Von Schnuckelchen, Endverbrauchern und Verschrottern

Sexualmoral und kultureller Wandel im Berlusconismus

18 May 2016
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Ungleichzeitigkeiten

Historiker haben sich darauf verständigt, den Fall der Berliner Mauer als Anfang vom Ende der Ersten Republik Italiens zu betrachten. Politisch gesehen ist dem kaum zu widersprechen: Mit dem Zusammenbruch des “realen Sozialismus” ging dem christdemokratischen Staat das Feindbild verloren, und das umso mehr, als auch die italienischen Kommunisten zur sozialdemokratischen Partei mutierten.

Den Rest erledigten die Staatsanwälte von Mani pulite. Christdemokraten und die mit ihnen koalierenden Sozialisten von Bettino Craxi hatten den Staat als Selbstbedienungsladen benutzt, Korruption und Vetternwirtschaft auf allen staatlichen Ebenen Vorschub geleistet und dabei immer wieder auch mit der Mafia paktiert. Mit den anlaufenden Ermittlungsverfahren, ersten Anklagen und Verurteilungen brach das morsche Parteiensystem in sich zusammen, die bisherigen Regierungsparteien verschwanden von der politischen Bühne.

Photo: Hytok. Source: Flickr

So weit, so klar: Dass aber ausgerechnet der bekannteste Nutznießer des korrupten Systems und enge Vertraute des verurteilten Sozialistenchefs Craxi, Silvio Berlusconi, mit seiner Retortenpartei Forza Italia 1994 den Wahlsieg errang und die Gesellschaft zwanzig Jahre lang politisch, kulturell und (un)moralisch dominieren sollte, blieb ausländischen Beobachtern und Analysten stets ein Rätsel. Der Antikorruptionskampf von Mani pulite wurde mehr und mehr als isolierter Vorgang oder historischer Betriebsunfall bewertet, und in gewisser Weise war er das auch.

Denn auf der kulturellen Ebene hatte sich Italien Anfang der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts beileibe nicht gewandelt. Oder um es genauer zu sagen: Der kulturelle Wandel von der bäuerlichen zur Industrie- und Konsumgesellschaft setzte wesentlich früher ein und fand spätestens in den Achtzigerjahren in Bettino Craxi und seinen Sozialisten sein politisches Aushängeschild – der Sozialismus dieser Sozialistischen Partei war ohnehin schon längst nur mehr ein Lippenbekenntnis. Umso weniger erstaunt es, dass der Postideologe Silvio Berlusconi, dem es in erster Linie um die Verteidigung seiner persönlichen Interessen ging, Craxis Erbe erfolgreich antreten konnte.

Der arrivismo der Achtzigerjahre

Ermüdet von erfolglosen Arbeitskämpfen, faschistischen Anschlägen und dem blutigen Terror der Brigate Rosse, die die “bleiernen” Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts geprägt hatten, ermüdet auch von Ideologien, die inhaltlich und rhetorisch zunehmend veraltet wirkten, weil sie den ökonomischen und politischen Veränderungen tatsächlich kaum mehr Rechnung trugen, vor allem aber aufgrund gänzlich neuer Bedingungen, die weiten Kreisen der Gesellschaft die Beteiligung am wachsenden Wohlstand erlaubten, macht sich in den Achtzigerjahren eine neue postideologische Ideologie breit, die als arrivismo bezeichnet wird.

Der arrivismo (wörtlich: Strebertum, Karrieredenken) drückte den unmittelbaren Willen aus, koste es, was es wolle, zu Erfolg, Macht und Reichtum zu gelangen. Der Vorteil dieser “Gesinnung” bestand in einem Land wie in Italien nicht zuletzt darin, dass er sich mit dem herrschenden Individualismus kurzschließen konnte, der deutschen Revolutionstouristen ein Jahrzehnt zuvor noch als “Anarchismus” erschienen war. Und niemand verkörperte den arrivismo besser als der Selfmademan und kulturelle Parvenü Silvio Berlusconi – in seiner Person wählte sich das Land den eigenen Traum an die Regierung, in der naiven (und irrigen) Hoffnung, er würde ihn nicht nur stellvertretend, sondern allgemein und real erfüllen.
Mehr als das verband sich der arrivismo noch mit einem ganz anderen Wertewandel, der in der Abkehr von der bisherigen katholisch-konservativen Sexualmoral bestand. Bereits Studentenbewegung und Feminismus hatten dieser Sexualmoral, die wechselnde Partnerschaften, Pille, Abtreibung und gleichgeschlechtliche Liebe verteufelte, hingegen lebenslangem Ehebund und Familie das Siegel göttlichen Willens aufdrückte, den Kampf angesagt – eine Sexualmoral, die im Übrigen nicht nur von der christdemokratischen, sondern auch von der kommunistischen Partei vertreten wurde. Vor dem Hintergrund des einsetzenden kulturellen Wandels wirkten beide Formationen entsprechend bieder bis reaktionär. Umso leichter fiel es Berlusconi, dem Craxis sozialistische Regierung das Monopol auf die drei privaten Fernsehkanäle Italiens zugesprochen hatte, auf denen bereits in den Achtzigerjahren leicht bekleidete Mädchen tanzten und junge Hausfrauen den Busen entblößten (“Tutti frutti”), seinerseits “sexy” zu wirken.

Kein Wunder also, dass die Fernsehdebatte zwischen Silvio Berlusconi und Achille Occhetto, dem Vorsitzenden des PDS, vor der Richtungswahl 1994 für Letzteren zum Desaster gerät. Sie ist nicht nur ein Heimspiel für den Mailänder Medienmogul, findet sie doch in seinem eigenen Sender Canale 5 statt. Unabhängige Journalisten sind sich nach beendeter Debatte zwar einig, argumentativ sei sie vom Chef der Linken gewonnen worden. Doch nicht das Politische steht für die Zuschauer im Vordergrund. Süchtig nach Television wie der Alkoholiker nach der Flasche sind es in erster Linie “ästhetische” Kriterien, die das Fernsehpublikum überzeugen. Für das Land der grande bellezza, in dem Aussehen, Look, Design und Mode einen besonderen Stellenwert haben, entspricht der gut gebräunte, in einem blauen Zweireiher steckende und mit dem einlullenden Timbre des Entertainers ausgestattete Silvio Berlusconi viel eher den Erwartungen der Zuseher als der mit der Hand auf den Tisch schlagende Achille Occhetto in seinem braunen, vom Schnitt her spätsowjetisch wirkenden Anzug, der bräunlichen Krawatte und dem gelblich schimmernden Hemd – zumal die “ästhetischen” (Fernseh)Kriterien bereits in den Achtzigerjahren von eben jenen Sendern geprägt wurden, deren Besitzer sich nun zur Wahl stellt. So fällt es Berlusconi nicht schwer, sich als das schlechthin Neue zu präsentieren und seinen Gegner als Vertreter der korrupten, grauen und langweiligen Ersten Republik abzustempeln.

Das Schnuckelchen und der Außenminister

Kein Zufall, dass das Wort costume im Italienischen nicht nur die (Be)Kleidung bezeichnet, sondern auch Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten (und im Fall der squadra del buon costume die Sittenpolizei). Denn für Italien gilt der Hegel’sche Satz, der Schein sei dem Wesen wesentlich, in eklatanter Weise. Für die veränderte Sexualmoral bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren steht nicht nur das boomende Pornogeschäft ein, sondern vor allem die Tatsache, dass es keineswegs auf die Schmuddelecken der Gesellschaft beschränkt bleibt. Eheliche Untreue und Prostitution sind selbstredend auch davor keine Ausnahmeerscheinung, doch werden diese Irrungen und Wirrungen der Lust unter der repressiven Decke gehalten (oder im Beichtstuhl vergeben). Nun drängt die Pornografie ins Zentrum der Macht und wird zum Aushängeschild eines neuen Lebensstils. Die Sitten geben sich betont unsittlich, als würden sie gegen die bisherige Unterdrückung der sinnlichen Begierde auf-begehren. Doch es ist nicht die von Studentenrevolte und feministischer Bewegung verlangte Emanzipation des Begehrens, die sich jetzt, sei es gegen die Kirche, sei es gegen die autoritär-patriarchalen Strukturen in Staat und Gesellschaft, Bahn bricht. Diese “freie Liebe” ist nicht frei und wird zur Begleiterscheinung, ja zum Beleg von Erfolg, Reichtum und Macht.

Nur oberflächlich betrachtet verbindet sich die neue sexuelle Offenheit mit gesellschaftlichem Protest. Die Pornodiva Ilona Staller, mit dem Künstlernamen Cicciolina (auf Deutsch: Schnuckelchen), die in den 1970er-Jahren mit dem ersten öffentlichen Nacktauftritt Italiens in einer Diskothek auf sich aufmerksam macht und 1978 zum ersten Mal vor laufender Kamera einer Fernsehshow ihre Brüste zeigt, engagiert sich auch politisch gegen Atomenergie und für die Einhaltung der Menschenrechte. 1987 kandidiert sie auf der Liste der linksliberalen Radikalen Partei (die später bezeichnenderweise ein Bündnis mit Berlusconi eingeht), zeigt sich bei ihren Wahlkampfauftritten gerne oben ohne, was ihr mediale Dauerpräsenz sichert, und erzielt bei der Wahl mehr als einen Achtungserfolg: Mit einer beträchtlichen Anzahl von Stimmen sichert sie sich einen Abgeordnetensessel im italienischen Parlament. Und das gewiss nicht für ihre politischen Überzeugungen, soweit von denen die Rede sein kann, sondern eher für ihr pseudopoetisches, wenn nicht verschwiemeltes Bekenntnis zu Erotik und Hedonismus.
Mit Cicciolina legen die italienischen costumi auch auf der politischen Bühne ihre Kleider ab. Denn ob im blauen Zweireiher wie der Cavaliere sieben Jahre später oder mit nacktem Busen wie das Schnuckelchen – um in Italien Wahlen zu gewinnen, kommt es auf Kaisers neue Kleider an.

Dabei gehen kultureller Wandel und neue Sexualmoral auf der politisch-rhetorischen Ebene längst mit den vulgärsten Parolen Hand in Hand. Auch die Sprache hat sich ihrer costumi entledigt. Man muss sich die abstrakten, vagen und schwerfälligen Diskurse von Politikern der Ersten Republik ins Gedächtnis rufen, um den Abgrund zu ermessen, der zwischen ihnen und der Ausdrucksweise beispielsweise eines Umberto Bossi (dem damaligen Chef der Lega Nord) klafft, der seinen politischen Gegnern zuruft: “Nehmt euch bloß in Acht, uns von der Lega steht er noch …” Wobei der Lombarde ganz un-verschämt verrät, worum sich die neue Sexualmoral dreht: um IHN, den Phallus.

Die Trias von Macht, Geld und Sex prägt das politische Leben – nicht heimlich, still und leise, sondern laut und schrill – bereits in den 1980er-Jahren und ist keine Erfindung des Berlusconismus. Zu einem der bekanntesten Vertreter des ausschweifenden Lebensstils mausert sich der sozialistische Außenminister Gianni De Michelis, dessen glibberige Erscheinung eher an einen Zuhälter denn einen Diplomaten denken lässt. Der begeisterte Diskothekentänzer bringt sein (Schmier)Geld in Luxuslokalen durch, normalerweise in Begleitung von bis zu fünfzig Personen, darunter vielen jungen Frauen, die keine andere Qualifikation besitzen als die, ihm zu gefallen. Noch wird er von den Italienern für diesen Lebensstil bewundert, dem erst die Staatsanwälte von Mani pulite ein Ende machen werden – Gianni De Michelis verschwindet eine Zeit lang hinter Gittern und wird auf der politischen Bühne nie wieder richtig Fuß fassen.

Dabei beschränkt sich die Verbindung von arrivismo und veränderter Sexualmoral keineswegs auf die Spitzen der Gesellschaft. In den 1980er-Jahren bezahlen Unternehmen verdienten Mitarbeitern Prostituierte, ohne dass diese von dem großzügigen Arrangement etwas ahnen. Sie halten sich für so unwiderstehlich, dass sie die jungen Frauen als Liebhaberinnen verkennen und glauben, die sexuellen Dienstleistungen seien unentgeltliche Liebesbeweise.

Wie sich die Bilder gleichen: 2009 ist es der Unternehmer Gianpaolo Tarantini, der zugibt, Berlusconi junge Frauen “zugeführt” zu haben, die ohne das Wissen des “Endverbrauchers” (so der Anwalt Berlusconis) von ihm, Tarantini, entlohnt worden seien. Zur Entlastung seines Klienten erklärt Berlusconis Verteidiger daraufhin, der Cavaliere habe es nicht nötig, 2000 Euro für eine Frau zu bezahlen, einer wie er könne Frauen “in großen Mengen gratis haben”. Dieser Meinung waren auch die besagten sexuellen “Endverbraucher” der Achtzigerjahre und umso schockierter, wenn sie aus Zufall erfuhren, dass die vermeintliche Geliebte eine heimliche Gratifikation ihres Unternehmens war.

Die Würde der Frau

Trotz Tangentopoli und Mani pulite, trotz des Zusammenbruchs der bisherigen Regierungsparteien, trotz zahlreicher Verhaftungen, Gefängnisstrafen und sogar Selbstmorden verurteilter Politiker der Ersten Republik – Anfang der Neunzigerjahre “steht er” der politischen Klasse “noch”. Denn die in der Gesellschaft verbreitete Ideologie des arrivismo bleibt von den politischen und juristischen Verwerfungen weitgehend unberührt und setzt sich als Berlusconismus fort. Und mit dessen Siegeszug zeigt sich, dass sich zwar die Sexualmoral verändert hat, nicht aber die traditionelle männliche Sexualität. Dass die Trias von Macht, Geld und Sex im Land der Machos und Muttersöhnchen an den Phallus gebunden bleibt. Dass die berechtigte Kritik an der katholischen Doppelmoral und Lustfeindlichkeit nicht automatisch zu einer im emphatischen Sinn “freien Liebe” führt. Im Gegenteil. Hatte sich die Vorstellung von der Befreiung der Lust durch das größtmögliche Quantum an sexuellen Beziehungen als antisystemisch verstanden, wird der Sex nun geradezu systemisch, zu Konsumgegenstand und Statussymbol. Auf jeden Fall ist es nur eine Minderheit der Italiener, die daran Anstoß nimmt, dass Berlusconi nicht nur erfolgreich, der reichste und als Ministerpräsident in Personalunion mit dem Medienmogul mit Abstand mächtigste Mann des Landes ist, sondern auch noch als testosteronschwangerer buffone von sich reden macht. Diese neue Sexualmoral steht nicht im Widerspruch zur herrschenden Familienseligkeit, sondern wird zu ihrem Komplement. Weiterhin “walten drinnen”, in der traditionellen Familie, die “züchtigen Hausfrauen”. Zwar erhöht sich bei der Wahl 1987 der Frauenanteil im Abgeordnetenhaus von 7,7 Prozent auf 12,8 Prozent – doch nicht, weil die Parteien politisch talentierte Frauen fördern, sondern mit Pornodarstellerinnen wie Ilona Staller auf Wählerfang gehen.

Und so ist es nur logisch, dass die entscheidenden Schläge gegen Berlusconi in Fragen der Moral nicht vom politischen Gegner geführt werden, sondern von seiner Frau Veronica Lario.

Es ist im Jahr 2007 – Berlusconi ist zu dieser Zeit ausnahmsweise Oppositionsführer, die nötigen Parlamentarierstimmen, um die Regierung Prodi zu stürzen, wird er sich bald zusammengekauft haben -, als sich Lario in einem Brief an die Zeitung Repubblica wendet, nicht ohne sich eingangs für den Gang an die Presse zu entschuldigen (mit Worten, die das patriarchalische Frauenbild ratifizieren): “Ich habe meine Rolle stets als eine vorwiegend private verstanden, die den Zweck erfüllt, für Unbeschwertheit und Ausgleich in meiner Familie zu sorgen.” Doch nun pocht Veronica Lario auf ihre Würde, die “Würde der Frau”. Die sieht sie dadurch verletzt, dass Berlusconi einige Tage zuvor eine Ex-Schönheitskönigin vor aller Ohren mit der Bemerkung angeschmachtet hat: “Wenn ich nicht schon eine Ehefrau hätte, würde ich Sie vom Fleck weg heiraten.”

Doch wie es seine Gewohnheit ist, leugnet Berlusconi einfach. Längst hat er durch seine Umfrageinstitute erfahren, dass ihm die Mehrheit der Italiener (buchstäblich) die Stange hält. 55 Prozent der potenziellen Wähler meinen, es schicke sich nicht, schmutzige Familienwäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen.

Kurz darauf veröffentlicht auch der Ehemann einen Brief, der zerknirschter klingt, als glaubhaft ist. Vermutlich folgt Berlusconi schlauen Beratern, die sich die Chance nicht entgehen lassen wollen, aus dem Familienskandal noch politisches Kapital zu schlagen. An Heuchelei ist Berlusconis Antwort schwer zu überbieten: “Du weißt, wie anstrengend meine Tage sind. Die Arbeit, die Politik, die Probleme, die Reiserei und die permanente öffentliche Aufmerksamkeit, ein Leben unter ständigem Druck. Die tägliche Verantwortung, die ich gegenüber anderen und mir selber trage … alles das führt zu kleinen Ausfällen eines zum Scherz aufgelegten, selbstironischen und oft taktlosen Charakters. Aber deine Würde hat damit nichts zu tun, ich hüte sie in meinem Herzen wie ein hohes Gut, selbst dann, wenn aus meinem Mund das unbedachte Bonmot schlüpft, die galante Anspielung, die Bagatelle eines Moments. Aber Heiratsvorschläge, glaub mir, habe ich niemandem gemacht.”

Der da so Mitleid heischend seine schwere Verantwortung ins Feld führt, wird einige Jahre später, während einer seiner berüchtigten Bunga-Bunga-Partys sagen: “… und in meiner Freizeit regiere ich Italien.” In der Zwischenzeit hat er 2008 wieder einen glänzenden Wahlsieg eingefahren, den ihm weder “galante Anspielungen” noch seine Ehefrau verhageln konnten, und steht auf dem Gipfel der Macht. Mit der breiten Mehrheit, die er in Parlament und Bevölkerung hinter sich weiß, gönnt er sich umso mehr Entspannung im Kreise ihm von Getreuen “zugeführter” Luxusnutten.

Die Soap-Opera im Hause Berlusconi geht indessen weiter. Zwei Jahre nach dem ersten Brief, und nachdem sie sich, wiederum öffentlich und diesmal politisch, über die Tatsache empört hat, dass der Ehemann plane, die Europa-Wahllisten seiner Partei mit jungen Fernsehsternchen zu besetzen, deren einzige Qualifikation in ihren verführerischen Kurven bestehe, reicht Veronica Lario die Scheidung ein. Ihre Entscheidung findet die Unterstützung der Kinder (“Mama, tu, was für dich am besten ist”) mit der Einschränkung, sie selbst würden nie etwas gegen den Vater unternehmen: Denn die Familie ist heilig, der Patriarch unberührbar und das Erbe beträchtlich.

Dass Veronica Lario ihre Scheidungsabsicht mit den Worten begründet: “Dieser Mann ist krank”, lässt die Gerüchteküche brodeln. Und es dauert nicht mehr lange, bis seine regelmäßigen Bunga-Bunga-Vergnügungen auffliegen, an denen sogar minderjährige Frauen teilnehmen.

“Partei der Liebe”

Aber warum bringen die Enthüllungen Berlusconi in Bedrängnis? Schließlich konzediert der Berlusconismus, erst recht seinem Namensgeber – der sich zu dieser Zeit freilich auch schon Spritzen setzen lassen muss, damit er seinen Macho steht – die Orgie, umso mehr als er der Reichste und Mächtigste im Lande ist. Um sich bloß nicht den Anschein des katholischen Sittenrichters zu geben, stellt selbst einer der schärfsten Berlusconi-Kritiker, Marco Travaglio, klar: “Bei sich daheim kann jeder machen, was er will”, um fortzufahren, “wir haben immer gesagt, dass der wirklich beunruhigende Aspekt der Feste in Arcore, im Palazzo Grazioli oder in der Villa Certosa nicht die Anzahl, das Alter oder das Treiben der Mädchen ist, sondern die Erpressbarkeit des Hausherren.” An sich bleibt der “Endverbrauch” von Prostitution ein Kavaliersdelikt (und der “Endverbraucher” ein Kavalier). Auch nicht, dass sich Minderjährige bei ihm prostituieren, scheint man Berlusconi krumm zu nehmen, denn damit verstößt er zwar gegen das Gesetz, doch das ließe sich in Italien verschmerzen. Warum also strauchelt der Cavaliere plötzlich (ohne freilich zu stürzen – sein Sturz wird erst mit den Auswirkungen der Finanzkrise unausweichlich)?

Es fällt auf, dass Berlusconi stets betont, seine Gespielinnen nicht bezahlt zu haben. Zu seiner Erfolgsgeschichte gehört es, dass er haben kann, was und wen er will. Dem Berlusconismus ist es fremd, sich den Sex mit Gewalt zu nehmen, wie ein Dominique Strauss-Kahn. Sein Namensgeber meint es ernst, wenn er von seiner politischen Formation behauptet, sie sei die “Partei der Liebe” (“Partei der käuflichen Liebe” wäre freilich sachlich richtiger gewesen), während die Linke angeblich nur Neid, Hass und Verleumdung kennt. Das ist nicht nur der Kotau vor katholischem Salbader. Es muss die pure Anmutung von Erfolg, Macht und Geld sein, die Erotik des Geldes, nicht das Geld selbst, das ihm die Frauen in die Arme treibt, gratis, sonst hat der (falsche) Zauber ein Ende. So wie der Cavaliere damit prahlt, er führe nie Bares bei sich, so verhält es sich auch mit seinen sexuellen Beziehungen. Es kränkt das machistische Ego, wenn der Erfolgreichste, Reichste und Mächtigste des Landes zum zahlenden Sabbergreis wird.

Dass es außerdem seine eigene Frau ist, die die ihr zugedachte Rolle ablegt und Berlusconis Verhalten in aller Öffentlichkeit als krankhaft bezeichnet, macht die Sache unangenehm. Veronica Lario hat das Tischtuch zwischen vermeintlich antisystemischer Sexual- und traditioneller, systemkonformer Familienmoral, die so gut miteinander wenn nicht harmonierten, so doch friedlich koexistierten, zerschnitten. Infolge von Rubygate kommt es zu feministischen Straßenprotesten, die der Vergangenheit anzugehören schienen. Und mit dem Sturz Berlusconis im November 2011 scheint eine neue Ära anzubrechen. Sie wird nicht von Mario Monti verkörpert, der einer Regierung aus Technokraten vorsteht, die sich im Handumdrehen unbeliebt macht -, sondern von dem selbst ernannten “Verschrotter” (rottamatore) der alten politischen Klasse, Matteo Renzi.

Ende einer Ära

Matteo Renzi bietet das Kontrastprogramm: Als er sein Amt antritt, ist er 39 Jahre alt und damit der jüngste Ministerpräsident Italiens überhaupt. Und das nach jahrzehntelanger Herrschaft einer im konservativen Land bisher hochangesehenen Altherrenriege. Wo die Jugendlichkeit zum Teufel ging, musste für einen Lebemann wie Berlusconi die Schönheitschirurgie nachhelfen – mag sein, dass auch dies dem Ansehen des Alters geschadet hat. Die Italiener, vor allem die jungen, sind es leid, deshalb zeigt der Verschrotter-Slogan Wirkung.

Matteo Renzi wirkt nicht nur modern (im Vergleich zu ihm sieht Berlusconi schlagartig so alt aus, wie er wirklich ist) – er gibt sich außerdem betont sachlich (nach zwanzig Jahren politischer Dauershow mit Witzchen und Oberweite), materiell bescheiden (am Steuer italienischer Kleinwagen) und solide, nicht zuletzt im Hinblick auf Frauen. Mit denen er sich im Übrigen umgibt, wie weiland König Silvio. Nur: Diese Frauen, ob sie Federica Mogherini (inzwischen EU-Außenkommissarin), Debora Serrachiani oder Maria Elena Boschi heißen – keine von ihnen war Fernsehsternchen, alle beweisen politisches Talent. Überhaupt ist bereits mit der Wahl von 2013 das Parlament weiblicher geworden. Obwohl in der zweiten Kammer nur ein Viertel Senatorinnen und im Abgeordnetenhaus nur ein knappes Drittel Volksvertreterinnen sitzen, handelt es sich gegenüber der Legislaturperiode zuvor um einen Zuwachs von 27,3 Prozent (Zweite Kammer) beziehungsweise 31,4 Prozent (Erste Kammer).

Es ist aber nicht Renzi, der diese Veränderung herbeiführt, 2013 ist er noch Bürgermeister von Florenz. Und die meisten weiblichen Abgeordneten ziehen auch nicht mit seiner Partei, sondern mit der Fünfsternebewegung Beppo Grillos ins Parlament ein. Eher ist es diese Bewegung, die die alte politische Klasse verschrottet, ihre Deputierten sind fast ausnahmslos junge Frauen und Männer. Noch viel stärker (und glaubwürdiger) als Renzi thematisiert die populistische, programmatisch und ideologisch eklektizistische Bewegung des Ex-Komikers Grillo die Frage der Moral in Staat und Gesellschaft, macht mobil gegen Korruption, Interessenkonflikte, Oligarchen und die Mafia. Was Matteo Renzi und Beppe Grillo miteinander teilen, das ist der Hang zu autoritärem Gebaren, von innerparteilicher Demokratie halten beide nicht viel. Grillo, der wahre (Ex)buffone, peitscht seine Anhänger mit obszönen Beschimpfungen gegen den politischen Gegner auf, Renzi liebt es eher zupackend staatsmännisch – von der “Sexualmoral” ihres testosteronschwangeren Vorgängers, den “unbedachten Bonmots”, “galanten Anspielungen” und geschmacklosen Scherzen des falschen buffone trennen sie Welten.

Ob mit dem Ende von Berlusconi auch der Bann des Berlusconismus gebrochen ist und die mehr oder weniger offen zur Schau gestellte Trias von Macht, Geld und Sex an Ausstrahlungskraft eingebüßt hat? Italien ist das Land des schönen Scheins: Und so könnten auch Renzi und Grillo nur Agenten der bekannten Regel sein, nach der alles anders werden muss, damit alles bleibt, wie es ist.

Published 18 May 2016

Original in German
First published in Wespennest 170 (2016)

Contributed by Wespennest
© Jan Koneffke / Wespennest / Eurozine

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