wohl auch über das Erinnern an und für sich, heißt es z. B.: “Die unterstellte Wahrheitsfähigkeit menschlichen Erinnerns hängt dabei nicht nur jeweils daran, dass die ursprüngliche Göttlichkeit der Wahrheit, ihre Unverfügbarkeit für den Menschen, vergessen (gemacht) wird, sondern dass dieses Vergessen seinerseits in Vergessenheit gerät” (S. 203).

Im Grunde jedoch ist Dr. Gutherz solchen Aussagen sehr zugetan; schon der Sprachklang, die Rhythmik ihrer Begriffsentwicklung und ihre zuweilen beinahe poetische Dichte sprechen ihn unmittelbar an. Freilich findet er sich nach dem ersten Genuss oft eifrig, aber einigermaßen hilflos darum bemüht, den Kontext abzusuchen, fragend, was mit den jeweils so ansprechend klingenden Einlassungen eigentlich genau gemeint sein soll. So z. B. schließt Weinberg das Kapitel gleich nach dem oben zitierten Statement mit einem zeitlose Gültigkeit heischenden “Diktum” Friedrich Kittlers: “Im Vergessen des Wortes Vergessen fallen Geäußertes und Äußerung zusammen. Der Taumel dieses Zusammenfalls ist die Wahrheit” (S. 203f.). Und zu seiner Freude vermag Dr. Gutherz tatsächlich ein wenig von diesem Taumel nachzuempfinden. Kaum jedoch ist jener “Taumel” ein wenig abgeklungen, wird ihm deutlich, dass überhaupt nicht abzusehen ist, was Kittler und Weinberg hier eigentlich meinen und wie diese Feststellung über Vergessen und Wahrheit mit Dr. Gutherz eigenen klinischen Erfahrungen in Austausch zu bringen wäre.

Aufgrund dieser Beschwerlichkeiten des Lesens und Verstehens entschließt sich Dr. Gutherz, direkt zur Zusammenfassung am Ende des Aufsatzes vorzublättern (S. 204ff.). Dort findet er weitere Bezüge zu Derrida, insbesondere zu dessen Konzepten von “Archiv”, “Krypta”, “Gedächtnis ” sowie zum “Risiko des Vergessens” und “‘Unfug’ des Codes”. Auf dem rhetorischen Gipfelpunkt dieser Zusammenfassung stößt Dr. Gutherz dann auf einige, mit großem Pathos vorgetragene Sätze, deren einer lautet: “Das Trauma ist dem Gedächtnis immer schon eingeschrieben ” als dessen “andauernde Implikation” (S. 205f.). Wiederum ist Dr. Gutherz nicht nur verwirrt, sondern auch fasziniert, hat er doch dergleichen noch nie gehört; und er liest weiter: “[…] doch muss es (das Trauma) gerade deshalb (dem Gedächtnis) unverfügbar bleiben”, eine Unverfügbarkeit, die für Weinberg offensichtlich keinerlei Problem darzustellen scheint – im Gegenteil, was Dr. Gutherz insofern nachvollziehen kann, da Weinberg ja, wie gesagt, “Trauma” mit “Wahrheit” gleichsetzt (nämlich der “unverfügbaren Wahrheit des Erinnerns”; S. 204) und er an Fragen von psychischer Störung und Therapie “nicht interessiert” ist.

Bei aller Faszination findet Dr. Gutherz das Gelesene aber auch einigermaßen rätselhaft. Aus seiner täglichen Therapiearbeit mit Trauma- Patienten weiß er, dass diese mitunter große Schwierigkeiten haben, ihre traumatische Erfahrung mental zu begreifen und über sie erinnernd zu “verfügen”, aber ebenso, dass ein gewisses Ausmaß von Zugang zu und Auseinandersetzung mit der ursprünglichen Trauma-Erfahrung für eine erfolgreiche therapeutische Linderung der Folgewirkungen unabdingbar ist. Warum also sollte eine Trauma-Erfahrung prinzipiell “unverfügbar” bleiben? Und warum sollte andererseits Traumatisches per se bereits automatisch in das Gedächtnis jedes Menschen eingeschrieben sein? Dies widerspricht Dr. Gutherzens praktischer Erfahrung, welche keinen Zweifel daran lässt, dass die conditio humana des Menschen – grundsätzlich und philosophisch gesehen – zwar eine große Herausforderung darstellt, dass aber dennoch beileibe nicht jeder Mensch (in klinischem Sinne) traumatisiert ist. Im Grunde trifft dies selbst bei extremen Ereignissen nur auf vergleichsweise wenige Personen zu, und um deren Selbst- und Weltbezug ist es dann auch deutlich anders bestellt, als bei nichttraumatisierten Menschen.

Umso gespannter ist Dr. Gutherz, worauf dieser Aufsatz wohl hinauslaufen mag. Weiterlesend begegnet er den Aussagen, dass nur “das im Trauma Vergessene” auch das “adäquat Bewahrte” wäre und dass “es nicht darum gehen kann […] es erinnern zu wollen” (S. 205f.). Dr. Gutherz zögert kurz, weil die klinische Forschung einhellig davon ausgeht, dass ein Psychotrauma per definitionem von der betroffenen Person weder ganz vergessen noch wirklich mental bearbeitet werden kann; deshalb ist er außerstande sich vorzustellen, inwiefern etwas Vergessenes gleichzeitig “adäquat bewahrt” und dennoch ein Psychotrauma sein kann. Ferner wundert sich Dr. Gutherz neuerlich, warum das Erinnern und Verbalisieren von traumatischer Erfahrung grundsätzlich unangemessen sein soll. Auch wird – ausgerechnet auf den letzten Zeilen des Textes – die Forderung angefügt, dass “in der Philosophie und in der Geschichtsschreibung die traumatische Rückseite jeden Erinnerns vergessen (gemacht) werden muss” (S. 206), worauf sich Dr. Gutherz ebenfalls keinen rechten Reim zu machen weiß. Denn seiner Überzeugung nach sollte (Zeit-)Geschichte im Gegenteil aufzudecken helfen, was für die Menschen traumatisch war und wie es als solches weiterhin nachwirkt bzw. gelindert werden kann. Allerdings – dies fiel ihm hier plötzlich ein – hatte er durchaus schon manches Mal zuvor erleben müssen, dass sein simpler, in der Tradition der Aufklärung stehender Geschichtsbegriff bei Vertreter/innen der Philologien keineswegs selbstverständlich konsensfähig war, mehr noch: dass er manchmal sogar etwas herablassend – sozusagen als Habermas’sche Naivität – belächelt wurde.

Dies macht Dr. Gutherz zwar etwas ratlos; nichtsdestoweniger jedoch empfindet er dergleichen philosophische Kontemplationen immer noch auch als erfrischend – erfrischend paradox eben. Als er freilich den Satz liest, der sich an die Forderung, man solle das Trauma “unverfügbar” halten, unmittelbar anschließt, kommt ein leises Gefühl schauerlicher Furcht in ihm auf. Denn der Satz besagt: Wer immer jener Unverfügbarkeits- Mahnung nicht Folge leistet und stattdessen die Erinnerung des – “adäquat bewahrten” – Vergessenen betreibt, gibt das Trauma “der inadäquaten (sic) Repräsentation bewussten Erinnerns” preis und begeht somit eine “Exkorporation des Traumas” (S. 205f.). Dr. Gutherz ist einen Moment lang völlig konsterniert. Hat er sich, als professioneller Erinnerungsarbeiter, etwa schuldig gemacht? Und da er in keinem seiner nervös konsultierten Wörterbücher Aufschluss über die Bedeutung von “Exkorporation” finden kann, gehen ihm unablässig beunruhigende Assoziationen von Exhumierung, Tötung, Erbrechen etc. durch den Kopf, was seine Beklemmung nicht geringer macht. Ganz deutlich nämlich spürt Dr. Gutherz, dass ihm auf subtile Weise gedroht wird, ohne dass dies jedoch offen ausgesprochen würde, und eventuell sogar, ohne dass man sich dessen gänzlich bewusst war (­ aber sicherlich ohne Bewusstsein davon, dass, indem solchermaßen suggestiv Furcht eingeflößt wird, sich gleichzeitig auch eine frühere, bewusstseinsferne Erfahrung der Bedrohung und Furcht reinszenieren mag).

Tatsächlich vermittelt diese Passage Dr. Gutherz das Gefühl, als Kliniker permanent Blasphemie zu begehen. Besteht doch seine tägliche Arbeit in nichts anderem, als durchlebte Erfahrungen in “Repräsentationen [des] bewussten Erinnerns” umzuwandeln – zumindest bei einem bedeutenden Teil seiner Patienten. Dr. Gutherz hilft, das zu erinnern, was “das Vergessene im Trauma” ist und – seiner Meinung nach – eben keineswegs “adäquat bewahrt”, sondern vielmehr sehr inadäquat und störend präsent ist und sich deshalb bei den Betroffenen in symptomatischen Formen des seelischen Leidens niederschlägt. Dabei hatte Dr. Gutherz eigentlich immer ein gutes Gefühl zu seiner Arbeit gehabt und war überzeugt, dass sie dazu beiträgt, das Leben der Menschen wieder erfreulicher und weniger belastet zu gestalten und dadurch die destruktiven Interaktions-Muster letztlich auch auf gesellschaftlicher Ebene zu reduzieren. Jetzt aber fühlt er sich wie jemand, der anderer Leute Heiligtum befleckt oder der, wie Orpheus in der Unterwelt, es wagt, sich umzusehen und damit den Tod Eurydikes verursacht (Weilnböck, 2006a, Hirsch, 2004, S.105f.).

Nach einiger Zeit aber gelingt es Dr. Gutherz, die Gefühle von Furcht und Schuld wieder abzustreifen und sie retrospektiv etwas genauer in ihrer interaktionalen Logik zu betrachten. Dabei wird ihm klar, dass das durch die Lektüre induzierte Gefühl des Bedroht-Werdens genau derjenigen Empfindung entspricht, die einige seiner Patient/innen in den Therapie-Sitzungen auf ihn übertragen, um sich projektiv zu entlasten und somit ihrer eigenen Konfrontation mit der traumatischen Erfahrung und dem darin Vergessenen auszuweichen. Denn auch dort fühlt sich Dr. Gutherz manchmal ganz gegenstands- und namenlos bedroht, weiß inzwischen aber, dass dies seinen guten therapeutischen Sinn hat. Könnte es sein, fragt sich Dr. Gutherz, dass Weinberg und andere geisteswissenschaftliche Autor/innen indirekt von diesen interaktionalen Übertragungsdynamiken handeln und sie auch textuell ausagieren, ohne dies im geringsten zu bemerken – oder auch bemerken zu wollen, sind sie doch an dergleichen therapeutisch relevanten Aspekten ausdrücklich “nicht interessiert”.

Hier nun beginnt Dr. Gutherzens Faszination über diese Art des philosophischen Diskurses neuerlich aufzuflammen – wenngleich sie diesmal eine ausgesprochen analytische Faszination ist, die ihn deshalb weniger zwiespältig anmutet. Umso leichter fällt es Dr. Gutherz nun auch, sein Erstaunen über die “Unverfügbarkeits”-Mahnung und über jenen letzten Satz des Textes – “in der Philosophie und in der Geschichtsschreibung [muss] die traumatische Rückseite jeden Erinnerns vergessen (gemacht) werden” (Weinberg, 1999, S. 206) – weiterhin zurückzustellen und sich beherzt auf dessen zweite Hälfte einzulassen, die konstatiert, dass sich literarische Texte, im Gegensatz zu historischen und philosophischen, “auf das Zusammenspiel von Trauma und Erinnerung einlassen [können]”, weil dies ihr “Strukturprinzip” sei (ebd.). Denn Dr. Gutherz ist selbst ein großer Liebhaber von Literatur, und wenngleich er sich von dieser ganz unvermittelt auftauchenden Hommage an Kunst und Literatur auch etwas überrascht und eigentümlich suggestiv verführt fühlt, diesem ungleich angenehmeren Gefühl wenigstens wollte er zum Ende dieses Artikels dann doch ganz un-analytisch nachgeben.

Da Dr. Gutherz das Lesen von Weinbergs Artikel also insgesamt als eine recht facettenreiche Erfahrung empfunden hat, beschließt er, sich einem anderen Beitrag dieses Bandes zuzuwenden, der sich mit Freud, seinem Dora-Fall, dem post-Lacan’schen Hysteriebegriff Anne Juranvilles und Hitchcocks Film Marnie beschäftigt. Hier nimmt Dr. Gutherz sofort erfreut wahr, dass die Filmwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen den klinischen Aspekten des seelischen Leidens an Trauma und Hysterie wesentlich näher ist als Weinberg, wenngleich sie zuweilen ihr großes Interesse weniger daran, “ob Marnie traumatisiert sei oder nicht”, als an Hitchcocks subversivem Umgang mit Freuds “Meistererzählung über heterosexuelles Begehren” unterstreicht (1999, S.164). Aber Bronfen weiß die klinischen Symptome zu benennen und stellt die von Hitchcock trefflich inszenierten Phänomene von “Bewusstseinsverlust”, “tranceartigen Zuständen”, “Körpererstarrung”, und “Halluzination” in einen psychotraumatologischen Kontext. Auch Bronfens Freud-Kritik kann Gutherz im Grunde nur zustimmen, hat sich doch Freuds Insistieren auf einer “sexuellen Ätiologie” der Hysterie, auf dem “Familienroman” der glücklichen Ehestiftung und dem “Theorieroman des Ödipuskonflikts “, der im Falle Doras unter anderem “das Begehren für den weiblichen Körper” übersah, mittlerweile gründlich erledigt (ebd., S. 153). Und somit setzt Bronfen mit Hitchcock und gegen Freud die frühen, prä-ödipalen Beziehungstraumata in ihr Recht, für die der Begründer der Psychoanalyse so wenig Sinn hatte – jedenfalls weniger als Hitchcock.

Umso verblüffender fand Dr. Gutherz, wie sehr auch hier immer wieder ontologisierende, erlebens-abstrakte – und dabei auch schlichtweg verwirrende – Wendungen den sprachlichen Gestus und die Gedankenführung prägten: Mit Lucien Israel wird Trauma und Hysterie nicht so sehr als Reaktion auf erlebte Gewalt denn als ein Versuch gesehen, “die Botschaft der Fehlbarkeit der symbolischen Gesetze wie auch des Subjekts zu verkünden” (ebd.). Und wo Bronfen von einem “traumatischen Kern” spricht, heißt es, dass er “am Nabel aller Identitätssysteme” liegt. Dabei sei die Hysterie als “Repräsentationsstrategie” “gegen und mit der Urverdrängung”, “mit und gleichzeitig jenseits des Phallus” wirksam, und die “Verdrängung” hänge auch mit der “Phantasiearbeit” und “Symptombildung” zusammen (Bronfen, 1999, S.149, 165). Ferner würde Trauma als “eine grundsätzliche und unumgängliche Enteignung” begriffen (S. 170), jedoch mit Slavoj Zizek wiederum auch als das, “was uns in Bewegung hält, was uns vorantreibt”.

Die begriffliche Überfülle und insbesondere die diffuse Kombination von “Unumgänglich[keit]” und produktivem “[A]ntrieb” findet Dr. Gutherz verwirrend. Während Bronfen doch sehr trefflich nachvollzieht, dass Hitchcocks Marnie infolge einer spezifischen Beziehung zu ihrer allein erziehenden Mutter und deren Vorgeschichte und Lebensumständen psycho-sozial schwer beeinträchtigt ist – weil nämlich die Tochter “im Liebesleben der Mutter nur eine supplementäre Stelle einnimmt ” und “als Ersatz fungiert” (S.169) –, wird gleichzeitig eineTrauma- Ontologie vom “grundlegenden” und “unumgänglichen” “Mangel” eingeflochten; und diese mutet Dr. Gutherz angesichts des konkreten menschlichen Schicksals Marnies und seiner beeindruckenden filmischen Darstellung als gänzlich unangemessen an. Auch ist diese Ontologie, so will es Gutherz scheinen, dazu angetan, alles Kreative, Freudvolle und Genussreiche des Menschen, seinen “Ursprung des Begehrens” und der “Phantasiearbeit”, immer unfehlbar mit “Angst” und mit einem existenziell bedingten “Zustand des Beraubtworden-Seins” zu verbinden. Denn in der “Bildsprache des Films” bleibend, stellt Bronfen abschließend und letztgültig fest: “Der Tresor, an dem man die Zuversicht der eigenen Unversehrtheit, Unfehlbarkeit und Unverwundbarkeit festmachen möchte, ist immer schon ausgeraubt” – und dies empfindet Dr. Gutherz als eine sonderbar abstrakte und essentialistische Antwort angesichts einer individuellen Biografie wie der Marnies (oder Doras), als ein Resüme, das doch im Grunde der beklagten hermeneutische Eigenwilligkeit Freuds kaum nachsteht, und bei dem sich, wie bei Freud, nur im Verfahren anders, jeglicher genauere Blick auf ein empirisches Trauma erübrigt – verliert doch, wo “immer schon (alles) ausgeraubt” ist, jeder einzelne Raubüberfall an Profil und Bedeutung.

Zudem: Wie um diese ontologisierende Emphase des “grundlegende” und “unumgänglichen” “Mangels” auszugleichen, wird dieser dann durch eine Aura des Geheimwissens und exquisiten Genusses aufgeladen, die Dr. Gutherz, er wusste zuerst selbst nicht genau warum, intuitiv auch als aggressive Besetzung wahrnahm. Dass nämlich Freuds “Familienroman glücklicher genitaler Sexualität” die psychodynamische Komplexität von Marnies (oder Doras) schwierigem, tiefer liegendem Beziehungstrauma nicht angemessen erfasst, dem kann Gutherz nur beipflichten; dass er jedoch auch “ein Genießen […] verdeckt”, zumal ein “Genießen dessen, was ich ein traumatisches Wissen nennen möchte”, und eines, das neben dem “Vergreifen am väterlichen Gesetz” – auch “Selbstverschwendung”, “Auflösung des Selbst” und “multiple Selbstentwürfe” mit einschließt (S. 149, 156), mutet Dr. Gutherz befremdlich an. “Trauma” und “Genießen”, eine eigentümliche Kombination – wie auch immer man dieses “Genießen”, das Bronfen nicht weiter expliziert, hier im Einzelnen verstanden wissen möchte.

Was Gutherz dabei besonders beunruhigt, ist die latente Auratisierung von psychischem Leiden – womit ja indirekt immer auch eine latente Auratisierung von mentaler Verletzung, mithin Gewalt verbunden ist, ja mehr noch: die latente Erotisierung solcher Gewalt, wenn sie sich dann als ein exquisites “Genießen” von “Selbstverschwendung”, “Auflösung “, aber auch ein “Sich-Vergreifen” am anderen niederschlägt, eine Befindlichkeit, mit der sich Hysterie und borderline Zustände wohl trefflich nachempfinden, aber nicht angemessen theoretisch begreifen lassen. Zudem fühlt sich Dr. Gutherz von Bronfens Text in seltsamer Suggestivität dazu animiert, mit jenem “Genießen” und “Sich-Vergreifen “zu sympathisieren, geht es doch Bronfen ausdrücklich nicht nur darum, die Inszenierung “eines Fallbeispiels der Hysterie” aufzuzeigen, sondern den Film “als ein hysterisches Vergreifen an einer Meistererzählung zu deuten” (S. 155). Als ob Weinbergs rigider Insistenz auf dem “adäquat Bewahrten”, Unsagbaren und Unantastbaren ein sprudelnder – und auch übergriffiger – Un-Gewahrsam an die Seite gestellt werden sollte, der der genussreichen Selbstauflösung, dem Verschwenden – auch von “Wissen” – und dem Sich-Vergreifen huldigt.

Hier aber fand Dr. Gutherz dann doch die empirischen Aspekte von Gewalt und Selbstzerstörung, die einem solchen “genießen[den] traumatischen Wissen” seiner Erfahrung nach unfraglich inhärent sind und sich mit einem “Genießen” im umgangssprachlichen Sinne von nachhaltiger Freude und menschlichem Glück kaum vereinen lassen, nicht hinreichend ernst genommen. Und Dr. Gutherz bestand hier darauf, gerade auch die umgangssprachlichen Bedeutungen und Konnotationen wie auch die konzeptuellen Suggestionen mit einzubeziehen, zumal Bronfen ihren Begriff weder expliziert, noch wenigstens als Theoriezitat kenntlich macht, sondern einfach als bekannt und verbindlich vorauszusetzen scheint. Zu zwiespältig sind Dr. Gutherzens Erfahrungen aus frühen Studententagen verlaufen, in denen er sich in die Gefielde von durch Heidegger geprägten Autor/innen begeben hat und dort ständig mit strengem Blick darauf verwiesen wurde, er habe bestimmte Theorieressourcen und Gedankengebäude einfach noch nicht gründlich genug verstanden und könne deshalb nicht begreifen, warum seine Einwände zu bestimmten Texten und Diskursen nicht stichhaltig seien. Und schon damals waren es gewaltförmige Dynamiken der Übergriffigkeit, die er, wenn sie einzig im semantischen Feld von Genuss, Ekstase und heroischer Widerständigkeit gefasst werden, bei weitem unterschätzt fand.

Sonderbar übertrieben hingegen schien ihm der Gewaltaspekt in anderen Passagen von Bronfens Aufsatz; z.B. wenn es heißt, Hitchcock habe Marnies “Bewegung zur heterosexuellen Paarbildung” als einen “Akt der Gewalt und Beschneidung” dargestellt (S. 163), was Gutherz so nicht unterschreiben würde. Auch die Aussage, dass die Männer (Freud bzw. im Film Mark), die – sicherlich tollpatschig, eventuell eigensüchtig und, was Mark anbetrifft, offensichtlich auch selbst in einem tranceartigen, gefährlichen Wiederholungsagieren befangen – immerhin um Hilfestellung, Klärung und Linderung bemüht sind, Marnie “gewaltsam in die unter der Schirmherrschaft des Phallus stehende bürgerliche Ehe einfügen ” wollen, findet Dr. Gutherz ideologisch überspitzt, auch sachlich unrichtig und vor allem der Sensibilität der filmischen Inszenierung unangemessen. Mehr noch: In einem lakonisch angefügten Nebensatz spricht Bronfen dann von der “Vergewaltigung während der Hochzeitsreise ” (S. 160), wovon so nun wirklich nicht die Rede sein kann, wie Dr. Gutherz findet, nachdem er sich den Film genau angesehen hatte. Sogar in jedem übertragenen Sinn scheint ihm “Vergewaltigung” für die aufmerksam inszenierten Vorgänge zwischen Marnie und Mark keine sehr günstige Metapher zu sein. Sicherlich: Für einen kurzen, zornigen Moment verliert Mark die Kontrolle, findet sie aber gleich wieder. Die Folgen sind freilich dennoch dramatisch und können nur gerade eben noch eingeholt werden. Jedoch: Der “Tatbestand” einer “Vergewaltigung” (S.156 bzw. 158) liegt nicht vor, und es kann kaum als hilfreich gelten, auch nur metaphorisch von einer zu sprechen.

Vielmehr scheint Bronfen hier damit zu beginnen, sich ihrerseits an Hitchcocks Film zu “vergreifen”, während sie doch dessen “Vergreifen an einer Meistererzählung (Freuds) zu deuten” sich vorsetzte, das sie als Modus der Greifens jedenfalls sehr zu schätzen scheint, wie auch Marnies “Vergreifen am väterlichen Gesetz” der “glücklichen genitalen Sexualität ” (S. 155f.). Und Bronfen vergreift sich, so will es Gutherz scheinen, auch mit Lust bzw. mit einem “Genießen”, zumal sie in diesem “letzten “großen” Film Hitchcocks […] eine Auslotung der unterdrückten weiblichen Stimme” vermutet (S. 151). Wo aber gehobelt wird, fallen auch Späne, denkt Gutherz. Denn was er für gleichermaßen eigenwillig hält, wie die Feststellung einer “Vergewaltigung”, ist die Schlussfolgerung, Hitchcocks Film handle davon, dass “eine anfänglich durchaus selbstständige und unabhängige Frau am Ende hilflos und infantilisiert ist, entmächtigt nicht nur durch das von ihren Eltern geerbte traumatische Wissen, sondern auch von der gewaltsamen Insistenz ihres Gatten, sie möge sich der heterosexuellen weibliche Position” und der “Annahme des Phallus” unterwerfen (S. 158).

Man muss wahrlich kein Psychotherapeut sein, denkt Dr. Gutherz, um fragwürdig – ja beinahe zynisch – zu finden, wenn angesichts einer von Hitchcock so präzise gezeichneten, hoch delinquenten und selbstgefährdenden Figur wie Marnie von einer “durchaus selbstständigen und unabhängigen Frau” zu sprechen. Auch rechtfertigt der Film keineswegs, davon auszugehen, Mark wolle Marnie der “heterosexuellen weiblichen Position” unterwerfen. Und die von Bronfen zurecht geschätzte Schläue und Sensibilität Hitchcocks würde sich wohl kaum mit einer so komplexitätsreduzierten Intention begnügen (S. 160). Ganz offensichtlich nämlich ist die von Mark forcierte Heirat lediglich Mittel zum Zweck einer allerdings noch genauer zu klärenden Strategie Marks, die aber jedenfalls wenig mit der Durchsetzung konventioneller Geschlechterverständnisse und sexueller Interessen zu tun hat. Vielmehr ist diese Figur intuitiv – und auch im Wiederholungszwang – einem tief greifenden Beziehungstrauma auf der Spur, mit dem sie wohl auch selbst in ihrer Frühbiografie einige Bekanntschaft gemacht haben muss, worauf Hitchcock ja auch einige Hinweise gibt. Umso weniger auch fühlt sich Dr. Gutherz veranlasst, Mark vorzuhalten, er habe “außer Acht [gelassen] “, dass Marnies “Begehren möglicherweise ganz einfach auf andere Körper als seinen männlichen gerichtet sein könnte” (S. 163f.). Auch hier, denkt Gutherz, “vergreift” sich Bronfen an dem Film bzw. an der Figur Mark, denn rein gar nichts in diesem filigranen Film scheint ihm einen Hinweis darauf zu geben, dass sich Marnie – dies will hier wohl gemeint sein – sexuell zu Frauen hingezogen fühlt. Und auch die Unterstellung, Marnie empfinde “Ekel vor dem männlichen Körper” (S. 157) und nicht nur Angst vor Berührungen durch Männer, scheint kaum belegbar.

Insgesamt gewann Dr. Gutherz zunehmend den Eindruck, dass Bronfens so emphatischer Trauma-Aufsatz letztlich von einer ganz unklaren Haltung zu Fragen des “Vergreifens” und der Gewalt beherrscht ist. Eine systematische Unschärfe in der Differenz zwischen Gewalt/ “Trauma” und dessen noch zu benennendem Gegenteil, oder in provisorischer Formulierung: zwischen Gewalt und “Genießen”, scheint zu bestehen, und dies führt letztlich dahin, dass gewisse Aspekte von Leiden, Gewalt, “Vergreifen” etc. zu einem “genießen[den]” “traumatischen Wissen” stilisiert werden – und sich Hysterie quasi sozial-revolutionär verklärt. In psychodynamischer Hinsicht ist dies Dr. Gutherz auch durchaus einsichtig, sobald er bedenkt, dass das ontologische Schwergewicht, das hier zunächst dem “Mangel”, dem “Trauma”, der “Fehlbarkeit”, dem existenziellen “Versehrt-Sein” etc. beigemessen wird, nolens volens immer auch der Gewalt und dem “Vergreifen” zufallen muss. Denn wer auch immer und aus welchen Gründen auch immer sich hinreißen lässt, einen Schwerpunkt der intellektuellen Anstrengung auf die Kontemplation von existenziellem “Mangel” und “Versehrt-Sein” zu setzen und diese dann auch zu ontologisieren und zu romantisieren, wird stets große Mühe haben, eine verlässliche Grenze gegenüber all demjenigen in der Welt und den Gedanken zu ziehen, was aktiv damit befasst ist, menschliches Leben gewaltsam zu “versehren”. Und was den Akt von Bronfens hermeneutischem Zugriff angeht, will es Dr. Gutherz scheinen, dass sie die Hauptfiguren in eine unversöhnliche Spaltung zu führen trachtet und eine kämpferische Mann-Frau-Dissoziation einzurichten sucht. Und dies findet er bedauerlich, da es sich doch im Grunde um zwei von ihren gegengeschlechtlichen Elternteilen verlassenen Kinder handelt, die in vielem zunächst auf der Geschwisterebene agieren und jedenfalls das beste aus dem “Mangel” zu machen sich bemühen – und eigentlich schon von Hitchcocks alliterierender Namensgebung als Mar-nie und Mar-k einander assoziiert werden.

Von der Ontologisierung von Mangel, Trauma und Versehrt-Sein zur Euphorisierung des “genießen[den]” “Vergreifens” – also zum reaktiven Ausagieren von Traumatik in Form von neuerlich perpetuierter Gewalt – ist es, psychodynamisch betrachtet, lediglich ein kleiner Schritt, an dessen Ziel letztlich eine Lizenz zum “Sich-Vergreifen” steht. Und dieser Schritt mag umso unbedarfter und unmerklicher gegangen werden, wo dem zugrunde liegenden Gedankengebäude jegliches Komplementärkonzept zu Verletzung und Trauma mangelt und also kein Konzept der therapeutischen Linderung oder des Wiederereichens von nachhaltiger Lebensfreude existiert. Nicht nur Weinbergs, sondern auch Bronfens Aufsatz jedoch scheint Dr. Gutherz einem solchen, im wörtlichen Sinne heillosen Gedankengebäude aufzuruhen, denn ein unmissverständliches Konzept von Therapeutik, ohne das doch gerade ein Film wie Marnie gar nicht angemessen dargestellt werden kann, ist dort nicht enthalten. Man könnte lediglich die bei Bronfen rekurrente Semantik des “Genießens”, mitunter der Ekstase und des unbändigen widerständige Eifers dafür nehmen wollen, zumindest wenn man sich auf den gleichwohl naiven Standpunkt stellt, dass, wo wie auch immer genossen wird, jedenfalls keine akute psychotraumtische Angst mehr vorliegen kann.

Dr. Gutherz freilich weiß es besser. Es ist in den von Bronfen dargestellten Sachverhalten nichts Freudvolles zu finden, jedenfalls nichts, was von Schadenfreude oder Manie hinreichend unberührt wäre, dass man es als Orientierungsdimension für therapeutisches Geschehen gelten lassen könnte. Bei dem Gegenstand des Textes, Marnie, ist das auch nicht verwunderlich. Einige Ansätze von Linderung, therapeutischer Klärung und Freudfähigkeit könnten jedoch auch in diesem Film durchaus erwogen werden. Jedoch: Es scheint in dem Bronfen zugrunde liegenden theoretischen Gebäude gar kein konzeptioneller Ort eingeräumt, an dem ein solches Moment der neu entstehenden Lebensfreude gefasst werden könnte. Und Dr. Gutherz beginnt sich zu fragen, ob die Ontologie des Traumas nicht nur eine Lizenz zum “Sich-Vergreifen” beinhaltet, sondern immer auch eine Ontologie der Freudlosigkeit ist.

Ferner fällt Dr. Gutherz auf: Jenes “Genießen”, das zwar “hysterisch”, “multipel” und “selbst-verschwendend” sowie “auflösend” ist, aber eben nicht der Freude und Freudfähigkeit entspricht, für die man es als unvoreingenommener Leser zunächst halten würde, das aber auch “wissend” ist, und als kreativ im Sinne von “Phantasiearbeit” gilt, ferner als “Ursprung des Begehrens” und also doch auch wiederum auf verfängliche Weise freudvoll erscheint, – jenes “Genießen” entspricht in klinisch-psychotraumatologischer Hinsicht eigentlich einem ganz anderen Syndrom, das gleichfalls nicht als Freude missverstanden werden sollte und dennoch von den Betroffen häufig so empfunden wird, nämlich der “Trauma-Sucht” (Fischer/Riedesser, 1998, S. 137 mit van der Kolk, 1987, S. 72, Riedesser/Wutka, 2000). Dabei handelt es sich um einen psychotraumatisch bedingten Reinszenierungszwang, der – eventuell zusätzlich hormonell angetrieben durch Endorphin-Ausschüttungen – in einem unbewussten Bewältigungsversuch beständig damit zugange ist, gestische und faktische Wiederholungen eines traumatischen Sachverhalts oder einer Erlebnisstruktur herzustellen (vgl. auch Weilnböck, 2004b). Weil aber eine nachhaltige “psychologische Restitution” (Adelman, 1996, S. 86) und tragfähige Zustände der Freude und des Glücks auf diese Weise nicht erreicht werden können, sind selbst-destruktive, sozusagen “selbstauflösende”, und suchtdynamische Handlungssequenzen die Folge. Und das kann es doch eigentlich nicht sein, was Bronfen mit jenem eigentümlich schillernden “Genießen” eines “traumatischen Wissens” über den “Ursprung des Begehrens” ernsthaft im Sinn hat, denkt Dr. Gutherz, oder etwa doch?

Wie auch immer: In Abwesenheit jeglichen unmissverständlichen Konzepts von menschlichem Glück und Freude, über das eine Philosophie des Traumas doch eigentlich auch verfügen müsste, das sie aber gar nicht haben kann, wenn ihr das Trauma “immer schon” auch ein ontologisches Anliegen ist, etwas “Grundsätzlich[es]”, “Unumgänglich[es]” und ein produktiver “[A]ntrieb”, – in dieser Abwesenheit erscheint Dr. Gutherz die Bedeutung jenes schillernden, unexplizierten Begriffs des “Genießens” nur umso undurchdringlicher, und er beschließt, sich einer der Autor/innen zuzuwenden, die Bronfen an konzeptuell wichtigen Punkten ihres Artikels wiederholt zitiert: In einem anderen als dem direkt von Bronfen angeführten Aufsatz schrieb die Literaturwissenschaftlerin Anne Juranville, kritisch aufbauend auf den philosophischen Termini Jacques Lacans, über Hysterie, Melancholie, Genuss und Freude im mittelalterlichen Mystizismus des Thérèse de Lisieux. Dort erfährt Dr. Gutherz, dass die einzig “wahre” Form von Genuss einer mystischen Art der Freude gleicht, welche mit dem “Leiden”, dem “Verlust” und dem “Trauma” verbunden ist. Dieser höchsten Form des Genusses gebührt sogar der Rang einer “absoluten Freude”, da sie “einzig durch eine Mischung aus Verlangen und melancholischem Leiden, welches existentiell als von den Sternen kommend angenommen wird, zugänglich ist”. Dabei geschehe ein “Aufblitzen des “Augenblicks”, in dem die Seeligkeit zur gleichen Zeit ankommt, wie der Verlust, der sie hervorbringt ” (Juranville, 1994, S.145; Weilnböck, 2002). Obwohl Dr. Gutherz der psychodynamische Sachverhalt sehr vertraut ist, dass die Fähigkeit, das Leben zu genießen, eng verknüpft ist mit dem Vermögen, “Verlorenes ” oder “Erlittenes” zu betrauern, vermag er aus diesen Zeilen kaum die erhoffte Klärung zu ziehen und sieht sich entsprechend hilflos zurückgelassen. Im Gegenteil: Bronfens vager theoretischer Begriffsverbund von Mangel, Trauma, Wissen, Genießen, Begehren gestaltet sich bei Juranville eher noch unübersichtlicher – und auch emphatischer und radikaler, so dass sich Dr. Gutherz neuerlich an van der Kolks Begriff der Traumasucht und an die Hypothese von deren endorphin-gestützter Ablaufdynamik erinnert fühlt und sich ein wenig vor etwaigen übergriffigen “Vergreiflichkeiten” fürchtet.

Anmerkung: Die Bibliographie wird dem dritten und letzten Teil dieses Artikels nachgestellt sein.

Published 19 March 2008

Original in English
Translation by Wulf Kansteiner
First published in Mittelweg 36 2/2007

Contributed by Mittelweg 36
© Harald Weilnböck/Mittelweg 36 Eurozine

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