Wir tun da gar nichts! Über die Geschichte, die Zerstörung und den Wiederaufbau von Palmyra

22 December 2017
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Andrea Zederbauer: Das syrische Palmyra war dreißig Jahre lang Ihr Forschungs- und Publikationsfeld. Im Oktober 2010 schlossen Sie dort Ihre letzte Grabung ab, wenige Monate später brach der Bürgerkrieg aus. 2015 missbrauchten die IS-Terrormilizen die archäologischen Denkmäler als Bühne, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zu ziehen. Die Propagandavideos der Zerstörung haben Ihnen zu einer Popularität verholfen, die Sie vermutlich den gesamten Zeitraum davor nicht hatten. Wie geht man damit um?

Andreas Schmidt-Colinet: Schlecht. Wenn in Palmyra etwas in die Luft fliegt, ist man im ORF, in der ARD und in der New York Times. Den Medien geht es – sozusagen systemimmanent – um die neueste Nachricht, um quantitative Meldungen, auch um Emotionen. Als in Palmyra der Antikendirektor ermordet wurde, den ich natürlich gut kannte, hieß es: «Khaled Asaad wurde ermordet. Wie geht es Ihnen denn damit?» Das geht doch am Problem vorbei. Auch der Fokus auf die Anzahl der Personen, die im Theater in Palmyra – oder auch im Bataclan in Paris – erschossen wurden, verdrängt das Problem. Das Entscheidende ist auch nicht, dass da noch eine weitere Säule einstürzt, dass zuerst der eine Grabturm und am nächsten Tag noch der Beltempel in die Luft gesprengt wird. Man konzentriert sich auf die äußere Form und die Zahlen, ähnlich wie in der Hochschulpolitik – das kann ich beurteilen, ich war lange genug als Professor tätig. Die Studenten machen jetzt einen Bachelor, genau genommen nicht viel mehr als eine Zwischenprüfung, und sind dann für ihr Fach, jedenfalls soweit es meines betrifft, eigentlich untauglich.

Palmyra, Beltempel, Zustand im Jahr 2010. Foto: Andreas Schmidt-Colinet

AZ: Man vernachlässigt also die Wissenschaften, diskreditiert sie als Orchideenfächer. Nicht zuletzt 9/11 hat aber klar gezeigt, dass die Öffentlichkeit Orientalisten, Assyriologen, Arabisten, Religionswissenschaftler et cetera dringend braucht, um in einem umfassenden Sinn zu verstehen, was vor sich geht und welche Lehren wir daraus ziehen müssen.

ASC: Und wir wiederum haben die Aufgabe, unsere Forschung jenen zu erklären, die uns bezahlen, das sind schließlich alles öffentliche Gelder. Die Öffentlichkeit muss informiert werden, und ich habe das in Vorträgen und Publikationen auch früher schon gemacht. Aber das Interesse der Medien gilt, ich komme darauf zurück, mehr der Quantität als der Qualität. Was die Schergen vom sogenannten Islamischen Staat da kaputt machen, wollen die Medien oft gar nicht wissen. Nehmen wir den antiken Beltempel: Wenn Sie davon eine Rekonstruktion vor sich haben, sehen Sie an seiner Schmalseite Säulen und darüber einen Giebel. Was bedeutet das? Giebel als griechisch-römische Architekturvokabel steht immer für einen sakralen Ort, ein Heiligtum. An der Längsseite des Tempels hingegen, die der orientalischen Tradition nach seine Hauptseite ist, sehen Sie oben einen Zinnenkranz. Das ist die Sakralraum-Vokabel aus dem Alten Orient. Die einheimischen Palmyrener und die ansässigen Griechen und Römer, also etwa jenes Drittel der Bevölkerung, das westlichen Kulttraditionen anhing, empfanden ein- und denselben Bau also jeweils als ihren Tempel. Das ist so, als würden Sie am Wiener Stephansdom den gotischen Glockenturm durch ein Minarett ersetzen. Stellen Sie sich mal vor, der Stephansdom könnte von den Muslimen als Moschee verstanden werden, während wir ihn gleichzeitig als christliche Kirche sehen! Das ist für uns ganz undenkbar. Vor zweitausend Jahren in Palmyra konnte man das aber. Dieses Mischen aus altorientalischen und griechisch-römischen Formen kann ich Ihnen auch an den Skulpturen oder an der Sprache zeigen. Vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis in die Spätantike hat man hier nebeneinander palmyrenisch und griechisch geschrieben. Wir wissen das von den Inschriften unter anderem an den Grabtürmen. Das gibt es nur hier. Im Osten wurden die lokalen Sprachen und Inschriften überall sonst von den griechischen oder lateinischen verdrängt. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, was hier zerstört wurde.

 

AZ: Warum konnten die Palmyrener das?

ASC: Das weiß ich letztlich nicht. Ich kann nur sagen, so war’s. Das Mit- und Nebeneinander sehen Sie auch an der Kleidung. Schöne parthische Kaftane sind einem auf der Straße ebenso begegnet wie das Himation, also das griechische Gewand, oder gar eine römische Toga. Und unsere heutigen Gesellschaften beschäftigen sich mit der Frage, ein Kopftuch zu verbieten oder nicht. Die Ablehnung von Burka oder Niqab teile ich. Wir brauchen das Gesicht. Daran erkennen wir den anderen, und zwar seit der Antike. Wir haben nicht von ungefähr das Gesicht auf unseren Passbildern und nicht Augenschlitze oder ein Foto unseres Knies. Aber die Aufregung wegen eines Kopftuchs? Damit lenkt man nur von so etwas wie dem Beltempel ab, dem Zusammenleben von völlig unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen. Vor diesem Tempel hat man nebeneinander und auf demselben Altar unterschiedlichen Göttern geopfert.

 

AZ: Hat der Handel diese Toleranz und Aufnahmefähigkeit befördert?

ASC: Sicherlich. Man hat zum Beispiel parthische Keramik von den Iranern aus dem Zweistromland importiert, ägyptische Datteln und Garum (Fischsalz) aus Nordafrika. Man hat in mehreren Gräbern in Palmyra auch Seiden aus einer kaiserlichen chinesischen Webwerkstatt gefunden, in die zum Teil Inschriften eingewebt sind, die uns Hinweise darauf geben, wann und wo diese Seiden hergestellt wurden. Bei Plinius können Sie nachlesen, dass man sich über die schicken chinesischen Seidengewänder, die man in Rom trug, empörte. Die sind über Palmyra nach Rom gekommen. Zwischen dem Seidenstraßenendpunkt Xi’an und Rom lag Palmyra an zentraler Stelle. Und für die Händler wurde eine vertraute Umgebung geschaffen, die Kolonnaden zum Beispiel, eine römische «Erfindung». Das ist eine Architekturform aus dem Westen, die man haben wollte, so wie wir heute Hochhäuser wie in New York haben wollen. Sehen Sie sich die Wiener Uno-City an! Die Übernahme solcher Vorbilder ist auch nicht nur Mode, sondern da repräsentiert man. Und den Besuchern aus Rom waren die Säulenstraße und das Theater sehr vertraut.

 

AZ: Und was hat man in die andere Richtung transportiert?

ASC: Das wissen wir auch. In chinesischen Kaisergräbern findet man die schöne rotgebrannte Keramik aus Arezzo. Über Palmyra hat man aber auch Wolle und römisches Glas nach China importiert. Zuletzt haben wir in der sogenannten hellenistischen Stadt einen großen Karawanenbau ausgegraben und Olivenöl aus Spanien gefunden. Wir kennen ja immer nur die Spitze des Eisbergs, aber allein aus dieser Spitze lässt sich ein globaler Handel rekonstruieren. Der Transport erfolgte mit Kamelen durch die Wüste und mit Schiffen. Das ist durch Schiffreliefs oder etwa die Inschrift eines palmyrenischen Kapitäns belegt, der mit seinem Schiff nach Indien gefahren ist, durch den persischen Golf. Das ist zeitweise die Hauptroute der Seidenstraße.

 

AZ: Im Bezirk des Beltempels war bis in die 1920er-Jahre ein arabisches Dorf untergebracht, das die Franzosen ab- und außerhalb des Grabungsgeländes und der Ruinen wieder angesiedelt haben.

ASC: Um den Tempelhof herum verlief eine große Mauer. Das Heiligtum in der Mitte war bis ins sechste nachchristliche Jahrhundert antiker Tempel. Im sechsten, siebten, frühen achten Jahrhundert war es nachweislich byzantinische Kirche. Aus dieser Zeit gab es Wandmalereien an der Innenseite der Tempelwand, großflächige, lebensgroße Figuren von Heiligen und vielleicht eine sitzende Maria mit dem Kind auf dem Arm. Die waren nur sichtbar, wenn es geregnet hatte und der Kalkstein feucht war. Ab zirka 800 – von da stammen die ersten arabischen Inschriften – bis 1928 war der Tempel dann Moschee. In die Tempelwand ist die nach Süden ausgerichtete Gebetsnische eingemeißelt, es gab ein Gebälk aus Holz. Theodor Wiegand, der 1918 als erster Wissenschaftler dort arbeitete, hat die Moschee aufgenommen. Innerhalb der Umfassungsmauer des Heiligtums bildete sich nach zirka 800 auch das Dorf, das Sie erwähnt haben. Bis 1928 war dort alles voll mit einstöckigen arabischen Lehmhütten.

 

AZ: Die Nutzung war also synchron wie auch diachron mehrfach …

ASC: Richtig. Und dann haben die französischen Archäologen das ganze Dorf umgesiedelt. Das würde man heute wohl kaum mehr machen, das Dorf würde heute wahrscheinlich unter Denkmalschutz gestellt werden. Man hat außerhalb der antiken Ruinen eine neue Stadt angelegt, eine Reißbrettstadt mit Jugendstilhäusern und einer schönen Bürgermeisterei, die noch bis vor einigen Jahren stand. Von den zuletzt 50 000 Bewohnern sind jetzt nur noch ungefähr hundert da. Es ist also eine völlig zerstörte Stadt.

 

AZ: In seinem Roman Kompass schreibt der französischen Autor und Orientalist Mathias Énard: «1999 in Paris bei einem Glas Champagner konnte sich kein Mensch vorstellen, dass Syrien von schlimmer Gewalt verwüstet werden sollte, dass der Souk von Aleppo in Flammen aufgehen und die Umayyaden-Moschee einstürzen würde, dass so viele Freunde sterben oder zum Exil gezwungen sein würden; und von einer komfortablen Wiener Wohnung aus kann man sich den Umfang der Schäden, das Ausmaß der Schmerzen auch heute noch nicht vorstellen.»

ASC: Dass Syrien ein Pulverfass war, wussten alle und die ausländischen Botschaften hatten natürlich auch Evakuierungspläne für den Notfall. Man befürchtete in den Achtzigerjahren, es könnte zu einer Situation wie in Iran kommen. Bei diesen Überlegungen spielte immer Palmyra eine besondere Rolle. Die Einwohner von Palmyra sind aufgrund ihrer geopolitischen Lage sowohl die Trennwand als auch die Vermittler im Land: Im Westen liegen an der Küste und in Küstennähe die Stadtkulturen mit ihrer phönizischen Geschichte und römischen Prägung: Damaskus, Hama, Aleppo. Östlich davon bis zum Euphrat kommt die Wüstensteppe mit ihren Beduinentraditionen. Bis in die 1980er-Jahre waren Deir ez-Zor und die Dschazira, also der ganze Osten, nicht über Teerstraßen, sondern – ab Palmyra – nur über Pisten erreichbar. Und am Euphrat finden wir dann eine fruchtbare, blühende, von Baumwolle geprägte Landschaft. Dort sind die Menschen wieder sesshaft. Und die Palmyrener sind genau dazwischen, bis heute. Palmyra ist das Herz Syriens, es liegt nicht nur geografisch in der Mitte, sondern auch politisch.

 

AZ: Sie haben in einem Interview, das kurz nach der Ermordung Ihres Grabungskollegen Khaled Asaad stattfand, Folgendes gesagt: «Ich habe vom deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt Satellitenaufnahmen von Palmyra bekommen. Darauf lässt sich jeder Fußgänger erkennen. Da kann mir keiner erzählen, dass das Militär nicht noch bessere Aufnahmen hat als ich kleiner Professor. Mir ist unverständlich, wie 50 gepanzerte Fahrzeuge über die einzige Teerstraße, die es gibt, 200 Kilometer haben fahren können, und alle wundern sich, dass der IS plötzlich in Palmyra ist. Da werde ich richtig aggressiv: Warum hat da niemand eingegriffen?» Brauchen wir UNESCO-Blauhelme?

ASC: Es waren mindestens zwanzig Fahrzeuge – und ja, da werde ich richtig aggressiv. Denn zwei Tage, bevor die IS-Leute in Palmyra einmarschiert sind, haben sie es auf ihrem Sender, den sich offenbar niemand übersetzen lässt, angekündigt. Der Sprecher mit dem Bart sagt: «Jetzt fahren wir nach Palmyra, zerstören diese heidnischen Denkmäler, bringen im Theater exemplarisch Leute um, und dann kommen jene dran, die sich um diese Götzenkulturen kümmern.» Also nicht nur die Archäologen, sondern letztendlich wir alle. Und was macht der Weltsicherheitsrat? Gibt eine Resolution heraus, in der steht, «also Menschen umbringen, das dürft ihr nicht». Und die UNESCO sagt, «das ist ein Weltkulturerbe, das dürft ihr nicht zerstören». So hat die Weltöffentlichkeit auf die Ankündigung der Schergen reagiert. Das beantwortet auch schon Ihre Blauhelm-Frage. Blauhelme hätten da auch nichts unternommen. Denn da hätte ein UN-Sicherheitsrat – oder eine UNESCO-Chefin, die wäre ja dann wahrscheinlich der General dieser Blauhelme – Legionäre losschicken müssen, um zu verhindern, was angekündigt wurde und auch passiert ist. Das hätte sie aber wahrscheinlich nicht gemacht.

 

AZ: Es fehlt uns also nicht an den Institutionen?

ASC: Nein. Das ist wieder die Frage nach der Form. Man macht eine neue Truppe, das ändert aber am Problem nichts. Das halte ich für rausgeschmissenes Geld. Und was soll ein Welt-Kulturerbe, wenn ein Welt-Sicherheitsrat und eine Welt-UNESCO dann nichts unternehmen.

 

AZ: Schützt der Weltkulturerbe-Status oder zieht er Raubplünderungen und Zerstörungen eher an?

ASC: Er zieht das eher an. Und mit Kultur hat das nichts zu tun. Beim Weltkulturerbe-Status geht es vor allem um Politik und um Geld. Wobei ich nicht weiß, wohin das Weltkulturerbe-Geld für Palmyra seit 1980 gegangen ist, in Palmyra ist es jedenfalls nicht angekommen. Ob das eher schadet oder nicht, ist jedoch nicht die Frage. Sie sehen es ja an der Diskussion um den Wiener Heumarkt: Wenn Menschen, die hier leben, Wohnungen bauen oder, mal angenommen, ein Disneyland neben dem Stephansdom errichten möchten, dann haben wir dafür eine Kulturbehörde und ein Bundesdenkmalamt.

 

AZ: Die deutschsprachigen Medien haben 2015 vor allem über die Zerstörung der antiken Stätten berichtet. Dass der IS in Tadmur, so der arabische Name Palmyras, zeitgleich auch das Gefängnis sprengte, in dem Assad in den 1980er-Jahren seine Gegner foltern ließ, ging vielen Syrern wahrscheinlich näher.

ASC: Zum Beispiel. Die Medien haben auch nicht darüber berichtet, dass die Schergen muslimische Denkmäler in Palmyra gesprengt haben, wie das Heiligtum eines Nachfahren des Propheten oben auf dem Berg. Das war den Menschen heilig. Das hat der sogenannte IS in die Luft gesprengt, so wie auch alte muslimische Gräber im Palmenhain der Oase. Auch davon gibt es Bilder. Die wurden aber nicht gezeigt.

 

AZ: Ich will Ihnen noch ein zweites Zitat aus Enards Kompass vorlesen: «Europa hat den Syrern, Irakern und Ägyptern die Antike unter dem Hintern weggegraben; unsere glorreichen Nationen haben sich kraft ihres Monopols in Wissenschaft und Archäologie des Universellen bemächtigt und mit diesem Raub den kolonisierten Völkern eine Vergangenheit entwendet, die deshalb von ihnen leicht als ortsfremd erlebt wird. Die hirnlosen islamistischen Zerstörer steuern die Abrissbagger in den antiken Stätten umso leichter, als sich ihre abgrundtiefe, ahnungslose Dummheit mit dem mehr oder weniger diffusen Gefühl verbindet, es handele sich bei diesem Kulturerbe um eine seltsame rückwirkende Emanation einer fremden Macht.»

Das ist scharf formuliert, aber das würde ich sofort so unterschreiben.

 

AZ: Das Deutsche Archäologische Institut eröffnet 1980 in einem autoritären Staat eine Außenstelle …

ASC: Ja, das ist eine schwierige Frage. Unterstützt man damit das Regime oder hilft man dem Land, der Bevölkerung? Die Leute in Palmyra sind froh gewesen, dass wir jedes Jahr kamen. Erstens haben jene, die bei uns gearbeitet haben, ihre Familien davon ernährt. Zweitens haben wir für das Land natürlich etwas getan, die Geschichte aufbereitet, Ausstellungen in den Museen gemacht. Franzosen, Amerikaner, Engländer hatten dort alle längst ihre Institute, teilweise seit Anfang des letzten Jahrhunderts. 1980 – also unter Hans-Dietrich Genscher, dem damaligen deutschen Außenminister – wurde die Kultur ganz klar als politische Öffnung nach Osten benutzt. Die Kulturabteilung der Botschaft und das Goethe Institut in Damaskus wurden personell verstärkt, und das Deutsche Archäologische Institut wollte in einem arabischen Land eine neue Station gründen. Ein Kollege und ich haben dieses Institut dann aufgebaut und mit der Grabung begonnen, natürlich immer in Kooperation mit der syrischen Antikendirektion. De facto haben wir mehr die Finanzen und die syrische Seite die Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Ich habe also die Arbeiter bezahlt, aber ausgewählt hat sie natürlich Khaled Asaad. Das allein ist ja ein schwieriges Unterfangen. Sie müssen ja aus jeder Familie, aus jedem Clan jemanden beschäftigen und brauchen einen Vorarbeiter, den alle, welcher Familie und Religion sie auch immer angehören, respektieren.

Als ich nach Syrien kam, wollte ich ursprünglich überhaupt nicht ausgraben, sondern Kataloge für das Damaszener Nationalmuseum erstellen. Dann hat uns aber der damalige Präsident des DAI zur Eröffnung des Instituts in Damaskus besucht und ließ durchblicken, wie schön es doch wäre, wenn wir wieder an die Tradition Wiegands anknüpfen würden und auch in Palmyra Feldforschung trieben. In Palmyra haben damals nur die Polen gegraben, Professor Gawlikowski, mit dem ich gut befreundet war, und ich wollte natürlich keinesfalls den Eindruck erwecken, dass jetzt «die Deutschen kommen», noch dazu mit mehr Geld. Also habe ich mich mit ihm abgesprochen und nicht dort gegraben, wo er war, sondern mich auf das Tempelgrab 36 konzentriert. Für Khaled Assad war das zugleich die Möglichkeit, mit einem Ausländer zusammen sozusagen weiter Archäologie zu studieren, denn das Fach klassische Archäologie gibt es an syrischen Universitäten nicht.

 

AZ: Mit Ihren Grabungen ist es nun erst mal zu Ende. Sie befassen sich derzeit verstärkt mit dem illegalen Antikenhandel, der an sich kein neues Phänomen ist.

ASC: Natürlich nicht, das hat ja mit dem IS gar nichts zu tun. Geplündert wird seit langer Zeit, schon in der Antike gibt es Gesetze gegen Raubgrabungen. Das könnten theoretisch auch unsere Arbeiter sein, die ja wissen, wo was ist. Außerdem haben wir unsere Forschungen ja publiziert. Damit sind Funde als Sammelobjekte im Kunsthandel überhaupt erst angekommen. Beispiel: Wenige Jahre nach unserer Publikation über die Textilien von Palmyra tauchten sie vermehrt im Handel auf. Die Archäologen sind also zum Teil mit schuld dran, weil sie die Dinge erst bekannt gemacht und für den Markt sozusagen erschlossen haben. Das ist das eine. Und gegen den Antikenhandel vorzugehen ist sehr schwierig, weil die Gesetze – sowohl in Österreich als auch in Deutschland – die Beweispflicht dem Kläger auferlegen. Auch das neue deutsche Kulturgutschutzgesetz ist leider so. Man müsste es genau umgekehrt machen, also die Beweislast umkehren. Der Verkäufer müsste ein Pedigree, einen Pass, vorweisen, der den legalen Export aus Syrien bestätigt, mit Expertise des Antikendienstes beziehungsweise des Ministeriums. Daran muss sich zurückverfolgen lassen, woher und aus welcher Grabung das Stück stammt. Natürlich kann man Papiere auch fälschen. Auch ein New Yorker Auktionshaus hat einer Händlerin schon gefälschte Papiere untergeschoben. Das ist praktisch nicht zu verhindern.

 

AZ: Kann man auf der Seite der Nachfrage ansetzen?

ASC: Ja, man kann klar machen, dass das Diebstahl ist. Und zwar, im Fall Palmyras, nicht nur an den Syrern – an denen in erster Linie – sondern an Ihnen, an mir, an uns allen. Dass Sammler im 19. Jahrhundert Reliefs und Ähnliches gekauft haben, ist etwas ganz anderes. Wir haben heute eine andere Einstellung dazu und sollten unser Gewissen so weit schärfen, dass wir die Sachen nicht mehr kaufen. Vor einigen Jahren habe ich einen Vortrag in Köln gehalten. Zwei Jahre danach hat mich ein alter Herr kontaktiert. Er wolle gerne mit mir sprechen. Er kam, hat mir einen Kopf des Kaisers Augustus auf den Tisch gestellt und gesagt: «Herr Professor, ich habe vor zwei Jahren Ihren Vortrag gehört und seitdem kann ich diesen Augustus auf meinem Klavier nicht mehr anschauen.» Das finde ich natürlich großartig.

 

AZ: Was passiert in so einem Fall?

ASC: Der Kopf ist heute wieder in einem Museum in Italien. Das Bewusstsein wird sich nur langsam verändern. Sammlungen sind ja auch eine Geldanlage, das heißt, die Kinder jetziger Kunstsammler verkaufen die Sammlungen dann irgendwann wieder.

 

AZ: Und wenn geraubte Antiken in den Sammlungen sind – wie werden Sie die wieder los?

ASC: Dann sagt der Besitzer, dass er die Antike von seinem Großvater habe. Und schon haben Sie das Problem der Beweislast. Es kann durchaus sein, dass Ihr Großvater vor fünfzig Jahren legal in Palmyra ein Stück erworben und mitgenommen hat. Da muss Ihnen erst einmal jemand das Gegenteil beweisen. Beispiel: Beim großen Karawanenbau in Palmyra haben wir Wandmalereien und Stuckfriese entdeckt. Diese Stuckfriese sind mit dionysischen Motiven geschmückt, mit Mänaden und Kantharoi, also Krügen, kleinen Köpfchen, Fischen und Oktopussen. Die Stuckköpfchen haben wir 2010 im Museum von Palmyra ausgestellt und 2013 publiziert. Solche Dekorationen waren aus Palmyra bis dahin unbekannt. Niemand kann sie also als Sammelobjekt vor fünfzig Jahren gekauft haben, denn sie sind durch unsere Grabung eigentlich zum ersten Mal aus der Erde gekommen. 2014 tauchten dann mehrere solche Stuckköpfchen für je 400 oder 500 Euro in einer deutschen Galerie auf mit der Herkunftsangabe «aus Palmyra» und «aus altem bayerischen Familienbesitz». Das ist völlig unglaubhaft, die Polizei müsste aber das Gegenteil erst beweisen. Da hinkt das Gesetz eben hinterher.

 

AZ: Seit einiger Zeit gibt es Überlegungen zu einem möglichen Wiederaufbau der antiken Stätten. Der deutsche Kunsthistoriker Horst Bredekamp spricht in diesem Zusammenhang von «kämpferischer Rekonstruktion». Die Kunst der Rekonstruktion solle seiner Ansicht nach gegenüber den Zerstörungen des IS triumphieren: als Manifest des Widerstands gegenüber einem gesteigerten Ikonoklasmus der Schergen.

ASC: Es gibt in dieser Diskussion einen neokolonialen Unterton, den ich überhaupt nicht mag. Was mit dieser Argumentation rekonstruiert werden soll, sind die von «unseren» Archäologen für «unseren» Tourismus freigelegten Tempel. Wir haben ja gewissermaßen eine Leiche (ich meine den Beltempel in seinem Zustand vor 2015) präpariert, sie ausgestellt, und vor allem der Westen und unsere Wissenschaft haben sich daran ergötzt. Heute würde die Archäologie beziehungsweise Denkmalpflege das wohl nicht mehr so machen. Dann aber davon zu sprechen, dass wir das so wieder hinstellen, ist eigentlich pervers. Davon wird die «Leiche» ja nicht wieder lebendig. Nein. Wir tun da gar nichts! Wir können Vorschläge machen, vielleicht 3D-Animationen herstellen, vor allem aber finanzielle Mittel und vielleicht Personal zur Verfügung stellen. Zuerst aber muss alles aufgenommen und die Zerstörungen dokumentiert werden. Wir wissen als Archäologen ja, was es heißt, die Bauaufnahme eines zerstörten Denkmals zu erstellen und einen Tempel zu rekonstruieren und wieder aufzubauen. Es dauert allein Jahrzehnte, bis Sie alle Steine, die da liegen, dokumentiert haben. Und warum sollte man den Tempel so aufbauen, wie er zwischen 1929 und 2015 ausgesehen hat? Das ist die kürzeste Zeit seines Lebens. Die längste Zeit seines Lebens war das eine Moschee. Man könnte die heutigen Ruinen so stehen lassen. Man könnte hier jetzt sogar Grabungen machen. Wir wissen, dass der Tempel auf einem prähistorischen Wohnhügel steht. Wie kam es dazu, dass man den Tempel in der Römerzeit, 32 nach Christus, da hinsetzte. Was war da vorher? Alle diese Überlegungen könnte man in die Entwicklung eines modernen Besucherzentrums fließen lassen, in dem man mit verschiedenen Techniken die Geschichte dieses Heiligtums erlebbar macht, in dem man die byzantinischen Wandmalereien und die islamische Moschee zeigt. Und es gibt ja Aufzeichnungen davon, wie es da im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert ausgesehen hat, wie die Leute da gelebt haben. Man könnte auch bewusst machen, wie problematisch diese Aneignung durch die Archäologen und die Zerstörung des arabischen Dorfes vor bald hundert Jahren war. Diese Zerstörung ist eine Warnung. Denn schon nach hundert Jahren würden wir das heute nicht mehr so machen. Und wir sollten nichts machen, was man in hundert Jahren nicht wieder zurückbauen kann. Das arabische Dorf kann man da nicht mehr hinstellen, das ist vorbei. Die Geschichte nicht zu zerstören, sondern zu erzählen, stelle ich mir als unsere Pflicht und sehr reizvolle Aufgabe vor. Damit macht man auch etwas für die ansässige Bevölkerung. Man muss sich vor Augen halten, dass es im syrischen Unterricht kaum griechische und römische Geschichte gibt. Die Geschichte beginnt dort im alten Mesopotamien, geht ins neuassyrische Reich, zu den Persern und zu Alexander dem Großen, hört aber dann mit den Griechen auf und fängt eigentlich erst im siebten Jahrhundert mit Mohammed wieder an. Das heißt, alle großartigen Ruinenstätten und Denkmäler aus der griechisch-römischen Epoche, Apamea, Palmyra, das Theater in Bostra – die Hauptattraktionen des Tourismus –, werden inhaltlich in der Schule eigentlich nicht «gelehrt».

Bredekamp würde ich den Vergleich zwischen Warschau und der Dresdner Frauenkirche nach dem Zweiten Weltkrieg entgegenhalten: Die Warschauer Bürger haben 1945 entschieden, ihre Stadt sofort wieder aufzubauen. Und sie haben sie historisierend wieder aufgebaut. Vielleicht eine «kalte Pracht», aber die Warschauer wollten das – und das ist auch gut so. Bei der Dresdner Frauenkirche dagegen hat es Jahrzehnte gedauert. Die Entscheidung für den Wiederaufbau und die Planungsphase waren ein langer Prozess, den auch nicht die Alliierten, sondern die Dresdner Bürger initiiert und mitbestimmt haben. Also: Was man in Palmyra als Erstes wieder aufbauen müsste, ist die moderne Stadt, ist erst mal ein Minimum an Infrastruktur, Häuser und Wohnungen, eine Wasserleitung – seit über zwei Jahren gibt es keinen Strom und kein Wasser –, einen Kindergarten, eine Schule, ein Krankenhaus, eine Moschee, einen Begräbnisplatz. Vor allem müssen da erst mal wieder Menschen hin. Und dann kann man überlegen, ob und wie man auch noch die Frauenkirche, also den Beltempel, wieder aufbaut. Und diese Entscheidungen müssen dann die treffen, die einst dort hoffentlich wieder in Frieden leben können.

Published 22 December 2017

Original in German
First published in Wespennest 173 (2017)

Contributed by Wespennest
© Andreas Schmidt-Colinet / Andrea Zederbauer / Wespennest / Eurozine

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