Streben nach Hoffnung

Das Narrativ der Flucht und die Ideologie des Nationalstaats

19 February 2016
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Fluchtzwänge können aus Umwelt-, Wirtschafts- oder Bürgerkriegstraumata erwachsen. Das Resultat sind in jedem Fall traumatisierte Flüchtlinge. Mit ihren Ansprüchen an die Aufnahmebereitschaft der Gesellschaften, in denen sie landen, geraten die Flüchtlinge stets in eine Grauzone zwischen Gastfreundschaft, Asyl und Freiheitsentzug. Verantwortlich dafür ist die kategoriale Unbestimmtheit ihres Status, in dem sich Charakteristika des Fremden, des Opfers, des Kriminellen und eines Reisenden ohne Ausweispapiere vermischen.

Syrian refugee camp, Jordan, 26 September 2015. Photo: Enes Reyhan. Source:Flickr

Das Trauma des zur Flucht Gezwungenen rührt zugleich an die tiefsten Ängste des modernen Nationalstaats. Er verlässt sich auf Grenzen, Volkszählungen, Steuern und administrative Erfassung. So erleben Flüchtlinge in ihrem neuen Land neue Traumata, die darum kreisen, dass er oder sie zwar einen Plot, eine Geschichte, hat, die Persönlichkeit, Identität oder der Name des Neuankömmlings jedoch unbekannt sind. Wenn wir eine neue Form rechtlicher und moralischer Gastlichkeit entwickeln wollen, stehen wir vor dem Problem, einen zur Geschichte passenden Namen, eine zum Narrativ passende Identität finden zu müssen.

Das Problem des modernen Nationalstaats wiederum besteht darin, dass seine Kernnarrative in Sachen Identität auf vorgegebene Ausgangspunkte festgelegt sind: Blut, Sprache, Religion und Territorium. Demgegenüber entspringen die Fluchtzwänge in der Regel originären Traumata der Bluts-, Sprach-, Religions- oder territorialen Zugehörigkeit. Das aber wirft die Frage auf, wie in modernen Nationalstaaten ein neues Verhältnis zwischen Plot und Persönlichkeit aussähe. Inmitten einer durch Fluchtbewegungen geprägten Welt fehlt es den Staaten an einer ethischen Fundierung, mit der sie die traumatischen Entwurzelungs- und Fluchterfahrungen einige ihrer Bürgerinnen und Bürger als Dreh- und Angelpunkt ernsthafter Identitätsbestimmung ausmachen könnten.

Seit dem berühmten Westfälischen Frieden von 1648 begründet hauptsächlich das Prinzip der territorialen Souveränität den Nationalstaat. Zwar beeinflussen auch zahlreiche andere Ideen sein kulturelles Selbstbild, sein Eigennarrativ: solche, die die Sprache betreffen, gemeinschaftliche Herkunft, Blut, Boden und verschiedene andere Ethnosbestimmungen. Doch bei alledem bleibt die entscheidende politische und juridische Ratio des nationalstaatlichen Systems die territoriale Souveränität, gleichgültig wie diese unter post-imperialen Bedingungen begrifflich differenziert und in ihrer Handhabung verfeinert sein mag.


Überall in der Welt wachsen die Probleme, die mit der Immigration, den kulturellen Rechten der Flüchtlinge und ihrem staatlichen Schutz zusammenhängen. Sie nehmen auch deshalb zu, weil nur sehr wenige Staaten sorgfältig mit der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Bürgerschaft, Abstammung, ethnischer Zugehörigkeit und nationaler Identität umgehen.

Nirgendwo tritt diese Krise gegenwärtig deutlicher in Erscheinung als in Europa. Hier droht das Ringen um die Kontrolle des verstärkten Migrantenzustroms aus dem Mittleren Osten und Nordafrika die europäischen Vorstellungen von Staatsbürgerschaft, Asyl und Flucht von Grund auf zu erschüttern. Zugleich legt sie den Ausschlusscharakter des europäischen Denkens über kulturelle Kriterien nationaler Zugehörigkeit bloß.

Aber auch in vielen anderen Ländern der Welt gibt es Probleme unterschiedlichster Art mit Einwanderern, Themen wie Rasse, Abstammung und Aufenthaltsberechtigung. Man denke etwa an Mexikaner in den Vereinigten Staaten, an die Rohingya-Muslime in Bangladesch, in Myanmar und anderen südostasiatischen Ländern oder an die Migranten, die es aus ganz Afrika in die südafrikanische Republik zieht. Die Probleme gehen auf moderne Bürgerschaftsvorstellungen im Kontext unterschiedlicher Varianten des demokratischen Universalismus zurück, die dazu neigen, die Existenz einer homogenen Bevölkerung mit standardisierten Rechten zu unterstellen.

Die Realitäten des ethnoterritorialen Denkens hingegen, das die kulturellen Ideologien des Nationalstaats prägt, erfordern es, zwischen unterschiedlichen Kategorien von Bürgern zu unterscheiden, auch wenn sie alle dasselbe Territorium bewohnen. Das Ringen um eine Auflösung des Konflikts zwischen diesen einander widersprechenden Prinzipien nimmt unausweichlich rüde, ja gewaltsame Formen an.

Das Kernproblem der Territorialität

Als Kernproblem der gegenwärtigen Krise des Nationalstaats kann daher die Territorialität gelten oder genauer gesagt: die Krise im Verhältnis zwischen Nation und Staat. Insofern die Nationalstaatsideologien die Vorstellung ethnischer Kohärenz als Grundlage staatlicher Souveränität voraussetzen, müssen sie zwangsläufig jene, die als ethnisch minderwertig betrachtet werden, minorisieren, abwerten, benachteiligen oder ausstoßen. Wenn solche Minderheiten – sei es als Gastarbeiter, Flüchtlinge oder Fremde ohne Aufenthaltserlaubnis – in bestehende Gemeinwesen aufgenommen werden möchten, bedürfen sie der Reterritorialisierung innerhalb einer für sie neuen bürgerschaftlichen Ordnung. Damit aber stören sie zwangsläufig deren Ideologie ethnisch begründeter Kohärenz und Bürgerrechte.

Schließlich hängen alle modernen Rechtslehren letztlich von jener ge- schlossenen Gruppe der Berechtigten ab, die Schutz und Fürsorge des jeweiligen Staates genießen. Die Folge besteht unausweichlich in der Hierarchisierung der Bürgerrechte, in der Behandlung als Bürger zweiter und dritter Klasse – gleichgültig wie pluralistisch die ethnische Ideologie eines Staates und wie flexibel sein Umgang mit Flüchtlingen und anderen Ankömmlingen ohne einwandfreie Papiere sein mögen.

Die Problemlage, vor der wir jetzt stehen, entsteht aber erst durch die globale Dimension, in der Ökonomie, Beschäftigung und Technologien heute organisiert werden. Sie erzeugt neue, dramatische Schub- und Sogwirkungen – pushes und pulls – die Einzelne und ganze Gruppen entwurzeln und in neue nationale Milieus versetzen. Diese Individuen und Gruppen müssen in irgendeinem Vokabular über Rechte und Ansprüche verortet werden – so eingeschränkt und unfreundlich dieses auch sein mag. Damit stellen sie jedoch für den ethnischen und moralischen Zusammenhalt all jener Aufnahmeländer eine Bedrohung dar, die auf der Annahme eines sowohl singulären als auch unveränderlichen Ethnos basieren.

Migration und die Krise des Nationalstaats

Unter diesen Umständen sieht der Staat als Pushfaktor in ethnischen Diasporen sich ständig genötigt, die Auslöser ethnischer Unruhe abzuschieben, die seine Integrität als ethnisch singuläres Territorium gefährden oder verletzen. Gleichzeitig ist jeder moderne Nationalstaat veranlasst oder regelrecht gezwungen, Zuwanderern in großer Zahl und Vielfalt den Zugang zu seinem Territorium zu gewähren. Diese fordern ihrerseits die Einlösung einer Reihe von territorial mehrdeutigen Ansprüchen auf soziale und staatsbürgerliche Rechte und Ressourcen.

Genau hier hat die Krise des Nationalstaats ihren Kern. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als erwachse diese aus der ethnischen Pluralität, welche die Migration in der heutigen Welt unvermeidlich hervorruft. Doch schaut man näher hin, zeigt sich, dass das Problem nicht in ethnischem oder kulturellem Pluralismus als solchem besteht. Vielmehr wohnt dem Projekt des modernen Nationalstaats ein Spannungsverhältnis zwischen diasporischem Pluralismus und territorialer Stabilität inne. Ethnische Pluralität verletzt – insbesondere, wenn sie das Ergebnis unverhoffter Bevölkerungsbewegungen ist – das Gefühl der Isomorphie von Territorium und nationaler Identität, auf das der moderne Nationalstaat baut. Diese diasporischen Pluralismen offenbaren und vertiefen die Kluft zwischen den Fähigkeiten des Staates, Grenzen zu sichern, inneren Dissens unter Kontrolle zu halten sowie Berechtigungen zu vergeben und der Fiktion ethnischer Singularität, von der alle Nationen letztlich ausgehen. Anders gesagt: Es fällt zunehmend schwerer, die territoriale Integrität, die Staaten legitimiert, und die Nationen begründende ethnische Singularität noch schlichtweg als zwei Seiten einer Medaille aufzufassen.

Migration, Erinnerung und Medien

In meinem Buch “Modernity at Large”1 vertrete ich die These, dass im Zeitalter der Globalisierung die Zirkulation medialer Bilder – ebenso wie die Flucht- oder Migrationsbewegungen – neue Brüche zwischen Aufenthaltsort, Vorstellungswelt und Identität erzeugt. Konkret behaupte ich, dass weltweit besonders in durch mediale Sättigung und Einwanderung geprägten Gebieten “bewegliche Bilder auf ein mobiles Publikum stoßen”. Dadurch wird die Stabilität vieler Sender-Empfänger-Modelle der Massenkommunikation erschüttert. Das wirkt sich in vielfältiger Weise auf die von mir seinerzeit so genannte “Arbeit der Imagination” aus; allerdings unterstreiche ich die neuen Möglichkeiten, die sich der Ausbreitung imaginierter Welten und Selbstbilder eröffnen.

Es ist ja nicht so, als ob Einwanderer, besonders die ärmeren, in einer Welt der freien Märkte, der Konsumparadiese oder sozialer Befreiung unbeschwert leben könnten. Sie mühen sich vielmehr damit ab, aus den Möglichkeiten das Beste zu machen, welche die neuen Bezüge zwischen Migration und massenmedialer Kommunikation ihnen eröffnen. Die Migranten unserer Tage verlassen – wie alle Migranten der Menschheitsgeschichte – ihre Heimat, um furchtbaren Lebensumständen zu entfliehen und um besser leben zu können. Neu ist lediglich, dass angesichts der weltweiten Präsenz elektronischer Medien das Archiv der Lebensentwürfe für gewöhnliche Leute reicher bestückt und besser zugänglich ist als je zuvor. Es gibt also einen umfangreicheren Bestand an Vorstellungen, die ganz normale Menschen nutzen können, um eigene Entwürfe möglicher Welten und eigene imaginäre Selbstbilder zu entwerfen. Das bedeutet keineswegs, dass Gesellschaftsprojekte, die daraus hervorgehen, immer befreiend oder auch nur angenehm wirkten. Es handelt sich jedoch um die Einübung der “capacity to aspire”, wie ich die Fähigkeit, bessere Lebensverhältnisse zu erstreben, einmal genannt habe.

Es kommt immer wieder vor, dass muslimische Migranten aus Nordafrika, Syrien, der Türkei und dem Irak ertrinken, wenn sie in irgendwelchen Booten illegal das Mittelmeer überqueren und schwimmend die italienische, griechische oder spanische Küste zu erreichen versuchen. Ebenso ergeht es manchen ihrer Leidensgefährten in den Gewässern vor Florida, und wieder andere sterben in den Containern, in denen sie den Ärmelkanal zu überqueren versuchen. Und es stimmt, dass junge Frauen aus den vormals sozialistischen Ländern oft als Sexarbeiterinnen in den Grenzzonen zwischen dem alten und dem neuen Europa landen, ausgebeutet und misshandelt wie philippinische Hausmädchen in Mailand oder in Kuwait und südasiatische Arbeitskräfte – Männer wie Frauen – in Dubai, Saudi-Arabien und Bahrain. Derartige Beispiele der Misshandlung von Migranten gibt es zahlreiche: die Ärmeren unter den Migranten enden heute nur zu oft als “Illegale”, Objekte rassistischer Gesetze und Gefühle, und nicht selten werden sie vielerorts zwischen – sagen wir – Ruanda und Indonesien zu Zielen ethnozidaler Gewalt.

Aber ist diese Leidensgeschichte die ganze Wahrheit? Erklärt sie uns alles, was wir über die Hintergründe der Fluchtpläne wissen müssen? Welche Mühen es kostete, die erforderlichen Mittel aufzubringen? Wie notleidende Menschen sie sich buchstäblich vom Munde absparten? Welchen Wandel das Verhältnis zwischen Männern und Frauen unter Migrationsbedingungen häufig durchmacht? Welche Türen sich Migrantenkindern öffnen? Und nicht zuletzt: wie wertvoll die Erfahrung des Ringens um die Eröffnung neuer Lebenschancen, selbst unter schwierigsten Bedingungen, sein kann?

Die eigenen Vorstellungskräfte zu mobilisieren, ist besonderes für die Ärmeren unter den Migranten entscheidend wichtig, wenn es um die “capacity to aspire” geht. Gewiss, diese Aspiration kann auf Abwege führen – in Schändung, Ausbeutung, ja mit dem Tode enden (denn Migration ist stets auch Wagnis). Aber ohne sie werden arme Migranten immer Gefangene bleiben: den Wünschen der Avantgarde unterworfen, Häftlinge ihrer heimischen Despotien und Opfer der selbsterfüllenden Prophezeiungen jener Edelrevolutionäre, die stets schon im voraus wissen, was gut für die Armen ist, wie diese sich verhalten und welche Risiken sie äußerstenfalls eingehen sollten.

Und deshalb bestehe ich darauf, dass es nicht ein Privileg von Eliten, Intellektuellen oder kosmopolitischen Geistern ist, sich ihrer Einbildungskraft zu bedienen. Auch die Armen nehmen dieses Recht in Anspruch – nicht zuletzt, indem sie weltweit ihre Migrationsmöglichkeiten nutzen, ob es sie nun in die Nähe oder in die Ferne zieht. Solch proletarische Projekte der Phantasie und der Hoffnung zu berauben und sie auf bloße Reflexe des Arbeitsmarkts oder irgendeine andere Institutionenlogik zu reduzieren, nimmt den Armen sogar noch das allgemeinmenschliche Privileg, Risiken einzugehen. Dies aber ist das genaue Gegenteil dessen, was Charles Taylor die “Politik der Anerkennung” nennt.

Die lebenden Archive

Was lässt sich unter diesem Blickwinkel über den Ort sagen, den Archive, Narrative und Erinnerung bei der Herausbildung migrantischer Identität einnehmen? Hier erweist sich die Vorstellung vom lebenden Archiv als besonders nützlich.

Migranten haben ein gemischtes Verhältnis zu Erinnerungspraktiken und demzufolge – aus mehreren Gründen – zur Anlage von Archiven. Erstens unterliegen, weil Erinnerungen vielen Migranten über alles gehen, die Erinnerungsweisen, die das kollektive Gedächtnis bilden, besonders stark der Vereinfachung und kulturellem Streit. Erinnern – das bedeutet für Migranten fast immer: Erinnerung an Verlorenes. Doch da die meisten Migranten aus den Orten des amtlich anerkannten, nationalen Erinnerns in ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben wurden, sorgen sie sich um den Status des Verlorenen. Schließlich müssen die Erinnerung an Abschied, Fluchtwege und Ankunft, die Erinnerung an das eigene Leben und das der eigenen Familie am alten Ort sowie das offizielle Geschichtsbild der Nation, die verlassen wurde, an einem neuen Ort neu zusammengesetzt werden.

Migration geht tendenziell mit einer gewissen Verwirrung darüber einher, worin genau der Verlust besteht, was zurückgewonnen oder erinnert werden muss. Diese Verwirrung führt zu der – oft ganz bewusst unternommenen – Anstrengung, eine Mehrzahl von Archiven anzulegen. Sie reichen von höchst Persönlichem und Intimem – wie etwa der Erinnerung an vergangene Stadien der eigenen Leiblichkeit – bis zu durch und durch Öffentlichem und Kollektivem. Letztere nehmen gewöhnlich die Form gemeinschaftlicher Narrative und Praktiken an.

Medien spielen bei der Anlage des migrantischen Archivs eine Schlüsselrolle. Denn Zirkulation, Instabilität sowie Brüche wecken “unterwegs” und in der Fluchterinnerung stets Zweifel an der “zufälligen” Spur, die manchmal zur Entstehung von Archiven führen soll. In ihrem Bestreben, Ressourcen für die Anlage von Archiven aufzutreiben, suchen Migranten deshalb oft die Medien nach Bildern, Narrativen, Modellen und Skripten der eigenen Lebensgeschichte ab – eben auch deshalb, weil die Diasporageschichte immer als eine der Brüche und Lücken aufgefasst wird.

Es handelt sich dabei keineswegs um bloßen Konsum. Im Internetzeitalter haben gebildete Migranten begonnen, soziale Medien, Chatrooms und andere interaktive Räume zu erkunden. Dort lesen sie ihre eigenen Erinnerungsspuren und Geschichten auf, erörtern und verdichten diese zu einem allgemeinverständlichen Narrativ. Dieses Bemühen, bei dem es nie ohne Debatte und Streit abgeht, nimmt gelegentlich Formen an, die Benedict Anderson abschätzig als “long-distance-nationalism” bezeichnet hat. Allerdings ist “Langstrecken-Nationalismus” eine vielschichtige Angelegenheit, in der gewöhnlich mannigfaltige Politikformen und Interessen zum Ausdruck kommen. In einer Epoche, in der elektronische Medien die Printmedien und ältere Kommunikationsformen zu ergänzen und sogar zu ersetzen beginnen, sind imaginierte Gemeinschaften für Migranten mitunter viel realer als natürliche.

Diaspora-Öffentlichkeit: Das alte und das neue Erinnern

Interaktive Medien spielen also eine besondere Rolle bei der Schaffung dessen, was wir als Diaspora-Öffentlichkeit bezeichnen können.2 Sie eröffnen nämlich neue Möglichkeiten, imaginierte Gemeinschaften zu schaffen. Den Akt gemeinsamer Lektüre hat Anderson im Hinblick auf die Rolle von Zeitungen und Romanen in den Nationalbewegungen der kolonialen Welt brillant herausgearbeitet. Er wird nun durch neue Technologien und Techniken bereichert – Internet, Facebook, Twitter, Google. So entsteht eine Welt, in der die Simultanität des Lesens durch die Interaktivität des Datentransfers, Suchens und Postens ergänzt wird. Was wir als das diasporische oder migrantische Archiv bezeichnen können, zeichnet sich also über das bloße Lesen, Rezipieren und Interpellieren hinaus zunehmend durch die Präsenz von Mitsprache (voice) und Tätigkeit (agency) und Debatte (debate) aus.

Allerdings steht das migrantische Archiv auf andere Weise unter Druck: Es muss sich dazu verhalten, dass in der neuen Heimat des Migranten ein anderes Narrativ das öffentliche Erinnern bestimmt. Der Migrant erscheint dort häufig als ein Mensch, der nur eine einzige Geschichte vorzubringen hat – die Geschichte äußersten Verlusts und extremer Bedürftigkeit. In der neuen Gesellschaft, in der er oder sie lebt, gilt es, mit der minoritären Präsenz des migrantischen Archivs, der verstörenden Ferne seiner Bezüge und der Dürftigkeit seiner Ansprüche gegenüber den offiziellen “Erinnerungsorten” der neuen Umgebung zurechtzukommen. Aus diesem Grund ist der Raum des elektronischen Archivs für Migranten doppelt wertvoll, weil sich in ihm zum einen die Schmach teilweise kompensieren lässt, in der neuen Gesellschaft als irrelevant oder gar verächtlich zu gelten; zum anderen kann das migrantische Archiv in seiner Verletzlichkeit durch die relative Sicherheit des Cyberspace geschützt werden.

Darüber hinaus ermöglichen es sowohl die neuen elektronischen als auch die traditionellen Medien, in migrantischen Communities neuartige Debatten zwischen dem Erinnern der alten Heimat und den Anforderungen öffentlicher Narrative in der neuen Konstellation zu führen. In vielen solcher Gemeinschaften geben Migrantenzeitungen den Auseinandersetzungen zwischen Micro-Communities, zwischen den Generationen und zwischen unterschiedlichen Nationalismen bewusst Raum. In dieser Hinsicht ist das migrantische Archiv hochgradig aktiv und interaktiv – ist es doch der maßgebliche Aushandlungsort des kollektiven Erinnerns und kollektiver Sehnsüchte.

Als wichtigste Ressource, die es Migranten erlaubt, die Kriterien ihrer eigenen Identität und Identitätsbildung jenseits der Zwänge ihrer neuen Heimat selbst zu bestimmen, gilt für das diasporische Archiv verstärkt, was für alle derartigen Archive gilt: Es ist ein Ort, an dem sich bestimmen lässt, welche Bedeutung dem Erinnern im Verhältnis zu den Anforderungen kultureller Reproduktion zukommt. Da es außerhalb der offiziellen Sphären sowohl der Ursprungs- wie der neuen Gesellschaft existiert, kann das migrantische Archiv sich die Illusion nicht leisten, Spuren fänden sich zufällig, Dokumente kämen von selbst zum Vorschein und Archive seien geeignet, das Glück materiellen Überlebens zu speichern. Eher funktioniert diese Art Archiv als fortwährende und bewusste Anstrengung der Einbildungskraft, im kollektiven Erinnern eine ethische Grundlage zur nachhaltigen Reproduktion kultureller Identitäten in der neuen Gesellschaft zu finden.

Für Migranten stellt ihr Archiv, mehr als für andere Menschen, so etwas wie eine Landkarte dar. Es dient als Wegweiser durch die Ungewissheiten einer Identitätsbildung unter widrigen Umständen. Das Archiv dient der Erkundung, welche Erinnerungen zählen, nicht aber der Unterbringung solcher, deren Relevanz vorab feststeht. Dieses lebende, aspirationsfördernde Archiv könnte tatsächlich befähigen, den Aufgaben von Narratibilität – von Erzählbarkeit einer Lebensgeschichte – und Identitätsbildung in der heutigen Zeit gerecht zu werden.

Narrative ohne Identitäten

Das Bürgerrecht moderner Nationalstaaten wie etwa Deutschlands basiert auf der festen Verknüpfung von Plot und Persönlichkeit (oder einer Lebensgeschichte und ihrem “Helden” oder von Narrativ und Identität). Von seinen rechtlichen und administrativen Ursprüngen her erstrebt der moderne Nationalstaat, eine territoriale Basis bereitzustellen, auf der sich Plot und Persönlichkeit in der Beglaubigung legitimer Bürgerschaft verknüpfen.
Das stärkste Beispiel dieser Konvergenz bietet die Begründung des Bürgerschaftsanspruchs. Sie verweist auf die Abstammung von Eltern, die ihrerseits die Bürgerrechte des betreffenden Staates genießen, und steht für dreifache Stabilität – territorial, personell und im Hinblick aufs “Blut”.

Rechtliche Einbürgerungsverfahren mittels Heirat, Berufstätigkeit oder Investment erzeugen diese Stabilität und die Konvergenz zwischen Plot und Persönlichkeit, indem sie den Status eines Immigranten durch “Naturalisierung” seiner Bindung an das Staatsgebiet verändern – vom Flüchtling oder illegal im Lande Lebenden zum Voll- oder doch Quasibürger. Flüchtlinge, Asylsuchende und fast alle anderen Migranten ohne Personaldokumente haben das Problem, dass ihre – noch so schmerzlichen und dramatischen – Geschichten zwar Personennamen enthalten, nicht aber die Persönlichkeit, die Identität, die den narrativen Erfordernissen rechtmäßiger Einwanderung genügt. Das liegt nicht einfach daran, dass sie plötzlich, auf traumatische Weise und gewaltsam in ihrer neuen nationalen Umgebung – oder in einem Durchgangsland auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Wunschzielort – auftauchen. Es liegt vielmehr daran, dass sie in den Augen ihrer neuen Gastgeber echte “Nobodies” – “Niemande” – sind, weil sie nicht über die Identität verfügen, die zu ihren neuen Lebensumständen passt.

Hier besteht die größte Schwierigkeit darin, dass der moderne Nationalstaat Narrativen keinen Raum bietet, die nicht in der Vergangenheit gründen – Blut, Abstammung, Elternschaft, Sprache usw. – oder der Gegenwart – Arbeit, Heirat, Ausbildung etc. –, sondern in der Zukunft: im Streben nach einer besseren Heimstatt, einem sichereren Leben, einem klareren Horizont. Für Flüchtlinge gibt es keine entsprechenden Narrative, jedenfalls nicht wie für Menschen, die sich als Arbeitssuchende oder aufgrund beruflicher Qualifikationen um die Aufnahme bewerben. Flüchtlinge sind heute zuerst einmal Bittsteller, die um eine Anwartschaft auf den Bürgerstatus in Ländern wie Deutschland nachsuchen. Ihre Geschichten handeln von Leid, Unterdrückung und Gewalt in ihren Herkunftsländern oder den Lagern, aus denen sie sich schließlich aufmachten, um die wechselvolle Reise zu den eigentlich erstrebten Zielen anzutreten. Doch solche Geschichten von Erniedrigung und Bittstellerei lassen sich nicht ohne weiteres in Bewerbungs- und Aufstiegsnarrative umformen.

Hier haben wir die narrative Herausforderung, die Migranten im heutigen Europa ebenso zu bewältigen haben wie ihre Gastgeber und die über die polizeilichen, administrativen und rechtlichen Probleme durchaus hinausreicht: Wie konzipieren wir in einem Kontext, in dem die meisten gesetzlichen Regelungen der Staatszugehörigkeit sich an der Vergangenheit (Geburt, Elternschaft und Blut) orientieren, Lebensgeschichten, die auf einer imaginierten künftigen Zugehörigkeit basieren? Wie kann der Zugehörigkeitswunsch (longing) sich in tatsächliche Zugehörigkeit (belonging) verwandeln? Wie kann aus Gastfreundschaft gegenüber Fremden die legitimatorische Basis eines Bürgerschaftsnarrativs werden?

Wenn wir gründliche und nachhaltige Antworten auf diese Fragen finden wollen, kommen zwei Herangehensweisen in Betracht. Die erste besteht darin, zur Konsolidierung und Vertiefung migrantischer Archive beizutragen. Dazu müssen wir sie nicht nur als Erinnerungsdepots, sondern auch als kartographierte Aspirationen behandeln. Dies könnte uns befähigen, das Gemeinsame in ihren und unseren Aspirationen zu erkennen und auf diese Weise einen großzügigeren kulturellen Zugang zu den rechtlichen und administrativen Lösungen zu finden, um die gegenwärtig gestritten wird. Die andere Herangehensweise wäre, Mittel und Wege zu finden, wie sich der Bürgerschaftsstatus auf der Grundlage migrantischer Narrative und Identitäten sichern lässt. Sie würde allerdings erfordern, das Konzept der Souveränität als solches in der heutigen Welt von Grund auf zu überdenken. Eine derart einschüchternde Aufgabe lässt sich hier und heute nicht bewältigen. Ich hoffe aber, die Verhältnisse kenntlich gemacht zu machen, die unweigerlich dazu zwingen werden, sich ihr zu stellen.

  1. Vgl. Arjun Appadurai, Modernity at Large: Cultural Dimensions in Globalization, Minneapolis 1996.
  2. Diesen Terminus habe ich in meinem Buch "Modernity at Large" in der Absicht eingeführt, die Erkenntnisse von Habermas, Anderson und anderen über nationale Öffentlichkeiten auf die Diaspora-Öffentlichkeit auszuweiten.

Published 19 February 2016

Original in English
Translation by Blätter für deutsche und internationale Politik
First published in Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2016 (German version); Eurozine (English version)

Contributed by Blätter für deutsche und internationale Politik
© Arjun Appadurai / Blätter für deutsche und internationale Politik / Eurozine

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